Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Schuld und Sühne - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Dostojewski
titleSchuld und Sühne
publisherAufbau Verlag
year1956
translatorH. Röhl
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050727
modified20170607
projectid8458924a
Schließen

Navigation:

I

Für Raskolnikow begann nun eine eigenartige Zeit: es war, als hätte sich ein Nebel rings um ihn gebildet und hielte ihn in unentrinnbarer, drückender Vereinsamung gefangen. Wenn er sich später, lange nachher, an diese Zeit erinnerte, so war er der Überzeugung, daß sein Bewußtsein damals manchmal verdunkelt gewesen sei und daß dieser Zustand – mit einigen helleren Zwischenzeiten – fast bis zu der abschließenden Katastrophe gedauert habe. Er war fest überzeugt, daß er sich damals in vieler Hinsicht geirrt habe, zum Beispiel über den Zeitpunkt und die Dauer mancher Ereignisse. Wenigstens erfuhr er in der Folgezeit, wenn er sich zu erinnern suchte und sich bemühte, in diese Erinnerungen Klarheit hineinzubringen, vieles über seine eigene Person nur aus Mitteilungen, die er von andern empfing. Er verwechselte zum Beispiel ein Ereignis mit einem andern; oder er hielt auch eines für die Folge eines Vorfalles, der überhaupt nur in seiner Phantasie existierte. Manchmal bemächtigte sich seiner eine krankhafte, quälende Unruhe, die sogar in einen panischen Schrecken überging. Er entsann sich auch, daß, ganz im Gegensatz zu der sonstigen Angst, Minuten, Stunden, vielleicht sogar ganze Tage von einer Apathie, die ihn befallen hatte, ausgefüllt gewesen waren – von einer Apathie, ähnlich dem krankhaft-teilnahmslosen Zustande mancher Sterbenden. Überhaupt war er in diesen letzten Tagen anscheinend selbst bemüht, eine vollständige, deutliche Erkenntnis seiner Lage zu vermeiden. Einige Ereignisse der allerletzten Zeit, die einer sofortigen Klarstellung bedurften, bedrückten ihn schwer; wie froh wäre er gewesen, sich von derartigen Sorgen befreien und losmachen zu können, mit denen er sich doch in seiner Lage beschäftigen mußte, wenn er sich nicht dem völligen, unvermeidlichen Untergange preisgeben wollte.

Ganz besonders beunruhigte ihn der Gedanke an Swidrigailow; man konnte fast sagen, daß er nur an Swidrigailow dachte. Seit er von ihm in Sonjas Wohnung bei Katerina Iwanownas Tode jene unzweideutigen Äußerungen gehört hatte, die eine so große Gefahr für ihn in sich bargen, schien der gewöhnliche Gang und Fluß seiner Gedanken gestört zu sein. Obgleich ihn diese neue Tatsache aufs äußerste beunruhigte, beeilte sich Raskolnikow nicht, die Sache aufzuklären. Manchmal, wenn er sich auf einmal irgendwo in einem entfernten, stillen Stadtteil in einem elenden Restaurant einsam an einem Tische in Gedanken versunken fand und sich kaum besinnen konnte, wie er dahin geraten war, mußte er plötzlich an Swidrigailow denken; zu seiner Beängstigung wurde er sich deutlich bewußt, daß er sich so bald wie möglich mit diesem Menschen aussprechen und einen endgültigen Beschluß, soweit ein solcher möglich sei, fassen müsse. Einmal, als er aus der Stadt hinausgegangen war, bildete er sich sogar ein, er erwarte dort Swidrigailow und sie hätten dort eine Zusammenkunft verabredet. Ein andermal erwachte er vor Tagesanbruch irgendwo auf der Erde im Gebüsch und hatte kaum eine Erinnerung daran, wie er dahin gekommen war. Übrigens hatte er in den ersten zwei, drei Tagen nach Katerina Iwanownas Tode Swidrigailow schon ein paarmal getroffen, fast immer in Sonjas Wohnung, wohin er selbst eigentlich ohne bestimmte Absicht und immer nur auf einen Augenblick gekommen war. Sie wechselten miteinander immer nur ein paar kurze Worte und sprachen nie über den Hauptpunkt, als bestände zwischen ihnen eine stillschweigende Verabredung, hierüber vorläufig zu schweigen. Katerina Iwanownas Leiche lag noch in der Wohnung im Sarge. Swidrigailow ordnete alles für das Begräbnis an und scheute dabei keine Mühe. Auch Sonja war sehr in Anspruch genommen. Bei dem letzten Zusammentreffen hatte Swidrigailow Raskolnikow mitgeteilt, daß er die Angelegenheit der Kinder Katerina Iwanownas erledigt habe, und zwar glücklich erledigt; er habe, dank seinen Verbindungen, Persönlichkeiten ausfindig gemacht, mit deren Hilfe es möglich gewesen sei, die Waisen alle drei sofort in sehr anständigen Anstalten unterzubringen; auch das für sie deponierte Geld habe zu diesem Resultate wesentlich beigetragen, weil Waisen, die ein Kapital besäßen, weit leichter unterkämen als mittellose. Er erwähnte auch Sonja, versprach, nächster Tage selbst zu Raskolnikow zu kommen, und bemerkte, er wünsche sich mit ihm zu beraten; eine Besprechung sei durchaus erforderlich, es wären da einzelne Punkte . . . Dieses Gespräch fand auf dem Flur an der Treppe statt. Swidrigailow blickte Raskolnikow forschend in die Augen und fragte plötzlich nach kurzem Schweigen leise:

