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Schwäbische Volksmärchen

: Schwäbische Volksmärchen - Kapitel 17
Quellenangabe
titleSchwäbische Volksmärchen
authorUnbekannte Verfasser
typefairy
booktitleDas Wunderschiff - Schwäbische Volksmärchen
year1941
publisherHohenstaufen-Verlag, Stuttgart
editorFranz Georg Brustgi
pages24-33
senderhille@abc.de
created20080601
modified20170915
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Die Prinzessin und die Nixe

Es war einmal eine Königin, die wohnte in einem herrlichen Schloß inmitten eines großen, schönen Parkes. Darin ging sie jeden Tag zu ihrer Freude und Erholung eine Stunde spazieren. Am liebsten aber hielt sie sich an dem blauen See auf, der hinter Wald und Weidengebüsch versteckt lag. Vom klaren Seegrund herauf hatte die Nixe ihr schon manchmal heimlich zugesehen und die schöne Menschenfrau liebgewonnen, und als nun die Königin eines Tages wieder am Ufer saß, tauchte die Wasserfrau auf, setzte sich zu ihr und unterhielt sich freundlich mit, ihr. Sie trafen sich nun öfters an diesem Ort und wurden zuletzt so vertraut miteinander, daß die Nixe bat, sie möchte einmal Patin bei ihrem ersten Töchterchen werden. Die Königin nahm dieses Anerbieten dankbar an, und als sie nicht lange danach ein Mädchen gebar, lud sie die Nixe herzlich zum Tauffest ein. Als der Tag da war, und die Königin alles gerichtet hatte, ging die Tür auf und die Nixe trat herein. Ihr Gesicht war so weiß und rein wie das der Wasserlilie, und ein zarter, silbergrauer Schleier umhüllte ihre Gestalt. Sie hielt das Kind zur Taufe, legte ihm als Patengeschenk drei kleine Vogeleier in die Wiege und sprach: »Bewahrt sie immer gut auf; sie könnten dem Kinde einmal nützlich werden!« Dann verschwand sie vor aller Augen wie ein leichter Nebelhauch. Die kleine Prinzessin war noch keine zwei Jahre alt, da starb die Mutter am bösen Fieber, und der König nahm bald darauf eine andere Frau. Die Stiefmutter aber konnte das Kind der Verstorbenen nicht leiden, bekümmerte sich nicht viel darum und überließ es Tag und Nacht einer Amme. Das Mädchen ging oft mit der kleinen Prinzessin im Park spazieren und ließ sie manchmal stundenlang ganz allein in der Nähe des Sees spielen. Da kam jedesmal die Nixe ans Ufer gestiegen, hütete sorgsam ihr Patenkind und erzählte ihm allerlei schöne und lustige Geschichten. Als die junge Königstochter herangewachsen war, geschah eines Tages ein schreckliches Unglück: Während ein Gewitter über das Land niederging, fuhr der Blitz in das Haus, tötete den König und legte das ganze Schloß in Schutt und Asche. Zum Glück hatte die Prinzessin die drei Vogeleier gerettet. Mit ihnen eilte sie nun in ihrer großen Not hinaus an den See, rief der Patin und erzählte ihr von dem Unglück, das geschehen war. Aber die Nixe tröstete sie: »Solange du die drei Vogeleier verwahrst, bist du immer noch reich genug! Sie bergen drei Wünsche, die dir, sobald du sie aussprichst, in Erfüllung gehen. Doch verschwende sie nicht leichtfertig, sondern bewahre dir den letzten für den Notfall auf!« Die Prinzessin bedankte sich herzlich bei der guten Patin und versprach, ihren Rat wohl zu beachten. »Und nun gehe durch diesen Wald«, sprach die Nixe. »Du wirst bald zu einem schönen Schlosse kommen. Da gehe hinein und verdinge dich als Magd; es wird dein Schaden nicht sein.« Nun wanderte die Königstochter mutterseelenallein in den großen, dunkeln Wald. Einen Tag lang war sie schon unterwegs, da begegnete sie einem einfachen Bauernmädchen. Und weil sie in Sorge war, daß man sie im Schlosse an ihren vornehmen Kleidern erkennen könnte und darum nicht zur, Magd nehmen würde, fragte sie das Mädchen, ob es nicht Lust habe, seine Bauernkleider gegen die ihrigen einzutauschen. »Ei, warum nicht, liebes Fräulein!