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Schuß in der Nacht

Jakob Julius David: Schuß in der Nacht - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen
authorJakob Julius David
year1995
publisherResidenz Verlag
addressSalzburg und Wien
isbn3-7017-0943-2
titleSchuß in der Nacht
pages97-117
created19991010
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im Hofe begann eine Drehorgel ihre Musik. Quäkend, schrillend, schnarrend stiegen die Töne zu Höhe. Karl schlich sich wieder zum Fenster, während seine Mutter immer noch unbeweglich in ihrer Stellung verharrte. Sie war ganz hingegossen, ganz Trauer, während doch nichts in ihr sprach, nur der Zorn über die Aufdringlichkeit der Leute, die sich an sie drängten, sie ausfragen wollten, die sich ihr Lehren zu geben unterfingen. Aber auch das war seine Schuld, des Toten, der sich so jämmerlich aus dem Staube gemacht, der niemals Sinn für etwas Besseres gehabt. Wie lange und wie drängend hatte sie von ihm gefordert, er möchte fortziehen aus diesem Hause, wo einer dem anderen den Bissen nachzählte, den er in den Mund schob, den Kreuzer nachrechnete, den er ausgab oder erübrigte. Er war dazu nicht zu bewegen gewesen. »Der Letsch, der justament seinen eigenen Willen hat haben wollen«, dachte sie verächtlich, wie sie seiner im Leben schon seit manchem Jahre gedacht. Denn sie hatte niemals viel Sinn für Pietät gehabt. Und dabei zuckten ihre Schultern heftig und häufig, wie vor großem Schmerz, und man sah, wie sich ihr Oberkörper hob und senkte.

Eine Hand legte sich ihr tröstend auf den Arm: »Sie müssen Ihnen nöt gar so das Herz abstößen lassen, Frau Rumpler«, sagte eine Stimme.

Sie richtete sich mühsam auf, denn sie war erschrocken. Niemanden hatte sie kommen gehört, und ihr war plötzlich, als könnte man einen Abglanz der Gedanken, die in ihr geschrieen, nun auf ihrem Gesichte lesen. Es war eine wohlwollend schauende ältere Frau, die neben ihr leise vorgeneigt stand: »Sie sein's... Ich hab' gemeint, ich hab' kein Tropfen Blut mehr in mir, wie Sie da in mich hineingewispert haben. Ja, Frau Geyregger – das ist wohl eine Heimsuchung, und eine schwere vom lieben Gott ist's.«

»Da haben S' recht. Aber tragen muß man's. Und nachher – eine junge Wittib, mit nur ein Kind, viel Geld und wer weiß noch was allem; ich bitt' Ihnen, wo man's ganze Leben vor sich hat und wo die Männer Ihnen nachlaufen werden, wie die Hund' einem Fleischerbuben. Ein Offizier können S' noch haben, jede Stund'. Da muß man sich nöt versündigen und nöt aso tun.«

Frau Kathi setzte sich in Positur und faltete dabei die Hände. Danach erwiderte sie spitzig: »Ich tu' nöt aso. Ich tu' nöt anders, als wie mir ums Herz ist. Merken S' Ihnen das, Frau Geyregger, ich nöt. Da könnt man eher von andere reden, die früher den Mann so in der Heimlichkeit bedauert haben, wo's nix zu bedauern geben hat, und ihm gesteckt haben, was ihm sein Lebtag nix angangen und was er sein Lebtag nit gehört hätt', und jetzt mit einem Gesicht daherkommen wie lauter Mitleid und heilige Erbarmnis, glauben, man traut ihnen jetzt und wird ihnen alles stecken, damit daß sie's herumtragen können in der Welt. Na...«

Die Frau Geyregger hüstelte verlegen hinter ihrer Tasse. »Ich weiß nöt, auf wen die Frau Rumplerin paßt. Ich weiß von nix.«

»Natürlich!« entgegnete die Trauernde, »nachher weiß niemand von nix. Und meinen S', man hat mir nöt auch zugetragen, was da in dem Haus zusammengeredt worden ist, über mich und über mein Geschwisterkind, was jetzt in Amerika ist? Oder ich weiß nöt, warum S' von einem Offizier angefangen haben? Weil's der war und fort müssen hat, weil der Franz gar kein Einsehen gehabt hat, daß so einer mehr braucht und brauchen muß, wie ein Geschäftsmann. Was man da dem Seligen alles eingeredet hat, daß ich ihm zugehalten hätte und Geld zugesteckt! Als ob man's so dick hätt'! Als ob ich so eine wär', die sich einen kaufen muß!« Man sah, wie sie der Gedanke vielleicht am meisten empörte.

