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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Schuld und Sühne - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Dostojewski
titleSchuld und Sühne
publisherAufbau Verlag
year1956
translatorH. Röhl
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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IV

Raskolnikow war ein energischer und mutiger Fürsprecher Sonjas gegen Lushin gewesen, obgleich er doch soviel eigne Angst und eignes Leid in seiner Seele mit sich herumtrug. Aber nach alledem, was er am Vormittag durchgemacht hatte, war er ordentlich erfreut gewesen über die Gelegenheit, an die Stelle der ihm unerträglich gewordenen Empfindungen andere setzen zu können, ganz abgesehen von der persönlichen, herzlichen Teilnahme, die ihn zu seinem Eintreten für Sonja veranlaßt hatte. Dabei hatte er jedoch fortwährend an die bevorstehende Zusammenkunft mit Sonja denken müssen, und dieser Gedanke hatte ihn zeitweise schrecklich beunruhigt; er mußte, mußte ihr sagen, wer Lisaweta ermordet hatte, ahnte im voraus, welche schreckliche Qual ihm dies bereiten würde, und sträubte sich gegen diese Qual gleichsam mit vorgestreckten Händen. Als er Katerina Iwanownas Wohnung verließ und in Gedanken ausrief: »Nun, was werden Sie jetzt sagen, Sofja Semjonowna?« da befand er sich offenbar noch in einem Zustande äußerlicher Erregung; er fühlte sich mutig, kampflustig und stolz auf den Sieg, den er soeben über Lushin davongetragen hatte. Aber es ging ihm seltsam. Als er zu Kapernaumows Wohnung gelangt war, merkte er, daß ihn eine plötzliche Schwäche und Furcht überkam. Unschlüssig blieb er vor der Tür stehen und legte sich die sonderbare Frage vor: ›Ist es wirklich notwendig, daß ich sage, wer Lisaweta ermordet hat?‹ Sonderbar war die Frage allerdings, weil er gleichzeitig fühlte, daß nicht nur ein Verschweigen, sondern selbst ein Aufschub, auch nur auf kurze Zeit, geradezu unmöglich sei. Er wußte nicht, warum das unmöglich sei, er fühlte es nur, und dieses qualvolle Bewußtsein seiner Schwäche gegenüber der Notwendigkeit drückte ihn ganz nieder. Um dem Schwanken und der Qual ein Ende zu machen, öffnete er schnell die Tür und suchte von der Schwelle aus mit seinen Blicken Sonja. Sie saß an dem Tischchen, hatte die Ellbogen darauf gestützt und ihr Gesicht mit den Händen bedeckt; aber als sie Raskolnikow erblickte, stand sie schnell auf und kam ihm entgegen, als ob sie ihn erwartet hätte.

»Was wäre ohne Sie aus mir geworden!« sagte sie hastig, als sie sich in der Mitte des Zimmers gegenüberstanden.

Offenbar hatte sie lebhaft gewünscht, ihm dies so bald als möglich zu sagen, und eben deshalb auf ihn gewartet.

Raskolnikow trat an den Tisch und setzte sich auf den Stuhl, von dem sie soeben aufgestanden war. Sie stellte sich zwei Schritte entfernt vor ihn hin, genau wie tags zuvor.

»Nicht wahr, Sonja?« sagte er und spürte auf einmal, daß ihm die Stimme bebte. »Diese ganze Anschuldigung war doch nur ›infolge Ihrer gesellschaftlichen Stellung und der damit verknüpften Gewohnheiten‹ möglich. Haben Sie das vorhin verstanden?«

Ein tief schmerzlicher Ausdruck überzog ihr Gesicht.

»Ach, sprechen Sie doch nicht zu mir so wie gestern!« unterbrach sie ihn. »Bitte, fangen Sie nicht von neuem davon an. Die Qual ist so schon groß genug . . .«

Sie lächelte, so schnell sie es vermochte, aus Furcht, daß dieser Vorwurf vielleicht sein Mißfallen erregen könnte,

»Es war dumm von mir«, fuhr sie fort, »daß ich von dort wegging. Wie mag es da jetzt zugehen? Ich wollte eben wieder hingehen; aber ich dachte immer, daß . . . daß Sie herkommen würden.«

Er erzählte ihr, daß Amalia Iwanowna die Familie aus der Wohnung hinauswerfe und daß Katerina Iwanowna weggelaufen sei, um »Gerechtigkeit zu suchen«.

»Ach, mein Gott!« rief Sonja erschrocken. »Wir wollen schnell hingehen . . .«

Sie griff nach ihrer Mantille.

»Immer dieselbe Geschichte!« rief Raskolnikow in gereiztem Tone. »Sie haben für niemand Gedanken als für Ihre Angehörigen! Bleiben Sie jetzt doch bei mir!«

»Aber . . . was wird aus Katerina Iwanowna?«

»Katerina Iwanowna wird Ihnen sicher nicht davonlaufen; die wird schon von selbst zu Ihnen kommen, da sie einmal weggerannt ist«, fügte er mürrisch hinzu. »Und wenn sie Sie dann hier nicht trifft, so sind Sie daran schuld . . .«

Sonja setzte sich in qualvoller Unschlüssigkeit auf einen Stuhl. Raskolnikow schwieg, blickte auf den Fußboden und sann über etwas nach.

»Allerdings hat es Lushin jetzt nicht gewollt«, begann er, ohne Sonja anzublicken. »Wenn er es aber gewollt hätte oder es irgendwie in seine Pläne hineingepaßt hätte, so würde er Sie ohne mein und Lebesjatnikows zufälliges Dazwischenkommen ins Gefängnis gebracht haben. Nicht wahr?«

»Ja«, sagte sie mit schwacher Stimme. »Ja!« wiederholte sie zerstreut und unruhig.

»Und es wäre doch sehr leicht möglich gewesen, daß ich nicht da war. Und was nun gar Lebesjatnikow betrifft, so kam der nur ganz zufällig dazu.«

Sonja schwieg.

»Nun, und wenn Sie ins Gefängnis gekommen wären, was dann? Erinnern Sie sich an das, was ich gestern zu Ihnen sagte?«

Sie antwortete wieder nicht. Er wartete ein Weilchen.

»Ich dachte schon, Sie würden wieder aufschreien: ›Ach, sagen Sie doch so etwas nicht, hören Sie auf!‹« spottete Raskolnikow, aber es klang gekünstelt. »Nun, Sie schweigen wieder?« fragte er nach einer kleinen Pause. »Wir müssen doch über irgend etwas miteinander reden. Da wäre es mir nun gerade interessant, zu sehen, wie Sie jetzt eine ›Frage‹ (um Lebesjatnikows Ausdruck zu gebrauchen) lösen würden.« Er schien in Verwirrung zu geraten. »Nein, wirklich, ich rede im Ernst. Stellen Sie sich einmal vor, Sonja, Sie wüßten alle Absichten Lushins vorher, Sie wüßten, wüßten sicher, daß Katerina Iwanowna und die Kinder durch die Verwirklichung dieser Absichten völlig zugrunde gerichtet würden (nebenbei auch Sie selbst; aber da Sie doch sich selbst für nichts achten, so erwähne ich Sie eben nur nebenbei), auch Polenjka, denn sie würde ja diesen selben Weg einschlagen müssen. Nun also: wenn Sie dann darüber zu entscheiden hätten, ob er am Leben bleiben solle oder jene, ich meine, ob Katerina Iwanowna sterben oder Lushin durch den Tod an der Verübung seiner Schändlichkeiten gehindert werden solle, wie würden Sie dann entscheiden? Wer von ihnen soll sterben? Das frage ich Sie!«

Sonja sah ihn beunruhigt an; sie glaubte, daß bei dieser unsicheren, weit ausholenden Rede irgend etwas Besonderes im Hintergrunde verborgen sei.

