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Schwäbische Volksmärchen

: Schwäbische Volksmärchen - Kapitel 28
Quellenangabe
titleSchwäbische Volksmärchen
authorUnbekannte Verfasser
typefairy
booktitleDas Wunderschiff - Schwäbische Volksmärchen
year1941
publisherHohenstaufen-Verlag, Stuttgart
editorFranz Georg Brustgi
pages24-33
senderhille@abc.de
created20080601
modified20170915
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Der Kaufmannssohn und die Königstochter

Es war einmal ein reicher Kaufmann, der hatte einen einzigen Sohn, der schon als Knabe keinen größeren Wunsch kannte, als einmal eine Reise nach Indien machen zu dürfen. Weil er aber noch so jung war und weil sein Vater fürchtete, es könnte ihm auf einer so großen Seereise ein Unglück zustoßen, erlaubte er ihm nicht, die weite Fahrt anzutreten. So mußte er voll Sehnen und Ungeduld warten, bis er zwanzig Jahre alt geworden war.

Da kam eines Tages zu dem Kaufmann ein Bote mit der Nachricht, daß sein Schiff, das vielerlei kostbare Waren aus dem fernen Osten bringen sollte, untergegangen sei. Der Kaufmann war über den schweren Verlust so betrübt, daß er drei Nächte lang nicht schlafen konnte und sich gar nicht mehr zu fassen wußte. Da trat der Sohn zu ihm und sprach: »Lieber Vater, ich habe auch lange über die schlimme Botschaft nachgedacht – und glaube sie nicht. Es ist schon mancher um ein Schiff betrogen worden, indem man ihm fälschlich berichtet hat, es sei in einen Sturm geraten oder auf eine Klippe gelaufen und gesunken. Laß mich nach Indien reisen, um mich an Ort und Stelle nach dem Schicksal unseres Schiffes zu erkundigen. So können wir am ehesten erfahren, ob ein Betrug geschehen ist.« Der Vater billigte den Rat, und der Sohn trat die Reise an.

Viele Tage schon war das Schiff unterwegs, als es endlich in einer großen, fremden Hafenstadt anlegte. »Das muß die Hauptstadt von Indien sein, in der auch der König sein Schloß hat, denn eine herrlichere Stadt kann es kaum geben!« dachte der Kaufmannssohn. Er fragte einen der Seeleute, und es zeigte sich, daß er richtig vermutet hatte. Also stieg er vom Schiffe und mietete sich im schönsten Gasthof ein Zimmer. Es lag hoch über dem Markt und den vier Hauptstraßen der Stadt, und er stand oft am Fenster und sah auf das bunte Gewimmel da drunten. Eines Tages drang plötzlich ein gewaltiger Lärm an sein Ohr. Er öffnete das Fenster und sah hinaus. Scharen von Männern, Weibern und Kindern drängten sich zu beiden Seiten der Straße, durch die ein Eselsgespann eine zusammengerollte Kuhhaut schleifte. »Was soll das bedeuten?« fragte der Kaufmannssohn den Wirt. »Das will ich Euch erklären«, sagte der. »Ein Kaufmann unserer Stadt hat gewuchert und gepraßt und riesige Schulden gemacht, um die er dann seine Gläubiger betrogen hat. Ein solch übler Betrüger aber wird nach unserem Gesetz aufgehängt; seine Leiche wird in eine Kuhhaut genäht, durch die Stadt geschleift und dann den Vögeln zum Fraße vorgeworfen. Nur wenn einer bereit ist, den dritten Teil der Schulden des Verurteilten zu bezahlen, gibt das Gericht den Leichnam frei und läßt ihn begraben.« – »Gut, so will ich mich für die arme Seele einsetzen«, sprach der Kaufmannssohn, ging zun~ Richter, bezahlte das Drittel der Schuld und sorgte dafür, daß die Leiche dem Brauche gemäß in die Erde gelegt wurde.

