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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Schuld und Sühne - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Dostojewski
titleSchuld und Sühne
publisherAufbau Verlag
year1956
translatorH. Röhl
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050727
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I

Der Morgen, welcher auf die für Pjotr Petrowitsch so verhängnisvolle Aussprache mit Dunja und Pulcheria Alexandrowna folgte, übte auch auf Pjotr Petrowitsch seine ernüchternde Wirkung aus. Das Ereignis, das ihm noch gestern als etwas Phantastisches und, obgleich es sich zugetragen hatte, dennoch sozusagen als ein Ding der Unmöglichkeit erschienen war, dieses Ereignis mußte er zu seinem größten Mißvergnügen allmählich als eine vollendete und nicht mehr rückgängig zu machende Tatsache anerkennen. Die schwarze Schlange der verletzten Eigenliebe hatte die ganze Nacht über an seinem Herzen genagt. Sobald er sich vom Bette erhoben hatte, besah er sich sogleich im Spiegel. Er fürchtete, es könnte ihm die Galle ins Blut getreten sein. In dieser Hinsicht jedoch war vorläufig alles noch in guter Ordnung, und als er sein vornehmes, weißes und in letzter Zeit etwas voller gewordenes Gesicht betrachtete, fühlte er sich sogar für einen Augenblick getröstet, in der festen Überzeugung, daß er wohl auch noch anderwärts eine Braut für sich finden werde, vielleicht sogar eine noch bessere; aber sofort trat auch wieder der Gedanke an die ihm widerfahrene Kränkung in den Vordergrund, und er spuckte energisch seitwärts aus, wodurch er ein stillschweigendes, aber spöttisches Lächeln bei seinem jungen Freunde und Stubengenossen Andrej Semjonowitsch Lebesjatnikow hervorrief. Pjotr Petrowitsch bemerkte dieses Lächeln und notierte es sich in Gedanken, um es seinem jungen Freunde bei Gelegenheit heimzuzahlen. So hatte er ihm in der letzten Zeit schon gar manches zu diesem Zwecke aufs Kerbholz gesetzt. Sein Ärger wuchs noch mehr, als er auf einmal zu der Einsicht kam, daß es gestern töricht von ihm gewesen war, von dem Ausgange seines Gesprächs mit der Familie Raskolnikow diesem Andrej Semjonowitsch Mitteilung zu machen. Das war der zweite Fehler, der ihm gestern passiert war; er hatte ihn in der Erregung, in einem überflüssigen Drange, sich auszusprechen, und infolge seiner gereizten Stimmung begangen . . . Weiter folgte nun an diesem Vormittag, gerade als ob das Schicksal es darauf angelegt hätte, eine Unannehmlichkeit auf die andre. Sogar beim Senat hatte er einen Mißerfolg in der Angelegenheit, die er betrieb. In besondere Entrüstung aber geriet er über den Hauswirt, von dem er im Hinblick auf seine baldige Verheiratung eine Wohnung gemietet hatte, die er bereits auf eigene Kosten hatte instand setzen lassen. Dieser Wirt, ein reich gewordener deutscher Handwerker, ließ sich absolut nicht darauf ein, den eben erst abgeschlossenen Kontrakt einfach wieder aufzuheben, sondern forderte die volle im Kontrakt vorgesehene Abstandssumme, obwohl ihm doch Pjotr Petrowitsch die Wohnung in fast vollständig renoviertem Zustande zurückgab. Ebenso wollten die Leute in der Möbelhandlung auch nicht einen Rubel von der Anzahlung für die dort gekauften, aber noch nicht in die Wohnung geschafften Möbel zurückgeben.

›Ich kann mich doch nicht extra um der Möbel willen verheiraten!‹ dachte Pjotr Petrowitsch zähneknirschend, und gleichzeitig zuckte in seinem Gehirn noch einmal ein Hoffnungsschimmer auf: ›Ist denn dort wirklich alles unwiederbringlich verloren und zu Ende? Ob ich es nicht doch noch einmal versuchen kann?‹ Der Gedanke an Dunja zog ihm noch einmal verlockend durch den Sinn. Es waren qualvolle Augenblicke, die er jetzt durchlebte, und hätte Pjotr Petrowitsch jetzt auf dem Fleck durch den bloßen Wunsch Raskolnikow ermorden können, so hätte er, ohne zu zögern, diesen Wunsch ausgesprochen.

›Ein Fehler war es auch von mir, daß ich ihnen gar kein Geld gegeben habe‹, dachte er, als er trüben Mutes in Lebesjatnikows Stube zurückkehrte. ›Hol's der Kuckuck, warum bin ich eigentlich so ein Geizkragen geworden? Das war eine ganz falsche Sparsamkeit! Ich beabsichtigte, sie recht kurz zu halten und sie dahin zu bringen, daß sie mich als ihren Schutzgott ansähen, und nun kommen sie mir so! . . . Scheußlich! . . . Ja, wenn ich diese ganze Zeit her so anderthalbtausend Rubel auf sie verwandt hätte, zur Beschaffung der Aussteuer und in Form von Geschenken, von allerlei Schächtelchen, Necessaires, Bijouterien, Kleiderstoffen und anderm Firlefanz, dann wäre die Sache besser gewesen, . . . und ich hätte mehr Sicherheit gehabt! Dann hätten sie mir jetzt nicht so leicht aufgekündigt! Solche Leute halten es unbedingt für ihre Pflicht, bei der Lösung einer Verlobung die Geschenke und das Geld zurückzugeben; und die Rückerstattung hätte ihnen doch Schwierigkeiten gemacht, hätte ihnen auch bei den Geschenken wohl leid getan! Auch das Gewissen würde sie beunruhigt haben: »wir können doch nicht«, hätten sie sich gesagt, »einem Menschen so ohne weiteres den Laufpaß geben, nachdem er sich bisher so freigebig und zartfühlend gezeigt hat.« . . . Hm! Da habe ich einen Bock geschossen!‹

Wieder knirschte Pjotr Petrowitsch mit den Zähnen und nannte sich einen Dummkopf, natürlich nur ganz im stillen.

So befand er sich nicht gerade in rosigster Stimmung. Die Vorbereitungen zu dem Gedächtnismahle in Katerina Iwanownas Zimmer nahmen dann ein wenig sein Interesse in Anspruch. Er hatte schon gestern etwas von diesem Gedächtnismahle gehört; er hatte sogar eine undeutliche Erinnerung, als ob auch er dazu eingeladen worden wäre; aber bei seinen eigenen Sorgen und Geschäften hatte er für nichts andres Aufmerksamkeit übrig gehabt. Schnell erkundigte er sich jetzt bei Frau Lippewechsel, die in Katerina Iwanownas Abwesenheit (denn diese war auf dem Kirchhofe) damit beschäftigt war, den Tisch zurechtzumachen, und erfuhr von ihr, das Gedächtnismahl würde sehr großartig sein; fast alle Mitmieter, darunter auch solche, die mit dem Verstorbenen gar nicht bekannt gewesen wären, seien eingeladen; sogar Andrej Semjonowitsch Lebesjatnikow sei eingeladen, trotz des Streites, den er unlängst mit Katerina Iwanowna gehabt hätte; endlich sei auch er selbst, Pjotr Petrowitsch, nicht nur eingeladen, sondern er würde sogar als der vornehmste Gast unter allen Mietern mit besonderer Sehnsucht erwartet. Amalia Iwanowna selbst hatte gleichfalls eine höchst respektvolle Einladung erhalten, trotz aller vorhergegangenen unangenehmen Zwistigkeiten, und arrangierte daher jetzt mit großer Geschäftigkeit und nicht ohne Genuß alles für die Mahlzeit Erforderliche. Sie war bereits höchst geputzt, obwohl es natürlich ein Trauerkleid war; aber es war ganz neu und aus Seide, und sie war sehr stolz darauf. Alle diese Tatsachen und Mitteilungen brachten Pjotr Petrowitsch auf einen ganz besonderen Gedanken, und in seine Überlegungen vertieft, begab er sich in sein, das heißt in Herrn Lebesjatnikows Zimmer. Die Hauptsache war: er hatte unter anderm erfahren, daß zu den Eingeladenen auch Raskolnikow gehörte.

