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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 24
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
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Die drei Töchter

Felszeichnung

Eine Frau hatte drei Töchter. Die erste hieß Jamma wai (neunmal denkend), die zweite hieß Jamma jopoī (siebenmal denkend), die dritte hieß Jamma je (einmal denkend). Alle drei Schwestern wuchsen heran.

Eines Tages kam die Schwester des Vaters der drei Mädchen zu der Mutter der drei Mädchen und sagte zu ihr: »Höre, ich habe selbst nur ein Kind; du hast deren drei. Leih mir eines deiner Kinder, daß ich es mit dem meinen zusammen erziehe.« Die Mutter sagte: »Gut, ich will das tun. Ich will dir Jamma wai leihen, wenn sie selbst damit einverstanden ist.« Die Mutter rief Jamma wai und fragte sie in Gegenwart der Tante: »Willst du deine Vaterschwester begleiten. Deine Vaterschwester möchte dich mit ihrem Kind zusammen erziehen.« Jamma wai sah die Tante an und sagte: »Ja, ich will mit ihr gehen!« Mutter und Tante sagten: »Es ist gut.«

Nachher, als die Tante anderwärts war, nahm die Mutter Jamma wai beiseite und sagte zu ihr: »Du hast heute den Vorschlag der Vaterschwester angenommen und dich bereit erklärt, die Tante in ihr Dorf zu begleiten. Du weißt, daß man von ihr sehr Schlechtes erzählt. Sage mir nun, was wirst du tun, wenn die Tante dir etwas anhaben will?« Jamma wai sagte: »Wenn sie mich verfolgt, verwandle ich mich erst in einen Stein. Will sie einen Fuß auf mich setzen, so verwandle ich mich in einen stacheligen Zweig. Will sie den abhacken, so verwandle ich mich in langes Gras. Will sie das mit der Sichel abschlagen, so verwandle ich mich in einen Dongodo-Baum (Nerebaum der Mande).« Die Mutter sagte: »Es ist gut, sprich nicht weiter. Man kann nicht wissen, was die Tante hört. Behalte das übrige für dich.«

Jamma wai reiste mit der Tante ab in deren Dorf und Gehöft. Dort schlief Jamma wai mit dem Kind der Tante zusammen in einem Bett. Nun war die Tante wirklich eine Schoīja (ein Vampirmensch). Jede Nacht versuchte die Tante Jamma wai zu erwischen, um sie zu töten, aber da beide Mädchen in einem Bett lagen, war es ihr unmöglich, sie in der Dunkelheit zu unterscheiden.

Um nun aber doch ein Unterscheidungsmerkmal zu gewinnen, kaufte sie eines Morgens Salz und rieb die Decke Jamma wais heimlich damit ein. Sie sagte sich, wenn sie nun nachts daran lecke, so werde sie beide Kinder leicht voneinander unterscheiden können.

Als Jamma wai sich abends mit ihrem Baumwollüberwurf zudecken wollte, fühlte sie ihn an und sagte: »Das ist ein Gefühl, das ich sonst nicht hatte.« Sie leckte daran und sagte: »Meine Baumwolldecke ist in das Salz der Tante gefallen. Da ist es besser, daß das Kind der Tante die Decke über sich nehme.« Und sie vertauschte unauffällig die Baumwolltücher, so daß in der Nacht das Kind der Tante, in den gesalzenen Stoff eingehüllt, im Bett lag, während sie mit dem Tuch des andern Mädchens zugedeckt war.

