Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Schuld und Sühne - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Dostojewski
titleSchuld und Sühne
publisherAufbau Verlag
year1956
translatorH. Röhl
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050727
modified20170607
projectid8458924a
Schließen

Navigation:

IV

Der Brief seiner Mutter bereitete ihm heftige Qual. Hinsichtlich des wichtigsten und wesentlichsten Punktes hatte bei ihm keinen Augenblick ein Zweifel bestanden, auch nicht, als er noch mit dem Lesen beschäftigt gewesen war. Die Kernfrage war für ihn entschieden, und zwar endgültig entschieden. »Diese Heirat findet, solange ich lebe, nicht statt; hole diesen Herrn Lushin der Teufel!«

›Die ganze Sache ist ja doch so durchsichtig‹, murmelte er, spöttisch lächelnd, vor sich hin und gab sich schon im voraus einem Gefühle des Triumphes wegen der glücklichen Durchsetzung seines Entschlusses hin. ›Nein, Mama, nein, Dunja‹, dachte er, ›ihr könnt mich nicht täuschen! . . . Und da entschuldigen sie sich auch noch, daß sie nicht meinen Rat erbeten, sondern die Sache ohne mich entschieden haben! Unsinn! Sie denken, jetzt lasse sich die Sache nicht mehr vereiteln; aber wir werden ja sehen, ob das geht oder nicht geht. Und was für eine famose Ausflucht: Pjotr Petrowitsch, heißt es, ist von seinen Geschäften so stark in Anspruch genommen, daß er sogar seine Heirat nur mit Extrapost oder Schnellzug bewerkstelligen kann. Nein, Dunjetschka, ich durchschaue alles und weiß, worüber du mit mir so viel zu sprechen vorhast. Ich weiß auch, worüber du die ganze Nacht nachgedacht hast, während du im Zimmer auf und ab gingst, und um was du vor dem Bilde der Muttergottes von Kasan, das in Mamas Schlafzimmer steht, gebetet hast. Es ist ein schwerer Gang, der Gang nach Golgatha. Hm! . . . Es ist also bereits unwiderruflich beschlossen: Sie möchten einen geschäftskundigen, praktisch gesinnten Mann heiraten, Awdotja Romanowna, einen Mann, der eigenes Vermögen besitzt (der »bereits« eigenes Vermögen besitzt, das klingt noch solider, eindrucksvoller), zwei amtliche Stellungen bekleidet und die Anschauungen unserer jüngeren Generation teilt, wie Mama schreibt, und »wie es scheint« ein guter Mensch ist, wie Dunjetschka selbst bemerkt. Dieses »wie es scheint« ist ganz besonders prachtvoll. Und diese gute Dunjetschka wird dieses »wie es scheint« heiraten! Prachtvoll! Prachtvoll!

Merkwürdig ist aber auch, warum mir Mama eigentlich etwas von der »jüngeren Generation« geschrieben hat. Wollte sie damit lediglich die Person charakterisieren, oder verfolgte sie damit eine weitergehende Absicht: mich für Herrn Lushin günstig zu stimmen? Oh, ihr Schlauen! Auch noch einen andern Umstand aufzuklären wäre interessant: bis zu welchem Grade waren sie beide an jenem Tage und in jener Nacht und in der ganzen folgenden Zeit offenherzig gegeneinander? Wurde wohl zwischen ihnen alles mit Worten ausgesprochen, oder wußten sie beide, daß die eine wie die andre ein und dasselbe im Herzen und im Sinne hatte, so daß es nicht erforderlich war, alles laut zu sagen, wobei man sich leicht hätte verplappern können? Wahrscheinlich hat sich die Sache zum Teil wirklich so verhalten; das läßt sich aus dem Briefe ersehen: der Mama kam er schroff vor, »ein wenig schroff«, und die naive Mama teilte diese Beobachtung ihrer Tochter mit. Aber die wurde natürlich böse darüber und »antwortete sogar ärgerlich«. Selbstverständlich! Wen sollte so etwas nicht wütend machen, wenn eine Sache auch ohne naive Fragen klar ist und wenn bereits entschieden ist, daß weitere Debatten sinnlos sind. Und warum schrieb sie mir da: »Lieber Rodja, liebe Deine Schwester Dunja; sie liebt Dich mehr als sich selbst«: quälen sie da im geheimen Gewissensbisse, weil sie zugestimmt hatte, daß die Tochter für den Sohn geopfert werde? »Du bist unsere Zuversicht, unser ein und alles!« O Mama!‹

Der Ingrimm kochte in ihm immer stärker, und wäre ihm jetzt Herr Lushin begegnet, so hätte er ihn wahrscheinlich totgeschlagen!