»Es ahnte mir schon, daß Sie nach so etwas fragen würden«, sagte sie und blickte ihn forschend an.

»Schön, meinetwegen; aber wie würden Sie entscheiden?«

»Warum fragen Sie nach etwas, was doch ganz unmöglich ist?« erwiderte Sonja mit sichtlichem Widerstreben.

»Also ist es besser, daß Lushin am Leben bleibt und seine Schändlichkeiten verübt? Wagen Sie auch darauf keine bestimmte Antwort zu geben?«

»Ich kenne doch Gottes Ratschlüsse nicht . . . Wozu fragen Sie Dinge, auf die es doch keine Antwort gibt? Wozu diese nutzlosen Fragen? Wie könnte der Fall eintreten, daß so etwas von meiner Entscheidung abhinge? Und wer hat mich hier zum Richter darüber gesetzt, wer leben bleiben soll und wer nicht leben bleiben soll?«

»Ja, wenn Sie Gottes Ratschluß da mit hineinmengen, dann ist freilich nichts zu machen«, murmelte Raskolnikow finster.

»Sagen Sie doch lieber offen, was Sie eigentlich wollen!« rief Sonja schmerzlich. »Sie zielen wieder auf etwas hin . . . Sind Sie denn nur darum hergekommen, um mich zu quälen?«

Sie konnte sich nicht mehr halten und brach in bittere Tränen aus. Düster und gramvoll blickte er sie an. So vergingen wohl fünf Minuten.

»Du hast recht, Sonja!« sagte er endlich leise.

Er war plötzlich ein ganz anderer geworden. Der gemachte, freche und trotz des Gefühls der Kraftlosigkeit herausfordernde Ton war verschwunden. Selbst seine Stimme war auf einmal schwächer geworden.

»Ich habe dir gestern selbst gesagt, ich würde nicht herkommen, um dich um Verzeihung zu bitten, und doch habe ich eigentlich gleich damit begonnen, um Verzeihung zu bitten . . . Denn was ich da eben von Lushin und Gottes Ratschluß sagte, das war im Grunde für mich, in meinem Interesse gesprochen . . . Darin lag eine Bitte um Verzeihung, Sonja . . .«

Er wollte lächeln; aber nur ein kraftloser, halber Ansatz zu einem Lächeln zeigte sich auf seinem blassen Gesichte. Er ließ den Kopf sinken und verbarg das Gesicht in den Händen.

Und plötzlich erfüllte ein seltsames, unerwartetes Gefühl sein Herz, eine Art von grimmigem Hasse gegen Sonja. Selbst erstaunt und erschrocken über dieses Gefühl, hob er schnell den Kopf und blickte sie forschend an; aber er begegnete ihrem verstörten Blicke, der in qualvoller Sorge auf ihn gerichtet war; heiße Liebe sprach aus diesem Blicke, und sein scheinbarer Haß verschwand wie ein Gespenst. Es war nicht Haß gewesen; er hatte ein Gefühl für ein anderes gehalten. Die Ursache war nur gewesen, daß jetzt der verhängnisvolle Augenblick gekommen war.

Wieder bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und ließ den Kopf sinken. Plötzlich überzog Blässe sein Gesicht; er stand vom Stuhle auf, sah Sonja an und setzte sich, ohne ein Wort zu reden und ohne selbst zu wissen, was er tat, auf ihr Bett.

Dieser Augenblick hatte für seine Empfindung eine entsetzliche Ähnlichkeit mit jenem Augenblicke, als er hinter der Alten stand, bereits das Beil aus der Schlinge losgemacht hatte und sich sagte, daß nun keine Sekunde mehr zu verlieren sei.

»Was ist Ihnen?« fragte Sonja, der ganz bange geworden war.

Er konnte kein Wort hervorbringen. Den Hergang bei der Eröffnung, die er ihr machen wollte, hatte er sich ganz, ganz anders vorgestellt und begriff selbst nicht, was jetzt in ihm vorging. Sie ging leise zu ihm hin, setzte sich neben ihn auf das Bett und wartete, ohne die Augen von ihm abzuwenden. Ihr Herz schlug heftig und drohte zu zerspringen. Die Lage wurde unerträglich; er wandte sein totenblasses Gesicht ihr zu; seine Lippen verzogen sich kraftlos in dem Bemühen, ein Wort herauszubringen. Sonja wurde von Entsetzen gepackt.

»Was ist Ihnen?« fragte sie noch einmal und beugte sich dabei ein wenig von ihm weg.

»Nichts, Sonja! Ängstige dich nicht . . . Unsinn! Wirklich, wenn man vernünftig überlegt, ist es Unsinn!« murmelte er mit der Miene eines Fieberkranken, der von sich nichts weiß. »Warum bin ich eigentlich hergekommen, wenn ich dich doch nur quälen will?« fügte er plötzlich hinzu und blickte sie an. »Wirklich, warum? Das frage ich mich fortwährend, Sonja . . .«

Er hatte sich diese Frage vor einer Viertelstunde vielleicht tatsächlich vorgelegt; aber jetzt redete er das in völliger Kraftlosigkeit nur so hin; er wußte kaum von sich selbst und fühlte ein unaufhörliches Zittern und Frösteln im ganzen Körper.

»Ach, wie schwer Sie leiden!« sagte sie mit schmerzlicher Teilnahme, indem sie ihn betrachtete.

»Es ist ja alles Unsinn! . . . Also höre mal, Sonja«, er lächelte wieder (so ein blasses, mattes Lächeln von ganz kurzer Dauer), »erinnerst du dich, was ich dir gestern sagen wollte?«

Sonja wartete in großer Unruhe.

»Ich sagte zu dir beim Fortgehen, daß ich vielleicht für immer von dir Abschied nähme; wenn ich aber heute wiederkäme, so würde ich dir sagen, . . . wer Lisaweta ermordet hat.«

Sie begann am ganzen Leibe zu zittern.

»Nun also, ich bin hergekommen, um es dir zu sagen.«

»Haben Sie das wirklich gestern . . .«, flüsterte sie mit Anstrengung. »Woher wissen Sie es denn?« fragte sie hastig, als sammelte sie auf einmal wieder ihre Gedanken.

Ihr Atem ging schwer; ihr Gesicht wurde immer blasser.

