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Schwäbische Volksmärchen

: Schwäbische Volksmärchen - Kapitel 15
Quellenangabe
titleSchwäbische Volksmärchen
authorUnbekannte Verfasser
typefairy
booktitleDas Wunderschiff - Schwäbische Volksmärchen
year1941
publisherHohenstaufen-Verlag, Stuttgart
editorFranz Georg Brustgi
pages24-33
senderhille@abc.de
created20080601
modified20170915
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Der gute schlaue Philipp

Zu den Zeiten, als der Herr noch mit seinen Jüngern in schlichtem Gewand und unerkannt auf Erden wandelte, kam er auch einmal mit den Zwölfen in ein kleines Bauerndorf im Allgäu und bat dort bei den reichen Bauern um Nachtherberge. Von allen aber wurden die Bittenden mit allerhand Ausreden und groben Worten abgewiesen. Der Bauer im letzten Hause rief ihnen noch durchs Fenster nach: draußen vor dem Ort in der kleinsten Hütte wohne ein alter Wittiber, der Philipp; der pflege solcherlei Leute, wie sie seien, übernachten zu lassen; den sollten sie einmal fragen. Der alte Philipp kochte gerade für sich das Nachtessen, als die dreizehn vor seiner Hütte ankamen und um ein Nachtquartier fragten. Der Alte lächelte und sagte: »No ja! Das wäre alles schon recht, wenn, ich nur so viel Platz hätte, um euch alle beherbergen zu können. Für sechs Mann könnte es am Ende reichen.« Sie wollten aber alle gerne hierbleiben. »No ja! So schauet in Gottes Namen, wie ihr's mit dem Liegen macht«, meinte Philipp; »ich will mal im Ort drin Stroh betteln, damit ihr's euch auf meinem Stubenboden bequem machen könnt. Will mich auch nach Pferdedecken umschaun, damit ihr was zum Zudecken habt.«

Am andern Morgen stand der gute Philipp früh auf und kochte für seine dreizehn Gäste, soweit sein kleiner Vorrat reichte. Als sie gegessen hatten, wollten sie sich für die freundliche Bewirtung auch erkenntlich zeigen, und also sagte Petrus als ihr Wortführer: »Höre, Philipp! Du darfst drei Wünsche tun; die werden dir in Erfüllung gehen.« – No ja, dachte Philipp bei sich, was soll ich mir jetzt geschwind wünschen? Er hüstelte ein paarmal verlegen und sagte dann: »No ja! So wünsche ich fürs erste, daß ich noch fünfhundert Jahre lang so bleibe, wie ich jetzt gerade bin; fürs zweite, daß mein Birnbaum vor dem Haus allzeit Birnen trägt und daß jeder, der auf ihn steigt, nicht wieder herunter kann, ehe ich's ihn heiße, und zum dritten, daß der, der ohne meinen Willen in meinen Altvatersessel dort am Ofen sitzt, sich nicht mehr daraus erheben kann.« – »Soll geschehen!« sagte der Herr und wanderte mit seinen Zwölfen weiter.

Als die fünfhundert Jahre um waren, kam der Tod zu Philipp. Es war Herbst und Philipp wollte eben die Birnen schütteln. Der Tod sagte: »Höre, Philipp! Die fünfhundert Jahre sind jetzt um und nun heißt's für dich: mit mir gehen!« – »No ja! Ei, ei! Schon?« erwiderte Philipp aufgeräumt. »Ich sollte doch noch vorher meine Birnen schütteln.« –»Gut!« sagte der Tod. »Aber du machst mir zu langsam, alter Freund! Ich will für dich auf den Baum steigen und die Birnen schütteln, damit wir schneller fertig werden.« Der Philipp ließ es zu. Stieg also der Tod auf den Birnbaum und schüttelte nach Kräften; und Philipp las die Birnen auf und trug sie ins Haus. Hernach wollte der Knochenmann wieder vom Baum heruntersteigen; er brachte es aber nicht fertig, so sehr er sich auch abmühte. Da bat er den Philipp um Hilfe. Philipp aber sagte seelenruhig: »No ja ... Ich hab' dich nicht hinaufklimmen heißen. Also bleib, wo du bist!« Der Tod bettelte und flehte, er möge ihn doch wieder herabsteigen lassen. Endlich sagte Philipp: »No ja! Gut, ich will's tun, wenn du dich nicht eher bei mir blicken läßt, als bis wieder fünfhundert Jahre vergangen sind!« Was konnte der Tod auf dem Birnbaum anders tun, als ja sagen? Er mußte dem Philipp sein Wort geben und weiter ziehen. Der alte Philipp aber lebte weiterhin glücklich und zufrieden in seiner kleinen Hütte und begnügte sich mit den Birnen, die ihm der Baum in seinem Garten trug.

