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Schwäbische Volksmärchen

: Schwäbische Volksmärchen - Kapitel 26
Quellenangabe
titleSchwäbische Volksmärchen
authorUnbekannte Verfasser
typefairy
booktitleDas Wunderschiff - Schwäbische Volksmärchen
year1941
publisherHohenstaufen-Verlag, Stuttgart
editorFranz Georg Brustgi
pages24-33
senderhille@abc.de
created20080601
modified20170915
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Der lustige Ferdinand mit dem Goldhirsch

Es war einmal ein Soldat, der war immer lustig und guter Dinge, obwohl er nur wenig zu beißen hatte. Die Groschen und Kreuzer wollten nie lange in seiner Tasche bleiben, so daß oft Schmalhans Koch bei ihm war. Doch ließ er sich das nicht verdrießen und blieb trotzdem immer lustig und frohen Mutes. Darum nannten ihn auch seine Kameraden den lüstigen Ferdinand.

Als er nun eines Tages vor der Tür des Königs die Wache hatte, betrachtete er sich einmal so recht das schöne Schloß mit seinen vielen Kostbarkeiten. Und wie er dazuhin noch alle die vornehmen Herren sah, die da aus- und eingingen und dem König zu Diensten waren, da dachte er: »So ein König hat es doch gut! Der hat Geld genug, und für Geld kann man ja alles in der Welt haben. Ach, hätt' ich nur Geld; ich wüßte wohl, was ich täte!« Wie nun dem lustigen Ferdinand diese Gedanken so im Kopf herumgingen, gerade aber niemand da war, dem er sie hätte mit- teilen können, nahm er ein Stück Kreide und schrieb an die Tür, die zum Zimmer des Königs führte:

Das Geld
bezwingt die ganze Welt.

Als der König später ausging und die Türe abschloß, las er diese Worte und ließ eine strenge Untersuchung anstellen, wer das geschrieben habe. Da gestand es der lustige Ferdinand sogleich ein. Der König ließ ihn zu sich kommen und stellte ihn darüber zur Rede. Der lustige Ferdinand sagte ganz treuherzig: »Das habe ich nur so hingeschrieben, weil ich auf Posten nicht habe sprechen dürfen und doch den Gedanken nicht loswerden konnte.« Weil der König ein guter und gnädiger Herr war, verzieh er ihm; wollte ihm dann aber beweisen, daß er mit seinen Gedanken vom Geld eben doch auf dem Holzweg sei. Doch der lustige Ferdinand wußte den König immer zu widerlegen und sagte endlich sogar: »Herr König, wenn ich nur Geld genug hätte, so wollte ich alles erreichen, es möchte sein, was es auch wollte! Sogar Eure Tochter wollte ich zur Frau bekommen und selbst noch König werden!«

Diese Rede eines gemeinen Soldaten verdroß zwar den König, doch ließ er sich's nicht anmerken und sagte: »Um dich zu widerlegen, will ich eine Wette mit dir eingehen: Du sollst ein ganzes Jahr lang so viel Geld haben, wie du verlangst. Kannst du während dieser Zeit die Liebe meiner Tochter gewinnen – gut, so sollst du sie haben. Will sie dich dann aber nicht, so kostet's dir den Kopf! Jetzt besinne dich wohl!« Der lustige Ferdinand besann sich aber nicht lange und ging die Wette mit dem König ein. Darauf erhielt er vom König den Schlüssel zur Schatzkammer, ging hin und nahm sich fürs erste so viel Geld, als er nur heimtragen konnte. Nun aß und trank er jeden Tag das Feinste, das überhaupt aufzutreiben war, lud seine Kameraden zu sich ein, fuhr in der Kutsche aus, ging auf Reisen und sah und genoß für das viele Geld alles, was das Herz begehrte. Um die schöne Prinzessin aber kümmerte er sich gar nicht.

Die war unterdessen nicht so vergnügt wie der lustige Ferdinand. Um sie nämlich vor allen unliebsamen Bewerbern zu schützen, hatte der König sie auf eine kleine Insel in der Nähe des Schlosses bringen lassen und den Wächtern streng geboten, ja keinen Mann zu Besuch bei ihr einzulassen. So lebte nun die Prinzessin auf der Insel wie in einem Gefängnis und hatte oft Langeweile.

Eines Tages kam der lustige Ferdinand wieder in die königliche Schatzkammer und füllte seine leeren Taschen mit Gold. Da fragte ihn der König, wie es ihm gehe. »Gut! Recht gut, Herr König!« antwortete er. »Das freut mich«, sagte der König. »Vergiß aber die Wette nicht, die du mit mir abgeschlossen hast! Nur noch ein halbes Jahr hast du übrig, um das Herz meiner Tochter zu gewinnen; gelingt dir dies nicht, so kostet's dir unfehlbar das Leben!«

Ferdinand blieb guten Muts, dachte aber bei sich: »Es ist wahr, du mußt dich jetzt ,wohl nach der Prinzessin umsehen.« Er suchte einen Goldschmied auf, der so geschickt war, wie kein anderer Meister auf der ganzen Welt, und sagte zu ihm: »Hört, Meister! Ihr müßt mir einen goldenen Hirsch schmieden! Er muß so groß sein wie ein rechter Hirsch, mit großem, zackigem Geweih, im Innern aber muß er hohl sein, so daß sich ein Mann darin verbergen kann!« Das Gold dazu holte Ferdinand aus der Schatzkammer des Königs. Es dauerte gar nicht lange, da war der Hirsch fertig, und er war so überaus schön geworden, daß man wohl nirgends etwas Herrlicheres sehen konnte.