»Ich weiß es.«

Sie schwieg etwa eine Minute lang.

»Hat man ihn gefunden?« fragte sie schüchtern.

»Nein, man hat ihn nicht gefunden.«

»Wie können Sie denn dann wissen, wer es gewesen ist?« fragte sie wieder kaum hörbar und wieder nach einem Schweigen, das fast eine Minute dauerte.

Er wandte sich zu ihr um und blickte sie scharf und unverwandt an.

»Rate!« antwortete er, wieder mit diesem verzerrten, matten Lächeln.

Krampfhafte Zuckungen liefen durch ihren ganzen Körper.

»Warum . . . warum . . . erschrecken Sie mich . . . denn so?« fragte sie und lächelte dabei wie ein Kind.

»Ich muß doch wohl sehr nahe befreundet mit ihm sein, . . . da ich es weiß«, fuhr Raskolnikow fort und sah ihr dabei unausgesetzt ins Gesicht, als könnte er seine Augen gar nicht von ihr abwenden. »Er wollte diese Lisaweta . . . nicht töten . . . Er hat sie . . . nur zufällig getötet . . . Er wollte bloß die alte Frau ermorden, . . . weil er wußte, daß sie allein war, . . . darum war er hingegangen . . . Und da kam Lisaweta dazu . . . Da ermordete er auch sie.«

Es verging noch eine entsetzliche Minute; beide sahen einander an.

»Du kannst es also nicht raten?« fragte er auf einmal mit einer Empfindung, als ob er sich von einem Turme herabstürzte.

»N–nein«, flüsterte Sonja kaum hörbar.

»Sieh mal ordentlich her!«

Sobald er das gesagt hatte, ließ eine Empfindung, die er schon von früher her kannte, ihm plötzlich wieder das Herz zu Eis erstarren; er blickte sie an, und es war ihm auf einmal, als sähe er in ihrem Gesichte das Gesicht Lisawetas. Er erinnerte sich deutlich an Lisawetas Gesichtsausdruck, als er damals mit dem Beile auf sie zutrat und sie vor ihm nach der Wand zurückwich, die Hand ein wenig vorstreckend, mit einem geradezu kindlichen Ausdruck von Angst im Gesicht, ganz genau wie kleine Kinder, die, auf einmal durch etwas in Furcht versetzt, den Gegenstand ihrer Furcht starr und ängstlich anblicken, zurückweichen und, die Händchen vorstreckend, zu weinen anfangen. Fast ebenso war es jetzt bei Sonja. Ebenso kraftlos, mit der gleichen Angst sah sie ihn eine Weile an; dann streckte sie auf einmal die linke Hand vor, berührte ganz leise, wie abwehrend, mit den Fingern seine Brust und begann ganz langsam sich vom Bette zu erheben, wobei sie immer mehr vor ihm zurückwich und ihr auf ihn gerichteter Blick immer starrer wurde. Ihr Entsetzen teilte sich auch ihm mit: ganz dieselbe Angst zeigte sich auch auf seinem Gesichte, und er schaute sie ganz ebenso an, beinahe sogar mit dem gleichen kindlichen Lächeln.

»Hast du es erraten?« flüsterte er endlich.

»O Gott!« Ein furchtbarer Klageschrei entrang sich ihrer Brust.

Kraftlos sank sie auf das Bett zurück, mit dem Gesicht in die Kissen. Aber im nächsten Augenblick richtete sie sich schnell wieder auf, rückte ihm eilig näher, ergriff seine beiden Hände, drückte sie mit ihren dünnen Fingerchen, so fest sie konnte, und sah ihm wieder starr, als könnte sie die Augen gar nicht von ihm losreißen, ins Gesicht. Mit diesem letzten, verzweiflungsvollen Blicke wollte sie die letzte Hoffnung, falls es eine solche noch für sie gäbe, erspähen und erhaschen. Aber es war nichts mehr zu hoffen; es blieb kein Zweifel; alles war so, wirklich so! Selbst nachher, in späteren Zeiten, wenn sie sich an diesen Augenblick erinnerte, erschien es ihr seltsam und wunderbar, woran sie eigentlich damals sofort mit solcher Sicherheit gesehen habe, daß es hier keine Zweifel mehr geben konnte. Sie konnte gewiß nicht sagen, daß sie etwas Derartiges geahnt hätte. Und doch hatte sie jetzt, nachdem er ihr eben erst diese Mitteilung gemacht hatte, das Gefühl, als hätte sie tatsächlich gerade dies geahnt.

»Laß es genug sein, Sonja, hör auf! Quäl mich nicht!« bat er in tiefstem Schmerze.

Er hatte ihr die Eröffnung in ganz, ganz anderer Weise machen wollen, und nun war es so gekommen.

Wie von Sinnen sprang sie auf und ging händeringend bis in die Mitte des Zimmers; aber dann wendete sie sich schnell um und setzte sich wieder neben ihn, so daß ihre Schulter fast die seine berührte. Plötzlich fuhr sie zusammen, wie wenn ihr jemand einen heftigen Stich versetzt hätte, schrie auf und warf sich, ohne selbst zu wissen, warum sie das tat, vor ihm auf die Knie.

»Wie haben Sie, Sie das übers Herz bringen können!« rief sie in Verzweiflung.

Sie sprang auf, fiel ihm um den Hals, umschlang ihn und drückte ihn mit ihren Armen fest an sich.

Raskolnikow machte sich von ihr los und blickte sie mit düsterem Lächeln an.

»Wie sonderbar du bist, Sonja! Du umarmst und küßt mich, nachdem ich dir das von mir gesagt habe. Du weißt wohl gar nicht, was du tust.«

»Nein, nein, auf der ganzen Welt gibt es jetzt keinen unglücklicheren Menschen als dich!« rief sie wie eine Rasende, ohne seine Bemerkung gehört zu haben, und brach dann in ein schluchzendes Weinen aus, das sie krampfhaft schüttelte.

Ein Gefühl, das er seit langer Zeit nicht mehr gekannt hatte, flutete wie eine mächtige Welle in sein Herz hinein und machte es weich und milde. Er widerstrebte diesem Gefühle nicht: zwei Tränen quollen aus seinen Augen und blieben an den Wimpern hängen.

»Du willst mich also nicht verlassen, Sonja?« sagte er und blickte sie mit einem Schimmer von Hoffnung an.

»Nein, nein, nie und nimmer!« rief Sonja. »Ich folge dir, ich folge dir überallhin! O Gott! . . . Ach, ich Unglückliche! . . . Und warum, warum habe ich dich nicht früher gekannt? Warum bist du nicht früher gekommen? O Gott!«

»Nun, jetzt bin ich doch gekommen.«

»Jetzt! Oh, was ist jetzt zu tun! . . . Wir bleiben zusammen, wir bleiben zusammen!« rief sie wie von Sinnen und umarmte ihn von neuem. »Ich gehe mit dir zusammen nach Sibirien!«

Es gab ihm einen plötzlichen Ruck; das verächtliche, hochmütige Lächeln trat wieder auf seine Lippen.

