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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 26
Quellenangabe
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
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Hamadi verdient sich eine Kuh

Felszeichnung

Ein alter Mann nahm eine Kuh mit, ging auf die Wanderschaft und sagte: »Ich möchte doch wissen, wer schlauer ist als ich; dem will ich diese Kuh schenken.« Er kam bald an ein Dorf und sagte: »Gebt mir Wasser für meine Pfeife (zum Rauchen) und Feuer zum Trinken.« Die Leute verstanden ihn nicht und sagten: »Das sind eigenartige Worte. Wo kommst du her?« Der alte Mann sagte: »Ich bin gestern mit einer Sonne (statt Kriegsschar) zusammengekommen um die Zeit, als der Kriegszug (statt Sonne) auf der Mittaghöhe stand.« Darauf sagten die Leute: »Geh weiter, es wird niemand mit deiner Art zu tun haben wollen. Wir verstehen dich nicht.«

Der Alte ging weiter. Er kam in manches Dorf und sagte überall: »Djennigo, dinnigo henni de!« (Bammanaworte, heißt: Knaben, Mädchen, guten Tag!). Einmal kam er an einen Banianenbaum vor dem Dorf, da spielten die Jungen Mpere (mit Eisenpflöcken). Unter den Jungen war Hamadi Uoloni, der so schlau war wie ein Rebhuhn. Zu dem kam der Alte und sagte: »Geh, hole mir Wasser zum Rauchen.« Der Bursche sagte: »Gern; du aber trag mir den Mpere-Spielplatz aus der Sonne in den Schatten.«

Der Junge ging. Es währte lange, bis er wiederkehrte. Als er mit dem Wasser kam, sagte der Alte: »Du hast lange gebraucht.« Der Bursche sagte: »Ja, das Wasser meiner Mutter, der Topf meiner Mutter hatten die Regel. Da mußte ich warten, bis das vorüber war.« Der Alte sagte: »Hole mir Feuer zum Trinken.« Der Junge ging. Er blieb lange fort. Als er wiederkam, schalt der Alte. Der Junge sagte: »Was willst du, ich mußte das alte Feuer vom neuen trennen.« Der Alte fragte: »Ist deine Mutter daheim?« Der Bursche sagte: »Nein, meine Mutter ist nicht da, sie vertritt Gott.« Der Alte fragte: »Wo ist deine ältere Schwester?« Der Junge sagte: »Meine ältere Schwester schlägt sich gerade mit zwei Männern.« Der Alte sagte: »Wo ist dein älterer Bruder?« Der Junge sagte: »Mein älterer Bruder verrichtet einmal eine ordentliche Arbeit. – Aber mein guter Alter, du fragst und forderst viel und doch hast du meinen Mpere-Spielplatz nicht aus der Sonne in den Schatten gerückt.« Da gab der Alte dem Jungen die junge Kuh, die noch nie geworfen hatte, und sagte: »Nimm sie; du bist klüger als ich. Ich habe von dem, was du sagtest, nur Worte verstanden, sonst nichts. Nun erkläre mir die Worte.«

Der Junge sagte: »Allerdings bist du nicht so klug wie ich, deshalb nehme ich die Kuh gern an. Du brauchtest z. B. nicht den ganzen Mpere-Platz aus der Sonne in den Schatten zu tragen, sondern es hätte genügt, ein neues Loch im Schatten für unser Mpere-Spiel zu graben. – Ich sagte, das Wasser und der Topf meiner Mutter hätten die Regel; d. h. die Sklaven hatten gerade Wasser geschöpft und das Wasser war noch undurchsichtig. Ich mußte warten, bis der Schmutz sich setzte. Ich sagte, ich hätte das alte Feuer vom neuen trennen müssen; d. h. als ich dahin kam, war das Feuer fast ausgegangen. Ich mußte es anblasen. Da flog die glühende Asche, das alte Feuer, davon und das neue hineingelegte Holz entzündete sich. – Ich sagte, meine Mutter verträte Gott. Meine Mutter ist die älteste Frau im Dorf. Man hatte sie zu einer Entbindung gerufen. Gelingt die Entbindung, so sagt man: Gott hat für einen guten Ausgang der Sache gesorgt. Mißlingt die Geburt, so sagt man, Gott habe es nicht anders gewollt. Wenn meine Mutter nun dafür sorgt, daß ein schwieriger Fall doch noch gut abläuft, so vertritt sie Gott. – Ich sagte, meine Schwester schlägt sich mit zwei Männern. Das kommt so: zwei große Chefs wollen meine Schwester zur Frau haben. Nun kämpfen sie miteinander. – Mein älterer Bruder verrichtet ein Werk, das gut ist; d. h. er sucht die beiden Männer miteinander zu versöhnen, und das ist ein gutes Werk. Du siehst, mein armer Alter, ich habe nicht gerade Dummheiten gesagt.«

