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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Schuld und Sühne - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Dostojewski
titleSchuld und Sühne
publisherAufbau Verlag
year1956
translatorH. Röhl
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050727
modified20170607
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Nachwort

Dostojewskijs Roman »Raskolnikow« ist ein Werk, das an aufwühlender und erschütternder Kraft kaum seinesgleichen kennt. Es bildet einen der Gipfel der Weltliteratur, einen jener Gipfel, von denen sich weite Übersicht in viele Bereiche menschlich-gesellschaftlicher Erscheinungen eröffnet. Niemals zuvor wurde mit einer solchen Wucht wie in diesem Roman die Abgründigkeit, Tragik und der Wahnsinn eines Verbrechens beschrieben. Erst seit Dostojewskij gibt es diese Verbindung packender Kriminalistik und eindringender psychologischer Betrachtung, dieses erbarmungslose Hineinleuchten in das düstere Doppeldasein eines Mörders, dieses Ergründen auch der letzten Ursachen und Motive der Bluttat, diese Beschreibung des ganzen Infernos von Gewissensqualen. Thomas Mann nannte den »Raskolnikow« den »größten Kriminalroman aller Zeiten«.

Dostojewskij hat das Werk 1866 in der Moskauer Zeitschrift »Russkij Westnik« veröffentlicht. Sieben Jahre vorher war er aus der politischen Verbannung zurückgekehrt. Seine Anschauungen hatten sich gegenüber der Frühperiode seines Schaffens, als er mit der russischen Befreiungsbewegung sympathisierte, gewandelt. Erschüttert durch die furchtbaren Eindrücke im Zuchthaus und deprimiert durch die schleichende Nervenkrankheit, die sich zusehends verschlimmerte, neigte er zu Zweifeln und Pessimismus. Die freiheitlichen und sozialistischen Bestrebungen der russischen revolutionären Demokraten fanden bei ihm kein Verständnis und keine Unterstützung mehr. Er glaubte nicht, daß Rußland durch den Sturz der Leibeigenschaftsordnung und des Zarismus einer besseren Zukunft entgegengeführt werden könnte. Seine publizistische Polemik gegen die Demokraten war scharf und bitter. Sie entsprang der Vorstellung, daß Kraft und Zukunft des Landes in der demütigen Ruhe und gottergebenen Gelassenheit des einfachen russischen Menschen lägen, einer Vorstellung, die in diesen Jahrzehnten, als Tausende und aber Tausende russischer Bauern revoltierten und Friedrich Engels das russische Volk als »instinktiven Revolutionär« bezeichnen konnte, durchaus fehl am Platze war.

Dostojewskijs politische Anschauungen begannen den Charakter jenes militanten Slawophilentums anzunehmen, das seine spätere Schaffensperiode kennzeichnet. Er verneinte die aufklärerische Vernunft, lehnte den Kampf für sozialen Fortschritt ab und idealisierte die Lehren der orthodoxen Kirche.

Aber weder das reaktionäre politische Programm Dostojewskijs noch die seit dieser Zeit in seine künstlerischen Werke hineingetragene Polemik gegen Demokraten und Sozialisten bilden den ideellen Kern des grandiosen Romans. Dessen überzeugende Kraft stammt vielmehr aus der unversiegbaren Tiefe eines echten humanen Gefühls, der Sympathie für die Erniedrigten und Beleidigten und der schonungslosen Aufdeckung gesellschaftlicher Krebsschäden.

