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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Schuld und Sühne - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Dostojewski
titleSchuld und Sühne
publisherAufbau Verlag
year1956
translatorH. Röhl
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050727
modified20170607
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III

Er eilte zu Swidrigailow. Was er eigentlich von diesem Menschen zu erreichen hoffte, wußte er selbst nicht. Aber dieser Mensch besaß eine verborgene Macht über ihn. Nachdem Raskolnikow sich dessen einmal bewußt geworden war, beunruhigte er sich fortwährend; überdies war auch gerade jetzt die richtige Zeit dafür gekommen.

Unterwegs quälte er sich besonders mit der Frage ab: war Swidrigailow bei Porfirij gewesen?

Soweit er darüber urteilen konnte (und er hätte darauf schwören mögen): nein, er war nicht da gewesen! Er überdachte die Sache immer wieder, ließ den ganzen Besuch Porfirijs noch einmal in der Erinnerung an sich vorüberziehen, hielt alles zusammen: nein, er war nicht da gewesen, er war bestimmt nicht da gewesen!

Aber wenn er noch nicht da gewesen war: würde er zu Porfirij hingehen oder nicht?

Vorläufig neigte Raskolnikow zu der Ansicht, daß jener nicht hingehen werde. Warum? Darüber konnte er sich selbst nicht klarwerden; aber wenn er es auch gekonnt hätte, so würde er sich jetzt darüber nicht besonders den Kopf zerbrochen haben. Dies alles quälte ihn; aber gleichzeitig war er nicht dazu aufgelegt, sich damit zu beschäftigen. Es war merkwürdig, und niemand würde es vielleicht geglaubt haben: aber bei dem Schicksal, das ihm nun in kurzem bevorstand, verweilten seine Gedanken nur flüchtig und obenhin. Ihn quälte etwas anderes, weit Wichtigeres, Außerordentliches, was ihn selbst und dazu noch jemand betraf. Zudem fühlte er eine grenzenlose seelische Müdigkeit, obgleich sein Verstand an diesem Morgen besser arbeitete als an all den Tagen vorher.

War es jetzt, nach allem, was geschehen war, noch der Mühe wert, sich mit der Überwindung all dieser neuen widerwärtigen Schwierigkeiten abzuquälen? War es zum Beispiel der Mühe wert, zu intrigieren, damit Swidrigailow nicht zu Porfirij ginge? Darum einen Menschen wie diesen Swidrigailow zu studieren, zu ergründen und mit ihm Zeit zu verlieren?

Oh, wie ihn dies alles anekelte!

Indessen eilte er trotzdem zu Swidrigailow; ob er doch noch von ihm irgend etwas Neues erwartete, einen Fingerzeig, einen Weg zur Rettung? Greift ja der Ertrinkende nach einem Strohhalm! Führte sie vielleicht das Schicksal oder ein gewisser Instinkt zusammen? Vielleicht war es bei ihm nur Müdigkeit und Verzweiflung; vielleicht war der, den er nötig hatte, gar nicht Swidrigailow, sondern sonst jemand, und Swidrigailow war ihm nur so zufällig in den Wurf gekommen. Er dachte an Sonja. Aber warum sollte er jetzt zu Sonja gehen? Um wieder Mitleidstränen von ihr zu erbetteln? Er fürchtete sich jetzt geradezu vor ihr. Sonja war die Verkörperung eines unerbittlichen Verdikts, eines unabänderlichen Entschlusses. Hier handelte es sich darum, welcher Weg eingeschlagen werden sollte, der ihrige oder der seinige. Gerade in diesem Augenblicke fühlte er sich außerstande, sie zu sehen. Nein, da war es schon besser, Swidrigailow auszuforschen: was da eigentlich dahintersteckte. Und er konnte es sich nicht verhehlen, daß dieser Mensch ihm tatsächlich schon längst in gewisser Hinsicht unentbehrlich sei.

Und doch, was konnten sie beide miteinander gemein haben? Nicht einmal eine Freveltat wäre bei ihnen von gleichem Charakter gewesen. Überdies war dieser Mensch sehr widerwärtig, offenbar ein arger Wüstling, sicher ein schlauer Betrüger, vielleicht auch sehr boshaft. Sein Leumund war ein recht übler. Allerdings, für Katerina Iwanownas Kinder hatte er sich eifrig bemüht; aber wer konnte wissen, welchen Zweck er damit verfolgte und was das bedeutete? Dieser Mensch hatte stets so seine besonderen Absichten und Pläne.

