Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Gerstäcker >

Schwarz und Weiß

Friedrich Gerstäcker: Schwarz und Weiß - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Flatbootmann
authorFriedrich Gerstäcker
isbn3-7802-1075-4
titleSchwarz und Weiß
pages171-230
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Friedrich Gerstäcker

Schwarz und Weiß

Aus dem Farmerleben Missouris

Weit aus dem fernen Westen, da, wo die eisgekrönten Berge ihre zackigen Kuppen ineinanderdrängen und zwei Meeren, dem Atlantischen wie dem Stillen Ozean, die schäumenden Quellen zusenden; weit von daher, wo er sich seine rauhe Bahn durch die entsetzlichsten Felsmassen bricht, die er entweder mit starkem Arm zerreißt oder sich im tollkühnen Satz hinüberschwingt, um nachher, wie ob des gelungenen Wagstücks, Meilen lang weiter zu tanzen und zu sprudeln, – kommt der gewaltige Missouri herab, der ›schmutzige Strom‹, wie ihn der Indianer des Raubes wegen nennt, den er an seinem eigenen Ufer vollführt, oder der ›brüllende Strom‹ (roaring river), wie ihn erstaunt der Weiße taufte, als er da zuerst sein Bett erblickte, wo er Fall nach Fall, dem verfolgten Panther .gleich, aus den Gebirgsschluchten sprang und erst dort still und geräuschlos seine Bahn vollendete, als er das schützende Dickicht der Niederung erreicht hatte und nun zwischen den riesigen Stämmen des Urwalds hin dem starken Bruder, dem Mississippi, in die Arme glitt.

Dort nun, wo in dem Schatten der Eichen und Hickories der wilde Wein seine mächtigen Ranken von Zweig zu Zweig schlang und in zähen Armen die stattlichen Bäume verband, während mit zwar prunkenderem Äußern, mit bunter schimmernden Blüten und saftigeren Blättern andere Schlingpflanzen ebenfalls hinaufstrebten zu den starken Ästen und sich ihnen liebend anzuschmiegen schienen, indes doch Gift in ihren Adern floß und sie nur Macht zu bekommen suchten, das wackere Holz fest, fest zu umklammern und ihm Licht und Luft zu rauben, daß es endlich in ihrem Griff erstickte, verdorrte, – dort, in dem fast noch unentweihten Heiligtum, stand ein kleines, roh aufgebautes Blockhaus mit breitmächtigem, aus Lehm errichtetem Kamin, die Nordseite dicht an den dunkeln Wald geschmiegt, dessen ungeheure Wipfel hoch über das niedere Dach emporragten, an den drei anderen Seiten aber durch ein wahres Chaos gefällter Bäume, hoch aufgestapelten Busch- oder Oberholzes, abgeschlagener Stämme und knorriger, sich weit umherspreizender Äste im wahren Sinne des Wortes verbarrikadiert.

Der Eigentümer dieses Platzes mußte augenscheinlich erst vor kurzer Zeit hierhergezogen sein und die Urbarmachung des Bodens begonnen haben, was auch noch überdies ein dicht am Hause stehender, mit Leinwand bespannter Wagen bewies, der wohl, nebst einem nicht sehr weit von ihm entfernten Karren, sämtliche Habseligkeiten des Farmers in dessen neue Waldheimat eingeführt hatte.

Die Sonne schimmerte eben noch mit ihrem roten Glutlicht durch die Wipfel der Bäume, als sich ein Reiter auf einem kleinen indianischen Pony, einem schmalen Kuhpfad folgend, dem Platz näherte und endlich gerade da die Lichtung erreichte, wo Stämme und Äste am tollsten umhergestreut lagen. Wenige Sekunden hielt er auch wirklich sein schnaubendes Pferd an und schien, sich in den Steigbügeln hoch emporrichtend, nach irgendeiner Öffnung zu suchen, durch die er in diese Holzmasse eindringen und das Haus erreichen könnte. Der Wunsch mochte aber wohl unerfüllt bleiben, denn, einen leisen Fluch ausstoßend, preßte er seinem Tier den einen bespornten Hacken in die Flanke und setzte über die ersten ihm den Weg versperrenden Klötze hinweg.

