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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 13
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
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Der Held Gossi

Felszeichnung

Gossi gilt als der tapferste aller Fulbe, die je gelebt haben. Er ertrug jeden Schmerz. Wenn er sich einen Dorn in den Fuß trat, so schmerzte ihn das nicht. Wurde er angerufen, so hörte er das erstemal nie darauf; denn gleich sich umzuwenden, ist ein Zeichen wenn auch leichten Erschreckens. Auf alles, was hinter ihm vorging, achtete er nicht, und man mußte, wenn man seine Aufmerksamkeit erwecken wollte, an ihm vorübergehen und ihn von vorn anrufen.

Gossi erschrak, seitdem er erwachsen war, nur dreimal. Aber niemand als Gott und er haben wahrgenommen, daß er erschrak.

Eines Tages nach 6 Uhr nachmittags, als es schon fast dunkel war, riß draußen am Brunnen vor der Stadt die Leine, an der die Kalebasse zum Schöpfen angebunden war, und nun wußten sie nicht, wie sie für den Abend Wasser bekommen sollten. Niemand getraute sich in der Dunkelheit in den Brunnen zu steigen, denn alle Welt wußte, daß da unten im Brunnen eine gefährliche Korongo (eine Schlangenart) hauste. Alle Leute standen um den Brunnen. Es wußte niemand, was zu tun sei.

Gossi kam des Weges. Er sagte: »Was gibt es?« Die Leute sagten: »Wir haben kein Wasser im Dorf, die Leine ist gerissen, die Schöpfkalebasse heruntergefallen – man wird warten müssen, bis es Morgen und hell ist, denn jetzt ist es schwarze Nacht, und außerdem ist die Korongo da unten.« Gossi sagte: »Ach was, bindet mir die Leine um die Hüfte und laßt mich herab. Ich will die Kalebasse heraufholen.« Einige sagten: »Aber es ist ja dunkle Nacht!« Andere sagten: »Und da unten ist die Korongo!« Gossi sagte: »Ach was! Laßt mich jetzt hinunter.« So ließen sie denn Gossi hinunter in das tiefe Brunnenloch.

Unten hatte es sich die Korongo in der Kalebasse schon bequem gemacht. Gossi ergriff das Schnurende, zog und suchte sie herauszuschleudern. Es gelang aber nicht. Dreimal versuchte es Gossi und es gelang nicht. Inzwischen war aber das durstige Vieh zum Brunnen gedrängt und wartete auf den Trank. Einer der Bullen versuchte eine Kuh zu bespringen. In der Dunkelheit nahmen sie das Brunnenloch nicht wahr und so stürzten beide hinein. Sie zwängten sich oben nahe dem Eingang fest und verstopften das Loch vollkommen. Nunmehr saß Gossi ganz fest. An der Schnur war nicht zu ziehen, über sich hatte er den Bullen und die Kuh, unter sich das Wasser und die Schlange, und ringsum war es stockdunkle Nacht. Entsetzt schrien die Leute auf.

Die Leute sagten: »Wir müssen von der Seite her schräg nach unten ein Loch machen und Gossi so das Herauskommen ermöglichen.« Gossi hörte das und rief: »Macht euch nicht unnötige Arbeit; denn so würde ich nicht herauskommen. Laßt mich nur bis morgen früh hier unten. Dann bei Tageslicht könnt ihr Kuh und Bullen wegziehen. Jetzt komme ich nicht heraus.« Die Leute sagten: »Wenn Gossi es nicht anders will, können wir nichts tun.«

Am anderen Morgen kamen sie wieder und zogen erst den Ochsen und die Kuh heraus und riefen dann: »Gossi.« Aber Gossi hörte nie darauf, wenn er das erstemal angerufen wurde. Man rief nochmals: »Gossi, lebst du?« Gossi rief: »Ja, ich lebe. Die Schnur ist diese Nacht noch einmal gerissen, und ich bin in das Wasser gefallen.« Die Leute banden ein starkes Ende daran, ließen es hinunter und riefen: »Schlinge die Schnur jetzt um den Leib und laß dich heraufziehen!« Gossi antwortete: »Nein, ich lasse mich nicht hinaufziehen – ich will hier unten sterben. Denn ich bin in das Wasser gefallen und habe es damit für die Fulbe beschmutzt. Ich habe mich vor den Fulbefrauen lächerlich gemacht.«