All diese Tage her war ein bestimmter Gedanke Raskolnikow beständig durch den Kopf gegangen und hatte ihn heftig beunruhigt, obwohl er bemüht gewesen war, ihn zu verscheuchen, so sehr fühlte er sich durch ihn bedrückt! Seine Überlegungen waren nämlich folgende: Swidrigailow habe sich in dieser Zeit auffällig an ihn herangemacht; Swidrigailow kenne sein Geheimnis; Swidrigailow habe schon früher schlechte Absichten auf Dunja gehabt. Wenn er solche Absichten nun auch jetzt noch habe? Man könne fast mit Sicherheit sagen, daß dies der Fall sei. Wie, wenn er nun jetzt, wo er sein Geheimnis erfahren und auf diese Weise eine gewisse Macht über ihn erlangt habe, diese Macht als Waffe gegen Dunja zu benutzen beabsichtigte?

Dieser Gedanke hatte ihn oftmals, sogar im Traume, gepeinigt; aber noch nie war er ihm mit solcher Klarheit zum Bewußtsein gekommen wie jetzt, wo er zu Swidrigailow ging. Und schon dieser bloße Gedanke versetzte ihn in eine ingrimmige Wut. Er sagte sich, dann werde sich alles ändern, auch seine eigene Lage; er müsse dann sein Geheimnis sofort seiner Schwester mitteilen. Er müsse sich vielleicht selbst anzeigen, um Dunja vor unbedachten Schritten zu bewahren. Und was habe es mit dem Briefe für eine Bewandtnis? Heute früh habe Dunja durch einen Boten einen Brief erhalten! Wer in Petersburg könne denn an sie Briefe schreiben? Etwa Lushin? Freilich halte Rasumichin dort Wache; aber Rasumichin wisse von nichts. Vielleicht müsse er sich auch dem entdecken. Mit heftigem Widerwillen dachte Raskolnikow daran, daß das vielleicht notwendig werden könne.

Er sagte sich, daß er unter allen Umständen Swidrigailow so bald wie möglich sprechen müsse, und faßte den bestimmten Entschluß, dies zu tun. Gott sei Dank, hier brauchte er sich nicht mit Einzelheiten abzumühen; hier handelte es sich nur um einen einzigen Hauptpunkt. Aber wenn Swidrigailow wirklich etwas gegen Dunja plante, dann würde er diesen Menschen, wenn er nur irgend könnte . . .

Raskolnikow hatte sich diese ganze Zeit her so erschöpft gefühlt, daß er jetzt zur Lösung solcher Fragen nur ein einziges Mittel wußte. ›Dann töte ich ihn!‹ dachte er in kalter Verzweiflung. Er empfand einen schweren Druck auf dem Herzen; mitten auf der Straße blieb er stehen und sah sich um, was für einen Weg er eigentlich eingeschlagen habe und wie weit er schon gekommen sei. Er befand sich auf dem . . . skij-Prospekt, dreißig oder vierzig Schritte vom Heumarkt entfernt, den er passiert hatte. Das ganze erste Stockwerk eines Hauses linker Hand war von einem Restaurant eingenommen. Alle Fenster standen weit offen; nach den vielen Gestalten zu urteilen, die sich an den Fenstern bewegten, mußte das Restaurant gedrängt voll von Gästen sein. In dem Hauptsaale ließen sich Liedersänger vernehmen; eine Klarinette und eine Violine ertönten, eine türkische Trommel dröhnte. Man hörte das Gekreisch von Frauenstimmen. Er war schon im Begriff, wieder umzukehren, da er gar nicht begriff, warum er eigentlich in den . . . skij-Prospekt eingebogen war, als er auf einmal an einem der letzten offenstehenden Fenster des Restaurants Swidrigailow erblickte, der dort mit der Pfeife im Munde dicht beim Fenster an einem Teetische saß. Raskolnikow war überrascht, ja gewaltig erschrocken. Swidrigailow betrachtete und beobachtete ihn schweigend und wollte (worüber Raskolnikow gleichfalls überrascht war) anscheinend aufstehen, um sachte vom Fenster zurückzutreten, ehe er bemerkt würde. Raskolnikow tat sofort, als hätte er ihn nicht bemerkt und sähe ganz in Gedanken zur Seite, beobachtete ihn aber doch mit verstohlenen schrägen Blicken weiter. Das Herz klopfte ihm unruhig. Er hatte sich nicht getäuscht: Swidrigailow wünschte augenscheinlich, nicht gesehen zu werden. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und wollte sich verbergen; aber während er sich erhob und den Stuhl zurückschob, merkte er wahrscheinlich, daß Raskolnikow ihn sah und beobachtete. Der ganze Vorgang hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit der Szene, die sich zwischen ihnen bei ihrer ersten Begegnung in Raskolnikows Zimmer, als dieser schlief, abgespielt hatte. Ein schlaues Lächeln wurde um Swidrigailows Mund sichtbar und breitete sich allmählich über sein ganzes Gesicht aus. Beide wußten, daß sie einander sahen und beobachteten. Schließlich lachte Swidrigailow laut auf.