›Hm! . . . das ist richtig‹, fuhr er fort, indem er die Gedanken weiter verfolgte, die in seinem Kopfe wild herumwirbelten. ›Das ist ja richtig, daß man sich einem Menschen ganz allmählich und vorsichtig nähern muß, um ihn genau kennenzulernen; aber was Herrn Lushin selbst anlangt, so ist ja sein Charakter von vornherein klar und verständlich. Die Hauptsache ist: er ist sehr geschäftstüchtig und ›wie es scheint‹ ein guter Mensch: es ist ja keine Kleinigkeit, daß er den Transport der Frachtstücke übernommen hat und den großen Koffer auf seine Kosten herbefördern will! Und da sollte er kein guter Mensch sein? Die beiden Frauen aber, die Braut und die Mutter, dingen einen Bauern und fahren auf einem Bauernwagen, auf dem eine Bastmatte liegt (ich bin ja selbst dort so gereist!). Tut nichts; es sind ja nur neunzig Werst, ›und dann fahren wir wunderbar in der dritten Klasse‹, gegen tausend Werst. Es ist ja sehr verständig, wenn man sich nach seiner Decke streckt; aber Sie, Herr Lushin, was sagen Sie dazu? Es ist ja doch Ihre Braut . . . Und ist Ihnen das unbekannt geblieben, daß die Mutter sich auf ihre Pension das Reisegeld borgt? Gewiß, ihr habt zusammen mit Herrn Lushin gleichsam eine Art von gemeinsamem kaufmännischem Geschäft, ein Unternehmen zu beiderseitigem Nutzen und mit gleichen Anteilen; folglich müssen auch die Ausgaben in zwei gleiche Teile gehen; nach dem üblichen Grundsatze: Brot und Salz gemeinsam, aber Tabak jeder für sich. Aber auch hier hat der geschäftserfahrene Mann sie ein bißchen übers Ohr gehauen: das Gepäck kostet weniger als ihre Reise, und vielleicht wird es sogar ganz umsonst befördert. Sehen das nun die beiden Frauen nicht, oder wollen sie es absichtlich nicht bemerken? Sie sind ja zufrieden, so zufrieden! Und wenn man nun bedenkt, daß dies nur der Anfang, die Blüten sind und die wahren Früchte erst hinterdrein kommen! Und was ist die Hauptsache bei alledem? Die Hauptsache ist nicht der Geiz und die Knauserei, sondern der Ton, in dem das Ganze vor sich geht. Das wird der künftige Ton nach der Hochzeit sein; es zeigt sich schon an . . . Ja, und Mama gibt leichtsinnig Geld aus! Mit wieviel wird sie in Petersburg ankommen? Mit zwei oder drei »Scheinchen«, wie jenes . . . alte Weib . . . sagt . . . hm! Wovon gedenkt sie denn nachher in Petersburg zu leben? Sie hat ja schon aus irgendwelchen Anzeichen herausgefühlt, daß sie nach der Hochzeit nicht wird mit Dunja zusammenwohnen können, nicht einmal in der ersten Zeit. Der liebe Mensch hat gewiß »im Eifer des Gespräches« Andeutungen gemacht und seine Meinung zu verstehen gegeben, obwohl Mama einem auf das entschiedenste verwehrt, sich den Hergang so vorzustellen, und ausdrücklich sagt: »Ich selbst werde es ablehnen.« Was denkt sie sich denn, wovon sie leben wird? Von den hundertzwanzig Rubeln Pension, von denen erst noch der Betrag der Schuld an Afanassij Iwanowitsch abgeht? Sie wird dann hier Wintertücher stricken und Manschetten sticken und sich die alten Augen verderben. Aber die Tücher und Manschetten bringen ihr nur zwanzig Rubel jährlich zu den hundertzwanzig Rubeln; darüber weiß ich Bescheid. Also setzen sie ihre Hoffnung doch auf den Edelmut des Herrn Lushin. »Er wird selbst den Vorschlag machen und mich darum bitten.« Das wird ihm gar nicht einfallen! So geht es immer bei diesen Schillerschen schönen Seelen: bis zum letzten Moment schmücken sie einen Menschen mit Pfauenfedern; bis zum letzten Moment erwarten sie von ihm nur Gutes und nichts Schlechtes; wiewohl sie die Kehrseite der Medaille ahnen, mögen sie sich doch um keinen Preis dazu entschließen, beizeiten das Kind beim richtigen Namen zu nennen; es schaudert ihnen bei dem bloßen Gedanken; mit Händen und Füßen sträuben sie sich gegen die Wahrheit, bis der Mensch, den ihre Phantasie so schön herausstaffiert hat, sie gehörig hereinlegt. Es wäre mir interessant, zu wissen, ob Herr Lushin Orden besitzt; ich möchte darauf wetten, er hat den Annenorden im Knopfloch und legt ihn zu Diners bei Industriellen und Kaufleuten an. Vielleicht trägt er ihn auch bei seiner Hochzeit! Aber der Teufel soll ihn holen! . . .