Da kamen alle Frauen zum Brunnen, und sie sagten zu Gossi: »Gossi, komm doch heraus. Sieh, das Dorf hat nur einen Brunnen. Wenn du unten stirbst, können wir hier kein Wasser mehr schöpfen. Dann werden alle Leute und alles Vieh vor Durst sterben. Du aber bist der Tapferste von allen. Denn du warst der einzige, der es wagte, da hinabzusteigen und bist die ganze Nacht da unten bei der schrecklichen Schlange geblieben.« Darauf ließ Gossi sich herausziehen und sagte: »Meinetwegen sollen die Fulbe nicht vor Durst sterben!« Als er an die Oberfläche kam, warf er die Leiche der zwischen den Fingern totgedrückten Schlange über den Brunnenrand auf die Erde. Als die Kuh und der Bulle hinabstürzten, war Gossi das erstemal erschrocken. Aber außer ihm und Allah hatte es niemand gemerkt.

 

Es gab in dieser Gegend noch einen zweiten Gossi, der war mit dem großen Helden Gossi verwandt. Dieser zweite Gossi war außerordentlich eifersüchtig auf seine Frau und hatte sich deshalb vor den Toren der Stadt für sich und seine Frau einen Hof angelegt. Denn er wollte nicht, daß eine Fliege, die schon auf der Haut eines anderen Mannes gesessen hatte, sich auf der Hand seiner Frau niederlasse.

Dieser Gossi ritt viel zur Jagd und zwar des Nachts. Wenn er wegritt oder kam, konnte man ein Glöcklein vernehmen, das hatte er um den Hals seines Pferdes gebunden.

Die Leute scherzten mit dem großen Helden Gossi und sagten: »Du bist zwar ein sehr großer Held, du wagst es aber doch wohl nicht, in die Niederlassung deines eifersüchtigen Vetters zu gehen und dessen Frau aufzusuchen, wenn ihr Mann nicht daheim ist.« Gossi sagte: »So? Meint ihr das?« Eines Tages nahm er sein zweiläufiges Gewehr, bestieg sein Pferd und ritt in die Niederlassung des eifersüchtigen Vetters. Der andere war nicht daheim. Da band er sein Pferd draußen an, zog alle Kleider aus und hing sie rund herum auf, so daß jeder sie sehen mußte. Dann ging er hinein zu der Frau. Er blieb bei der Frau. Er legte seinen Kopf auf ihr Knie und schlief ein. Nach einiger Zeit hörte die Frau das Glöcklein. Sie stieß Gossi an und sagte: »Hör doch!« Gossi wachte auf und fragte: »Was gibt es denn?« Sie sagte: »Hör die Glocke; sie ist am Pferd meines Mannes. Er kommt. Wenn er dich hier trifft, wird er dich töten.« Gossi sagte: »Was, einer solchen Kleinigkeit wegen weckst du mich?« Er drehte sich um und schlief wieder ein.

Gossi, der andere, kam inzwischen auf den Hof geritten. Er band sein Pferd an. Er sah, daß noch ein anderes Pferd da war. Er ging auf das Haus seiner Frau zu. Da hingen alle Kleider seines Vetters. Darauf geriet er in große Wut und lud sein zweiläufiges Gewehr. Er ging in das Haus. Er legte auf Gossi, den Helden, an und schoß. Er hatte aber in seiner Wut zuviel Pulver hineingetan, so daß der erste Lauf beim Abschießen platzte. Darauf legte er das Gewehr nochmals an und schoß. Es platzte aber auch der andere Lauf beim Abschießen, denn in der Wut hatte er wieder zuviel Pulver in den Lauf gestopft. Gossi, der Held, sagte: »Dein Gewehr ist schlecht, wie das aller Jäger, denn die Jäger lassen ihre Gewehre zu oft im Wasser und Regen naß werden. Nimm mein Gewehr, es ist gut und außerdem scharf geladen. Es steht dort hinter dem Lager.« Gossi, der andere, ergriff das Gewehr, aber er zitterte vor Wut und Aufregung derart, daß er nicht abzudrücken vermochte. Nach einigen Stunden sagte Gossi, der Held: »Höre, wenn du nicht schießt, hat es auch keinen Zweck, daß ich hier bleibe.« Er nahm Abschied von der Frau des anderen Gossi, ging hinaus, zog sich an und ritt fort. Als der Held nach Hause kam, nahm er wahr, daß er eine Schnur mit einem Schnuramulett am Hauseingang des anderen Gossi hatte liegen lassen. Er sagte: »Sende ich einen anderen, es zu holen, so wird man sagen, ich hätte Furcht. Laß ich es liegen, so wird man sagen, ich hätte Furcht – reite ich schnell vorbei und nehme es im Vorüberreiten mit mir, so wird man sagen, ich habe Furcht.« Er sattelte sein Pferd, ritt langsam zurück, stieg am Hause des anderen Gossi ab, unterhielt sich mit diesem eine Weile und sagte dann: »Ich ließ heute morgen eine Sache hier liegen.« Er ging zu der Stelle, nahm das Schmuckstück, hängte es um, sah, ob es gut hing, nahm von seinem Vetter Abschied und ritt langsam nach Hause.