»Na also! Kommen Sie doch herauf, wenn Sie mögen; ich bin hier!« rief er aus dem Fenster.

Raskolnikow ging zum Restaurant hinauf.

Er fand ihn in einer sehr kleinen, einfenstrigen Seitenstube, die an den großen Saal grenzte, in dem an zwanzig kleinen Tischen bei dem unschönen Gesange eines schauderhaften Chors Kaufleute, Beamte und eine Menge anderer Leute Tee tranken. Aus einem andern Zimmer tönte das Klappern von Billardbällen herüber. Auf einem Tischchen hatte Swidrigailow eine angebrochene Flasche Champagner und ein halbvolles Glas vor sich stehen. In dem Zimmer befanden sich auch ein Junge mit einer kleinen Drehorgel und ein derbes, rotbäckiges Mädchen in einem gestreiften, stark aufgeschürzten Rock, einen Tirolerhut mit Bändern auf dem Kopfe, eine etwa achtzehnjährige Sängerin, die, unbekümmert um den Chorgesang im angrenzenden Saale, mit recht heiserer Altstimme zur Drehorgel einen Gassenhauer sang.

»Na, nun ist's genug!« unterbrach Swidrigailow den Gesang bei Raskolnikows Eintritt.

Das Mädchen brach sofort ab und blieb respektvoll wartend stehen. Auch ihre vulgäre Reimerei hatte sie mit ernster, respektvoller Miene heruntergesungen.

»He, Filipp, ein Glas!« rief Swidrigailow.

»Ich möchte keinen Wein trinken«, sagte Raskolnikow.

»Wie Sie belieben; aber ich meinte Sie auch nicht. Trink, Katja! Heute brauche ich dich nicht mehr; du kannst gehen!«

Er goß ihr ein ganzes Glas Wein ein und legte ihr einen Rubelschein hin. Katja trank das Glas auf einmal aus, in der Weise, wie Frauen Wein trinken, das heißt ohne abzusetzen, in zwanzig Schlucken, nahm den Schein, küßte Swidrigailow die Hand, die dieser ihr mit sehr ernster Miene zum Kusse überließ, und verließ das Zimmer; hinter ihr her trottete auch der Junge mit der Drehorgel. Sie waren beide von der Straße heraufgeholt worden. Swidrigailow wohnte kaum eine Woche in Petersburg und stand doch schon mit seiner ganzen Umgebung in einer Art von patriarchalischem Verhältnis. Auch der Kellner Filipp gehörte bereits zu seinen »Bekannten« und benahm sich gegen ihn äußerst devot. Die Tür nach dem Saale wurde meist geschlossen; Swidrigailow fühlte sich dann in diesem Zimmer wie zu Hause und brachte hier manchmal ganze Tage zu. Das Restaurant war schmutzig und schlecht und nicht einmal mittleren Ranges.