Der Alte sagte: »Nein, du hast die Kuh in Wirklichkeit verdient.«

Hamadi Uoloni nahm die junge Kuh, die noch nie geboren hatte, und brachte sie zu seinem Onkel, der hatte nur einen einzigen Stier, aber keine Kuh. Er sagte zum Onkel: »Bewahre mir meine Kuh auf!« Der Onkel sagte: »Sehr gern.« Der Junge sagte nichts zu seinen Eltern; er sprach in zehn Jahren nicht davon. Dann sagte er eines Tages zu seinem Vater: »Wir wollen eine Hürde bauen.« Der Vater sagte: »Wozu das? Wir haben doch keine Herde. Wir haben weder Kuh noch Stier!« Der Junge sagte: »Bauen wir nur die Hürde. Nachher gehen wir dann zu meinem Onkel.«

Inzwischen hatten sich die Kühe stark vermehrt. Es war eine Herde daraus geworden. Hamadi Uoloni ging mit seinem Vater zu seinem Onkel und sagte: »Mein Onkel, nun gib mir die Herde, die aus meiner Kuh geworden ist.« Der Onkel sagte: »Aber Junge, die Herde ist doch nicht von deiner Kuh, sondern von meinem Stier geboren worden. Sie gehört also mir!« Hamadi sagte: »Gut, wie du meinst. Dein Urteil soll das selbst entscheiden. Jetzt brauchen wir nicht weiter darüber zu reden.«

Der Junge machte sich mit seinem Vater auf den Heimweg. Sie kamen an einen Sumpf. Der Vater sagte: »Ich will dich hinübertragen.« Er nahm den Jungen auf die Schulter und trug ihn über das Wasser hin.

Plötzlich sagte der Junge: »Laß mich absteigen, mein Vater, mein Fuß tritt auf einen Fisch.« Der Vater setzte ihn ab und sagte: »Du dummer Junge! Erst machst du die Dummheit mit der Hürde und jetzt behauptest du, auf einen Fisch zu treten, wo ich im Wasser gehe und dich über das Wasser hintrage!« Der Bursche sagte: »Komm mir nach, wir wollen schnell das Urteil des Onkels einholen!«

Der Bursche ging voraus, der Vater folgte in einiger Entfernung. Der Bursche sagte: »Onkel, gib mir schnell eine Kalebasse mit Wasser!« Der Onkel fragte: »Wozu brauchst du das?« Der Bursche sagte: »Mein Vater hat unterwegs eine Tochter zur Welt gebracht.« Der Onkel sagte: »Das ist ja Unsinn. Meine Schwester hat vielleicht noch ein Kind geboren. Aber dein Vater – das ist Unsinn. Männer können nicht Kinder gebären.« Hamadi Uoloni fragte darauf den Onkel: »Also können Männer keine Kinder bekommen?« Der Onkel sagte: »Nein, nur Frauen bekommen Kinder.« Der Junge sagte: »Gut, jetzt hast du selbst geurteilt. Wenn mein Vater nicht Kinder gebären kann, so kann das dein Stier auch nicht. Dann ist die Herde von meiner Kuh geboren. Also gib mir meine Herde.« Darauf mußte der Onkel die Herde geben.

Hamadi trieb mit seinem Vater die Herde heim. Der Junge sagte: »Wir wollen die Herde teilen; eine Hälfte soll dir gehören, die andere mir. Zeichne deine Tiere.« Der Vater sagte: »Es ist recht.« Er nahm grüne Zweige und wand sie um die Hörner seiner Viehstücke. Darauf nahm der Bursche welke Zweige und wand sie um die Hörner seines Rindviehs. Als sie abends heimkamen, waren die Zweige an den Hörnern des väterlichen Viehes vertrocknet. Alle Tiere trugen vertrocknetes Laub. Der Junge fragte: »Wo ist dein Vieh?« Der Vater sagte: »Ich kann es selbst nicht herausfinden. Jetzt gehört wieder alles dir.« Der Bursche sagte: »Siehst du, du mußt nicht wieder zu mir sagen, daß ich ein dummer Junge bin, denn ich bin Uoloni (d. h. klug wie ein Rebhuhn).« Der Vater sagte: »Das ist wahr.« Darauf gab der Junge wieder seinem Vater die Hälfte der Herde.

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