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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Schuld und Sühne - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Dostojewski
titleSchuld und Sühne
publisherAufbau Verlag
year1956
translatorH. Röhl
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050727
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VIII

Als er zu Sonja ins Zimmer trat, begann es schon zu dämmern. Den ganzen Tag über hatte Sonja in schrecklicher Aufregung auf ihn gewartet, zusammen mit Dunja. Diese war schon am Morgen zu ihr gekommen, da sie sich der Angabe Swidrigailows erinnerte, daß Sonja über Raskolnikows Tat alles wisse. Wir beabsichtigen nicht, das Gespräch der beiden Mädchen in seinen Einzelheiten zu schildern, auch nicht, wie sie miteinander weinten und wie sie einander seelisch näherrückten. Dunja nahm von diesem Zusammensein wenigstens den einen Trost mit, daß ihr Bruder nicht allein sein werde: zu Sonja war er zuerst mit seiner Beichte gegangen; in ihr hatte er einen Menschen gesucht, als er einen Menschen brauchte; und sie war auch entschlossen, ihm zu folgen, wohin auch immer das Schicksal ihn führen würde. Dunja fragte danach gar nicht erst; sie wußte, daß es so sein werde. Sie blickte auf Sonja sogar mit einer Art von Ehrfurcht und setzte diese am Anfang durch ihr respektvolles Benehmen stark in Verwirrung. Sonja war nahe daran, in Tränen auszubrechen; sie hielt sich ihrerseits für unwürdig, Dunja auch nur anzublicken. Das schöne Bild Dunjas, wie diese bei ihrer ersten Begegnung in Raskolnikows Zimmer sich so höflich und achtungsvoll von ihr verabschiedete, hatte sich seitdem ihrer Seele für das ganze Leben eingeprägt, als eine der schönsten, beglückendsten Erinnerungen.

Dunja hatte es schließlich nicht länger aushalten können und war von Sonja weggegangen, um ihren Bruder in seiner Wohnung zu erwarten; sie meinte immer, dorthin würde er doch zuerst kommen. Als Sonja allein geblieben war, begann sie sich sogleich mit dem Gedanken zu ängstigen, er werde vielleicht wirklich Selbstmord begehen. Dieselbe Befürchtung hegte auch Dunja. Aber die beiden Mädchen hatten den ganzen Tag über mit allen möglichen Gründen wetteifernd einander zu überzeugen gesucht, daß dies ausgeschlossen sei, und hatten sich ruhiger gefühlt, solange sie beisammen waren. Jetzt aber, sowie sie sich getrennt hatten, hatte sowohl die eine wie die andere keinen anderen Gedanken. Sonja erinnerte sich, wie Swidrigailow am Vortage zu ihr gesagt hatte, Raskolnikow habe nur zwei Wege vor sich: Sibirien oder –. Zudem kannte sie seine Eitelkeit, seinen Hochmut, sein Ehrgefühl und seinen Unglauben.

›Sind denn wirklich Kleinmut und Furcht vor dem Tode die einzigen Beweggründe, die ihn veranlassen können weiterzuleben?‹ dachte sie schließlich verzweiflungsvoll.

Unterdes war die Sonne schon tief gesunken. Sonja stand traurig am Fenster und blickte unverwandt hinaus; aber da war nichts zu sehen als die ungetünchte, fensterlose Seitenmauer des vorspringenden Nachbarhauses. Endlich, als sie von dem Tode des Unglücklichen schon ganz fest überzeugt war, trat er zu ihr ins Zimmer.

Ein Freudenschrei entrang sich ihrer Brust. Aber als sie ihm forschend ins Gesicht blickte, wurde sie plötzlich blaß.

»Nun ja«, sagte Raskolnikow lächelnd, »ich komme, mir dein Kreuz zu holen, Sonja. Du hast mich ja selbst auf den Kreuzweg geschickt; ist dir etwa jetzt, wo es soweit ist, bange geworden?«

Sonja blickte ihn bestürzt an. Dieser Ton erschien ihr so seltsam; ein Frostzittern lief über ihren Körper hin; aber einen Augenblick darauf durchschaute sie es schon, daß dieser Ton und diese Worte erkünstelt waren. Auch sah er, während er zu ihr sprach, nach einer Ecke hin und vermied es anscheinend, ihr ins Gesicht zu blicken.