»Ich wollte Sie in Ihrer Wohnung aufsuchen«, begann Raskolnikow, »bog aber in Gedanken vom Heumarkt in den . . . skij-Prospekt ein. Ich tue das sonst nie und gehe hier niemals entlang. Ich pflege vom Heumarkt aus immer rechts zu gehen. Auch ist dies gar nicht der Weg nach Ihrer Wohnung. Aber kaum war ich hier eingebogen, da sah ich Sie auch! Ganz seltsam!«

»Warum sagen Sie nicht geradezu: es ist ein Wunder?«

»Weil es vielleicht nur ein Zufall ist.«

»Was haben doch diese Leute alle für eine schnurrige Art, zu denken!« rief Swidrigailow lachend. »Trotzdem sie in ihrem Herzen an Wunder glauben, mögen sie es doch nicht eingestehen! Eben haben Sie ja selbst gesagt, daß es ›vielleicht‹ nur ein Zufall ist. Und mit welcher Feigheit sich hier alle Leute davor fürchten, eine eigene Meinung zu haben, davon können Sie sich gar keine Vorstellung machen, Rodion Romanowitsch! Von Ihnen rede ich nicht; Sie haben eine eigene Meinung und haben sich nicht gescheut, sie zu haben. Dadurch haben Sie auch mein Interesse erregt.«

»Durch weiter nichts?«

»Na, dieser Grund ist doch schon ausreichend.«

Swidrigailow war offenbar in angeregter Stimmung, indessen nur in geringem Grade; von dem Weine hatte er nur ein halbes Glas getrunken.

»Ich möchte meinen, Sie kamen zu mir, noch ehe Sie wußten, daß ich fähig sei, das zu haben, was Sie eine eigene Meinung nennen«, bemerkte Raskolnikow.

»Na ja, damals hatte es einen anderen Grund. Jeder hat so seine eigenen Wege. Aber was das Wunder anlangt, so muß ich Ihnen sagen, daß Sie diese letzten zwei, drei Tage geschlafen zu haben scheinen. Ich selbst habe Ihnen dieses Restaurant bezeichnet, und daß Sie geradeswegs hierher kamen, war ganz und gar kein Wunder; ich selbst habe Ihnen den ganzen Weg beschrieben und habe Ihnen die Stelle, wo es liegt, und die Stunden, wann ich hier zu treffen bin, angegeben. Besinnen Sie sich?«

»Nein, ich habe es vergessen«, antwortete Raskolnikow verwundert.

»Das muß ich annehmen. Zweimal habe ich es Ihnen sogar gesagt. Die Adresse hat sich Ihrem Gedächtnisse mechanisch eingeprägt. Und so bogen Sie auch mechanisch in diese Straße ein, genau gemäß der angegebenen Adresse, aber ohne es selbst zu wissen. Schon damals, als ich es Ihnen sagte, hatte ich von Ihnen den Eindruck, daß Sie mich nicht verstanden hätten. Sie verraten sich gar zu sehr, Rodion Romanowitsch. Und noch eines: ich glaube, es gibt in Petersburg viele Leute, die im Gehen Selbstgespräche halten. Es ist eben eine Stadt von Halbverrückten. Gäbe es bei uns einen ernstlichen Betrieb der Wissenschaften, so könnten die Ärzte, die Juristen und die Philosophen die wertvollsten Untersuchungen über die Petersburger Bevölkerung anstellen, jeder in seinem Fache. Es gibt wenige Orte, wo sich so viele düstere, starke, seltsame Momente, die auf die menschliche Seele wirken, vereinigt finden wie in Petersburg. Wie mächtig sind allein schon die Einwirkungen des Klimas! Und dabei ist nun Petersburg der administrative Mittelpunkt von ganz Rußland, so daß der Charakter dieser Hauptstadt auf das ganze Reich zurückwirken muß. Aber davon wollte ich jetzt nicht reden, sondern davon, daß ich Sie schon einige Male heimlich von der Seite her beobachtet habe. Wenn Sie aus dem Hause treten, halten Sie den Kopf noch gerade. Nach zwanzig Schritten lassen Sie ihn schon sinken und legen die Hände auf den Rücken. Sie haben die Augen offen, nehmen aber zweifellos weder vor sich noch rechts oder links etwas wahr. Darauf fangen Sie an, die Lippen zu bewegen und mit sich selbst zu sprechen, wobei Sie manchmal die eine Hand frei machen und damit gestikulieren; schließlich bleiben Sie längere Zeit mitten auf dem Wege stehen. Das ist recht bedenklich. Vielleicht beobachtet Sie außer mir sonst noch jemand, und das könnte Ihnen doch zum Schaden gereichen. Mir kann es im Grunde ganz egal sein, und Sie davon zu kurieren wird mir doch nicht gelingen; aber Sie verstehen mich gewiß.«

»Sie wissen also, daß man mich beobachtet?« fragte Raskolnikow und blickte ihn forschend an.