Nun, von Mama will ich weiter nichts sagen; das liegt nun einmal so in ihrem Wesen; aber wie steht es mit Dunja? Liebste Dunjetschka, ich kenne dich doch! Du warst schon zwanzig Jahre alt, als wir uns zum letzten Male sahen; über deinen Charakter war ich schon damals im klaren. Da schreibt Mama: »Dunja kann vieles ertragen.« Das wußte ich. Das habe ich schon vor zwei und einem halben Jahre gewußt, und seitdem habe ich zwei und ein halbes Jahr lang daran gedacht, gerade daran gedacht, daß »Dunja vieles ertragen kann«. Schon daß sie Herrn Swidrigailow mit allem Nachfolgenden zu ertragen vermochte, zeigt, daß sie vieles ertragen kann. Und jetzt ist sie mit Mama der Meinung, daß sie auch Herrn Lushin ertragen könne, der seine Theorie von den Vorzügen derjenigen Frauen auseinandersetzt, welche aus der größten Armut herstammen und nur von den Wohltaten ihrer Männer leben, und der dies noch dazu fast beim ersten Zusammensein auseinandersetzt. Nun, nehmen wir ruhig an, er habe das nur so »im Eifer des Gespräches« gesagt, wiewohl er doch ein kluger Mann ist (so daß er es vielleicht gar nicht im Eifer gesagt hat, sondern geradezu beabsichtigte, gleich von vornherein das gegenseitige Verhältnis klarzustellen); aber Dunja, Dunja? Sie durchschaut doch den Menschen, und trotzdem entschließt sie sich, mit ihm zu leben. Sie würde ja lieber nur Schwarzbrot essen und Wasser dazu trinken als ihre Seele verkaufen; sie würde ihre moralische Freiheit nicht für eine behagliche Existenz hingeben; für ganz Schleswig- Holstein würde sie sie nicht hingeben, geschweige denn für Herrn Lushin. Nein, so war Dunja, soweit ich sie kannte, ganz und gar nicht, und . . . sie wird sich gewiß auch jetzt nicht geändert haben! Das ist ja nicht zu bestreiten: es ist ein schwer Ding, mit Leuten vom Schlage des Herrn Swidrigailow zu tun zu haben; es ist ein schwer Ding, für zweihundert Rubel sein lebelang als Gouvernante von einem Gouvernement nach dem andern zu ziehen! Aber das weiß ich dennoch sicher, daß meine Schwester eher Sklavin bei einem Pflanzer oder Magd bei einem Deutschen in den Ostseeprovinzen werden als ihren Geist und ihr sittliches Gefühl durch die Verbindung mit einem Menschen herabwürdigen würde, den sie nicht achtet und mit dem sie innerlich nichts gemein hat – lebenslänglich, nur um ihres persönlichen Vorteils willen! Und bestände Herr Lushin ganz aus purem Golde oder wäre er ein einziger Brillant, auch dann würde sie nicht einwilligen, Herrn Lushins legitime Beischläferin zu werden! Warum willigt sie denn jetzt ein? Wo steckt der Grund? Welches ist die Lösung des Rätsels? Die Sache ist klar: um ihrer selbst willen, um sich ein behagliches Dasein zu schaffen, ja, selbst um sich vom Tode zu retten, würde sie sich nicht verkaufen; aber um eines andern willen ist sie imstande, sich zu verkaufen! Um eines lieben, vergötterten Menschen willen verkauft sie sich! Und das ist der Schlüssel zu ihrer Handlungsweise: um des Bruders, um der Mutter willen verkauft sie sich, verkauft sie alles, was sie hat. Oh, wenn es sich darum handelt, ersticken wir auch unser sittliches Gefühl; wir bringen unsre Freiheit, unsre Ruhe, sogar unser Gewissen, alles, alles auf den Trödelmarkt. Mag auch unser Leben zerstört sein, wenn nur diese unsre geliebten Angehörigen glücklich sind! Und daran nicht genug: wir ersinnen uns noch eine eigene Kasuistik, gehen bei den Jesuiten in die Lehre, beruhigen vielleicht für einige Zeit unser eigenes Herz und überreden uns, daß es so nötig, tatsächlich nötig war für den guten Zweck. Ja, so sind wir, und alles ist sonnenklar. Es ist klar, daß es sich hier um keinen andern als um Rodion Romanowitsch Raskolnikow handelt und daß er im Vordergrund steht. Nun natürlich, sie, die gute Schwester, kann ja sein Glück begründen, ihn auf der Universität erhalten, ihn bei dem Büro zum Kompagnon machen, sein ganzes Schicksal sicherstellen; wer weiß, ob er nicht später noch reich wird und als ein angesehener, geachteter, vielleicht sogar berühmter Mann sein Leben beschließt. Und die Mutter? Es handelt sich ja um Rodja, den teuren Rodja, den Erstgeborenen! Nun, wie sollte man um eines solchen Erstgeborenen willen nicht eine solche Tochter opfern? Oh, ihr lieben, ungerechten Seelen! Ei nun, unter diesen Umständen weigern wir uns nicht, sogar das Los einer Sonjetschka auf uns zu nehmen! Sonjetschka, Sonjetschka Marmeladowa, die ewige Sonjetschka, solange die Welt steht! Habt ihr beide aber auch die Größe dieses Opfers in vollem Umfange ermessen? Wirklich? Reicht die Kraft zu? Bringt es Nutzen? Ist es vernünftig? Weißt du auch, liebe Dunja, daß Sonjas Los in keiner Weise schrecklicher ist als das deine an Herrn Lushins Seite? »Liebe kann nicht vorhanden sein«, schreibt Mama. Wie aber, wenn nicht nur keine Liebe, sondern auch keine Achtung vorhanden sein kann, sondern im Gegenteil sich bereits Abneigung, Geringschätzung und Widerwillen entwickelt haben, was dann? Und es stellt sich dann auch in dieser Situation wieder die Notwendigkeit heraus, »auf Sauberkeit bedacht zu sein«? Oder ist es etwa nicht so? Verstehst du, verstehst du, verstehst du auch wirklich, was es mit dieser Sauberkeit für eine Bewandtnis hat? Verstehst du, daß die Sauberkeit der Frau Lushina völlig auf gleicher Stufe steht mit Sonjas Sauberkeit und vielleicht noch schlimmer, häßlicher und gemeiner ist, weil du, liebe Dunja, dabei doch auch auf einen entbehrlichen Komfort spekulierst, während es sich dort einfach um den Hungertod handelt! Diese Sauberkeit kostet viel, sehr viel, liebe Dunja! Und wenn dann schließlich die Kraft doch nicht zureicht und sich die Reue einstellt? Wieviel Gram, Trauer, Selbstverwünschungen und Tränen werden dir dann beschieden sein. Tränen, die sich vor aller Augen verbergen, da du eben keine Marfa Petrowna bist, die allen alles sagt! Und was wird dann aus der Mutter werden? Sie ist ja schon jetzt beunruhigt und quält sich; wie wird es erst dann sein, wenn sie alles klar durchschaut? Und wie wird es mit mir stehen? . . . Ja, was hast du dir denn eigentlich von mir gedacht? Ich will dein Opfer nicht, liebe Dunja; ich will es nicht, liebe Mama! Das soll und darf nicht geschehen, solange ich lebe; es soll und darf nicht geschehen! Ich nehme das Opfer nicht an!‹