Das kleine muntere Pferd sah auch bald, was sein Herr eigentlich beabsichtige, und daran gewöhnt, Hindernisse zu beseitigen, die bei fortwährendem Reiten im Wald fast stündlich vorkommen, wand es sich mit wirklich bewundernswerter Geschicklichkeit immer näher und näher dem Haus zu, hier einen Stamm überspringend, dort vorsichtig durch wild umhergestreute und zersplitterte Äste dahinschreitend, bis es sich plötzlich, nach einem besonders kühnen Satz über oder vielmehr durch den Wipfel einer gefällten Eiche, so von allen Seiten eingezwängt und von wirklich unübersteiglichen Hindernissen umgeben sah, daß es ruhig stehenblieb und in der festen Überzeugung, sein Äußerstes getan zu haben, ganz geduldig erwartete, was jetzt der Reiter beschließen würde, der doch eigentlich bei der Sache interessiert war.

Dieser aber blickte vergebens nach einem Ausweg umher und tat endlich das, was er von allem Anfang an hätte tun sollen: Er rief das Haus an, und zwar mit einem kräftigen, weit hinausschallenden »Hallo!«, das augenblicklich im ohrenzerreißenden Chor von zehn bis zwölf Rüden bellend und heulend beantwortet wurde.

Gleich darauf öffnete sich die Brettertür, auf deren Schwelle eine schlanke, schon etwas ältliche Frau erschien, die rings nach dem Rufenden, freilich vergeblich, umherschaute, während jetzt die durch den Anblick der Herrin immer noch mehr gereizten Hunde einen so fürchterlichen Lärm erhoben, daß er für kurze Zeit jeden anderen Laut vollkommen übertäubte.

»Ruhig, Muse, ruhig, nieder mit dir, Match, willst du still sein, Deik; Hunde, ihr bringt einen noch zur Verzweiflung, ruhig da, hört Ihr denn nicht!« rief die Frau, die Meute beschwichtigend, die sich denn auch zufriedengeben wollte, als ein zweites »Hallo the house!« ihren Grimm aufs neue erregte, der jetzt gar keine Grenze mehr zu kennen schien.

Die Geduld der guten Frau mochte nun aber auch wohl ihr Ende erreicht haben, denn einen zum Trinkbecher ausgeschnittenen großen Flaschenkürbis ergreifend, der in dem vollen, auf einem Gesims vor der Tür stehenden Eimer schwamm, goß sie die klare, kalte Flut über die Tobenden aus, die nun heulend und kläffend auseinanderstoben.

Zum dritten Mal rief jetzt, diesen Augenblick der Ruhe benutzend, die Stimme ihr immer ungeduldiger werdendes »Hallo!« herüber, und nun erst wurde die Matrone den Reiter gewahr, dessen Kopf nur wenig über das ihn umgebende Buschwerk hervorragte.

»Mr. Hennigs, sind Sie das?« rief sie lachend, als sie die Lage des jungen Mannes erriet. »Wie um Christi willen haben Sie sich denn da hineinverloren?«

»Verloren?« rief dieser in komischer Verzweiflung. »Ich möchte wirklich wissen, wie ich mich hier verlieren sollte; ich sitze so fest wie der Wolf in der Falle. Wo zum Henker ist denn der Eingang zu Ihrem Haus? Ich bin hier zwar auf dem Fußweg, er scheint aber nicht sehr begangen. »

»Sie hätten um die Lichtung herum, durch den Wald reiten müssen«, entgegnete die Frau, »mein Mann hat hier Bäume gefällt.«

»Ja, das läßt sich nicht leugnen«, lachte der Reiter, »die Beweise liegen zur Hand.«

»Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs«, rief jetzt eine kichernde Mädchenstimme hinter der alten Dame vor, und dicht neben ihr ließen sich in diesem Augenblick zwei allerliebste Köpfchen sehen, die neugierig die Lage des jungen Mannes erspähen wollten, »bleiben Sie nur da halten; Vater hat gesagt, daß er im Lauf der nächsten Woche das ganze Holz wegräumen will, und dann wird der Fußweg wieder frei.«

»Danke, Sally, danke!« rief Hennigs lachend. »Die Zeit möchte mir aber doch lang werden, wenn ich Ihre liebe Stimme immer so ganz in der Nähe hören müßte und nicht hinüberkönnte. Nein, mag mein Pony sehen, wie es allein herauskommt, ich will's ihm leichter machen!« Und damit sprang er vom Pferd, schnallte Sattel und Zaum ab, hing sich beides über die Schulter und kletterte nun, wenn auch nicht ohne bedeutende Anstrengung, dem kaum sechzig Schritt entfernten Haus zu.

Das Pony blieb am Anfang, als es sich so von seinem Herrn verlassen sah, ruhig stehen und spitzte nur sehr bedeutend die kleinen Ohren; als es jedoch fand, wie sich die Sache eigentlich verhielt, und den Trog witterte, an dem es gefüttert zu werden hoffte, warf es den Kopf in die Höhe, wieherte ein paarmal hell auf und flog dann, jetzt durch keine Last mehr zurückgehalten, mit kühnen Sätzen über Stamm und Busch hinweg, bis es schnaubend und mit den Hinterbeinen wild nach den hier auf es einstürmenden Hunden schlagend, vor der Tür der Hütte hielt und dort seinen ebenfalls herankeuchenden Herrn freudig begrüßte. Dieser aber warf Sattel und Zaum nieder, sprang schnell die aus übereinandergelegten Klötzen bestehenden Stufen hinauf ins Haus und rief hier, die Hände der Frauen ergreifend und herzlich schüttelnd:

»Wie geht's, Mrs. Draper, wie geht's, Sally und Lucy, alle wohl? Sehen wenigstens alle kerngesund aus; doch – wo ist der Alte?«

»Vater ist noch draußen im Wald, er sucht die Pferde«, entgegnete nach der kurzen Begrüßung Sally, das jüngere der beiden Mädchen, die etwa siebzehn und neunzehn Jahre zählen mochten.

»Haben Sie gar keine Spuren im Wald gesehen?« fragte die Matrone, während sie ihr großes Baumwollspinnrad in die Ecke schob und die Kohlen im Kamin mit dem langen Schürstecken zu neuer Glut aufschüttelte.

»Sie müssen heute morgen aus den Hügeln heruntergekommen sein«, meinte Hennigs, »am Bach wenigstens waren die Fährten, und wenn ich nicht irre, so habe ich auch gleich oben über dem Kreuzweg die Schelle gehört.«

»Ah, dann findet sie Vater gewiß nicht«, rief Sally bedauernd aus, »er wollte am Potters Creek hinauf und von da links in das Tal hinüber suchen. »

»Er ist doch wohl schon auf den Spuren«, entgegnete der junge Mann, »denn im weichen Quellboden sah ich deutlich die Abdrücke eines Schuhs. »

»Vater trägt heute seine Mokassins«, sagte Lucy, »das muß jemand anderes gewesen sein.«

»Dann allerdings; aber wer will denn die Pferde brauchen? Ist ein Tanz irgendwo? Es scheint Sie ja alle ungemein zu interessieren, ob der Vater die Pferde findet oder nicht! »

»Tanz? Pfui, Mr. Hennigs, ich dächte doch, Sie wüßten, daß wir nicht tanzen«, erwiderte ihm etwas pikiert die Matrone.