»Mein Jurament – das ist's erste, was ich hör'...«

»Überhaupt«, fuhr Frau Rumpler immer erregter fort, »und an dem ganzen Unglück ist nix schuld, nur das verfluchte Haus. Wo ein jedes kennt, und jedes hat seine Butten voller Klugheit und kramt's aus vor einem, weil man sich einmal, wie man klein war, von ihm was hat sagen lassen müssen. Und Gottlob, daß ich jetzt endlich raus kann. Das alleinig könnt' mich getrösten über das, was geschehn ist.«

»Na also, dann sein S' ja leicht tröstet«, meinte die Geyregger gedehnt.

»Ich bitt' Ihnen – spötteln S' mir nicht«, brauste die Witwe auf. »Mir ist jetzt grad danach, daß ich jedes Wort abwiegen sollt', wie der Jud' ein' Dukaten. War überhaupt niemals meine Gewohnheit. Das Rechte getan hab' ich alleweil, und die Leut' hab' ich sich die Mäuler zerreißen lassen. Na – und die haben's auch rechtschaffen getan. Und kein Mensch hat sich drum gekümmert, wie gut wir zwei die erste Zeit miteinander gelebt haben, – meiner Seel' und Seligkeit, kein Mensch auf der ganzen Welt.«

»Ich wohn' noch nicht gar so lang da«, entschuldigte sich die Geyregger sehr demütig.

Noch hielt Frau Rumpler an sich. Aber sie fühlte schon, wie's ihr langsam aufstieg, und wußte nicht, woher es sie anhauchte mit heißem und zornigem Atem. Und immer erregter und sich steigernd sprach sie: »Sie sollten nöt so frozzeln. Sie nöt. Zu allerletzt Sie! Oder halten S' mich für gar so dumm? Keine in dem Haus, keine in Ihren Jahren, was nit gewußt hat, warum sie hetzen tut. Nöt wahr? Da glauben S', ich weiß nöt warum? Weil mir keine den reichen Mann gegönnt hat. Sie hätten ihm ihre Tochter gern angehängt. Na, Gottlob, so ein' schlechten Gusto hat er doch nöt gehabt!«

Jede Spur von Wohlwollen war aus dem Gesicht der Frau Geyregger verschwunden. »Ich hab's Ihnen schon gesagt, – ich wohn' noch nöt so lang in dem Haus. Wir haben ihn erst als Verheirateten gekannt. Jetzt aber will's mir selber so sein, es wär' ihm besser gewesen, er hätt' die meinige bekommen«, erwiderte sie kampfbereit.

»Und ihr auch – gelten S'? Und ihr habt glaubt, ihr kriegt uns auseinander, und was hernach wird, das weiß der liebe Gott. Vielleicht nimmt er's nachher, wenn auch ohne Kirchgang. Und weil er ein armer Narr war, der alles glaubt hat, was man ihm zugetragen hat oder gar ins Ohr geblasen, na, so habt ihr gezündelt. Und nachher, wie so ein Feuer ausgekommen ist, da steht's da und wundert euch. Den Letsch aufhetzen! Gegen mich hussen wollen! Das war schon gar ein Einfall! Der hat sich just gegen meiner getraut! Was! Kenn ich euch? Und jetzt gehn S' – gehn S', oder ich könnt' mich vergessen...«

