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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Schuld und Sühne - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Dostojewski
titleSchuld und Sühne
publisherAufbau Verlag
year1956
translatorH. Röhl
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050727
modified20170607
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V

Lebesjatnikow sah sehr aufgeregt aus.

»Ich komme zu Ihnen, Sofja Semjonowna. Entschuldigen Sie! . . . Ich dachte mir schon, daß ich auch Sie hier treffen würde«, fuhr er, zu Raskolnikow gewendet, fort, »das heißt, ich dachte durchaus nichts . . . Derartiges, . . . sondern ich dachte nur . . . Bei uns ist . . . Katerina Iwanowna ist plötzlich irrsinnig geworden«, sagte er kurz und hastig, indem er sich von Raskolnikow an Sonja wendete.

Sonja schrie auf.

»Das heißt, wenigstens scheint es so. Indessen . . . Wir wissen gar nicht, was wir machen sollen, sehen Sie! Sie kam zurück – sie war, wie es schien, irgendwo aus dem Hause gejagt, vielleicht sogar geschlagen worden, . . . wenigstens scheint es so . . . Sie war zu dem Chef des verstorbenen Semjon Sacharowitsch gelaufen, hatte ihn aber nicht zu Hause getroffen, er war bei einer andern Exzellenz zum Diner . . . Und denken Sie sich, sie rannte dann ohne weiteres dorthin, wo das Diner stattfand, . . . zu der andern Exzellenz, und denken Sie sich nur, sie setzte es mit ihrer Hartnäckigkeit durch, daß man ihr Semjon Sacharowitschs früheren Chef herausrief, sogar vom Tische weg, wie es scheint. Sie können sich denken, was dann für eine Szene folgte. Sie wurde natürlich hinausgejagt; nach ihrer eigenen Darstellung hat sie den Chef beschimpft und mit etwas nach ihm geworfen. Zuzutrauen ist es ihr sehr wohl . . . Daß man sie nicht festgenommen hat, ist mir unbegreiflich! Jetzt erzählt sie die Geschichte allen Leuten, auch der Wirtin Amalia Iwanowna; aber es ist schwer, daraus klug zu werden, denn sie schreit und gebärdet sich wie rasend . . . Ach ja: sie schreit, da sie jetzt von allen verlassen sei, so werde sie die Kinder nehmen und mit ihnen auf die Straße gehen; sie werde einen Leierkasten drehen, und die Kinder sollten singen und tanzen, und sie werde das auch tun und Geld einsammeln, und jeden Tag würden sie vor die Fenster des Chefs ziehen. ›Sollen alle Menschen es sehen‹, sagt sie, ›wie die Kinder eines achtbaren Beamten auf der Straße betteln gehen.‹ Die Kinder schlägt sie, und die weinen jämmerlich. Sie lehrt die kleine Lida ›Das Dörfchen‹ singen, und den Knaben und Polenjka unterweist sie im Tanzen; alle Kleider zerreißt sie und macht den Kindern daraus Mützen, wie sie die Straßenkomödianten tragen. Sie selbst will eine Blechschüssel nehmen, um darauf zu schlagen, als Musik . . . Auf Zureden hört sie gar nicht . . . Denken Sie nur, was soll das werden? Das geht doch nicht so!«

Lebesjatnikow hätte seinen Bericht noch fortgesetzt; aber Sonja, die ihm mit stockendem Atem zugehört hatte, griff hastig nach ihrer Mantille und ihrem Hute und eilte aus dem Zimmer, sich im Laufen ankleidend. Nach ihr verließ Raskolnikow das Zimmer und hinter diesem auch Lebesjatnikow.

»Sie ist ganz bestimmt verrückt geworden«, sagte er zu Raskolnikow, als er mit ihm zusammen auf die Straße hinaustrat. »Ich wollte nur Sofja Semjonowna nicht zu sehr erschrecken und sagte darum: ›es scheint so‹; aber es ist zweifellos so. Man sagt, es bilden sich bei der Schwindsucht Tuberkeln im Gehirn; schade, daß ich von Medizin nichts verstehe. Übrigens habe ich versucht, die Frau zu einer klaren Auffassung zu bringen; aber sie hört auf nichts.«

»Sie haben ihr von den Tuberkeln gesprochen?«

»Das heißt, von den Tuberkeln eigentlich nicht. Sie würde doch nichts davon verstanden haben! Aber was ich meine, ist dies: wenn man einen Menschen auf logische Weise überzeugt, daß er in Wirklichkeit keinen Grund zum Weinen hat, so wird er aufhören zu weinen. Das ist klar. Oder sind Sie der Ansicht, daß er nicht aufhören wird?«

»Dadurch würde einem das Leben allerdings wesentlich erleichtert werden«, antwortete Raskolnikow.

»Erlauben Sie, erlauben Sie; gewiß, dieser Frau Katerina Iwanowna fällt das Verständnis recht schwer; aber haben Sie nicht davon gehört, daß man in Paris bereits ernsthafte Versuche hinsichtlich der Möglichkeit, Irrsinnige lediglich vermittelst logischer Überzeugung zu heilen, angestellt hat? Ein dortiger Professor, der vor kurzem gestorben ist, ein sehr achtenswerter Gelehrter, ist auf den Gedanken gekommen, daß auf diesem Wege eine Heilung möglich sei. Sein Grundgedanke ist der, daß eine besondere Zerrüttung des Organismus bei den Irrsinnigen nicht vorliege, sondern daß der Irrsinn sozusagen ein logischer Fehler, ein Fehler der Urteilskraft, eine inkorrekte Art, die Dinge anzuschauen, sei. Er widerlegte also einen Kranken Schritt für Schritt, und denken Sie sich, er erzielte dabei, wie es heißt, gute Resultate. Aber da er außerdem auch Duschen zur Anwendung brachte, so unterliegen die Resultate dieser Heilmethode allerdings noch einigem Zweifel . . . Wenigstens scheint es so . . .«

Raskolnikow hörte ihm schon längst nicht mehr zu. Als er bei seinem Hause angelangt war, nickte er seinem Begleiter zu und bog in den Torweg ein. Lebesjatnikow kehrte mit seinen Gedanken wieder in die Wirklichkeit zurück, blickte sich um und lief weiter.