Dies war das zweitemal, daß Gossi erschrak. Aber außer Allah und ihm hat es niemand gemerkt.

 

Bakari, ein Fulbe, hörte von den Heldentaten Gossis. Er kam aus großer Ferne herbei und sagte zu Gossi: »Ich habe gehört, du sollst ein ganz außerordentlicher Held sein und große Unerschrockenheit besitzen. Würdest du mich wohl einmal mitnehmen, so daß ich mit dir etwas Außerordentliches erleben und deine Taten selbst mitansehen kann?« Gossi sagte: »Komm, wir können uns sogleich auf den Weg machen.« Sie bestiegen die Pferde und ritten von dannen.

Nach einer Weile kamen sie an einen Busch, in dem gingen sieben Jäger ihres Weges. Bakari sagte: »Wollen wir die nicht angreifen?« Gossi sagte: »Diese Leute sind zu gefährlich. Ich fürchte mich vor solchen Leuten.« Nach einer Weile kamen sie zu Ackerbauern, die bestellten einen Acker. Bakari sagte: »Wollen wir die nicht angreifen?« Gossi sagte: »Ich fürchte mich. Diese Leute sind so sehr gefährlich. Und außerdem, wenn wir hier den Kampf beginnen, haben wir vor uns die Ackersleute und im Rücken die Jäger.« Darauf sagte Bakari: »Ich sehe, daß du gar nicht ein tapferer Held bist, du fürchtest dich vor allem. Du bezahlst wohl sehr reichlich den Spielleuten, daß sie dir so gewogen sind und so große Sachen von dir singen?« Gossi sagte: »Siehst du, so und nicht anders ist es.«

Nach einiger Zeit kamen sie an eine Stadt; vor den Toren gingen einige Leute dem Busch zu, um sich zu entleeren. Bakari sagte (spöttisch): »Wollen wir nicht vielleicht diese Leute angreifen!« Gossi sagte zu Bakari: »Du bist ein solcher Feigling, daß ich mich fast schäme, mit dir ausgeritten zu sein. Hast du keine Scham und nicht Angst, daß die Fulbefrauen dich auslachen werden, wenn wir harmlose Jäger und Ackersleute überfallen? Pfui ich schäme mich deiner!« Bakari sagte: »Was hast du denn eigentlich vor?« Gossi sagte: »Vor uns liegt die Stadt eines Königs. Der hat da drinnen zwei wertvolle Pferde. Nimm du eines, wie ich eines nehmen werde. Damit reiten wir nach Hause zurück. Das ist eine würdige Sache, denn jedes der beiden Pferde ist von zwölf bewaffneten Sofa (Dienern) bewacht.« Bakari sagte: »Du willst das am hellichten Tag ausführen? Da mache ich nicht mit!« Gossi sagte: »Dann laß es sein! Dann will ich allein hineinreiten und die Pferde herausholen.« Bakari sagte: »Nein, warte bis zur Nacht, dann machen wir es gemeinsam.« Gossi sagte: »Gut, wenn du es durchaus nicht anders willst.«

Also ritten sie am Abend in die Stadt hinein. Sie kamen unbehelligt an den Sofa vorüber; denn die Sofa hielten sie für ganz harmlose Reisende. Sie kamen an die Stelle, wo die beiden Pferde angebunden waren. Es war Mondschein. Im Mondschein gingen sie zu der Stelle hin und banden die Pferde los. Die Sofa hörten die Pferdetritte und schrien: »Die Pferde haben sich losgerissen, haltet sie! Die Pferde haben sich losgerissen!« Andere riefen: Haltet die Pferde! Fangt die Pferde!« Gossi rief: »Der Pferde wegen braucht ihr nicht solche Sorge zu haben; die sind nicht allein, sondern ich, der ich sie losgebunden habe, bin dabei!« Als die Sofa das hörten, liefen sie schnell hin und schlossen alle Tore, fingen Gossi und Bakari ein und übergaben sie dem Aufseher der Gefangenen. Die Leute sagten: »Morgen früh können wir diese beiden Menschen über dem Baschi (Heiligtum) des Königs töten.« Gossi und Bakari wurden in Eisen gelegt. Gossi sagte zu den Leuten: »Geht zum König und sagt ihm, daß ich gewohnt bin, abends meine Milch zu trinken.« Die Leute sagten: »Milch gibt es nicht für Pferderäuber.« Sie sagten es aber dem König. Der König sagte: »Es ist ein Fulbe, gebt ihm die Milch.« Man brachte Gossi die Milch. Er trank die Hälfte und reichte die andere Bakari. Bakari sagte: »Ich mag nicht. Milch kann ich jetzt gar nicht trinken.« Dann nahm der Sklavenaufseher die beiden in seine Obhut. Beide wurden in ein Eisen geschmiedet.