»Siehst du, Sonja, ich habe mir gesagt, daß es so für mich wohl auch am vorteilhaftesten sein wird. Es kommt nämlich in Betracht . . . Aber es dauert zu lange, das auseinanderzusetzen, und es hat auch keinen Zweck. Weißt du, mich ärgert bloß eines. Was mich ärgert, ist, daß alle diese dummen, viehischen Fratzen mich sofort umringen und mit ihren Glotzaugen anstarren werden, daß diese Bande mir ihre dummen Fragen vorlegen wird, auf die ich dann Antwort geben muß, und daß die Leute mit Fingern auf mich zeigen werden . . . Pfui Teufel! Weißt du, ich werde nicht zu Porfirij gehen; den habe ich satt bekommen. Ich will lieber zu meinem Freunde Schießpulver gehen; den werde ich in Erstaunen versetzen; da werde ich einen ganz eigenartigen Effekt erzielen. Ich müßte nur mehr Kaltblütigkeit dabei zeigen; aber ich bin in der letzten Zeit gar zu reizbar geworden. Kannst du das glauben: ich habe soeben meiner Schwester beinahe mit der Faust gedroht, bloß weil sie sich umwandte, um mir noch einen letzten Blick zuzuwerfen. Ein ganz abscheulicher Zustand! Ja, ja, so weit ist es mit mir gekommen! Nun also, wo hast du die Kreuze?«

Er hatte sich selbst gar nicht in der Gewalt. Nicht einen Augenblick konnte er ruhig auf einem Flecke stehen, konnte seine Aufmerksamkeit nicht auf einen einzelnen Gegenstand konzentrieren; seine Gedanken hüpften einer über den anderen weg; er verwirrte sich beim Reden; seine Hände zitterten leicht.

Sonja nahm schweigend aus einem Kasten zwei Kreuze heraus, eines aus Zypressenholz und ein kupfernes, bekreuzigte sich selbst, bekreuzigte ihn und hängte ihm das aus Zypressenholz auf die Brust.

»Das ist also nun das Symbol dafür, daß ich das Kreuz auf mich nehme, he-he! Als hätte ich bis jetzt wenig gelitten! Aus Zypressenholz, wie es gewöhnliche Leute tragen; das kupferne hat also Lisaweta gehört; das nimmst du nun für dich; zeig es doch mal her! Also das hat Lisaweta früher getragen . . . Ich besinne mich auch auf zwei ähnliche solche Kreuze und ein silbernes Heiligenbildchen. Ich warf sie damals dem alten Weibe auf die Brust. Die würden mir jetzt zupaß kommen, wahrhaftig, die sollte ich mir umhängen . . . Aber ich schwatze und schwatze und vergesse den Zweck meines Besuches; ich bin so zerstreut! . . . Siehst du, Sonja, ich bin eigentlich bloß hergekommen, um es dir vorher mitzuteilen, damit du es weißt . . . Also das war der ganze Zweck . . . Bloß deshalb bin ich hergekommen. (Hm! Ich dachte übrigens, ich würde dir noch mehr zu sagen haben.) Du hast ja doch selbst gewollt, daß ich hingehen solle; na, da werde ich nun also im Gefängnis sitzen, und dein Wunsch wird erfüllt werden. Aber warum weinst du denn? Du auch? Hör doch auf, laß es genug sein; ach, wie schwer ist das alles für mich!«

Indes ward doch bei ihm das Mitleid rege; sein Herz zog sich bei ihrem Anblicke schmerzlich zusammen. ›Auch die weint? Auch die? Warum?‹ dachte er bei sich. ›Was bin ich ihr? Warum weint sie? Warum ist sie um mich besorgt wie die Mutter und Dunja? Sie wird wohl meine Kinderfrau werden!‹

»Bekreuzige dich und bete doch nur ein einziges Mal!« bat Sonja mit zitternder, schüchterner Stimme.

»Oh, meinetwegen, soviel du nur wünschest! Und ich tue es von Herzen, Sonja, von Herzen . . .«

Indessen wollte er eigentlich etwas ganz anderes sagen.

Er bekreuzigte sich mehrere Male. Sonja ergriff ihr Tuch und legte es sich um den Kopf. Es war ein grünes Tuch von drap de dame, wahrscheinlich dasselbe, von dem Marmeladow damals gesprochen hatte, das Familientuch. Eine flüchtige Erinnerung daran kam Raskolnikow in den Sinn; aber er fragte weiter nicht. Er begann sich nun seiner schrecklichen Zerstreutheit und ungewöhnlichen Aufregung bewußt zu werden und bekam einen großen Schreck darüber. Auch überraschte es ihn, daß Sonja mit ihm gehen wollte.