Andrej Semjonowitsch war aus irgendeinem Grunde an diesem Tage den ganzen Vormittag über zu Hause. Zwischen ihm und Pjotr Petrowitsch bestand ein eigentümliches Verhältnis, das jedoch zum Teil sehr erklärlich war. Pjotr Petrowitsch verachtete und haßte ihn über alle Maßen, fast gleich von dem Tage an, wo er sich bei ihm einlogiert hatte; gleichzeitig aber empfand er vor ihm eine gewisse Furcht. Er hatte nach seiner Ankunft in Petersburg nicht lediglich aus schäbiger Sparsamkeit bei ihm Quartier genommen, wiewohl dies allerdings der Hauptgrund war, sondern er hatte dazu noch einen andern Grund gehabt. Schon als er noch in der Provinz wohnte, hatte er über Andrej Semjonowitsch, seinen früheren Mündel, gehört, er sei einer der hervorragendsten jungen Reformer und spiele sogar in manchen interessanten, geheimnisvollen Klubs eine bedeutende Rolle. Das hatte ihm imponiert. Diese mächtigen, allwissenden Klubs, die niemanden fürchteten und jeden geheimen Übeltäter entlarvten, hatten ihm schon längst eine gewaltige, jedoch ganz vage Furcht eingeflößt. Er selbst hatte sich natürlich, noch dazu in der Provinz, von derartigen Vereinen keinen auch nur annähernd genauen Begriff machen können. Er hatte, wie alle Leute, gehört, es gebe namentlich in Petersburg sogenannte Reformer, Nihilisten, Entlarver usw.; aber gleich vielen andern Leuten hatte er mit diesen Bezeichnungen ganz übertriebene und ins Absurde entstellte Vorstellungen verbunden. Am allermeisten fürchtete er, und zwar schon seit einigen Jahren, die »Entlarvungen«, und dies war die hauptsächlichste Ursache seiner fortwährenden übermäßigen Unruhe gewesen, besonders wenn er an die Verlegung seiner Tätigkeit nach Petersburg gedacht hatte. In dieser Hinsicht war er, wie man sich auszudrücken pflegt, verängstigt, wie einem manchmal verängstigte kleine Kinder vorkommen. Einige Jahre vorher hatte er in der Provinz (er stand damals noch am Beginn seiner Laufbahn) zwei solche Fälle von grausamer Entlarvung mit angesehen; die beiden Betroffenen waren recht hochgestellte Beamte in der Verwaltung des Gouvernements, und er hatte sich in ihre Gefolgschaft begeben und sich ihrer Gönnerschaft erfreut. Der eine Fall endete für die entlarvte Persönlichkeit mit einem großen Skandal, und der zweite hätte beinahe ein ganz, ganz übles Ende genommen. Aus diesem Grunde hatte sich Pjotr Petrowitsch vorgenommen, sich gleich nach seiner Ankunft in Petersburg zu erkundigen, was es mit diesen Klubs für eine Bewandtnis habe, und, wenn es erforderlich schiene, der Gefahr vorzubeugen und sich bei »unsrer jungen Generation« einzuschmeicheln. Für diesen Fall hoffte er auf Lebesjatnikows Unterstützung, und er hatte, wie er das bei dem Besuche bei Raskolnikow bewies, bereits gelernt, ein paar entlehnte Phrasen klangvoll vorzubringen.

Allerdings hatte er Andrej Semjonowitsch recht bald als einen sehr gewöhnlichen, einfältigen Menschen durchschaut. Dadurch war aber sein Glaube an die Macht der Klubs in keiner Weise erschüttert und sein Mut nicht gehoben worden. Selbst wenn er sich überzeugt hätte, daß alle Reformer ebensolche Dummköpfe seien, auch dann hätte sich seine Unruhe nicht gelegt. Im Grunde interessierten all diese Lehren, Ideen und Systeme, mit denen Andrej Semjonowitsch ihn aufs freigebigste regalierte, ihn nicht im geringsten. Er hatte sein eigenes Ziel. Er wollte nur so schnell wie irgend möglich in Erfahrung bringen, was in diesen Klubs vorginge und wie dabei verfahren würde. Besaßen diese Leute Macht oder nicht? Hatte er für seine eigene Person etwas von ihnen zu befürchten oder nicht? Würden sie ihn »entlarven«, wenn er dies oder das unternähme, oder nicht? Und wenn sie sich mit Entlarvungen abgaben, auf welche Handlungsweisen hatten sie es dabei besonders abgesehen? Welche Handlungsweisen machten sie gerade jetzt zum Objekte ihrer entlarvenden Tätigkeit? Und dann: konnte man sich nicht auf irgendeine Weise mit ihnen freundlich stellen und sie dabei düpieren, wenn sie wirklich Macht besitzen sollten? War das erforderlich oder nicht? Konnte er nicht vielleicht gerade durch ihre Vermittlung in seiner Karriere etwas erreichen? Kurz, es drängten sich ihm Hunderte von Fragen auf.

Dieser Andrej Semjonowitsch war ein Mann von ungesunder Konstitution, skrofulös, von kleiner Statur; er bekleidete irgendeine Beamtenstelle; sein Haar war von auffallend hellblonder Farbe; er trug einen Backenbart in Kotelettform, auf den er sehr stolz war. Fast beständig litt er an den Augen. Er hatte ein sehr weiches Herz; aber sein Redeton klang sehr selbstbewußt und manchmal geradezu hochmütig, was sich bei seiner kleinen Figur meist recht lächerlich ausnahm. Amalia Iwanowna betrachtete ihn als einen hochanständigen Mieter; denn er trank nicht und bezahlte pünktlich seine Miete. Aber trotz mancher guten Eigenschaften war Andrej Semjonowitsch tatsächlich ein bißchen dumm. Er hatte sich mit leidenschaftlichem Eifer den Reformern und »unsrer jüngeren Generation« angeschlossen. Er gehörte zu der zahllosen, buntscheckigen Menge mittelmäßiger Menschen, kläglicher Frühgeburten und dünkelhafter Halbwisser, die sich eiligst zu Anhängern der modernsten, landläufigsten Idee machen und sie sofort verhunzen und alle Bestrebungen, denen sie (manchmal mit der besten Absicht) dienen, in eine Karikatur verwandeln.