Sie war wieder allein. Die Erregung verflog und eine müdere, mildere Stimmung wollte über sie kommen. Eines Fernen dachte sie, und ob der nun, wo sie frei war, wohl wiederkäme und an ihre Türe pochte. Freilich nur für Augenblicke lang. Einmal tat sie einen Blick nach dem Toten werfen. Immer noch waren Kränze gekommen, das stete Öffnen und Schließen der Türen, und wenn es auch noch so geräuschlos sich begab, daß sie's mehr fühlte als vernahm, steigerte ihre Reizbarkeit. Nun stiegen die schwarzen und farbigen Schleifen überquellend vom Sarge nieder, ringelten sich auf dem Boden, schimmerten in ihrer milden Seidigkeit; das Gold der Inschriften glomm heimlich auf im Kerzenlichte, und nur der wachsbleiche Kopf und die gefalteten Hände ragten noch vor aus der leuchtenden, farbigen Blumenflut. Es war schwül und eine zuckende Luft in dem Gemache. Die Kerzen gossen ihren Dunst aus, wie sie niederer und niederer brannten und das Wachs zu schmelzen begann und abwärts troff. Die vielen, vielen Blumen dufteten so schwer, daß sich ein Kopfschmerz bei Frau Kathi Rumpler zu melden begann; schon schlug der welke Geruch leise hindurch. Das ging ihr auf die Nerven, stachelte sie, machte sie unbesonnen. Sie kannte sich; und als wieder ein Gast kam, deutete sie nur: »Dort liegt er«, sagte sie harttönig.

»Ich hab' schon für ihn gebetet«, meinte die Frau. »Haben S' mich denn nicht gesehn? Ganz vor meiner sind S' doch gestanden.«

»Sein S' nöt bös. Ich seh' heut' nix mehr. Der Kopf tut mir so weh. Sie sein die Einzige, die mich zu sehn gefreut. Was sonst da war – pfui«, und sie spie nachdrücklich aus, »das war grauslich. Das möcht' wissen, was kein' was angeht. Aber Sie haben alleweil zu mir gehalten. Soll a Ihr Schaden nöt sein!«

»War's denn bei Ihnen überhaupt nötig, zu einem zu halten? Der arme Herr! Und so viele Blumen, als nur gekommen sein!«

»Ja; aber man merkt's doch alleweil, wo sie gekauft sein. Ist halt ein Unterschied, ob man einen Kranz am Naschmarkt kauft oder beim Blumenhändler am Ring. Ich mein', meinen Kranz müßt' ein Blinder herausschmecken aus dem Grünzeug da drinnen.«

»Ja, weil die Frau Rumplerin immer ein Schick in sich gehabt hat. Das weiß so das ganze Haus und nöt erst von gestern.«

»Darf's a wissen. Ich bin Besseres gewohnt gewesen, als wie da hocken. Und...« Sie brach ab.

So neugierig Frau Barbara Riegler auf die Ergänzung war, sie hielt an sich und fragte nicht. Ihr schien's, als käme die Witwe von selber ins Reden und man konnte dann mehr und Wichtigeres erfahren, als sonst. Und die nervöse Spannung, erzeugt durch die Vorgänge der letzten Tage und zumal Stunden, war zu groß in der Witwe, als daß sie ihrer länger Meisterin hätte bleiben können. Sie mußte sich dessen entladen, was in ihr war und jählings fuhr sie die Frau Riegler an: »Haben S' die zwei Palmenzweig' drinnen gesehn? Die, was ich in die Ecken vom Zimmer gestellt hab', nur damit sie da sein und damit ich sie nöt herausschmeiß', weil sich das nöt gehören tät' und eine Versündigung wär' am Toten?«

»Ich weiß nix von die Palmzweig«, stotterte die Frau Riegler einigermaßen erschrocken.

»Aber ich weiß davon. In aller Früh sein sie gekommen, zu allererst waren sie da. So gar nöt erwarten hat sie's können. Ich mein', ich seh' sie vor meiner, wie sie sich erst ausgeweint hat und davon gerennt ist, zaundürr, das Kopftüchel ums Schmerzenschristi-Gesicht, wo's noch grad genieselt hat, um die letzten paar Kreuzer, die sie noch gehabt hat und beim Zins hätt' nötiger brauchen können, kaufen die Palmzweig' und ihm den ewigen Frieden wünschen. Ohne ein' Stich geht's bei derer nöt ab – na ja, wofür wär's denn a Nähterin?«

