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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Schuld und Sühne - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Dostojewski
titleSchuld und Sühne
publisherAufbau Verlag
year1956
translatorH. Röhl
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050727
modified20170607
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III

»Pjotr Petrowitsch!« schrie sie. »Schützen Sie mich! Machen Sie dieser dummen Kreatur klar, daß sie sich nicht unterstehen darf, sich gegen eine vornehme Dame, die ins Unglück geraten ist, so zu benehmen; sagen Sie ihr, daß es ein Gericht gibt . . . An den Generalgouverneur selbst werde ich mich wenden . . . Sie wird sich zu verantworten haben . . . Gedenken Sie der Gastfreundschaft, die Sie bei meinem Vater genossen haben, und schützen Sie uns in unserer Verlassenheit!«

»Erlauben Sie, Madame . . . Erlauben Sie, erlauben Sie, Madame«, wehrte Pjotr Petrowitsch sie von sich ab. »Ihren Herrn Vater habe ich, wie Sie wissen, gar nicht die Ehre gehabt zu kennen . . . Erlauben Sie, Madame!« (Hier lachte jemand laut auf.) »Und mich in Ihre ewigen Zänkereien mit Amalia Iwanowna einzumengen liegt durchaus nicht in meiner Absicht . . . Mich führt eine eigne Angelegenheit her, und ich möchte sofort mit Ihrer Stieftochter Sofja . . . Iwanowna sprechen, so ist ja wohl der Name. Erlauben Sie mir, näherzutreten.«

Nach diesen Worten ging Pjotr Petrowitsch seitwärts um Katerina Iwanowna herum und begab sich in die entgegengesetzte Ecke, wo sich Sonja befand.

Katerina Iwanowna blieb, wie vom Donner gerührt, starr auf demselben Fleck stehen. Es war ihr unbegreiflich, wie Pjotr Petrowitsch in Abrede stellen konnte, bei ihrem Papa Gastfreundschaft genossen zu haben. Nachdem sie sich die Geschichte von dieser Gastfreundschaft einmal ausgedacht hatte, glaubte sie selbst steif und fest daran. Und Pjotr Petrowitschs geschäftsmäßiger, trockner Ton, in dem sogar etwas Verächtliches, Drohendes lag, versetzte sie in Bestürzung. Auch die anderen Anwesenden waren bei seinem Erscheinen alle allmählich still geworden. Ganz abgesehen davon, daß dieser »ernste Geschäftsmann« einen schneidenden Kontrast gegen die ganze übrige Gesellschaft bildete, war auch klar, daß er aus irgendeinem wichtigen Anlasse gekommen war, daß nur eine außerordentliche Ursache ihn in diese Gesellschaft hatte führen können und daß somit gleich etwas passieren mußte. Raskolnikow, der neben Sonja stand, trat zur Seite, um ihn vorbeizulassen; Pjotr Petrowitsch bemerkte ihn anscheinend gar nicht. Einen Augenblick darauf erschien auch Lebesjatnikow auf der Schwelle; ins Zimmer hinein kam er nicht, sondern blieb, lebhaft interessiert, beinahe verwundert, dort stehen; er hörte zu, schien aber lange Zeit aus dem, was da vorging, nicht klug zu werden.

»Entschuldigen Sie, wenn ich vielleicht störe; aber es ist eine ziemlich wichtige Angelegenheit«, bemerkte Pjotr Petrowitsch für alle Anwesenden, ohne sich an jemand im besonderen zu wenden. »Es ist mir sogar recht erwünscht, eine größere Zuhörerschaft zu haben. Amalia Iwanowna, ich bitte Sie in Ihrer Eigenschaft als Wirtin der Wohnung ganz ergebenst, dem Gespräche, das ich jetzt mit Sofja Iwanowna führen werde, Ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Sofja Iwanowna«, fuhr er fort, indem er sich nunmehr direkt an die höchst erstaunte und schon im voraus erschrockene Sonja wandte, »von meinem Tische im Zimmer meines Freundes Andrej Semjonowitsch Lebesjatnikow ist, wie sich unmittelbar nach Ihrem Besuche herausgestellt hat, eine mir gehörige Banknote im Werte von hundert Rubel verschwunden. Wenn Sie auf irgendwelche Weise wissen und uns zeigen, wo sie sich jetzt befindet, so versichere ich Ihnen mit meinem Ehrenworte und nehme alle Anwesenden dafür als Zeugen, daß die Sache damit abgetan sein wird. Im entgegengesetzten Falle werde ich mich genötigt sehen, zu sehr ernsten Maßregeln zu greifen, und dann . . . würden Sie sich den Schaden selbst zuzuschreiben haben.«

Im Zimmer herrschte absolutes Schweigen. Sogar die weinenden Kinder waren still geworden. Sonja stand leichenblaß da, blickte Lushin an und war unfähig, etwas zu antworten. Sie schien ihn noch gar nicht verstanden zu haben. So vergingen einige Sekunden.

»Nun also, wie ist's?« fragte Lushin und blickte sie fest an.

»Ich weiß nicht . . . ich weiß von nichts . . .«, erwiderte Sonja endlich mit schwacher Stimme.