»Warum sind Sie denn so verstört, Rodion Romanowitsch? Wirklich, Sie hören zwar zu und sehen einen an; aber es macht den Eindruck, als ob Sie gar nicht verstehen, was man sagt. Immer Courage! Ich möchte gern einmal ausführlicher mit Ihnen sprechen; schade nur, daß ich so viel zu tun habe, mit fremden und eigenen Angelegenheiten . . . Ach, Rodion Romanowitsch«, fügte er auf einmal hinzu, »alle Menschen brauchen Luft, Luft, Luft! . . . Das ist die Hauptsache!«

Er trat zur Seite, um den Geistlichen und den Küster, die die Treppe heraufstiegen, vorbeizulassen. Sie kamen, um das Totenamt zu halten. Auf Swidrigailows Anordnung wurde pünktlich zweimal am Tage Totenamt gehalten. Swidrigailow ging weg, seinen Geschäften nach; Raskolnikow blieb einen Augenblick stehen, überlegte und folgte dann dem Geistlichen in Sonjas Wohnung.

Er blieb in der Tür stehen. Leise, würdevoll, tiefernst begann der Gottesdienst. In dem Gedanken an den Tod und in dem Gefühl von der Gegenwart des Todes hatte für ihn stets, von frühester Kindheit an, etwas Bedrückendes, geheimnisvoll Furchtbares gelegen, und seit langer Zeit hatte er kein Totenamt mehr mit angehört. Auch noch etwas andres versetzte ihn in Furcht und Unruhe. Er blickte auf die Kinder; sie lagen alle am Sarge auf den Knien; Polenjka weinte. Hinter ihnen, leise und schüchtern weinend, betete Sonja. ›Sie hat mich in diesen letzten Tagen kein einziges Mal angeblickt und kein einziges Wort zu mir gesprochen‹, dachte Raskolnikow. Die Sonne beleuchtete hell das Zimmer; Weihrauchwölkchen durchzogen es; der Geistliche las: »Gott gebe dir Ruhe.« Raskolnikow blieb während der ganzen Dauer des Gottesdienstes. Der Geistliche musterte ihn, während er den Segen erteilte und sich verabschiedete, mit einem eigentümlichen Blicke. Nach Beendigung der geistlichen Handlung trat Raskolnikow an Sonja heran. Diese ergriff plötzlich seine beiden Hände und lehnte den Kopf an seine Schulter. Diese einfache, freundliche Bewegung versetzte ihn in Staunen; es erschien ihm sogar ganz seltsam: wie? nicht die geringste Abneigung, nicht der geringste Widerwille gegen ihn, nicht das geringste Zittern ihrer Hände? Das war ja ein Übermaß von selbstverleugnendem Herabsteigen. So faßte er es wenigstens auf. Sonja sprach nichts. Raskolnikow drückte ihr die Hand und ging hinaus. Er fühlte eine schwere Last auf dem Herzen. Hätte er in diesem Augenblicke die Möglichkeit gehabt, irgendwohin fortzugehen und dort ganz allein zu bleiben, und wäre es auch das ganze Leben lang, so hätte er sich glücklich geschätzt. Der Grund lag darin, daß er jetzt zwar fast immer allein war, aber trotzdem nie das Gefühl des Alleinseins hatte. Er ging manchmal vor die Stadt, auf