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Schwäbische Volksmärchen

: Schwäbische Volksmärchen - Kapitel 25
Quellenangabe
titleSchwäbische Volksmärchen
authorUnbekannte Verfasser
typefairy
booktitleDas Wunderschiff - Schwäbische Volksmärchen
year1941
publisherHohenstaufen-Verlag, Stuttgart
editorFranz Georg Brustgi
pages24-33
senderhille@abc.de
created20080601
modified20170915
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Die gute Gonda

Es war einmal eine Witfrau, die hatte drei Söhne, Kasper, Melcher und Baltes mit Namen. Die Mutter war froh, als ihre Burschen nacheinander aus der Schule gekommen waren und nun bald anfangen konnten, etwas zu verdienen. Weil aber der Vater oftmals gesagt hatte, daß Handwerk einen goldenen Boden habe, so sollte jeder der drei Söhne ein nützliches Handwerk lernen und danach auf Wanderschaft gehen. Da wurde der älteste ein Weber, der zweite ein Schuhmacher, der dritte ein Sattler.

Bald war es so weit, daß Kasper als Handwerksgeselle seine Reise in die Welt hinaus antreten konnte. Die besorgte Mutter packte ihm in sein Felleisen alles, was er nötig brauchte: Handwerkszeug, Hemden und Strümpfe, dazu noch eine Joppe und ein Paar Schuhe für den Sonntag. Den übrigen Platz füllte sie ihm mit selbstgebackenen Küchlein aus, denn so war es damals in dem Ort Sitte. – »Und nun leb' wohl, mein Junge«, sagte sie, »bleibe fleißig und ehrlich, habe Anstand gegen jedermann, und wenn dir ein Armer begegnet, so teile mit ihm die Küchlein, die ich dir ins Felleisen gesteckt habe.« – Darauf nahm der älteste von der Mutter Abschied. Nachdem er einige Tage gewandert war, kam er in einen großen Wald. Da begegnete ihm eine alte Frau und bat ihn um etwas zu essen. Er aber sagte unwillig: »Scher dich fort! Was ich habe, das brauche ich selber!« und wollte seines Weges gehen. Doch er konnte keinen Schritt mehr weiter vorwärts tun; er mochte sich anstrengen, so sehr er wollte. Ratlos sah er sich nach der Frau um; aber die war verschwunden. Es war die Waldfrau gewesen, die da dem Webergesellen auf seinem Weg ins Glück erschienen war und ihn für seine unfreundlichen Worte mit ihrem Zauber gebannt hatte, so daß er so- fort nach Ilause umkehren mußte.

Rascher als man dachte, kam die Zeit heran, da der zweite Sohn ausgelernt hatte und seine Wanderschaft antreten sollte. Die Mutter packte auch ihm alles Nötige in sein Yelleisen, stopfle den übrigen Platz mit Küchlein aus und sprach: »Nun, Melcher, will ich doch sehen, wie weit d u kommen wirst. Sei ein rechter Kerl und zu allen Leuten gefällig und vergiß nicht, von deinen Küchlein ,herzugeben, wenn dich einer um etwas zu essen bittet.« Da nahm der zweite Abschied und wanderte dieselbe Straße, die das Jahr zuvor sein älterer Bruder gezogen war. Nach einigen Tagen kam auch er in den riesengroßen Wald und begegnete der Waldfrau. In der Gestalt des alten Weibleins trat es zitternd und am Stocke humpelnd zu ihm heran und bat ihn um ein Stück Brot. Er aber gab hart und finster zur Antwort: »Ich habe kein Brot! Ich habe nur Küchlein und die esse ich selber gern!«, und wollte weitergehen. Im nächsten Augenblick traf auch ihn der Zauberspruch der Waldfrau, so daß er keinen Schritt mehr vorwärts tun konnte und zu seiner Mutter zurückkehren mußte. Weder Kasper noch Meicher hatten aber zu Hause ein Wort darüber fallen lassen, warum sie schon nach wenigen Tagen so mißmutig und gedrückt heimgekommen waren.