»Nicht? Sie wissen es nicht?« fragte Lushin noch einmal und schwieg wieder ein paar Sekunden. »Besinnen Sie sich, Mademoiselle«, fuhr er dann in strengem Tone fort, aber immer noch so, als ob er ihr ins Gewissen redete, »denken Sie nach; ich bin gern bereit, Ihnen noch etwas Zeit zur Überlegung zu lassen. Bitte, erwägen Sie dies: wenn ich nicht so fest überzeugt wäre, so hätte ich als erfahrener Mann selbstverständlich nicht gewagt, Sie so geradezu zu beschuldigen; denn für eine derartige direkte, öffentliche Beschuldigung würde ich, wenn sie lügenhaft oder auch nur irrtümlich wäre, selbst in gewissem Sinne verantwortlich sein; das weiß ich sehr wohl. Heute morgen habe ich für meine persönlichen Bedürfnisse einige fünfprozentige Staatsschuldscheine, zusammen im Nominalwerte von dreitausend Rubel, verkauft. Die Berechnung darüber steht in meinem Notizbuche eingetragen. Als ich nach Hause gekommen war, begann ich – das kann Andrej Semjonowitsch bezeugen – das Geld nachzuzählen, und nachdem ich zweitausenddreihundert Rubel abgezählt hatte, steckte ich diese Summe in meine Brieftasche und die Brieftasche in die Seitentasche meines Rockes. Auf dem Tische blieben gegen fünfhundert Rubel liegen, in Banknoten, darunter drei Banknoten zu je hundert Rubel. In diesem Augenblicke kamen Sie, auf meine Aufforderung hin, herein und befanden sich dann während der ganzen Zeit Ihres Zusammenseins mit mir in auffallender Aufregung, so daß Sie sogar dreimal mitten im Gespräche aufstanden und ohne verständlichen Grund eilig weggehen wollten, obgleich unsere Unterredung noch nicht beendet war. Alles dies kann Andrej Semjonowitsch bezeugen. Wahrscheinlich werden Sie selbst, Mademoiselle, sich nicht weigern, als wahr zuzugeben und anzuerkennen, daß ich Sie durch Andrej Semjonowitsch einzig und allein zu dem Zwecke zu mir rufen ließ, um mit Ihnen über die hilflose, verzweifelte Lage Ihrer Stiefmutter Katerina Iwanowna, zu der ich nicht zum Gedächtnismahle kommen konnte, Rücksprache zu nehmen und mit Ihnen zu erwägen, ob es sich nicht empfehlen würde, zu ihren Gunsten eine Kollekte, eine Lotterie oder dergleichen zu veranstalten. Sie haben mir gedankt und sogar Tränen vergossen (ich erzähle alles so, wie es sich zugetragen hat, erstens um Sie daran zu erinnern, und zweitens um Ihnen zu zeigen, daß auch nicht die geringste Einzelheit meinem Gedächtnisse entschwunden ist). Hierauf nahm ich einen Zehnrubelschein vom Tische und händigte ihn Ihnen zugunsten Ihrer Stiefmutter als meinen persönlichen Beitrag und als eine erste Beihilfe ein. Dies alles hat Andrej Semjonowitsch gesehen. Darauf begleitete ich Sie bis an die Tür, wobei an Ihnen noch immer dieselbe Aufregung zu bemerken war. Als ich dann mit Andrej Semjonowitsch allein geblieben war, unterhielt ich mich etwa zehn Minuten lang mit ihm, worauf er hinausging. Nun trat ich von neuem zu dem Tische und dem darauf liegenden Gelde, in der Absicht, es nochmals nachzuzählen und dann, wie ich mir schon vorher vorgenommen hatte, gesondert zu verwahren. Zu meinem Erstaunen fehlte unter den Banknoten ein Hundertrubelschein. Ich bitte also, überlegen Sie sich die Sache; auf Andrej Semjonowitsch kann ich unter keinen Umständen Verdacht haben; schon des bloßen Gedankens daran schäme ich mich. Auch kann ich mich nicht in der Berechnung geirrt haben, da ich, kurz bevor Sie kamen, mit der ganzen Berechnung fertig geworden war und das Resultat richtig befunden hatte. Sie werden selbst zugeben müssen: wenn ich an Ihre Aufregung und an Ihre Eile, fortzukommen, denke, sowie daran, daß Sie Ihre Hände eine Zeitlang auf dem Tische liegen hatten, und wenn ich ferner Ihre gesellschaftliche Stellung und die damit verknüpften Gewohnheiten in Betracht ziehe, so sehe ich mich sozusagen zu meinem eigenen Schrecken und sogar wider meinen Willen genötigt, bei diesem Verdachte zu verharren, der allerdings entsetzlich, aber – begründet ist! Ich füge hinzu und wiederhole noch einmal: Trotz meiner bestimmten Überzeugung muß ich mir doch sagen, daß meine jetzige Beschuldigung ein gewisses Risiko für mich einschließt. Aber wie Sie sehen, habe ich doch nicht schweigen mögen; ich bin gegen Sie aufgetreten und will Ihnen auch den Grund sagen: einzig und allein, Mademoiselle, einzig und allein wegen Ihres schwarzen Undanks! Wie? Ich lade Sie im Interesse Ihrer armen Stiefmutter zu einer Besprechung ein; ich überreiche Ihnen eine meinen Verhältnissen entsprechende Gabe von zehn Rubel, und Sie danken mir gleich auf demselben Fleck, gleich in demselben Augenblick für all dies durch eine derartige Handlungsweise! Nein, das ist denn doch gar zu häßlich! Dafür müssen Sie eine Lektion erhalten. Nun überlegen Sie; ja, als Ihr aufrichtiger Freund (denn einen bessern Freund können Sie in diesem Augenblicke nicht haben) bitte ich Sie: kommen Sie zur Besinnung! Sonst werde ich unerbittlich sein! Nun, wie ist's?«

»Ich habe Ihnen nichts weggenommen«, flüsterte Sonja in höchstem Entsetzen. »Sie haben mir zehn Rubel gegeben; hier, bitte, nehmen Sie sie zurück.«

Sie zog ihr Taschentuch aus der Tasche, suchte den Knoten, knüpfte ihn auf, nahm den Zehnrubelschein heraus und hielt ihn Lushin hin.

»Und wegen der übrigen hundert Rubel wollen Sie kein Geständnis ablegen?« sagte er im Tone des Vorwurfs und der eindringlichen Mahnung, ohne die Banknote zu nehmen.

Sonja blickte um sich. Alle schauten mit so furchtbaren, strengen, spöttischen, feindseligen Gesichtern nach ihr hin. Sie richtete ihre Augen auf Raskolnikow, . . . dieser stand an der Wand, die Arme über der Brust verschränkt, und sah sie mit flammendem Blicke an.

»O Gott!« stöhnte sie unwillkürlich auf.

»Amalia Iwanowna, es wird erforderlich sein, die Polizei zu benachrichtigen, und deshalb bitte ich Sie ergebenst, zunächst den Hausknecht rufen zu lassen«, sagte Lushin leise und sogar in freundlichem Tone.

»Gott der Barmherzige! Das habe ich mir doch gedacht, daß sie stiehlt!« rief Amalia Iwanowna und schlug die Hände zusammen.

»So? Das haben Sie sich gedacht?« fragte Lushin schnell. »Also hatten Sie auch früher schon irgendwelche Gründe zu solcher Annahme. Ich bitte Sie, verehrteste Amalia Iwanowna, sich Ihrer Worte zu erinnern, die Sie ja übrigens auch in Gegenwart von Zeugen gesprochen haben.«

Auf allen Seiten erhob sich nun plötzlich lautes Reden. Alle kamen in lebhafte Bewegung.