Plötzlich durchzuckte ihn ein andrer Gedanke, und er blieb stehen.

›Es soll nicht geschehen! Aber was willst du denn tun, um es zu verhindern? Willst du es verbieten? Was hast du dazu für ein Recht? Was kannst du ihnen deinerseits als Entgelt dafür versprechen, daß sie dir hierin willfahren? Willst du ihnen versprechen, ihnen deine ganze Zukunft, deine ganze Existenz zu weihen, wenn du die Studien absolviert und eine Stelle erhalten haben wirst? Schön gesagt; aber das ist ja noch in weiter Ferne; was soll aber jetzt gleich geschehen? Es muß doch jetzt sofort etwas getan werden, begreifst du das? Du aber, was tust du jetzt? Du plünderst sie aus. Geld verschaffen sie sich, indem sie die Pension von hundertzwanzig Rubeln verpfänden und sich von Swidrigailows Vorschuß geben lassen! Wie wirst du sie gegen die Swidrigailows und Afanassij Iwanowitsch Wachruschin schützen, du künftiger Millionär, du Jupiter, der du ihr Schicksal ordnest und lenkst? Wohl nach zehn Jahren? Aber in zehn Jahren ist deine Mutter schon blind vom Tüchersäumen, vielleicht auch vom Weinen, und krank und abgezehrt vom Fasten. Und deine Schwester? Nun, überlege einmal, wie es mit deiner Schwester nach zehn Jahren stehen mag, wie es ihr während dieser zehn Jahre vielleicht geht! Kannst du dir davon ein Bild machen?‹

So quälte und höhnte er sich mit diesen Fragen; er empfand dabei sogar eine Art von Genuß. Übrigens waren alle diese Fragen ihm nicht neu und traten ihm nicht erst jetzt unerwartet entgegen; es waren alte Fragen, die ihn schon geraume Zeit gepeinigt hatten. Schon lange war es her, daß sie angefangen hatten, ihn zu martern, sein Herz zu zerfleischen. Schon vor langer, langer Zeit war dieser ganze jetzige schwere Gram in seinem Innern entstanden, war herangewachsen und angeschwollen, und nun war er in der letzten Zeit herangereift und hatte sich zu einer schrecklichen, wilden, gespenstischen Frage konzentriert, die ihm Herz und Geist folterte und unabweisbar nach einer Lösung verlangte. Jetzt nun traf ihn auf einmal der Brief seiner Mutter wie ein Donnerschlag. Es war klar: jetzt durfte er nicht mehr sich grämen, passiv leiden und über die Unlösbarkeit dieser Fragen reflektieren, sondern er mußte unbedingt etwas tun, und zwar sofort, so schnell wie möglich. Unter allen Umständen mußte er sich entscheiden, nach irgendeiner Seite hin, oder . . .

»Oder ich muß überhaupt auf ein lebenswertes Leben verzichten!« rief er in plötzlich hervorbrechender Wut. »Muß gehorsam das Schicksal hinnehmen, wie es eben ist, ein für allemal, und alle Wünsche in mir ersticken und auf jedes Recht zu handeln, zu leben und zu lieben verzichten!«

›Verstehen Sie, verstehen Sie, verehrter Herr, was das besagen will, wenn man nirgends mehr hingehen kann?‹ Diese Frage, die er gestern von Marmeladow gehört hatte, fiel ihm auf einmal ein. ›Es müßte doch jeder Mensch wenigstens irgendwohin gehen können.‹

Da fuhr er zusammen. Ein andrer Gedanke, auch einer vom gestrigen Tage, tauchte wieder in ihm auf. Er fuhr aber nicht deshalb zusammen, weil ihm dieser Gedanke wieder gekommen war; er hatte es geahnt, gewußt, daß er sicher wieder auftauchen werde, und hatte es bereits erwartet; auch stammte dieser Gedanke keineswegs erst von gestern her. Aber der Unterschied lag darin, daß dieser Gedanke vor einem Monate, ja selbst gestern noch, lediglich ein Phantasiegebilde gewesen war, jetzt aber . . . jetzt ihm auf einmal nicht als Phantasiegebilde, sondern in einer neuen, furchtbaren, ganz unbekannten Gestalt entgegentrat; und er selbst wurde sich dessen sofort bewußt. Es war wie ein Schlag vor den Kopf, und es wurde ihm dunkel vor den Augen.

