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Schwäbische Volksmärchen

: Schwäbische Volksmärchen - Kapitel 18
Quellenangabe
titleSchwäbische Volksmärchen
authorUnbekannte Verfasser
typefairy
booktitleDas Wunderschiff - Schwäbische Volksmärchen
year1941
publisherHohenstaufen-Verlag, Stuttgart
editorFranz Georg Brustgi
pages24-33
senderhille@abc.de
created20080601
modified20170915
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Hui, in meinen Sack!

Ein armer Handwerksgeselle war schon lange auf der Wanderschaft und hatte nur noch drei Kreuzer in der Tasche. Während er so dahinschritt, vertrieb er sich ein wenig die Zeit, indem er die Kupfervögel gegeneinander klimpern ließ und im Takt dazu ein Liedlein pfiff. Dabei dachte er: »Was soll ich wohl mit ihnen anfangen? Große Sprünge kann ich nicht mit ihnen tun. Ich will mir dafür im nächsten Ort ein Päckchen Tabak kaufen, das ist das Beste; denn Rauchen vertreibt die Langeweile und den Hunger.« – Er konnte in der Ferne schon die ersten roten Dächer zwischen den Obstbäumen leuchten sehen, da begegnete ihm ein anderer Handwerksbursche und bat ihn um eine kleine Gabe. »Du hast Glück, Kamerad«, sagte er und gab ihm einen Kreuzer. Über eine kleine Weile kam ein zweiter daher und sprach ihn auch um eine Gabe an. – »Du hast mehr als Glück, Bruder«, sagte er und drückte ihm den zweiten Kreuzer in die Hand. Es dauerte aber nicht lange, da begegnete ihm noch ein dritter und bat ihn um einen Zehrpfennig. Da holte der arme Handwerksbursche den letzten Kreuzer aus seiner Tasche, ließ ihn in der offenen Hand blinken und sagte: »Du bist wahrhaftig ein Sonntagskind! Sieh her, das ist alles, was ich noch habe. Aber sei's drum; da hast du ihn.« – Dieser dritte Bettler war aber niemand anders als Gott selbst, und er sagte zu dem freigebigen Handwerksburschen: »Zum Dank für deine Gabe will ich dir drei Wünsche gewähren; sag, was du wünschest und überlege es dir gut.« Da dachte der Handwerksbursche eine Weile nach und sagte: »So wünsch' ich zum ersten, daß mir der Tabak nie ausgeht und gleich von selbst brennt, sobald ich die Pfeife in den Mund nehme. Zum andern wünsche ich, daß alles in meinen Sack fahren muß, wenn ich rufe: ,Hui, in meinen Sack!' Mein dritter Wunsch aber ist ein hohes und geruhsames Alter.« – »Es soll dir alles gewährt werden«, sagte Gott, verabschiedete sich und ging weiter.

Der Handwerksbursche nahm gleich sein Haselholzpfeifchen aus der Tasche, steckte es in den Mund und fing an zu ziehen. Da glühte und dampfte es, daß es eine Lust war, und wie oft und wie lange er auch rauchte, der Tabak ging ihm nie aus. Am Abend kam er in eine Stadt, suchte ein gutes Wirtshaus und aß und trank, was ihm schmeckte. Am Nebentisch säßen reiche Kaufleute. Als sie ihre Zeche bezahlten und so verlockend blanke Goldstücke wechseln ließen, dachte der Handwerksbursche: »Du solltest doch einmal deinen Sack probieren!« und sprach leise vor sich hin: »Hui, in meinen Sack!« Im selben Augenblick spürte er auch schon, daß sein Sack schwerer geworden war. »Jetzt ist's gut! Jetzt bist du ein gemachter Mann!« dachte er und pfiff sich eins. Die Kaufleute. aber merkten nicht, was geschehen war. Auf diese Weise verschaffte sich der Handwerksbursche Geld, sooft es ihm ausging, und zog mit seiner qualmenden Tabakspfeife im Mund vergnügt durch die Welt.

Eines Tages, als er sich rechtschaffen müde gelaufen hatte, kam er noch spät in ein kleines Dorf und wollte im einzigen Wirtshaus übernachten. Doch alle Zimmer waren schon von Fremden besetzt. »Ach, ich bin so todmüde. Seid so gut, Herr Wirt, und beherbergt mich diese Nacht; ich will es Euch gut lohnen«, bat der Handwerksbursche. Der Wirt aber sagte: »Es ist unmöglich. Ich wüßte im ganzen Haus kein Plätzchen, wo ich Euch hinlegen sollte. Einen Platz, ja, den hätte ich noch für Euch, drüben in dem alten Schloß, das ich vom Grafen gekauft habe; aber darin kann niemand übernachten.« – »Warum nicht?« fragte der Handwerksbursche. – »Weil keiner, der es am Abend betritt, am andern Morgen wieder daraus hervorkommt!« – »Oh«, sagte da lächelnd der Bursche, »laßt mich nur hinein; mir wird nichts geschehen.« – »Wenn Ihr meint; ich halt' Euch nicht und wünsch' Euch für die Nacht alles Gute«, sagte der Wirt und gab ihm den Schlüssel zum Schloß. Der Bursche trat ohne Furcht ein, suchte sich das beste Zimmer aus, riegelte die Türe zu, legte sich ins Bett und schlief ein. Plötzlich, die Uhr schlug gerade Mitternacht, erwachte er: Qanz deutlich pochte es an die Tür. »Wer da?« fragte er; aber er bekam keine Antwort. Es klopfte nur um so heftiger draußen. Endlich sprang die Tür krachend auf und ein schreckliches Gespenst trat herein, kam mit gefletschten Zähnen auf ihn zu und wollte ihn zerreißen. Doch der Handwerksbursche war schnell besonnen, rief nur: »Hui, in meinen Sack!« – und schon saß das Gespenst mucksmäuschenstill in dem Sack und konnte nicht mehr heraus. Nun legte er sich wieder aufs Ohr und schlief ruhig bis zum andern Morgen. Sobald er aber wach war und sich angezogen hatte, nahm er seinen Knotenstock und schlug damit so lange auf den Sack los, bis sich nichts mehr darin rührte. »So, magst du meinethalben gewesen sein, wer du willst, – genug hast du auf jeden Fall!« sagte der Bursche und warf den Sack mitten hinein in den Schloßteich. Seit dieser Nacht hat sich das Gespenst in dem alten Schloß nicht wieder sehen lassen. Zum Dank dafür durfte der Handwerksbursche bei dem Wirt bleiben und hatte es sein Leben lang vollends gut bei ihm, und so ist ihm also auch sein dritter Wunsch in Erfüllung gegangen.

 


 

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