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Schwäbische Volksmärchen

: Schwäbische Volksmärchen - Kapitel 12
Quellenangabe
titleSchwäbische Volksmärchen
authorUnbekannte Verfasser
typefairy
booktitleDas Wunderschiff - Schwäbische Volksmärchen
year1941
publisherHohenstaufen-Verlag, Stuttgart
editorFranz Georg Brustgi
pages24-33
senderhille@abc.de
created20080601
modified20170915
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Vom Handwerksburschen, der mit dreihundert Gulden in den Himmel ritt

Es war einmal eine Wirtin, der war ihr erster Mann gestorben; weil sie aber nicht ihr Lebtag vollends allein bleiben wollte, hatte sie wieder geheiratet. Als sie das erste Mittagessen für ihren zweiten Mann zurichtete, fragte sie ihn: »Was soll ich kochen?« – »Koch meinethalben Apfelschnitz und Speck!« erwiderte er. Sie tat nach seinem Willen, und weil sie meinte, das sei seine Leibspeise, so kochte sie tagaus, tagein nichts anderes als Apfelschnitz und Speck. Das ewige Einerlei wurde aber dem Mann allmählich doch zu dumm und darum sagte er eines Tages: »Nun koch auch einmal etwas anderes und heb die Schnitz auf, bis der lange Frühling kommt!«, ließ die dampfende Schüssel stehen und ging verärgert aus dem Hause. Während er aber zur Hintertür hinausging, trat vorn ein Fremder in die Wirtsstube. Der war lang und dürr wie eine Hopfenstange und begehrte rasch etwas zu essen, weil er von seiner langen und beschwerlichen Wanderschaft einen Riesenhunger im Bauche habe. – »Seid Ihr am Ende der lange Frühling, für den ich Schnitz und Speck aufbewahren soll?« fragte die Wirtin. – »Freilich bin ich der!« antwortete der fahrende Handwerksgeselle. »Tragt nur gleich auf; ich will mir beides wohl schmecken lassen!« Da stellte die Wirtin die volle Schüssel vor ihn auf den Tisch und gab ihm, als er satt war, auch noch den ganzen Vorrat an Speck und Apfelschnitz mit auf den Weg. »Vielen Dank auch, gute Frau Wirtin!« sagte der Geselle, warf sein Felleisen über die Schulter und trat auf die Straße hinaus.

»Die hat die Gescheitheit auch nicht mit Löffel gefressen! Mit Witz und Schläue wäre von der gewiß noch mancherlei zu ergattern, was ich gut brauchen könnte!« dachte der pfiffige Bursche bei sich und sann im Handumdrehen einen Streich aus: Er ging noch einige Schritte den Weg entlang, blieb dann plötzlich stehen und sah senkrecht über sich in die Höhe, und starrte und starrte immer auf einen Punkt, als wolle er ein Loch in den Himmel gucken. Und wahrhaftig! – es dauerte gar nicht lange, da kam die Wirtin voller Neugier zu ihm auf die Straße heraus und fragte: »Was guckt Ihr denn so angestrengt in die Luft?« – »Psst ...!« machte der Handwerksbursche und legte den Finger auf den Mund. »Ich soll ja zu keinem Menschen davon sprechen; aber Euch, Frau Wirtin, will ich's sagen: Ich kam, ehe ich in Eure Wirtsstube trat, geradeswegs vom Himmel herunter und will mir nun die Stelle genau merken, wo ich herabgestiegen bin, damit ich später den Weg hinauf wiederfinde.« – »Was?« sagte da die Wirtin und ließ vor Staunen den Mund offenstehen – »Was habt Ihr gesagt: vom Himmel herunter?« – »Ei freilich!« entgegnete der Schalk. – »Habt Ihr da am Ende auch meinen seligen ersten Mann-, den Hansjörg, gesehen?« – »Ha, das versteht sich, daß ich den gesehen habe. Den kenn' ich sogar sehr gut; wir sind gute Freunde, der Hansjörg und ich.« – »O du mein! jetzt sag' ich aber gar nichts mehr! Ja, wie geht's ihm denn?« – »Ach, soso lala ... Nicht gerade am besten«, entgegnete er mit ernster Miene. – »Ach Gott, ist er gar wohl krank?« fragte die Wirtin besorgt. – »Krank? Nein, krank ist er nicht. Aber er hat's schwer droben. Er muß viel schaffen; der Lohn ist schlecht, und so hat er die meiste Zeit kein Geld, um sich neues Zeug zu kaufen. Als ich ihn das letztemal sah, hatte er ein arg zerrissenes Hemd am Leibe. Der Himmelswind kam gerade vom kalten Osten hergebraust, und so. zitterte er – wahrhaftig und wahr – vor Frost wie Espenlaub.« – »Oh, daß Gott sich erbarm! So übel dran ist er also, mein lieber, guter Hansjörg selig! Wie gern wollt' ich ihm was zukommen lassen in seinem Himmel droben; aber Wie machen?« – »Ei, liebe Frau Wirtin«, meinte drauf der Geselle, »da ist leicht Rat schaffen: Ich gehe nächstens wieder zurück und kann ihm schon dieses undjenes mitnehmen, das Ihr ihm schicken wollt.« – »Wie dank' ich Euch für Eure Freundlichkeit, lieber Herr! Ihr dürft's gewißlich nicht umsonst,tun!« sagte die Frau und packte in einen Schnappsack einen guten Anzug, sechs Hemden, Schuhe und Strümpfe und dazu einen mächtigen Schinken von der letzten Metzelsuppe. »So, und in diesem Lederbeutel sind dreihundert Gulden für meinen Hansjörg, daß er sich dafür das Notwendigste kaufen und am Sonntag auch einkehren und einen Schoppen trinken kann. Diese fünfzig Gulden da sind für Euch, lieber Herr; verbraucht sie gesund.« –»Das will ich, gute Frau!« sagte lachend der Handwerksgeselle und zog fröhlich weiter.