»Wie? Wie?« schrie auf einmal Katerina Iwanowna, die von ihrer ersten Bestürzung wieder zu sich gekommen war, und stürzte wie ein Hund, der sich von der Kette losgerissen hat, auf Lushin zu. »Wie? Sie beschuldigen sie des Diebstahls? Meine Sonja? Oh, Sie Schurke, Sie Schurke!«

Sie eilte zu Sonja hin und umschlang sie fest, ganz fest mit ihren abgemagerten Armen.

»Sonja, wie hast du die zehn Rubel von ihm annehmen können! Oh, du Einfältige! Gib sie her! Gib gleich diese zehn Rubel her! Da! Nehmen Sie!«

Katerina Iwanowna riß Sonja die Banknote aus der Hand, knüllte sie zu einem Knäuel zusammen und schleuderte ihn, weit ausholend, Lushin gerade ins Gesicht. Der Knäuel traf ihn ins Auge und fiel zurückprallend auf den Fußboden. Amalia Iwanowna sprang hinzu und hob das Geld auf. Pjotr Petrowitsch wurde zornig.

»Haltet die Verrückte fest!« rief er.

In der Tür erschienen in diesem Augenblicke neben Lebesjatnikow noch einige Personen, zwischen denen auch die beiden neulich angekommenen Damen hervorschauten.

»Wie? Verrückt? Ich soll verrückt sein? Du Esel!« kreischte Katerina Iwanowna. »Du bist selbst ein Esel, ein Rechtsverdreher, ein grundgemeiner Mensch! Sonja, Sonja wird ihm Geld wegnehmen! Sonja eine Diebin! Eher könnte sie dir etwas geben, du Esel!« Katerina Iwanowna brach in ein hysterisches Lachen aus. »Habt ihr schon je einen solchen Esel gesehen?« wandte sie sich ringsum an alle und zeigte auf Lushin. »Wie? Du auch?« Es fiel ihr gerade die Wirtin in die Augen. »Du altes Hökerweib, auch du willst das bestätigen, daß sie gestohlen hat? Du greulicher preußischer Affe in der großen Krinoline! Oh, ihr Lumpenbande! Sie ist ja seitdem gar nicht aus dem Zimmer hinausgegangen; gleich als sie von dir, du Schurke, zurückkam, hat sie sich ganz in meiner Nähe an den Tisch gesetzt; das haben alle gesehen. Da neben Rodion Romanowitsch hat sie gesessen! Also visitiert sie doch! Da sie nirgends hingegangen ist, müßte sie ja das Geld noch bei sich haben! Visitiere sie nur, visitiere sie nur! Aber wenn du nichts findest, Freundchen, dann sollst du zur Verantwortung gezogen werden! Zum Zaren, zum Zaren selbst laufe ich hin; er ist barmherzig; ich werfe mich ihm zu Füßen, gleich, heute noch! Ich bin ein schutzloses Weib! Man wird mich vorlassen! Denkst du etwa, ich werde nicht vorgelassen werden? Da irrst du dich, ich werde schon zu ihm gelangen! Du hast wohl darauf gerechnet, daß sie so schüchtern ist? Darauf hast du wohl deine Hoffnung gesetzt? Aber dafür bin ich um so kühner, Brüderchen! Du wirst den kürzeren ziehen! So visitiere sie doch! Immer zu! Nur zu!«

Und Katerina Iwanowna packte in ihrer Wut Lushin an und zerrte ihn zu Sonja hin.

»Ich bin bereit, es darauf ankommen zu lassen, und will die Verantwortung auf mich nehmen, . . . aber benehmen Sie sich ruhiger, Madame, benehmen Sie sich ruhiger. Daß Sie kühn sind, sehe ich nur zu gut . . . Indessen, eine Visitierung, . . . das . . . das . . . geht doch nicht so«, murmelte Lushin, »das muß in Gegenwart der Polizei geschehen, . . . es sind ja freilich auch jetzt Zeugen genug vorhanden . . . Ich bin bereit, es darauf ankommen zu lassen . . . Aber in jedem Falle ist das für einen Mann eine mißliche Sache, . . . wegen des Geschlechts . . . Wenn es unter Amalia Iwanownas Beihilfe geschehen könnte, . . . allerdings ist das kein ordnungsmäßiges Verfahren . . . Sicherlich nicht!«

»Bestimmen Sie selbst, wer sie visitieren soll! Mag es tun, wer da will!« schrie Katerina Iwanowna. »Sonja, wende ihnen deine Taschen um! Da, da! Sieh, du Scheusal, da, sie ist leer, hier steckte das Taschentuch drin, die Tasche ist leer, siehst du! Da ist die andre Tasche, da, da! Siehst du, siehst du!«

Dabei wandte Katerina Iwanowna die beiden Taschen nacheinander um oder riß sie vielmehr nach außen. Aber aus der zweiten, der rechten Tasche, flog plötzlich eine Banknote heraus, beschrieb in der Luft einen Bogen und fiel dann vor Lushins Füßen auf den Boden. Alle hatten es gesehen; viele schrien auf. Pjotr Petrowitsch bückte sich, nahm die Banknote mit zwei Fingern vom Fußboden auf, hob sie in die Höhe, so daß es alle sahen, und faltete sie auseinander. Es war ein auf den achten Teil seiner Größe zusammengelegter Hundertrubelschein. Pjotr Petrowitsch bewegte seinen Arm im Kreise herum und zeigte die Banknote allen.

»Eine Diebin! Hinaus aus der Wohnung! Polizei, Polizei!« heulte Amalia Iwanowna. »Nach Sibirien müssen sie geschickt werden! Hinaus!«

Von allen Seiten erschollen Ausrufe des Staunens und der Entrüstung. Raskolnikow schwieg und wendete die Augen nicht von Sonja ab; nur selten warf er Lushin einen schnellen Blick zu. Sonja stand wie besinnungslos immer noch auf demselben Fleck; sie schien kaum erstaunt zu sein. Plötzlich übergoß eine glühende Röte ihr ganzes Gesicht; sie schrie auf und verbarg das Gesicht in den Händen.