die Landstraße, einmal sogar in ein Wäldchen; aber je einsamer der Ort war, um so stärker empfand er dort die Nähe, die Gegenwart von etwas Beunruhigendem, was ihn nicht eigentlich in Angst versetzte, aber ihn doch störte, so daß er möglichst schnell wieder in die Stadt zurückkehrte, sich unter die Menge mischte, Restaurants und Schenken besuchte und auf den Trödelmarkt und den Heumarkt ging. Hier wurde es ihm etwas leichter ums Herz, und hier kam es ihm sogar eher einsam vor. In einer Speisewirtschaft wurden gegen Abend Lieder gesungen; da saß er eine ganze Stunde dabei, hörte zu und hatte nachher die Empfindung, daß ihm das recht angenehm gewesen sei. Aber zum Schluß wurde er wieder unruhig, als ob ihn Gewissensbisse quälten: ›Ich sitze hier und höre Lieder mit an und habe doch wahrhaftig Dringenderes zu tun!‹ dachte er. Übrigens wurde er sich gleich dort darüber klar, daß dies nicht das einzige war, was ihn beunruhigte, sondern daß da noch etwas andres war, was eine unverzügliche Entscheidung verlangte, was er aber weder in Gedanken sich deutlich vorstellen noch mit Worten ausdrücken konnte. Alles schlang sich zu einem unentwirrbaren Knäuel zusammen. ›Nein, lieber doch irgendein Kampf, . . . sei es wieder mit Porfirij oder mit Swidrigailow! . . . Wenn mich nur recht bald jemand herausforderte und anfiele! . . . Ja, ja!‹ dachte er. Er verließ die Speisewirtschaft und fing auf der Straße beinahe an zu laufen. Der Gedanke an Dunja und an die Mutter jagte ihm auf einmal einen jähen Schreck ein. Dies war die Nacht, wo er vor Tagesanbruch auf der Krestowskij-Insel im Gebüsch erwachte, an allen Gliedern vor Fieberfrost zitternd. Er ging nach Hause, wo er am frühen Morgen anlangte. Nach einigen Stunden Schlafs war das Fieber vorüber; aber er erwachte erst sehr spät: es war zwei Uhr nachmittags.

Es fiel ihm ein, daß auf diesen Tag Katerina Iwanownas Beerdigung angesetzt gewesen war, und er war froh darüber, daß er nicht dabeigewesen war. Nastasja brachte ihm etwas zu essen; er aß und trank mit großem Appetit, ordentlich gierig. Sein Kopf war frischer und er selbst ruhiger als an den drei letzten Tagen. Er wunderte sich sogar einen Augenblick über die früheren Anfälle panischer Furcht. Da öffnete sich die Tür, und Rasumichin trat ein.

»Ah! Du ißt ja, also bist du nicht krank!« sagte Rasumichin, nahm einen Stuhl und setzte sich an den Tisch, Raskolnikow gegenüber.

Er war aufgeregt und gab sich keine Mühe, dies zu verbergen. Er redete mit sichtlichem Ärger, aber nicht hastig, und ohne die Stimme besonders zu erheben. Es war unschwer zu erkennen, daß ihn eine besondere Absicht, und zwar ausschließlich eine solche, zu diesem Besuche veranlaßt hatte.