Er sah sich hastig um; er suchte etwas. Er wollte sich hinsetzen und suchte eine Bank. Er befand sich augenblicklich auf dem K . . . -Boulevard. Eine Bank stand ein kleines Stückchen vor ihm, etwa hundert Schritte entfernt. Er ging, so schnell er konnte, nach ihr hin; unterwegs aber hatte er ein kleines Erlebnis, das ihn für kurze Zeit hinderte, an etwas andres zu denken.

Während er die Bank ins Auge faßte, bemerkte er eine Frauensperson, die etwa zwanzig Schritte vor ihm ging; indes beachtete er sie anfangs gar nicht, ebensowenig wie er alles andere beachtet hatte, was an seinem Auge vorübergeglitten war. Es war ihm schon oft begegnet, daß er nach Hause kam und sich schlechterdings nicht des Weges erinnern konnte, den er gegangen war; es war ihm schon zur Gewohnheit geworden, so achtlos zu gehen. Aber die Frauensperson, die da ging, hatte etwas so Sonderbares an sich, was einem beim ersten Blick ins Auge fiel, daß allmählich seine Aufmerksamkeit an ihr haftete, anfangs unwillkürlich und sogar zu seinem Verdrusse, dann aber mit immer wachsendem Interesse. Es kam ihm die Lust an, festzustellen, was denn eigentlich an dieser Frauensperson so sonderbar sei. Erstens war sie offenbar ein noch sehr junges Mädchen; sie ging trotz der Hitze in bloßem Kopfe, ohne Sonnenschirm und Handschuhe, und schlenkerte in lächerlicher Weise mit den Armen. Sie trug ein leichtes, seidenes Kleidchen; aber auch dieses saß ihr sehr wunderlich auf dem Leibe und war nur sehr mangelhaft zugeknöpft; hinten an der Taille, gerade am Rockansatz, war es zerrissen; ein ganzer Fetzen stand ab und hing, hin und her pendelnd, herunter. Ein kleines Tuch umgab locker den bloßen Hals, saß aber schief, ganz nach der einen Seite hin. Ferner hatte das Mädchen einen unsicheren Gang; sie stolperte und schwankte sogar nach allen Seiten hin. Diese Erscheinung nahm schließlich Raskolnikows ganzes Interesse in Anspruch. Er holte das Mädchen dicht bei der Bank ein; aber sowie sie die Bank erreicht hatte, fiel sie geradezu darauf nieder, in eine Ecke, ließ den Kopf gegen die Rücklehne sinken und schloß die Augen, anscheinend vor äußerster Müdigkeit. Als er sie näher ansah, wurde ihm sofort klar, daß sie völlig betrunken war; es war ein ganz seltsamer, sonderbarer Anblick. Es kam ihm sogar einen Augenblick der Gedanke, ob er sich nicht doch irre. Er sah ein noch ganz junges Gesichtchen vor sich, von sechzehn oder vielleicht sogar nur von fünfzehn Jahren, klein, blondhaarig und hübsch, aber über und über glühend und wie verschwollen. Das Mädchen hatte anscheinend für ihre ganze Umgebung sehr wenig Verständnis; sie hatte das eine Bein über das andere geschlagen, wobei sie es weit mehr als schicklich vorstreckte; nach allem zu urteilen, war sie sich gar nicht bewußt, daß sie sich auf der Straße befand.

Raskolnikow setzte sich nicht hin, mochte aber auch nicht weggehen, sondern blieb unentschlossen vor ihr stehen. Dieser Boulevard ist immer wenig belebt; jetzt aber, zwischen ein und zwei Uhr mittags und bei dieser Hitze, war fast niemand zu sehen. Nur seitwärts, etwa fünfzehn Schritte entfernt, war am Rande des Boulevards ein Herr stehengeblieben, der, wie aus seinem ganzen Benehmen ersichtlich war, die größte Lust hatte, gleichfalls zu dem Mädchen mit irgendwelchen Absichten hinzugehen. Wahrscheinlich hatte auch er sie von weitem gesehen und einzuholen gesucht, aber Raskolnikow war ihm dazwischengekommen. So warf er ihm denn wütende Blicke zu, die er aber vor ihm zu verbergen bemüht war, und wartete ungeduldig, bis der unangenehme Lumpenkerl fortginge, so daß er selbst sich heranmachen könnte. Die Sache war sehr durchsichtig. Der Herr war etwa dreißig Jahre alt, von kräftigem Körperbau, wohlgenährt, mit gesunder, blühender Gesichtsfarbe, roten Lippen und kleinem Schnurrbart; sein Anzug zeigte die größte Eleganz. Raskolnikow fühlte, wie eine grimmige Wut in ihm aufstieg; er verspürte Lust, diesen wohlgenährten Laffen irgendwie zu beleidigen. Darum verließ er das Mädchen einen Augenblick und ging auf den Herrn zu.

»He, Sie, Sie Swidrigailow, Sie! Was haben Sie hier zu suchen?« rief er ihm zu; er ballte die Fäuste und lachte mit vor Wut bebenden Lippen.

»Was soll das heißen?« fragte der Herr in scharfem Tone, zog die Augenbrauen zusammen und blickte ihn von oben herab erstaunt an.

»Scheren Sie sich von hier weg! Das soll es heißen!«

»Kanaille, wie kannst du dich unterstehen . . .«

Er holte mit seinem Spazierstocke aus. Raskolnikow stürzte mit erhobenen Fäusten auf ihn zu, ohne zu überlegen, daß der kräftige Herr wohl mit zwei solchen, wie er, fertig werden konnte. Aber in diesem Augenblicke packte ihn jemand von hinten mit festem Griffe, und ein Schutzmann stand zwischen ihnen.