»Was hast du denn? Wo willst du hin? Bleib nur hier, bleib hier! Ich gehe allein!« rief er ängstlich und ärgerlich und ging beinahe erbost zur Tür. »Was soll ich denn da mit einer ganzen Eskorte!« murmelte er beim Hinausgehen.

Sonja blieb mitten im Zimmer stehen. Er hatte nicht einmal Abschied von ihr genommen und dachte schon gar nicht mehr an sie; nur ein peinigender, rebellischer Zweifel versetzte seine Seele in arge Unruhe.

›Ist das auch wirklich das richtige?‹ dachte er wieder, während er die Treppe hinunterging. ›Kann ich nicht noch einhalten und alles wieder umändern . . . und diesen Gang unterlassen?‹

Aber er ging trotzdem. Es kam ihm auf einmal die bestimmte Empfindung, daß es zwecklos sei, sich weitere Fragen vorzulegen. Als er auf die Straße hinaustrat, fiel ihm ein, daß er von Sonja nicht Abschied genommen hatte und daß sie mitten im Zimmer in ihrem grünen Tuche stehengeblieben war und nicht gewagt hatte, sich zu rühren, nachdem er sie so angefahren hatte. Bei dieser Erinnerung stockte einen Augenblick sein Schritt. Aber gleichzeitig leuchtete in seinem Gehirn grell noch ein anderer Gedanke auf, der nur auf diesen Zeitpunkt gewartet zu haben schien, um ihn vollständig aus der Fassung zu bringen.

›Nun, warum, wozu bin ich jetzt eben bei ihr gewesen? Ich habe zu ihr gesagt, mein Besuch hätte einen Zweck; was hatte er denn für einen Zweck? Überhaupt gar keinen! Ihr mitzuteilen, daß ich nun hingehe, nicht wahr? Diese Mitteilung war auch höchst nötig! Liebe ich etwa dieses Mädchen? Doch wohl nicht! Ich habe sie ja soeben wie einen Hund von mir gewiesen. War es mir denn ein wirkliches Bedürfnis, von ihr das Kreuz zu bekommen? Oh, wie tief bin ich gesunken! Nein, ich hatte das Bedürfnis, ihre Tränen und ihre Angst zu sehen; ich wollte sehen, wie ihr das Herz weh tut und wie sie leidet! Ich hatte das Bedürfnis, mich an irgend etwas anzuklammern, die Ausführung meines Entschlusses noch hinzuzögern, noch einen Menschen zu sehen! Und ich, ich habe es gewagt, so gewaltige Hoffnungen auf mich zu setzen, mich so phantastischen Träumereien über meine Zukunft hinzugeben – und bin ein armseliges, wertloses Subjekt, ein Lump, ein Lump!‹

Er schritt die Kanalstraße entlang und hatte nicht mehr weit bis zu seinem Ziele. Als er aber bis zur Brücke gekommen war, blieb er stehen, bog zur Seite ab auf die Brücke und ging nach dem Heumarkte.

Begierig schaute er nach rechts und nach links und richtete mit Anstrengung seine Blicke auf einen jeden Gegenstand, konnte aber mit einer Aufmerksamkeit bei keinem ausharren; alles entglitt ihm sofort wieder. ›In einer Woche, in einem Monat werde ich im Gefängniswagen über diese Brücke fahren; mit welchen Gefühlen werde ich dann auf diesen Kanal blicken? Ich sollte mir sein Bild bis dahin einprägen!‹ fuhr es ihm durch den Kopf. ›Dieses Ladenschild da, mit welchen Gefühlen werde ich dann diese selben Buchstaben lesen? In der Aufschrift ist ein orthographischer Fehler, ein falsches a; ich möchte mir diesen Buchstaben a merken und ihn nach einem Monat wieder ansehen; mit welchen Gefühlen werde ich es dann wohl tun? Was werde ich dann empfinden und denken? . . . Mein Gott, wie unwürdig und gemein das alles ist, . . . daß ich mich um solche Dinge jetzt noch kümmere! Freilich, dies alles ist auch wieder sehr interessant . . . in seiner Art . . . (Ha-ha-ha! Was kommen mir bloß für Gedanken in den Kopf!) Ich werde geradezu zum Kinde und tue vor mir selber groß. Na, aber warum schelte ich mich deswegen? Oh, oh! Was ist hier für ein Gedränge! Da, der dicke Kerl, der mich gestoßen hat (gewiß ein Deutscher), ob der wohl weiß, wen er gestoßen hat? Hier bettelt eine Frau mit einem Kinde; es ist doch interessant, daß sie mich für glücklicher hält als sich. Der Kuriosität halber sollte ich ihr etwas geben. Sieh, da hat sich ja noch ein Fünfkopekenstück in meiner Tasche erhalten; wie geht das zu? Da, nimm, Mütterchen, da!‹

»Gott lohne es Ihnen!« sagte die Bettlerin in weinerlichem Tone.