»Höre mal!« begann er entschlossen. »Ich schere mich den Teufel um euch alle; aber nach allem, was ich jetzt sehe, ist mir klar, daß ich von euren Geschichten nichts verstehe. Bitte, glaube ja nicht, daß ich gekommen bin, um dich auszufragen; eure Geheimnisse sind mir ganz gleichgültig! Ich will gar nichts davon wissen! Und wenn du mir jetzt von selbst alles enthüllen wolltest, so würde ich es vielleicht gar nicht einmal anhören, sondern mich einfach umdrehen und weggehen. Ich bin nur hergekommen, um persönlich und zuverlässig festzustellen, ob es wahr ist, daß du verrückt geworden seist. Siehst du, manche Leute sind nämlich überzeugt, daß du entweder wirklich verrückt bist oder wenigstens starke Anlage dazu hast. Ich muß dir gestehen, daß ich selbst sehr geneigt war, dieser Meinung beizupflichten, erstens im Hinblick auf deine törichte und zum Teil schändliche Handlungsweise, die sich auf andre Art nicht erklären läßt, und zweitens wegen deines Benehmens neulich deiner Mutter und deiner Schwester gegenüber. Nur ein Unmensch und Schurke konnte sie so behandeln, wenn es kein Verrückter war; und folglich mußtest du verrückt sein . . .«

»Wann hast du sie zuletzt gesehen?«

»Ich bin soeben bei ihnen gewesen. Aber du selbst hast sie seit damals gar nicht gesehen? Sag mal, wo treibst du dich eigentlich herum? Ich bin schon dreimal bei dir gewesen. Deine Mutter ist seit gestern ernstlich krank. Sie hatte vor, zu dir zu gehen; Awdotja Romanowna versuchte sie zurückzuhalten; aber sie wollte auf nichts hören. ›Wenn er krank ist‹, sagte sie, ›wenn sein Geist gestört ist, wer soll ihm dann beistehen, wenn es seine Mutter nicht tut?‹ So kamen wir denn alle drei hierher; denn allein konnten wir sie doch nicht gehen lassen. Bis zu deiner Tür haben wir ihr zugeredet, sich doch zu beruhigen. Wir kamen herein, und du warst nicht hier; da hat sie denn hier eine Weile gesessen. Wohl zehn Minuten saß sie hier, und wir standen schweigend daneben. Dann stand sie auf und sagte: ›Wenn er ausgeht und also gesund ist und trotzdem nicht an seine Mutter denkt, so ist es für die Mutter unschicklich und unwürdig, an seiner Schwelle zu stehen und um eine Freundlichkeit wie um ein Almosen zu betteln.‹ Als sie wieder nach Hause gekommen war, mußte sie sich hinlegen; jetzt hat sie Fieber. ›Ich sehe‹, sagte sie, ›für sein Mädchen hat er Zeit.‹ Sie denkt sich, daß ›dein Mädchen‹ diese Sofja Semjonowna ist, deine Braut oder Geliebte, was weiß ich. Ich ging sofort zu Sofja Semjonowna; denn ich wollte doch alles genau in Erfahrung bringen, Bruder. Ich kam hin und sah: da stand ein Sarg, die Kinder weinten. Sofja Semjonowna probierte ihnen Trauerkleider an. Aber du warst nicht da. Ich blickte mich um, bat um Entschuldigung, ging wieder weg und erstattete Bericht an Awdotja Romanowna. Es hatte sich also herausgestellt, daß das alles Unsinn war und du gar keine Geliebte hast, und als das Wahrscheinlichste ergab sich somit Verrücktheit. Aber nun muß ich sehen, daß du hier sitzt und gekochtes Rindfleisch schlingst, als hättest du drei Tage lang nichts gegessen. Freilich essen auch Verrückte; aber obwohl du kein Wort zu mir gesagt hast, bin ich doch fest überzeugt, daß du nicht verrückt bist. Darauf möchte ich einen Eid ablegen. Das steht also jetzt von vornherein fest, daß du nicht verrückt bist. Und darum mag euch alle zusammen der Teufel holen; denn da steckt irgendein Geheimnis dahinter, und ich habe keine Lust, mir über eure Geheimnisse den Kopf zu zerbrechen. Ich bin nur hergekommen, um mich mal ordentlich satt zu schimpfen«, schloß er und stand auf, »und um mir eine Herzenserleichterung zu verschaffen; aber ich weiß schon, was ich jetzt zu tun habe!«

»Was willst du denn jetzt tun?«

»Was geht dich das an, was ich jetzt tun will?«

»Paß mal auf, du wirst dich dem Trunke ergeben!«

»Woher . . . woher weißt du das?«

»Das zu erraten ist gerade kein Kunststück!«

Rasumichin schwieg ein Weilchen.