Als wieder ein Jahr um war und die Mutter auch ihren jüngsten Sohn auf Wanderschaft gehen lassen sollte, da weinte sie und sagte: »Ach, mein lieber, kleiner Baltes, ich lasse dich mit einer großen Sorge im Herzen ziehen. Wenn es dir nur nicht ebenso geht wie deinen Brüdern! Ich habe dir alles, was du in der Fremde brauchst, in dein Felleisen geschnürt; achte immer gut darauf. Auch von den Küchlein, die du so magst, habe ich dir zugesteckt. Bleibe treu und gut und laß keinen, der in Not ist, dich vergebens um eine Gabe bitten.« Darauf trat der Jüngste wohlgemut seine Wanderschaft an. Nach etlichen Tagen kam er in den Wald, wo ihm die alte Frau, müde und schwach auf ihren Wurzelstock gebeugt, über den Weg humpelte und ihn um etwas zu essen bat. Sogleich nahm er sein Felleisen vom Rücken, machte es auf und schüttete ihr alle Küchlein, die er noch hatte, in den Schoß. Da sah ihn die' Waldfrau' freundlich an und sagte: »Weil du so gut gegen mich warst, so soll's dir auch gut gehen. Ich will dir eine Ente schenken, die hat goldene Federn und heißt ›Gute Gonda‹. Falls einmal einer sie dir stehlen oder ihr eine Feder ausreißen will, so brauchst du nur sagen: ›Gute Gonda! Es bleibe an dir hangen, was bei dir ist!‹ – alsbald gibt es für jenen kein Entkommen mehr; er muß mit, wohin die Ente geht.«

Baltes bedankte sich, nahm die Ente in Empfang und zog weiter durch den Wald. Während er so dahinging, sagte er sich in Gedanken ein um das andere Mal den Namen und das Sprüchlein vor, damit sie ihm ja nicht am Ende entfielen. So war es allmählich Abend geworden, als er vor einem Wirtshaus ankam, wo er übernachten und sein Abendbrot verzehren wollte. Als die Speisen aufgetragen waren, durfte auch die Ente mitessen. Sie saß neben Baltes auf dem Tisch und fischte sich die besten Fleischbrocken aus dem Teller heraus. Was da der Wirt und die Gäste für Augen machten! Und besonders die drei vornehmen Fräulein, die auch in dem Wirtshaus übernachten wollten. »Was für ein schönes Tierchen!« sagten sie bewundernd und baten und baten den Baltes, er solle ihnen doch eine Feder von seiner goldenen Ente schenken. Er schlug ihnen aber ihren Wu;nsch ab, denn er mochte seiner Ente die kostbaren Federn nicht ausrupfen. Da baten die drei Fräulein den Wirt, er solle sie heute nacht in dem Zimmer neben dem Fremden schlafen lassen, und er sagte es ihnen zu. Um Mitternacht, als die Mädchen dachten, der Baltes schlafe fest, stiegen sie leise aus ihren Betten und schlichen in sein Zimmer. Der Mond schien zum Fenster herein, gerade auf die goldene Ente, die neben ihres Herrn Bett auf dem Stuhle hockte, den Kopf unter den Flügel gesteckt. Gerade wollten ihr die drei Mädchen einige Federn ausrupfen, da schrie die Ente: »Quaak, quaak!« so laut sie nur konnte. Sogleich wachte Baltes auf und sprach: »Gute Gonda! Es bleibe an dir hangen, was bei dir ist!« Da mußten die drei Mädchen im Hemde die ganze Nacht bei der Ente stehenbleiben. Und als der Baltes am andern Morgen drunten frühstücken wollte und seiner Ente rief: »Gute Gonda, komm herunter und was bei dir ist!«, da mußten die Mädchen auch in die Wirtsstube herab und im Hemd frühstücken. Und als der Baltes darauf seines Weges weiterging, hatten sie keine andere Wahl als ihm und seiner Ente hintendrein zu laufen, mochte es auch gehen wohin es wollte.

