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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Schuld und Sühne - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Dostojewski
titleSchuld und Sühne
publisherAufbau Verlag
year1956
translatorH. Röhl
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050727
modified20170607
projectid8458924a
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VI

Er verbrachte diesen ganzen Abend bis zehn Uhr in allerlei Restaurants und unanständigen Lokalen, indem er von einem zum andern wanderte. In einem solchen Lokale traf er auch Katja, die wieder einen Gassenhauer sang, diesmal einen anderen, in dem eine Stelle vorkam wie: »Der arge Schurke und Tyrann, zu küssen fing er Katja an.« Swidrigailow traktierte Katja und den Drehorgelspieler mit Getränken, ebenso die Chorsänger, die Kellner und zwei Schreiber. Mit diesen Schreibern hatte er sich eigentlich nur deswegen eingelassen, weil sie beide schiefe Nasen hatten: bei dem einen stand die Nase nach rechts schief, bei dem andern nach links. Das hatte Swidrigailows Interesse erweckt. Schließlich schleppten sie ihn mit sich nach einem Vergnügungsgarten, wo er für sie auch das Eintrittsgeld bezahlte. In diesem Garten befanden sich nur eine dünne dreijährige Tanne und drei Sträucher. Außerdem war darin ein Restaurant eingerichtet, das in Wirklichkeit nur eine Kneipe war; aber man konnte dort auch Tee bekommen. Ferner standen in dem Garten einige grün angestrichene Tische und Stühle. Ein elender Sängerchor und ein betrunkener, rotnasiger Deutscher aus München, eine Art von Possenreißer, der aber, Gott weiß warum, sehr trübsinnig war, sorgten für das Amüsement des Publikums. Die Schreiber gerieten mit ein paar anderen Schreibern in Streit, und es fehlte nicht viel, daß es zur Prügelei kam. Swidrigailow wurde von ihnen zum Schiedsrichter erwählt. Wohl eine Viertelstunde mühte er sich damit ab, die Parteien zu vernehmen; aber sie schrien so, daß es schlechterdings unmöglich war, etwas klarzustellen. Am wahrscheinlichsten hing die Sache so zusammen: einer von ihnen hatte etwas gestohlen und es sogar schon an einen plötzlich auf der Bildfläche erschienenen Juden verkauft, wollte nun aber den Erlös nicht mit seinen Kollegen teilen. Es ergab sich schließlich, daß der verkaufte Gegenstand ein dem »Restaurant« gehöriger Teelöffel war. In dem »Restaurant« war der Löffel bereits vermißt worden, und die Sache schien sehr kompliziert und schwierig zu werden. Swidrigailow bezahlte den Löffel, stand auf und verließ den Garten. Es war gegen zehn Uhr. Er selbst hatte die ganze Zeit über keinen Tropfen Branntwein getrunken und sich in dem »Restaurant« nur Tee geben lassen, und auch das eigentlich nur um des Anstandes willen.

Der Abend war schwül und trübe. Um zehn Uhr zogen von allen Seiten furchtbare Gewitterwolken zusammen; ein Unwetter brach los, und der Regen stürzte wie ein Wasserfall hernieder. Das Wasser fiel nicht in Tropfen, sondern rauschte in ganzen Bächen auf die Erde herab. Fortwährend flammten Blitze; mitunter konnte man bis zu fünf fast gleichzeitig zählen. Als Swidrigailow nach Hause kam, war er durchnäßt bis auf die Haut; er schloß sich ein, öffnete seinen Schreibtisch, nahm sein ganzes Geld heraus und zerriß einige Papiere. Er überlegte einen Augenblick, ob er die Kleider wechseln sollte; aber nachdem er das Fenster geöffnet und gesehen und gehört hatte, wie es noch immer donnerte und regnete, verwarf er diese Absicht mit einer geringschätzigen Handbewegung, steckte das Geld in die Tasche, ergriff seinen Hut und ging, ohne seine Wohnung zuzuschließen, hinaus. Er begab sich geradeswegs zu Sonja. Diese war zu Hause.

Sie war nicht allein; vier kleine Kapernaumowsche Kinder waren bei ihr, und sie gab ihnen Tee zu trinken. Sie empfing Swidrigailow schweigend und respektvoll, bemerkte mit Erstaunen, daß seine Kleider ganz durchnäßt waren, sagte aber kein Wort. Die Kinder liefen sämtlich sofort in größter Angst davon.

Swidrigailow setzte sich an den Tisch und bat Sonja, sich neben ihn zu setzen. Schüchtern schickte sie sich an, ihm zuzuhören.

»Sofja Semjonowna, ich reise vielleicht nach Amerika«, sagte Swidrigailow, »und da ich Sie wahrscheinlich zum letzten Male sehe, bin ich gekommen, um noch einiges zu ordnen. Nun, Sie haben also heute diese Dame besucht? Ich weiß, was sie zu Ihnen gesagt hat; Sie brauchen es mir nicht zu wiederholen.« (Sonja machte eine Bewegung und errötete.) »Diese Sorte Menschen hat nun einmal so eine bestimmte Anschauungsweise. Was Ihre Schwesterchen und Ihr Brüderchen anlangt, so sind sie sicher untergebracht, und das für sie bestimmte Geld ist von mir für einen jeden gegen Quittung gehörigen Ortes zu treuen Händen eingezahlt worden. Nehmen Sie übrigens diese Quittungen an sich, ich meine bloß . . . für jeden Fall. Hier, nehmen Sie! Na, das ist also jetzt erledigt. Hier sind drei fünfprozentige Staatsschuldscheine im Gesamtbetrage von dreitausend Rubel. Nehmen Sie das für sich, ausschließlich für sich, und lassen Sie es unter uns bleiben; sagen Sie von dieser Summe niemandem etwas, was auch immer Ihnen zu Ohren kommen mag. Sie werden das Geld gebrauchen können, Sofja Semjonowna; denn so zu leben wie bisher ist unwürdig; das werden Sie nun nicht mehr nötig haben.«

