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Schwäbische Volksmärchen

: Schwäbische Volksmärchen - Kapitel 19
Quellenangabe
titleSchwäbische Volksmärchen
authorUnbekannte Verfasser
typefairy
booktitleDas Wunderschiff - Schwäbische Volksmärchen
year1941
publisherHohenstaufen-Verlag, Stuttgart
editorFranz Georg Brustgi
pages24-33
senderhille@abc.de
created20080601
modified20170915
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Die drei Schwäne

Einem Jäger war ein Jahr nach der Hochzeit seine junge Frau gestorben, und darüber war er nun sehr betrübt. Wenn er so einsam durch Stube, Kammer und Küche ging, meinte er immer, daß ihm seine liebe Frau begegnen müßte, und weil er sie auf diese Weise Tag und Nacht nicht mehr aus seinen Gedanken verlor, hielt er es im Hause nicht mehr aus und streifte oft tagelang draußen im Walde umher. Er wußte wohl, daß er nicht allein bleiben konnte, sondern wieder heiraten mußte; aber er sorgte sich ab und zweifelte daran, ob er noch einmal eine Frau finden werde, die er ebenso lieb haben könne wie seine erste.

Als er eines Tages wieder so in Gedanken dahin ging und immer tiefer in den dunkeln Wald hineingeriet, kam er endlich zu einer kleinen, strohgedeckten Hütte. Er trat ein und fand darin einen alten Mann, der über ein Buch gebeugt am Tische saß und las. Der Alte begrüßte ihn freundlich und fragte, was ihn hierher in seine Waldhütte führe. Da klagte ihm der Jäger sein Leid: daß er seine Frau verloren habe und nun so einsam lebe und nicht wisse, ob er noch einmal glücklich sein werde. »Aus dieser Not wird dir wohl zu helfen sein«, sagte der Greis. »Über eine kleine Weile werden drei weiße Schwäne geflogen kommen und sich in der Nähe der Hütte niederlassen. Betrachte sie dir genau! Sie werden dann zum Weiher fliegen und, ehe sie ins Wasser gehen, ihre Federkleider ausziehen und ans Ufer legen. Sobald sie draußen auf dem See schwimmen, mußt du dich heimlich heran machen und unbemerkt eines der Schwanenkleider nehmen und damit hierherkommen.«

Kaum hatte der Alte dies gesagt, kamen drei schneeweiße Schwäne dahergerauscht, ruhten eine Weile aus und flogen dann weiter zu dem benachbarten Weiher. Als sie aber ihre Federkleider abgelegt hatten, waren sie in drei wunderschöne Jungfrauen verwandelt, stiegen ins Wasser und schwammen weit hinaus in den See. Da schlich der Jäger hin, nahm heimlich das Kleid des einen Schwans und brachte es dem Alten in die Hütte. Unterdessen waren die drei Schwanenjungfrauen wieder ans Ufer gestiegen. Aber nur noch zwei fanden ihre Federgewänder und konnten sich wieder in Schwäne zurückverwandeln; die dritte aber mußte zur Waldhütte und dem Jäger, der ihr Kleid an sich genommen hatte, in sein Haus folgen. Dort gefiel es ihr recht wohl, sie blieb bei ihm und wurde bald seine liebe Frau.

Ehe der Jäger aber damals von dem alten Mann in der Waldhütte Abschied nahm, hatte der ihn gemahnt, das Schwanenkleid gut zu verstecken. »Das wird mein erstes sein, wenn wir nach Hause kommen, und ich will's so gut verwahren, daß keines Menschen Auge es entdecken wird!« hatte der Jäger geantwortet. Nun lebte er schon viele Jahre lang froh und glücklich mit seiner Frau und den drei Kindern, die sie ihm schenkte. Eines Morgens aber, als er wie immer in den Wald ging, hatte er unbedachterweise den Schlüssel in der Truhe steckenlassen, darin das Schwanenkleid verborgen lag. Dort fand es sein Weib, das schon oft Janach gesucht hatte, gedachte der Zeit mit den Schwestern, zog das Gefieder an und flog als Schwan davon, weit fort über den großen Wald. Als der Mann am Abend heimkam, war seine Frau verschwunden. Er mochte suchen und rufen, solange er wollte, sie war nirgends aufzufinden, und auch die Kinder wußten nicht, wohin ihre Mutter gegangen war.