Übrigens war Herrn Lebesjatnikow trotz all seiner Gutmütigkeit sein Stubengenosse und ehemaliger Vormund Pjotr Petrowitsch gleichfalls recht zuwider geworden. Das hatte sich von beiden Seiten ganz von selbst so ergeben. Wie einfältig er auch war, durchschaute Andrej Semjonowitsch doch allmählich, daß Pjotr Petrowitsch gegen ihn nicht aufrichtig war und ihn im stillen verachtete und daß überhaupt nichts Rechtes an ihm dran war. Er versuchte, ihm Fouriers System und die Darwinsche Theorie auseinanderzusetzen; aber Pjotr Petrowitsch hörte, namentlich in der letzten Zeit, mit gar zu spöttischer Miene zu und fing in der allerletzten Zeit sogar an, ihn auszuschelten. Pjotr Petrowitsch hatte nämlich instinktmäßig herausgefühlt, daß Lebesjatnikow nicht nur ein recht gewöhnlicher, ziemlich dummer Mensch, sondern wohl noch dazu ein arger Aufschneider war und überhaupt keine einflußreichen Beziehungen, nicht einmal in seinem Klub, besaß, sondern nur von weitem etwas läuten hören, ja, daß er nicht einmal sein eigentliches Geschäft, die Propaganda, ordentlich verstand, weil er gar zu wirr und unverständlich redete; wie konnte der ein »Entlarver« sein! Nebenbei sei noch bemerkt, daß Pjotr Petrowitsch in diesen anderthalb Wochen (namentlich am Anfange dieser Zeit) von Andrej Semjonowitsch ganz sonderbare Lobsprüche für Bestrebungen, die dieser bei ihm voraussetzte, entgegengenommen hatte; er hatte nämlich nicht widersprochen, sondern stillgeschwiegen, wenn Andrej Semjonowitsch ihm zum Beispiel die Absicht zugeschrieben hatte, die künftige, baldige Errichtung einer neuen »Kommune« nicht weit vom Kanal in der Meschtschanskaja-Straße zu fördern oder auch seiner Gattin Awdotja Romanowna nicht hinderlich zu sein, wenn diese gleich im ersten Monat der Ehe auf den Gedanken käme, sich einen Liebhaber anzuschaffen, oder auch seine künftigen Kinder nicht taufen zu lassen usw. Pjotr Petrowitsch widersprach grundsätzlich nicht, wenn ihm solche Absichten zugeschrieben wurden, und ließ es sich gefallen, dafür gelobt zu werden; so willkommen war ihm jedes Lob.

Pjotr Petrowitsch, der an diesem Morgen einige fünfprozentige Staatsschuldscheine verkauft hatte, saß am Tische und zählte die Banknotenpäckchen durch. Andrej Semjonowitsch, der fast nie Geld hatte, ging im Zimmer auf und ab und tat, als ob ihn der Anblick des vielen Geldes völlig kalt ließe und sogar mit Verachtung erfülle. Pjotr Petrowitsch glaubte ganz und gar nicht, daß der Anblick einer solchen Geldsumme Andrej Semjonowitsch wirklich kalt ließe; und Andrej Semjonowitsch seinerseits dachte bei sich voll Erbitterung, daß Pjotr Petrowitsch vielleicht tatsächlich eine niedrige, materielle Gesinnung bei ihm voraussetze und sich nun ein Vergnügen daraus mache, ihn, seinen jungen Freund, durch die nebeneinanderliegenden Banknotenpäckchen zu reizen und zu verhöhnen, indem er dadurch seine Unbedeutendheit und den großen zwischen ihnen vorhandenen Abstand demonstrieren wolle.

Er fand Pjotr Petrowitsch augenblicklich außerordentlich reizbar und unaufmerksam, obwohl er, Andrej Semjonowitsch, angesetzt hatte, ihm sein Lieblingsthema, die Gründung einer neuen, eigenartigen Kommune, zu erläutern. Die kurzen Entgegnungen und Bemerkungen, welche Pjotr Petrowitsch dazwischenwarf, wenn er einen Augenblick aufhörte, die Kügelchen am Rechenbrett klappern zu lassen, waren von einem ganz unverhohlenen und geflissentlich unhöflichen Spott durchtränkt. Aber Andrej Semjonowitsch, der einer humanen Auffassung zuneigte, führte diese Gemütsstimmung seines Stubengenossen auf das gestrige Zerwürfnis mit Dunja zurück und brannte vor Verlangen, schnell zu eingehenderer Behandlung seines Themas zu gelangen; er habe da, so bemerkte er, in Sachen der Reform und Propaganda seinem verehrten Freunde etwas mitzuteilen, was diesen interessieren und »zweifellos« in seiner weiteren Entwicklung fördern werde.

»Was ist denn das für ein Gedächtnismahl, zu dem da bei dieser . . . bei dieser Witwe Anstalten getroffen werden?« fragte Pjotr Petrowitsch auf einmal und unterbrach so seinen Freund bei der interessantesten Stelle der Auseinandersetzung.

»Das müssen Sie ja doch wissen! Ich habe doch erst gestern mit Ihnen darüber gesprochen und Ihnen meine Anschauungen über all solche religiösen Gebräuche entwickelt . . . Und die Frau hat Sie ja auch eingeladen; ich habe es mit eigenen Ohren gehört. Sie haben ja selbst mit ihr gestern gesprochen . . .«

»Ich hätte nicht gedacht, daß diese bettelarme Närrin das ganze Geld, das sie von diesem andern Narren, diesem Raskolnikow, bekommen hat, für ein Gedächtnismahl vergeuden würde. Ich war ja ganz erstaunt, als ich vorhin durch das Zimmer hindurchging: großartige Vorbereitungen; mehrere Weine auf dem Tische! . . . Eine ganze Menge Menschen sind eingeladen; weiß der Kuckuck, was das heißen soll!« fuhr Pjotr Petrowitsch fort, der mit bestimmter Absicht bei diesem Gegenstande zu verweilen schien. »Wie? Sie sagen, ich wäre auch eingeladen?« fügte er hinzu und hob den Kopf. »Wann sollte denn das gewesen sein? Ich kann mich gar nicht erinnern. Übrigens werde ich nicht hingehen. Was soll ich da? Ich habe gestern nur so im Vorbeigehen mit ihr darüber gesprochen, daß sie als bedürftige Beamtenwitwe vielleicht eine einmalige Unterstützung in Höhe des Jahresgehaltes ihres Mannes bekommen könne. Sollte sie mich etwa deshalb gleich einladen? He-he-he!«

»Ich habe auch nicht vor, hinzugehen«, sagte Lebesjatnikow.

»Das wäre ja auch noch schöner! Wo Sie sie doch eigenhändig durchgeprügelt haben! Sehr begreiflich, daß es Ihnen peinlich ist, hinzugehen, he-he!«

»Wer hat wen durchgeprügelt?« fuhr Lebesjatnikow auf; er hatte einen ganz roten Kopf bekommen.

»Na, Sie haben doch Katerina Iwanowna vor einem Monat durchgeprügelt! Es wurde mir erzählt, noch gestern . . . Ja, ja, so ist's mit den theoretischen Grundsätzen! Die Frauenfrage scheint also auch noch sehr im argen zu liegen. He-he-he!«

Anscheinend höchstlich amüsiert, begann Pjotr Petrowitsch wieder an dem Rechenbrett zu klappern.