Dostojewskij gehörte zu den Künstlern, denen die Wirklichkeit ihrer Zeit rätselvoll und problematisch erschien. »Man sagt immer«, schrieb er in sein Tagebuch, »die Wirklichkeit sei langweilig, eintönig: um sich zu unterhalten, müsse man Zuflucht nehmen zur Kunst, zur Phantasie, Bücher lesen. Mir geht es umgekehrt: was gibt es Phantastischeres, Überraschenderes als die Wirklichkeit? Ist sie nicht manchmal am allerunwahrscheinlichsten?«

Das Leben in Rußland bot damals eine Fülle »allerunwahrscheinlichster« Probleme. Der Siegeszug des Kapitalismus bei gleichzeitig nur langsam fortschreitendem Zerfall des Leibeigenschaftssystems und weitgehender Aufrechterhaltung der verknöcherten absolutistischen Herrschaftsformen, machte alle Widersprüche verworrener, steigerte die Not der unteren Volksschichten ins Ungemessene und löste gesellschaftliche Erschütterungen aus, die zeitweise den Bestand der alten Ordnung in Frage stellten. Dostojewskij mußten die mit diesem Geschehen auftretenden Erscheinungen chaotisch, ungeheuerlich und in ihrer Entwicklungstendenz zunächst unfaßbar vorkommen. Aber er schreckte als Künstler nicht vor ihnen zurück. »Wenn in diesem Chaos, in dem sich das gesellschaftliche Leben schon lange und jetzt vor allem befindet«, schrieb er später, »es vielleicht selbst einem Künstler vom Range Shakespeares noch nicht möglich ist, das normale Gesetz und den leitenden Faden zu finden, wird dann nicht wenigstens irgend jemand einen Teil dieses Chaos aufhellen, auch wenn er nicht an den leitenden Faden denkt?«

Die Handlung des Romans »Raskolnikow« spielt während dieser Periode kapitalistischer Frühentwicklung in Petersburg, einer Stadt, die damals allmählich das Gesicht einer modernen kapitalistischen Metropole bekam. Mit der Entwicklung des Geschäftslebens, des Unternehmertums, des privatkapitalistischen Besitzes kamen auch alle anderen Begleiterscheinungen der Kapitalisierung nach Petersburg: der brutale Kampf um den Platz an der Sonne, die völlige Verarmung derer, die in diesem Kampf unterlagen, die Schutzlosigkeit der Besitzlosen, die moralische Degeneration, die Verbreitung von Trunksucht, Prostitution, Verbrechen. Nur in dieser hektischen Atmosphäre konnte ein Verbrechen wie das Raskolnikows ausgebrütet werden.

Dostojewskij verstand nicht, daß die kapitalistische Periode auch für Rußland unvermeidlich war, aber er ahnte, was seinem Lande, in dem viele Erscheinungen der bürgerlichen Ordnung schon offen zutage lagen, drohte. Vier Jahre, bevor er den »Raskolnikow« veröffentlichte, hatte er London, die damalige Hochburg der Bourgeoisie in Europa, gesehen und in einem ergreifenden Kapitel der »Winterlichen Erinnerungen an Sommereindrücke« seine Impressionen beschrieben. Dort liest man: »Wer London besucht, wird mindestens einmal eine Nacht zum Haymarket gehen. Es ist das Stadtviertel, in dem sich nachts in einigen Straßen Tausende von Prostituierten drängen . . . Am Haymarket bemerkte ich Mütter, die ihre minderjährigen Töchter zu diesem Gewerbe hinführten. Kleine Mädchen von etwa zwölf Jahren fassen den Passanten bei der Hand und bitten ihn mitzukommen. Ich entsinne mich, daß ich einmal auf der Straße in einem Haufen Volk ein Mädchen sah, nicht älter als sechs Jahre, ganz in Lumpen, schmutzig, barfuß, abgemagert und zerschunden: der durch die Lumpen hindurchblickende Körper war übersät mit blauen Flecken. Sie ging ziellos hin und her, als wäre sie nicht bei Bewußtsein; weiß Gott, warum sie sich in dieser Menge herumtrieb; vielleicht hatte sie Hunger. Niemand beachtete sie. Am meisten jedoch berührte mich, daß sie mit einem Ausdruck von solchem Gram, solcher ausweglosen Verzweiflung im Gesicht umherging, daß es sogar unnatürlich und schrecklich schmerzhaft war, dieses kleine Geschöpf anzusehen, das schon so viel Fluch und Verzweiflung ertragen hatte.«

Sicher hat Dostojewskij diese Eindrücke mit vor Augen gehabt, als er im »Raskolnikow« das Schicksal der Armen von Petersburg beschrieb, das Los Sonjas vor allem: den Opfergang und das Martyrium jener Frauen, die noch halbe Kinder waren und schon keine andere Wahl mehr hatten, als sich auf der Straße zu verkaufen.