»Sie haben mir so viele, große Wohltaten erwiesen und auch den Waisen und der Verstorbenen«, stammelte Sonja hastig. »Wenn ich Ihnen bisher nur so wenig dafür gedankt habe, so . . . wollen Sie nicht meinen . . .«

»Ach, hören Sie auf, hören Sie auf!«

»Aber dieses Geld, Arkadij Iwanowitsch, . . . ich bin Ihnen sehr dankbar; aber ich habe es jetzt wirklich nicht nötig. Mich allein kann ich immer durchbringen. Halten Sie es nicht für Undankbarkeit; aber wenn Sie schon eine so große Wohltat erweisen wollen, so könnte dieses Geld . . .«

»Es ist für Sie bestimmt, Sofja Semjonowna, für Sie; und bitte, ohne Hin- und Herreden, denn ich habe dazu auch gar keine Zeit mehr. Sie werden es aber gebrauchen können. Rodion Romanowitsch hat nur zwei Wege vor sich: entweder eine Kugel in den Kopf – oder nach Sibirien.« (Sonja blickte ihn scheu an und fing an zu zittern.) »Beunruhigen Sie sich nicht; ich weiß alles, aus seinem eigenen Munde; aber ich bin kein Schwätzer und werde es niemandem sagen. Sie haben sehr gut daran getan, daß Sie ihm rieten, er möchte hingehen und sich selbst anzeigen. Das wird für ihn bei weitem das beste sein. Na, wenn es also zur Verschickung nach Sibirien kommt, dann werden Sie doch mit ihm gehen? Nicht wahr? Nicht wahr? Na, in diesem Falle werden Sie das Geld recht gut gebrauchen können. Für ihn werden Sie es gebrauchen können, verstehen Sie? Wenn ich es Ihnen gebe, so ist das ganz dasselbe, als gäbe ich es ihm. Außerdem haben Sie ja auch, wie ich gehört habe, der Wirtin Amalia Iwanowna versprochen, ihr die rückständige Miete zu bezahlen. Warum nehmen Sie unbedachtsamerweise solche Verpflichtungen auf sich, Sofja Semjonowna? Katerina Iwanowna war doch dieser Deutschen das Geld schuldig geblieben, und nicht Sie; da sollten Sie sich den Kuckuck um dieses deutsche Frauenzimmer kümmern. So kommt man in der Welt nicht vorwärts. Na, und wenn jemand, so etwa morgen oder übermorgen, nach mir fragen sollte (und bei Ihnen wird man gewiß nachfragen), dann erwähnen Sie nichts davon, daß ich jetzt bei Ihnen gewesen bin, und zeigen Sie unter keinen Umständen das Geld, und sagen Sie niemandem, daß ich Ihnen welches gegeben habe. Nun also, jetzt auf Wiedersehen!« (Er erhob sich.) »Grüßen Sie Rodion Romanowitsch! Dabei fällt mir ein: übergeben Sie doch das Geld, wollen mal sagen, Herrn Rasumichin zur vorläufigen Aufbewahrung. Sie kennen doch Herrn Rasumichin. Jedenfalls werden Sie ihn kennen. Das ist ein ganz verständiger junger Mann. Bringen Sie es ihm morgen, oder . . . wenn es an der Zeit sein wird. Bis dahin verwahren Sie es ordentlich!«

Sonja sprang gleichfalls auf und sah ihn erschrocken an. Gern hätte sie etwas gesagt, etwas gefragt; aber sie wagte es im ersten Augenblick nicht und wußte auch nicht, wie sie anfangen sollte.

»Aber . . . aber wollen Sie denn jetzt bei diesem Regen ausgehen?«

»Na, wenn einer nach Amerika reisen will, dann darf er sich doch nicht vor einem Regen fürchten, he-he! Leben Sie wohl, meine liebe Sofja Semjonowna! Möge Ihnen ein langes Leben beschieden sein; Sie werden auch anderen nützen. Noch eins: sagen Sie doch Herrn Rasumichin, daß ich mich ihm empfehlen lasse. Bestellen Sie so: ›Arkadij Iwanowitsch Swidrigailow läßt sich Ihnen empfehlen.‹ Aber vergessen Sie es nicht!«

Er ging hinaus; erstaunt, erschrocken und von einem unklaren, quälenden Argwohn erfüllt, blieb Sonja zurück.