»Nein, davon weiß ich nichts«, erwiderte Swidrigailow anscheinend verwundert.

»Nun, dann wollen wir von mir nicht weiter reden«, murmelte Raskolnikow mit finsterem Gesichte.

»Schön, reden wir nicht von Ihnen.«

»Sagen Sie mir lieber, wenn Sie hierhergehen, um zu trinken, und mich selbst zweimal aufgefordert haben, zu Ihnen hierherzukommen, warum wollten Sie denn dann vorhin, als ich Sie von der Straße aus am Fenster sah, zurücktreten und sich verstecken? Ich habe das recht wohl gemerkt.«

»He-he! Aber warum lagen Sie denn damals, als ich bei Ihnen zu Hause auf der Schwelle stand, mit geschlossenen Augen auf dem Sofa und taten, als ob Sie schliefen, wiewohl Sie doch wach waren? Ich habe das recht wohl gemerkt.«

»Ich konnte dazu . . . meine Gründe haben, . . . das wissen Sie selbst.«

»Meine Gründe konnte auch ich haben, wenn Sie sie auch nicht kennen.«

Raskolnikow setzte den rechten Ellbogen auf den Tisch, stützte mit den Fingern der rechten Hand sein Kinn von unten und heftete seinen Blick unverwandt auf Swidrigailow. Er betrachtete etwa eine Minute lang sein Gesicht, das ihm auch früher schon immer seltsam erschienen war. Es war ein ganz merkwürdiges Gesicht, das große Ähnlichkeit mit einer Maske hatte: weiß, rotwangig, mit purpurnen Lippen, hellblondem Barte und noch ziemlich dichtem, blondem Haupthaar. Die Augen waren, man hätte sagen können, allzu blau und ihr Blick allzu starr und unbeweglich. Es lag etwas überaus Unangenehmes in diesem hübschen Gesichte, das im Verhältnis zu Swidrigailows Alter außerordentlich jugendlich aussah. Swidrigailow trug einen eleganten, leichten Sommeranzug; eine besondere Eleganz legte er auch mit seiner Wäsche an den Tag. An einem Finger prangte ein massiver Ring mit einem wertvollen Steine.

»Muß ich mich nun wirklich auch noch mit Ihnen herumbalgen?« sagte Raskolnikow plötzlich, indem er mit krampfhafter Ungeduld geradeswegs auf sein Ziel losging. »Sie sind ja zwar vielleicht ein höchst gefährlicher Mensch, wenn Sie mir schaden wollen; aber ich habe keine Lust mehr, Komödie zu spielen. Ich werde Ihnen sofort zeigen, daß mir an meinem persönlichen Wohle nicht so viel gelegen ist, wie Sie wahrscheinlich meinen. Mögen Sie also wissen: ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen offen zu sagen, wenn Sie an Ihren früheren Absichten in bezug auf meine Schwester noch festhalten sollten und wenn Sie vorhaben sollten, zu diesem Zwecke etwas von dem, was Sie in letzter Zeit erfahren haben, auszunutzen, so schlage ich Sie tot, ehe es Ihnen gelingt, mich ins Gefängnis zu bringen. Auf mein Wort ist Verlaß; Sie wissen, daß ich imstande sein würde, es wahr zu machen. Und zweitens: wenn Sie mir etwas mitzuteilen wünschen (denn ich hatte diese ganze Zeit her den Eindruck, als wollten Sie mir etwas sagen), so tun Sie das unverzüglich; denn die Zeit ist kostbar, und es wird vielleicht sehr bald schon zu spät sein.«

»Warum haben Sie es denn so eilig?« fragte Swidrigailow, ihn neugierig anblickend.

»Jeder hat seine eigenen Wege«, entgegnete Raskolnikow finster und ungeduldig.