»Ja, aber wen meint denn die Frau Rumpler eigentlich?«

»Die Nähterin vom drübern Gang. Natürlich. Sie arbeitet für den Wäschehändler, der sein Geschäft neben dem unsrigen hat. Und wenn sie nach Haus gangen ist, so ist halt der Franz immer akkurat um dieselbe Zeit heimgegangen. Ich weiß alles, wie wenn ich immer dabei gewesen wär'. Und weil man im Haus niemals was besseres gewußt hat, als uns bereden und wie wir mitsammen leben, so hat sie ihn trösten wollen, und das hat er gar so viel gern gehabt. Wer ihn bedauert hat, der hat ihn verkaufen können, um was er ihm gestanden ist. Und so haben s' immer zusammengesteckt: er hat Trübsal geblasen, und sie hat Elend gesungen. Ein ganz ein feines Duett – wer's grad gern hört. Da war was, und nöt zwischen mir und meinem Vetter, wo man so viel hat wissen wollen.«

»Aber ich schwör's Ihnen noch einmal: Kein Mensch hat was gewußt. Und wenn sich der Selige hätt' ausklagen wollen, so hätt' er's doch bei mir. Ich hab' ihn und die Frau Rumpler doch am längsten gekannt. Aber niemals hat er nur ein Wörterl von so was gesagt – niemals in all die Jahr.«

»War er auch halt in dem ein Duckmauser. Und 's ist nöt einmal wahr. Gewußt hat freilich keiner was, weil's nix zum wissen gegeben hat. Aber heruntergeraten habt's ihr. Aber just dorten, wo's wirklich gebrandelt hat, dort hat keiner hindeutet. Und ich hab' gesehn, wenn sie einander die Händ' gaben beim Haustor, da haben s' einander förmlich geküßt, die beiden Händ'. Einmal haben s' gar ein Landpartie gemacht miteinander. Da hat er Kopfweh bekommen und hat den Tag müssen an die freie Luft, und die andere Früh steht bei ihr draußen ein großmächtiger Buschen mit so Unkraut, was unser eines nöt einmal abreißt, weil's ihm zu ordinär ist und einem nöt steht fürs Bücken, und sie bückt sich alleweil drüber und tut ganz närrisch damit. Und wie ich sie mir scharf anschau', da wird sie brennrot im Gesicht. War das einzigemal, daß ich gesehen hab', daß sie doch ein Tropfen Blut in sich hat. Und ich soll das Gift und die Gall' in mir fressen lassen und nix dergleichen tun und mich nöt einmal wehren! Soll zuschaun, wie man mir's Leben abwünscht – und Sie wissen's a: man hat seine Exempel, daß einer abgestorben ist, nur weil man ihm's Leben weggebetet hat – und sie hat's getan, und ihm war's ganz recht – und vielleicht selber noch die Händ' falten dazu? Und gar bei einem Mann, wie's meiner war. Ich hab' ihn gekannt, und sonst keiner. Nach außen, da hat's keinen Aufrechteren auf der Welt gegeben, aber zu Haus, da hat er geduckt, und wenn ich ihm's Rechte gepredigt hab', so hat er geschwiegen und Gesichter geschnitten. Und da soll man ein Respekt haben? Ist halt schwer gangen. Und wenn ich schon ein bissel resch bin – die Reschen sind die Besten, gelten S'?«

»Man hört's allgemein«, pflichtete die Frau Riegler bei.

»Na also. Und das hat bald genug zwischen uns angefangen. Bald nach'm Karl. Und ich hab' mir eine redliche Mühe gegeben, um damit ich ihn ein bisserl auffrisch'. Denn gehabt haben wir von unserem Geld sein Lebtag nix. Ich hab' wollen was von der Welt noch haben, damit man bessere Bekanntschaften kriegt, wo man nie weiß, wann's einem nutzen, und wo der Bub', wenn er einmal groß ist, auch was davon haben kann. Da war nix zu machen. Und wenn er mir ein' Schmuck geschenkt hat, wie nach'm Karl, da hab' ich nix davon gehabt, denn ihn für solche Leut' tragen, wie wir's alle Tag' bei uns haben? Oder mit die besten Kleider im Zimmer hocken? Ich dank' schön – na! Man will sich doch herzeigen – und da war mit ihm nichts zu richten. Kein Theater, nöt einmal zu die Volkssänger, daß man doch lacht und einmal seine Unterhaltung hat. Geduckmausert hat er mir zu Haus, und bei seine Freund' war er's helle Leben, und bei seine Leut' der Herr – wenn's ihn nur kommen sehen haben, so sein's schon erschrocken und haben's eilig gehabt mit der Arbeit. Nur bei mir war's Rest mit dem Reden. Und das soll mich nit kränken und nagerln? Gar erst, wie sich die G'schicht' mit der von drüben zusammengebandelt hat. Ich hab' schon meine Spitzel gehabt, ich hab' sie nicht erst müssen zahlen. Da war gleich mein Dienstmädel, die Wetti – gar eine treue und anhängliche Person und nöt so, daß man nöt mit ihr reden dürft'.«

