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Schwarze Sonne Afrika

Leopold Frobenius: Schwarze Sonne Afrika - Kapitel 10
Quellenangabe
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authorLeo Frobenius
titleSchwarze Sonne Afrika
publisherWilhelm Heyne Verlag
isbn3453119932
year1996
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091008
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Die Wiederentdeckung Wagadus

Felszeichnung

Das Land Wagadu war erst einmal für sieben Jahre verloren gegangen. Man wußte nicht mehr, wo es war. Danach fand man es wieder. Es trat dann aber nochmals ein Zeitraum von 740 Jahren ein, in dem es nicht mehr gefunden wurde, es war für diese Zeit verloren. Da war ein alter Mann und König, der hieß: Mama Dinga. Mama Dinga sagte: »Man schlage die große Kriegspauke Tabele, dann wird man Wagadu wiederfinden.« Die Tabele war aber von den Dschinn, den Teufeln, gestohlen und am Himmel festgebunden worden.

Mama Dinga hatte einen alten Dimadio (Kaste der Hörigen), mit dem war er gemeinsam erzogen worden. Mama Dinga hatte sieben Söhne. Die sechs ältesten Söhne behandelten den Dimadio schlecht, und der Vater war vor Alter blind, so daß er es nicht sah. Wenn der Älteste von dem Dimadio zum gemeinsamen Mahl gerufen wurde, gab er ihm beim Eintreten einen Stoß, und so machten es die nächsten fünf auch. Nur der Jüngste bot dem Alten »Guten Tag!« – Wenn sie wieder hinausgingen, hatte der Älteste den Mund voll Wasser genommen, das spie er im Vorübergehen auf den alten Dimadio. Der zweite hatte die Hände zum Waschen angefeuchtet und spritzte die Tropfen auf den Alten aus, und nur der Jüngste reichte ihm eine gute Handvoll Essen hin. Mama Dinga sah das nicht.

Mama Dinga war blind. Er erkannte den Ältesten nur an seinem Arm, der behaart und mit einem Ring geschmückt war. Er strich tastend über den Arm hin und führte sein Gewand zum Prüfen an die Nase. So erkannte er den Ältesten. Als er eines Nachts zu Bett ging, fühlte er, daß er bald sterben werde. Er rief den Dimadio, seinen alten, treuen Diener, herbei und sagte: »Rufe meinen ältesten Sohn; denn ich fühle, daß ich bald sterben werde, und ich will ihm alles sagen, was er wissen muß. Sag ihm, daß er nach Mitternacht komme.« Der alte Dimadio ging hin und suchte den Ältesten auf. Als er bei ihm eintrat, gab er ihm einen Fußtritt. So erging es ihm immer bei den ältesten sechs Söhnen. Nur der Jüngste hatte ihm stets Essen gegeben.

Darum ging der Alte darauf zu Lagarre, dem Jüngsten, und sagte: »Komm du mit mir. Dein Vater sandte mich aus, denn er fühlt, daß er bald sterben wird. Könntest du dir nicht das Armband und das Kleid deines ältesten Bruders ausleihen?« Lagarre sagte: »O ja, das ließe sich schon machen.« Der Alte fuhr fort: »Dein Vater ist blind. Er kann nicht mehr sehen und mit den Augen erkennen. So erkennt er deinen ältesten Bruder, indem er an seinem Kleid riecht und tastend über Arm und Armband streicht. Dein Vater will nun sterben und hat mich ausgesandt, seinen ältesten Sohn zu rufen. Deine älteren Brüder haben mich aber immer schlecht behandelt. So rufe ich dich denn zu ihm.« Darauf tötete Lagarre ein Ziege und zog ihr die Haut ab und sich über den Arm, so daß sich sein Arm rauh wie der seines Bruders anfühlte. Dann ging er zum ältesten Bruder und sagte: »Leih mir dein Kleid und deinen Armring. Ich will jemand aufsuchen, der mir etwas schuldet.« Der älteste Bruder sagte: »Wenn dir dein Schuldner nicht zahlen will, ohne daß ich dir Kleid und Ring leihe, so nimm beides hin. Geh in jenes Haus zu meiner Frau und lasse dir die Sachen geben.« Lagarre ging herein, ließ sich Ring und Gewand reichen und legte beides an. Als Mitternacht gekommen war, traf er mit dem Alten wieder zusammen.