»Vielleicht will ich aber noch gar nicht in die Zwangsarbeit gehen, Sonja«, sagte er.

Sonja sah ihn schnell an.

Nach dem ersten Sturm leidenschaftlichen, qualvollen Mitgefühls mit dem Unglücklichen erschreckte sie nun wieder die furchtbare Vorstellung von dem Morde. In dem veränderten Tone, in dem er die letzten Worte gesprochen hatte, hörte sie den Mörder. Erstaunt blickte sie ihn an. Sie wußte von der Tat noch gar nichts weiter, weder warum noch wie, noch wozu er sie begangen hatte. Jetzt blitzten alle diese Fragen auf einmal in ihrem Bewußtsein auf. Und damit zugleich kam wieder der ungläubige Zweifel: ›Er ein Mörder? Er? War das denn möglich?‹

»Was ist denn nur? Wo bin ich denn?« sagte sie in tiefer Benommenheit, als ob sie noch gar nicht zu sich gekommen wäre. »Wie haben Sie, ein Mensch wie Sie, . . . wie haben Sie sich nur zu so etwas entschließen können? Wie ist das möglich?«

»Nun, um zu rauben! Hör auf, Sonja!« antwortete er müde und mit einem Beiklang von Ärger.

Sonja stand wie betäubt da; aber plötzlich rief sie:

»Du warst hungrig! Du . . . du wolltest deiner Mutter helfen? Ja?«

»Nein, Sonja, nein«, murmelte er und ließ den Kopf sinken, »ich war nicht so hungrig, . . . meiner Mutter wollte ich allerdings helfen, aber . . . auch das war nicht der eigentliche Grund . . . Quäle mich nicht, Sonja.«

Sonja schlug die Hände zusammen.

»Ist denn das alles wirklich, wirklich wahr? O Gott, wie entsetzlich! Wer kann das glauben? . . . Und wie stimmt das zusammen: Sie geben selbst Ihr Letztes weg, und Sie haben gemordet, um zu rauben! Oh!« schrie sie plötzlich auf. »Das Geld, das Sie Katerina Iwanowna gegeben haben, . . . o Gott, . . . war das auch . . . war das auch . . .?«

»Nein, Sonja«, unterbrach er sie schnell, »dieses Geld stammte nicht daher; darüber magst du dich beruhigen! Dieses Geld hatte mir meine Mutter durch Vermittlung eines Kaufmanns geschickt, und ich hatte es erhalten, während ich krank war, an demselben Tage, an dem ich es dann weggegeben habe . . . Rasumichin hat es gesehen; er hat es sogar für mich in Empfang genommen. Dieses Geld war mein; es gehörte mir, war mein rechtmäßiges Eigentum.«

Sonja hörte ihm verständnislos zu und strengte ihren Kopf an, um die Sache zu begreifen.

»Jenes andere Geld . . . ich weiß übrigens gar nicht einmal, ob auch Geld dabei war«, fügte er leise und wie nachsinnend hinzu, »ich habe ihr damals einen Beutel, den sie am Halse trug, abgenommen, einen ledernen Beutel, er war ganz voll und prall, . . . aber ich habe nicht hineingesehen; ich hatte wohl keine Zeit dazu. Nun, und die Wertsachen, allerlei Knöpfchen und Ketten, . . . all diese Sachen und den Beutel habe ich auf einem fremden Hofe am Wosnessenskij-Prospekt unter einem Steine verborgen, gleich am andern Morgen . . . Da liegt auch jetzt noch alles . . .«

Sonja hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu.

»Aber warum sagten Sie denn . . . wie können Sie denn sagen, Sie hätten es getan, um zu rauben, und doch haben Sie gar nichts für sich behalten?« fragte sie schnell; sie griff gleichsam nach einem Strohhalm.

»Ich weiß noch nicht, . . . ich habe mich noch nicht entschieden, . . . ob ich dieses Geld nehmen soll oder nicht«, antwortete er, wieder wie nachsinnend; aber plötzlich kam er zu sich und lachte hastig und kurz auf. »Ach, was für eine Dummheit habe ich da eben hingeredet, nicht wahr?«

Durch Sonjas Kopf zuckte der Gedanke: ›Ist er nicht etwa gar irrsinnig?‹ Aber sie wies diesen Gedanken sofort wieder von sich: ›Nein, dies hier muß etwas anderes sein.‹ Aber was hier eigentlich vorlag, das verstand sie nicht, schlechterdings nicht!

»Weißt du, Sonja«, sagte er plötzlich wie infolge einer Eingebung, »ich will dir etwas sagen: Wenn ich nur deshalb gemordet hätte, weil ich hungrig war« (er betonte jedes einzelne Wort und sah sie mit einem rätselhaften, aber innigen Blicke an), »dann wäre ich jetzt glücklich! Das kannst du mir glauben! . . . Und was hättest du denn davon, was hättest du denn davon«, rief er einen Augenblick darauf wie verzweifelt, »wenn ich jetzt ohne weiteres zugäbe, schlecht gehandelt zu haben? Was hättest du von diesem törichten Triumphe über mich? Ach, Sonja, bin ich denn deshalb jetzt zu dir gekommen?«

Sonja wollte wieder etwas sagen; aber sie schwieg.

»Darum forderte ich dich auch gestern auf, mit mir zu gehen, weil du der einzige Mensch bist, der mir noch geblieben ist.«

»Wohin soll ich denn mitgehen?« fragte Sonja.

»Nicht zum Stehlen und Morden, sei unbesorgt, nicht zu solchen Dingen«, erwiderte er bitter lächelnd. »Wir sind zu verschiedene Naturen . . . Und weißt du, Sonja, ich habe erst jetzt, erst in diesem Augenblicke begriffen, wohin ich dich eigentlich gestern aufforderte mitzukommen! Gestern aber, als ich dich aufforderte, wußte ich selbst nicht, wohin. Nur eins hatte ich bei meiner Bitte gestern und bei meinem Kommen heute im Auge: verlaß mich nicht. Du wirst mich nicht verlassen, Sonja?«

Sie drückte ihm die Hand.

»Warum habe ich es ihr nur gesagt, warum habe ich es ihr nur entdeckt!« rief er einen Augenblick darauf ganz verzweifelt aus und sah sie mit grenzenloser Qual an. »Nun erwartest du Erklärungen von mir, Sonja; nun sitzest du da und wartest; das sehe ich; aber was soll ich dir sagen? Es wird dir ja doch nichts davon begreiflich sein; du wirst dich nur zu Tode grämen . . . um meinetwillen! Siehst du, nun weinst du und umarmst mich wieder – warum umarmst du mich denn? Weil ich selbst die Last nicht länger zu ertragen vermochte und herkam, um sie einem andern auf die Schultern zu bürden: ›Leide auch du, davon wird mir leichter werden!‹ Und kannst du einen solchen Schurken lieben?«

»Leidest du denn nicht auch Qualen?« rief Sonja.