Er betrat den Heumarkt. Es war ihm unangenehm, sehr unangenehm, sich zwischen dem Volk hindurchzudrängen; aber er ging geflissentlich dahin, wo das größte Gewühl war. Er hätte wer weiß was darum gegeben, allein zu sein; aber er fühlte selbst, daß er es nicht einen Augenblick allein würde aushalten können. Inmitten eines Volkshaufens vollführte ein Betrunkener seine Narrheiten: er versuchte fortwährend zu tanzen, fiel aber immer seitwärts auf die Erde. Ein dichter Kreis von Zuschauern umgab ihn. Raskolnikow drängte sich durch den Haufen hindurch, sah dem Betrunkenen ein Weilchen zu und lachte plötzlich kurz und schrill auf. Einen Augenblick darauf hatte er ihn bereits vergessen; ja, er sah ihn gar nicht mehr, wiewohl er die Augen auf ihn gerichtet hielt. Er trat schließlich zurück, ohne daß er sich bewußt gewesen wäre, wo er sich überhaupt befand; aber als er bis zur Mitte des Platzes gelangt war, ging plötzlich in seinem Innern eine Bewegung vor; eine bestimmte Empfindung ergriff ihn mit einem Male und nahm ihn mit Leib und Seele in ihren Bann.

Es waren ihm Sonjas Worte eingefallen: »Geh zu einem Kreuzwege, verbeuge dich vor allem Volke, küsse die Erde, weil du dich auch gegen sie versündigt hast, und sage laut zu der ganzen Welt: ›Ich bin ein Mörder!‹« Er zitterte am ganzen Körper bei dieser Erinnerung. Und bis zu einem solchen Grade hatte ihn die verzweifelte Angst und Unruhe dieser ganzen Zeit, und besonders der letzten Stunden, bereits mürbe gemacht, daß er sich mit einer wahren Begierde in diese reine, neue, kräftige Empfindung hineinstürzte. Wie ein Anfall war es plötzlich über ihn gekommen; es war, als hätte sich in seiner Seele ein Funke entzündet und dann mit gewaltiger Geschwindigkeit die Flamme ihn ganz und gar ergriffen. Sein ganzes Inneres wurde auf einmal weich, und die Tränen stürzten ihm hervor. An dem Flecke, wo er stand, fiel er auf den Boden.

Mitten auf dem Platze kniete er nieder, verbeugte sich bis zur Erde und küßte diese schmutzige Erde glückselig und voll Wonne. Dann stand er auf und verbeugte sich ein zweites Mal.

»Na, der hat sich gehörig beduselt!« bemerkte neben ihm ein junger Bursche.

Die Leute lachten.

»Der geht nach Jerusalem, Brüder, und nimmt vorher von seinen Kindern und von seiner Heimat Abschied, verneigt sich vor der ganzen Welt und küßt die Residenzstadt Petersburg und ihren Boden!« fügte ein etwas angetrunkener Kleinbürger hinzu.

»Es ist doch noch so ein junges Bürschchen!« meinte ein dritter.

»Einer aus den höheren Ständen!« bemerkte jemand mit ernster, ruhiger Stimme.

»Das kann man heutzutage nicht mehr unterscheiden, ob einer zu den höheren Ständen gehört oder nicht.«

Alle diese Ausrufe und Bemerkungen hielten Raskolnikow von Weiterem zurück, und die Worte: »Ich habe einen Mord begangen«, die ihm vielleicht schon auf den Lippen schwebten, erstickten ungesprochen. Er ertrug indessen alle diese Äußerungen des Publikums mit Ruhe und ging, ohne sich umzusehen, durch eine Seitengasse geradeswegs nach dem Polizeibureau. Unterwegs glaubte er einen Augenblick lang eine huschende Gestalt zu sehen; aber er wunderte sich darüber nicht; er hatte schon geahnt, daß es wohl so kommen werde. Während er sich auf dem Heumarkte zum zweiten Male bis zur Erde verneigte, hatte er bei einer zufälligen Wendung nach links in einer Entfernung von etwa fünfzig Schritten Sonja erblickt. Sie hatte sich dann vor ihm hinter einer der hölzernen Buden versteckt, die auf dem Platze standen. Also hatte sie ihn auf seinem ganzen Leidenswege begleitet! Raskolnikow fühlte und begriff in diesem Augenblicke für immer, daß Sonja jetzt lebenslänglich bei ihm bleiben und ihm bis ans Ende der Welt folgen werde, mochte ihn das Schicksal führen, wohin es wollte. Sein Herz erbebte . . ., aber da war er auch bereits an der verhängnisvollen Stelle angelangt . . .

