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Schwänke

Ludwig Aurbacher: Schwänke - Kapitel 16
Quellenangabe
titleSchwänke
authorLudwig Aurbacher
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typefarce
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Ei, so lüg!

Die Nachbarn saßen am Sonntagabend im Gasthause zusammen, und der Schmied, der die letzten Kriege mitgemacht hatte, erzählte ein Langes und Breites von seinen Feldzügen, und sie hörten ihm gern zu, obgleich er mitunter log, dass die Balken hätten krachen mögen; denn es war etwas Neues. Unter anderem erzählte er ihnen ein Stücklein aus dem Feldzuge in Rußland.

»Eines Tages«, sagte er, »musste ich weit über Feld reiten, um zu sehen, wo die feindlichen Posten stünden. Es hatte unmenschlich geschneit und ich fiel oft so tief hinein, dass ich mit genauer Not die Ohren meines Pferdes aus dem Schnee hervorgucken sah. Endlich komme ich an eine finstere Höhle.

Ich konnte nicht rechts, nicht links ausweichen – ich musste hinein. Ich reite in der Finsternis fort. Nun wird's wieder hell. Ich komme heraus und sehe, dass ich in einen Fluss geritten bin, in dem aber kein Tropfen Wasser mehr war. Der Frost hatte das Wasser in die Höhe gehoben – und das war über mir zu einer dicken Eierkruste zusammengefroren.« – »Ei, so lüg!«, riefen die Nachbarn alle, bis auf den Amtmann.

»Nun«, sagte dieser, »ich möchte es doch nicht sogleich für gelogen halten, weil oft eine Erzählung wie eine Lüge klingt und ist doch keine.« – »Gib ein Exempel, Alter«, riefen die Bauern. »Das will ich tun. Ihr kennt doch alle den Gemeindebackofen unten am Dorf? Es werden nunmehr fünf Jahre sein, dass nicht mehr darin gebacken wird, weil der hintere Teil ziemlich zusammengefallen ist. Es ist jammerschade, dass ihn die Gemeinde, nicht wieder herstellen lässt. Wie ich noch ein kleiner Bube war, spielten wir immer Verstecken in dem Backofenhaus. Fünf Jahre sage ich, sind's seit er nicht mehr geheizt war. Gestern will ich daran vorbei, bleibe stehen und habe so meine wehmütigen Gedanken über das Zusammenfallen aller menschlichen Dinge und Backöfen. Ich weiß nicht warum, ich greife in Gedanken in die Öffnung des Ofens und – Ihr mögt es glauben oder nicht – es brennt mich an die Finger.« – »Ei, so lüg!«, riefen die Nachbarn alle, bis auf den Schulmeister.

»Nun, nun, da könnte ich doch was Ähnliches aus meiner Praxis erzählen«, sagte der Bader. »Eine kranke Frau war unwissenden Quacksalbern in die Hände gefallen, die ihr Theriak und anderen Quark in Menge eingaben. Die Frau wurde immer kränker und beschloss, nun keinen Tropfen mehr zu gebrauchen. Fünf Jahre, ebenso lange, wie der Backofen nicht mehr geheizt worden, hielt sie Wort und keine Arznei kam in dieser Zeit mehr über ihre Zunge. Da sie aber immer elender wurde, so ließ sie mich endlich rufen. Ich merkte gleich, wo der Hund begraben lag. 'Die falschen Mittel müssen erst hinaus,' dachte ich – und gab ihr ein tüchtiges Brechmittel. Was geschieht? Die Frau erbricht sich fürchterlich und gibt den Theriak und den andern Quark wieder von sich und wird von der Stunde an frisch und gesund.«

»Ei, so lüg! Ei, so lüg!«, riefen die Nachbarn alle, samt dem Amtmann und dem Schulmeister. »Hör, Nachbar Bader«, sagte der Schulmeister, »an dir ist man das Aufschneiden gewohnt und setz dich nur gleich hin zu dem, der sechs Stunden unter dem Eis fortgelaufen ist. Aber du, Amtmann, wie ist's mit dem Backofen? Du hast gesagt, deine Erzählung würde wie eine Lüge klingen, wäre aber keine. Hat es dich wirklich nach fünf Jahren an die Finger gebrannt?« – »Wie ich euch gesagt, es hat mich wirklich gebrannt. Es sind Brenn-Nesseln im Backofen gewachsen.«

 


 

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