Wieder flutete eben jenes Gefühl wie eine gewaltige Woge in sein Herz hinein und machte es wieder für einen Augenblick sanft und weich.

»Sonja, ich habe ein böses Herz; beachte das wohl, daraus erklärt sich vieles. Ich bin auch nur darum hergekommen, weil ich ein böser Mensch bin. Mancher wäre nicht hergekommen. Ich aber bin ein Feigling und . . . ein Schurke! Aber . . . lassen wir das. Um all das handelt es sich jetzt nicht . . . Ich muß jetzt reden und weiß nicht, wie ich anfangen soll . . .«

Er hielt inne und überlegte.

»Ja, wir beide sind zu verschiedene Naturen!« rief er wieder. »Wir passen nicht zueinander. Warum, ja warum bin ich nur hergekommen! Das kann ich mir nie verzeihen!«

»Nein, nein, es ist gut, daß du gekommen bist!« rief Sonja. »Es ist besser, daß ich es erfahren habe, viel besser!«

Er schaute sie voll Schmerz an.

»Und was war denn eigentlich der Grund?« fragte er, als ob er mit seiner Überlegung fertig geworden wäre. »Ja, der Grund war der! Höre: ich wollte ein Napoleon werden, darum habe ich einen Mord begangen . . . Nun, verstehst du es jetzt?«

»N–nein«, flüsterte Sonja naiv und schüchtern. »Aber sprich nur weiter, sprich nur weiter! Das Nötige werde ich schon davon verstehen!« bat sie ihn.

»Wirst du das? Nun gut, wir wollen sehen!«

Er schwieg und überlegte lange.

»Die Sache ist die: Ich legte mir einmal die Frage vor, wenn zum Beispiel Napoleon an meiner Stelle gewesen wäre und, um seine Laufbahn zu beginnen, weder Toulon noch Ägypten, noch den Übergang über den St. Bernhard gehabt hätte, sondern wenn statt all dieser schönen, großartigen Dinge einfach nur ein lächerliches altes Weib, eine Registratorswitwe, dagewesen wäre, die er überdies noch hätte ermorden müssen, um aus ihrem Kasten Geld zu entwenden (um der Laufbahn willen, verstehst du?), nun also, hätte er sich dann wohl dazu entschlossen, wenn er auf andre Weise nicht hätte seine Laufbahn beginnen können? Würde ihm dieses Mittel zuwider gewesen sein, weil es gar zu wenig großartig und . . . und weil es sündhaft wäre? Ich muß dir gestehen, daß ich mich mit dieser ›Frage‹ schrecklich lange herumgequält habe, so daß ich, als ich schließlich die Lösung fand (ich fand sie ganz plötzlich), mich meiner Schwerfälligkeit schämte. Die Lösung war aber die: das Mittel wäre ihm nicht nur nicht zuwider gewesen, sondern er wäre überhaupt nicht einmal auf den Gedanken gekommen, daß diese Tat nicht großartig sei, . . . er hätte gar nicht verstanden, was einem daran zuwider sein könnte. Und wenn er auf keine andre Weise seine Laufbahn hätte beginnen können, so hätte er die Alte abgewürgt, ehe sie auch nur einen Laut hätte von sich geben können, ohne alles Bedenken! Nun, und da . . . ließ auch ich meine Bedenken fallen, . . . ich tötete sie . . . nach dem Beispiele einer solchen Autorität. So war der Hergang, ganz genauso. Kommt dir das lächerlich vor? Ja, Sonja, das Lächerlichste ist dabei eben dies, daß sich die Sache wirklich so zugetragen hat.«

Dem Mädchen kam es ganz und gar nicht lächerlich vor.

»Sprechen Sie zu mir lieber unmittelbar, . . . ohne Beispiele«, bat sie ihn noch schüchterner und mit kaum hörbarer Stimme.

Er wandte sich zu ihr um, blickte sie traurig an und erfaßte ihre Hände.

»Du hast wieder recht, Sonja. Das ist ja alles Unsinn, nur leeres Geschwätz! Siehst du: du weißt ja, daß meine Mutter so gut wie nichts besitzt. Meine Schwester hat eine gute Bildung erhalten (eigentlich hat sich das zufällig so ergeben) und ist nun dazu verurteilt, sich als Gouvernante durchzubringen. All ihre Hoffnungen setzten die beiden auf mich. Ich studierte, konnte mich aber auf der Universität nicht erhalten und sah mich genötigt, vorläufig auszusetzen. Und wenn ich mich auch weiter hätte durchschleppen können, so hätte ich doch nur hoffen können, in zehn, zwölf Jahren, falls sich die Umstände günstig gestalteten, Lehrer oder Beamter mit tausend Rubel Gehalt zu werden . . .« (Er sprach, als sagte er eine auswendig gelernte Lektion auf.) »Aber bis dahin wäre meine Mutter vor Kummer und Sorgen zugrunde gegangen und es wäre mir doch nicht gelungen, ihr ein ruhiges Dasein zu verschaffen, und meine Schwester . . . mit der hätte es noch schlimmer gehen können! . . . Und was ist das für eine Existenz, wenn man sein ganzes Leben lang an allen Freuden vorbeigehen, sich von allen Genüssen abwenden muß, seiner Mutter nicht helfen kann und es sich demütig gefallen lassen muß, daß die Schwester beleidigt wird? Was hat ein solches Leben für einen Zweck? Etwa daß man, nachdem man seine Angehörigen begraben hat, sich neue anschafft, eine Frau und Kinder, und diese dann auch ohne einen Groschen Geld und ohne einen Bissen Brot zurückläßt? Also . . . also da beschloß ich, mich des Geldes der alten Frau zu bemächtigen, um für die nächsten Jahre meine Existenz zu ermöglichen, ohne daß meine Mutter sich für mich abquälen müßte – nämlich um die Fortsetzung meines Studiums sicherzustellen und mir die ersten Schritte nach Beendigung des Studiums zu erleichtern –, und ich wollte das alles großzügig und in durchgreifender Weise machen, um mir eine völlig neue Lebenslaufbahn zu schaffen und einen neuen Weg einzuschlagen, auf dem ich von niemand abhängig wäre . . . Also . . . also, das ist alles . . . Nun, daß ich die alte Frau ermordete, das war ja selbstverständlich schlecht von mir, . . . genug davon!«

Als er seine Erzählung zu Ende gebracht hatte, war er ganz erschöpft und ließ den Kopf sinken.