»Das ist alles Unsinn und Verleumdung!« brauste Lebesjatnikow auf, dem jede Erwähnung dieses Vorfalls stets sehr unangenehm war. »So ist das gar nicht gewesen! Die Sache war ganz anders . . . Sie sind falsch unterrichtet; das ist lauter Klatscherei! Ich habe mich damals lediglich verteidigt. Sie ging zuerst mit den Nägeln auf mich los . . . Den ganzen Backenbart riß sie mir aus. Das ist denn doch jedem Menschen erlaubt, hoffe ich, seine Person zu verteidigen. Außerdem lasse ich mir von niemand Gewalttätigkeit gefallen . . . Grundsätzlich nicht. Denn das wäre ja eine Art Despotismus. Was hätte ich denn tun sollen? Etwa ruhig vor ihr stehenbleiben? Ich habe sie nur zurückgestoßen.«

»He-he-he!« lachte Lushin von neuem boshaft.

»Daß Sie gegen mich so sticheln, das tun Sie nur deshalb, weil Sie selbst Ärger gehabt haben und nun wütend sind . . . Aber die Geschichte mit Katerina Iwanowna ist doch eine törichte Lappalie und hat mit der Frauenfrage nicht das geringste zu tun. Sie fassen die Sache eben ganz falsch auf. Ich habe früher sogar folgendermaßen gedacht: wenn man die These akzeptiert, daß die Frau dem Manne in allen Stücken gleichsteht, sogar hinsichtlich der Körperkraft (was manche bereits behaupten), so muß auch, wo es sich um Schlägerei zwischen Männern und Frauen handelt, mit gleichem Maße gemessen werden. Natürlich aber habe ich mir nachher überlegt, daß eine solche Frage gar keine Existenzberechtigung hat, weil Schlägereien überhaupt keine Existenzberechtigung haben und das Vorkommen von Schlägereien in der künftigen Gesellschaft undenkbar ist . . . und weil es doch sonderbar wäre, auf eine Gleichberechtigung bei Schlägereien hinzustreben. So dumm bin ich nicht, . . . obwohl Schlägereien doch vorkommen, . . . das heißt, später werden keine mehr vorkommen, aber jetzt kommen noch welche vor, . . . Donnerwetter, wenn man mit Ihnen redet, wird man ja ganz konfus. Dieser frühere unangenehme Vorfall bildet also nicht den Grund für mein Fernbleiben von dem Gedächtnismahle. Sondern ich gehe einfach aus Prinzip nicht hin, um nicht an einem so törichten, auf sinnlosen Voraussetzungen beruhenden Brauche, wie es diese Gedächtnismahle sind, teilzunehmen; das ist der Grund! Übrigens könnte man ja auch bloß so aus Unsinn hingehen, um sich darüber lustig zu machen . . . Schade, daß keine Popen dabei sein werden. Sonst würde ich jedenfalls hingehen.«

»Also Sie möchten die gastliche Bewirtung annehmen und dann über diese Bewirtung und über die Leute, von denen Sie eingeladen sind, Ihren Hohn ausschütten. So meinen Sie es ja wohl?«

»Von Hohn ist nicht die Rede, sondern von einem Proteste gegen diesen Brauch. Ich habe dabei ein nützliches Ziel im Auge. Ich kann dadurch indirekt die Entwicklung der Menschheit und die Propaganda fördern. Jeder Mensch hat die Pflicht, die geistige Entwicklung seiner Mitmenschen zu fördern und Propaganda zu treiben, und je energischer er es tut, um so besser ist es. Ich kann eine Idee wie ein Samenkorn hinstreuen . . . Aus dieser gesäten Idee erwächst dann etwas Tatsächliches. Inwiefern kränke ich da die Leute? Und wenn sie sich auch zunächst gekränkt fühlen, so werden sie nachher doch einsehen, daß ich ihnen Nutzen gebracht habe. So wollten manche seinerzeit der Terebjewa (sie ist jetzt Mitglied einer Kommune) einen Vorwurf machen; als diese nämlich von ihrer Familie fortging und . . . sich einem Manne hingab, da schrieb sie ihrer Mutter und ihrem Vater, sie wolle nicht mehr in veralteten, sinnlosen Anschauungen weiterleben und gehe eine freie, zivile Ehe ein. Da meinten nun die Tadler, das sei doch gar zu grob den Eltern gegenüber, und sie hätte mit ihnen etwas rücksichtsvoller verfahren und in milderem Tone schreiben können. Meiner Ansicht nach ist das alles Unsinn; Milde ist dabei gar nicht angebracht, sondern vielmehr energischer Protest. Da sehen Sie einmal, wie es Frau Warenz machte! Sieben Jahre lang hatte sie mit ihrem Manne zusammen gelebt; da verließ sie ihn und ihre zwei Kinder und schrieb ihrem Manne in einem Briefe eine energische Absage: ›Ich bin zu der Einsicht gelangt, daß ich mit Ihnen nicht glücklich sein kann. Ich werde es Ihnen nie verzeihen, daß Sie mich betrogen haben, indem Sie mir verheimlicht haben, daß es dank den Kommunen noch eine andre Gesellschaftsordnung gibt. Ich habe das alles vor kurzem von einem hochgesinnten Manne erfahren, dem ich mich auch zu eigen gegeben habe, und mit ihm zusammen will ich eine Kommune gründen. Ich rede ganz offen, weil ich es für ehrlos halte, Sie zu betrügen. Meinerseits haben Sie völlige Freiheit, zu tun, was Sie mögen; aber hoffen Sie nicht, mich zur Rückkehr zu bewegen; damit ist es für Sie zu spät. Leben Sie glücklich!‹ In diesem Stil müssen derartige Briefe geschrieben werden.«

»Diese Terebjewa ist doch dieselbe, von der Sie neulich erzählten, daß sie schon in der dritten freien Ehe lebe?«

»Streng genommen erst in der zweiten! Aber wenn sie selbst in der vierten oder in der fünfzehnten Ehe lebte! Das ist ja alles Nebensache! Und wenn ich es jemals bedauert habe, daß mein Vater und meine Mutter gestorben sind, so bedauere ich es jedenfalls jetzt ganz besonders. Ich habe mir das schon manchmal so im stillen ausgemalt, wie ich sie, wenn sie noch am Leben wären, mit meinem Proteste verblüffen wollte! Ich hätte absichtlich einen Anlaß gesucht. Ich würde ihnen die Sache schon klargemacht haben! Ich hätte sie in Erstaunen versetzt! Es ist wirklich jammerschade, daß ich niemand mehr habe!«

»Um ihn in Erstaunen zu versetzen? He-he! Na, darüber wollen wir nicht streiten«, unterbrach ihn Pjotr Petrowitsch. »Sagen Sie mir lieber: Sie kennen ja die Tochter des Verstorbenen, so ein kümmerliches, dürftiges Ding; ist das alles richtig, was über sie erzählt wird, ja?«