Es stellte sich später heraus, daß er an ebendiesem Abend nach elf Uhr noch einen sehr ungewöhnlichen, unerwarteten Besuch gemacht hatte. Der Regen hielt immer noch an. Ganz durchnäßt betrat er zwanzig Minuten nach elf Uhr die ärmliche Wohnung der Eltern seiner Braut auf der Wassilij-Insel in der dritten Linie beim Kleinen Prospekt. Nur mit großer Mühe hatte er sich durch Klopfen Eingang verschafft und hatte zuerst große Bestürzung hervorgerufen; aber Arkadij Iwanowitsch war, wenn er es darauf anlegte, ein Mann von bezauberndem Wesen, so daß die ursprüngliche (obwohl an sich sehr scharfsinnige) Vermutung der verständigen Eltern der Braut, Arkadij Iwanowitsch habe sich wohl irgendwo derartig betrunken, daß er nicht mehr wisse, was er tue, sofort in sich zusammenfiel. Den gelähmten Vater rollte seine treue Pflegerin, die verständige Mutter der Braut, im Lehnsessel zu Arkadij Iwanowitsch ins Zimmer herein und begann nach ihrer Gewohnheit sofort mit weit ausholenden Fragen. Diese Frau fragte niemals einfach und geradezu, sondern sie fing immer zunächst damit an, zu lächeln und sich die Hände zu reiben; und darauf, wenn ihr daran gelegen war, etwas unter allen Umständen und zuverlässig in Erfahrung zu bringen, zum Beispiel welchen Termin Arkadij Iwanowitsch für die Hochzeit in Aussicht genommen habe, begann sie mit den neugierigsten, eifrigsten Fragen über Paris und das dortige Hofleben und gelangte dann so ganz allmählich auch zur dritten Linie auf der Wassilij-Insel. Zu anderer Zeit verhielt sich Swidrigailow diesem schlauen Verfahren gegenüber ja natürlich sehr respektvoll; aber diesmal bekundete er eine besondere Ungeduld und wünschte energisch, so schnell wie nur irgend möglich seine Braut zu sehen, obgleich ihm gleich anfangs gesagt worden war, daß diese sich bereits schlafen gelegt habe. Natürlich erschien die Braut. Arkadij Iwanowitsch teilte ihr ohne Umschweife mit, er müsse aus sehr wichtigem Anlasse Petersburg für einige Zeit verlassen; er habe ihr daher fünfzehntausend Rubel in allerlei Wertpapieren mitgebracht und bäte sie, diese Summe von ihm als Geschenk anzunehmen, da er schon längst vorgehabt habe, ihr diese Kleinigkeit vor der Hochzeit zu schenken. Ein eigentlicher logischer Zusammenhang zwischen dem Geschenke und der eiligen Abreise und der unbedingten Notwendigkeit, deswegen im Regen und mitten in der Nacht herzukommen, wurde durch diese Erklärungen natürlich in keiner Weise nachgewiesen; aber die Angelegenheit wurde dennoch sehr glatt erledigt. Die Familienmitglieder ließen sich sogar schnell dazu bringen, mit den unvermeidlichen Ausrufen des Staunens und den verwunderten Fragen Maß zu halten und bald aufzuhören; dafür aber wurde die Dankbarkeit in den feurigsten Ausdrücken bekundet und von der so außerordentlich verständigen Mutter sogar noch durch Tränen bekräftigt. Arkadij Iwanowitsch stand auf, lachte, küßte seine Braut, klopfte ihr auf das Bäckchen, versicherte, daß er bald zurückkommen werde, und als er in ihren Augen neben der kindlichen Neugier doch auch eine sehr ernste stumme Frage las, wurde er einen Augenblick nachdenklich, küßte sie noch einmal und verspürte gleichzeitig einen wirklichen Ärger im Herzen darüber, daß sein Geschenk sogleich der verständigsten aller Mütter zur Aufbewahrung unter Verschluß übergeben werde. Er ging weg und ließ alle im Zustande größter Aufregung zurück. Aber die gute Mama wußte im Flüstertone und mit großer Zungenfertigkeit sofort einige der Punkte zu erledigen, die das größte Staunen erregt hatten. Arkadij Iwanowitsch sei ein Mann in bedeutender Stellung, der vielerlei Geschäfte und Beziehungen habe, dazu ein reicher Mann. Gott möge wissen, was er im Kopfe habe, wenn er plötzlich auf den Einfall gekommen sei, wegzureisen und soviel Geld wegzugeben; aber darüber erstaunt zu sein, dazu sei kein Anlaß. Allerdings sei es sonderbar, daß er so ganz durchnäßt zu ihnen gekommen sei; aber die Engländer zum Beispiel benähmen sich oft noch extravaganter, und Leute aus den höheren Kreisen kümmerten sich überhaupt nicht darum, was über sie geredet würde, und genierten sich nicht. Vielleicht gehe er sogar absichtlich so in der Regennacht umher, um zu zeigen, daß ihm alle Menschen ganz egal seien. Die Hauptsache aber sei: von diesem Besuche dürfe niemandem ein Wort gesagt werden; denn man könne nicht wissen, was das für Folgen haben werde. Und das Geld müsse so schnell wie möglich weggeschlossen werden, und es sei dabei noch ein wahres Glück, daß das Dienstmädchen Fedosja in der Küche gewesen sei und nichts gemerkt habe. Und namentlich dürfe diese Gaunerin, die Rößlich, nichts davon erfahren, ja nicht, ja nicht, ja nicht! Und so redete sie noch lange fort. Bis zwei Uhr saßen die Eltern zusammen und flüsterten; die Braut, erstaunt über das Erlebte und etwas traurig, war schon weit früher schlafen gegangen.

Unterdessen ging Swidrigailow ziemlich genau um Mitternacht über die Tutschkow-Brücke nach dem Stadtteil Peterburgskaja zu. Der Regen hatte aufgehört; aber ein starker Wind brauste. Er begann zu zittern und betrachtete eine Minute lang mit besonderem Interesse und sogar wie fragend das schwarze Wasser der Kleinen Newa. Aber bald wurde es ihm zu kalt, so über dem Wasser zu stehen; er drehte sich weg und ging nach dem . . . -Prospekt. Lange, beinahe eine halbe Stunde lang, wanderte er auf diesem endlosen Prospekte hin, stolperte mehrmals auf dem Holzpflaster, suchte aber fortwährend eifrig etwas auf der rechten Seite des Prospektes. Dort irgendwo, schon ziemlich am Ende des Prospektes, hatte er, als er kürzlich einmal vorbeifuhr, ein Gasthaus bemerkt, ein geräumiges Holzhaus; es hatte, soweit er sich erinnerte, ungefähr so wie »Zur Stadt Adrianopel« geheißen. Er hatte sich nicht geirrt; das Gasthaus bildete in dieser öden, stillen Gegend einen so auffallenden Punkt, daß es selbst in der Dunkelheit nicht zu verfehlen war. Es war ein langes, hölzernes, vom Alter bereits schwarz gewordenes Gebäude, in dem trotz der späten Stunde noch Licht brannte und einiges Leben zu spüren war. Er trat ein und fragte einen schäbig gekleideten Kellner, den er auf dem Flur traf, ob er ein Zimmer bekommen könne. Dieser musterte den Ankömmling flüchtig, schüttelte sich, um munter zu werden, und führte ihn sofort nach einem weit abgelegenen Zimmer. Dieses war dumpf und eng und lag ganz am Ende des Korridors in einer Ecke unter einer Treppe. Aber es war kein anderes zu haben; alle waren besetzt. Der schäbige Kellner sah den Gast fragend an.