Auch die zweiten fünfhundert Jahre gingen herum. Da stellte sich eines Morgens der Tod wieder ein und sprach: »So, Philipp, diesmal erwischst du mich nicht! Mach dich bereit!« –»Noja, wird nicht so pressieren, Meister Tod«, meinte er. »Laß mich noch den Bart schaben, dann wollen wir gehen.« Der Tod sagte: »Meinetwegen«, und setzte sich aus Langerweile in den Ohrenstuhl am Ofen. Weil ihm aber der Philipp gar zu lang brauchte, wollte er ihn ohne viel Federlesen am Arm packen und mitnehmen. Doch, o weh! – Er vermochte sich nicht aus dem Sessel zu erheben, und wenn er sich auch noch so sehr anstrengte. Er flehte den Philipp an, er solle ihn doch aus dem Sessel befreien. Der aber sagte: »No ja! Das will ich tun, wenn du dich abermals nicht eher bei mir blicken läßt, als bis fünfhundert Jahre vergangen sind.« Und der Tod mußte noch einmal fünfhundert Jahre dreingeben!

Als aber die um waren, half dem schlauen Philipp keine List mehr, und er ging willig mit dem Tod in die Ewigkeit. »No ja, führe mich zuerst in die Hölle«, sagte er; »Will doch auch sehen, wie's da zugeht.« Als sie vor dem Höllentor ankamen, schrien die Teufel: »Heio! Tod! Was bringst du uns denn da für einen Kerl?« – »Ei«, entgegnete der unwirsch, »fragt ihn doch selber; er ist alt genug zum Schwätzen!« Da fragten die Teufel den Philipp, wer er sei. »No ja, wer ich bin?« sagte der Philipp. »Ein Spieler und Säufer.« Da stimmten die Teufel ein gewaltiges Gelächter an, und ihr Oberster fragte ihn: »Hör', Alter, hast du keine Würfel bei dir?« – »O ja!« sagte Philipp, »was gilt's?« – »Eine arme Seele«, lachte der Teufelober, rüttelte den Knöchelbecher und warf. Philipp warf nach und hatte ein Auge mehr. »No ja! Das wär' mal eine Seele!« schmunzelte Philipp, ging in die Höllenküche hinein und suchte sich eine Seele aus. Wie staunte er aber, als er mitten drin im größten Haufen sein Weib erblickte! »Du Geizteufel du!« rief er ärgerlich. »Hab' ich's nicht immer gesagt, du werdest einmal da hereinkommen? Aber da du nun schon einmal mein Weib bist, will ich mich deiner annehmen.« Faßte sie bei der Hand und nahm sie mit sich. Als Philipp wieder zu den Teufeln hinauskam, fing ihr Oberster aufs neue mit ihm zu würfeln an und verlor nacheinander zwölf Seelen. Da wurde er fuchsteufelswild und schrie: »So, du Kerle! Meinst du, du dürfest mir die ganze Hölle ausräubern?!«, sprang in die Hölle und schlug das Tor zu.

Nun ging der Tod mit Philipp und seinen zwölf gewonnenen Seelen weiter, dem Himmel zu. Dort klopfte Meister Philipp an. Petrus öffnete ein wenig die Tür, schaute heraus und fragte nach seinem Begehr. »No ja! Ich wollte nur gern mit meinen Reisegesellen in den Himmel«, antwortete Philipp. Petrus schaute den stattlichen Zug, der da hinter dem Philipp vor der Himmelstür draußen stand, gar verwundert an und sprach: »Sapperlott! Das sind halt viel auf einmal!« –»No ja«, sagte Philipp, »weißt du nicht mehr, daß ihr auch so viel gewesen seid, als ihr damals zu mir kamt? Hab' euch seinerzeit auch in mein Haus gelassen und hat viel weniger Platz gehabt als der Himmel da oben.« –»Potz Kuckuck!« rief da Petrus voller Freude, »so, Ihr seid's, alter Philipp? Nur alle hereinspaziert!« Und so sind der Philipp und seine Zwölfe allesamt in den Himmel gekommen.

 


 

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