Raskolnikow trat in sein Kämmerchen und blieb in der Mitte stehen. Er fragte sich, warum er hierher zurückgekehrt sei. Er betrachtete diese gelblichen, abgenutzten Tapeten, diesen Staub, sein Sofa . . . Vom Hofe her ertönte ein scharfes, ununterbrochenes Klopfen, als wenn irgendwo ein großer Nagel eingeschlagen würde . . . Er trat ans Fenster, stellte sich auf die Zehen und blickte lange, anscheinend mit großer Aufmerksamkeit, auf dem Hofe umher. Aber der Hof war leer und der Klopfende nicht zu sehen. Links, im Seitengebäude, sah er hier und da ein geöffnetes Fenster; auf den Fensterbrettern standen kleine Blumentöpfe mit kümmerlichen Geranien. An den Fenstern war Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Diese ganze Szenerie kannte er auswendig. Er wandte sich ab und setzte sich auf das Sofa.

Noch niemals, noch niemals hatte er sich so entsetzlich einsam gefühlt!

Ja, er fühlte es noch einmal, daß er vielleicht wirklich dahin kommen werde, Sonja zu hassen, und gerade jetzt, wo er sie noch unglücklicher gemacht hatte.

Wie unverantwortlich, daß er zu ihr hingegangen war, um ihr Tränen des Mitleids zu erpressen! Warum mußte er ihr durchaus das Leben noch bitterer machen? Oh, welche Gemeinheit!

›Ich will allein bleiben!‹ sagte er sich plötzlich entschlossen. ›Sie soll nicht zu mir ins Gefängnis kommen!‹

Etwa fünf Minuten darauf hob er den Kopf und lächelte eigentümlich. Es war ihm ein merkwürdiger Gedanke gekommen: ›Vielleicht ist es bei der Zwangsarbeit tatsächlich besser!‹

Er wußte nicht, wie lange er so in seiner Kammer gesessen und sich den unklaren Gedanken hingegeben hatte, die sich in seinem Kopfe drängten. Da öffnete sich plötzlich die Tür, und herein trat Awdotja Romanowna. Sie blieb zuerst stehen und betrachtete ihn von der Schwelle aus, gerade wie er es vor kurzem mit Sonja gemacht hatte; dann trat sie näher und setzte sich ihm gegenüber auf einen Stuhl, auf ihren gestrigen Platz. Er sah sie schweigend und anscheinend gedankenlos an.

»Sei nicht böse, Bruder, ich bin nur auf einen Augenblick hergekommen«, sagte Dunja.

Der Ausdruck ihres Gesichtes war ernst, aber nicht finster, ihr Blick klar und ruhig. Raskolnikow sah, daß auch sie ihn liebte und aus Liebe hergekommen war.

»Bruder, ich weiß jetzt alles, alles. Dmitrij Prokofjitsch hat mir alles erzählt und erklärt. Man verfolgt und quält dich auf Grund eines dummen, schändlichen Verdachtes. Dmitrij Prokofjitsch hat mir gesagt, es sei gar keine Gefahr vorhanden, und du tätest unrecht, dich über die Sache so aufzuregen. Ich denke anders und begreife vollkommen, wie empört alles in dir ist, und daß diese heftige Gemütsbewegung für das ganze Leben Nachwirkungen bei dir zurücklassen kann. Das ist's, was mir Sorge macht. Dafür, daß du uns verlassen hast, verdamme ich dich nicht und darf ich dich nicht verdammen; verzeih mir, daß ich dir gestern deswegen einen Vorwurf gemacht habe. Ich habe, was mich selbst angeht, das Gefühl, daß auch ich von allen weggehen würde, wenn ich einen so großen Kummer hätte. Der Mutter werde ich von diesem deinem Grunde nichts sagen; aber ich werde immer von dir sprechen und ihr in deinem Namen sagen, du würdest sehr bald wieder zu uns kommen. Mache dir also um sie keine Sorge; ich werde sie schon beruhigen. Aber bereite ihr auch nicht zu viel Qual; komm wenigstens noch einmal zu ihr; denke daran, daß sie deine Mutter ist! Jetzt bin ich nur hergekommen, um dir zu sagen« (hier stand Dunja auf), »wenn ich dir irgendwie nützen kann, . . . selbst mit meinem Leben, . . . mit allem, . . . so rufe mich; ich werde kommen. Leb wohl!«

Sie wendete sich eilig um und ging zur Tür. Aber Raskolnikow, der aufstand und zu ihr trat, hielt sie noch zurück.

»Dunja«, sagte er, »dieser Dmitrij Prokofjitsch Rasumichin ist ein sehr guter Mensch.«

Dunja errötete ein wenig.

»Nun?« fragte sie, nachdem sie einen Augenblick gewartet hatte.

»Er ist ein praktischer, arbeitsfreudiger, ehrenhafter Mensch und fähig, jemand mit aller Kraft seines Herzens zu lieben . . . Leb wohl, Dunja.«

Dunja wurde blutrot; aber dann geriet sie auf einmal in große Unruhe.

»Aber, Bruder, was bedeutet denn das? Trennen wir uns etwa wirklich fürs ganze Leben, daß du solche . . . Vermächtnisworte zu mir sprichst?«

»Mag es kommen, wie es will . . . Leb wohl . . .«

Er wendete sich um und trat von ihr weg ans Fenster. Sie blieb noch einen Augenblick stehen, sah beunruhigt nach ihm hin und ging dann in tiefer Erregung hinaus.