»Kann ich Tee bekommen?« fragte Swidrigailow.

»Jawohl.«

»Was ist sonst noch zu haben?«

»Kalbfleisch, Schnaps, Aufschnitt.«

»Dann bring mir Kalbfleisch und Tee.«

»Wünschen Sie weiter nichts?« fragte der Kellner erstaunt.

»Nein, weiter nichts!«

Der Kellner entfernte sich ganz verdutzt.

›Das scheint ja ein nettes Lokal zu sein‹, dachte Swidrigailow. ›Sonderbar, daß ich es nicht gekannt habe. Ich sehe wahrscheinlich auch so aus wie einer, der aus einem Café chantant kommt, aber unterwegs schon seine Erlebnisse gehabt hat. Indes wäre es doch interessant zu erfahren, was für Leute hier einkehren und übernachten.‹

Er zündete eine Kerze an und besah das Zimmer genauer. Dieses enge Gelaß war so niedrig, daß Swidrigailow darin kaum aufrecht stehen konnte, und hatte nur ein Fenster; ein sehr schmutziges Bett, ein einfacher, gestrichener Tisch und ein Stuhl nahmen fast den ganzen Raum ein. Die Wände schienen aus zusammengenagelten Brettern zu bestehen, die mit bereits sehr defekten Tapeten beklebt waren; diese waren so verstaubt und beschmutzt, daß man nur gerade noch die ursprüngliche gelbe Farbe erraten, das Muster aber schlechterdings nicht mehr erkennen konnte. Ein Teil einer Wand und der Decke war schräg abgeschnitten, wie das bei Mansardenstuben gewöhnlich der Fall ist; hier aber befand sich oberhalb der schrägen Fläche die Treppe. Swidrigailow stellte die Kerze hin, setzte sich auf das Bett und überließ sich seinen Gedanken. Aber ein seltsames, fortwährendes Flüstern in der Kammer daneben, das sich manchmal fast bis zu einem Schreien steigerte, zog schließlich seine Aufmerksamkeit auf sich. Dieses Flüstern hatte von dem Augenblicke an, wo er ins Zimmer getreten war, ununterbrochen fortgedauert. Er horchte: jemand schalt einen andern und machte ihm fast unter Tränen Vorwürfe; aber es war immer nur die eine Stimme zu hören. Swidrigailow stand auf, verdeckte die Kerze mit der Hand, und sofort leuchtete an der Wand eine Ritze auf; er trat heran und schaute hindurch. In dem Zimmer, das etwas größer war als sein eigenes, befanden sich zwei Gäste. Einer von ihnen, ohne Rock, mit sehr krausem Haar und erhitztem, rotem Gesichte, stand in der Haltung eines Redners da; er hielt die Beine auseinandergespreizt, um das Gleichgewicht zu bewahren, schlug sich häufig mit der Hand vor die Brust und hielt dem andern in pathetischem Tone vor, daß dieser ein Bettler sei und nicht einmal einen amtlichen Rang besitze; er habe ihn aus dem Elend herausgezogen und könne ihn, wenn er wolle, jeden Augenblick fortjagen, und alles sehe nur allein »der Finger des Allerhöchsten«. Der gescholtene Freund saß auf einem Stuhle und machte ein Gesicht, als möchte er gar zu gern niesen, brächte es aber nicht fertig. Mitunter blickte er den Redner mit dem trüben Blick eines Hammels an, hatte aber offenbar keine Ahnung, wovon dessen Rede handelte, und hörte wohl überhaupt kaum etwas davon. Auf dem Tische brannte der Stumpf einer Kerze; auch standen dort eine fast ausgetrunkene Flasche Schnaps, Gläser, Brot und Teegeschirr, das bereits leer war. Nachdem Swidrigailow dieses Bild aufmerksam betrachtet hatte, trat er teilnahmslos von der Ritze weg und setzte sich wieder auf das Bett.

Der schäbige Kellner brachte den Tee und das Kalbfleisch und konnte sich nicht enthalten, noch einmal zu fragen: »Wünschen Sie weiter nichts?« Als er wieder eine verneinende Antwort erhalten hatte, entfernte er sich endgültig. Swidrigailow griff gierig nach dem Tee, um sich zu erwärmen, und trank ein Glas davon; zu essen aber vermochte er keinen Bissen, da ihm der Appetit vollständig vergangen war. Augenscheinlich packte ihn das Fieber. Er zog den Überzieher und das Jackett aus, wickelte sich in die Bettdecke und legte sich auf das Bett. Er ärgerte sich; ›es wäre doch besser, wenn ich gerade jetzt gesund wäre‹, dachte er und lächelte dabei. Im Zimmer war eine dumpfige Luft; die Kerze brannte trübe; draußen brauste der Wind; irgendwo in der Ecke raschelte eine Maus; auch glaubte er im ganzen Zimmer einen Geruch nach Mäusen und nach Leder zu spüren. Er lag da wie im Halbtraum: ein Gedanke löste den andern ab. Er gab sich Mühe, sich mit seinen Vorstellungen an einen bestimmten Gegenstand anzuklammern. ›Vor dem Fenster muß wohl ein Garten sein‹, dachte er, ›es rauschen die Bäume. Bäumerauschen bei Nacht, im Sturm und in der Dunkelheit, mag ich gar nicht leiden; eine widerwärtige Empfindung!‹ Und er erinnerte sich, mit welchem Widerwillen er vorhin an den Petrowskij-Park, an dem er vorbeigekommen war, gedacht hatte. Dabei fielen ihm auch die Tutschkow-Brücke und die Kleine Newa ein, und ihn packte wieder ein Kältegefühl, wie ein Weilchen vorher, als er auf das Wasser hinunterblickte. ›Das Wasser habe ich nie in meinem Leben leiden können, nicht einmal auf Landschaftsbildern‹, dachte er und mußte plötzlich erneut bei einem sonderbaren Gedanken lächeln: ›Jetzt sollte mir doch wohl eigentlich alles, was sich auf Ästhetik und Bequemlichkeit bezieht, ganz gleichgültig sein; aber gerade jetzt bin ich wählerisch geworden, wie ein Tier des Waldes, das sich in ähnlicher Situation auch erst einen besonderen Platz aussucht. Ich hätte einfach vorhin in den Petrowskij-Park einbiegen sollen! Aber da war es mir wohl zu dunkel und zu kalt, he-he! Als ob dabei angenehme Empfindungen nötig wären! . . . Und warum lösche ich denn eigentlich das Licht nicht aus?‹ (Er blies es aus.) ›Die Leute nebenan haben sich auch hingelegt‹, dachte er, da er an der vorher benutzten Ritze keinen Lichtschimmer mehr wahrnahm. ›Jetzt, Marfa Petrowna, jetzt hätten Sie die beste Gelegenheit, mir einen Besuch zu machen: es ist dunkel, eine sehr geeignete Örtlichkeit, ein hochinteressanter Augenblick. Aber gerade jetzt kommen Sie nicht . . .‹