Als es Nacht war, rief Bakari: »Gossi!« Gossi antwortete aber niemals auf den ersten Anruf. Bakari rief nochmals: »Gossi!« Gossi sagte: »Weshalb störst du mich im Schlaf?« Bakari sagte: »Was, in der Nacht vor deinem Tode kannst du schlafen?« Gossi sagte: »Gewiß. Wie soll ich morgen etwas bestehen können, wenn ich heute nicht schlafe?« Bakari sagte: »Wenn es dir paßt, wollen wir doch jetzt entfliehen. Ich wiederhole: wenn es dir paßt, denn ich habe schon sehr wohl gesehen, daß du deinen Kopf für dich hast.« Gossi sagte: »Ärgere mich nicht! Wie sollen wir wohl fort, da wir doch angeschmiedet sind. Wenn du solchen Unsinn noch einmal sagst, rufe ich den Gefangenenaufseher.« Bakari sagte: »Nun, sei doch nur gut, – ich meine, wir könnten doch nur . . .« Gossi wollte rufen, aber Bakari hielt ihm den Mund zu.

Es begann ein heftiges Gewitter. Der Sturm jagte starke Staubwolken über die Stadt hin. Bakari sagte nach einer Weile zu Gossi: »Höre, Gossi, wir können so einfach fortkommen. Wir sind ja beide zusammengeschmiedet, aber wir können doch zusammen gehen, wenn wir die Füße vorsichtig setzen. Wir können hier hinüber und können dann über die Mauer. Willst du mich begleiten, daß wir es ansehen?« Gossi sagte: »Es ist gut. Wir wollen gehen.« Es war ganz dunkel. Es stürmte. Gossi und Bakari gingen Schritt für Schritt langsam zur Mauer.

Sie kamen an die Mauer. Bakari sagte: »Da brauchen wir nur hinunterzuspringen. Dann sind wir draußen.« Gossi sagte: »Nein, das mache ich nicht. Das Fußeisen können wir nicht zerbrechen. Wenn wir aber herunterspringen, werden wir die Füße brechen und ewig wird man dann an meinem Fuß die Narbe sehen, die vom Fußeisen kommt. Dann werden sich die Fulbefrauen über uns lustig machen. Nein, das will ich nicht. Eher sterbe ich morgen über dem Baschi des Königs.« Das Gewitter brauste über die Mauer hin. Der Donner rollte. Der Regen prasselte zur Erde. Blitze zuckten herunter. Da gab Bakari Gossi einen Stoß. Beide stürzten von der Mauer herab.

Unten war eine Löwin, die hatte lange Zeit nichts zum Fressen gehabt, so daß ihre Brust leer war. Sie stand unten mit ihren Jungen. Als Bakari und Gossi die Mauer herunterstürzten, fielen sie auf die Jungen und unter dem Aufschlagen der Fußeisen wurden beide Jungen getötet. Die Löwin aber stürzte sich auf Bakari und biß ihm die Kehle durch.

Die Blitze zuckten vom Himmel herab. Die Löwin hatte sich auf Bakari gestürzt und begann ihn zu fressen. Wenn die Blitze aufleuchteten, wandte sie sich gegen Gossi, der an Bakari angeschmiedet war und zeigte ihm die blutigen Zähne. Gossi schlug ihr dann ins Gesicht, so daß sie wieder und immer wieder ihre Zähne in den Leib Bakaris hieb und ihn zermalmte. Die Blitze zuckten nieder. Gossi schlug die Löwin. Die Löwin fraß Bakari. Gossi lag daneben. Endlich hatte die Löwin die Füße Bakaris durchgebissen. Gossi konnte mit dem Fußeisen aufstehen und gehen. Er gab der Löwin noch einen Schlag, dann machte er sich auf den Heimweg. Er konnte nicht schnell gehen, aber er konnte vorwärtskommen. So kam Gossi heim.