Nicht aus Kälte benahm er sich so gegen sie. Es war ein Augenblick, der letzte, gewesen, wo es ihn heiß verlangt hatte, sie innig zu umarmen und von ihr Abschied zu nehmen und ihr sogar alles zu sagen; aber er hatte sich nicht einmal entschließen können, ihr die Hand zu geben.

›Später würde sie vielleicht gar zusammenschaudern, wenn sie sich erinnerte, daß ich sie jetzt umarmt hätte, und würde sagen, ich hätte einen Kuß von ihr erschlichen!‹

›Und wird ein Mädchen wie sie, wenn sie über mich die Wahrheit erfährt, es ertragen?‹ fügte er nach einigen Minuten in Gedanken hinzu. ›Nein, sie wird es nicht ertragen; solche Charaktere können so etwas nicht ertragen! Solche Charaktere ertragen so etwas niemals . . .‹

Er dachte an Sonja.

Vom Fenster her wehte es kühl herein. Draußen war es nicht mehr so blendend hell. Er nahm seine Mütze und ging hinaus.

Freilich konnte und wollte er sich um seinen krankhaften Zustand nicht kümmern; aber all diese unaufhörliche Beängstigung und diese ganze seelische Erregung konnten nicht ohne Folgen bleiben. Und wenn er noch nicht an einem richtigen Nervenfieber krank lag, so kam das vielleicht gerade daher, daß diese innere fortwährende Aufregung ihn, wenn auch nur in unnatürlicher Weise und nur vorläufig, auf den Füßen und bei Bewußtsein hielt.

Er irrte ziellos umher. Die Sonne ging unter. Es hatte sich bei ihm in der letzten Zeit eine eigentümliche Angst eingestellt. Diese Empfindung hatte nichts Stechendes, Brennendes; aber es lag in ihr so etwas Dauerndes, Lebenslängliches, ein Vorgefühl endloser Jahre voll kalten, starren Grames, ein Vorgefühl einer lebenslänglichen Existenz auf jener »schmalen Felsenplatte«. Um die Abendzeit pflegte ihn diese Empfindung noch heftiger zu peinigen als am Tage.

›Und mit solchen törichten, rein physischen Schwächezuständen, die vom Sonnenuntergang und ähnlichen Dingen abhängen, soll nun einer sich davor in acht nehmen, Dummheiten zu machen! In solchem Zustande brächte ich es fertig, nicht bloß zu Sonja, sondern sogar zu Dunja hinzugehen!‹ murmelte er ingrimmig.

Es rief ihn jemand mit seinem Namen an; er wendete sich um; Lebesjatnikow eilte auf ihn zu.

»Denken Sie nur, ich war eben in Ihrer Wohnung, ich suchte Sie. Denken Sie nur, sie hat ihre Absicht zur Ausführung gebracht und die Kinder mit sich fortgenommen. Sofja Semjonowna und ich haben sie nur mit größter Mühe gefunden. Sie selbst schlägt auf eine Pfanne, und die Kinder zwingt sie zu tanzen. Die Kinder weinen. An den Straßenecken und vor den Läden machen sie halt. Allerlei törichtes Volk läuft hinter ihnen her. Kommen Sie nur!«

»Und Sonja?« fragte Raskolnikow besorgt.

»Sie ist geradezu von Sinnen. Das heißt, nicht Sofja Semjonowna ist von Sinnen, sondern Katerina Iwanowna; übrigens ist auch Sofja Semjonowna wie von Sinnen. Aber Katerina Iwanowna ist ganz und gar von Sinnen. Ich sage Ihnen, sie ist vollständig verrückt. Man wird sie und die Kinder noch auf die Polizei bringen. Sie können sich denken, was das auf die Frau für eine Wirkung haben wird . . . Sie sind jetzt am Kanal bei der . . . schen Brücke, gar nicht weit von Sofja Semjonownas Wohnung. Es ist ganz nahe von hier.«