»Hören Sie auf, meine Herren! Keine Schlägerei auf öffentlichen Plätzen! Was haben Sie denn? Was bist du denn für einer?« wandte er sich mit strenger Miene an Raskolnikow, da er dessen zerlumpten Anzug bemerkte.

Raskolnikow sah ihn aufmerksam an. Es war ein braves Beamtengesicht mit grauem Schnurrbart und Backenbart und mit verständig blickenden Augen.

»Sie kommen mir wie gerufen«, rief er und ergriff seine Hand. »Ich bin ein gewesener Student; mein Name ist Raskolnikow . . . Das mag auch gleich für Sie gesagt sein!« fügte er, zu dem Herrn gewendet, hinzu. »Bitte, kommen Sie einmal mit; ich will Ihnen etwas zeigen.«

Er nahm den Schutzmann bei der Hand und führte ihn zu der Bank hin.

»Da, sehen Sie, sie ist ganz betrunken; sie kam eben den Boulevard entlang. Wer weiß, was sie für eine sein mag; aber wie eine Gewerbsmäßige sieht sie nicht aus. Wahrscheinlich ist sie irgendwo betrunken gemacht und dann mißbraucht worden . . . zum ersten Male, . . . verstehen Sie? Und dann hat man sie auf die Straße gebracht. Sehen Sie nur, wie das Kleid zerrissen ist; sehen Sie, wie sie angezogen ist: andre Leute haben sie angezogen, nicht sie selber, und Hände, die sich nicht darauf verstanden, haben es getan, Männerhände. Das sieht man. Und nun sehen Sie einmal dahin: diesen Laffen, den ich eben durchprügeln wollte, kenne ich nicht; ich sehe ihn zum ersten Male in meinem Leben. Er hat sie auch hier auf der Straße bemerkt, jetzt eben, hat gesehen, daß sie betrunken ist und von sich nichts weiß, und nun brennt er darauf, heranzugehen, sich ihrer in diesem Zustande zu bemächtigen und sie irgendwohin zu verschleppen . . . Es ist ganz bestimmt so; Sie können mir glauben, daß ich mich nicht irre. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie er sie beobachtete und ihr nachging; nur kam ich ihm in die Quere, und er wartet jetzt nur darauf, daß ich weggehe. Da, jetzt ist er ein bißchen weitergegangen und steht nun da, als wollte er sich eine Zigarette drehen. Wie können wir ihn hindern? Wie können wir sie nach Hause schaffen? Überlegen Sie mal!«

Der Schutzmann hatte die Sachlage sofort erfaßt. Was der kräftige Herr für einer war, darüber konnte kein Zweifel bestehen; aber was war nun mit dem Mädchen anzufangen? Der Schutzmann beugte sich über sie, um sie aus größerer Nähe zu betrachten, und aufrichtiges Mitleid spiegelte sich in seinen Zügen wider.

»Ach, wie schade!« sagte er und wiegte den Kopf hin und her. »Sie ist ja noch das reine Kind. Sie ist mißbraucht worden, das ist sicher. Hören Sie, Fräulein!« rief er sie an. »Wo wohnen Sie?«

Das Mädchen öffnete die müden, trüben Augen, blickte den Fragenden stumpfsinnig an und machte eine abwehrende Handbewegung.

»Hören Sie«, sagte Raskolnikow, »hier« (er wühlte in seiner Tasche und holte zwanzig Kopeken heraus), »hier, nehmen Sie eine Droschke und sagen Sie dem Kutscher, er solle sie nach Hause fahren. Wenn wir nur ihre Adresse erfahren könnten!«

Der Schutzmann nahm das Geld. »Fräulein, he. Fräulein!« begann er von neuem. »Ich will gleich eine Droschke für Sie nehmen und Sie selbst nach Hause begleiten. Wohin befehlen Sie, hm? Wo wohnen Sie?«

»Geht doch weg! . . . Laßt mich in Ruhe!« murmelte das Mädchen und wehrte wieder mit der Hand ab.

»Ach, wie häßlich, wie häßlich! Sie sollten sich schämen, Fräulein, ja, schämen sollten Sie sich!« Er schüttelte nochmals den Kopf, vorwurfsvoll, mitleidig und unwillig. »Das ist eine schwere Aufgabe«, wandte er sich an Raskolnikow und betrachtete ihn wieder vom Kopf bis zu den Füßen mit einem schnellen Blicke. Auch dieser Mensch kam ihm wohl sonderbar vor: hat solche Lumpen auf dem Leibe und gibt ohne weiteres Geld her!

»Haben Sie sie weit von hier gefunden?« fragte er ihn.

»Ich sagte es Ihnen schon: sie ging taumelnd vor mir her, hier auf dem Boulevard. Als sie zu der Bank kam, fiel sie geradezu darauf nieder.«

»Ach, wie schändlich es jetzt in der Welt zugeht, Herrgott! So ein junges Ding und schon betrunken! Sie ist mißbraucht worden, das ist sicher. Da, auch das Kleid ist zerrissen . . . Ist das eine Sittenlosigkeit heutzutage! . . . Vielleicht ist sie aus besserem Stande, aus einer verarmten Familie; das ist heutzutage nichts Seltenes. Aussehen tut sie ganz zart, ganz wie ein Fräulein.«

Er beugte sich wieder über sie.