»Ach, alle Wetter, ja, ich habe davon gehört, Sie hätten sich der ›Kirche‹ angeschlossen und wären ›religiös‹ geworden, Vater auch?«

»Noch nicht«, entgegnete mit einem tief heraufgeholten Seufzer Mrs. Draper, »wir wollen aber morgen früh zum Campmeeting, und davon hoffe ich das Beste: Der liebe Gott wird ihn ja wohl erleuchten, daß er den rechten Weg findet.«

»Das wird er, das wird er, Mrs. Draper, ob aber auf solche Art, bezweifle ich fast; der alte Herr trinkt gern sein Gläschen, und wenn ihm einmal etwas in die Quere kommt, ja nun, dann flucht er auch wohl ein bißchen, und ich glaube kaum, daß er sich das so leicht abgewöhnen wird. Wozu braucht er aber auch wirklich zu einer ›Kirche‹ zu gehören? Es ist so ein herzensguter alter Mann, wie nur je einer seine Sohlen in den Missouri-Botton drückte, er tut ja keinem Menschen etwas zuleide.«

»Wir sind alle Sünder, Mr. Hennigs«, sagte die alte Dame sehr ernst, »und mein armer Mann besonders, er schwört und flucht, genießt geistige Getränke und hat neulich den reisenden Prediger, der bei uns übernachtete und die Gebete las, einen Hypokriten genannt, ja sogar gelogen, als er während des Gebets aufstand und, Nasenbluten vorschützend, das Haus schnell verließ. Ich habe später das Tuch untersucht, es war nicht ein einziger Blutfleck darin, und der arme Fremde wartete eine volle halbe Stunde mit dem Gebet, ehe er fortfuhr, damit der böse Mensch keinen Vers des heiligen Wortes versäumte.«

Hennigs lachte laut auf. »Der arme Draper, also half ihm seine kleine Notlüge nicht einmal?«

»Kleine Notlüge, Mr. Hennigs?« sagte die Matrone mit größerer Strenge, als sie es sonst wohl gewohnt war. »Sie reden da recht böse, recht unendlich böse Worte. Abgesehen davon, daß der Augenblick, wo er sich mit seinem Gott beschäftigen sollte, keine Notlüge zuließ, so gibt es gar keine Notlügen. Es darf nichts in der Welt einen frommen Menschen zu einer Lüge bewegen, nicht einmal die Not, denn das Herz, das nicht wahr und treu ist, kann dem Herrn kein wohlgefälliges Opfer bringen.«

»Aber, beste Mrs. Draper«, entgegnete ihr Hennigs, »Sie werden mir doch gewiß zugeben, daß es Fälle im menschlichen Leben gibt, wo eine Notlüge nicht allein keine Sünde, sondern sogar gut und...«

»Nein, das gebe ich Ihnen nicht zu«, unterbrach ihn die Matrone schnell, »das kann ich Ihnen nicht zugeben, und schon ein solcher Gedanke ist unrecht.«

»Wenn aber nun zum Beispiel Ihr Mann oder eins von Ihren Kindern recht lebensgefährlich krank wäre«, demonstrierte Hennigs, »und wenn Sie nun wüßten, daß jede Aufregung für sie oder ihn die traurigsten, nachteiligsten Folgen haben könnte, würden Sie da nicht, wen nun etwa ein lieber Freund des Kranken eben gestorben wäre und er danach früge, ihm den Todesfall verheimlichen? Würden Sie da nicht lieber zu einer Notlüge Ihre Zuflucht nehmen, ehe Sie das Ihnen teure Leben aufs Spiel setzten?«

»Mr. Hennigs, Sie bauen da eine ganze Menge von Voraussetzungen zusammen, um nur eine Ihren Ansichten günstige Antwort zu hören. Das sind die Fallstricke, die uns der Teufel legt, um uns irrezuführen in dem, was recht und gut ist, und reichen wir ihm dann den kleinen Finger, so hat er bald die ganze Hand und die Seele des ihm Verfallenen. Draper nannte auch den frommen Mann einen Hypokriten.«

»Hm, ja, Mrs. Draper; aber Draper sagte mir, er hätte an dem Gebet volle sieben Viertelstunden gelesen, das ist doch ein bißchen stark.«

»Es war sehr erbaulich, und er gedachte aller unserer Sünden, da mußte es schon lange währen«, erwiderte die Frau.

 Kapitel 2 >>