Als der Wirt nach Hause kam und von seiner Frau erfuhr, was vorgefallen war, schimpfte er sie tüchtig aus und nannte sie eine dumme Kätter. »Einem hergelaufenen Lüdrian einen Packen Zeugs in den Himmel mitgeben und gar noch dreihundert Gulden schönes Geld, – hat man so etwas schon gehört! Das Geld muß wieder her, und wenn ich dem Bruder bis ans Himmelstor nachlaufen müßte!« Er wollte ihn aber lieber schon nach einer Stunde einfangen, und darum sattelte er sein bestes Pferd undjagte im Galopp den Weg entlang, den der Geselle eingeschlagen hatte.

Der saß gerade am Waldrand im Schatten, um sich ein wenig zu verschnaufen. Als er den Reiter dahersprengen sah, ahnte ihm gleich nichts Gutes. »Das ist sicher der Wirt, der mir den vollen Schnappsack wieder abjagen will!« dachte er und sann gleich einen neuen Streich aus: Er riß den dürren, stachligen Kopf einer Distel ab, warf ihn ins Gras, stülpte seinen Hut darüber und tat so, als ob irgend etwas Seltsames und Kostbares darunter verborgen sei, das er sorgsam bewachen müsse. Inzwischen kam der Wirt angeritten und fragte ihn, ob er der Mann sei, der in den Himmel reise. »ja, der bin ich!« antwortete der Geselle. »Habt Ihr vielleicht auch was an jemand mitzugeben?« – »O nein; das könnte Euch so gefallen! Im Gegenteil: gebt mir ja auf der Stelle die dreihundert Gulden heraus, die mein Weib Euch für ihren ersten Mann mitgegeben hat!« – »Wie Ihr wollt«, sagte der Ge- selle; »mir kann es einerlei sein, ob der Hansjörg die dreihundert Gulden bekommt oder nicht. Wollt Ihr sie wieder zurück haben, gut, so brauch' ich sie schon nicht zu tragen. Nur müßt Ihr ein wenig warten. Ich habe da nämlich vorhin unter meinem Hut einen seltenen und teuren Vogel gefangen – er ist unter Brüdern gut seine fünfhundert Gulden wert!« –»Was Ihr nicht sagt!« unterbrach ihn da der Wirt; »einen Vogel, der fünfhundert Gulden wert ist? ja gibt es denn hierzulande so was?« – »ja, das gibt's. Und man muß schon Glück haben, einen solchen Vogel zu fangen! Daß er mir aber nicht mehr entwischt, habe ich meinen Freund in die Stadt geschickt, einen schönen Käfig zu kaufen. Damit ich nun nachher nicht so viel zu schleppen brauche, habe ich ihm die dreihundert Gulden gleich mitgegeben; er solle sie einstweilen einem Wechsler zum Aufbewahren bringen. Wenn es Euch aber zu lange dauern sollte, bis er wieder aus der Stadt zurück ist, so wüßt ich Euch einen Vorschlag zu machen.« – »Und der wäre?«- »Ihr paßt an meiner Stelle auf den Hut auf und leiht mir Euer Pferd, damit ich meinem Freund schnell nachreiten und Euch das Geld zurückholen kann.« – »Ihr scheint mir ein kluger Kopf zu sein«, sagte der Wirt. »Ich bin mit Eurem Vorschlag gern einverstanden.« Setzte sich also als Wächter neben den Hut und ließ den Gesellen das Pferd besteigen und dav,onreiten. Und der ritt schon, daß die Funken stoben; – könnt's euch ja wohl denken!

Da hockte er nun, der dicke dumme Wirt, eine Stunde und noch eine; und hockte auch noch, als die Sonne schon hinter den Bergen unterging. Er wartete, bis die Nacht hereinbrach – und immer noch ließ sich kein Reiter sehen. »Ich will heimgehen und morgen in der Frühe wiederkommen. Den Vogel aber will ich als Pfand mitnehmen«, dachte er; hob vorsichtig den Hut, griff mit der Hand darunter und –- fuhr mit einem lauten Schmerzensschrei zurück, denn er hatte tüchtig in die Stacheln der Distel gegriffen. Da merkte er endlich, daß er selber dem Lüdrian auf den Leim gegangen war, und kehrte recht betrübt und kleinlaut nach Hause zurück.

Als seine Frau wissen wollte, ob er das Geld wieder bekommen und wo er denn das Pferd gelassen habe, sagte er nur: »Frag mich nicht danach! Heute nicht und morgen nicht und meiner Lebtag nie! Du bist dumm, aber ich bin noch dümmer! Der einzige Gescheite ist der, der mit deinem vollen Schnappsack und deinen dreihundert Gulden auf meinem Pferd in den Himmel reitet. Wir zwei sind durch Schaden klug, er aber ist durch unsere Dummheit reich geworden.«

 


 

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