»Nein, ich bin es nicht gewesen! Ich habe nichts genommen! Ich weiß von nichts!« rief sie mit einem herzzerreißenden Aufschrei und stürzte zu Katerina Iwanowna hin.

Diese schlang die Arme um sie und drückte sie fest an sich, als wollte sie sie mit ihrer Brust gegen alle verteidigen.

»Sonja, Sonja, ich glaube es nicht! Siehst du wohl, ich glaube es nicht!« rief sie, allem Augenschein zum Trotz, preßte sie immer wieder an sich wie ein Kind, küßte sie unzählige Male, ergriff ihre Hände und bedeckte auch diese mit heißen Küssen. »Du solltest das genommen haben? Ach, was sind das für dumme Menschen! O Gott! Dumm seid ihr, dumm!« rief sie, zu allen gewendet. »Ihr wißt noch gar nicht, ihr habt keine Ahnung davon, was für ein Herz sie hat, ein wie gutes Mädchen sie ist! Sie sollte jemandem etwas wegnehmen, sie! Eher zieht sie sich das letzte Kleid vom Leibe und verkauft es und geht barfuß und gibt euch alles hin, wenn ihr in Not seid; so ist sie! Auch den gelben Schein hat sie nur deshalb genommen, weil meine Kinder vor Hunger umkamen; um unsertwillen hat sie sich verkauft! . . . Ach, du Dahingeschiedener! Ach, du Dahingeschiedener! Siehst du wohl? Siehst du wohl? Das ist nun dein Gedächtnismahl! O Gott! So verteidigt sie doch; was steht ihr alle da? Rodion Romanowitsch! Warum treten denn Sie, Sie nicht für sie ein? Glauben Sie es etwa auch? Ihr alle seid nicht so viel wert wie ihr kleiner Finger, ihr alle, ihr alle! O Gott! Schütze du sie doch endlich!«

Das Weinen der armen schwindsüchtigen, hilflosen Katerina Iwanowna schien doch auf die Anwesenden starken Eindruck zu machen. Es lag ein solcher Jammer, ein solches Leid in diesem schmerzverzerrten, abgemagerten, schwindsüchtigen Gesichte, in diesen eingeschrumpften, noch blutigen Lippen, in dieser heiser kreischenden Stimme, in diesem aufschluchzenden Weinen, das wie Kinderweinen klang, in diesem vertrauensvollen, kindlichen und dabei doch verzweifelten Flehen um Schutz, daß, wie es schien, alle mit der Unglücklichen Mitleid empfanden. Pjotr Petrowitsch wenigstens beeilte sich, »sein Bedauern auszusprechen«.

»Madame, Madame!« rief er mit erhobener Stimme. »Sie selbst werden ja durch das Geschehene gar nicht berührt! Niemand beschuldigt Sie der Anstiftung oder der Teilnehmerschaft, um so weniger, als Sie ja durch das Umwenden der Taschen die Überführung bewerkstelligt haben; daraus geht ja klar hervor, daß Sie nichts Übles vermuteten. Ich bin bereit, mein außerordentliches Bedauern auszusprechen, wenn, um mich so auszudrücken, es die bittre Armut gewesen ist, wodurch sich Sofja Semjonowna hat verleiten lassen; aber warum, Mademoiselle, wollten Sie denn kein Geständnis ablegen? Fürchteten Sie die Schande? Es war wohl Ihr erster Schritt gewesen? Sie waren vielleicht zu fassungslos? Alles begreiflich, sehr begreiflich! . . . Aber andrerseits, warum haben Sie sich auch auf solche Dinge eingelassen? Meine Herrschaften!« wandte er sich an alle Anwesenden, »meine Herrschaften! Aus Mitleid und sozusagen aus Teilnahme an diesem Schmerze bin ich bereit zu verzeihen, selbst jetzt noch, trotz der persönlichen Beleidigungen, die mir widerfahren sind. Möge Ihnen, Mademoiselle, die jetzige Beschämung als Lehre für die Zukunft dienen«, wandte er sich an Sonja; »ich meinerseits werde von weiteren Maßregeln absehen; meinetwegen mag die Sache hiermit abgetan sein. Also genug davon!«

Pjotr Petrowitsch schielte verstohlen zu Raskolnikow hin; ihre Blicke begegneten einander. Raskolnikows flammender Blick drohte den andern zu Asche zu verbrennen. Katerina Iwanowna schien überhaupt nichts mehr gehört zu haben; sie umarmte und küßte Sonja wie eine Wahnsinnige. Auch die Kinder umschlangen von allen Seiten Sonja mit ihren Ärmchen, und Polenjka, die übrigens nicht recht verstand, worum es sich handelte, war ganz in Tränen aufgelöst, verging fast vor Schluchzen und verbarg ihr vom Weinen geschwollenes hübsches Gesichtchen an Sonjas Schulter.

»Ist das eine Gemeinheit!« rief plötzlich eine laute Stimme in der Tür.

Pjotr Petrowitsch blickte sich hastig um.

»Ist das eine Gemeinheit!« sagte Lebesjatnikow noch einmal und blickte ihm unverwandt in die Augen.

Pjotr Petrowitsch zuckte ordentlich zusammen. Alle bemerkten es und erinnerten sich dessen später. Lebesjatnikow trat ins Zimmer herein.

»Und Sie haben sich erdreistet, mich als Zeugen anzurufen?« sagte er, indem er auf Pjotr Petrowitsch zutrat.

»Was soll das bedeuten, Andrej Semjonowitsch? Wovon reden Sie?« murmelte dieser.

»Das bedeutet, daß Sie ein Verleumder sind! Das habe ich gemeint!« sagte Lebesjatnikow erregt und blickte ihn zornig mit seinen schwachsichtigen Augen an.

Er war furchtbar ergrimmt. Raskolnikow ließ keinen Blick von ihm, als ob er jedes Wort auffinge und auf die Waagschale legte. Wieder herrschte Schweigen. Pjotr Petrowitsch hatte fast ganz seine Fassung verloren, namentlich im ersten Augenblick.