Vielleicht hatte er bei sich zu Hause auch solche heranwachsenden Töchter, »ganz wie die Fräulein und ganz zart«, die den Vornehmeren ihre Manieren und allerlei Modetorheiten ablernten.

»Die Hauptsache«, sagte Raskolnikow eifrig, »ist, daß dieser Schurke nicht seinen Willen bekommt. Der würde sie noch mehr beschimpfen! Was er vorhat, ist ja ganz klar. Sehen Sie, der Schurke, er geht nicht weg!«

Raskolnikow sprach laut und wies offen mit dem Finger auf ihn. Dieser hörte es und wollte schon den Streit wieder aufnehmen; aber er besann sich eines andern und begnügte sich damit, ihm einen geringschätzigen Blick zuzuwerfen. Dann ging er langsam noch zehn Schritte weiter fort und blieb wieder stehen.

»Den wollen wir schon hindern«, antwortete der Schutzmann und überlegte. »Wenn sie bloß sagen wollte, wo man sie hinbringen soll; aber so . . . Fräulein, he, Fräulein!« rief er und beugte sich wieder über sie.

Sie machte plötzlich die Augen ganz auf, sah aufmerksam um sich, als hätte sie etwas von dem Vorgehenden begriffen, stand von der Bank auf und ging wieder nach der Seite zu, von der sie gekommen war.

»Pfui, ihr Unverschämten, laßt mich in Ruhe!« sagte sie, wieder mit der abwehrenden Handbewegung.

Sie ging mit schnellen Schritten, aber ebenso stark taumelnd wie vorher. Der Lebemann ging ihr nach, aber in einer andern Allee, ohne die Augen von ihr abzuwenden.

»Seien Sie unbesorgt, ich werde es nicht zulassen«, sagte der schnurrbärtige Schutzmann in entschiedenem Tone und folgte den beiden.

»Ist das eine Sittenlosigkeit heutzutage!« bemerkte er seufzend noch einmal.

In diesem Augenblick hatte Raskolnikow ein Gefühl, als ob er einen Stich bekäme; im Nu war er wie umgewandelt.

»He! Hören Sie!« rief er dem Schutzmann nach.

Dieser wendete sich um.

»Lassen Sie die beiden nur laufen! Was geht es Sie an? Kümmern Sie sich um die Geschichte nicht weiter! Gönnen Sie ihm sein Vergnügen« (er zeigte auf den feinen Herrn). »Was geht es Sie an?«

Der Schutzmann konnte nicht klug daraus werden und blickte ihn starr an. Raskolnikow schlug ein Gelächter auf.

»Na, so was!« sagte der Schutzmann und schwenkte verwundert den einen Arm; dann ging er dem Stutzer und dem jungen Mädchen nach. Wahrscheinlich hielt er Raskolnikow entweder für gestört oder für etwas noch Schlimmeres.

›Und meine zwanzig Kopeken hat er mitgenommen‹, dachte Raskolnikow boshaft, als er allein zurückgeblieben war. ›Nun mag er von dem da auch noch etwas annehmen und das Mädchen mit ihm gehen lassen; und das wird auch wohl das Ende vom Liede sein. Und warum habe ich mich da als Helfer eingemischt? Ich als Helfer! Habe ich auch ein Recht zu helfen? Mögen die Menschen meinetwegen einander bei lebendigem Leibe auffressen, was geht es mich an? Und wie durfte ich diese zwanzig Kopeken weggeben? Gehörten sie denn mir?‹

Trotz dieser sonderbaren Spottreden wurde ihm sehr schwer ums Herz. Er setzte sich auf die nun unbesetzte Bank. Seine Gedanken waren verwirrt . . . Überhaupt machte es ihm Mühe, in diesem Augenblick an irgend etwas zu denken. Am liebsten hätte er sich selbst und alles andre vergessen, um dann später aufzuwachen und ganz von neuem anzufangen.

›Das arme Mädchen!‹ sagte er sich mit einem Blick auf die nun leere Ecke der Bank. ›Wenn sie wieder zu sich kommt, wird sie in Tränen ausbrechen, und dann erfährt ihre Mutter das Geschehene. . . . Sie schlägt die Tochter mit den Fäusten, mit dem Stocke; oh, der Schmerz und die Schande! Vielleicht jagt sie sie gar aus dem Hause . . . Und wenn sie sie auch nicht aus dem Hause jagt: solche Kupplerinnen, wie Darja Franzowna, wittern die Sache doch, und dann fängt das Mädchen an, hierhin und dahin seine heimlichen Gänge zu machen. Dann kommt gleich das Krankenhaus (denn so geht es immer denen, die bei anständigen Müttern wohnen und sich so im stillen außer dem Hause herumtreiben), nun, und darauf . . . darauf folgt wieder das Krankenhaus, . . . der Branntwein, . . . die Kneipen . . . und nochmals das Krankenhaus, . . . in zwei, drei Jahren ist sie körperlich völlig ruiniert, also mit neunzehn oder auch nur achtzehn Jahren. Solche Mädchen habe ich ja schon massenhaft gesehen. Und wie sind sie so geworden? Genau auf die Weise wie hier . . . Pfui! Aber meinetwegen! Es heißt, das muß eben so sein. Ein gewisser Prozentsatz, heißt es, muß jedes Jahr draufgehen, zum Teufel gehen, damit die übrigen frisch und gesund bleiben und sich ungestört entwickeln. Ein Prozentsatz! Wahrhaftig, prächtige Fachausdrücke haben die Leute jetzt; sie klingen so beruhigend, so wissenschaftlich. Man hat den schönen Ausdruck erfunden: »ein Prozentsatz«, und nun braucht sich niemand mehr aufzuregen. Ja, wenn man einen andern Ausdruck dafür gebrauchte, nun, dann . . . wäre die Sache vielleicht aufregender . . . Wie, wenn nun auch Dunja irgendwie in diesen Prozentsatz hineingerät? . . . Und wenn nicht in diesen, dann in einen andern?‹