Der alte Dimadio führte Lagarre zu Mama Dinga, dem König, und sagte: »Hier ist dein ältester Sohn.« Der alte König tastete am Arm des Sohnes entlang. Er fühlte, daß der Arm rauh war; er fühlte den Ring. Er führte das Gewand an die Nase. Er roch, daß es das Kleid seines ältesten Sohnes war. Da lachte er und sagte: »Es ist wahr.« Darauf sprach Mama Dinga: »Auf dem linken Ufer des Flusses stehen vier große Djallabäume. Am Fuße dieser vier Bäume befinden sich neun Töpfe. Wenn du dich in diesen neun Töpfen wäschst und dich nachher im Uferschmutz wälzt, dann wirst du stets viele Anhänger haben. Wasch dich erst in den ersten acht Töpfen und später noch in dem neunten. Laß diesen zunächst. Wenn du dich in dem letzten Topf gewaschen hast, dann verstehst du die Sprache der Dschinn. Dann verstehst du die Sprache aller Tiere und auch die der Vögel, du kannst dann mit ihnen sprechen. Du kannst dann mit den Dschinn sprechen und wirst sie fragen können, wo die große Tabele ist. Der älteste Dschinn wird es dir sagen, und wenn du die große Tabele haben wirst, dann wirst du Wagadu wiederfinden.« – Lagarre ging. Er lief sogleich zum Fluß. Er fand die vier Djallabäume. Er fand die neun Töpfe. Er badete sogleich hintereinander weg in den neun Töpfen. Da verstand er die Sprache der Dschinn, der Tiere und Vögel.

Inzwischen nahmen am Morgen die Söhne des Königs bei diesem das Essen ein. Als der Älteste kam, fragte ihn Mama Dinga: »Hast du getan, was ich dir gesagt habe?« Der älteste Sohn fragte: »Wann hast du mir etwas gesagt?« Mama Dinga sagte: »Ich habe dich gestern nacht kommen lassen und habe dir etwas gesagt.« Der älteste Sohn sagte: »Ich habe in dieser Nacht nicht mit dir gesprochen.« Da sagte der alte, treue Dimadio zum König: »Du hast diese Nacht nicht mit deinem ältesten Sohn, sondern mit deinem jüngsten Sohn gesprochen. Du hast mich gesandt, deinen ältesten Sohn zu rufen, ich aber habe nicht deinen ältesten Sohn gerufen, sondern den jüngsten. Denn deine ersten sechs Söhne behandeln mich stets schlecht. Sie taugen nichts, und wenn dein Ältester Wagadu fände, würde er es bald zerstören. Wenn du nun jemand töten willst, so töte mich – denn ich bin schuld daran.« Darauf sagte Mama Dinga: »Mein Ältester, du wirst nicht Hankama (König) werden, denn soeben habe ich alles, was ich hatte, deinem jüngsten Bruder gegeben. Werde du also Djamma (Schamane) und lerne es, Gott um Regen zu bitten. Wenn du es regnen lassen kannst, werden die Leute zu dir kommen, und du wirst Einfluß haben.«

Inzwischen sandten die Dschinn ihren Ältesten zu Lagarre. Der alte Dschinn sagte zu Lagarre: »Im Busch ist eine Sache, die ist noch sieben Jahre älter als ich.« Lagarre fragte: »Wer ist das?« Der Dschinn sagte: »Das ist Kuto« (eine weiße Varanusart, die heute noch als besonders heilig gilt. So suchen die Marabut z. B. in der Ramadanzeit dieses Tier zu fangen, um aus seinem Fleisch Zaubermittel herzustellen). Lagarre fragte: »In welchem Wald ist Kuto?« Der alte Dschinn zeigte ihm den Wald.