»Du warst von jeher ein sehr scharfblickender Mensch und bist niemals, niemals verrückt gewesen«, bemerkte er dann plötzlich sehr eifrig. »Du hast ganz recht: ich werde mich dem Trunke ergeben! Leb wohl!«

Er machte eine Bewegung nach der Tür zu.

»Ich habe über dich, es war ja wohl vorgestern, mit meiner Schwester gesprochen, Rasumichin.«

»Über mich! Ja . . ., wo kannst du sie denn vorgestern zu sehen bekommen haben?« fragte Rasumichin und blieb stehen; er war sogar ein wenig blaß geworden, und man konnte merken, daß sein Herz langsamer und mit Anstrengung klopfte.

»Sie war hierhergekommen, sie allein; sie saß hier und sprach mit mir.«

»Das hat sie getan?«

»Allerdings!«

»Was hast du denn zu ihr gesagt, . . . ich meine, über mich?«

»Ich habe zu ihr gesagt, daß du ein sehr guter, ehrenhafter, arbeitsamer Mensch seist. Daß du sie liebst, habe ich ihr nicht gesagt, weil sie das selbst weiß.«

»Das weiß sie selbst?«

»Natürlich! Wo auch immer ich sein mag, was auch immer mir zustoßen mag, bleibe du bei meiner Mutter und bei meiner Schwester als ihr Beschützer. Ich lege sie sozusagen beide in deine Hände. Ich sage das, weil ich genau weiß, wie sehr du meine Schwester liebst, und weil ich von der Reinheit deines Herzens überzeugt bin. Ich weiß ferner, daß auch sie dich liebgewinnen kann und sogar vielleicht schon liebt. Nun wähle selbst, was du für das beste hältst, ob du dich dem Trunke ergeben willst oder nicht.«

»Rodja . . . Ja, siehst du . . . Nun . . . Ach, zum Teufel! Aber wohin willst du denn eigentlich gehen? Siehst du: wenn das ein Geheimnis ist, dann sag mir nichts davon! Aber ich . . . ich werde das Geheimnis schon noch erfahren . . . Ich bin überzeugt, daß es sich dabei sicher nur um irgendeinen Unsinn, um reine Lappalien handelt und daß du allein die ganze Geschichte eingerührt hast. Im übrigen aber bist du ein vortrefflicher Mensch! Ein ganz vortrefflicher Mensch!«

»Ich wollte eigentlich noch hinzufügen, aber du unterbrachst mich, daß das vorhin eine sehr vernünftige Äußerung von dir war: du hättest gar nicht die Absicht, in diese Geheimnisse einzudringen. Laß das alles vorläufig auf sich beruhen und beunruhige dich nicht darüber. Du wirst alles zu gegebener Zeit erfahren, nämlich so bald, wie es nötig ist. Gestern hat jemand zu mir gesagt, der Mensch brauche Luft, Luft, Luft! Ich will gleich zu ihm gehen und ihn fragen, was er darunter versteht.«

Rasumichin stand aufgeregt und mit seinen Gedanken beschäftigt da; er suchte sich etwas zurechtzulegen.

›Er ist ein politischer Verschwörer! Ganz bestimmt! Und er steht unmittelbar vor einem entscheidenden Schritte, das ist sicher! Es kann nicht anders sein, und . . . und Dunja weiß davon . . .‹, dache er bei sich.

»Also zu dir kommt Awdotja Romanowna«, sagte er langsam und nachdrücklich, »und du selbst beabsichtigst, mit jemand zusammenzukommen, der da meint, man brauche mehr Luft, mehr Luft, und . . . und folglich steht auch dieser Brief damit in irgendwelcher Beziehung«, schloß er, als spräche er mit sich selbst.

»Was für ein Brief?«

»Sie hat heute durch einen Boten einen Brief erhalten, der sie sehr aufgeregt hat. Sehr, gar zu sehr. Ich fing an, von dir zu sprechen; aber sie bat mich zu schweigen. Darauf . . . darauf sagte sie, wir würden uns vielleicht sehr bald trennen müssen; darauf begann sie, ich weiß nicht wofür, mir in warmen Worten zu danken; dann ging sie in ihr Zimmer und schloß sich ein.«

»Sie hat einen Brief erhalten?« fragte Raskolnikow nachdenklich.