Das war das dritte Mal, daß Gossi erschrak. Aber außer Allah, der Löwin und ihm selbst hatte es niemand gemerkt. Nachher erschrak Gossi nie wieder.

 

Gossi lebte im Land Bakunu. Zu Gossis Zeit war Hamadi König der Fulbe von Bakunu. Hamadi hielt in zwei Punkten streng auf die alten Gebräuche des Landes. Die eine Fürsorge galt einem heiligen Stier. (Die Fulbe nennen solche heiligen Stiere Ngare togo scholi. Es ist ein junger Stier, der aber nie eine Kuh besteigen darf. Er wird als eine Art Schutzgeist angesehen. Wird er zu alt, so wird ein junger Stier, ein ganz junges Wesen, als Ersatz ausgewählt. Der neue »Heilige« wird mit dem Kopf gegen den alten gestoßen. Von nun an kann der alte Ngare togo scholi zur Viehzucht verwendet werden, und alle Fürsorge wird dem neuen Ngare togo scholi zuteil.) Diesen Stier durfte niemand schlagen oder stoßen, und es stand darauf die Todesstrafe. Zum zweiten aber war der König strengstens auf die Respektierung der Frauen seines Hofes bedacht. Nicht weniger als siebenhundert Soldaten bewachten ständig die Tore, die zu seinem Häuserviertel führten.

Zweimal in der Woche, am Montag und am Freitag, wurden die Frauen von den gesamten Soldaten zum Fluß hinabbegleitet. Wenn der Zug kam, mußte jedermann schnell beiseite laufen, und wer es dennoch wagte hinzuschauen oder stehenzubleiben, der war ebenfalls der Todesstrafe verfallen. Wer zufällig an dem Hof des Königs oder sonstwo eine Frau seines Hofstandes sah, der mußte sich abwenden und das Gesicht mit den Händen oder mit dem Mantel bedecken. – Vor allem eine seiner Frauen liebte der Herrscher über alle Maßen. Das war Njelle. Der konnte er keinen Wunsch abschlagen, und sie war Hüterin aller seiner wichtigsten Schätze.

Es war ein Fulbe, der hieß Bulloballi. Der hatte von Gossis Taten gehört und machte sich auf den Weg, um den Helden persönlich kennen zu lernen. Er legte den weiten Weg zurück, kam an, trat zu Gossi und sagte: »Ich suche das Schreckliche und Unerhörte.« Gossi sagte: »Da kann dir ja leicht geholfen werden. Warte nur einige Tage, dann will ich dir das Unerhörte so zeigen, daß du genug davon haben sollst.« Bulloballi sagte: »Ich werde warten.«

An einem Montag saßen alle gemeinsam auf dem Marktplatz. Einige Dialli spielten Gitarre und sangen das Baudi (Heldenlied). Gossi schnippste gegen die Gitarre und sagte: »Komm, Bulloballi, heute wollen wir auf den Sandbänken des Flusses das Paddi (ein Würfelspiel) spielen.« Gossi und Bulloballi gingen zum Fluß und begannen zu spielen. Nach einiger Zeit sah Gossi, daß der Zug der königlichen Frauen, geführt und beschützt von den siebenhundert Soldaten, daherkam. Er ließ sich nicht stören. Bulloballi wandte sich um. Er sah auch den Frauenzug. Da schlüpfte er sogleich in großer Furcht in eine Höhle, die im Ufersand war.

Gossi stand auf. Er erwies den königlichen Frauen die Ehre und warf sich auf die Knie, das Antlitz gegen den Boden gewendet. Als der Zug aber just neben ihm war, richtete er sich unerschrocken auf, blickte mitten in den Zug und rief: »Njelle.« Njelle antwortete sogleich: »Hier bin ich!« Gossi sagte: »Njelle, ich habe Durst, bringe mir doch eine kleine Schale mit Wasser.« Njelle ging an den Fluß, sie ging bis an die Knie in das Wasser und schöpfte für Gossi Wasser. Sie kam mit der Schale zurück. Sie kniete vor Gossi nieder und reichte dem Helden den Trank. Gossi trank.