»Eben erst haben Sie mich aufgefordert, ganz offen zu sein, und Sie selbst verweigern auf die erste Frage, die ich an Sie richte, die Antwort«, bemerkte Swidrigailow lächelnd. »Sie haben immer die Vorstellung, als verfolgte ich bestimmte Zwecke, und daher betrachten Sie mich mit solchem Argwohn. Allerdings, in Ihrer Lage ist das sehr begreiflich. Aber obgleich ich lebhaft wünsche, Ihnen näherzutreten, werde ich mir dennoch keine Mühe geben, Sie vom Gegenteil zu überzeugen. Wahrhaftig, le jeu ne vaut pas la chandelle, und es lag auch nicht im geringsten in meiner Absicht, mit Ihnen über etwas so ganz Besonderes zu sprechen.«

»Nun, was wollten Sie denn dann eigentlich von mir? Sie haben sich doch an mich herangemacht?«

»Sie sind mir einfach ein interessantes Beobachtungsobjekt. Sie erregten meine Aufmerksamkeit durch das Romantische Ihrer Situation, das war's! Außerdem sind Sie der Bruder einer Dame, für die ich mich sehr interessierte. Und endlich habe ich seinerzeit von ebendieser Dame außerordentlich oft und viel über Sie gehört, woraus ich schloß, daß Sie auf die Dame großen Einfluß haben. Sind das nicht genug Gründe? He-he-he! Übrigens, offen gestanden, Ihre Frage ist für mich recht knifflich, und es fällt mir schwer, sie Ihnen zu beantworten. Nun, sehen Sie mal, Sie sind doch jetzt nicht bloß wegen dieser einen Angelegenheit zu mir gekommen, sondern auch, um etwas Neues von mir zu hören? Nicht wahr? Ist's nicht so?« fragte Swidrigailow eindringlich mit schlauem Lächeln. »Und nun stellen Sie sich einmal vor, daß ich selbst, schon auf der Reise hierher, im Eisenbahncoupé, auf Sie rechnete, daß Sie mir auch etwas Neues sagen würden und daß es mir gelingen würde, bei Ihnen eine Anleihe zu machen! Ja, sehen Sie, so steht es mit meinem Reichtum!«

»Was denn für eine Anleihe?«

»Ja, was soll ich Ihnen darauf antworten? Darüber bin ich selbst im unklaren. Sehen Sie nur, in was für einem elenden Restaurant ich die ganze Zeit über herumhocke, und das ist mein Element; das heißt, mein Element ist es eigentlich nicht; na, aber man muß doch irgendwo die Zeit hinbringen. Und hier habe ich wenigstens diese arme Katja – haben Sie sie gesehen? . . . Ja, und wenn ich noch ein Vielfraß wäre oder ein Gourmet; aber da können Sie sehen, was für Zeug ich essen kann« (er zeigte mit dem Finger nach einer Ecke, wo auf einem kleinen Tischchen in einem Blechschüsselchen die Überreste eines schauderhaften Beefsteaks mit Kartoffeln standen). »Apropos, haben Sie schon zu Mittag gegessen? Ich habe nur ein paar Bissen gegessen und mag nicht mehr. Wein zum Beispiel trinke ich überhaupt nicht. Außer Champagner trinke ich gar keinen Wein, und auch Champagner trinke ich den ganzen Abend über nur ein einziges Glas, und auch davon bekomme ich schon Kopfschmerzen. Die Flasche hier habe ich mir bloß geben lassen, um mich ein bißchen aufzukratzen; denn ich habe einen Weg vor, und Sie finden mich in einer besonderen Gemütsstimmung. Das war auch der Grund, weshalb ich mich vorhin wie ein Schuljunge versteckte; denn ich dachte, Sie könnten mir dabei hinderlich werden; aber ich glaube« (er zog die Uhr heraus), »ich kann noch eine Stunde mit Ihnen zusammen sein; es ist erst halb fünf. Glauben Sie mir, ich würde viel darum geben, wenn ich nur irgendeine Tätigkeit hätte, na, sagen wir mal, wenn ich Gutsbesitzer wäre oder Vater oder Ulan, Photograph, Journalist, . . . aber ich habe rein gar nichts, so gar keine eigene Tätigkeit! Manchmal langweile ich mich furchtbar. Wirklich, ich dachte, Sie würden mir etwas Neues sagen.«

»Ja, was sind Sie denn eigentlich für ein Mensch, und warum sind Sie nach Petersburg gekommen?«