»Jawohl; hast du nichts davon gewußt? Hm! . . .«

Sie schwiegen beide einen Augenblick.

»Leb wohl, Rodja! Weißt du, Bruder, ich . . . Eine Zeitlang habe ich . . . Nun aber, leb wohl; sieh mal, eine Zeitlang . . . Nun, adieu! Ich muß gehen. Dem Trunke werde ich mich nicht ergeben. Jetzt ist das nicht nötig . . . Wenn du das denkst, irrst du dich!«

Eilig ging er hinaus; aber als er schon draußen war und beinahe schon die Tür hinter sich zugemacht hatte, öffnete er sie plötzlich noch einmal und sagte, indem er dabei zur Seite blickte:

»Da fällt mir noch ein: du erinnerst dich gewiß an diesen Mord, an das Gespräch mit Porfirij, an die alte Frau? Na also, da wollte ich dir nur sagen, daß der Mörder gefunden ist; er hat die Tat selbst eingestanden und der Behörde alle Beweise gegen sich in die Hand gegeben. Denke dir nur, es ist einer von jenen Malergesellen, du besinnst dich, ich habe sie hier bei dir noch so warm verteidigt. Kannst du es wohl glauben, daß er diese ganze Szene, die Prügelei mit seinem Kameraden und das Gelächter auf der Treppe, als der Hausknecht und die zwei Zeugen hinaufstiegen, absichtlich veranstaltet hat, um den Verdacht von sich abzulenken? Welche Schlauheit, welche Geistesgegenwart bei so einem jungen Bürschchen! Es fällt einem schwer, daran zu glauben; aber er hat selbst alles so dargelegt und selbst alles gestanden! Und wie habe ich mich blamiert! Nun, meiner Ansicht nach ist er eben einfach ein Genie in der Verstellungskunst und Findigkeit, ein Genie in der Kunst, die Behörden hinters Licht zu führen, und somit ist kein Grund vorhanden, besonders erstaunt zu sein! Warum sollen nicht auch solche Genies vorkommen können? Und wenn er nicht imstande gewesen ist, seine Rolle bis zu Ende durchzuhalten, sondern ein Geständnis abgelegt hat, so wird mir seine Aussage dadurch nur noch glaubhafter. Sie erweckt so noch mehr Zutrauen! . . . Aber wie habe ich mich damals blamiert! Und ich hatte mich so gewaltig für diese Menschen ins Zeug gelegt!«

»Sag doch mal, woher hast du denn das erfahren, und warum interessiert es dich so?« fragte Raskolnikow in sichtlicher Aufregung.

»Na, so was! Warum mich das interessiert, fragt der Mensch! . . . Erfahren habe ich es von Porfirij, auch von andern. Übrigens fast alles von ihm . . .«

»Von Porfirij?«

»Gewiß.«

»Was . . . was hat er denn darüber gesagt?« fragte Raskolnikow ängstlich.

»Er hat mir den Hergang ganz vortrefflich erklärt, . . . psychologisch, so auf seine Art.«

»Er hat es dir erklärt? Er selbst?«

»Jawohl, er selbst; aber nun adieu! Ein andermal will ich dir mehr davon erzählen; aber jetzt habe ich zu tun. Ja, . . . eine Zeitlang habe ich gedacht . . . Na, lassen wir es jetzt; ein andermal! . . . Warum sollte ich mich jetzt betrinken? Du hast mich auch ohne Schnaps betrunken gemacht. Ganz betrunken bin ich, Rodja! Ohne Schnaps bin ich jetzt betrunken; na, nun adieu; ich komme schon mal wieder her; sehr bald!«

Er ging hinaus.