Des Nachts nun machte sich die Tante als Schoīja auf, ihr Opfer zu ergreifen. Sie trat an das Bett der Mädchen. Sie leckte erst an dem Laken, das über Jamma wai gedeckt war, und sagte: »Dieser Stoff ist nicht salzig; das ist nicht die richtige.« Dann leckte sie an dem Stoff, in den ihr eigenes Kind gehüllt war, und sagte: »Diese Decke ist salzig; das ist die richtige.« Sie tötete darauf ihr eigenes Kind; sie zerlegte es; sie kochte es. Dann aß sie. Sie aß fast ihr ganzes Kind auf und ließ nur den Kopf, die Beine mit den Füßen und die Arme mit den Händen übrig. Diesen Rest tat sie in eine Kalebasse und stellte die Kalebasse auf einen Sims. Am anderen Morgen machte sich die Tante auf den Weg, um draußen Korn zu schneiden. Sie ging am Bett der Mädchen vorbei und rief dem darinliegenden Mädchen zu: »Ich gehe auf das Feld, Korn zu schneiden. Wenn du aufstehst und Hunger hast, greif auf den Sims dort. Da ist in der Kalebasse Kopf, Arme und Beine als Speise für dich.« Dann ging sie auf das Feld.

Nach einiger Zeit erhob sich Jamma wai, folgte der Tante aufs Feld nach und rief ihr aus der Entfernung zu: »Schwester meines Vaters, ich will dir nur sagen, daß ich solche Sachen, wie du sie mir heute morgen angeboten hast, nicht esse. Übrigens hast du dein eigenes Kind getötet. Endlich sollst du wissen, daß ich ein Mensch bin, der neunmal denkt, daß es dir also nicht so leicht werden wird, mich zu fangen.« Als die Tante das hörte, wollte sie sich auf Jamma wai stürzen und sie töten.

Jamma wai aber verwandelte sich in einen Stein. Die Tante, die das Gespräch zwischen Jamma wai und ihrer Mutter gehört hatte, lief darauf zu, um den Fuß auf den Stein zu setzen. Jamma wai aber verwandelte sich sogleich in einen Stachelzweig. Die Tante wollte ihn zerhacken, Jamma wai aber verwandelte sich in ein Grasbündel. Das wollte die Tante abreißen. Jamma wai verwandelte sich aber in einen großen Dongodo-Baum. Die Tante begann den umzuschlagen.

Nun verwandelte sich Jamma wai in eine Nadel. Die Tante suchte. Bis zur Verwandlung in den Dongodo-Baum hatte Jamma wai mit ihrer Mutter gesprochen, und das hatte die Tante mit angehört, aber die nächste Verwandlung kannte die Tante nicht. Sie suchte überall, während Jamma wai als Nadel dalag. Endlich kehrte die Tante unverrichteter Sache heim. Sie hatte Jamma wai nicht finden können. Jamma wai aber kehrte unbeschädigt heim.

Deshalb muß man, wenn man irgendjemand etwas sagen will, immer nur die Hälfte sagen.

 

Viele Männer bewarben sich um Jamma jopoī. Aber Jamma jopoī – wollte keinen von ihnen zum Mann haben. Sie sagte stets: »Ich heirate keinen, den mir die Überlegungen meiner sieben Gedanken nicht besonders empfehlen. Ich folge nur meinen sieben Gedanken.« Es kam ein Mann mit einem schönen Pferd, sich um Jamma jopoī zu bewerben. Sie schlug ihn ab. Es kam ein Mann mit Kühen, sich um Jamma jopoī zu bewerben. Sie schlug ihn ab. Es kam ein Mann mit Sklaven, sich um Jamma jopoī zu bewerben. Sie schlug ihn ab. Sie nahm von allen denen, die ihr viel boten, keinen.