Am Kanal, nicht weit von der Brücke und nur zwei Häuser vor dem Hause, wo Sonja wohnte, stand ein dichter Haufen Volk. Namentlich waren Knaben und Mädchen zusammengeströmt. Schon von der Brücke aus konnte man Katerina Iwanownas heisere, kreischende Stimme hören. Und allerdings war es ein seltsames Schauspiel, sehr geeignet, das Straßenpublikum anzulocken. Katerina Iwanowna in ihrem alten Kleide, mit dem Tuche von drap de dame und mit einem zerrissenen Strohhut, der zu einem formlosen Klumpen schiefgedrückt war, schien tatsächlich ganz und gar von Sinnen. Sie war müde und außer Atem. Ihr abgehärmtes, schwindsüchtiges Gesicht sah noch leidender aus als sonst (überdies erscheint ein Schwindsüchtiger auf der Straße und im Sonnenlichte immer kränker und schlimmer entstellt als zu Hause); aber dies wirkte auf ihren erregten Zustand nicht etwa mildernd ein; vielmehr wurde sie mit jeder Minute gereizter. Sie stürzte auf die Kinder los, schrie sie an, ermahnte sie, unterwies sie dort vor allen Leuten, wie sie tanzen und was sie singen sollten, erklärte ihnen, warum sie es gerade so machen müßten, geriet über ihren Mangel an Verständnis in Verzweiflung, schlug sie . . . Dann unterbrach sie sich auf einmal und lief zu dem Publikum hin; wenn sie einen einigermaßen gut gekleideten Menschen bemerkte, der stehengeblieben war, um sich die Sache anzusehen, so machte sie sich sofort daran, ihm auseinanderzusetzen: da könne er sehen, wie weit es mit den Kindern aus einem vornehmen, man könnte sogar sagen, aristokratischen Hause gekommen sei. Sobald sie aus der Menge Gelächter oder ein spöttisches Wort hörte, stürzte sie sofort auf die Frechen los und fing an, sie auszuschimpfen. Manche lachten wirklich über sie, andre schüttelten die Köpfe; aber allen war es interessant, die Verrückte mit ihren eingeschüchterten Kindern anzusehen. Die Pfanne, von der Lebesjatnikow gesprochen hatte, war nicht da; wenigstens bekam Raskolnikow sie nicht zu sehen. Statt auf eine Pfanne zu klopfen, klatschte Katerina Iwanowna den Takt mit ihren mageren Händen, wenn sie Polenjka zum Singen und Lida und Kolja zum Tanzen anhielt. Sie versuchte auch selbst mitzusingen, wurde jedoch jedesmal schon beim zweiten Tone von einem qualvollen Husten unterbrochen; darüber geriet sie dann von neuem in Verzweiflung, verfluchte ihren Husten und brach sogar in Tränen aus. Am allermeisten regte sie sich aber über das Weinen und die Angst der beiden Kleinen, Kolja und Lida, auf. Sie hatte wirklich den Versuch gemacht, die Kinder mit einem Putz auszustaffieren, wie ihn die Straßensänger und Straßensängerinnen tragen. Der Knabe hatte einen Turban aus rotem und weißem Zeug auf dem Kopfe und sollte damit einen Türken vorstellen. Für Lida hatte es an einem derartigen Putze gemangelt; sie hatte nur ein rotes, aus Wolle gestricktes Käppchen des verstorbenen Semjon Sacharowitsch auf (genau gesagt: seine Nachtmütze), und an dieses Käppchen war ein Stück von einer weißen Straußenfeder gesteckt; diese hatte noch der Großmutter von Katerina Iwanowna gehört, und das davon übrige Stück war bisher als Familienkostbarkeit im Kasten aufbewahrt worden. Polenjka trug ihre gewöhnliche Kleidung. Sie blickte schüchtern und verstört ihre Mutter an, wich ihr nicht von der Seite, verbarg ihre Tränen, ahnte den Irrsinn ihrer Mutter und blickte unruhig um sich. Die Straße und die Menge von Menschen ängstigten sie sehr. Sonja ging immer dicht hinter Katerina Iwanowna her; sie weinte und beschwor sie fortwährend, doch nach Hause zurückzukehren. Aber Katerina Iwanowna blieb unerbittlich.

»Hör auf, Sonja!« rief sie in schnellem Redestrom, hastig, keuchend und hustend. »Du weißt selbst nicht, worum du mich bittest; du bist wie ein Kind! Ich habe dir schon gesagt, daß ich zu diesem trunksüchtigen deutschen Frauenzimmer nicht wieder zurückkehre. Mögen alle sehen, mag ganz Petersburg sehen, wie die Kinder eines vornehmen Mannes, der sein ganzes Leben lang treu und ehrlich gedient hat und, man kann sagen, bei seiner Amtstätigkeit gestorben ist, wie dessen Kinder betteln gehn müssen.« (Katerina Iwanowna hatte sich diese phantastische Geschichte ersonnen und glaubte bereits steif und fest an deren Wahrheit.) »Mag es dieser nichtswürdige hohe Chef sehen! Und du bist ja auch töricht, Sonja: was sollen wir denn jetzt essen, sag mal? Wir haben dich genug ausgesogen; ich will das nicht länger! Ach, Rodion Romanowitsch, Sie sind da!« rief sie, als sie Raskolnikow erblickte, und stürzte zu ihm hin. »Bitte, setzen Sie doch diesem Närrchen auseinander, daß dies das klügste war, was wir tun konnten. Sogar die Leierkastenmänner verdienen so viel, daß sie davon leben können; uns aber werden alle Leute sofort als etwas Besseres erkennen; sie werden merken, daß wir eine unglückliche vornehme Familie sind, die ihren Ernährer verloren hat und an den Bettelstab gebracht wurde. Diese Exzellenz, dieser Kerl, wird seine Stelle verlieren; das werden Sie sehen! Alle Tage werden wir zu ihm vors Fenster gehen, und wenn der Kaiser vorbeifährt, dann will ich mich auf die Knie werfen und ihm die Kinder alle hinstellen und auf sie hinweisen und sagen: ›Schütze sie, du Vater deines Volkes!‹ Er ist ein Vater der Waisen, er ist barmherzig, er wird sie schützen; das werden Sie sehen! Aber diese Exzellenz . . . Lida! Tenez-vous droite! Kolja, du sollst gleich wieder tanzen! Was plärrst du denn? Er plärrt schon wieder! Nun, warum fürchtest du dich denn, du kleiner Dummrian! O Gott, was soll ich nur mit diesen Kindern anfangen! Wenn Sie wüßten, Rodion Romanowitsch, wie unvernünftig sie sind! Ach, was soll man mit solchen Kindern machen! . . .«

Sie wies auf die schluchzenden Kinder, und auch ihr selbst war das Weinen nahe, was sie jedoch an ihrem ununterbrochenen, schnellen Reden nicht hinderte. Raskolnikow versuchte, sie zur Umkehr nach Hause zu bewegen, in der Hoffnung, dadurch auf ihr Ehrgefühl zu wirken, sagte er ihr sogar, es schicke sich nicht für sie, wie eine Drehorgelspielerin auf den Straßen herumzuziehen, da sie doch Vorsteherin eines vornehmen Mädchenpensionates zu werden beabsichtige.