Plötzlich, ohne klaren Zusammenhang, mußte er daran denken, wie er vorhin, eine Stunde bevor er seinen Anschlag gegen Dunja ins Werk setzte, ihrem Bruder geraten hatte, sie der Obhut Rasumichins anzuvertrauen. ›In Wirklichkeit habe ich das damals hauptsächlich wohl nur gesagt, um meine Eifersucht aufzureizen, und Raskolnikow hat das auch durchschaut. Ein schlauer Fuchs, dieser Raskolnikow, wahrhaftig! Hat doch viel auf seine Schultern genommen! Kann mit der Zeit ein großartiger Halunke werden, wenn er seine verrückten Ideen los wird; jetzt klammert er sich noch zu sehr an das Leben. In diesem Punkte ist doch diese ganze Sorte Menschen feige. Na, hol ihn der Teufel; mag er tun, was er will; was kümmert's mich!‹

Einschlafen konnte er noch immer nicht. Allmählich schimmerte vor seinem geistigen Auge Dunjetschkas Gestalt auf, wie er sie eben erst gesehen hatte, und ein Zittern lief ihm durch den ganzen Körper. ›Nein, diese Gedanken muß ich jetzt denn doch über Bord werfen‹, dachte er, sich zusammennehmend, ›jetzt muß ich an etwas anderes denken. Es ist doch eigentlich sonderbar und lächerlich: ich habe nie gegen jemand einen starken Haß empfunden, auch nie ein besonderes Verlangen gehabt, mich an jemand zu rächen; das ist doch ein schlechtes Zeichen, ein schlechtes Zeichen, ein schlechtes Zeichen! Streiten habe ich auch nie gemocht und habe mich auch nie ereifert – gleichfalls ein schlechtes Zeichen! Und was habe ich ihr vorhin nicht alles versprochen – pfui Teufel! Wer weiß, vielleicht hätte sie doch noch aus mir einen anderen Menschen gemacht!‹ Er hielt wieder in seinem Selbstgespräche inne und preßte die Zähne aufeinander: wieder stand ihm Dunjetschkas Bild in den kleinsten Einzelheiten vor Augen, wie sie, als sie den ersten Schuß abgefeuert hatte, so furchtbar erschrak, den Revolver sinken ließ und ihn leichenblaß anstarrte, so daß er zweimal Zeit gehabt hätte, sie zu packen, ohne daß sie die Hand zu ihrer Verteidigung hätte erheben können, wenn er sie nicht selbst daran erinnert hätte. Er dachte daran, wie leid sie ihm in diesem Augenblicke getan hatte, so daß sich ihm ordentlich das Herz zusammengekrampft hatte . . . ›Donnerwetter! Schon wieder diese Gedanken! Die muß ich alle über Bord werfen, jawohl, über Bord werfen! . . .‹

Nun begann ihm das Bewußtsein zu schwinden; das fieberhafte Zittern ließ nach; auf einmal war es ihm, als ob unter der Bettdecke ihm etwas über die Hand und über das Bein liefe. Er fuhr zusammen. ›Pfui Teufel! das war wohl eine Maus!‹ dachte er. ›Das kommt davon, daß ich das Fleisch habe auf dem Tische stehenlassen . . .‹ Er hatte eine große Scheu davor, sich aus der Decke herauszuwickeln, aufzustehen und zu frieren; plötzlich aber lief wieder etwas mit unangenehmem Krabbeln an seinem Bein entlang; er warf die Decke von sich und steckte die Kerze an. Zitternd vor Fieberfrost, bückte er sich, um das Bett zu untersuchen – es war nichts zu sehen; er schüttelte die Decke aus, und plötzlich sprang eine Maus heraus und auf das Laken. Er mühte sich, sie zu greifen; aber die Maus sprang nicht vom Bette herunter, sondern huschte im Zickzack nach allen Seiten hin und her, glitt ihm zwischen den Fingern durch, lief ihm über die Hand und schlüpfte auf einmal unter das Kopfkissen; er warf das Kopfkissen auf den Fußboden, fühlte aber in demselben Augenblicke, wie ihm etwas vorn an der Brust unter das Hemd sprang, am Körper entlang krabbelte und nun schon am Rücken unter dem Hemd herumarbeitete. Ein nervöses Zittern überkam ihn, und – er erwachte. Im Zimmer war es dunkel; er lag in die Decke eingewickelt auf dem Bette wie vorher; draußen vor dem Fenster heulte der Wind. ›So eine ekelhafte Geschichte!‹ dachte er ärgerlich.

