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Schwäbische Volksmärchen

: Schwäbische Volksmärchen - Kapitel 27
Quellenangabe
titleSchwäbische Volksmärchen
authorUnbekannte Verfasser
typefairy
booktitleDas Wunderschiff - Schwäbische Volksmärchen
year1941
publisherHohenstaufen-Verlag, Stuttgart
editorFranz Georg Brustgi
pages24-33
senderhille@abc.de
created20080601
modified20170915
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Der Glücksvogel

In einem Dorf lebte einmal ein Bäuerlein, das hatte nur ein paar magere Äcker und Wiesen und eine einzige Kuh im Stalle. Ihm und seinem Weib war aber das wenige, das sie besaßen, genug. Sie waren zufrieden, lebten glücklich miteinander und zeigten den Leuten stets ein freundliches Gesicht. Sie schafften fleißig vom Morgen bis zum Abend, waren sparsam und vorsorglich und brauchten darum nie jemand um Hilfe anzugehen. So schien das Bäuerlein mit seinem Wenigen wahrhaftig wohlhabender zu sein als die viel größeren und reicheren Bauern der Nachbarschaft. Gerade darum aber waren ihm seine Nachbarn spinnefeind. Sie suchten ihm Schaden zuzufügen, wo sie nur konnten, und zuletzt trieb einige von ihnen der Neidteufel so weit, daß sie nachts in den Stall des Bäuerleins einbrachen und die einzige Kuh totschlugen. Der arme Mann war traurig, dachte aber, daß die Kuh wohl an einer plötzlichen, schlimmen Krankheit gestorben sei. Er schaffte sie am Abend in den Wald, zog ihr das Fell ab und vergrub sie.

Wie er nun, die Kuhhaut wie einen Mantel über sich geworfen, durch den Wald nach Hause ging, stieß er unversehens auf drei Räuber; die hockten auf einem Baumstumpf und zählten ihr gestohlenes Geld. Als die Spießgesellen die sonderbare Gestalt daherkommen sahen, kam ihnen das Grausen. Sie nahmen die Beine unter den Arm und liefen davon; denn sie hielten den, der da auf sie zukam, für den leibhaftigen Gottseibeiuns. Das Bäuerlein aber steckte gemütlich die dahintengelassenen Goldstücke in die Tasche und ging heimzu. Die Nachbarn wunderten sich nicht wenig über das viele Geld und fragten ihn, wie er dazu gekommen sei. Da erzählte er ihnen wahrheitsgetreu, wie alles zugegangen war.

Da schlugen die neidischen Bauern des Dorfes alle ihre Kühe tot und vergruben sie im Wald. Dann warfen sie sich auch die Häute über den Rücken und schlichen auf den großen Baumstumpf zu, um den drei Räubern das gestohlene Geld abzujagen. Doch – wer sich nicht blicken ließ, waren die Räuber. Darüber ergrimmten die Bauern sehr. »Daran ist nur sein Weib schuld, die Hexe!« sagten sie untereinander, gingen in ihrem Zorn hin und erschlugen die Nachbarsfrau.

Da stand nun das arme Bäuerlein vor seiner toten Frau, wußte nicht was tun und dachte schließlich: »Ich will sie mit in die Stadt nehmen.«

In seinem Garten waren gerade die Äpfel reif geworden. Er schüttelte sie, lud einen Wagen voll auf, setzte sein totes Weib oben drauf und fuhr los. In der Stadt stellte er den Wagen auf den Markt, so, als ob sein Weib die Äpfel zu verkaufen habe, und setzte sich dann nahe dazu zwischen abgeladene Säcke. Kaum war eine Weile vergangen, kam ein vornehmer Herr mit einem Stock daher, blieb vor dem Wagen stehen und fragte die Bäuerin, die dasaß und sich nicht rührte, wie teuer sie ihre Äpfel verkaufe. Die aber sagte nichts und blieb stumm. Er fragte noch einmal und erhielt wieder keine Antwort. Als sie ihn zum drittenmal ohne Antwort ließ, wurde er ungehalten und stach sie mit der Spitze seines Stockes in die Seite. Da fiel das Weib vom Wagen, blieb am Boden liegen und rührte sich nicht mehr. Im Augenblick war der Bauer herbeigesprungen, ,packte den Mann von hinten und schrie: »So! So! Ihr habt mein Weib totgeschlagen! Das sollt Ihr teuer bezahlen!« Da mußte der vornehme Herr wohl oder übel ein Häuflein Goldfüchse aus seinem Beutel tun, um den Bauern lostuwerden.