»Ach, das ist nicht richtig, das ist nicht richtig«, rief Sonja in tiefem Schmerze. »Kann man denn überhaupt so . . . Nein, es muß anders gewesen sein, ganz anders!«

»Und doch habe ich dir alles aufrichtig erzählt; ich habe die Wahrheit gesprochen!«

»Wie kann das die Wahrheit sein! O Gott!«

»Ich habe ja doch nur eine Laus getötet, Sonja, eine nutzlose, garstige, schädliche Laus.«

»Ein Mensch ist keine Laus!«

»Das weiß ich auch, daß er keine Laus ist«, antwortete er und schaute sie sonderbar an. »Übrigens schwatze ich sinnlos, Sonja«, fügte er hinzu, »ich rede schon seit langer Zeit so sinnlos . . . Es ist alles nicht richtig; du hast darin ganz recht. Ich hatte ganz andere Beweggründe, ganz andere, ganz andere! . . . Ich habe seit so langer Zeit mit niemand gesprochen, Sonja . . . Der Kopf tut mir jetzt sehr weh.«

Seine Augen brannten in fieberhaftem Feuer. Er begann fast irre zu reden; ein unruhiges Lächeln zuckte um seine Lippen. Neben der heftigen seelischen Erregung machte sich bereits eine furchtbare Erschöpfung bemerkbar. Sonja begriff, welche Qualen er litt. Auch ihr begann der Kopf wirr und schwindlig zu werden. Seine sonderbaren Reden, meinte sie, klangen, als ob man etwas davon verstehen könnte; aber doch . . . wie war es nur möglich, wie war es nur möglich! O Gott! In Verzweiflung rang sie die Hände.

»Nein, Sonja, es war nicht richtig!« begann er wieder und hob auf einmal den Kopf, als hätte eine unerwartete neue Richtung, die seine Gedanken genommen, ihm einen frischen Impuls gegeben. »Es war nicht richtig! Stelle dir lieber vor (es ist wirklich besser, wenn du das tust), daß ich ein egoistischer, neidischer, boshafter, schändlicher, rachsüchtiger Mensch sei, nun . . . meinetwegen auch, daß ich zum Irrsinn neige. (Wir wollen gleich alles zusammen nehmen; daß ich vielleicht verrückt wäre, davon haben andre schon früher gesprochen; ich habe es recht wohl bemerkt!) Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich mich auf der Universität nicht erhalten konnte. Aber weißt du, gekonnt hätte ich es vielleicht doch. Meine Mutter hätte mir das Geld für die Vorlesungen geschickt, und die Kosten für Schuhzeug, Kleidung und Essen hätte ich mir selbst durch Arbeit verdienen können, sicherlich! Ich konnte Unterricht erteilen; es wurde mir ein halber Rubel für die Stunde geboten. Rasumichin lebt ja auch von seiner Arbeit! Aber ich wurde verbissen und mochte nicht. Geradezu verbissen, das ist der richtige Ausdruck! Ich verkroch mich dann wie eine Spinne in meinen Winkel. Du bist ja in meinem Hundeloch gewesen und hast es gesehen . . . Weißt du wohl, Sonja, daß niedrige Decken und kleine Zimmer Seele und Geist beengen? Oh, wie ich dieses Hundeloch gehaßt habe! Und trotzdem wollte ich nicht ausgehen. Absichtlich nicht! Ganze Tage lang ging ich nicht aus; ich mochte nicht arbeiten, nicht einmal essen mochte ich; ich lag immer nur da. Wenn mir Nastasja etwas brachte, nun, dann aß ich; brachte sie mir nichts, nun, dann ging der Tag auch so vorüber; aus Verbissenheit bat ich absichtlich um nichts! Da ich abends kein Licht hatte, lag ich im Dunkeln; aber durch Arbeit mir das Geld für Kerzen verdienen, das mochte ich nicht. Ich hätte studieren sollen, aber ich verkaufte meine Bücher, und auf meinem Tische liegt auf meinen Nachschriften, auf meinen Kollegheften auch heute noch der Staub fingerdick! Ich mochte lieber so daliegen und grübeln. Immer grübelte ich, . . . und immer hatte ich solche seltsamen Träume, allerlei seltsame Träume, das läßt sich gar nicht erzählen! Aber erst damals tauchte in mir auch der noch unklare Gedanke auf, daß . . . Nein, das ist nicht richtig! Ich erzähle wieder falsch! Siehst du, ich fragte mich damals immer: warum bin ich so dumm, daß, wenn andre Leute dumm sind und ihre Dummheit mir ganz genau bekannt ist, ich nicht selbst klüger sein will? Darauf gelangte ich zu der Erkenntnis, Sonja, daß, wenn man warten wollte, bis alle Menschen klug würden, dies doch gar zu lange dauern würde . . . Darauf erkannte ich, daß es dazu überhaupt niemals kommen wird, daß die Menschen sich nicht verändern und niemand sie umgestalten kann und der Versuch verlorene Mühe wäre. Ja, das ist nun einmal so! Es ist ein Naturgesetz, daß sie so sind, . . . ein Naturgesetz, Sonja! Das ist nun einmal so! . . . Und ich weiß jetzt, Sonja, daß, wer kräftig und stark ist an Geist und Verstand, daß der auch der Beherrscher der andern ist! Wer viel wagt, der ist nach ihrer Anschauung auch im Rechte. Wer der Masse dreist entgegentritt, der gilt ihnen als Gesetzgeber, und wer mehr als alle andern wagt, der hat auch das allergrößte Recht! So ist das bisher gewesen, und so wird das immer sein! Man muß blind sein, um das nicht einzusehen!«

Raskolnikow sah Sonja zwar an, während er das sagte, kümmerte sich aber nicht mehr darum, ob sie ihn verstand oder nicht. Das Fieber hatte völlig von ihm Besitz genommen. Er befand sich in einer Art von düsterer Ekstase. Er hatte wirklich allzu lange mit keinem Menschen geredet. Sonja sah ein, daß diese düsteren Dogmen sein Glaube und sein Gesetz geworden waren.

»Damals wurde es mir klar, Sonja«, fuhr er schwärmerisch fort, »daß die Macht nur dem zuteil wird, der es wagt, sich zu bücken und sie aufzuheben. Nur auf eines kommt es an, nur auf eines: wagen muß man! Damals kam mir ein Gedanke, zum erstenmal in meinem Leben, ein Gedanke, den noch niemand jemals vor mir gehabt hat! Niemand! Sonnenklar trat mir auf einmal der Gedanke vor die Seele: wie kommt es, daß bis auf den heutigen Tag noch keiner, der dieses verrückte Gebaren mit ansieht, es gewagt hat oder wagt, ganz einfach dieses Unding am Schwanz zu packen und in die Hölle zu schmettern! Ich . . . ich wollte es wagen, und so mordete ich, . . . ich wollte es nur einmal wagen, Sonja; das war mein ganzer Beweggrund!«

»Oh, schweigen Sie, schweigen Sie!« rief Sonja und schlug entsetzt die Hände zusammen. »Sie haben sich von Gott losgesagt, und Gott hat Sie gestraft; er hat Sie der Macht des Teufels überliefert! . . .«

»Nun ja, da haben wir's, Sonja! Als ich da so im Dunkeln lag und all diese Gedanken in mir aufschossen, da hat mich gewiß der Teufel versucht, nicht wahr?«

»Schweigen Sie! Spotten Sie nicht, Sie Gotteslästerer! Nichts, aber auch gar nichts verstehen Sie davon! O Gott! Nie, nie wird er etwas davon verstehen!«