Man hatte vordem schon für die Frauen Decken am Boden ausgebreitet. Gossi strich jetzt mit der flachen Hand von einer der Decken den daraufgewehten Sand fort und sagte: »Setz dich zu mir nieder, Njelle!« Alle siebenhundert Soldaten und Wächter, alle Frauen sahen starr und entsetzt auf dieses Unerhörte. Niemand wagte sich zu bewegen oder etwas zu sagen. Njelle aber ließ sich neben Gossi nieder, und so plauderten sie miteinander. Njelle sagte dann zu Gossi: »Es gibt keine rechten Männer mehr unter den Fulbe in Bakunu.« Gossi sagte: »Ach, es gibt schon noch echte Männer in Bakunu. Du kennst sie nur nicht. Wenn du einen echten Fulbehelden kennen lernen willst, so erwarte mich heute abend in deinem Haus; denn dann will ich trotz der siebenhundert Wachen und des heiligen Stieres bei dir schlafen.« Njelle sagte: »Ach, ich kann es gar nicht erwarten, daß es Abend wird. Ich wünschte, es wäre schon Nacht!«

Dann nahmen Njelle und Gossi voneinander Abschied, und die Frauen kehrten mit ihren Wächtern in die Gehöfte des Königs zurück. Bulloballi kam auch aus seinem Versteck hervor. Er sagte: »Komm schnell heim. Ich habe genug Unerhörtes erlebt.« Gossi sagte: »Nein, wir gehen nicht, wir wollen erst noch spielen.« Bulloballi sagte: »Wir wollen gehen!« Gossi sagte: »Dann geh allein.« Bulloballi blieb. Sie spielten Paddi.

Gossi sagte (spielgemäß): »Eine Frau hat gesagt, es gibt keine echten Männer mehr unter den Fulbe von Bakunu. Das gibt eine neue Sache. Wir wollen es zeigen.« Im Hintergrunde kam eine Löwin herbei. Gossi sah nie hinter sich. Er hörte nun wohl die Schritte und das Knurren des Tieres; aber da es hinter ihm herankam, achtete er nicht darauf. Bulloballi sagte erschreckt: »Eine Löwin!« Gossi sagte: »Da, spiel!« Bulloballi sprang auf und schlüpfte wieder in seine Höhle. Gossi blieb, wo er war.

Dann kamen zwei Jäger des Weges, das erschreckte die Löwin und sie sprang schnell in den Busch. Bulloballi sagte: »Ich gehe nach Hause!« Er kroch aus seiner Höhle. Als er an Gossi vorbeikam, sagte er: »Ich habe heute genug Unerhörtes gesehen.« Er lief fort.

Gossi sagte: »Es gibt wirklich wenig wahre Männer unter den Fulbe. Ich werde es aber zeigen, daß es doch welche gibt.« Er stand auf und ging auch in die Stadt.

Als es Abend wurde, nahm Gossi zwei Lanzen und ging damit zu dem Königsviertel. An dem einen Tor war Ngare togo scholi angebunden, der heilige Stier, den niemand bei Todesstrafe schlagen oder stoßen durfte. Er nahm die erste Lanze und stieß sie dem Stier in die Seite. Er nahm die zweite Lanze und stieß sie dem Stier in die Seite.

Der heilige Stier brach tot zusammen. Dann ging Gossi durch das Torhaus und in das Königsviertel. Er fragte eine Frau nach der Wohnung Njelles. Die Frau zeigte ihm die Richtung. Er fragte nochmals eine Frau nach dem Hause Njelles. Sie zeigte Gossi das Haus Njelles. Gossi ging hinein und schlief bei Njelle. Drei Tage war Gossi im Hause Njelles und schlief bei ihr. Alle Frauen und Männer wußten es. Keiner aber wagte es, dem König diese Nachricht zu hinterbringen, denn alle Leute fürchteten seinen Zorn. Am dritten Tage faßte sich die erste Frau Hamadis ein Herz, ging zum König und sagte: »Seit drei Tagen ist der Held Gossi im Königsviertel und im Hause deiner Frau Njelle und schläft bei ihr.« Als der König das hörte, rief er alle seine Vornehmen und Weisen zusammen zu einer Beratung auf dem großen Platz. Der König sagte: »Ich habe das Gesetz erlassen, daß jeder, der den Ngara togo scholi schlägt oder stößt, getötet werden soll. Ich habe das Gesetz erlassen, daß jeder, der auf meine Frauen sieht und sich nicht umwendet, wenn sie irgendwo daherkommen, getötet werden soll. Nun aber ist dieser Gossi gekommen und hat den Ngare togo scholi nicht geschlagen, nein, er hat ihn getötet. Er hat meine Frauen nicht nur angesehen, sondern er hat die liebste meiner Frauen beschlafen. Er ist drei Tage bei Njelle und kümmert sich nicht um meinen Zorn. Wenn man schon wegen Schlagen und Hinschauen tötet, was soll man dann beim Töten und Beschlafen tun? Wer kann mir da einen Rat geben?«

Einige Leute sagten: »Man kann ihn eben nur töten.« Andere sagten: »Man kann ihn in einem großen Topf kochen.« Es wurde vieles von der Art gesprochen. Es war auch ein Bruder Gossis da, der war älter als Gossi und sagte: »Tötet Gossi nicht, sondern weist ihn aus dem Lande.« Gossi hörte in dem Hause Njelles alles, was draußen auf dem Platz gesprochen wurde.