Als nun die Nachbarn daheim erfuhren, auf welche Weise er schon wieder zu so viel Geld gekommen, trieb sie der Neidteufel noch ärger. Sie schlugen ihre Weiber tot, setzten sie auf die Wagen und fuhren mit ihnen im Galopp auf den Markt in die Stadt. Wer aber vergebens auf den Herrn mit dem Stock wartete, waren die dummen und habsüchtigen Nachbarn des Bäuerleins. Nun waren sie nicht nur voller Ärger, weil sie nicht auch reich geworden waren, sondern schoben auch ihrem Nachbarn die Schuld daran zu, daß sie keine Weiber mehr hattten. Darum beschlossen sie untereinander, ihn aus der Welt zu schaffen. Sie griffen ihn, steckten ihn in einen Sack und trugen ihn hinaus, um ihn im Dorfteich zu ersäufen. Weil aber gerade ein Schäfer mit seiner Herde die Landstraße daherkam, lehnten sie den Sack derweil an einen Baum und gingen wieder dorfeinwärts. Als der Schäfer vorüberging, rief der Bauer im Sack: »Oh, wie glücklich bin ich! Oh, wie glücklich bin ich und kann's doch nicht brauchen!« Verwundert hielt der Schäfer an und fragte den im Sack drin um Bescheid, was seine Rede bedeute. »Ei«, sagte das Bäuerlein, »die Leute im Ort wollen mich mit Gewalt zu ihrem Schulzen machen, und weil ich nicht will, haben sie mich in diesen Sack gesperrt, bis ich mürb werde und ja sage.« – »So?« sagte der Schäfer, »da wär' ich schon anders. Ich würde für mein Leben gern Schulze werden.« – »Das könnt Ihr«, versetzte das pfiffige Bäuerlein; »dann müßt halt Ihr in den Sack schlüpfen; und wenn sie wiederkommen und Euch fragen: ›Willst du noch nicht Schulze werden?‹, dann könnt ja Ihr an meiner Stelle antworten: ›Ja, ich will euer Schulze sein‹.« Der Schäfer war mit diesem Anerbieten gleich einig und kroch in den Sack. Das Bäuerlein aber versteckte sich hinter einem Weidenbusch. Da kamen auch schon die Bauern daher. Sie dachten, der Schäfer sei für einen Augenblick weggegangen, so daß sie inzwischen ihr Vorhaben am besten ausführen könnten, und warfen den Sack ins Wasser. Wer aber über eine kleine Weile mit einer Schafherde zum Dorf hereinfuhr, das war unser Glücksvogel.

Jetzt rissen die Nachbarn ihre Augen sperrangelweit auf vor Erstaunen, drängten herzu und fragten, wie er denn dazu gekommen sei; da gehöre doch mehr Glück dazu, als wenn einem gar der Holzschlegel auf dem Speicher kälbere. »Wir haben dich doch in den Teich geworfen, und dazuhin in einem zugebundenen Sack. Und jetzt kommst du mit einer Schafherde ins Dorf gezogen. Soll das vielleicht mit rechten Dingen zugehen?« sagten sie. – »Ja«, entgegnete der Schlaukopf, »hört zu, wie das ging«, und erzählte: Wie er auf dem Grund des Teiches angekommen sei, habe ein kleines Seemännlein den Sack aufgebunden und ihn herausgelassen. Da sei er tief unter dem Wasser mitten in einem wunderschönen Land gestanden. Vieh- und Schafherden in Menge seien dort auf der Weide gegangen. Das Männlein habe freundlich zu ihm gesagt, er solle sich doch eine Herde auslesen, wenn er Gefallen dran habe. »Da hab' ich mir die Schafherde hier ausgesucht und bin heimgefahren.«

Da wollten die neidischen Nachbarn auch so schöne Schafherden haben und liefen so schnell sie konnten an den Dorfweiher hinaus. Sie drängten und schoben und stritten sich, denn jeder wollte zuerst ins Wasser. »Halt!« rief da der Schulze. »Mir als der Obrigkeit gebührt der Vortritt, und das von Rechts wegen! Ich springe zuerst in den Teich und ihr folgt mir, wenn ich rufe: ›Kommet!‹« Was tat es da für einen gewaltigen Plumps, als der dicke Schulze ins Wasser fiel! Die Bauern, die mit gespitzten Ohren standen und auf den Befehl ihres Schulzen warteten, meinten, als sie den lauten Plumps hörten, es habe »kommet!« gerufen und plumpsten alle kopfüber in den Teich wie Frösche. Herausgekommen aber ist keiner mehr. Das arme Bäuerlein aber war nun reich und alleiniger Herr im Doff, und wenn unser Glücksvogel nicht gestorben ist, lebt er heute noch.

 


 

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