›Er ist ein politischer Verschwörer, ganz sicher!‹ dachte Rasumichin mit größter Bestimmtheit, während er langsam die Treppe hinabstieg. ›Auch seine Schwester hat er mit hineingezogen; bei Awdotja Romanownas Charakter ist das verständlich, sehr verständlich. Sie haben Zusammenkünfte! . . . Auch sie selbst hat mir ja Andeutungen darüber gemacht . . . Aus vielen ihrer Äußerungen, . . . aus manchem kurz hingeworfenen Worte, . . . aus ihren Andeutungen läßt sich alles mit Sicherheit entnehmen! Und wie wäre denn auch dieser ganze Wirrwarr anders zu erklären? Hm! Und ich dachte schon . . . O Gott, wie habe ich nur so etwas denken können! Ja, das war eine Verirrung von mir, und ich habe ihm schweres Unrecht getan! Damals bei der Lampe auf dem Korridor hat er mich zu dieser Verirrung gebracht! Pfui, was war das für ein abscheulicher, roher, gemeiner Gedanke von mir! Sehr brav von diesem Nikolai, daß er es eingestanden hat . . . Und wie einfach sich jetzt alles Vorhergegangene erklärt! Seine Krankheit von damals, sein ganzes sonderbares Benehmen; und auch früher, als er noch auf der Universität war, wie finster und mürrisch war er da immer! . . . Aber was hat es jetzt mit diesem Briefe für eine Bewandtnis? Da steckt vielleicht auch so etwas dahinter. Von wem ist dieser Brief? Ich vermute . . . Hm! Nein, das will ich schon alles herausbekommen.‹

Er dachte an Dunja und kombinierte allerlei über sie; es wurde ihm ganz bang ums Herz. Aber er riß sich von der Stelle, wo er in Gedanken stehengeblieben war, los und stürmte davon.

Sobald Rasumichin fortgegangen war, stand Raskolnikow auf, wandte sich zum Fenster, rannte dann bald gegen die eine, bald gegen die andre Wand an, als hätte er die Enge seines Kämmerchens vergessen, . . . und setzte sich wieder auf das Sofa. Es war, als sei er ein ganz neuer Mensch geworden; er hatte wieder einen Kampf vor sich, und darin lag die Möglichkeit der Rettung, ein Ausweg!

Ja, da zeigte sich ein Ausweg! Die Ereignisse der letzten Zeit hatten aber auch gar zu schwer auf ihm gelastet, einen qualvollen Druck auf ihn ausgeübt und ihn zu ersticken gedroht; eine Art von Betäubung hatte ihn befallen. Seit der Szene mit Nikolai in Porfirijs Bureau war es ihm gewesen, als ob er nicht mehr Atem holen könne vor Beklemmung. Nach dieser Szene mit Nikolai hatte an demselben Tage die Unterredung mit Sonja stattgefunden; seine Aufgabe hatte er dabei ganz und gar nicht in der Weise durchgeführt und zu Ende gebracht, wie er sich das vorher vorgenommen hatte, . . . er war dabei eben schwach geworden, plötzlich und vollständig! Mit einem Male! Und er hatte damals Sonja zugestimmt, von ganzem Herzen zugestimmt, daß er mit einer solchen Last auf der Seele so ganz allein nicht weiterleben könne! Und Swidrigailow? Swidrigailow war ein Rätsel . . . Swidrigailow beunruhigte ihn allerdings, aber doch nach einer andern Richtung hin. Auch mit Swidrigailow stand ihm vielleicht ein Kampf bevor. Mit Swidrigailow konnte er vielleicht zurechtkommen, aber Porfirij, das war eine andre Sache.

Also Porfirij hatte diesem Rasumichin selbst den Hergang erklärt, psychologisch erklärt! Er hatte wieder seine verfluchte Psychologie ins Treffen geführt! Porfirij hatte das getan? Sollte denn Porfirij auch nur einen Augenblick lang an Nikolais Schuld geglaubt haben, nach dem Gespräche, das sie miteinander geführt hatten, nach jener Szene, die sich vor Nikolais Eintritt zwischen ihnen beiden abgespielt hatte und für die es keine andre ausreichende Erklärung gab außer einer einzigen? (Raskolnikow hatte sich in diesen Tagen mitunter einzelne Bruchstücke der Szene mit Porfirij flüchtig durch den Kopf gehen lassen; die vollständige Erinnerung an den gesamten Vorgang hätte er nicht ertragen können.) Es waren bei diesem Gespräche von ihnen beiden solche Ausdrücke gebraucht worden, es waren solche Bewegungen und Gesten vorgekommen, sie hatten solche Blicke miteinander gewechselt, manches in einem solchen Tone gesprochen, die Sache hatte sich derartig zugespitzt, daß nach alledem dieser Nikolai, welchen Porfirij gleich beim ersten Worte und bei der ersten theatralischen Bewegung richtig beurteilt hatte, das eigentliche Fundament seiner Überzeugung nicht hatte erschüttern können.