Er stand auf und setzte sich auf den Rand des Bettes, mit dem Rücken nach dem Fenster zu. ›Da schlafe ich lieber überhaupt nicht‹, sagte er sich. Vom Fenster kam aber eine kalte, feuchte Zugluft her; ohne von seinem Platze aufzustehen, schlug er die Decke um sich und wickelte sich darin ein. Die Kerze steckte er nicht an. Er dachte an nichts und wollte auch an nichts denken. Aber allerlei Traumbilder tauchten eins nach dem andern in seinem Gehirne auf; Bruchstücke von Gedanken, ohne Anfang und Ende und ohne Zusammenhang huschten ihm durch den Kopf. Er versank in einen Halbschlummer. War es nun die Kälte oder die Dunkelheit oder die Feuchtigkeit oder der Wind, der draußen vor dem Fenster heulte und die Bäume schüttelte – irgend etwas rief in ihm ein romantisches Sehnen und Verlangen hervor, das gar nicht weichen wollte: er sah nur Blumen, Blumen und lauter Blumen. Eine reizende Blumenlandschaft stand ihm vor Augen: ein heller, warmer, beinahe heißer Tag, ein Festtag, ein Pfingsttag. Eine elegante, luxuriöse Villa in englischem Geschmack, rings von duftenden Blumenbeeten umgeben; eine Freitreppe, von Schlinggewächsen umrankt, mit Rosensträuchen in Kübeln besetzt; drinnen eine helle, kühle Treppe, mit einem prächtigen Teppich belegt, auf allen Stufen zur Seite seltene Blumen in chinesischen Porzellangefäßen. Seine besondere Beachtung erregten an den Fenstern in wassergefüllten Vasen Sträuße zarter weißer Narzissen, deren Blüten sich von den hellgrünen, kräftigen, langen Stielen niederbeugten und einen starken, aromatischen Duft ausströmten. Lange konnte er sich gar nicht von ihnen losreißen; endlich stieg er doch die Treppe hinauf und trat in einen großen, hohen Saal, und wieder standen auch hier überall, an den Fenstern, neben der geöffneten Tür, die nach einem weiten Balkon führte, auf dem Balkon selbst, Blumen, überall Blumen. Der Fußboden war mit frisch gemähtem, duftigem Grase bestreut, die Fenster geöffnet; ein frischer, leichter, kühler Lufthauch drang in den Saal; Vögel zwitscherten vor den Fenstern; aber mitten in dem Saale, auf einem Tische, der mit einer weißen Atlasdecke bedeckt war, stand ein Sarg. Dieser Sarg war mit weißer Seide ausgeschlagen, mit dichten, weißen Rüschen garniert und rings mit Blumengirlanden umwunden. Ganz in Blumen gebettet, lag darin ein Mädchen, in weißem Tüllkleide, die wie aus Marmor gemeißelten Hände zusammengefaltet und auf die Brust gelegt. Aber ihr aufgelöstes hellblondes Haar war feucht; ein Kranz aus Rosen schlang sich um ihren Kopf. Ihr Gesicht mit den strengen, schon starr gewordenen Zügen war gleichfalls wie aus Marmor; aber in dem Lächeln der blassen Lippen lag ein nicht kindliches, grenzenloses Leid und eine furchtbare, ergreifende Klage. Swidrigailow kannte dieses Mädchen; weder Heiligenbilder noch brennende Kerzen umgaben diesen Sarg, auch wurden keine Gebete bei ihm gemurmelt. Das Mädchen war eine Selbstmörderin: sie hatte sich ertränkt. Sie war erst vierzehn Jahre alt gewesen; aber es war ihr bereits das Herz gebrochen; und so hatte sie sich selbst den Tod gegeben, aufs tiefste verletzt durch eine ihr angetane Schmach, die dieses junge, kindliche Gemüt mit staunendem Entsetzen erfüllt, ihre engelreine Seele mit unverdienter Schande bedeckt und ihr einen letzten Schrei der Verzweiflung entrissen hatte, der keine Erhörung fand, sondern durch rohe Schimpfworte erwidert wurde, in dunkler, kalter Nacht, bei feuchtem Tauwetter, als der Wind heulte . . .

Swidrigailow kam wieder zur Besinnung, stand vom Bette auf und trat ans Fenster. Tastend fand er den Riegel und öffnete das Fenster. Der Wind drang wild tobend in die enge Kammer hinein und bedeckte ihm wie mit eisigem Reif das Gesicht und die Brust unter dem bloßen Hemde. Vor dem Fenster war wirklich eine Art Garten, und zwar wieder ein Vergnügungslokal; wahrscheinlich produzierten sich auch hier bei Tage Chorsänger, und es wurde an kleinen Tischen Tee getrunken. Jetzt flogen von den Bäumen und Sträuchern Wassertropfen durch das Fenster herein; es war eine Finsternis wie in einem Keller, so daß sich kaum einige dunkle Flecke als Andeutungen dort befindlicher Dinge abhoben. Swidrigailow beugte sich, die Ellbogen auf das Fensterbrett stützend, hinaus und starrte nun schon fünf Minuten lang unverwandt in diese Finsternis hinein. Da ertönte in dem nächtlichen Dunkel ein Kanonenschuß, nach ihm ein zweiter.

›Aha, das Signal! Das Wasser steigt!‹ dachte er. ›Gegen Morgen wird es an den tiefer liegenden Stellen die Straßen überschwemmen, die Keller und Souterrains anfüllen; die Kellerratten werden herausschwimmen, und die Menschen werden in Regen und Wind schimpfend und durchnäßt ihren Trödel nach den höheren Stockwerken hinaufschleppen . . . Wie spät mag es wohl jetzt sein?‹ Kaum hatte er das gedacht, als irgendwo in der Nähe eine Wanduhr mit hastigen Schlägen, als hätte sie es überaus eilig, drei schlug. ›So, in einer Stunde wird es also schon hell werden! Worauf warte ich noch? Ich will gleich von hier weggehen, und geradeswegs nach dem Petrowskij-Park. Da suche ich mir ein großes Gebüsch aus, das ganz mit Regentropfen behangen ist, so daß einem, wenn man nur mit der Schulter anstreift, Tausende von Tropfen über den ganzen Kopf rieseln . . .‹ Er trat vom Fenster zurück, schloß es, zündete die Kerze an, zog sich Jackett und Überzieher an, setzte den Hut auf und ging mit dem Lichte auf den Korridor, um den Kellner, der wohl irgendwo in einem Kämmerchen zwischen allerlei Gerümpel und Lichtstümpfen schlafen mochte, aufzusuchen, ihm das Zimmer und das Essen zu bezahlen und dann das Gasthaus zu verlassen. ›Es ist jetzt der passendste Augenblick; einen besseren kann ich gar nicht finden!‹