»Wenn Sie mir damit . . .«, begann er stotternd. »Aber was haben Sie denn? Sind Sie bei Sinnen?«

»Ich bin schon bei Sinnen; aber Sie sind ein Schurke! Ach, was ist das für eine Gemeinheit! Ich habe hier jetzt den ganzen Vorgang mit angehört; ich habe absichtlich immer noch gewartet, um über die Sache völlig klarzuwerden; denn ich muß gestehen, selbst jetzt durchschaue ich den logischen Zusammenhang noch nicht ganz . . . Warum haben Sie denn eigentlich das alles getan? Das ist mir unbegreiflich!«

»Aber was soll ich denn getan haben? So hören Sie doch auf, in sinnlosen Rätseln zu sprechen! Oder sind Sie vielleicht betrunken?«

»Sie mögen vielleicht trinken, Sie gemeiner Mensch, ich nicht. Ich trinke überhaupt nie Schnaps, weil das meinen ganzen Anschauungen widerstreitet! Denken Sie sich«, hier wandte Lebesjatnikow sich an alle Anwesenden, »er selbst hat eigenhändig diesen Hundertrubelschein Sofja Semjonowna gegeben. Ich habe es gesehen, ich bin Zeuge, ich kann es beschwören! Er selbst, er selbst!«

»Sie sind wohl übergeschnappt, Sie Milchbart?« kreischte Lushin. »Da steht sie Ihnen ja selbst persönlich gegenüber, und sie selbst hat hier soeben in Gegenwart aller ausgesagt, daß sie außer den zehn Rubeln nichts von mir bekommen hat. Wie können Sie denn da behaupten, daß ich ihr den Schein gegeben hätte?«

»Ich habe es gesehen, ich habe es gesehen!« rief Lebesjatnikow nachdrücklich. »Und obwohl das Schwören meinen Anschauungen widerstreitet, so bin ich doch bereit, sofort vor Gericht jeden beliebigen Eid darauf abzulegen; denn ich habe gesehen, wie Sie ihr die Banknote heimlich zusteckten! Nur dachte ich Dummkopf, Sie wollten ihr damit eine Wohltat erweisen! Als Sie sich in der Tür von ihr verabschiedeten und sie sich umwandte und Sie ihr mit der einen Hand die Hand drückten, da haben Sie mit der andern Hand, mit der linken, ihr heimlich die Banknote in die Tasche gesteckt. Ich habe es gesehen, ich habe es gesehen!«

Lushin wurde blaß.

»Was schwatzen Sie da zusammen!« schrie er dreist. »Wie hätten Sie überhaupt, da Sie doch am Fenster standen, die Banknote erkennen können! Das war wohl eine Augentäuschung; Sie mit Ihrer Kurzsichtigkeit! Sie faseln!«

»Nein, es war keine Augentäuschung! Und obwohl ich weit weg stand, so habe ich doch alles gesehen, ja, alles; und obwohl es vom Fenster aus allerdings schwer war, die Banknote zu erkennen (darin haben Sie recht), so wußte ich doch infolge eines besonderen Zufalls genau, daß es gerade ein Hundertrubelschein war; denn als Sie Sofja Semjonowna den Zehnrubelschein gaben, da nahmen Sie (das habe ich selbst gesehen) gleichzeitig einen Hundertrubelschein vom Tische. Das habe ich gesehen, weil ich damals gerade in der Nähe stand; und da mir dabei sofort ein bestimmter Gedanke kam, so vergaß ich es nicht, daß Sie die Banknote in der Hand hatten. Sie hatten sie zusammengefaltet und hielten sie die ganze Zeit über in der geschlossenen Hand. Später hatte ich es schon beinahe wieder vergessen; aber als Sie aufstanden, nahmen Sie die Banknote aus der rechten Hand in die linke und hätten sie dabei beinahe fallenlassen; da erinnerte ich mich wieder, weil mir wieder derselbe Gedanke kam, daß Sie ihr nämlich, ohne daß ich es merken sollte, eine Wohltat erweisen wollten. Sie können sich vorstellen, wie ich nun aufpaßte – na, und da sah ich, wie es Ihnen gelang, ihr die Banknote in die Tasche zu schieben. Ich habe es gesehen, ich habe es gesehen, und ich will es beschwören.«

Lebesjatnikow war fast außer Atem gekommen. Von allen Seiten erschollen Ausrufe verschiedener Art, meistens des Staunens; jedoch waren auch solche darunter, die einen drohenden Ton annahmen. Alle drängten sich zu Pjotr Petrowitsch hin. Katerina Iwanowna stürzte auf Lebesjatnikow zu.

»Andrej Semjonowitsch! Ich habe Sie verkannt! Beschützen Sie sie! Sie sind der einzige, der für sie eintritt! Sie ist eine Waise; Gott hat Sie ihr gesandt! Andrej Semjonowitsch, bester Freund, Väterchen!«

Bei diesen Worten warf sich Katerina Iwanowna, die kaum noch wußte, was sie tat, vor ihm auf die Knie.

»So ein Blödsinn!« schrie Lushin, rasend vor Wut. »Sie schwatzen Blödsinn, mein Herr! . . . ›Ich vergaß, ich erinnerte mich, ich erinnerte mich, ich vergaß‹, was hat das für Wert! Also ich hätte ihr die Banknote absichtlich zugesteckt? Wozu? Welchen Zweck sollte ich dabei gehabt haben? Was habe ich zu schaffen mit dieser . . .«