« antwortete das Bauernmädchen, und tauschte ihr graues Werktagskleid gegen das schöne seidene Gewand der Königstochter. »Nun wird mich niemand erkennen«, dachte die Prinzessin bei sich, und wanderte weiter durch den großen Wald, bis sie endlich zu dem Schlosse kam, dem sie schon von außen ansah, daß darin ein König wohnen mußte. Sie trat ein und fragte, ob man keine Magd brauche. O ja, man könne schon eine brauchen, hieß es. Weil sie aber gar zu jung und zart aussah, wollte man sie erst nicht nehmen. Sie aber gab nicht nach, verlangte nur geringen Lohn und versprach, alle Arbeiten in Haus und Hof zu tun. Da durfte sie endlich bleiben und 'mußte mit ihren feinen weißen Händen die härteste Arbeit verrichten, so daß sie davon bald ganz rauh und sonngebräunt wurden. Aber sie schaffte willig und fleißig und war stets freundlich gegen jedermann. Und so hatte sie es auch gut im Schloß, und ehe sie sich's recht versah, waren sieben Jahre dahingegangen. Da gedachte der junge Sohn des Königs sich zu verheiraten, und um sich die schönste Frau aussuchen zu können, veranstaltete er ein großes Fest, zu dem alle adeligen. und vornehmen Töchter des Landes eingeladen wurden. Wie nun die Gäste nacheinander in prächtigen Kleidern im Schlosse eintrafen, dachte die Prinzessin, die in der Küche drunten ihre geringen Magddienste tat: »Es wäre doch schön, wenn ich auch in dem herrlich geschmückten Saal beim Tanze sein könnte.« Traurig saß sie in der Ecke neben dem Herde und sann vor sich hin. Da fielen ihr plötzlich die drei Wunscheier ein, und weil sie ihrem Verlangen gar nicht widerstehen konnte, schlich sie heimlich in ihre Kammer hinauf, wusch und kämmte sich und wünschte dann ein silbernes Kleid mit allem Schmuck, der dazugehörte. Im Augenblick lag alles auf dem Stuhle und war schöner, als sie es sich je hätte träumen lassen. Fröhlich zog sie es an, beschaute sich erst noch einmal im Spiegel und eilte dann in den Saal. Das schöne unbekannte Fräulein gefiel dem Königssohn so gut, daß er sich den ganzen Abend am liebsten mit ihr unterhielt und auch am meisten mit ihr tanzte. Während er aber wieder einmal eines der adeligen Fräulein zum Tanze führte, schlich sie heimlich aus dem Saal und in ihre Schlafkammer. Dort versteckte sie das prächtige Kleid unter dem Bett, zog wieder ihr schlichtes, graues Kleid an und tat ihre Arbeit wie zuvor. Nach vier Wochen gab der Königssohn wiederum ein Fest, und wie die Mägde einander erzählten, wollte er sich an diesem Abend seine zukünftige Frau aussuchen. Als es dunkel wurde, eilte die Prinzessin in ihre Kammer und tat den zweiten Wunsch. Diesmal wünschte sie sich ein Kleid aus Gold, goldene Schuhe und einen Schmuck aus den allerkostbarsten Diamanten. Im Augenblick lag alles auf dem Stuhle, sie zog es an und trat in den festlich beleuchteten Saal. Da staunten die Damen und Herren noch viel mehr als das erstemal über das wunderschöne fremde Fräulein; am meisten aber der junge Königssohn selber. Der wich den ganzen Abend nicht mehr von ihrer Seite und gestand ihr am Ende, daß er sie lieber habe als alles auf der Welt. Und wenn auch sie ihn liebhaben könne, so wolle er heute noch mit ihr Verlobung feiern. Sie aber antwortete: Das wäre alles recht und gut, doch sie fürchte, daß ihn sein Wort gereuen werde, wenn er erfahre, wer sie sei. – »Nein! Und tausendmal nein!« sprach da der Prinz. »Mögest du auch sein, wer du willst: ich habe niemand so lieb wie dich und kann ohne dich nicht mehr leben!« Da sagte sie endlich ja und dankte ihm mit einem Kuß für den Ring, den er ihr zum Zeichen des Verlöbnisses an den Finger steckte. Weil er sie aber so sehr liebte, wollte er sie so bald wie möglich für immer bei sich haben und sprach: »In vier Wochen soll die Hochzeit sein! Da werde ich dich mit vier schneeweißen Schimmeln in meiner goldenen Kutsche abholen! Darum sage mir, wo du wohnst und wie deines Vaters Burg heißt.