Das hörte ein Mann, der nur einseitig war, d. h. nur auf einer Seite ein sehendes Auge, einen brauchbaren Arm, ein brauchbares Bein hatte. Als der vernahm, daß Jamma jopoī alle ordentlichen Leute zurückwies, sagte er (zu sich): »Ich werde es versuchen.« Der Mann ging in den Busch, da wo der Kansobere (ein Vogel mit dunkelblauen Federn, mit langem Schwanz und grünen Augen) wohnte. Er sagte zum Kansobere: »Leih mir dein Kleid.« Im selben Busch wohnte Sansanga (ein bunter kleiner Vogel). Er sagte zu Sansanga: »Leih mir deinen Kopfputz!« Kansobere gab sein Kleid. Sansanga gab seinen Kopfputz. Der Mann kleidete sich dahinein. Nun konnte man nicht mehr sehen, daß er nur einseitig war. Er machte sich auf den Weg nach dem Dorf, in dem die Frau mit den drei Töchtern wohnte. Als der Mann mit dem Kopfputz des Sansanga und im Kleide des Kansobere erschien, sagte Jamma jopoī sogleich: »Diesen Mann will ich heiraten.« Sie ging auf den Mann zu und sagte: »Dich will ich zum Mann haben.« Der Mann sagte: »Es ist gut, komm mit!« Sie wollten sich beide auf den Weg machen. Jamma wai nahm aber ihre jüngere Schwester Jamma jopoī beiseite und sagte zu ihr: »Geh nicht allein. Wenn du dem unbekannten Mann folgen willst, nimm ja einen kleinen Jungen mit dir. Zwei Menschen können immer weit mehr als einer allein.« Jamma jopoī sagte: »Ich habe meine sieben Überlegungen.« Jamma wai sagte: »Mit allen sieben Überlegungen bleibst du doch nur allein. Nimm noch einen Jungen mit.« Jamma jopoī war einverstanden. Sie nahm einen kleinen Jungen mit.

Der Mann trat nun mit Jamma jopoī und dem kleinen Jungen den Heimweg an. Die drei gingen sehr, sehr weit. Sie kamen an den Busch, in dem der Mann bei Sansanga den Kopfputz und bei Kansobere das Kleid geliehen hatte. Er sagte zu seiner Frau: »Warte mit deinem Jungen hier einen Augenblick, ich will nur einmal in den Busch treten.« Er ging in den Busch und gab das Kleid und den Kopfputz zurück Dann kam er wieder auf die Straße. Nun sah man, daß er nur ein Auge, einen brauchbaren Arm, ein brauchbares Bein hatte. Er kam an den Weg zurück und sagte: »Nun kommt weiter mit.« Jamma jopoī sagte: »Ich gehe nicht mir dir. Ich warte auf meinen Mann, der hier in den Busch getreten ist.« Der einseitige Mensch sagte: »Ich bin dein Mann.« Jamma jopoī sagte: »Das ist nicht wahr. Ich folge dir nicht.« Der Mann sagte: »Es ist doch wahr, und wenn du mir nicht mit deinem Jungen folgst, töte ich dich.« Jamma jopoī sagte: »Wohin bringst du mich?« Der Mann sagte: »Das wirst du sehen. Wenn du nicht sogleich mitgehst, töte ich dich.«

Jamma jopoī folgte dem hinkenden Mann mit ihrem Jungen. Er brachte sie in sein Haus; das war tief in einer Höhle gelegen. Der hinkende Mann schloß Jamma jopoī in dieses Höhlenhaus ein. Nun quälte er alle Tage Jamma jopoī, weil er sie essen wollte. Er war auch ein Schoīja (Vampir) aber doch mehr Menschenfresser, denn er hatte die Angewohnheit, auch bei Tage Menschen zu essen. Jamma jopoī wußte nicht, was sie machen sollte. Jamma wai hatte aber vor der Abreise ihrer Schwester dem kleinen Jungen den Rat gegeben: »Wenn es meiner Schwester Jamma jopoī einmal sehr schlecht gehen sollte, soll sie sich tot stellen. Sie soll sich in einen Sarg legen lassen. Du mußt dann aber sagen, daß alle Leute unserer Art auch in unserem Land begraben werden müssen, weil sonst ein großes Unglück in dem fremden Land eintritt, in dem Leute unserer Art begraben werden. Darum muß man die Leichen auf jeden Fall zu uns zurücktragen.«