»Nun, was ist denn dabei? Nach meiner Ansicht, das heißt nach meiner persönlichen Überzeugung, ist das für eine Frau der eigentlich normale Zustand. Warum auch nicht? Das heißt: distinguons! In der jetzigen Gesellschaftsordnung ist dieser Zustand selbstverständlich nicht normal, weil er durch eine Notlage herbeigeführt wird; aber in der künftigen Gesellschaftsordnung wird er völlig normal sein, weil er da ein freiwilliger ist. Und auch unter jetzigen Verhältnissen hatte dieses Mädchen ein Recht, so zu handeln, wie sie gehandelt hat: sie litt Not, und ihr Körper war ihr Fonds, sozusagen ihr Anlagekapital, über das sie vollständig berechtigt war zu verfügen. Natürlich, in der künftigen Gesellschaftsordnung werden keine Fonds nötig sein; sondern die Stellung der Frau wird anderweitig festgesetzt und in harmonischer, vernunftgemäßer Weise geregelt sein. Was Sofja Semjonowna persönlich anlangt, so betrachte ich unter den gegenwärtigen Umständen ihre Handlungsweise als einen energischen, zur Tat gewordenen Protest gegen die bestehende Gesellschaftsordnung und empfinde vor ihr große Hochachtung deswegen; ich freue mich sogar jedesmal, wenn ich sie sehe!«

»Mir ist aber doch erzählt worden, gerade Sie hätten sie gezwungen, aus dieser Wohnung fortzuziehen!«

Lebesjatnikow wurde ganz wütend.

»Das ist wieder nur so eine Klatscherei!« schrie er. »Die Sache war ganz anders, ganz anders! Das hat alles Katerina Iwanowna damals nur so hingeschwatzt, weil sie für meine Bestrebungen kein Verständnis hatte! Ich bin ganz und gar nicht zudringlich gegen Sofja Semjonowna geworden; ich habe lediglich ihre geistige Entwicklung zu fördern gesucht, in ganz uneigennütziger Weise, und habe mich bemüht, in ihr den Protest zu erwecken. Ich zielte nur auf den Protest ab; übrigens konnte Sofja Semjonowna sowieso in dieser Wohnung nicht länger bleiben!«

»Haben Sie sie zum Eintritt in die Kommune aufgefordert?«

»Sie spotten fortwährend; gestatten Sie mir aber die Bemerkung, daß Ihr Spott bei mir durchaus seine Wirkung verfehlt. Sie verstehen eben nichts davon! Derartige Berufe für Frauen gibt es in der Kommune nicht. Eben deshalb werden die Kommunen gegründet, damit es solche Berufe nicht mehr gibt. In der Kommune wird dieser Beruf seinen gesamten jetzigen Charakter verändern, und was hier dumm ist, wird dort vernünftig sein; was hier unter den jetzigen Verhältnissen unnatürlich ist, das wird dort durchaus natürlich sein. Es hängt alles davon ab, in welcher Umgebung und in welchem Milieu ein Mensch lebt. Alles hängt von dem Milieu ab; an sich ist der Mensch nichts, weder gut noch schlecht. Mit Sofja Semjonowna stehe ich mich auch jetzt noch ganz freundschaftlich, was Ihnen als Beweis dafür dienen kann, daß sie mich nicht als ihren Feind und Beleidiger betrachtet hat. Ich suche sie jetzt für eine Kommune zu gewinnen, die aber nach ganz, ganz anderen Prinzipien eingerichtet werden soll! Was ist Ihnen denn daran lächerlich? Wir wollen eine eigene, besondere Kommune gründen, aber auf breiteren Grundlagen als die früheren. Wir sind in unsern Anschauungen weiter vorgeschritten. Wir negieren mehr! Wenn Dobroljubow aus dem Grabe auferstände, würde ich gern einmal mit ihm disputieren. Und nun gar Belinskij, na, den würde ich mir schön vornehmen! Vorläufig aber fahre ich fort, an Sofja Semjonownas geistiger Entwicklung zu arbeiten. Sie ist ein herrliches, herrliches Wesen!«

»Na, und Sie machen sich dieses herrliche Wesen auch zunutze, wie? He-he!«

»Nein, nein! O nein! Im Gegenteil!«

»Na, na, also sogar im Gegenteil! He-he-he! Sehr schön gesagt!«

»Sie können es mir glauben! Weshalb sollte ich denn vor Ihnen heimlichtun, sagen Sie selbst! Wirklich im Gegenteil; es kommt mir sogar selbst sonderbar vor: mir gegenüber ist sie von einer unnatürlichen, ängstlichen Schamhaftigkeit und Keuschheit!«

»Und Sie fördern selbstverständlich ihre geistige Entwicklung, he-he, und beweisen ihr, daß diese ganze Schamhaftigkeit Unsinn ist?«

»Durchaus nicht, durchaus nicht! Oh, in wie plumper, törichter Weise – verzeihen Sie den Ausdruck! – Sie das Wort Entwicklung auffassen! Sie haben aber auch gar kein, rein gar kein Verständnis! O Gott, wie sind Sie noch unreif! Wir erstreben für das Weib die Freiheit, und Sie denken immer nur an das eine . . . Ich will mich auf die Streitfrage über Keuschheit und weibliche Schamhaftigkeit nicht weiter einlassen (diese Dinge haben an und für sich keinen Wert und beruhen auf vorgefaßten Meinungen); aber ich habe gegen Sofja Semjonownas Keuschheit mir gegenüber absolut nichts einzuwenden; das ist Sache ihres freien Willens, sie ist da vollständig in ihrem Rechte. Natürlich, wenn sie selbst zu mir sagte: ›Ich will dich haben‹, so würde ich meinen, daß mir ein großes Glück zuteil geworden sei, weil das Mädchen mir wirklich sehr gefällt; aber sicherlich hat niemals jemand sie höflicher und korrekter und mit mehr Achtung vor ihrer weiblichen Würde behandelt, als ich es jetzt tue . . . Ich warte und hoffe nur; weiter gehe ich nicht!«

»Sie sollten ihr lieber etwas schenken. Ich möchte wetten, daß Sie daran noch nicht gedacht haben.«

»Sie haben aber auch gar kein Verständnis; das kann ich Ihnen nur wiederholen. Gewiß, ihre Lage ist ja derart, daß sie Geschenke gebrauchen könnte; aber hier handelt es sich um etwas andres, um etwas ganz andres. Sie verachten das Mädchen einfach. Weil Sie eine Tatsache sehen, die Sie irrtümlicherweise für verachtenswert halten, versagen Sie ohne weiteres einem menschlichen Wesen eine humane Würdigung. Sie wissen noch gar nicht, was für einen trefflichen Charakter sie hat! Sehr leid tut mir nur, daß sie in der letzten Zeit so gut wie ganz aufgehört hat zu lesen und sich von mir keine Bücher mehr geben läßt, was sie doch früher tat. Schade ist auch, daß sie bei all ihrer Energie und bei ihrer bereits einmal bewiesenen Entschlossenheit, gegen die bestehende Gesellschaftsordnung zu protestieren, doch immer noch nicht genug Selbständigkeit, sozusagen nicht genug Unabhängigkeit, nicht genug Drang zum Negieren besitzt, um sich von gewissen vorgefaßten Anschauungen und Dummheiten völlig loszureißen. Wiewohl sie für manche Fragen ein vorzügliches Verständnis bekundet. Ganz vorzüglich hat sie zum Beispiel die Frage des Handkusses begriffen, das heißt, daß der Mann eine Frau, wenn er ihr die Hand küßt, beleidigt, weil er sie dadurch als ihm nicht gleichstehend bezeichnet. Über diese Frage wurde bei uns debattiert, und ich habe ihr sofort davon Mitteilung gemacht. Auch als ich ihr etwas über die Arbeiterassoziationen in Frankreich vortrug, hörte sie aufmerksam zu. Jetzt behandle ich mit ihr die Frage des freien Eintritts in die Zimmer unter der künftigen Gesellschaftsordnung.«