Als der ältere Bruder Gossis gesagt hatte: »Tötet Gossi nicht, sondern weist ihn aus dem Lande!« sagte Gossi zu Njelle: »Höre, es wird mir etwas eng und warm im Haus, ich will ein wenig auf den großen Platz gehen.« Njelle sagte: »Ich komme mit dir.« Darauf traten Gossi und Njelle Hand in Hand aus dem Hause auf den großen Platz, auf dem die Versammlung abgehalten wurde, die wegen Gossis Strafe beratschlagte. Gossi sagte zu Njelle: »Nun kehre zurück.« Njelle sagte: »Nein, ich begleite dich noch ein wenig, denn du bist ein wahrer Mann und der tapferste unter den Fulbe.« Sie gingen also Hand in Hand noch weiter auf die Versammlung und den König zu und dann sagte Gossi: »Guten Weg, Njelle!« Njelle sagte: »Guten Weg, Gossi.« Njelle kehrte in ihr Haus zurück.

Als die versammelten Männer Gossi mit Njelle Hand in Hand aus dem Haus und über den Platz kommen sahen, wandten die einen den Kopf weg, die anderen bedeckten die Augen mit den Händen, die dritten verhüllten das Antlitz, um so den Geboten des Königs zu gehorchen, welche verlangen, daß jeder fortsieht, wenn ein königliches Weib auftritt. So kam es, daß Gossi ganz ungehindert über den Platz auf den König zugehen und neben ihm Platz nehmen konnte. Den König packte aber angesichts solcher Unerschrockenheit große Angst und er rückte furchtsam ein wenig zur Seite.

Gossi setzte sich neben den König und sagte: »Mein älterer Bruder hat hier soeben gesagt: ›tötet Gossi nicht, sondern weist ihn aus dem Lande!‹ Wenn es nicht mein Bruder gewesen wäre, der diese schmähenden Worte gesagt hat, mein Bruder, der gleichen Vater und Mutter mit mir hat, so würde ich ihn auf der Stelle töten. Straft mich, wie ihr wollt. Ihr könnt mich töten. Aber aus der Gemeinschaft der Fulbe werdet ihr mich niemals ausweisen!« Gossi sagte das, stand auf und ging zurück in das Haus Njelles.

Als Gossi den Platz verlassen hatte und wieder in Njelles Haus zurückgekehrt war, kam ein eiliger Bote in die Versammlung gestürzt und teilte mit, daß ein starker Kriegshaufe in der Nachbarschaft der Hauptstadt aufgetaucht sei und da großen Schaden anrichte. Da sagte König Hamadi: »So wollen wir die Sache mit diesem Gossi zunächst sich selbst überlassen und zunächst einmal den Feinden entgegenziehen.« Einer aus der Umgebung sagte: »Wenn wir aber hier weggehen, wird dieser Gossi sehr bald entfliehen und sich so seiner Strafe entziehen.« Ein Einheimischer aber sagte: »Man sieht, daß du nicht aus dieser Stadt bist, sonst würdest du wissen, daß dieser hier ein Held ist, der niemals entfliehen wird.« – Somit brach das Heer auf und zog unter der Führung des Königs Hamadi gegen den Feind.