»Ein Pensionat, ha-ha-ha! Das sind Luftschlösser!« rief Katerina Iwanowna, mußte aber sogleich nach dem Lachen heftig husten. »Nein, Rodion Romanowitsch, mit dieser schönen Hoffnung ist es vorbei! Alle haben uns verlassen! . . . Und diese Kanaille von Exzellenz . . . Wissen Sie, Rodion Romanowitsch, ich habe mit einem Tintenfasse nach dem Kerl geworfen; im Vorzimmer kam mir gerade eines in die Hand, auf dem Tisch neben dem Bogen Papier stand es, auf dem sich die Besucher eintragen. Ich habe mich in andrer Weise eingetragen: ich habe ihm das Tintenfaß an den Kopf geworfen und bin davongelaufen. Oh, diese gemeinen, grundgemeinen Menschen! Aber ich schere mich um die ganze Bande nicht; ich werde jetzt selbst für den Unterhalt der Kinder sorgen und mich vor keinem Menschen durch Bitten erniedrigen! Wir haben die hier« (sie wies auf Sonja) »genug ausgenutzt. Polenjka, wieviel haben wir schon gesammelt? Zeige mal her! Wie? Nur zwei Kopeken? Oh, diese schändlichen Menschen! Sie geben uns nichts, sondern laufen uns nur nach und strecken uns die Zunge heraus! Nun, was hat dieser Tölpel da zu lachen?« Sie zeigte auf einen in dem Menschenhaufen. »Das kommt alles daher, weil dieser Kolja so schwer von Begriff ist; mit dem hat man seine liebe Not! Was willst du, Polenjka? Sprich mit mir französisch, parlez-moi français. Ich habe dich ja unterrichtet, du kannst ja einige Sätze! . . . Wie sollen die Leute sonst erkennen, daß ihr gebildete Kinder aus einer guten Familie und überhaupt etwas ganz anderes als Straßenmusikanten seid; wir ziehen doch nicht mit einem Kasperletheater herum, sondern wir singen vornehme Lieder . . . Ach ja! Was wollen wir denn jetzt singen? Ihr unterbrecht mich immerzu, und wir . . . Sehen Sie, Rodion Romanowitsch, wir sind hier stehengeblieben, um ein Lied auszusuchen, das wir singen wollen, . . . so eines, zu dem auch Kolja tanzen kann; . . . denn Sie können sich denken, wir machen das jetzt alles ohne Vorübungen. Wir müssen uns besprechen und alles ordentlich durchproben; nachher gehen wir dann auf den Newskij-Prospekt; da gibt es weit mehr Leute aus den höheren Gesellschaftskreisen, und die werden uns sofort beachten. Lida kann ›Das Dörfchen‹ . . . Aber wir können doch nicht in einem fort ›Das Dörfchen‹ und ›Das Dörfchen‹ singen, und das singen ja auch alle! Wir müssen etwas Vornehmeres singen . . . Nun, was hast du dir ausgedacht, Polenjka? Du solltest doch deiner Mutter behilflich sein! Ich habe gar kein Gedächtnis mehr, gar kein Gedächtnis; sonst würde mir schon etwas einfallen! Wir können doch nicht singen: ›Husaren, schwingt die Säbel!‹ Ach, wißt ihr was, wir wollen französisch singen: ›Cinq sous!‹ Das habe ich euch ja beigebracht. Und was die Hauptsache ist: da es französisch ist, so sehen alle Leute sogleich, daß ihr vornehme Kinder seid, und das hat eine viel rührendere Wirkung . . . Wir könnten auch ›Marlborough s'en va-t-en guerre!‹ singen; denn das ist geradezu ein Kinderlied, geradezu ein Kinderlied und wird in allen aristokratischen Häusern dazu benutzt, die Kinder in Schlaf zu singen:

›Marlborough s'en va-t-en guerre,
Ne sait quand reviendra . . .‹«

begann sie zu singen. »Nein, wir wollen doch lieber ›Cinq sous‹ singen. Nun, Kolja, leg die Hände auf die Hüften und dreh dich, recht flink, und du, Lida, dreh dich auch, in entgegengesetzter Richtung, und ich und Polenjka, wir werden dazu singen und den Takt klatschen!

›Cinq sous, cinq sous
Pour monter notre ménage.‹

Kche-kche-kche!« (Ein heftiger Husten schüttelte sie.) »Bring dein Kleid in Ordnung, Polenjka; es ist dir an den Schultern heruntergerutscht«, bemerkte sie mitten in dem Hustenanfalle, als sie einmal Atem schöpfte. »Jetzt ist es ganz besonders nötig, daß ihr euch recht anständig haltet und nach allen Regeln des guten Tones benehmt, damit alle Leute sehen, daß ihr vornehme Kinder seid. Ich hatte damals gleich gesagt, das Mieder sollte länger zugeschnitten und die Leinwand doppelt genommen werden; aber da kamst du, Sonja, mit deinen Ratschlägen dazwischen: ›Kürzer, kürzer!‹ Nun, was ist dabei herausgekommen? Daß das Kind ganz verunstaltet aussieht . . . Na, nun weint ihr ja wieder alle! Was habt ihr denn, ihr dummen Kinder? Nun, Kolja, fang an, recht flink, recht flink – ach, was ist das für eine Plage mit dem Kinde! . . .

›Cinq sous, cinq sous . . .‹

Schon wieder ein Schutzmann! Nun, was willst du denn von uns?«

Wirklich drängte sich ein Schutzmann durch den Menschenschwarm hindurch. Aber gleichzeitig näherte sich ihr ein Herr von etwa fünfzig Jahren, im Uniformmantel eines höheren Beamten, mit einem Orden am Halse (dieser letztere Umstand war Katerina Iwanowna besonders erwünscht und verfehlte auch auf den Schutzmann seine Wirkung nicht), und reichte ihr schweigend einen Dreirubelschein. Der Ausdruck seines Gesichtes bekundete aufrichtiges Mitleid.

Katerina Iwanowna nahm den Schein und verbeugte sich höflich, fast zeremoniell, vor dem Geber.