Das makabre Treiben in den Londoner Elendsvierteln hatte Dostojewskij mit den Worten charakterisiert: »Die vom Festmahl der Menschheit verjagten Millionen drängen und stoßen einander in der unterirdischen Finsternis, in die sie durch ihre höhergestellten Brüder gestürzt sind; tastend pochen sie an irgendwelche Tore, einen Ausweg suchend, um nicht im finsteren Keller zu ersticken.« Man könnte die gleichen Worte dem Roman »Raskolnikow« voranstellen, in dem das Thema der sozialen Ausweglosigkeit die ganze Handlung beherrscht.

Hier, im Elend und in der Hoffnungslosigkeit, liegt der Ansatzpunkt zu Raskolnikows Verbrechen. Hier beginnt sein Plan sich zu kristallisieren. Er will es nicht wahrhaben, daß die Sonjas den Swidrigailows ausgeliefert sind, daß seine eigene Schwester Dunja um seinetwillen einen ähnlichen Leidensweg an der Seite des seelenlosen und niederträchtigen Karrieristen Lushin gehen soll: »Sonjetschka, Sonjetschka Marmeladowa, die ewige Sonjetschka, solange die Welt steht! Habt ihr beide aber auch die Größe dieses Opfers in vollem Umfange ermessen?« Er will nicht wahrhaben, daß Katerina Iwanowna, die Mutter von mehreren kleinen Kindern, schließlich doch am Hunger physisch zugrunde gehen muß. Er will den Tod des ewig betrunkenen Marmeladow nicht wahrhaben und nicht den Selbstmord jener unbekannten Frau, die sich vor seinen Augen in die Newa stürzt.

Angesichts der ihn von allen Seiten umgebenden Ausweglosigkeit und Verzweiflung dämmert der furchtbare Plan herauf. Selbst schon an den Rand des Abgrunds gedrängt und vom Verderben gezeichnet, versucht Raskolnikow dem mörderischen Gesellschaftszustand die Stirn zu bieten. Das »Experiment«, das Dostojewskij mit seinem Helden anstellt, geht um die Frage, ob nicht eine andere, bessere Lösung möglich sei als Leiden und Unterwerfung. Aber das Experiment muß scheitern, da Raskolnikows Verbrechen ein einsamer Protest ist, der wahnwitzige Versuch, durch gewaltsames Durchbrechen aller moralischen und gesetzlichen Schranken mit einem Sprung von der untersten Stufe der Gesellschaft auf die höchste zu gelangen. Die gesellschaftlichen Mißverhältnisse selbst werden durch seine Untat ebensowenig angetastet wie das aus diesen Verhältnissen geborene Prinzip, sich mit allen Mitteln auf die Sonnenseite des Lebens durchzukämpfen.

In den »Winterlichen Bemerkungen über Sommereindrücke« findet sich folgende Formulierung Dostojewskijs über die bürgerliche Freiheit: »Was heißt liberté? Freiheit. Was für eine Freiheit? Die gleiche Freiheit für alle, in den Grenzen der Gesetze alles Beliebige zu tun. Wie kann man alles Beliebige tun? Wenn man eine Million besitzt. Wann besitzt man eine Million? Gibt die Freiheit jedem eine Million? Nein. Was ist ein Mensch ohne eine Million? Ein Mensch ohne eine Million ist nicht der, der alles Beliebige tut, sondern mit dem alles Beliebige getan wird.«