Lagarre ging zu dem Wald. Er traf Kuto. Er konnte jetzt mit Kuto sprechen, denn er verstand jetzt die Sprachen aller Tiere und auch die der Vögel. Er sagte zu Kuto: »Zeig mir die Tabele meines Vaters.« Kuto fragte: »Von welchem Stamm bist du?« Lagarre sagte: »Ich bin der Sohn Dingas.« Kuto fragte: »Wie heißt der Vater deines Vaters?« Lagarre sagte: »Ich weiß es nicht.« Kuto sagte: »Ich kenne dich nicht, aber ich kenne Dinga – ich kenne nicht Dinga, ich kenne aber Kiridjo, den Vater Dingas. Es gibt jedoch etwas, was noch siebzehn Jahre älter ist als ich.« Lagarre fragte: »Was ist das?« Kuto sagte: »Das ist Turume, der Schakal, der so alt ist, daß er keine Zähne mehr hat.« Lagarre fragte: »Wo ist er?« Kuto zeigte ihm den Wald.

Lagarre ging mit seinen Soldaten zu dem Wald. Er traf Turume. Turume fragte ihn: »Wer bist du?« Lagarre sagte: »Ich bin der Sohn Dingas.« Turume fragte: »Wie heißt der Vater deines Vaters?« Lagarre sagte: »Ich weiß es nicht.« Turume sagte: »Ich kenne dich nicht, aber ich kenne Dinga. Ich kenne nicht Kiridjo, aber ich kenne Kiridjotamani, den Vater Kiridjos. Ich bin sehr alt, aber es gibt etwas, das ist noch siebenundzwanzig Jahre älter als ich es bin.« Lagarre fragte: »Was ist das?« Turume sagte: »Das ist Koliko, ein Honge (Geier).« Lagarre fragte: »Wo wohnt Koliko?« Turume zeigte es ihm.

Lagarre machte sich mit seinen Leuten zu Koliko auf. Er fragte: »Zeig mir die Tabele meines Vaters.« Koliko fragte: »Wer bist du?« Lagarre sagte: »Ich bin der Sohn Dingas.« Koliko sagte: »Ich kenne dich nicht, aber ich kenne Dinga, ich kenne nicht Dinga, aber ich kenne Kiridjo. Ich kenne nicht Kiridjo, aber ich kenne Kiridiotamani. Ich weiß, wo die Tabele ist, aber ich bin zu schwach und zu alt, um sie zu zeigen oder zu holen. Sieh, vor Alter sind mir die Federn ausgefallen, und ich kann nicht einmal mehr von meinem Aste fliegen.« Lagarre fragte: »Wie ist das zu machen?« Koliko sagte: »Du mußt sorgen, daß ich wieder Kraft erhalte. Du mußt mir viel bringen. Bleibe sieben Tage bei mir. Laß alle Morgen ein junges Pferd und auch einen jungen Esel schlachten und mir von beiden Herz und Leber reichen. Morgens und abends mußt du mich nähren. Wenn du diese Bedingung sieben Tage lang erfüllst, dann werde ich wieder Kräfte und Federn haben und ich werde dir die Tabele deines Großvaters bringen können.« Lagarre blieb sieben Tage dort. Jeden Morgen ließ er ein junges Pferd und einen jungen Esel schlachten und Koliko Herz und Leber reichen. Er nährte ihn morgens und abends. Da wuchsen dem Honge Kräfte und Federn. Er konnte wieder fliegen. Er flog dahin, wo die Dschinn die Tabele am Himmel angebunden hatten. Er hatte aber nicht Kraft genug, die Schnur zu zerreißen, an der sie festgebunden war. Er kehrte zurück und sagte zu Lagarre: »Du mußt mir noch während dreier Tage je ein Pferd und einen Esel schlachten und mir Leber und Herz geben. Noch reichen meine Kräfte nicht, die Schnur zu zerreißen, an der die Tabele hängt, aber dann werde ich stark genug sein, sie loszumachen.« Da schlachtete Lagarre noch drei Tage lang je ein junges Pferd und einen jungen Esel. So war Koliko am dritten Tage stark genug. Er flog gen Himmel und löste die Tabele los. Er brachte sie zu Lagarre.

Koliko sagte zu Lagarre: »Geh zurück. Zwei Tage lang darfst du die Tabele nicht rühren, am dritten aber schlage sie. Dann wirst du Wagadu finden.« Lagarre machte sich auf. Zwei Tage ging er zurück. Dann schlug er die Tabele und sah vor seinen Augen Wagadu. Die Dschinn hatten es so lange versteckt gehalten.

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