Ziemlich gefaßten Mutes betrat er den Hof. Er mußte zum vierten Stockwerk hinaufsteigen.

›Vorläufig steige ich nur erst die Treppe hinauf‹, dachte er. Überhaupt hatte er die Vorstellung, als läge der Augenblick der Entscheidung noch in weiter Ferne, als bliebe ihm noch viel Zeit bis dahin und als könne er sich noch vieles überlegen.

Wieder derselbe Schmutz, dieselben Eierschalen auf der Wendeltreppe, wieder standen die Türen zu den Wohnungen weit offen, wieder dieselben Küchen, aus denen Qualm und übler Geruch herausdrang. Raskolnikow war seit jenem Tage nicht wieder hier gewesen. Die Beine waren ihm ganz taub geworden und knickten ein, gingen aber mechanisch weiter. Er blieb einen Augenblick stehen, um Atem zu schöpfen und sein Äußeres in Ordnung zu bringen, damit er »als Mensch« eintreten könne. ›Aber wozu? Was hat das für Zweck?‹ dachte er plötzlich, als er sich seines Tuns bewußt wurde. ›Wenn ich doch einmal diesen Kelch leeren muß, ist es dann nicht ganz gleich, wie ich aussehe? Je garstiger, um so besser!‹ Unwillkürlich kam ihm in diesem Augenblicke die Gestalt des Polizeileutnants Ilja Petrowitsch Schießpulver in den Sinn. ›Soll ich wirklich zu dem hingehen? Könnte ich nicht vielleicht zu einem anderen gehen? Nicht vielleicht zum Revieraufseher Nikodim Fomitsch selbst? Wie wär's, wenn ich gleich umkehrte und zu dem in die Wohnung ginge? Wenigstens wickelt sich die Sache dann mehr in privater Form ab . . . Nein, nein! Zu Leutnant Schießpulver, zu Leutnant Schießpulver! Muß ich den Kelch trinken, dann auch mit einem Male ganz . . .‹

Von Frost geschüttelt und sich kaum seiner selbst bewußt, öffnete er die Tür zum Bureau. Diesmal waren nur sehr wenige Leute darin; nur ein Hausknecht stand da und noch so ein Mann aus dem niederen Volke. Der Wächter blickte nicht einmal aus seinem Verschlage heraus. Raskolnikow ging weiter in das folgende Zimmer. ›Vielleicht ist es noch möglich, daß ich nichts davon sage‹, fuhr es ihm durch den Kopf. Hier schickte sich ein Schreiber in Zivil gerade an, seine Schreibarbeit am Pulte zu beginnen. In einer Ecke setzte sich noch ein anderer Schreiber zurecht. Sametow war nicht da. Nikodim Fomitsch war natürlich gleichfalls nicht anwesend.

»Ist niemand hier?« fragte Raskolnikow, sich an den Schreiber am Pulte wendend.

»Wen wünschen Sie zu sprechen?«

»Ah, ah, ah! ›Er sah ihn nicht, er hörte ihn nicht, aber er witterte den russischen Duft‹, . . . wie heißt es doch da im Märchen, . . . ich weiß nicht mehr genau! Ergebenster Diener!« rief auf einmal eine bekannte Stimme.

Raskolnikow begann zu zittern. Vor ihm stand Leutnant Schießpulver, der soeben aus dem dritten Zimmer hereingekommen war. ›Das ist mein Verhängnis‹, dachte Raskolnikow, ›warum muß der hier sein?‹

»Wollten Sie zu uns? Was führt Sie her?« rief Ilja Petrowitsch. Er war anscheinend in vorzüglicher und sogar ein wenig angeheiterter Stimmung. »Wenn es etwas Amtliches ist, so sind Sie etwas zu früh hergekommen. Ich selbst bin nur zufällig hier . . . Aber was in meinen Kräften steht . . . Übrigens, ich muß Ihnen gestehen, . . . wie war doch . . . wie war doch? Entschuldigen Sie . . .«