»Wozu? Das ist es ja eben, was ich selbst nicht verstehe; aber daß ich eine wahre Tatsache erzähle, das ist sicher! Ich irre mich ganz und gar nicht, Sie abscheulicher Mensch, Sie Verbrecher; ganz im Gegenteil erinnere ich mich genau, wie mir aus diesem Anlaß gleich damals eine bestimmte Frage in den Kopf kam, nämlich als ich Ihnen dankte und Ihnen die Hand drückte. Ich fragte mich nämlich, warum Sie es ihr eigentlich heimlich in die Tasche gesteckt hätten. Das heißt, warum gerade heimlich? Sollten Sie das wirklich nur deswegen getan haben, weil Sie es vor mir verheimlichen wollten, da Sie wußten, daß ich der entgegengesetzten Meinung bin und die private Wohltätigkeit verwerfe, die ja doch nie eine radikale Heilung herbeiführt? Na, ich kam schließlich zu der Meinung, Sie möchten sich wohl tatsächlich vor mir darüber schämen, daß Sie einen solchen Batzen Geld weggäben, und außerdem dachte ich, Sie wollten ihr vielleicht eine Überraschung bereiten und sie in Staunen versetzen, wenn sie in ihrer Tasche volle hundert Rubel fände; denn manche Wohltäter lieben es sehr, ihren Wohltaten in solcher Weise noch einen besonderen Anstrich zu geben; das weiß ich recht wohl. Dann kam mir auch der Gedanke, daß Sie sie vielleicht auf die Probe stellen wollten, ob sie wohl, wenn sie das Geld fände, kommen würde, um sich zu bedanken. Dann, daß Sie vielleicht dem Danke aus dem Wege gehen wollten, . . . na, wie man so sagt, daß die rechte Hand nicht wissen soll, . . . kurz, etwas in dieser Art. Nun also, es kamen mir damals eine ganze Menge verschiedener Gedanken in den Sinn, so daß ich beschloß, über alles dies später nachzudenken; ich hielt es aber für taktlos, Ihnen gegenüber zu äußern, daß ich um Ihr Geheimnis wisse. Gleich darauf jedoch fiel mir ein, Sofja Semjonowna könnte am Ende gar das Geld verlieren, ehe sie von seinem Vorhandensein etwas gemerkt hätte; darum beschloß ich, hierherzugehen, sie herauszurufen und ihr mitzuteilen, daß ihr ein Hundertrubelschein in die Tasche gesteckt worden sei. Da ich aber dabei an dem Zimmer der Kobyljatnikowschen Damen vorbeikam, so ging ich vorher noch zu ihnen hinein, um ihnen die ›Allgemeine Kritik der positiven Methode‹ zu überbringen und ihnen besonders einen Artikel von Piderit (übrigens auch einen von Wagner) zu empfehlen; dann kam ich hierher und wurde hier Zeuge dieser abscheulichen Szene! Hätte ich denn nun alle diese Gedanken haben, alle diese Überlegungen anstellen können, wenn ich nicht tatsächlich gesehen hätte, daß Sie ihr die hundert Rubel in die Tasche steckten?«

Als Andrej Semjonowitsch seine wortreichen Erläuterungen mit einer so logischen Folgerung abgeschlossen hatte, war er ganz matt geworden, und der Schweiß rann ihm vom Gesichte. Denn leider besaß er nicht die Fähigkeit, seine Gedanken auf russisch klar und deutlich darzulegen (übrigens beherrschte er auch keine andere Sprache), so daß er jetzt nach seiner sachwalterischen Großtat auf einmal ganz erschöpft war; ja, es sah sogar so aus, als ob er davon magerer geworden wäre. Trotzdem hatte sein Rede ganz außerordentlich gewirkt. Er hatte mit so lebhaftem Affekt und in so echtem Tone eigener Überzeugung gesprochen, daß ihm offenbar alle glaubten. Pjotr Petrowitsch fühlte, daß seine Sache schlecht stand.

»Was kümmert es mich, was Ihnen da für dumme ›Fragen‹ in den Kopf gekommen sind«, rief er. »Das ist kein Beweis! Das können Sie alles geträumt haben; weiter nichts! Und ich sage Ihnen, mein Herr, daß Sie lügen! Sie lügen und verleumden mich, weil Sie auf mich wütend sind, namentlich aus Ärger darüber, daß ich von Ihren freidenkerischen, gottlosen sozialen Plänen nichts wissen wollte. Das ist der ganze Grund!«

Aber diese Ausrede brachte ihm keinen Nutzen; im Gegenteil, auf allen Seiten wurde ein unwilliges Murren laut.

»Aha, so willst du dich herausreden!« rief Lebesjatnikow. »Aber da irrst du dich! Rufe nur die Polizei, dann will ich einen Eid schwören! Nur das eine kann ich nicht begreifen: warum er eine so gemeine Handlung riskiert hat! So ein abscheulicher, niederträchtiger Mensch!«

»Ich kann es erklären, warum er eine solche Handlung gewagt hat, und werde nötigenfalls auch meinerseits einen Eid ablegen«, sagte nun endlich Raskolnikow mit fester Stimme und trat vor.

Er war anscheinend ruhig und festen Sinnes. Schon bei seinem bloßen Anblicke wurde es allen klar, daß er wirklich wußte, wie die Sache zusammenhing, und daß die Lösung des Rätsels jetzt erfolgen werde.