Lange ging er auf dem ganzen langen, schmalen Korridor hin und her, ohne jemand zu finden, und wollte schon laut rufen, als er plötzlich in einer dunklen Ecke zwischen einem alten Schranke und einer Tür einen sonderbaren Gegenstand erblickte, der etwas Lebendes zu sein schien. Er beugte sich mit der Kerze darüber und sah ein Kind: ein kleines Mädchen von nicht mehr als etwa fünf Jahren, zitternd und weinend, das Kleidchen triefend naß wie ein Scheuerlappen. Sie schien sich vor Swidrigailow gar nicht zu fürchten, sondern blickte ihn in verständnislosem Staunen mit ihren großen schwarzen Äuglein an und schluchzte zuweilen auf, wie Kinder, die lange geweint, aber dann bereits aufgehört und sich sogar schon beruhigt haben und nun doch noch ab und zu plötzlich aufschluchzen. Das Gesichtchen der Kleinen war blaß und abgemagert; sie war von der Kälte ganz erstarrt. ›Aber wie ist sie nur hierhergeraten?‹ fragte er sich. ›Sie hat sich wohl hier versteckt und die ganze Nacht nicht geschlafen.‹ Er begann sie auszufragen. Das kleine Mädchen wurde auf einmal lebhaft und erzählte ihm mit großer Geschwindigkeit etwas in ihrem kindlichen Kauderwelsch. Es kam darin etwas von Mama vor, und daß Mama sie schlagen werde, und von einer Tasse, die sie zerbrochen habe. Das Mädchen redete immerzu weiter, ohne Pause; aus ihrer Erzählung war mit einiger Mühe zu entnehmen, daß ihre Mutter, eine fortwährend betrunkene Köchin, wahrscheinlich aus ebendiesem Gasthause, sie nicht leiden könne, sondern sie immer schlage und in steter Angst halte; daß die Kleine die Tasse der Mama zerbrochen und darüber einen solchen Schreck bekommen habe, daß sie schon gestern abend weggelaufen sei. Wahrscheinlich hatte sie sich lange irgendwo auf dem Hofe im Regen versteckt gehalten, sich endlich hierher geschlichen, sich hinter dem Schranke verborgen und in dieser Ecke, weinend und zitternd vor Nässe, vor Furcht wegen der Dunkelheit und vor Angst, nun für alles Getane grausam gezüchtigt zu werden, die ganze Nacht zugebracht. Er nahm sie auf den Arm, ging mit ihr in sein Zimmer, setzte sie auf das Bett und kleidete sie aus. Die zerlöcherten Schuhchen, die sie auf den bloßen Füßen trug, waren so naß, als hätten sie die ganze Nacht hindurch in einer Pfütze gelegen. Nachdem er die Kleine entkleidet hatte, legte er sie auf das Bett, breitete die Decke über sie und wickelte sie ganz und gar mitsamt dem Kopfe darin ein. Sie schlief sofort. Nachdem er dies erledigt hatte, versank er wieder in seine düsteren Überlegungen.

›Ein dummer Einfall von mir, mich mit dem Kinde abzugeben!‹ dachte er verdrossen und höhnisch. ›So ein Unsinn!‹ Ärgerlich ergriff er die Kerze, um hinauszugehen, unter allen Umständen den Kellner ausfindig zu machen und möglichst schnell das Haus zu verlassen. ›Was schert mich das kleine Mädchen!‹ dachte er mit einem Fluche und öffnete schon die Tür; aber er kehrte doch noch einmal um, um nach der Kleinen zu sehen, ob sie wohl schliefe und wie sie schliefe. Vorsichtig lüftete er die Decke. Das Mädchen lag in festem, gesundem Schlafe. Sie war unter der Decke warm geworden, und ihre blassen Bäckchen hatten schon wieder rote Farbe bekommen. Aber sonderbar: diese Röte sah greller und dunkler aus, als es sonst bei Kindern gewöhnlich ist. ›Das ist eine fieberhafte Röte‹, dachte Swidrigailow, ›das ist eine Röte wie von Branntwein, als hätte jemand sie ein ganzes Glas austrinken lassen. Die roten Lippen brennen und glühen ja nur so; aber was ist das?‹ Es schien ihm auf einmal, als ob ihre langen, schwarzen Wimpern zuckten und zwinkerten, als ob sie sich höben und ein schlaues, scharfes, sehr unkindlich blinzelndes Auge unter ihnen hervorschaute, als ob das Mädchen nicht schliefe, sondern sich nur so stellte. Ja, und so war es auch: ihre Lippen öffneten sich zu einem Lächeln; die Mundwinkel zuckten, wie wenn die Kleine sich noch beherrschen wollte. Aber nun gab sie dieses Bemühen völlig auf; das war schon ein Lachen, ein deutliches Lachen; ein frecher, herausfordernder Ausdruck leuchtete in diesem ganz unkindlichen Gesichte auf; das war die Unzucht, das Gesicht einer Dirne, das freche Gesicht einer feilen französischen Dirne. Da, jetzt öffneten sich ohne weitere Zurückhaltung beide Augen; sie richteten sich mit einem feurigen, schamlosen Blicke auf ihn, forderten ihn auf und lachten . . . Etwas unendlich Abstoßendes und Empörendes lag in diesem Lachen, in diesen Augen, in der ganzen Gemeinheit, die sich auf diesem Kindergesichte ausprägte. »Wie? Ein fünfjähriges Kind!« flüsterte Swidrigailow wahrhaft entsetzt. »Wie . . . wie ist das nur möglich?« Aber da wandte sie sich schon mit dem glühendheißen Gesichtchen ganz zu ihm hin, sie streckte die Hände nach ihm aus . . . »Du verruchtes Wesen!« rief Swidrigailow entsetzt und hob die Hand, um ihr einen Schlag zu versetzen . . . Aber in demselben Augenblicke erwachte er.