Durch eine geheime Tür, die niemand fand, der sie nicht wußte, kroch der lustige Ferdinand in den Bauch des goldenen Hirsches und nahm zugleich seine Zither mit, die er sehr schön zu spielen verstand. Er hatte dem Goldschmied die Geschichte mit der Wette erzählt und ihm alles entdeckt, was er im Sinne hatte; hatte ihn auch für viel Geld dazu bewogen, daß er den Goldhirsch aufs Schloß brachte und ihn dem König zeigte. Der konnte sich nicht genug darüber wundern. Und als erst der Goldschmied ein bestimmtes Zeichen gab und darauf im Bauche des Hirsches eine Zither anfing zu spielen, da wußte der König nicht, was er vor Staunen und Entzücken sagen sollte. Auch die Königin war ganz außer sieh vor Freude und bat ihren Gemahl, er solle doch den Hirsch kaufen und ihn der Tochter auf die Insel schicken, daß sie sich damit unterhalten könne. Der König sagte: »Ja, das will ich gerne tun«, kaufte den Goldhirsch und ließ ihn sogleich der Prinzessin bringen. Die freute sich sehr über das Geschenk, ließ den Hirsch immer und immer wieder die Zither schlagen und konnte sich nicht genug satt hören an seinem Spiel, bis sie endlich müde wurde und einschlief.

Da öffnete der lustige Ferdinand leise die geheime Tür und schlüpfte heraus und besah sich die Prinzessin, die in ihrem Bette lag und ruhig schlief. Sie war so wunderschön, daß er seine Augen nicht von ihr wegzuwenden vermochte und es endlich nicht lassen konnte, ihr einen Kuß auf die Lippen zu drücken. Davon erwachte die Prinzessin und erschrak bis ins Herz hinein, als sie einen Mann vor ihrem Bett stehen sah. Ferdinand aber sagte ihr sogleich, wer er sei und bat sie inständig, ihn doch nicht zu verraten. Er wolle ihr auch alle Tage' vorspielen, so viel und so lange sie es nur zu hören wünsche. Die schöne Prinzessin versprach es ihm endlich, wenn er immer hübsch still in seinem Versteck bleibe. Das wolle er gerne tun, sagte er und verkroch sich alsbald wieder in den Bauch des Hirsches.

Am andern Morgen konnte die Prinzessin es fast nicht erwarten, bis sie den goldenen Hirsch wieder spielen hörte. Auch der König kam, hörte zu und freute sich, weil seine Tochter so vergnügt war. Ja, sie sagte zu ihrem Vater, sie glaube, daß sie nun gewiß keine Langeweile mehr auf der einsamen Insel haben werde.

Am Abend, als die Prinzessin wieder ganz allein war und zu Nacht aß, machte der lustige Ferdinand leise die Tür auf und fragte: »Prinzessin> ach liebe Prinzessin, darf ich nicht ein wenig herauskommen? Ich habe solchen Hunger! Seit gestern habe ich nichts mehr gegessen und heute habe ich so viel spielen müssen.« Da erlaubte ihm die Prinzessin herauszusteigen und mit ihr zu essen. Und wie sie ihn nun genauer betrachtete und sich mit ihm unterhielt, da gefiel er ihr recht gut und immer besser, so daß sie es gern geschehen ließ, als er sie zuletzt in den Arm nahm und küßte. Inzwischen war es spät geworden und die Prinzessin ging zu Bett. Da klagte ihr der lustige Ferdinand, wie sehr ihn sein Rücken schmerze, weil er im Bauche des Goldhirsches immer krumm liegen müsse und wie erbärmlich er in der letzten Nacht gefroren habe. Da ließ die Prinzessin ihn mit unter ihre Decke schlüpfen, und beide hatten sich dann recht herzlich lieb und versprachen sich, daß sie nie mehr voneinander lassen und immer beisammenbleiben wollten.

Fünf Monate waren nun schon dahingegangen. Den lustigen Ferdinand sah man nirgends mehr, und der König meinte, er werde wohl wieder auf Reisen sein. Da wurde die Prinzessin krank und von Tag zu Tag blasser und kränker, so daß der König ihr seinen Leibarzt schickte, damit er sie untersuchen und ihr ein Mittel verschreiben solle. Der Doktor aber schüttelte den Kopt, ging zum König und sprach: »Der Prinzessin kann ich nicht helfen. Die wird in ein paar Monaten, wenn sie ein kleines Kind bekommen hat, schon von selbst wieder gesund werden.« Darüber wurde der König so böse, daß er den Arzt ins Gefängnis werfen ließ. Dann schickte er einen andern Doktor zu der Prinzessin. Der sagte das gleiche wie der erste und wurde ebenfalls dafür eingesperrt. Und so ging es noch einigen andern, bis endlich der König selbst seine Tochter besuchte und sie fragte, ob sie denn heiraten und bald Hochzeit halten wolle. Die Prinzessin sagte: »Ich habe schon Hochzeit gehalten, lieber Vater.« Und als der König fragte, wer denn ihr Ge- mahl sei, antwortete sie: »Der lustige Ferdinand, den du mir ja selbst in dem goldenen Hirsch geschenkt hast.« Bei diesen Worten öffnete sie die geheime Tür und ließ ihn heraussteigen. Da ärgerte sich zwar der König zuerst, konnte aber doch sein Wort nicht bre- chen, weil die Prinzessin erklärte, daß sie nie einen andern Mann lieben und heiraten möge. Und so hat der lustige Ferdinand, noch ehe das Jahr um war, seine Wette gewonnen; er hielt Hochzeit mit der Prinzessin und ist nach dem Tode ihres Vaters auch noch König geworden.

 


 

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