Beachtenswert war doch auch, daß sogar Rasumichin bereits Verdacht geschöpft hatte! Die Szene auf dem Korridor bei der Lampe mußte doch stark auf ihn gewirkt haben. Er war inzwischen zu Porfirij hingelaufen . . . Aber zu welchem Zwecke hatte ihn dieser hinters Licht geführt? In welcher Absicht hatte er Rasumichin dazu veranlaßt, Nikolai für den Täter zu halten? Ganz sicher hatte er dabei etwas vor; er verfolgte einen bestimmten Plan; aber welchen? Seit jenem Vormittag war allerdings schon geraume Zeit vergangen, sehr viel Zeit, und von Porfirij war nichts zu hören und zu sehen gewesen. Das war natürlich ein besonders schlimmes Zeichen . . . Raskolnikow griff nach seiner Mütze und ging, mit seinen Gedanken beschäftigt, zur Tür. Es war während dieser ganzen Zeit der erste Tag, wo er sich wenigstens bei klarem Bewußtsein fühlte. ›Ich muß die Angelegenheit mit Swidrigailow ins reine bringen‹, dachte er, ›und zwar so schnell wie möglich, um jeden Preis; auch der scheint darauf zu warten, daß ich selbst zu ihm komme.‹ In diesem Augenblick flammte in seinem müden Herzen plötzlich ein solcher Haß auf, daß er wohl fähig gewesen wäre, einen von diesen beiden, Swidrigailow oder Porfirij, ohne weiteres zu ermorden. Er hatte wenigstens die Empfindung, daß er, wenn nicht jetzt, so doch später imstande sein werde, dies zu tun. »Wir wollen sehen, wir wollen sehen!« sagte er vor sich hin.

Aber in dem Moment, als er die Tür nach dem Flur öffnete, stieß er mit Porfirij selbst zusammen. Dieser trat zu ihm ins Zimmer. Raskolnikow war einen Augenblick ganz starr, aber eben auch nur einen Augenblick. Merkwürdig: er war über Porfirijs Erscheinen nicht sonderlich erstaunt und fast gar nicht erschrocken. Er war nur zusammengezuckt, hatte sich aber schnell, augenblicklich wieder gefaßt. ›Vielleicht kommt nun die Lösung! Aber wie hat er es nur angestellt, daß er so leise hergekommen ist wie eine Katze und ich gar nichts davon gehört habe? Ob er am Ende gar an der Tür gehorcht hat?‹

»Sie haben meinen Besuch gewiß nicht erwartet, Rodion Romanowitsch!« rief Porfirij Petrowitsch lachend. »Ich hatte schon lange vor, einmal bei Ihnen vorzusprechen; nun kam ich jetzt gerade vorbei und dachte: warum soll ich nicht auf ein paar Minuten hinaufgehen und sehen, was er macht? Wollten Sie ausgehen? Ich will Sie nicht lange aufhalten. Nur auf eine Zigarette, wenn Sie gestatten.«

»Bitte, nehmen Sie Platz, Porfirij Petrowitsch, bitte, nehmen Sie Platz!« lud ihn Raskolnikow ein, und sein Gesicht zeigte dabei einen so erfreuten, freundschaftlichen Ausdruck, daß er sich selbst gewundert haben würde, wenn er sich hätte sehen können.

Er hatte den letzten Rest seiner seelischen Kraft zusammengesucht. So steht ein Mensch manchmal eine halbe Stunde lang Todesangst vor einem Räuber aus; wenn ihm aber dann wirklich das Messer an die Kehle gesetzt wird, ist die Angst verschwunden. Er setzte sich seinem Besucher gerade gegenüber und blickte ihn an, ohne mit den Wimpern zu zucken. Porfirij kniff die Augen zusammen und steckte sich eine Zigarette an.

›Nun sprich, sprich!‹ rief es in Raskolnikows Innerem. ›Vorwärts, vorwärts! Warum sprichst du nicht?‹

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.