»Raskolnikow.«

»Na natürlich, Raskolnikow! Wie können Sie nur glauben, daß ich Ihren Namen vergessen hätte! So etwas müssen Sie von mir nicht denken . . . Rodion Ro . . . Ro . . . Rodionowitsch, so war es ja doch wohl?«

»Rodion Romanowitsch.«

»Ja, ja, ja! Rodion Romanowitsch, Rodion Romanowitsch! So wollte ich ja auch sagen! Ich habe mich sogar mehrmals nach Ihnen erkundigt. Offen gestanden, es hat mir nachher aufrichtig leid getan, daß ich damals mit Ihnen so . . . Es ist mir später alles erklärt worden, und ich habe gehört, daß Sie ein junger Schriftsteller sind, sogar ein Gelehrter, . . . und daß Sie sozusagen am Anfange Ihrer Laufbahn . . . Du mein Gott, welcher Schriftsteller und Gelehrte hätte nicht am Anfange seiner Laufbahn seine Besonderheiten gehabt! Meine Frau und ich, wir schwärmen beide für Literatur, meine Frau sogar leidenschaftlich! . . . Für Literatur und Kunst! Aus anständiger Familie muß man natürlich sein; alles andere aber kann man durch Talent, Wissen, Verstand und Genie erreichen! Na, zum Beispiel ein Hut – was hat ein Hut für einen Wert? Ein Hut ist ein Topfdeckel; den kann ich mir im Laden von Zimmermann kaufen; aber was unter dem Hute steckt und vom Hute verborgen wird, das kann man nicht kaufen! . . . Offen gestanden, ich wollte sogar schon zu Ihnen gehen, um mich zu entschuldigen; aber ich dachte, Sie würden vielleicht . . . Aber ich vergesse ganz zu fragen: haben Sie wirklich ein Anliegen an uns? Ich höre, Ihre Angehörigen sind zu Ihnen hierher nach Petersburg gekommen?«

»Ja, meine Mutter und meine Schwester.«

»Ich habe sogar die Ehre und das Glück gehabt, Ihre Schwester kennenzulernen – eine sehr gebildete, reizende junge Dame. Offen gestanden, ich habe lebhaft bedauert, daß wir beide, Sie und ich, damals so hitzig wurden. Ein eigentümlicher Fall! Und daß ich Ihnen damals anläßlich Ihrer Ohnmacht so einen besonderen Blick zuwarf – nun, es hat sich ja nachher alles auf das glänzendste aufgeklärt! Es war von meiner Seite zu hitzig, Übereifer! Ihre Entrüstung ist mir durchaus verständlich. Ziehen Sie vielleicht infolge der Ankunft der Ihrigen in eine andere Wohnung?«

»N–nein, ich bin nur gekommen . . . Ich wollte nur fragen . . . Ich glaubte, ich würde Sametow hier finden.«

»Ach ja! Sie haben sich ja miteinander angefreundet; ich habe davon gehört. Na, Sametow ist nicht mehr bei uns; den finden Sie hier nicht mehr vor. Ja, diesen Alexander Grigorjewitsch Sametow haben wir verloren! Seit gestern ist er fort; er ist versetzt worden und hat sich bei der Gelegenheit mit allen gezankt, . . . in recht unhöflicher Weise. Ein windiges Kerlchen, weiter nichts; man hoffte ja, es würde etwas aus ihm werden; aber gehen Sie mir mit diesen Leuten, mit unserem brillanten jungen Nachwuchs! Er will da irgendein Examen ablegen; aber in unserem Fache ist das so: wenn man nur ein bißchen was hinschwatzt und mit ein paar großtönenden Phrasen um sich wirft, so hat man damit das ganze Examen bestanden. Dagegen Sie zum Beispiel oder Ihr Freund, Herr Rasumichin, Sie sind ja ganz andere Leute! Ihre Laufbahn liegt auf dem Gebiete der Wissenschaft, und kein Mißerfolg kann Sie beirren! Alle Genüsse des Lebens sind Ihnen sozusagen ein wesenloses Nichts; Sie sind ein Asket, ein Mönch, ein Einsiedler! . . . Ihr ein und alles sind die Bücher, die Feder hinter dem Ohr, gelehrte Untersuchungen – in solchen Regionen schwebt Ihr Geist! Teilweise bin ich selbst so . . . Haben Sie Livingstones Reiseberichte gelesen?«