Er lag immer noch auf dem Bette, noch ebenso in die Decke eingewickelt wie vorher; die Kerze war nicht angezündet; aber durch das Fenster schien bereits der helle Tag herein.

›Wirre Träume die ganze Nacht hindurch!‹ Er erhob sich ärgerlich und fühlte sich völlig zerschlagen; alle Knochen taten ihm weh. Draußen lag ein dichter Nebel, und es war nichts zu erkennen. Es war bald fünf Uhr; er hatte länger geschlafen, als ihm lieb war. Er stand auf und zog sich das Jackett und den Überzieher an, die noch feucht waren. Dann tastete er in der Tasche nach dem Revolver, nahm ihn heraus und brachte das Zündhütchen in Ordnung; hierauf setzte er sich hin, zog ein Notizbuch aus der Tasche und schrieb auf die vorderste Seite, die zuerst ins Auge fallen mußte, mit großer Schrift einige Zeilen. Nachdem er sie noch einmal durchgelesen hatte, stützte er einen Ellbogen auf den Tisch und versank in Gedanken. Der Revolver und das Notizbuch lagen auf dem Tisch, neben seinem Ellbogen. Die Fliegen waren auch schon aufgewacht und krochen auf dem Kalbfleisch umher, das er unangerührt auf dem Tische hatte stehen lassen. Er schaute ihnen lange zu und machte schließlich mit der freien rechten Hand den Versuch, eine von ihnen zu fangen. Lange mühte er sich mit Anstrengung ab, konnte aber keine bekommen. Als er sich endlich dieser interessanten Beschäftigung bewußt wurde, sammelte er seine Gedanken, raffte sich zusammen, stand auf und ging entschlossen aus dem Zimmer hinaus. Eine Minute darauf war er bereits auf der Straße.

Ein milchweißer, dichter Nebel lagerte über der Stadt. Swidrigailow schritt auf dem schlüpfrigen, schmutzigen Holzpflaster hin, nach der Kleinen Newa zu. Er mußte immer an das über Nacht stark gestiegene Wasser der Kleinen Newa denken, an die Petrowskij-Insel, die feuchten Fußwege, das feuchte Gras, die feuchten Bäume und Sträucher und schließlich an eben jenes Gebüsch, das er sich in der Nacht ausgemalt hatte . . . Aber das ärgerte ihn, und um auf andere Gedanken zu kommen, begann er die Häuser zu betrachten. Weder einen Fußgänger noch eine Droschke traf er auf dem Prospekt. Trübselig und schmutzig sahen die kleinen hellgelben Holzhäuser mit den geschlossenen Fensterläden drein. Ein Gefühl der Kälte und der Feuchtigkeit breitete sich über seinen ganzen Körper aus, und es begann ihn zu frösteln. Ab und zu fiel sein Blick auf die Schilder aller möglichen Läden und Grünwarenbuden, und er las dann jedes mit großer Sorgfalt. Nun war das Holzpflaster zu Ende. Er kam schon bei einem großen, steinernen Hause vorbei. Ein schmutziger, vor Kälte zitternder Hund mit eingezogenem Schwanze lief ihm über den Weg. Ein völlig betrunkener Mann in einem Mantel lag mit dem Gesichte nach unten quer über das Trottoir. Er betrachtete ihn einen Augenblick und ging weiter. Nach links zu wurde ihm ein hoher Feuerwehrturm sichtbar.

›Ach was!‹ dachte er. ›Das ist ja hier auch ein guter Platz; wozu soll ich da erst nach dem Petrowskij-Park gehen? Wenigstens habe ich da gleich einen offiziellen Zeugen . . .‹

Er lächelte beinahe über diesen neuen Gedanken und bog in die . . . skaja-Straße ein. Hier standen ein großes Haus und der Feuerwehrturm. An dem großen geschlossenen Tore des Hauses stand, mit der Schulter dagegen gelehnt, ein kleines Männchen, in einen grauen Uniformmantel gehüllt, auf dem Kopfe einen Messinghelm mit hohem Kamm, einen sogenannten Achilleshelm. Mit schläfrigem, kühlem Blicke schielte er nach dem sich nähernden Swidrigailow hin. Auf seinem Gesichte war jener ewige mürrische Kummer sichtbar, der bei dem jüdischen Typ allen Gesichtern ohne Ausnahme einen so säuerlichen Ausdruck verleiht.

Beide, Swidrigailow und der Achilles, blickten einander eine Weile schweigend an. Schließlich fand der Achilles es nicht in der Ordnung, daß ein Mann, der nicht betrunken war, sich drei Schritte von ihm entfernt hinstellte, ihn starr ansah und nichts redete.

»Sie! Was haben Sie hier zu suchen?« fragte er, noch immer ohne sich zu rühren und ohne seine Stellung zu verändern.

»Gar nichts weiter, Bruder! Guten Tag!« antwortete Swidrigailow.

»Hier ist kein Platz für Sie!«

»Ich reise nach einem fernen Lande, Bruder.«

»Nach 'nem fernen Lande?«

»Ja, nach Amerika.«

»Nach Amerika?«

Swidrigailow zog den Revolver heraus und spannte den Hahn. Achilles zog die Augenbrauen hoch.

»Sie! Was tun Sie da! Für solche Späße ist hier nicht der Ort!«

»Warum soll hier nicht der Ort dafür sein?«

»Weil hier nicht der Ort für so was ist.«

»Na, Bruder, das ist ganz einerlei. Der Ort ist gut. Wenn du nachher gefragt wirst, so antworte nur, ich hätte gesagt, daß ich nach Amerika reisen wollte.«

Er setzte den Revolver an seine rechte Schläfe.

»Das darf hier nicht sein; hier ist nicht der Ort für so was!« rief erschrocken der Achilles, dessen Pupillen sich immer mehr erweiterten.

Swidrigailow drückte ab.

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