»Ich danke Ihnen, gnädiger Herr.«, begann sie in gewichtigem Tone. »Die Gründe, die uns bewogen haben . . . Hier, nimm das Geld, Polenjka. Siehst du, es gibt noch edle, großmütige Menschen, die sich sofort bereit finden, einer armen vornehmen Dame im Unglücke zu helfen. Gnädiger Herr; Sie sehen hier vaterlose Waisen vor sich, aus vornehmer Familie, man kann sogar sagen: mit hocharistokratischer Verwandtschaft . . . Aber dieser Schuft, der frühere Chef meines Mannes, saß da und speiste Haselhühner, . . . mit den Füßen hat er getrampelt, weil ich ihn störte . . . ›Euer Exzellenz‹, sagte ich, ›beschützen Sie uns hilflose Hinterbliebene; Sie haben ja den verstorbenen Semjon Sacharowitsch gut gekannt. Heute an seinem Begräbnistage ist seine leibliche Tochter von dem schuftigsten aller Schufte verleumdet worden . . .‹ Schon wieder dieser Schutzmann! Schützen Sie mich!« rief sie dem hohen Beamten zu. »Warum belästigt mich dieser Schutzmann? Wir haben uns eben erst vor einem aus der Meschtschanskaja-Straße hierhergeflüchtet . . . Was geht dich das an, was wir hier tun, du Dummkopf!«

»Das ist auf der Straße nicht erlaubt. Machen Sie keinen Unfug.«

»Du machst selbst Unfug! Ich tue ganz dasselbe wie die Leierkastenmänner; was geht es dich an?«

»Zum Herumziehen mit einem Leierkasten muß man eine Erlaubnis haben; Sie veranlassen aber sowieso schon durch Ihr Benehmen einen Volksauflauf. Wo wohnen Sie?«

»Was? Eine Erlaubnis?« schrie Katerina Iwanowna. »Ich habe heute meinen Mann begraben; was brauche ich da noch für eine Erlaubnis!«

»Beruhigen Sie sich, Madame, beruhigen Sie sich!« begann der hohe Beamte. »Kommen Sie, ich will Sie nach Hause begleiten . . . Hier vor allen Leuten, das schickt sich doch nicht . . . Sie sind krank . . .«

»Gnädiger Herr, gnädiger Herr, Sie wissen ja gar nicht, was wir vorhaben!« rief Katerina Iwanowna. »Wir wollen nach dem Newskij-Prospekt gehen . . . Sonja, Sonja! Aber wo ist sie denn? Sie weint auch! Was habt ihr denn nur alle? . . . Kolja, Lida, wo wollt ihr hin?« rief sie plötzlich erschrocken. »Ach, die dummen Kinder! Kolja, Lida! Wo laufen sie denn hin? . . .«

Kolja und Lida hatten sich schon vorher infolge des Menschenauflaufs auf der Straße und des sonderbaren Benehmens der irrsinnigen Mutter in größter Angst befunden, und als sie nun schließlich den Schutzmann sahen, der sie anfassen und wegführen wollte, ergriffen sie auf einmal wie auf Verabredung einander bei den Händen und rannten davon. Schreiend und weinend eilte die arme Katerina Iwanowna ihnen nach, um sie einzuholen. Es war ein trauriger, kläglicher Anblick, dieses hastig laufende, weinende und keuchende Weib. Sonja und Polenjka liefen hinter ihr her.

»Hol sie zurück, hol sie zurück, Sonja! Oh, diese dummen, undankbaren Kinder! . . . Polenjka! Greife sie . . . Und ich habe doch nur für euch . . .«

Sie strauchelte im eiligen Laufe und fiel hin.

»Sie hat sich blutig geschlagen! O Gott!« rief Sonja und beugte sich über sie.

Alle liefen hinzu und drängten sich um sie herum. Raskolnikow und Lebesjatnikow waren ziemlich die ersten bei ihr; auch der hohe Beamte lief hinzu und hinter ihm her der Schutzmann, der »Ach herrjeh!« brummte und mißmutig den Arm schwenkte, im Vorgefühl, daß er von dieser Geschichte noch viele Umstände haben werde.

»Macht, daß ihr wegkommt! Macht, daß ihr wegkommt!« rief er den Leuten zu, die sich herumdrängten, und jagte sie auseinander.

»Sie stirbt!« schrie jemand.

»Sie ist irrsinnig geworden!« meinte ein andrer.

»Gott helfe ihr!« sagte eine Frau und bekreuzigte sich. »Haben sie denn das kleine Mädchen und den Jungen wiedergekriegt? Aha, da bringen sie sie! Die ältere hat sie eingefangen . . . Nein, diese törichten kleinen Bälge!«

Aber als man Katerina Iwanowna genauer betrachtete, stellte sich heraus, daß sie sich nicht an einem Steine blutig geschlagen hatte, wie dies Sonjas Annahme gewesen war, sondern daß das Blut, von dem das Pflaster gerötet war, sich aus ihrer Brust durch die Kehle ergossen hatte.