Nach einiger Zeit kam Baltes in ein Dorf. Da schaute gerade der Pfarrer zum Fenster heraus, sah den Baltes mit der Ente und den drei Mädchen und rief: »Ei! Ei! Bedenkt doch, ihr großen Mädchen! Schämt ihr euch denn nicht, auf offener Straße im Hemd zu gehen?«, kam aus dem Haus gelaufen, faßte die letzte bei der Hand und wollte sie samt den beiden andern mit sich nehmen. Der Baltes aber sagte nur: »Gute Gonda, es bleibe an dir hangen, was bei dir ist!«, und da mußte der dicke Pfarrer ebenfalls mit, so sehr er sich auch wehrte und um Hilfe schrie.

Darauf zogen sie durch einen andern Ort, wo sieben Maurer an einem neuen Hause arbeiteten. Wie die den Zug sahen, liefen sie mit ihren Maurerkellen herbei und wollten die Mädchen befreien helfen. Der Baltes aber rief wieder seiner Ente zu: »Gute Gonda, es bleibe an dir hangen, was bei dir ist!« Da konnten die sieben Maurer nicht mehr weg und mußten auch mitziehen.

Als sie so eine Weile gegangen waren, kamen sie in eine Stadt, in der eine große Bäckerei war. Die Bäckergesellen sahen den wunderlichen Zug daherkommen, und als sie die drei Mädchen im Hemd erblickten, wollten sie ihnen beistehen. Sogleich kamen alle fünfunddreißig Gesellen mit ihren Backschaufeln aus dem Hause gesprungen und faßten zu. Baltes aber sprach nur: »Gute Gonda, es bleibe an dir hangen, was bei dir ist!«, und da mußten sich auch die fünfunddreißig Bäckergesellen dem Zug anschließen.

Am Abend kehrte Baltes mit seiner goldenen Ente und ihrem lustigen Anhang in einem Wirtshaus ein, um zu übernachten. Er ließ sich ein Nachtessen richten und unterhielt sich hernach beim Wein noch eine Zeitlang mit ein paar vornehmen Gästen aus der Stadt. Dabei vernahm er eine gar sonderbare Kunde; Der König habe eine Tochter, so erzählte einer, die sei so ernst, daß sie in ihrem Leben noch nie gelacht habe. Darum habe der König beschlossen, daß derjenige die Prinzessin zur Frau bekommen solle, der sie zum Lachen bringen könne. »Ei, das wäre was für mich!« dachte da der Baltes bei sich. »Eine Königstochter zur Frau haben, würde mir nicht übel passen!« Ging also am andern Morgen ins Schloß, meldete sich beim König und sagte, er, der Baltes, getraue sich wohl, die Prinzessin zum Lachen zu bringen. Darüber war der König sehr erfreut und hieß ihn am andern Tag um zehn Uhr mit seinen Leuten vors Schloß kommen.

Es war ein herrlicher Sommermorgen. Die Sonne strahlte hell und warm, und in den Parkbäumen sangen die Vögel um die Wette. Die schöne Königstochter stand mit ihren Hoffräulein auf dem Altan und sah von dort herab den seltsamen Zug in den Schloßhof einziehen: die goldene Ente, die drei Jungfern im Hemd, den dicken Pfarrer, die sieben Maurer mit ihren Kellen und die fünfunddreißig Bäckergesellen mit ihren Schaufeln; alle aneinanderhängend wie bunte Perlen an einer Schnur. »Ei,so was! Ei, so was!« jauchzte die Prinzessin und mußte sich vor Lachen wahrhaftig an ihrer Kammerjungfer festhalten. Sie lachte, daß ihr die Tränen nur so über die Backen herunterkugelten. Als dies der König sah, war er froh und sprach: »Wie bin ich nun auf meine alten Tage glücklich, daß mein liebes Töchterchen das Lachen gelernt hat.« Dann ging er selber in den Schloßhof hinunter, bedankte sich beim Baltes, ließ ihn schöne und kostbare Kleider anlegen und führte ihn der Prinzessin entgegen. Wurde das eine herrliche und fröhliche Hochzeit! Die Prinzessinbraut lachte und strahlte wie die aufgehende Sonne, und sie lachte von nun an viel und von Herzen gerne; besonders als sie übers Jahr ein Kind auf ihren Armen wiegte. Als der alte König starb, wurde Baltes sein Nachfolger und regierte an der Seite seiner lieben Königin viele Jahre in Glück und Frieden.

 


 

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