Als es nun Jamma jopoī so schlecht ging, dachte der Junge daran, welchen Rat ihm Jamma wai gegeben hatte, und er sagte zu Jamma jopoī heimlich: »Stell dich tot; ich werde dafür sorgen, daß der Mann dich dann sogleich heimschafft.« Jamma jopoī sagte: »Es ist gut.« Dann legte sie sich in dem Höhlenhaus hin und blieb liegen, als ob sie tot sei. Der Junge lief zu dem einseitigen Mann und sagte: »Jamma jopoī ist soeben gestorben.« Der einseitige Mann ging sogleich in das Höhlenhaus. Er sah Jamma jopoī an. Er nahm ihren Arm hoch und ließ ihn fallen. Er sagte: »Es ist wahr, sie ist gestorben. Ich will sie sogleich begraben.« Der Junge sagte: »Man darf die Leute unseres Landes nicht an einem fremden Ort begraben. Tut man das, so widerfährt dem Ort großes Unglück, Wassernot, Krankheit, Kindersterben oder so. Du mußt schon wohl oder übel eine große Kiste machen. Du mußt Jamma jopoī hineinlegen. Du mußt einen Topf mit gekochten Bohnen hineinstellen. Du mußt die Kiste schließen und auf deinem Kopf bis vor unser Dorf tragen. Tust du das nicht so, so wird es euch hier sehr schlecht ergehen.«

Der einseitige Mann bekam Angst vor der toten Jamma jopoī. Er tat so, wie der Junge es ihm gesagt hatte. Er machte schnell eine große Kiste, legte Jamma jopoī hinein, stellte einen Topf mit Bohnen daneben und trug die Kiste mit der Frau und dem Bohnentopf auf dem Weg zurück, auf dem er gekommen war. Mittlerweile aß Jamma jopoī in ihrer Kiste von den Bohnen. Als sie in der Nähe des Heimatdorfes Jamma jopoīs und ihrer Mutter angekommen waren, sagte der Junge zu dem Mann: »Nun kannst du die Kiste hinstellen. Geh heim. Ich hole Leute aus dem Dorf, die das Weitere besorgen.«

Der Mann ging. Als er fort war, stieg Jamma jopoī aus der Kiste und ging mit dem Jungen nach Hause. Als sie daheim ankam, sagte Jamma wai: »Du siehst, daß ich recht gehabt habe, meine jüngere Schwester; zwei vermögen immer mehr als einer allein. Ohne den Jungen wäre es dir schwer geworden, so leicht davonzukommen!«

 

Die dritte Schwester Jamma je verheiratete sich ebenfalls. Der Mann schlug aber Jamma je alle Tage, so daß sie sehr unglücklich war. Eines Tages glaubte sie es nicht mehr ertragen zu können. Sie lief ihrem Mann heimlich fort und wieder zu ihren Schwestern. Sie sagte: »Mein Mann ist sehr schlecht. Er schlägt mich alle Tage. Ich halte es nicht mehr aus.« Die ältere Schwester Jamma wai sagte: »Meine kleine Schwester Jamma je; du bist sehr töricht. Man merkt dir sehr wohl an, daß du nur einen Gedanken hast. Wenn du so fortläufst, können wir dich nicht schützen vor deinem Mann. Wenn er fragt, ob du hier wärst, müssen wir sagen, daß du hier seist. Aber ich will dir einen Rat geben. Verwandle dich in eine Katze und komm wieder zu uns.« Jamma je sagte: »Es ist gut, meine ältere Schwester; so will ich es machen.« Sie ging wieder zu ihrem Mann zurück.

Der Mann schlug wieder die kleine Jamma je. Jamma je lief aus dem Haus und verwandelte sich draußen sogleich in eine Katze. Sie lief als Katze bis zu dem Haus ihrer Mutter und Schwestern zurück. Im Hause ihrer Schwestern versteckte sie sich. Nach einiger Zeit kam auch ihr Mann an und sagte: »Jamma je, meine Frau, ist mir fortgelaufen. Ist sie hier angekommen?« Jamma wai sagte: »Hier ist heute niemand anders angekommen als eine Katze (Njugua). Dort liegt die Katze. Ist das vielleicht deine Frau?« Der Mann sagte: »Nein, das ist meine Frau nicht, das ist eine Njugua!« Jamma wai sagte: »Etwas anderes als die Katze können wir dir nicht zurückgeben.« Der Mann ging wieder nach Hause.

Seitdem ist die Katze ein eigenartiges Wesen geblieben. Wenn man sie schlägt oder ihr nichts zu essen gibt, läuft sie weg. (Damit ist ihre Untreue gemeint.)

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