»Jetzt ist mir alles völlig verständlich geworden«, fuhr Raskolnikow fort und wandte sich dabei direkt an Lebesjatnikow. »Gleich vom Beginne dieser Szene an argwöhnte ich, daß irgendein schändlicher Betrug dahinterstecke; dieser Argwohn gründete sich auf gewisse besondere Umstände, die allein mir bekannt sind und die ich sofort allen darlegen werde; aus diesen Umständen erklärt sich die ganze Sache. Sie, Andrej Semjonowitsch, haben mir durch Ihre wertvolle Aussage zu einem restlosen Verständnis verholfen. Ich bitte alle, alle, mir zuzuhören. Dieser Herr« (er zeigte auf Lushin) »verlobte sich vor kurzem mit einem jungen Mädchen, nämlich mit meiner Schwester Awdotja Romanowna Raskolnikowa. Aber nach seiner Ankunft in Petersburg geriet er vorgestern bei unserm ersten Zusammensein in Streit mit mir, und ich wies ihm die Tür, wofür ich zwei Zeugen habe. Er hat einen sehr schlechten Charakter . . . Vorgestern wußte ich noch nicht, daß er hier in dieser Wohnung bei Ihnen, Andrej Semjonowitsch, logiert und daß er somit an demselben Tage, wo wir den Streit gehabt hatten, das heißt vorgestern, Zeuge war, wie ich als Freund des verstorbenen Herrn Marmeladow seiner Gattin Katerina Iwanowna etwas Geld zum Begräbnisse übergab. Er schrieb sofort einen Brief an meine Mutter und teilte ihr mit, ich hätte das Geld nicht Katerina Iwanowna, sondern Sofja Semjonowna gegeben, und bediente sich dabei der gemeinsten Ausdrücke über . . . über Sofja Semjonownas Charakter, das heißt, er machte Andeutungen über die Art meiner Beziehungen zu Sofja Semjonowna – alles das, wie Sie leicht selbst sehen, mit der Absicht, mich mit meiner Mutter und meiner Schwester zu verfeinden, wenn er sie zu dem Glauben brächte, daß ich ihr letztes Geld, womit sie mich unterstützt hatten, zu unwürdigen Zwecken vergeudete. Gestern abend stellte ich meiner Mutter und meiner Schwester gegenüber in seiner Gegenwart die Wahrheit fest, indem ich bewies, daß ich das Geld Katerina Iwanowna zur Bestreitung der Begräbniskosten, und nicht Sofja Semjonowna, übergeben habe und daß ich mit Sofja Semjonowna vorgestern überhaupt noch nicht bekannt war und sie vorher sogar noch nie gesehen hatte. Dabei fügte ich hinzu, daß er, Pjotr Petrowitsch Lushin, trotz all seiner vorzüglichen Fähigkeiten noch nicht so viel wert sei wie der kleine Finger von Sofja Semjonowna, über die er so abfällig gesprochen habe. Auf seine Frage, ob ich wohl Sofja Semjonowna auffordern würde, neben meiner Schwester Platz zu nehmen, antwortete ich, daß ich es bereits an eben dem Tage getan hätte. Erbittert darüber, daß meine Mutter und meine Schwester nicht auf seine Verleumdungen hin sich mit mir verfeinden wollten, sagte er ihnen im weiteren Wortwechsel unverzeihliche Frechheiten. Es kam zu einem vollständigen Bruche, und er wurde aus dem Hause gewiesen. Alles dies begab sich gestern abend. Jetzt bitte ich Sie, ganz besonders aufzumerken: Stellen Sie sich vor, es wäre ihm jetzt gelungen, zu beweisen, daß Sofja Semjonowna eine Diebin sei, so hätte er doch damit zugleich meiner Mutter und meiner Schwester bewiesen, daß er mit seiner üblen Beurteilung nahezu recht gehabt habe und daß er mit Fug und Recht über die von mir vorgenommene Gleichstellung meiner Schwester mit Sofja Semjonowna empört gewesen sei und daß er somit durch einen Angriff auf mich die Ehre meiner Schwester, seiner Braut, verteidigt und geschützt habe. Kurz, durch alles dies hätte er mich mit meinen Angehörigen entzweien können, und er hoffte bestimmt, auf diese Art wieder mit ihnen in ein freundliches Verhältnis zu gelangen. Davon will ich schon gar nicht einmal reden, daß er sich dabei auch an mir persönlich rächen wollte, weil er Grund zu der Annahme hatte, daß Sofja Semjonownas Ehre und Glück mir sehr teuer seien. Das also war sein ganzer wohlüberlegter Plan! So fasse ich die Sache auf. Das war der ganze Grund für sein Handeln; ein anderer kann nicht existieren.«

So oder ungefähr so schloß Raskolnikow seine Rede, die oftmals durch Ausrufe seiner aufmerksamen Zuhörer unterbrochen worden war. Aber trotz aller Unterbrechungen hatte er energisch, ruhig, bestimmt, klar und fest gesprochen. Seine scharfe Stimme, sein überzeugter Ton und sein ernster Gesichtsausdruck machten auf alle einen gewaltigen Eindruck.

»Ja, ja, so muß es gewesen sein!« pflichtete ihm Lebesjatnikow, ganz hingerissen, bei. »So muß es gewesen sein; denn gleich nachdem Sofja Semjonowna zu uns ins Zimmer getreten war, fragte er mich ausdrücklich, ob Sie hier wären, ob ich Sie unter Katerina Iwanownas Gästen gesehen hätte. Er rief mich dazu beiseite, ans Fenster, und fragte mich dort leise. Folglich war ihm für die Ausführung seines Vorhabens Ihre Anwesenheit notwendig. Das ist richtig, das ist alles ganz richtig!«

Lushin schwieg und lächelte verächtlich. Indes sah er sehr blaß aus. Er schien zu überlegen, wie er sich wohl aus der Affäre ziehen könnte. Vielleicht hätte er mit Vergnügen alles auf sich beruhen lassen und wäre davongegangen; aber das war im gegenwärtigen Augenblicke so gut wie unmöglich; damit hätte er geradezu die Richtigkeit der gegen ihn erhobenen Beschuldigungen zugegeben, auch in dem Punkte, daß er Sofja Semjonowna verleumdet habe. Außerdem war das Publikum, das sowieso schon angetrunken war, allzu aufgeregt. Der Proviantbeamte, der übrigens nicht alles verstanden hatte, schrie am allermeisten und brachte einige Maßnahmen in Vorschlag, die für Lushin sehr unangenehm gewesen wären. Es standen aber auch Leute da, die nicht betrunken waren; denn aus allen Zimmern waren die Mieter zusammengeströmt. Die drei Polen zeigten sich besonders ergrimmt und schrien ihm fortwährend zu: »Pan łajdak!« (Sie Lump!), wobei sie noch allerlei Drohungen auf polnisch murmelten. Sonja hatte gespannt zugehört, schien aber gleichfalls nicht alles verstanden zu haben; sie machte den Eindruck, als sei sie soeben aus einer Ohnmacht erwacht. Sie wandte ihre Augen von Raskolnikow nicht ab, in dem Gefühle, daß er ihr einziger Schutz sei. Katerina Iwanowna atmete mühsam und pfeifend und befand sich allem Anscheine nach in einem Zustande furchtbarer Erschöpfung. Am dümmsten stand Amalia Iwanowna da; sie hielt den Mund geöffnet und konnte offenbar aus der Sache absolut nicht schlau werden. Das einzige, was sie begriff, war, daß Pjotr Petrowitsch irgendwie in die Klemme geraten sein müsse. Raskolnikow bat, noch etwas hinzufügen zu dürfen; aber man ließ ihn nicht weiterreden; alle schrien und drängten sich unter Schimpfworten und Drohungen um Lushin herum. Dieser aber zeigte sich nicht feige. Da er sah, daß er bezüglich der gegen Sonja erhobenen Beschuldigung sein Spiel verloren hatte, so nahm er seine Zuflucht ohne weiteres zur Unverschämtheit.