›Aber wo wollte ich denn eigentlich hingehen?‹ überlegte er auf einmal. ›Sonderbar! Ich hatte doch einen Grund, weshalb ich ausging. Als ich den Brief gelesen hatte, da ging ich fort, . . . nach der Wassilij-Insel, zu Rasumichin wollte ich gehen; das war's, jetzt fällt es mir ein. Aber weshalb denn? Wie ist mir denn gerade jetzt der Einfall gekommen, zu Rasumichin zu gehen? Das ist doch merkwürdig!‹

Er wunderte sich über sich selbst. Rasumichin war einer seiner früheren Kommilitonen auf der Universität. Es war auffällig gewesen, daß Raskolnikow, solange er auf der Universität war, fast keinen Freund hatte, sich von allen zurückzog, zu niemandem hinging und nur ungern jemand bei sich sah. Auch wandten sich bald alle von ihm ab. Weder an gemeinsamen Zusammenkünften noch an Gesprächen, noch an Vergnügungen, an nichts beteiligte er sich. Er arbeitete angestrengt, ohne sich zu schonen; man achtete ihn deswegen, aber niemand mochte ihn gern. Er war bei seiner Armut von einem anmaßenden Stolze und einer seltsamen Verschlossenheit, wie wenn er bezüglich seiner Person etwas zu verheimlichen hätte. Manche seiner Kommilitonen hatten von ihm den Eindruck, als blicke er auf sie alle von oben herab wie auf Kinder, in der Vorstellung, daß er sie alle in der geistigen Entwicklung, den Kenntnissen und Lebensanschauungen weit überholt habe und als sehe er ihre Anschauungen und Interessen für minderwertig an.

Rasumichin war der einzige, mit dem er befreundet war; befreundet ist eigentlich zuviel gesagt, aber er war ihm gegenüber mitteilsamer und offener. Übrigens war es gar nicht möglich, sich mit Rasumichin anders zu stellen. Dieser war ein ungemein heiterer, offenherziger Bursche und von einer Herzensgüte, die an Einfalt grenzte. Aber unter dieser Einfalt verbargen sich Tiefe und Gediegenheit. Die besseren unter seinen Kommilitonen hatten dafür Verständnis, und alle mochten ihn gerne leiden. Er besaß einen guten Verstand, obwohl er sich manchmal tatsächlich etwas naiv benahm. Sein Äußeres fiel auf: er war hochgewachsen, hager, stets schlecht rasiert, schwarzhaarig. Mitunter suchte er Händel, und er stand im Rufe gewaltiger Körperkraft, Einmal hatte er in der Nacht, als er in Gesellschaft die Straße entlang zog, mit einem einzigen Schlage einen baumlangen Wächter niedergeschmettert. Trinken konnte er in unbegrenztem Maße; aber er vermochte auch sich des Trinkens völlig zu enthalten. Manchmal verübte er ganz sträfliche Streiche; indes konnte er sich auch durchaus gesetzt benehmen. Eine beachtenswerte Eigenschaft an ihm war ferner, daß er sich niemals durch ein Mißgeschick aus der Fassung bringen ließ und, wie es schien, auch in der schlimmsten Lage nicht den Mut verlor. Er war imstande, nötigenfalls auf dem Dachboden zu kampieren, einen barbarischen Hunger und die fürchterlichste Kälte zu ertragen. Er war sehr arm, bestritt aber seinen Unterhalt ganz allein, indem er sich durch allerlei Arbeiten Geld verschaffte. Er kannte eine Unmenge Quellen, aus denen er schöpfen konnte, d. h. natürlich, wo er durch Arbeit sich etwas verdienen konnte. Einmal ließ er den ganzen Winter hindurch sein Zimmer gar nicht heizen und behauptete, dies sei sogar angenehmer, da man im Kalten besser schlafe. Zur Zeit hatte auch er sich genötigt gesehen, die Universität zu verlassen; jedoch sollte das nicht lange dauern, und er bemühte sich mit aller Kraft, seine Verhältnisse möglichst schnell zu bessern, um das Studium wieder fortsetzen zu können. Raskolnikow war schon vier Monate lang nicht bei ihm gewesen; Rasumichin aber wußte überhaupt nicht einmal, wo der andre wohnte. Vor zwei Monaten waren sie einmal auf der Straße einander entgegengekommen und schon ziemlich nahe gewesen; aber Raskolnikow hatte sich weggewendet und war sogar auf die andre Seite hinübergegangen, damit jener ihn nicht bemerken sollte. Und Rasumichin hatte ihn zwar doch bemerkt, war aber vorbeigegangen, um seinen »Freund« nicht zu belästigen.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.