Nun aber ging der Kaufmannssohn endlich daran, sich nach dem Schiff seines Vaters zu erkundigen. Tagelang reiste er von Hafen zu Hafen und fragte alle Handelsherren und Seeleute, die ihm begegneten, ob sie nichts Näheres über das Schicksal des Schiffes wüßten. Alle seine Bemühungen aber blieben vergebens, und so schiffte er sich wieder ein und fuhr in seine Heimat zurück. Als sie sieben Tage unterwegs waren, ging das Schiff in einem kleinen Hafen vor Anker, und der Kaufmannssohn suchte ein Wirtshaus auf, um dort bis zur Weiterfahrt Herberge zu nehmen. Als er zu Nacht gegessen hatte, traten zwei wild und verwegen aussehende Burschen mit einem schönen Mädchen in die Schankstube und setzten sich zu ihm an den Tisch. Sie gerieten bald ins Gespräch und fragten einander auch nach dem Woher und Wohin. »Wollen wir uns nicht die Zeit ein wenig mit Würfelspiel vertreiben?« fragten die Burschen. »Mir kann es gleich sein«, antwortete der Kaufmannssohn, spielte mit und hatte so großes Glück, daß er den beiden ihr ganzes Geld abgewaun. Da baten sie ihn: »Kauf uns das Mädchen da ab, daß wir wenigstens das Geld haben, um weiterreisen zu können!« Da merkte der Kaufmannssohn, daß sie das Mädchen geraubt hatten, zählte fünfzig Golddukaten auf den Tisch und nahm die schöne Fremde mit auf sein Schiff. Er fragte sie nach ihrer Heimat und erklärte sich gerne bereit, sie auf dem nächsten Wege dorthin zu bringen. Doch sie verriet ihm weder ihren Namen, noch woher sie war, sondern bat ihn herzlich, sie mit in seine Heimat zu nehmen; sfe würde gewiß gerne zu ihrem Vater zurückkehren, doch es sei ein anderes, was sie an eine Heimkehr nicht denken lasse: Ein alter, häßlicher und gewalttätiger Edelmann wolle sie heiraten und habe sie sicher durch die beiden Seeräuber entführen und mit Gewalt in sein Haus schaffen lassen wollen. Lieber aber möchte sie sterben, als diesem bösen Manne angehören. »Das begreife ich wohl, liebes Mädchen«, sagte darauf der Kaufmannssohn. »So komm nur mit mir; ich will dich beschützen, und du sollst es immer gut bei mir haben.«

Der Vater aber machte ein bitterböses Gesicht, als er den Sohn mit dem fremden Mädchen ankommen sah, und verlangte, daß er es sogleich wieder aus dem Hause schaffe oder selber gehe. Da verließ der Sohn das väterliche Haus, kaufte sich in einer abgelegenen Gasse einen kleinen Laden und richtete ein eigenes Handelsgeschäft ein. Das Mädchen führte ihm den Haushalt und half auch fleißig im Laden mit, und war so sparsam und sorgte so gut für ihren Herren, daß er schon nach kurzer Zeit seine Schulden bezahlen konnte.

Als der Vater dies erfuhr und hörte, wie sehr jedermann das Mädchen lobte, beschloß er, sich selbst davon zu überzeugen. Damit ihn niemand erkenne, verkleidete er sich und ging eines Morgens, als sein Sohn gerade abwesend war, in den Laden, um ein Stück Tuch zu kaufen. Die schöne Verkäufenn legte ihm allerlei Muster vor. »Sie gefallen mir wohl, aber sie sind mir zu teuer«, sagte er und versuchte den Preis herunterzuhandeln. Aber sie ließ nicht einen Groschen nach und sagte, sie dürfe ohne den Willen ihres Herrn das Tuch nicht billiger hergeben. Da ging der Vater wieder aus dem Laden, ohne etwas gekauft zu haben. Yür sich aber dachte er: »Das ist doch ein ordentliches Mädchen. Es ist freundlich und ehrlich und dazu auf den Vorteil meines Sohnes bedacht.« Darum versöhnte er sich wieder mit den beiden und war auch damit einverstanden, daß sein Sohn das fremde Mädchen zur Frau nahm.

Zwei Jahre waren sie nun schon verheiratet, da brachte ein Schiff, das von fernen Ländern kam, die Kunde, daß der König von Indien seine Tochter suche, die von Seeräubern entführt worden sei. Wer sie ihm lebendig zurückbringe, solle sie zur Frau bekommen und König von Indien werden. Als die junge Frau dies hörte, dachte sie: »Es wäre doch besser, Königin von Indien zu sein, als bloß die Frau eines einfachen Kaufmanns.« Und als ihr Mann nach Hause kam, erzählte sie ihm, wer sie eigentlich sei und bat ihn, Hab und Gut zu verkaufen, sie zu ihrem Vater nach Indien zurückzubringen und dort König zu werden. »Den Wunsch erfülle ich dir von Herzen gerne!« sagte er, verkaufte sein Haus, nahm Abschied- vom Vater und fuhr mit ihr übers weite Meer nach Indien.

Nach vielen Tagen sahen sie endlich eine Küste, die ihnen recht bekannt vorkam, und wahrhaftig: nach einiger Zeit landeten sie in demselben Hafen, wo einst der Kaufmannssohn den beiden Seeräubern die Prinzessin abgekauft hatte. Sie sprachen eben miteinander von jener Zeit, als ein großes Segelschiff in den Hafen einfuhr und dicht neben ihrem eigenen Schiffe die Anker auswarf. Der Herr des Schiffes war aber kein anderer als jener Edelmann, der die Prinzessin mit Gewalt zu seiner Frau machen wollte. Er war wirklich so alt und häßlich, wie die Prinzessin ihn geschildert hatte, und man sah es ihm an, daß er ein hartes und finsteres Herz in sich trug. Auf seinen Befehl ergriffen die Matrosen den Kaufmann, fesselten ihn an ein Balkenstück und warfen ihn ins Meer, wo ihn die Wellen auf die hohe See hinaustrieben. Dann ließ er die Prinzessin auf sein Schiff bringen, trat in ihre Kammer, die er hinter sich abschloß, und sprach: »Wenn Euch Euer Leben lieb ist, so schwört mir hier, daß Ihr Eurem Vater berichten werdet, ich hätte Euch aus den Händen der Seeräuber befreit! Wagt es ja nicht, auch nur ein einziges Wort von jenem Menschen zu erzählen, von dem Ihr sagtet, daß er Euer Mann sei! Es könnte Euch sonst übel ergehen !« Was konnte die arme, hilflose Prinzessin anders tun, als Ja sagen und sich in ihr Schicksal ergeben? – Das Schiff lichtete die Anker, fuhr auf das offene Meer hinaus und landete nach sieben Tagen im Hafen der indischen Hauptstadt. Als der König seine verlorengeglaubte Tochter wiedersah, kannte er sich fast nicht mehr vor Freude und Glück und ließ sogleich alles vorbereiten, um sie mit dem reichen Edelmann zu vermählen und ihm das Reich zu übergeben.