»Was soll das heißen?«

»Es wurde in letzter Zeit über die Frage debattiert: ist ein Kommunemitglied berechtigt, jederzeit in das Zimmer eines andern – männlichen oder weiblichen – Kommunemitgliedes einzutreten? Und wir kamen zu der Entscheidung, daß jedes Mitglied dazu berechtigt sei.«

»Na, aber wenn nun da betreffende männliche oder weibliche Mitglied gerade in dem Augenblicke mit der Erledigung eines notwendigen Bedürfnisses beschäftigt ist? He-he!«

Andrej Semjonowitsch wurde ganz ärgerlich.

»Ja, das bringen Sie jedesmal vor! Immer kommen Sie mir mit ein und demselben, mit diesen verdammten ›Bedürfnissen‹!« rief er ingrimmig. »Ich ärgere mich und bereue es, daß ich damals, als ich Ihnen das System auseinandersetzte, verfrüht diese verdammten Bedürfnisse erwähnte! Das ist immer für Leute von Ihrem Schlage der Stein des Anstoßes, und das schlimmste ist: sie machen ihre Witze darüber, ehe sie den Kern der Sache begriffen haben! Und dann tun sie noch, als wenn sie recht hätten und stolz sein könnten! Ich habe schon wiederholt die Ansicht vertreten, daß man Neulingen diese Frage erst ganz zuletzt auseinandersetzen kann, wenn sie bereits von der Richtigkeit des Systems überzeugt sind und eine gewisse geistige Entwicklung erreicht haben und sich auf dem rechten Wege befinden. Ja, sagen Sie mir doch, bitte, was finden Sie denn zum Beispiel an einer Müllgrube Ekelhaftes oder Gemeines? Ich erkläre mich als erster bereit, alle Müllgruben, so viele Sie nur wollen, auszuräumen! Da ist auch nicht einmal irgendwelche Selbstaufopferung dabei! Das ist einfach eine Arbeit, eine anständige, der Gesellschaft nützliche Tätigkeit, die jeder andern an Wert gleichkommt und zum Beispiel weit höher steht als die Tätigkeit eines Raffael oder Puschkin, weil sie nützlicher ist.«

»Auch anständiger, auch anständiger, he-he-he!«

»Was heißt ›anständiger‹? Ich verstehe solche Ausdrücke nicht, wenn es sich, um die Definition menschlicher Tätigkeiten handelt. ›Anständiger‹, ›edler‹, das ist lauter Unsinn. Abgeschmacktheit, veraltete, törichte Wörter, die ich negiere! Alles, was der Menschheit nützlich ist, ist auch anständig. Ich lasse nur das eine Wort ›nützlich‹ gelten! Kichern Sie, so viel Sie wollen; es ist doch so!«

Pjotr Petrowitsch lachte laut. Er war mit seinen Berechnungen bereits fertig und hatte das Geld verwahrt; jedoch hatte er einen Teil noch auf dem Tische liegenlassen. Die Frage der Müllgruben hatte trotz ihrer Absurdität schon mehrmals Anlaß zu Meinungsverschiedenheiten und Streit zwischen Pjotr Petrowitsch und seinem jungen Freunde gegeben. Sehr dumm war es von Andrej Semjonowitsch, daß er sich tatsächlich ärgerte. Daran hatte nun Lushin seine wahre Freude, und gerade jetzt legte er es besonders darauf an, Lebesjatnikow wütend zu machen.

»Die Sache ist die: Sie sind wegen Ihres gestrigen Malheurs erbost und suchen nun Händel«, brach Lebesjatnikow endlich los, der im allgemeinen trotz all seiner »Unabhängigkeit« und all seiner »Proteste« es nicht recht wagte, Pjotr Petrowitsch Opposition zu machen, und noch immer von früheren Jahren her ihm gegenüber einen gewohnheitsmäßigen Respekt beobachtete.

»Sagen Sie mir lieber«, unterbrach ihn Pjotr Petrowitsch hochmütig und ärgerlich, »können Sie . . . oder, besser ausgedrückt, sind Sie wirklich mit der vorhin erwähnten jungen Person so gut bekannt, daß Sie sie bitten können, jetzt gleich auf einen Augenblick in dieses Zimmer zu kommen? Ich glaube, sie sind schon alle vom Kirchhofe zurück . . . Ich höre so viele gehen . . . Ich möchte gern einmal mit ihr sprechen, mit dieser Person.«

»Was wollen Sie denn von ihr?« fragte Lebesjatnikow verwundert.

»Weiter nichts Besonderes. Heute oder morgen ziehe ich von hier weg, und da möchte ich ihr noch etwas mitteilen. Übrigens können Sie ruhig während dieses Gesprächs hier im Zimmer bleiben. Es ist sogar besser. Sonst denken Sie sich womöglich noch Gott weiß was.«

»Ich denke mir einfach gar nichts. Es war von mir nur eine ganz harmlose Frage. Wenn Sie ihr etwas zu sagen haben, so ist nichts leichter, als sie herzurufen. Ich will sofort zu ihr gehen. Ich selbst werde Sie bei dem Gespräche nicht stören; davon wollen Sie überzeugt sein.«

Wirklich kehrte Lebesjatnikow nach fünf Minuten mit Sonja zurück. Diese trat äußerst erstaunt und, wie das in ihrer Gewohnheit lag, sehr schüchtern ein. Sie war bei solchen Gelegenheiten stets schüchtern und fürchtete sich in hohem Grade vor neuen Gesichtern und neuen Bekanntschaften; diese Furcht war ihr schon früher, schon in ihrer Kindheit, eigen gewesen, hatte aber jetzt noch zugenommen . . . Pjotr Petrowitsch empfing sie »freundlich und höflich« und mit einem Anfluge von jovialer Vertraulichkeit, die nach seiner Ansicht einem so achtungswerten, gesetzten Manne, wie er, wohl anstand gegenüber einem so jungen und in gewisser Hinsicht »interessanten« Wesen, wie sie. Vor allen Dingen bemühte er sich, sie zu »ermutigen«, und lud sie ein, an dem Tische ihm gegenüber Platz zu nehmen. Sonja setzte sich, ließ ihre Blicke nach allen Seiten schweifen, zu Lebesjatnikow, zu dem Gelde, das auf dem Tische lag, dann wieder zu Pjotr Petrowitsch und wandte nun die Augen nicht mehr von ihm ab, als ob sie an ihn gefesselt wäre. Lebesjatnikow ging zur Tür; aber Pjotr Petrowitsch stand auf, bedeutete Sonja durch eine Geste, sitzenzubleiben, und hielt Lebesjatnikow zurück.