»Nein.«

»Aber ich habe sie gelesen. Übrigens haben sich heutzutage die Nihilisten ganz gewaltig ausgebreitet; na, es ist ja auch begreiflich; was sind das jetzt für Zeiten? frage ich Sie. Übrigens, ich rede mit Ihnen so frei von der Leber weg, . . . Sie sind ja doch gewiß kein Nihilist! Antworten Sie aufrichtig, ganz aufrichtig!«

»N-nein . . .«

»Wissen Sie, reden Sie mit mir ganz offen; genieren Sie sich gar nicht; reden Sie, als ob Sie mit sich selbst sprächen! Das sind zwei Dinge, die ich sehr wohl zu sondern weiß: Dienst und . . . Sie haben gewiß gedacht, ich wollte sagen: Freundschaft; nein, da haben Sie doch falsch geraten! Nicht Freundschaft, sondern das Gefühl, daß man Bürger und Mensch ist, die Humanität und die Liebe zu Gott dem Allmächtigen. Ich kann eine offizielle Persönlichkeit sein und ein Amt bekleiden, bin aber dabei doch verpflichtet, mich als Bürger und Mensch zu fühlen und mich danach zu benehmen . . . Sie erwähnten da vorhin Sametow. Sametow, der ist imstande, in einem unanständigen Lokal bei einem Glase Champagner oder Donwein eine Skandalszene so in französischem Genre zu veranstalten – ja, so einer ist Ihr Sametow! Ich dagegen glühe sozusagen von Freundestreue und hohen Gefühlen, und außerdem besitze ich ein gewisses Ansehen, habe einen Rang, bekleide ein Amt! Ich bin verheiratet und habe Kinder. Ich erfülle meine Pflicht als Bürger und Mensch; aber er, was ist er denn? möchte ich fragen. Ich wende mich an Sie als an einen Mann von hoher geistiger Bildung. Ja, und noch eins: auch diese Hebammen haben sich außerordentlich stark ausgebreitet.«

Raskolnikow zog fragend die Augenbrauen in die Höhe. Die Worte des Polizeileutnants, der offenbar eben erst vom Mittagstische gekommen war, vernahm er größtenteils nur als leere Töne, wie ein Geklapper und Gerassel. Aber einen Teil davon hatte er doch so einigermaßen verstanden; er blickte ihn fragend an und wußte nicht, worauf diese Bemerkung abzielte.

»Ich spreche von diesen jungen Mädchen mit dem kurzgeschnittenen Haar«, fuhr Ilja Petrowitsch redselig fort. »Ich habe ihnen aus eigener Erfindung den Namen Hebammen gegeben und finde, daß das eine sehr glückliche Bezeichnung ist. He-he! Sie drängen sich in die Hörsäle, sie studieren Anatomie; na, sagen Sie selbst, wenn ich krank werden sollte, würde ich dann nach einem jungen Mädchen schicken, um mich behandeln zu lassen? He-he!«

Ilja Petrowitsch lachte laut auf, höchst befriedigt von seinen eigenen Witzen.

»Es mag ja sein, daß da ein gewaltiger Bildungsdrang dahintersteckt; aber wenn sich einer nun die Bildung angeeignet hat, dann muß es auch damit sein Bewenden haben. Dann darf er doch seine Bildung nicht mißbrauchen. Dann darf er doch nicht anständige Personen beleidigen, wie es dieser Taugenichts, der Sametow, tut. Warum hat er mich beleidigt? frage ich Sie. Und noch eins: wie die Selbstmorde zugenommen haben, davon können Sie sich gar keinen Begriff machen. Diese ganze Sorte verbringt das letzte Geld und nimmt sich dann das Leben. Junge Mädchen, unreife Burschen, alte Männer . . . Heute früh ist wieder eine Anzeige eingegangen von dem Selbstmorde eines Herrn, der erst kürzlich nach Petersburg gekommen ist. Nil Pawlowitsch, he! Nil Pawlowitsch! Wie hieß doch der Gentleman, über den wir Anzeige bekamen, daß er sich in der Peterburgskaja erschossen hat?«

»Swidrigailow«, antwortete teilnahmslos eine heisere Stimme aus dem andern Zimmer.

Raskolnikow fuhr zusammen.

»Swidrigailow! Swidrigailow hat sich erschossen!« rief er.