Gossi hörte alles das mit an. Als die anderen abgezogen waren, sagte er zu Njelle: »O Njelle! Ich höre, daß draußen Krieg ist und nun sitze ich hier tatenlos bei einer Frau! Ach Njelle, wenn ich doch nur ein Pferd hätte!« Njelle sagte: »Höre, es sind hier am Königshof zwei herrliche Pferde, eines hat sieben, das andere hat zehn Sklaven gekostet. Geh hin und wähle eines aus.« Gossi ging hin und wählte ein Pferd aus. Er kam zurück und sagte: »Ach, Njelle, wenn ich nun noch ein gutes Gewehr hätte!« Njelle hatte alle Schlüssel über alle Vorratshäuser. Sie zeigte ihm, wo der Speicher mit den Gewehren sei. Er ging hin und nahm aus dem Haufen von fünfzig eine Doppelbüchse heraus. Njelle zeigte ihm, wo der Speicher mit dem Pulver und den Kugeln sei. Sie sagte zu Gossi: »Nimm dir nur viel Pulver und Kugeln mit!« Gossi sagte: »Ich brauche nur für zwei Schüsse, um uns hier zu befreien.« Er lud und sagte: »Guten Weg, Njelle.« Njelle sagte: »Guten Weg, Gossi!« Inzwischen war es dem Heerhaufen des Königs Hamadi sehr schlecht ergangen. Die Feinde waren mit großer Macht herangekommen und hatten die Fulbe so gut wie zurückgedrängt. Nun waren zwei kühne Helden unter den Truppen des Feindes, die hatten es darauf abgesehen, den König Hamadi zu töten oder gefangen zu nehmen. Der eine hatte gerade die Büchse angelegt, um König Hamadi aus nächster Nähe totzuschießen, der andere hatte schon die Hand ausgestreckt, um den König Hamadi an der Brust zu packen. In diesem Augenblick kam Gossi angejagt. Er erschoß erst den, der sein Gewehr gegen König Hamadi gerichtet hatte, dann tötete er den anderen, der seine Hand nach dem König ausgestreckt hatte. Beide sanken tot zu Boden. Gossi packte die beiden Pferde an den Zügeln, reichte dem König die Zügel und sagte: »Bewahre mir diese beiden Pferde gut.« Der König band die Riemen der Pferde zusammen und hielt sie, und so wurde der König Hamadi der Sofa (Diener) des Helden Gossi. – Gossi aber stürzte sich in das Schlachtgewimmel, sprengte überallhin, wo der Feind die Oberhand gewinnen wollte und es gelang, daß das Heer König Hamadis doch noch den Feind zurückschlug.

Als das Heer Hamadis sich versammelte, sprengte Gossi so schnell wie möglich zur Stadt zurück, band sein Pferd am Hause Njelles an und ging hinein. Gossi sagte: »So, Njelle, nun mache mir warmes Wasser, damit ich mich baden kann, denn ich habe schwere Arbeit hinter mir.« Darauf lachte Njelle vor Freude und bereitete alles. Der Held wusch sich.

Das Heer Hamadis versammelte sich auf dem Schlachtfeld und kehrte in die Stadt zurück. Die Versammlung trat wieder auf dem großen Platz zusammen. Als alle anwesend waren, sagte der König: »Wir müssen jene Sache des Helden Gossi, die noch nicht erledigt ist, abschließen. Gossi hatte den Ngare togo scholi getötet und ist in das Haus meines Lieblingsweibes gegangen, um bei ihr drei Tage zu schlafen. Wir haben keine Strafe ersinnen können, die schwer genug gewesen wäre, die genügt hätte, diese Verbrechen zu sühnen. Inzwischen ist aber eine große Änderung eingetreten. Gossi hat mir in der großen Schlacht nicht nur das Leben gerettet, sondern wir haben es ihm zu verdanken, daß wir den Sieg nicht verloren haben. Darum will ich diesem Helden Gossi, statt ihn zu strafen, die Frau Njelle schenken.« Der ältere Bruder Gossis ging hin, um den Helden zu rufen und ihm zu sagen, was der König beschlossen habe.

Gossi kam. Er trat in die Versammlung. Er nahm kühn und unverzagt neben dem König Platz. Er sagte: »König Hamadi! Ihr anderen! Ihr glaubt, daß ich diese Sache um der Frau Njelle wegen getan habe. Das würde ich nicht tun, denn Njelle ist die Frau des Königs. Aber eine Fulbefrau hat mir gesagt, ›es gibt keine ordentlichen Männer mehr!‹ Es ist eine Schande, wenn die Fulbefrauen so sprechen können. Ich habe mit alledem nur zeigen wollen, daß es eben noch echte Männer unter den Fulbe gibt. Deine Frau will ich dir nicht nehmen. Behalte sie, König Hamadi.«

Damit stand Gossi auf und verließ das Viertel des Königs.

 

Später sagte der Held Gossi: »Ich bin doch der tapferste aller Fulbe. Nur drei Männer werden mich darin übertreffen: Einer, der sich in warmem Wasser wäscht und Geduld genug besitzt, dem Juckreiz zu widerstehen und sich nicht zu kratzen. Dann Einer, der einen Niednagel am Finger hat und den Mut besitzt, ihn nach der Handfläche zu fingerauf wegzuziehen, statt ihn abzubeißen oder abzuschneiden. Und schließlich Einer, der nachts Wasser schöpft, um zu trinken, und dann trinkt, ohne das anzusehen, was er schlürft.«

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