»Ist dieser Raskolnikow dort? Ist er gekommen?« fragte er ihn flüsternd.

»Raskolnikow? Ja, der ist da. Wieso? Ja, er ist da. Er ist eben erst gekommen; ich habe ihn gesehen. Wieso?«

»Nun, dann möchte ich Sie dringend bitten, hierzubleiben, hier bei uns, und mich nicht mit dieser . . . jungen Dame allein zu lassen. Was ich mit ihr zu reden habe, ist nur eine harmlose Kleinigkeit; aber sonst machen die Leute womöglich Gott weiß was daraus. Ich möchte nicht, daß Raskolnikow seinen Angehörigen etwas erzählen könnte . . . Verstehen Sie, was ich meine?«

»Gewiß, gewiß!« erwiderte Lebesjatnikow verständnisvoll. »Ja, Sie haben ganz recht. Allerdings gehen Sie, nach meiner persönlichen Überzeugung, in Ihren Befürchtungen zu weit; aber . . . Sie haben trotzdem recht. Also, wenn Sie es wünschen, so bleibe ich. Ich stelle mich dort ans Fenster und werde Sie nicht stören . . . Meiner Ansicht nach haben Sie recht . . .«

Pjotr Petrowitsch kehrte zum Sofa zurück, setzte sich Sonja gegenüber, richtete einen forschenden Blick auf sie und nahm auf einmal eine ganz besonders ehrbare, sogar etwas strenge Miene an, die ungefähr bedeutete: ›Machen Sie sich nur nicht etwa ganz falsche Gedanken, mein Fräulein!‹ Sonja wurde höchst verlegen.

»Zunächst möchte ich Sie bitten, Sofja Semjonowna, mich bei Ihrer hochverehrten Frau Mutter zu entschuldigen . . . Ich bin doch wohl recht unterrichtet? Katerina Iwanowna vertritt bei Ihnen Mutterstelle?« begann Pjotr Petrowitsch in sehr würdigem, aber dabei doch ganz freundlichem Tone.

Augenscheinlich hegte er die freundschaftlichsten Absichten.

»Ja gewiß, gewiß; sie vertritt bei mir Mutterstelle«, antwortete Sonja hastig und furchtsam.

»Nun also, dann entschuldigen Sie mich bei ihr, daß ich durch zwingende Umstände verhindert bin, an dem Gedächtnismahle teilzunehmen, zu welchem Ihre Frau Mutter mich so liebenswürdig eingeladen hat.«

»Jawohl, . . . ich werde es ausrichten, . . . ich werde es gleich ausrichten.« Sonja sprang eilig auf.

»Ich bin noch nicht am Ende«, hielt Pjotr Petrowitsch sie zurück und lächelte über ihre Naivität und über ihre Unkenntnis der Umgangsformen. »Sie kennen mich schlecht, liebste Sofja Semjonowna, wenn Sie glauben, daß ich aus diesem unbedeutenden, nur mich betreffenden Grunde jemand wie Sie persönlich bemüht und hergebeten hätte. Mein Zweck war ein anderer.«

Sonja nahm rasch wieder Platz. Wieder fiel ihr Blick einen Augenblick auf die grauen und regenbogenfarbigen Banknoten, die noch auf dem Tische lagen; aber schnell wandte sie das Gesicht von ihnen weg und sah wieder Pjotr Petrowitsch an; es kam ihr auf einmal der Gedanke, daß es sich, namentlich für ein Mädchen wie sie, ganz und gar nicht schicke, fremdes Geld anzublicken. Sie richtete ihren Blick zunächst auf die goldne Lorgnette, die Pjotr Petrowitsch in der linken Hand hielt, und zugleich auf den großen, massiv goldenen, sehr schönen Ring mit gelbem Stein, den er am Mittelfinger dieser Hand trug; aber hastig wendete sie ihre Augen auch davon ab, und da sie nicht wußte, wo sie mit ihren Blicken bleiben sollte, schaute sie schließlich ihrem Gegenüber wieder gerade ins Gesicht. Nach einer kurzen Pause fuhr Pjotr Petrowitsch in noch würdevollerem Tone als vorher fort:

»Es traf sich gestern zufällig, daß ich im Vorbeigehen mit der unglücklichen Katerina Iwanowna ein paar Worte wechselte. Diese wenigen Worte genügten, um mich erkennen zu lassen, daß sie sich in einem, wenn man sich so ausdrücken kann, unnatürlichen Geisteszustande befindet . . .«

»Jawohl, in einem unnatürlichen Geisteszustande«, stimmte ihm Sonja eilig zu.

»Oder, um es einfacher und verständlicher auszudrücken, in einem krankhaften Geisteszustande.«

»Jawohl, einfacher und verständ . . . Jawohl, sie ist krank.«

»Ganz richtig. Nun also, aus Menschenfreundlichkeit und . . . und . . . und sozusagen aus Teilnahme möchte ich mich gern meinerseits irgendwie behilflich zeigen, im Hinblick auf das traurige Schicksal, das ihr unvermeidlich bevorsteht. Ich möchte glauben, daß diese ganze arme Familie sich jetzt einzig und allein auf Ihre Unterstützung angewiesen sieht.«

»Gestatten Sie die Frage«, sagte Sonja und stand dabei plötzlich auf, »was haben Sie ihr gestern über die Möglichkeit, eine Pension zu bekommen, gesagt? Sie hat gestern zu mir gesagt, Sie hätten es auf sich genommen, ihr eine Pension zu erwirken. Ist das richtig?«

»Durchaus nicht; das ist sogar in gewisser Hinsicht sinnlos«, erwiderte Pjotr Petrowitsch und bedeutete ihr, sich wieder zu setzen. »Ich habe nur darauf hingedeutet, daß die Witwe eines im Dienst gestorbenen Beamten eine zeitweilige Unterstützung erhalten könne, wenn sie irgendwelche Protektion habe; es scheint jedoch, daß Ihr verstorbener Vater nicht das erforderliche Dienstalter hatte, ja sogar in der letzten Zeit sich überhaupt nicht im Dienste befand. Kurz, es mag wohl einige Aussicht da sein, aber jedenfalls ist sie äußerst problematisch; denn ein Recht auf Unterstützung ist im vorliegenden Falle ganz und gar nicht vorhanden; im Gegenteil . . . Und da hat sie gleich auf eine Pension spekuliert? He-he-he! Die Dame muß ja eine rege Phantasie haben!«

»Ja, sie hat sich Hoffnung auf eine Pension gemacht. Sie ist nämlich leichtgläubig und gutherzig, und aus Gutherzigkeit glaubt sie alles, und . . . und . . . und ihr Verstand ist so . . . Ja, dann entschuldigen Sie«, sagte Sonja und stand wieder auf, um fortzugehen.

»Erlauben Sie, Sie haben noch nicht alles gehört, was ich sagen wollte.«

»Ja, ich habe noch nicht alles gehört«, murmelte Sonja.

»Also nehmen Sie doch Platz!«

Sonja wurde entsetzlich verlegen und setzte sich von neuem hin.