»Still, Sonja, ich spotte gar nicht; ich weiß ja selbst, daß mich der Teufel versuchte. Still, Sonja, still!« wiederholte er düster und mit Nachdruck. »Ich weiß das alles. All das habe ich schon durchdacht und vor mich hingeflüstert, als ich damals im Dunkeln so dalag; all das habe ich mit mir selbst bis zum letzten, kleinsten Pünktchen durchdebattiert, und ich weiß das alles, alles! Und dieses ganze Hin- und Herreden war mir damals so zum Ekel geworden, so zum Ekel! Ich wollte das alles vergessen, Sonja, und einen neuen Anfang machen und das Hin- und Herreden abgetan sein lassen! Und meinst du etwa, daß ich wie ein Dummkopf hingegangen bin, so einfach aufs Geratewohl? Ich bin wie ein kluger Mensch hingegangen, und gerade das ist mir zum Verderben geworden! Denkst du denn, ich hätte beispielsweise nicht gewußt, daß, wenn ich mich überhaupt erst noch fragte und wieder fragte, ob ich auch ein Recht auf die Macht hätte, ich eben um dieser Frage willen kein derartiges Recht hatte? Oder daß, wenn ich mir die Frage vorlegte, ob der Mensch eine Laus sei, er für mich eben keine Laus war, sondern daß er nur für denjenigen eine Laus ist, dem eine solche Frage erst gar nicht in den Sinn kommt und der ohne derartige Fragen einfach geradeaus geht? Und wenn ich mich so viele Tage lang mit der Frage abquälte, ob Napoleon wohl hingegangen wäre und es getan hätte oder nicht, da hatte ich ja doch das klare Gefühl, daß ich kein Napoleon bin. Die ganze lange Qual all dieses Hin- und Herdisputierens habe ich ertragen. Sonja, und sehnte mich danach, sie endlich von meinen Schultern abzuschütteln: es verlangte mich, Sonja, ohne Kasuistik zu morden, nur für mich zu morden, einzig und allein für mich! Auch mich selbst wollte ich in dieser Hinsicht nicht belügen! Nicht um meiner Mutter zu helfen, habe ich gemordet: das ist Unsinn! Ich habe nicht gemordet, um, wenn ich mir die Mittel und die Macht verschafft haben würde, ein Wohltäter der Menschheit zu werden; Unsinn! Ich habe einfach für mich gemordet, einzig und allein für mich. Ob ich dann irgend jemandes Wohltäter werden oder mein ganzes Leben lang wie eine Spinne andre Wesen in meinem Netze fangen und ihnen den Lebenssaft aussaugen würde, das mußte mir in jenem Augenblicke ganz gleichgültig sein! Auch hatte ich es damals, als ich den Mord beging, Sonja, nicht hauptsächlich auf das Geld abgesehen; das Geld war mir nicht so wichtig wie etwas andres . . . Jetzt ist mir das alles deutlich . . . Verstehe mich wohl: wenn ich auf demselben Wege weitergegangen wäre, hätte ich dennoch vielleicht nie wieder einen Mord begangen. Was mich zu der Tat trieb, war etwas andres; ich wollte über einen bestimmten Punkt ins klare kommen, und so schnell wie möglich ins klare kommen: Bin ich eine Laus wie alle oder ein Mensch? Bin ich imstande, über Hindernisse hinwegzuschreiten, oder nicht? Habe ich den Mut, mich zu bücken und die Macht aufzuheben, oder nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur, oder habe ich ein Recht . . .«

»Ein Recht, zu töten? Sie meinen, Sie haben ein Recht, zu töten?« rief Sonja und schlug wieder die Hände zusammen.

»Ach, Sonja!« begann er in gereiztem Tone; er wollte ihr noch etwas erwidern, unterdrückte es aber geringschätzig. »Unterbrich mich nicht, Sonja! Ich wollte dir nur das eine beweisen: daß der Teufel mich damals dorthin schleppte und mir nach der Tat klarmachte, daß ich kein Recht gehabt hätte, dorthin zu gehen, weil ich ganz ebenso eine Laus sei wie alle. Er hat seinen Spott mit mir getrieben; siehst du, jetzt bin ich nun zu dir gekommen! Nimm mich als Gast auf. Wenn ich nicht eine Laus wäre, würde ich dann etwa zu dir gekommen sein? Höre noch dies: als ich damals zu der Alten ging, kam es mir nur darauf an, einen Versuch zu machen . . . Nun weißt du es!«

»Und Sie haben sie ermordet, ermordet!«

»Wie kann man denn das ermorden nennen! Ermordet man denn jemand so? Geht etwa einer, der morden will, so hin, wie ich damals hinging? Ich will dir ein andermal erzählen, wie ich hingegangen bin. Habe ich etwa die alte Frau ermordet? Mich selbst habe ich ermordet, und nicht die alte Frau! Da habe ich mit einem Schlage mich selbst vernichtet, fürs ganze Leben! . . . Die alte Frau aber hat der Teufel getötet, nicht ich . . . Genug, genug, Sonja, genug! Laß mich!« rief er plötzlich in krampfhaftem Schmerze. »Laß mich!«

Er stützte die Ellbogen auf die Knie und preßte seinen Kopf mit den Handflächen wie mit einer Zange zusammen.

»Oh, dieses Leid!« stöhnte Sonja qualvoll auf.

»Und nun sage mir: was soll ich jetzt tun?« fragte er, hob plötzlich den Kopf und blickte sie mit einem von Verzweiflung gräßlich verzerrten Gesichte an.

»Was du tun sollst?« rief sie und sprang von ihrem Platze auf; ihre Augen, die bisher voll Tränen gestanden hatten, blitzten. »Steh auf!« Sie faßte ihn an der Schulter; er erhob sich und sah sie ganz erstaunt an. »Geh sofort, diesen Augenblick, hin und stelle dich auf einen Kreuzweg; beuge dich nieder und küsse zuerst die Erde, die du besudelt hast, und dann verbeuge dich demütig vor aller Welt, nach allen vier Himmelsrichtungen, und sage dabei jedesmal laut: ›Ich habe gemordet!‹ Dann wird dir Gott neues Leben gewähren. Wirst du hingehen? Wirst du hingehen?« fragte sie ihn, am ganzen Körper wie in einem Fieberanfall zitternd, ergriff seine beiden Hände, drückte sie fest in den ihrigen und sah ihn mit glühendem Blicke an.

Er war verwundert und geradezu bestürzt über ihre plötzliche Verzücktheit.