»Die Wetti? Schau, schau!« verwunderte sich die Riegler.

»Ja, die Wetti. Und ich weiß – genommen hat die Nähterin nix von ihm. Ich weiß, er hat ihr geben wollen und Präsenter machen – denn er hat sonst eine leichte Hand gehabt, nur bei sich zu Haus nöt, da war alles zu viel. Und das hat ihn gerührt – natürlich, wo sie auf alles gespitzt hat, da hat s' leicht gehabt, die Großartige spielen. Und sie liest so gern Romane, und da wird s' schon Redensarten gelernt haben und die Gebildete gemacht – das hat ihm halt imponiert. Und mir soll das nöt weh tun in meinem weiblichen Gefühl, wenn er seine fesche, brave, wirtschaftliche Frau – denn das darf ich schon von mir sagen, weil's mir niemand abstreiten kann – zu Haus sitzen hat und hängt sich und sein Herz an so ein' Zaunstecken? Ich hab' nix dulden müssen, Gottlob, wie's Weiber gibt, die müssen sich alles gefallen lassen, damit nur nöt der Mann anfangt. Und da bin ich hingegangen und... und hab' ihm halt einmal meine Meinung gesagt. Und das war grad' an dem Tag, und g'sagt hab' ich ihm, daß ich zur Polizei lauf' und keine Ruh mehr geb', wenn nicht die Person abgeschafft wird aus Wien für immer. ›Du wirst nicht‹, sagt er, und ist spät heimkommen den Tag, und er war sehr nervös und hat in einemfort gezittert, und ich kann mir's nöt anders denken, nur er hat wieder einmal zu viel getrunken gehabt, und schaut mich an – und wissen S', er ist nöt leicht in Zorn gekommen, aber dann hat man niemals gewußt, wohin er ihn führen tut, der Zorn – und schreit: ›A Ruh gib – sonst nix, sonst will ich nix auf der Welt‹, wird immer zorniger und springt auf: ›Erschießen tu' ich mich, erschießen, wenn du noch ein Wort redst‹, und packt sein' Revolver. ›Wirst nöt‹, ruf ich, spring' auf ihn zu – und da hat's schon gekracht und... Jesus!«

Ein Stich im Herzen. Frau Rumpler hielt erschöpft inne, sah sich verstört um. War sie totenfahl? Flammte sie? Sie wußt' es nicht. Denn die Rieglerin war aufgesprungen, starrte sie an, und ihr war, als sähe sie die sechs Augen in der Stube auf sich gerichtet: ungläubig; argwöhnisch frech und hohnvoll, die des kleinen Karl. Und mit eins entstand in ihr die ganze Szene aus jener Nacht der Greuel. Und sie meinte, alle Welt müsse das fortab so sehen, wie bisher sie allein, und sie selbst hätte aufgedeckt, was verborgen bleiben müßte. Sie wankte beinahe: »Beten will ich für die arme Seele, beten«, lispelte sie und torkelte vorwärts zum Sarge; davor brach sie in die Knie. Die Hände schlug sie vor die Ohren, als müßte sie irgend einen schrecklichen Ton von sich abhalten, stützte die Ellbogen auf den Sarg und stierte mit bleichem und verzerrtem Gesicht nach dem Toten: »Jesus, Maria und Josef – was hab' ich getan! Was hab' ich gered't!«...

Klang es in ihr? Hatte sie's wirklich hingestöhnt vor sich?

In seinem Sarge aber lag der tote Mann. Und wie die Kerzen vor ihren ungestümen Bewegungen noch einmal aufflackerten, so war's als lächelte er. Sie schloß die Augen...

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