Da begab sich der Jäger wieder in den fernen Wald zu dem alten Mann und klagte ihm sein Unglück. »Du hast das Schwanenkleid nicht gut verwahrt«, sagte der Greis; »sie hat es gefunden und ist damit fortgeflogen.«

»Ach!« fragte der Jäger traurig, »ist es denn gar nicht mehr möglich, daß ich sie wieder bekomme?« – »Möglich ist es wohl«, sprach da der Alte, »aber jetzt ist es gefährlich, sie zu erlangen; es kann dir leicht das Leben kosten!« – »Was gilt mir mein Leben ohne meine liebe Frau!« sagte der Jäger. – »Gut«, sprach darauf der Greis, »so will ich dir meine Hilfe nicht versagen: du mußt zuerst versuchen, in das Schloß zu gelangen, in dem deine Frau jetzt wohnt. Das wird am besten so gehen: Sie hat im Stalle ein paar Esel, die jeden Tag in der Mühle im Tal drunten Mehl holen. Geh also zu dem Müller und bitte ihn, dich in einen Mehlsack zu stecken und den dann einem der Esel aufzuladen. Bist du einmal im Schloß, so ist das Gröbste gewonnen; das Weitere wirst du dann schon von deiner Frau erfahren.«

Der Jäger dankte dem alten Mann von Herzen und begab sich darauf in die Mühle. Für ein gutes Trinkgeld steckte ihn der Müller gern in einen Mehlsack und so gelangte er nun auf dem Rücken eines Esels wohlbehalten in den Burghof hinauf. Dort stellte der Knecht den Sack in eine Ecke nahe beim Eingang zum Schloßgebäude. Als es dämmerte und im Hof immer ruhiger wurde, dachte der Jäger, er werde nun unbemerkt aus dem Sack schlüpfen können. Kroch also leise und vorsichtig daraus hervor und – seiner Frau geradeswegs vor die Füße. Sie hatte den großen Sack von ihrem Fenster aus gesehen und wollte eben nachschauen, was Besonderes darin war. Wie freute sie sich da, als sie so unerwartet ihren Mann wiedersah! Und auch der Jäger war überglücklich, schloß sie in die Arme und küßte sie. »Liebe Frau«, bat er, »komm wieder zurück zu mir und deinen Kindern!« – »Wie gerne wollte ich das!« sagte sie. »Aber es wird nicht leicht sein. Ehe wir glücklich miteinander leben können, mußt du die drei Drachen dieses Schlosses besiegen. Drei Tage hintereinander werden sie dir in immer wieder anderen Gestalten entgegentreten und dich quälen und bedrohen. Sprichst du nur ein einziges Wort, so werden sie dich umbringen! Wenn du aber aushältst ohne einen Laut von dir zu geben, so können sie dir nichts anhaben, und ich werde frei und ganz dein eigen sein.« – »Sei ohne Sorge, liebe Frau!« sagte da der Jäger voller Freude und Zuversicht, »die Liebe zu dir wird mich so stark machen, daß mir selbst die bösen Drachen nichts anhaben können!«

Am ersten Tag krochen drei große Schlangen auf den Jäger zu und wanden sich ihm um Beine und Leib, so daß er sich nicht mehr rühren konnte. Sie zischten ihn mit böse funkelnden Augen an und drohten ihn mit ihren giftigen Zähnen zu beißen. Weil er sich aber nicht fürchtete und alles, ohne einen Laut von sich zu geben, ertrug, hatten sie keine Macht über ihn, ließen von ihm ab und verschwanden.

Am andern Tag hüpften drei riesige Kröten gegen ihn an und bespien ihn mit feurigen Kugeln. Obwohl diese Pein schier nicht zum Aushalten war, nahm er doch seine Kraft bis aufs letzte zusammen und verbiß schweigend alle Schmerzen. Da mußten endlich auch die Kröten aufhören, ihn zu quälen, und machten sich davon.

Am dritten Tag aber stürzten sich drei ungeheure, beflügelte Drachen auf den Jäger und nahmen ihn frei in ihre weit aufgesperrten Rachen. Da wurde ihm heiß und bang, und er meinte, das Grausen und Quälen nicht länger ertragen zu können und laut hinausschreien zu müssen. Doch aus Liebe zu seiner Frau ertrug er's doch. Und als die dritte Probezeit um war, standen plötzlich an Stelle der drei Drachen drei schöne Frauen vor ihm. Das waren die drei verwunschenen Schwanenjungfrauen, die er jetzt alle miteinander befreit hatte. Nun war der Jäger froh, daß er seine Frau wieder hatte, und auch sie war glücklich und weinte vor Freude, als sie ihre drei lieben Kinder wiedersah. Sie blieben nun auf dem Schloß, behielten auch die beiden Schwestern bei sich und lebten in Frieden und Freude bis an ihr Ende.

 


 

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