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Schwäbische Volksmärchen

: Schwäbische Volksmärchen - Kapitel 32
Quellenangabe
titleSchwäbische Volksmärchen
authorUnbekannte Verfasser
typefairy
booktitleDas Wunderschiff - Schwäbische Volksmärchen
year1941
publisherHohenstaufen-Verlag, Stuttgart
editorFranz Georg Brustgi
pages24-33
senderhille@abc.de
created20080601
modified20170915
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Die vier kunstreichen Brüder

Es waren einmal vier Brüder, die hießen Hans, Jörg, Jockel und Michel. Der erste war ein Scharfschütze, der zweite ein Windbläser, der dritte ein Schnelläufer und der vierte, der Michel, war so stark, daß er die dicksten Eichen wie Grashalme aus der Erde rupfen konnte. Eines Tages gingen sie miteinander auf Wanderschaft in die weite Welt hinaus.

Da traf einmal ein Forstmann den Hans, der gerade sein Gewehr zum Schuß angelegt hatte, und es sah aus, als wolle er in die blaue Luft hineinschießen. »Wonach zielst du denn?« fragte der Förster. »Wonach ich ziele?« sagte Hans. »Hundert Stund von hier, auf einer Kirchturmspitze, sitzt ein Spatz, den will ich herunterschießen.« Er drückte ab, sah hinter der Kugel drein und sagte dann nach einer Weile: »So, da liegt er!« Der Forstmann aber schüttelte ungläubig den Kopf und sagte: »Das machst du mir nicht weis! Auf eine so große Entfernung trifft kein Mensch!« Da rief der Hans seinen Bruder Jockel, den Schnelläufer, herbei und sagte zu ihm: »Hole doch geschwind den Spatzen, den ich hundert Stund weit von hier vom Kirchturm geschossen habe!« Jockel machte sich sogleich auf den Weg, war nach zwei Stunden wieder da und brachte richtig den toten Spatzen mit; aber in zwei Stücken; denn er war so gut getroffen, daß der Kopf rechts, der Leib links von dem Kirchturm herabgefallen war.

Der Förster ging weiter und traf nach einiger Zeit den Jörg. Der stand bei den sieben Windmühlen, schien müßig in den blauen Himmel hinaufzugucken und hielt dabei beständig ein Rohr vor den Mund. »Ei, Kamerad, was machst du denn da?« fragte der Forstmann. »Ich? Ich blase die Windmühlen an, daß sie nicht stillstehn, weil doch heute der Wind nicht weht«, antwortete der Jörg.

Nicht weit davon traf der Förster auch den Michel an. Der hatte ein langes, armdickes Seil um drei Morgen Wald gespannt und machte eben den Knopf dran. Der Förster sah ihm von weitem eine Weile zu und dachte bei sich: »Sag mir bloß einer, was der Kerl im Sinn hat?« Endlich trat er näher heran und fragte: »Was willst du denn mit dem Seil anfangen, das du da um den Wald gelegt hast?« – »Ach«, sagte der Michel, »ich wollte nur ein Büschel Holz holen, damit ich mir auch ein bißchen einbrennen kann, wenn's etwa im Winter recht kalt wird.« Sprach's und riß mit einem Ruck den ganzen Wald um, daß es nur so krachte, lud ihn auf die Schulter und trug ihn fort. Da brachte der Yörster den Mund nicht mehr zu vor Staunen, wagte dem starken Michel kein böses Wort zu sagen und machte, daß er nach Hause kam. Die vier Brüder aber wanderten ihres Weges weiter, bis sie endlich in der Hauptstadt anlangten.

Dort war gerade im königlichen Schloß große Sorge und Not. Der König war schwer erkrankt, und sein Leibarzt erklärte, er müsse sterben, wenn nicht binnen sieben Stunden das Kraut des Lebens herbeigeschafft werde, das auf dem höchsten Berge fern an der Grenze des Landes wachse. Da ließ der König sogleich in allen Städten und Dörfern ausrufen: Wer ihm innerhalb sieben Stunden das Kraut des Lebens bringe, der bekomme zum Lohn einen Sack voll Geld, so schwer als er ihn tragen könne. »Das wäre was für uns!« sagten die vier Brüder untereinander, und der Schnelläufer eilte spornstreichs aufs Schloß und meldete sich. »Ich will es aber schriftlich haben, Herr König, daß ich einen Sack voll Geld bekomme, wenn ich Euch das heilsame Kraut verschaffe«, sagte Jockel, und der König sicherte ihm den Lohn mit Unterschrift und Siegel zu.