»Du sprichst von der Zwangsarbeit, Sonja, wie? Du meinst, ich soll mich selbst anzeigen?«

»Du sollst das Leid auf dich nehmen und dadurch deine Sünde abbüßen; das ist's, was du tun mußt.«

»Nein, Sonja, ich gehe nicht zu den Behörden hin.«

»Aber wie willst du denn sonst weiterleben? Wie willst du denn weiterleben mit einer solchen Last?« rief Sonja. »So geht das doch nicht weiter! Wie willst du denn mit deiner Mutter reden? Ach, was wird jetzt aus denen werden! Aber was rede ich! Du hast dich ja schon von deiner Mutter und von deiner Schwester losgesagt, hast sie verlassen! O Gott!« rief sie. »Aber das weißt du ja alles selbst! Wie kann man, wie kann man nur so ohne einen Menschen leben! Was wird jetzt aus dir werden!«

»Sei kein Kind, Sonja«, erwiderte er leise. »Welche Schuld habe ich denn den Behörden gegenüber? Warum soll ich zu denen hingehen? Was soll ich ihnen sagen? Das ist ja alles nur ein leeres Hirngespinst! . . . Sie selbst richten Millionen von Menschen zugrunde und halten das obendrein noch für eine Tugend. Gauner und Schurken sind sie, Sonja! . . . Ich gehe nicht zu ihnen hin. Und was soll ich ihnen sagen? Daß ich einen Mord begangen, aber nicht gewagt habe, das Geld zu behalten, sondern es unter einem Steine versteckt habe?« fügte er bitter lächelnd hinzu. »Dann werden sie mich sogar noch auslachen und sagen: ›Du bist ein Dummkopf, daß du es nicht behalten hast; ein Feigling und ein Dummkopf!‹ Sie werden gar kein Verständnis für mein Tun haben, Sonja, und sie sind auch gar nicht wert, es zu verstehen. Warum soll ich zu denen hingehen? Ich gehe nicht hin. Sei kein Kind, Sonja . . .«

»Du wirst dich selbst zu Tode martern, ja, zu Tode martern!« rief sie und streckte in verzweifeltem Flehen die Hände nach ihm aus.

»Vielleicht habe ich mich doch vorhin verleumdet«, bemerkte er düster und in Gedanken versunken, »vielleicht bin ich doch ein Mensch, und keine Laus, und habe es vorhin zu eilig gehabt, mich selbst zu verurteilen. Noch will ich kämpfen.«

Ein hochmütiges Lächeln spielte um seine Lippen.

»Eine solche Qual zu erdulden! Und das ganze Leben lang, das ganze Leben lang!«

»Ich werde mich daran gewöhnen . . .«, sagte er düster und schwermütig. »Höre«, begann er nach einer Weile von neuem, »laß es nun der Tränen genug sein; es wird Zeit, daß wir etwas Praktisches besprechen: ich bin hergekommen, um dir zu sagen, daß man mir auf der Spur ist und mich fangen möchte.«

»Ach!« rief Sonja erschrocken.

»Nun, warum schreist du? Du möchtest ja selbst, daß ich in die Zwangsarbeit gehe, und nun erschrickst du? Aber das will ich dir sagen: ich ergebe mich ihnen nicht. Ich will noch mit ihnen kämpfen, und sie werden gegen mich nichts ausrichten. Wirkliche Beweise haben sie nicht. Gestern war ich in großer Gefahr und dachte schon, ich wäre verloren; aber heute hat die Sache eine günstige Wendung genommen. Alle ihre Beweise haben ihre zwei Seiten, das heißt, ich kann ihre Beschuldigungen zu meinem Vorteil wenden, verstehst du? Und das werde ich tun; denn das habe ich jetzt gelernt . . . Aber ins Gefängnis setzen werden sie mich bestimmt. Wäre nicht ein Zufall dazwischengekommen, so hätten sie es vielleicht heute schon getan, oder vielmehr sicher; und vielleicht tun sie es heute noch . . . Aber das ist weiter nicht schlimm, Sonja; ich werde eine Weile sitzen, und dann werden sie mich wieder freilassen müssen; denn sie haben keinen einzigen wirklichen Beweis und werden auch keinen in die Hand bekommen, mein Wort darauf. Und auf Grund des Materials, über das sie verfügen, können sie einen Menschen nicht verurteilen. Nun genug . . . Ich habe dir das bloß sagen wollen, damit du es weißt . . . Was meine Schwester und meine Mutter anlangt, so will ich es so einzurichten suchen, daß sie der Beschuldigung keinen Glauben schenken und sich nicht um mich ängstigen. Übrigens ist meine Schwester jetzt, wie es scheint, gut versorgt und damit zugleich auch meine Mutter . . . Nun, das ist alles. Übrigens, sei vorsichtig! Wirst du zu mir ins Gefängnis kommen, wenn ich dort sitze?«

»O gewiß, ich komme sicher!«

Sie saßen beide nebeneinander, traurig und niedergeschlagen, als wären sie allein nach einem Sturm von den Wogen an ein menschenleeres Gestade geworfen worden. Er blickte Sonja an und fühlte, wie innig sie ihn liebte, und seltsamerweise war es ihm auf einmal eine drückende, schmerzliche Empfindung, sich so geliebt zu wissen. Ja, es war eine seltsame, furchtbare Empfindung! Als er zu Sonja hingegangen war, da hatte er gefühlt, daß auf ihr seine ganze Hoffnung beruhte und daß er bei ihr einen Ausweg finden werde; er hatte gemeint, sich wenigstens einen Teil seiner Qualen von der Seele wälzen zu können, und jetzt, wo ihr ganzes Herz sich ihm zugewandt hatte, fühlte und erkannte er auf einmal, daß er unvergleichlich viel unglücklicher geworden war als vorher.

»Sonja«, sagte er, »komm lieber nicht zu mir, wenn ich im Gefängnis bin.«

Sonja antwortete nicht; sie weinte. So vergingen einige Minuten.

»Trägst du ein Kreuz?« fragte sie ihn unvermittelt, als wenn ihr das soeben eingefallen wäre.

Er verstand die Frage nicht sofort.

»Nein? Also nein? – Da, nimm dieses hier; es ist von Zypressenholz. Ich habe noch ein andres, ein kupfernes, das habe ich von Lisaweta bekommen. Lisaweta und ich, wir haben getauscht; sie hat mir ein Kreuz gegeben und ich ihr ein Heiligenbildchen. Ich werde nun Lisawetas Kreuz tragen, und dieses hier soll für dich sein. Nimm nur, . . . es ist ja meines!« bat sie ihn. »Wir werden ja den Leidensweg zusammen gehen; so wollen wir denn auch zusammen das Kreuz tragen!«

»Gib es!« sagte Raskolnikow.

Es wäre ihm schmerzlich gewesen, sie zu betrüben. Aber er zog die Hand, die er schon nach dem Kreuze ausgestreckt hatte, sogleich wieder zurück.

»Jetzt nicht, Sonja. Lieber später«, fügte er hinzu, um sie zu beruhigen.

»Ja, ja, später, das wird besser sein!« stimmte sie ihm mit Wärme und Lebhaftigkeit bei. »Wenn du das Leid auf dich nehmen wirst, dann lege das Kreuz an. Dann komm zu mir, ich werde es dir umhängen, und dann wollen wir beten und unsern Weg wandeln.«

In diesem Augenblicke wurde dreimal an die Tür geklopft.

»Sofja Semjonowna, darf ich eintreten?« fragte eine sehr bekannte, höfliche Stimme.

Sonja lief erschrocken zur Tür. Herrn Lebesjatnikows hellblonder Kopf blickte in das Zimmer herein.

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