»Was ich für ein Mensch bin? Nun, das wissen Sie ja: ich bin ein Adliger, habe zwei Jahre bei der Kavallerie gedient; dann habe ich hier in Petersburg herumgebummelt; dann habe ich Marfa Petrowna geheiratet und auf dem Lande gelebt. Das ist mein Lebenslauf!«

»Sie waren ja wohl auch Spieler?«

»Nein, Spieler eigentlich nicht. Ein Falschspieler ist kein Spieler.«

»Also Sie waren Falschspieler?«

»Ja, das bin ich auch gewesen.«

»Da haben Sie wohl auch manchmal Prügel bekommen?«

»Das ist auch vorgekommen. Nun, und . . .?«

»Nun, da konnten Sie doch den Betreffenden zum Duell fordern. Das ist doch eine erfrischende Abwechselung.«

»Ich will Ihnen nicht widersprechen und habe überhaupt in philosophischen Debatten keine Übung. Ich muß gestehen, ich bin hauptsächlich der Weiber wegen mit solcher Beschleunigung hierher gereist.«

»Nachdem Sie Marfa Petrowna eben erst beerdigt haben?«

»Nun ja«, erwiderte Swidrigailow mit ganz ungeniertem, offenherzigem Lächeln. »Was ist denn dabei? Sie scheinen etwas Schlimmes darin zu finden, daß ich so von den Weibern rede?«

»Sie meinen, ob ich die Unsittlichkeit für etwas Schlimmes halte?«

»Die Unsittlichkeit! Nun, das ist doch etwas zuviel gesagt! Aber ich möchte Ihnen zunächst einmal meine Ansicht über die Weiber im allgemeinen sagen; wissen Sie, ich bin gerade dazu aufgelegt, ein bißchen zu plaudern. Sagen Sie bloß, warum sollte ich mir denn Enthaltsamkeit auferlegen? Warum sollte ich mir die Weiber versagen, wenn das nun einmal meine Passion ist? Wenigstens habe ich doch eine Beschäftigung dadurch.«

»Sie suchen hier also weiter nichts als Unsittlichkeit?«

»Na, wenn Sie es so nennen wollen, meinetwegen! Sie immer mit Ihrer Unsittlichkeit! Indessen habe ich es ganz gern, daß Sie so offen und geradezu fragen. Diese Unsittlichkeit hat wenigstens das Gute, daß sie etwas Dauerndes ist, sogar etwas in der Natur Begründetes, von aller Theorie Unabhängiges, etwas, was einem wie eine Art von stets glühender Kohle im Geblüte wohnt und sich nicht so bald auslöschen läßt, so besonders schnell vielleicht nicht einmal bei höherem Lebensalter. Sagen Sie selbst, ist das etwa nicht in seiner Art auch eine Beschäftigung?«

»Wie können Sie daran Ihre Freude haben? Es ist eine Krankheit, eine gefährliche Krankheit.«

»Nun, das ist doch etwas zuviel gesagt! Ich gebe zu, daß es eine Krankheit ist, wie alles, was über das richtige Maß hinausgeht (und auf diesem Gebiete wird es unfehlbar oft vorkommen, daß das richtige Maß überschritten wird); aber erstens ist das doch bei verschiedenen Menschen verschieden; und zweitens möge man sich eben, wie bei allen Dingen, so selbstverständlich auch hierbei, des Maßhaltens befleißigen; Ökonomie, wenn auch in einer gemeinen Sphäre. Aber was soll man tun? Wenn es dieses Vergnügen nicht gäbe, könnte man sich ja gleich erschießen! Ich gebe zu, daß ein anständiger Mensch die Pflicht hat, die Langeweile zu ertragen, aber trotzdem . . .«

»Würden Sie es fertigbringen, sich zu erschießen?«

»Hören Sie mal!« erwiderte Swidrigailow, indem er mit einer Gebärde des Widerwillens die Frage von sich wies. »Tun Sie mir den Gefallen und reden Sie davon nicht«, fügte er hastig hinzu und sogar ganz ohne den prahlerischen Beiklang, den alle seine vorhergehenden Worte gehabt hatten. Selbst sein Gesicht schien sich verändert zu haben. »Ich bekenne mich da einer unverzeihlichen Schwäche schuldig; aber ich kann nichts dagegen machen: ich fürchte mich vor dem Tode und mag nicht von ihm reden hören. Wissen Sie wohl, daß ich so ein Stück Mystiker bin?«