Als er das Schriftstück in der Tasche hatte, sprang Jockel davon, so schnell ihn seine Füße trugen und kam schon nach zwei Stunden auf dem Berge an. Er fand auch gleich das Kraut des Lebens und machte sich auf den Heimweg. Als er aber eine Weile gelaufen war, dachte er, er habe ja noch Zeit genug und könne also gut ein wenig ausruhen. Er legte sich unter eine Eiche und schlief ein. Inzwischen warteten die Brüder und warteten, und die Zeit verstrich. Da hielt endlich der Scharfschütze nach ihm Ausschau und sah ihn wahrhaftig fest eingeschlafen unter der Eiche liegen. Flink nahm er sein Gewehr, zielte und schoß dem Bruder eine Kugel durch den Rockzipfel. Davon erwachte der Jockel und sah schnell nach seiner Uhr. O Wetter! Es war höchste Zeit! Er sprang auf und lief, springst nicht, so gilt's nicht, über Stock und Stein, und kam gerade noch zur rechten Zeit im Schlosse an. Sogleich bereitete der Leibarzt aus dem Kraut eine Arznei, gab sie dem Kranken zu trinken – und nach weni en Stunden schon war der König wieder gesund. Dar~über war er sehr froh und ließ dem Schnelläufer sagen, er solle am andern Tag ins Schloß kommen und seinen Lohn abholen.

Der schlaue Jockel aber ließ sich vorher einen Sack machen, der war so groß, daß der Schneider hundert Ellen Zwilch dazu brauchte. Mit diesem Sack ging er zu seinem Bruder, dem starken Michel, und sagte: »Du mußt mit mir als mein Diener und den Sack tragen; da bist du gerade der rechte Mann dazu! Denn der König hat mir so viel Geld versprochen, als einer auf seinen Schultern tragen könne.« – »Machen wir, Brüderchen!« sagte Michel und ging gleich mit ihm. Als sie zum König kamen, führte er sie in eine seiner Schatzkammern und sagte: »Hier nehmt euch, so viel einer tragen kann!« – »Pack ein, Michel!« sagte der Jockel. Da nahm der Michel eine Tonne Gold nach der andern wie einen Spielball in die Hand und schüttete sie in den großen Zwilchsack. Als aber alles Gold drin war, war der Sack noch lange nicht voll, und der Michel konnte noch viel mehr tragen. Deshalb gingen sie in die zweite Schatzkammer und steckten auch dort alles Geld in den Sack. Ja, sie gingen auch noch in die dritte Kammer und fingen an einzupacken. Da wurde der König böse und gab heimlich den Befehl, daß zwei Regimenter Fußsoldaten und zwei Regimenter zu Pferd vor das Schloß rücken und die beiden Burschen ja nicht entkommen lassen sollten. Bis die aber ankamen, dauerte es zwei Stunden, und unterdessen hatte der Michel längst den Geldsack über die Schulter geworfen und war hinter seinem Bruder Schnelläufer drein davongegangen. Weil der Sack aber so dick und breit war, konnte er damit nicht ganz ungehindert aus dem Schloßtor kommen, sondern mußte ein wenig Gewalt anwenden. Da ging der Sack zwar hindurch; aber auch die ganze Schloßtür samt acht Säulen blieben daran hängen. Der Michel ging ruhig weiter, als ob nichts geschehen wäre, bis er ans eiserne Hoftor kam. Da war der Durchgang wieder zu eng. Aber er tat einen herzhaften Ruck, hob das ganze Tor aus den Angeln und trug's samt den acht Säulen und der Schloßtür und den vielen Tonnen Goldes auf seinen Schultern davon.

Als er mit dieser Last eine Weile gewandert war, kam er an einen See. Da sprach er bei sich: »Hier will ich ein Viertelstündchen ausruhen, bis der Hans und der Jockel und der Jörg kommen; auch drückt mich das dumme Säcklein ein wenig auf der Schulter.« Wie staunte er da, als er den Sack ablegte und sah, was sonst noch alles drum und dran hing! Und da die drei Brüder auch gerade dazukamen, mußten sie über den starken Michel recht herzlich lachen. Plötzlich dröhnte der Boden von Pferdegetrappel und die vier Regimenter Soldaten brachen aus dem Walde hervor und wollten dem Michel den Sack wieder abnehmen. Doch eh' sie's gedacht, hatte der Jörg sein Windrohr an den Mund genommen und blies alle, Roß und Mann, in den tiefen See, daß sie jämmerlich ertranken. Drauf zogen die vier Brüder fröhlich weiter, teilten unter sich das Geld und lebten als reiche Leute glücklich und vergnügt bis an ihr Ende.

 


 

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