Mit diesem scharfsinnigen Aphorismus umschreibt Dostojewskij auch den Bereich, in dem für den Individualisten Raskolnikow eine Lösung möglich scheint: Geld! reich werden, koste es, was es wolle, so lautet die idée fixe, die sich in Raskolnikows Kopf festgesetzt hat. Eine ganze Philosophie hat er sich in schlaflosen Nächten zurechtgelegt, eine Theorie, wie sie ähnlich später Nietzsche vertreten hat: von der Einteilung der Menschen in Herrscher und Beherrschte, von denen die ersteren Freiheit zu allen, auch den ungesetzlichsten Handlungen hätten, während den letzteren ein ewiges Sklavendasein beschieden sei.

Es ist gelegentlich behauptet worden, Dostojewskij habe mit den Betrachtungen Raskolnikows direkt den antihumanen Theorien Nietzsches vorgearbeitet. Aber hier gibt es einen entscheidenden Unterschied: Dostojewski steht keineswegs auf der Seite seines Helden; er verurteilt das in diesem verkörperte individualistische Prinzip. Der Roman beweist es deutlich genug. Raskolnikow, der davon träumt, ein Übermensch, ein Riese, ein Napoleon zu werden, hat sich einer Selbsttäuschung hingegeben. Das begangene Verbrechen erweist sich als gänzlich nutzlos; es gibt nicht einmal das Gefühl der Macht, sondern umgekehrt nur ein immer stärker werdendes Gefühl der Machtlosigkeit und Schwäche. Der »Übermensch« Raskolnikow dreht sich jämmerlich im Kreise, Opfer seiner eigenen Fiktion.

Und überhaupt nur vorübergehend gestattet Dostojewskij seinem Helden, aus dem Bereich des Humanen auszubrechen, nur vorübergehend versetzt er ihn in die fatale Grenzsituation: Er muß zurück, mag er sich noch so sehr dagegen auflehnen. Am Ende stürzt das ganze Kartenhaus antihumaner Sophistik in sich zusammen.

Nicht verfochten also, sondern angegriffen und verurteilt hat Dostojewskij den bürgerlich-individualistischen Protest gegen das Elend der bürgerlichen Gesellschaft.

Der Dichter läßt Raskolnikow einen Ausweg aus den Gewissensqualen finden, indem dieser das Geständnis ablegt und sich wie Sonja demütig in sein Schicksal ergibt. Der Abtrünnige – so lautet übrigens die wörtliche Übersetzung von »raskolnik« – kehrt zurück, indem er nicht nur die Sühne des Verbrechens, sondern fortan auch alles Leiden und alle Not freiwillig auf sich nimmt.

Eine tiefere, echtere Lösung des Humanitätsproblems als die des Verzichts auf jeglichen Machtanspruch, selbst auf den Machtanspruch des Guten, hat Dostojewskij nicht gefunden. Er sah nur zwei Möglichkeiten menschlichen Verhaltens: entweder Stolz, Empörung und damit maßlose Entfremdung vom Menschlichen oder christliche Demut, Liebe und bedingungslose Unterwerfung. Die Grundfrage, die der Roman objektiv mit aufwirft: Wie soll man die Gesellschaftsordnung, die einen Raskolnikow zum Raubmord und eine Sonja zur Prostitution treibt, umgestalten und vermenschlichen, bleibt hier unbeantwortet.

Aber auf die von Dostojewskij angegebene Lösung, die wiederum zu seinen reaktionären politischen Idealen hinführt, kommt es nicht an. Schon der demokratische Kritiker Pissarew, ein Zeitgenosse Dostojewskijs, der 1867 einen ausführlichen und klugen Essay über den Roman veröffentlichte, hat darin bemerkt: »Meine Aufmerksamkeit richte ich nur auf die in seinem Roman dargestellten Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens; sind diese Erscheinungen richtig erfaßt, entsprechen die Tatsachen, die den Grundzusammenhang des Romans ausmachen.

 


 

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