»Ach ja! Marfa Petrownas Geist ist Ihnen ja erschienen! Nun, dauern diese Erscheinungen noch fort?«

»Ach, erinnern Sie mich nicht daran; in Petersburg ist es noch nicht vorgekommen; hol der Teufel die Geistererscheinungen!« rief er ärgerlich. »Nein, lassen Sie uns lieber über diese . . . ja, aber . . . Hm! Schade, ich habe nicht mehr viel Zeit; ich kann nicht mehr lange mit Ihnen zusammenbleiben; es tut mir sehr leid! Ich hätte Ihnen noch etwas mitzuteilen.«

»Wo wollen Sie denn hin, zu einem Frauenzimmer?«

»Allerdings; ein ganz unverhoffter Zufall . . . Aber das war es nicht, wovon ich jetzt mit Ihnen reden wollte.«

»Und die Ekelhaftigkeit dieses ganzen Treibens wirkt gar nicht mehr auf Sie? Haben Sie schon die Kraft verloren, sich selbst ein ›Halt!‹ zuzurufen?«

»Und Sie, Sie erheben für Ihre eigene Person Anspruch darauf, Kraft zu besitzen? He-he-he! Sie haben mich soeben in Verwunderung versetzt, Rodion Romanowitsch, obgleich ich dergleichen voraussah. Sie, Sie reden mir von Unsittlichkeit und Ästhetik! Sie spielen sich als eine Art von Schiller auf, als Idealisten! Alles das hat natürlich seinen notwendigen inneren Zusammenhang, und man müßte sich wundern, wenn es anders wäre; aber trotzdem kommt es einem in der Wirklichkeit sonderbar vor . . . Schade nur, daß ich so wenig Zeit habe; denn Sie sind eine überaus interessante Persönlichkeit! Apropos, lieben Sie Schiller? Ich habe ihn außerordentlich gern.«

»Aber was sind Sie für ein Prahler!« erwiderte Raskolnikow mit merklichem Widerwillen.

»Das bin ich nicht, wahrhaftig nicht!« antwortete Swidrigailow lachend. »Übrigens will ich darüber nicht streiten; mag ich ein Prahler sein! Aber warum soll man auch nicht ein bißchen prahlen, wenn man niemandem etwas damit zuleide tut? Ich habe sieben Jahre lang bei Marfa Petrowna auf dem Lande gelebt; darum bin ich jetzt geradezu froh, ein bißchen plaudern zu können, wo ich einen klugen Menschen wie Sie getroffen habe, einen klugen und im höchsten Grade interessanten Menschen. Außerdem habe ich auch ein halbes Glas Wein getrunken, und das ist mir schon ein klein wenig in den Kopf gestiegen. Die Hauptsache aber ist: ich habe da so eine Geschichte, die mich sehr aufregt, über die ich aber schweigen möchte. Aber wo wollen Sie denn hin?« fragte Swidrigailow plötzlich sehr erstaunt.

Raskolnikow hatte sich zum Aufstehen angeschickt. Er fühlte sich bedrückt, beklommen, unbehaglich und bedauerte, hergekommen zu sein. Über Swidrigailow hatte er sich die Überzeugung gebildet, daß dies der fadeste, wertloseste Bösewicht sei, den es auf der Welt gebe.

»Ach was! Bleiben Sie doch noch ein Weilchen sitzen«, bat Swidrigailow, »und lassen Sie sich etwas geben, etwa ein Glas Tee. Na, bleiben Sie noch ein Weilchen; ich werde Ihnen auch keinen Unsinn mehr vorreden, ich meine über mich. Ich werde Ihnen etwas erzählen. Na, wenn's Ihnen recht ist, so will ich Ihnen erzählen, wie mich eine Dame, um in Ihrer Sprache zu reden, ›rettete‹. Das wird sogar eine Antwort auf Ihre erste Frage sein, weil diese Dame Ihre Schwester war. Soll ich es Ihnen erzählen? Wir füllen damit auch die Zeit aus.«

»Erzählen Sie; aber ich hoffe, Sie . . .«

»Oh, seien Sie unbesorgt! Übrigens kann Awdotja Romanowna sogar einem so schändlichen und hohlen Menschen wie mir nur die allergrößte Hochachtung einflößen.«

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