« – »Ach«, sagte sie, »laß mich so wie bisher unerkannt und zu Fuß aufs Schloß kommen. Wenn wir uns dann zum dritten Male wiedersehen, sollst du alles erfahren.« Dann verließ sie den Saal, ging heimlich in ihre Kammer, bewahrte das kostbare Gewand gut auf und zog wieder ihr einfaches Küchenkleid an. Wie im Fluge gingen die Wochen vorbei, und ehe die Prinzessin es recht bedacht, war der Hochzeitstag da. Sie hätte sich eigentlich von Herzen darüber freuen müssen; doch im Gegenteil: sie wurde traurig und verzagt, denn ihr fiel mit einemmal ein, daß sie das dritte und letzte Wunscheilein brauchte, wenn sie in einem weißen Kleide, so wie es Sitte war, zum Hochzeitsfest erscheinen wollte. Was sie aber ihrer Patin, der guten Nixe, beim Abschied versprochen, das wollte sie halten: der letzte Wunsch sollte aufbewahrt bleiben für den Fall der höchsten Not, aus der es keine andere Rettung mehr gab. So legte sie also das Wunschei in das silberne Döschen zurück und blieb als schlichte Magd in der Küche, obgleich sie als Königsbraut im Saale hätte prunken können. Dort aber stand der Bräutigam und wartete und wartete Stunde um Stunde und wurde immer trauriger und unglücklicher., weil seine liebe Braut nicht kam. Und als die, ganze Nacht und auch noch der andere Tag und der übernächste vorüberging, ohne daß sie erschienen war, dachte der Königssohn, seine Braut sei gestorben und auf immer von ihm gegangen. Da wurde er krank aus Kummer und Herzensnot, lag in schwerem Fieber, und kein Arzt konnte ihm helfen. Davon hörte auch die Prinzessin in der Küche. Jetzt machte sie sich bittere Vorwürfe, daß sie den letzten Wunsch zurückbehalten hatte und nicht zur Hochzeit erschienen war. Nun lag der arme Prinz zum Tode krank darnieder, und sie allein trug die Schuld daran. Und, sie liebte ihn doch so sehr. Tag und Nacht dachte sie nur an ihn, weinte und sann darüber nach, wie sie ihm helfen und sich ihm zu erkennen geben könnte. Da fiel ihr das aufbewahrte letzte Wunschei ein, und sogleich war sie wieder froh und voll Glück und Zuversicht. Sie nahm es behutsam aus dem Döschen und sprach: »Ich möchte dem Königssöhn, meinem Liebsten, helfen!« Dann bereitete sie eine schmackhafte Suppe, goß sie in eine silberne Schüssel und warf ihren Brautring hinein. Ungesehen stieg sie die Treppe empor, klopfte an die Türe zum Krankenzimmer und trat leise ein. – »Was bringst du mir da?« fragte mit matter Stimme der Königssohn. »Eßt diese Suppe, lieber Prinz. Sie wird Euch gut tun«, sagte sie liebevoll. Und obwohl er zuerst müde und abweisend den Kopf schüttelte, versuchte er sie zuletzt doch, erst einen Löffel voll und dann noch einen, und allmählich schmeckte ihm die Suppe so gut, daß er die Schüssel ganz ausaß. Da sah er auf ihrem Grunde den Ring liegen, den er einst seiner Braut geschenkt hatte. »Wo ist sie, die den Ring in diese Schüssel warf? Gehe, Mädchen, und suche sie und führe sie eilends zu mir. Ich will es dir reichlich lohnen!« – Froh eilte die Prinzessin in ihre Kammer, legte das goldene Kleid und den kostbaren Schmuck an und trat so vor das Bett des Kranken. Da erkannte der Prinz seine Braut, umarmte und küßte sie und fühlte sich im Augenblick gesund. Die Braut aber sprach und spielte dabei ein wenig die Erzürnte: »Hast mich beim Tanze damals so oft und lange angesehen und mich doch nicht erkannt und geliebt, als ich im schlichten Magdkleide vor dir stand! Habe ich nicht recht gehabt, als ich dir sagte, du würdest mich nicht zur Frau nehmen, wenn du wüßtest, wer ich sei? Soll eine Königstochter nicht auch einmal im grauen Kleide gehen und Magddienste tun?« Da schloß er ihr den Mund mit einem Kusse und bat sie tausendmal um Verzeihung, und nach sieben Tagen hielten sie Hochzeit und waren ihr Leben. lang das glücklichste Königspaar, von dem uns seit uralten Zeiten das Märchen zu erzählen weiß.

 


 

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