»Ich kenne das, ich habe dergleichen schon einmal mit angesehen«, sagte der Beamte leise zu Raskolnikow und Lebesjatnikow. »So geht es bei der Schwindsucht zu: das Blut stürzt hervor und erstickt den Kranken. Einer Verwandten von mir ist es ganz kürzlich ebenso gegangen; ich war selbst dabei; etwa anderthalb Gläser voll Blut, . . . und plötzlich war es aus . . . Aber was läßt sich hier tun? Sie wird gleich sterben.«

»Lassen Sie sie dorthin bringen, dorthin, nach meiner Wohnung!« bat Sonja. »Ich wohne hier! . . . Da, in diesem Hause; das zweite von hier. Nach meiner Wohnung, so schnell wie möglich!« wandte sie sich rechts und links an die Umstehenden. »Holt einen Arzt . . . O Gott!«

Infolge der Bemühungen des Beamten wurde dies schnell ins Werk gesetzt; sogar der Schutzmann war behilflich, Katerina Iwanowna dorthin zu tragen. Man trug sie, die wie tot war, in Sonjas Zimmer und legte sie auf das Bett. Der Blutsturz dauerte noch fort, aber sie schien wieder zu sich zu kommen. In das Zimmer traten, außer Sonja, gleichzeitig noch Raskolnikow, Lebesjatnikow, der Beamte und der Schutzmann; der letztere hatte vorher noch den Menschenschwarm auseinandergejagt, von dem einige bis an die Tür mitgekommen waren. Polenjka führte Kolja und Lida herein; sie hatte an jeder Hand eines der beiden zitternden und weinenden Kinder. Auch ein großer Teil der Familie Kapernaumow fand sich ein: er selbst, ein lahmer, krummer Mann von sonderbarem Aussehen, mit borstenartigem Kopfhaar und ebensolchem Backenbarte; ferner seine Frau, deren Miene unabänderlich einen Ausdruck von Angst zeigte, und mehrere ihrer Kinder mit starren, beständig erstaunten Gesichtern und offenem Munde. Unter diesem Publikum tauchte plötzlich auch Swidrigailow auf. Raskolnikow blickte ihn erstaunt an, da er nicht begriff, woher er gekommen sein könnte, und sich nicht erinnerte, ihn unter dem Menschenschwarm gesehen zu haben.

Es wurde von einem Arzte und von einem Geistlichen gesprochen. Der Beamte sagte zwar leise zu Raskolnikow, ein Arzt sei jetzt wohl überflüssig, ordnete aber doch an, daß einer geholt werden sollte. Kapernaumow selbst lief hin.

Unterdessen war Katerina Iwanowna wieder zu sich gekommen, und der Blutsturz hatte einstweilen aufgehört. Sie sah mit schmerzlichem, starrem, durchdringendem Blicke die blasse, zitternde Sonja an, die ihr mit einem Tuche die Schweißtropfen von der Stirn abtrocknete; schließlich bat sie, man möchte sie aufrichten. Man setzte sie im Bette auf und hielt sie von beiden Seiten.

»Wo sind die Kinder?« fragte sie mit schwacher Stimme. »Hast du sie hergebracht, Polenjka? Oh, ihr dummen Kinderchen! Warum seid ihr fortgelaufen? . . . Ach!«

Auf ihren vertrockneten Lippen klebte noch Blut. Sie ließ ihre Augen ringsherumwandern und sah sich um.

»Also hier wohnst du, Sonja! Kein einziges Mal bin ich bisher bei dir gewesen . . . Nun hat es sich so gefügt! . . .«

Sie blickte sie mit tiefem Grame an.

»Wir haben dich ausgesogen, Sonja! . . . Polenjka, Lida, Kolja kommt her. Da sind sie alle, Sonja, nimm sie; ich gebe sie in deine Hände, . . . mit mir ist es aus! . . . Der Ball ist beendet! . . .« (Ein mühsamer Atemzug.) »Legt mich hin, laßt mich wenigstens ruhig sterben . . .«

Man legte sie wieder auf das Kissen.

»Einen Geistlichen habt ihr geholt? . . . Das war unnötig . . . Das kostet einen Rubel, und den habt ihr doch gewiß nicht übrig . . . Sünden habe ich keine . . . Und Gott muß mir sowieso vergeben; er weiß selbst, wieviel ich gelitten habe! . . . Und vergibt er mir nicht, nun dann nicht! . . .«

Sie geriet immer mehr in ein unruhiges Phantasieren hinein. Mitunter fuhr sie zusammen, ließ ihre Augen ringsherumwandern und erkannte alle einen Moment; aber sofort wurde das Bewußtsein wieder von Fieberphantasien abgelöst. Sie atmete röchelnd und nur mühsam; es war, als ob ihr etwas in der Kehle brodelte.

»Ich sagte zu ihm: ›Euer Exzellenz! . . .‹« rief sie, mußte aber nach jedem Worte eine Pause machen, um Atem zu holen. »Diese Amalia Ludwigowna . . . Ach, Lida, Kolja! Die Hände auf die Hüften, schnell, schnell, glissez, glissez, pas de Basque! Stampf mit den Füßen auf! . . . Sei recht graziös!« Dann rezitierte sie aus einem deutschen Liede:

»›Du hast Diamanten und Perlen . . .‹

Wie geht es doch weiter? Das müßten wir singen . . .

›Du hast die schönsten Augen . . .
Mädchen, was willst du mehr? . . .‹

Na ja! Was willst du mehr? Das wird der Dummkopf auch gerade herausbekommen! . . . Ach, da ist noch ein andres Lied:

›In einem Tale Daghestans zu heißer Mittagszeit . . .‹

Ach, dieses Lied habe ich so geliebt; schwärmerisch geliebt habe ich es, Polenjka! Weißt du, dein Vater sang es oft, . . . als er noch Bräutigam war . . . Oh, diese schönen Tage! . . . Das, das sollten wir singen. Nun, wie geht es doch weiter, wie geht es doch weiter? . . . Ich habe es wahrhaftig vergessen . . . Könnt ihr mich nicht darauf bringen? Wie war es doch gleich?«

Sie war in gewaltiger Aufregung und versuchte mit aller Kraft, sich aufzurichten. Schließlich begann sie schreiend, mit entsetzlich heiserer, übermäßig angestrengter Stimme zu singen, aber nach jedem Worte fehlte ihr die Luft, und ihre Angst wuchs immer mehr:

»›In einem Tale! . . . Daghestans! . . . zu heißer Mittagszeit! . . .
Das Todesblei! . . . in wunder Brust! . . .‹

Euer Exzellenz!« jammerte sie plötzlich in herzzerreißender Klage und brach in Tränen aus. »Beschützen Sie die vaterlosen Waisen! Gedenken Sie der Gastfreundschaft, die Sie bei dem verstorbenen Semjon Sacharowitsch genossen haben! . . . Man kann sogar sagen, aus einem aristokratischen Hause! . . .« Qualvoll Luft holend, fuhr sie zusammen, kam auf einmal zur Besinnung und sah alle wie entsetzt an, erkannte aber sogleich Sonja. »Sonja, Sonja!« sagte sie sanft und freundlich, als wundere sie sich, sie vor sich zu sehen. »Liebe Sonja, du bist auch hier?«

Man richtete sie wieder auf.