»Wie? Kennen Sie diesen Swidrigailow?«

»Ja, . . . ich kenne ihn . . . Er ist erst kürzlich hier angekommen . . .«

»Na ja, er ist erst kürzlich angekommen, seine Frau war ihm gestorben, ein Mensch von ganz liederlichem Lebenswandel, und auf einmal erschießt er sich, und in einer so skandalösen Weise, daß man es sich gar nicht vorstellen kann, . . . hinterläßt in seinem Notizbuche ein paar Worte: er scheide aus dem Leben bei vollem Verstande und bitte, niemandem die Schuld an seinem Tode beizumessen. Der Mensch soll früher Geld gehabt haben. Woher kennen Sie ihn?«

»Ich . . . kannte ihn, . . . meine Schwester war Gouvernante in seiner Familie.«

»So, so, so . . . Da können Sie uns wohl über ihn etwas Näheres mitteilen. Sie haben vorher nichts davon geahnt?«

»Ich bin gestern noch mit ihm zusammengewesen, . . . er . . . trank Wein, . . . ich habe ihm nichts angemerkt.«

Raskolnikow hatte eine Empfindung, als sei eine schwere Last auf ihn niedergestürzt und drücke ihn zu Boden.

»Sie sind ja wieder ordentlich blaß geworden. Es ist hier bei uns aber auch so eine stickige Luft . . .«

»Ja, ich muß gehen, ich habe keine Zeit mehr« murmelte Raskolnikow. »Entschuldigen Sie, daß ich Sie belästigt habe . . .«

»Oh, bitte sehr! Durchaus nicht der Fall! Ganz zu Ihren Diensten! Es ist mir ein Vergnügen gewesen; ich habe mich sehr gefreut.«

Ilja Petrowitsch reichte ihm sogar die Hand.

»Ich wollte eigentlich nur . . . nur zu Sametow . . .«

»Weiß wohl, weiß wohl; es ist mir ein Vergnügen gewesen.«

»Ich . . . habe mich sehr gefreut . . . Auf Wiedersehen!« sagte Raskolnikow lächelnd.

Er ging hinaus, taumelnd und schwindlig; er fühlte gar nicht, ob er noch auf den Beinen stand. Er stieg die Treppe hinunter, mit der rechten Hand sich gegen die Wand stützend. Es schien ihm, daß er von einem Hausknecht, der mit einem Buche in der Hand nach dem Bureau hinaufstieg und ihm auf der Treppe begegnete, gestoßen wurde und daß ein Hund in einem tieferen Stockwerk heftig bellte und eine Frau mit einem Mangelholz nach dem Tiere warf und schimpfte. Er kam unten an und trat auf den Hof hinaus. Hier auf dem Hofe, nicht weit vom Ausgange, stand starr und leichenblaß Sonja und blickte ihn scheu und verstört an. Er blieb vor ihr stehen. Schmerz, Qual und Verzweiflung malten sich auf ihrem Gesichte. Sie schlug die Hände zusammen. Ein häßliches, verlegenes Lächeln trat auf seine Lippen. So stand er eine kleine Weile lächelnd da; dann wandte er sich um und ging wieder hinauf nach dem Bureau.

Ilja Petrowitsch hatte sich hingesetzt und kramte in allerlei Akten. Vor ihm stand derselbe Hausknecht, der vorhin auf der Treppe Raskolnikow gestoßen hatte.

»Ah, ah, ah! Da sind Sie ja wieder! Haben Sie etwas hier liegenlassen? . . . Aber was ist Ihnen?«

Raskolnikow näherte sich ihm sachte mit blassen Lippen und starrem Blicke, trat dicht an den Tisch heran, stützte sich mit der Hand darauf und wollte etwas sagen; aber er vermochte es nicht; es wurden nur einige unzusammenhängende Laute.

»Ihnen ist nicht wohl. Einen Stuhl her! Hier, setzen Sie sich auf den Stuhl, setzen Sie sich! Wasser!«

Raskolnikow ließ sich auf den Stuhl niedersinken, wandte aber die Augen von dem Gesichte des sehr unangenehm überraschten Ilja Petrowitsch nicht ab. Beide blickten einander etwa eine Minute lang an und warteten. Es wurde Wasser gebracht.

»Ich habe . . .«, begann Raskolnikow.

»Trinken Sie einen Schluck Wasser!«

Raskolnikow wies mit der Hand das Wasser zurück und sagte leise, in Absätzen, aber klar und deutlich:

»Ich habe damals die alte Beamtenwitwe und ihre Schwester Lisaweta mit einem Beile erschlagen und beraubt.«

Ilja Petrowitsch riß den Mund auf. Von allen Seiten kamen Beamte herbeigelaufen.

Raskolnikow wiederholte seine Selbstanzeige.


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