Wie war es unterdessen dem Kaufmannssohn ergangen? Drei Tage und drei Nächte wurde er von den Wellen hin und her geworfen, und war nahe daran, zu sterben. Da kam mit einemmal ein riesiger Vogel herbeigeflogen, ließ sich bis dicht über die Wellen herab und trieb mit seinem Flügeischlag den Balken auf eine Sandbank am Meeresufer. Dann hackte er mit dem Schnabel die Stricke entzwei und sprach: »Ich bin der Geist des Kaufmanns, den du einst hast begraben lassen. Zum Dank dafür will ich dir nun in deiner Not helfen. Geh in die Hauptstadt und melde dich im königlichen Schloß. Der König sucht einen Maler, der im Laufe von drei Tagen den großen Saal des Schlosses mit Bildern auszuschmücken vermag, und er will dem, der die Aufgabe löst, hunderttausend blanke Goldstücke bezahlen und ihn zu seinem Hofmaler machen. Nimm diese Arbeit an; sie wird dir gelingen! Du mußt nur dafür sorgen, daß niemand in den Saal gelangen kann! Verschließe die Tür und öffne ein Fenster. Für alles Weitere laß mich sorgen.« Als der Vogel dies gesagt hatte, flog er fort und verschwand in den Wolken.

Als der Kaufmannssohn in die Königsstadt eintrat, herrschte darin lauter Jubel und große Fröhlichkeit, und alle Straßen waren festlich geschmückt; denn in drei Tagen sollte die Hochzeit der Prinzessin stattfinden. Der König führte ihn in den Saal und fragte ihn, ob er Meister genug sei, Decke und Wände binnen drei Tagen zu bemalen, und versprach ihm auch, daß niemand ihn bei der Arbeit stören solle.

Als er gegangen war, verriegelte der Kaufmannssohn die Tür und öffnete eines der Fenster. Da kam auch schon der Vogel mit einem Schwert im Schnabel angeflogen und sagte: »Nimm das Schwert und hau mir den Kopf ab.« – »Nein, das kann ich nicht! Du hast mir nur Gutes getan«, sagte erschrocken der Kaufmannssohn. »Tust du es nicht, so kann ich dir auch nicht helfen«, sprach der Vogel. Da nahm er das Schwert, schlug zu und sank sogleich ohnmächtig zu Boden.

Am Morgen des dritten Tages erwachte er und sah, daß der ganze Saal ohne sein Zutun fertig bemalt war. An der Decke waren Himmel, Sonne, Mond und Sterne dargestellt, an den Wänden aber erkannte er zu seinem Erstaunen seinen eigenen Lebenslauf, von seiner ersten Reise nach Indien bis heute. Während er noch die Bilder betrachtete, suchte ihn der König voller Erwartung auf. Seine Tochter, die ihn begleitete, erkannte auf den ersten Blick ihren Mann, den sie so lange vermißt hatte. Voller Freude fanden sich die beiden wieder und erzählten dem König alles, was ihnen begegnet war. Dieser beschloß, den falschen Edelmann auf die Probe zu stellen und ließ ihn am nächsten Tage zur Hochzeit kommen, als ob nichts vorgefallen sei. Als alle Gäste erschienen waren, führte er sie und den Edelmann in den Saal mit den bemalten Wänden und sprach: »Wer mir erklären kann, was diese Bilder bedeuten, der soll meine Tochter zur Frau bekommen und König von Indien werden.« Nun gab es ein großes Raten, denn mancher der Gäste hätte sich gerne den schönen Preis verdient. Auch der Edelmann wollte auf die Prinzessin nicht so leichthin verzichten; doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte nicht herausfinden, was die Bilder bedeuteten. Da gab endlich der Kaufmannssohn die richtige Deutung des Rätsels und wies nach, wie ein jedes der Bilder einen Augenblick seines eigenen Schicksals zum Gegenstand hatte. Da erkannten alle, wie schmählich der Edelmann den König betrogen hatte und daß der Kaufmannssohn der rechtmäßige Gemahl der Prinzessin war.

Zur selben Stunde noch wurde der Edelmann auf Befehl des Königs ins Gefängnis gewoffeii und zum Tode verurteilt. Der Kaufmannssohn aber feierte zum zweitenmal Hochzeit mit der Königstochter und wurde bald darauf König von Indien.

 


 

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