»Erlauben Sie, meine Herren, erlauben Sie; drängen Sie nicht so; lassen Sie mich hindurch!« sagte er, indem er sich durch den Haufen hindurcharbeitete. »Und tun Sie mir den Gefallen, Ihre Drohungen zu unterlassen; ich versichere Ihnen, das ist ganz zwecklos, Sie erreichen dadurch nichts; ängstlich bin ich nicht; im Gegenteil werden Sie, meine Herren, dafür zur Verantwortung gezogen werden, daß Sie ein Kriminalvergehen in Schutz genommen haben. Die Diebin ist völlig überführt, und ich werde die Sache weiter verfolgen. Die Herren vom Gericht sind nicht so blind und . . . nicht betrunken und werden nicht zwei solchen notorischen Gottesleugnern, Revolutionären und Freidenkern Glauben schenken, die mich aus persönlicher Rachsucht beschuldigen, was sie ja in ihrer Dummheit selbst eingestehen . . . Also erlauben Sie!«

»Ziehen Sie sofort aus meinem Zimmer aus und lassen Sie sich nie wieder bei mir blicken; zwischen uns beiden ist alles zu Ende! Und wenn ich bedenke, wie ich mich abgequält habe, ihm unser ganzes System auseinanderzusetzen, . . . volle zwei Wochen lang! . . .«

»Ich habe Ihnen doch vorhin, als Sie mich noch zurückhalten wollten, selbst gesagt, Andrej Semjonowitsch, daß ich auszuziehen beabsichtigte; jetzt füge ich nur noch hinzu, daß Sie ein Dummkopf sind. Ich wünsche Ihnen guten Erfolg für eine Kur Ihrer physischen und geistigen Sehkraft. Erlauben Sie, meine Herren!«

Er drängte sich durch; aber ihn so leichten Kaufs, lediglich unter Schimpfwörtern, wegzulassen, das war nicht im Geschmacke des Proviantbeamten; er nahm ein Glas vom Tische, holte aus und warf damit nach Pjotr Petrowitsch. Indessen flog das Glas Amalia Iwanowna gerade an den Kopf. Sie kreischte auf; der Proviantbeamte aber, der bei dem Schwunge das Gleichgewicht verloren hatte, sank schwerfällig unter den Tisch. Pjotr Petrowitsch begab sich in sein Zimmer und hatte bereits eine halbe Stunde darauf das Haus verlassen. Die von Natur ängstliche Sonja hatte schon von jeher gewußt, daß niemand leichter ins Verderben zu bringen war als sie und daß jeder sie fast straflos beleidigen konnte; trotzdem aber hatte sie es bis auf diese Stunde für möglich gehalten, dem Unglück durch Vorsicht, durch Sanftmut und durch Demut allen und jedem gegenüber zu entgehen. Die jetzige Enttäuschung war ihr gar zu schmerzlich. Sie war allerdings imstande, geduldig und ohne Murren alles, auch dies, zu ertragen; aber im ersten Augenblicke fiel es ihr doch gar zu schwer. Als der erste Schreck und die erste Betäubung vorüber waren und sie alles begriff und sich vergegenwärtigte, da preßte ihr, trotz ihres Triumphes und des völligen Beweises ihrer Schuldlosigkeit, das Gefühl der Hilflosigkeit und der erlittenen Kränkung doch das Herz qualvoll zusammen. Ein Weinkrampf befiel sie. Schließlich konnte sie es nicht länger aushalten; sie stürzte aus dem Zimmer und lief nach Hause. Das geschah, gleich nachdem Lushin weggegangen war. Amalia Iwanowna mochte, als ihr unter lautem Gelächter der Anwesenden das Glas gegen den Kopf flog, es auch nicht ruhig hinnehmen, daß sie so für fremde Sünden büßen sollte. Kreischend stürzte sie wie eine Rasende auf Katerina Iwanowna los, der sie die Schuld an allem beimaß.

»Hinaus aus der Wohnung! Augenblicklich! Marsch, hinaus!«

Mit diesen Worten fing sie an, alles, was ihr von Katerina Iwanownas Sachen unter die Hände kam, auf dem Fußboden auf einen Haufen zusammenzuwerfen. Katerina Iwanowna, ohnehin schon völlig erschöpft, halb ohnmächtig, atemlos und blaß, sprang von dem Bette, auf das sie kraftlos niedergesunken war, in die Höhe und warf sich auf Amalia Iwanowna. Aber der Kampf war zu ungleich; Amalia Iwanowna stieß sie wie eine Feder von sich.

»Wie? Nicht genug daran, daß man uns auf das gottloseste verleumdet hat, will auch diese Kreatur ihr Mütchen an mir kühlen? Wie? Am Begräbnistage meines Mannes, nachdem sie eben an meinem gastlichen Tische gesessen hat, jagt sie mich aus der Wohnung, auf die Straße, mit den vaterlosen Waisen? Ja, wo soll ich denn bleiben?« stöhnte das arme Weib schluchzend und keuchend. »O Gott!« rief sie auf einmal, und ihre Augen funkelten, »gibt es denn keine Gerechtigkeit? Wenn du uns arme Verlassene nicht schützest, wen willst du denn dann schützen? Aber wir wollen einmal sehen! Es gibt noch Recht und Gerechtigkeit auf der Welt, und ich werde sie zu finden wissen! Und sofort! Warte nur, du gottloses Geschöpf! Polenjka, bleibe bei den Kindern; ich komme bald wieder. Wartet auf mich, wenn's nicht anders ist, auf der Straße! Wir wollen doch einmal sehen, ob es noch Gerechtigkeit auf der Welt gibt!«

Katerina Iwanowna warf dasselbe grüne Tuch von drap de dame um den Kopf, das der verstorbene Marmeladow in seiner Erzählung Raskolnikow gegenüber erwähnt hatte, drängte sich durch den wüsten, betrunkenen Schwarm der Gäste hindurch, die noch immer das Zimmer füllten, und lief weinend und wehklagend auf die Straße hinaus, in der festen Absicht, irgendwo sofort unter allen Umständen und um jeden Preis Gerechtigkeit zu finden. Polenjka verkroch sich in ihrer Angst mit den Kindern in die Ecke auf den Kasten, umschlang, am ganzen Leibe zitternd, die beiden Kleinen und wartete so auf die Rückkehr der Mutter. Amalia Iwanowna tobte im Zimmer umher, kreischte, jammerte, schleuderte alles, was ihr in die Hände kam, auf den Fußboden und vollführte einen greulichen Spektakel. Die Mieter schrien durcheinander: manche redeten über das Vorgefallene, soweit sie es verstanden hatten; andere zankten sich und beschimpften sich; einige fingen an zu singen.

»Jetzt wird es auch für mich Zeit«, dachte Raskolnikow. »Nun wollen wir einmal sehen, Sofja Semjonowna, was Sie jetzt sagen werden!«

Er ging nach Sonjas Wohnung.

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