»Es geht zu Ende! . . . Meine Zeit ist da! . . . Leb wohl, du arme Unglückliche! . . . Nun haben sie die elende Mähre zu Tode gehetzt, . . . es ging über ihre Kraft!« rief sie voll Haß und Verzweiflung und sank mit dem Kopf auf das Kissen.

Sie verlor wieder die Besinnung; aber diese letzte Bewußtlosigkeit dauerte nicht lange: es trat der Tod ein. Ihr Kopf fiel hintenüber, der Mund in dem blaßgelben, ausgemergeltem Gesicht öffnete sich, die Beine streckten sich krampfhaft aus. Sie seufzte tief, tief auf und starb.

Sonja warf sich über die Leiche, schlang die Arme um sie und verharrte so halb ohnmächtig, den Kopf an die dürre Brust der Toten gelehnt. Polenjka fiel am Fußende des Bettes nieder und küßte die Füße der Mutter unter strömenden Tränen. Kolja und Lida, die noch kein Verständnis für das Geschehene hatten, aber ahnten, daß etwas sehr Schreckliches vorgefallen sein müsse, faßten einander mit beiden Händen an den Schultern, blickten sich wechselseitig starr an, öffneten auf einmal beide gleichzeitig den Mund und fingen an zu schreien. Sie hatten beide noch ihren Putz auf dem Kopfe: der Knabe den Turban, das Mädchen die Kappe mit der Straußenfeder.

Wie war nur jenes Belobigungszeugnis plötzlich auf das Bett neben die Leiche gekommen? Es lag dort neben dem Kopfkissen; Raskolnikow sah es.

Er trat ans Fenster; Lebesjatnikow gesellte sich eilig zu ihm.

»Sie ist tot!« sagte Lebesjatnikow.

In diesem Augenblicke trat auch Swidrigailow heran. »Rodion Romanowitsch«, sagte er, »ich habe dringend ein paar Worte mit Ihnen zu reden.«

Lebesjatnikow räumte ihm sofort den Platz und entfernte sich taktvoll. Swidrigailow führte den erstaunten Raskolnikow noch weiter weg nach der Ecke zu.

»All diese Äußerlichkeiten, ich meine das Begräbnis und das ganze Drum und Dran, nehme ich auf mich. Wissen Sie, es handelt sich dabei doch nur um Geld, und ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich Geld übrig habe. Die beiden kleinen Krabben und diese Polenjka will ich in möglichst guten Waisenanstalten unterbringen und für jedes Kind ein bei erreichter Volljährigkeit auszahlbares Kapital von tausendfünfhundert Rubel deponieren, so daß Sofja Semjonowna über sie ganz beruhigt sein kann. Und auch sie selbst will ich aus dem Pfuhl herausziehen; denn sie ist doch ein gutes Mädchen, nicht wahr? Na, dann teilen Sie also Ihrer Schwester mit, daß ich die ihr zugedachten zehntausend Rubel in dieser Weise verwendet habe.«

»Was für Absichten haben Sie denn bei diesen großartigen Wohltaten?«

»Ach, was sind Sie für ein mißtrauischer Mensch!« erwiderte Swidrigailow lachend. »Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich diese Geldsumme übrig habe. Na, daß ich es einfach aus Menschenliebe tue, das halten Sie wohl für ausgeschlossen? Aber sie« (er wies mit dem Finger nach der Ecke, wo die Tote lag) »war doch keine Laus wie eine gewisse alte Wucherin. Wenn Sie nun zu entscheiden gehabt hätten, ob Katerina Iwanowna sterben oder Lushin durch den Tod an der Verübung seiner Schändlichkeiten gehindert werden solle, wofür hätten Sie sich entschieden? Und wenn ich hier nicht hülfe, so müßte ja Polenjka diesen selben Weg einschlagen . . .«

Er sagte das mit lustigem, schlauem Augenzwinkern und blickte unverwandt Raskolnikow an. Dieser wurde blaß und ein Frostgefühl ergriff ihn, als er seine eigenen Ausdrücke, die er Sonja gegenüber gebraucht hatte, wieder hörte. Er wankte zurück und blickte Swidrigailow bestürzt an.

»Wo-woher wissen Sie das?« flüsterte er; der Atem versagte ihm beinahe.

»Ich logiere ja hier, auf der andern Seite dieser Wand, bei Frau Rößlich. Hier wohnt Kapernaumow und nebenan Frau Rößlich, eine alte, treue Freundin von mir. Ich bin Sofja Semjonownas Nachbar.«

»Sie?«

»Allerdings«, fuhr Swidrigailow fort, der sich vor Lachen schüttelte, »und ich kann Ihnen auf Ehre versichern, lieber Rodion Romanowitsch, daß Sie mein lebhaftestes Interesse erweckt haben. Ich habe schon früher einmal gesagt, daß wir einander schon noch nähertreten würden; das habe ich Ihnen vorhergesagt; na, und nun hat sich das verwirklicht. Sie werden sehen, daß ich ein ganz angenehmer Mensch bin und daß es sich mit mir ganz gut auskommen läßt.«

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