»Da ich sehe, in welcher Lage sie sich mit den unglücklichen kleinen Kindern befindet, so möchte ich, wie bereits gesagt, mich nach dem Maße meiner Kräfte irgendwie behilflich zeigen, das heißt, eben nur, was man so nennt, nach dem Maße meiner Kräfte, nicht in weiterem Umfange. Man könnte zum Beispiel zu ihren Gunsten eine Kollekte veranstalten oder sozusagen eine Lotterie . . . oder so etwas Ähnliches, wie dergleichen immer in solchen Fällen von Nahestehenden oder auch von Fernerstehenden, überhaupt von Hilfsbereiten unternommen wird. Das ist es, worüber ich gern mit Ihnen reden wollte. So etwas wäre möglich.«

»Ach ja, das wäre schön . . . Gott wird Sie dafür . . .«, stammelte Sonja und blickte Pjotr Petrowitsch unverwandt an.

»Das wäre möglich; aber . . . darüber können wir später einmal . . . das heißt, wir könnten auch gleich heute schon anfangen. Wir wollen heute abend noch einmal zusammenkommen, uns besprechen und sozusagen den Grund legen. Kommen Sie also so gegen sieben Uhr wieder zu mir hierher. Ich hoffe, Andrej Semjonowitsch wird gleichfalls an unsrer Beratung teilnehmen . . . Aber . . . da ist ein Punkt, der schon vorher genau erwogen werden muß; und eben deshalb habe ich Sie auch hierher bemüht, Sofja Semjonowna. Nämlich meine Ansicht ist die: der unglücklichen Katerina Iwanowna selbst kann man kein Geld in die Hände geben; das ist sogar geradezu gefährlich; als Beweis dafür dient gleich das heutige Gedächtnismahl. Es ist für morgen sozusagen keine trockene Brotrinde da, kein Schuhzeug, nichts; aber trotzdem kauft sie heute Jamaikarum ein und Madeira und . . . und . . . und Kaffee. Ich habe es gesehen, als ich durch das Zimmer ging. Morgen aber fällt wieder die ganze Last des Unterhaltes der Familie auf Ihre Schultern, und ohne Sie hätten sie keinen Bissen Brot. Ein solches Verfahren ist ja geradezu sinnlos. Daher muß auch eine etwaige Kollekte nach meiner persönlichen Ansicht in der Weise veranstaltet werden, daß von dem Gelde die unglückliche Witwe gar nichts erfährt, sondern etwa nur Sie. Habe ich nicht recht?«

»Ich weiß nicht. Es ist ja nur heute, daß sie so ist, . . . nur einmal im Leben; . . . es lag ihr so viel daran, ein Gedächtnismahl zu veranstalten, dem Toten eine Ehre zu erweisen, sein Andenken zu feiern; . . . sie ist sonst sehr vernünftig. Aber machen Sie es ganz, wie es Ihnen gut scheint, und ich werde Ihnen sehr; sehr, . . . sie alle werden Ihnen . . . und Gott wird Sie . . . und die vaterlosen Kinderchen . . .«

Sonja konnte nicht zu Ende sprechen; sie brach in Tränen aus.

»Nun ja. Also dann überlegen Sie sich das; jetzt aber wollen Sie für Ihre Mutter zunächst von mir persönlich eine meinen Kräften entsprechende Summe entgegennehmen. Ich spreche die dringende Bitte aus, daß mein Name dabei nicht erwähnt werden möge. Hier, bitte . . . Da ich sozusagen selbst meine Sorgen habe, bin ich nicht imstande, eine größere Summe . . .«

Und Pjotr Petrowitsch reichte Sonja einen Zehnrubelschein hin, den er sorgsam auseinandergefaltet hatte. Sonja nahm ihn, wurde rot, murmelte etwas und verabschiedete sich hastig. Pjotr Petrowitsch begleitete sie würdevoll bis an die Tür. Endlich schlüpfte sie ganz aufgeregt und erschöpft aus dem Zimmer und kehrte in größter Verwirrung zu Katerina Iwanowna zurück.

Während dieses ganzen Vorganges hatte Andrej Semjonowitsch bald am Fenster gestanden, bald war er im Zimmer auf und ab gegangen, ohne sich in das Gespräch einzumischen; als Sonja hinausgegangen war, trat er auf Pjotr Petrowitsch zu und reichte ihm feierlich die Hand.

»Ich habe alles gehört und alles gesehen«, sagte er, wobei er auf das letzte Wort einen besonderen Nachdruck legte. »Das war edel und vornehm von Ihnen gehandelt, das heißt, ich wollte sagen, human! Sie wollten die Danksagungen vermeiden; ich habe es wohl gesehen! Und wiewohl ich, offen gestanden, grundsätzlich kein Freund der privaten Wohltätigkeit bin, weil sie, statt das Übel auszurotten, es sogar noch steigert, so muß ich trotzdem bekennen, daß ich Ihre Handlungsweise mit Vergnügen mit angesehen habe; ja, wirklich, das hat mir sehr gefallen.«

»Ach, dummes Zeug!« murmelte Pjotr Petrowitsch etwas aufgeregt und blickte den andern forschend an.

»Nein, das ist kein dummes Zeug! Ein Mann, der wie Sie durch den gestrigen Vorfall gekränkt und aufgebracht ist und doch gleichzeitig imstande ist, an das Unglück andrer zu denken, ein solcher Mann – mag er auch durch sein Tun in sozialer Hinsicht einen Fehler begehen – verdient dennoch Hochachtung! Ich hatte das von Ihnen, Pjotr Petrowitsch, gar nicht erwartet, um so weniger, da nach Ihren Anschauungen . . . Ach, wie sehr hindern diese Ihre Anschauungen Sie noch an richtiger Lebensgestaltung! Wie arg regen Sie sich zum Beispiel über dieses gestrige Malheur auf«, rief der gutmütige Andrej Semjonowitsch, der wieder eine verstärkte Zuneigung zu Pjotr Petrowitsch empfand. »Aber wozu haben Sie eigentlich diese Ehe, diese gesetzliche Ehe, so unbedingt nötig, liebster, bester Pjotr Petrowitsch? Wozu haben Sie so unbedingt diese Gesetzlichkeit der Ehe nötig? Na, wenn Sie Lust haben, können Sie mich ja dafür prügeln; aber ich muß doch sagen: ich freue mich, freue mich geradezu, daß aus dieser Ehe nichts geworden ist, daß Sie frei sind, daß Sie noch nicht ganz für die Sache der Menschheit verloren sind; ich freue mich . . . Sehen Sie, nun habe ich Ihnen mein Herz ausgeschüttet!«

»Wozu ich die gesetzliche Ehe nötig habe? Weil ich keine Lust habe, mir in Ihrer freien Ehe Hörner aufsetzen zu lassen und fremde Kinder aufzuziehen. Darum brauche ich die gesetzliche Ehe«, erwiderte Lushin, um überhaupt eine Antwort zu geben; es ging ihm offenbar etwas anderes sehr im Kopfe herum und beschäftigte seine Gedanken.

»Kinder? Sie sprachen von Kindern?« fuhr Andrej Semjonowitsch auf, wie ein Schlachtroß, das die Kriegstrompete hört. »Die Kinder, ja, das ist eine soziale Frage von höchster Wichtigkeit; ganz meine Ansicht; aber die Kinderfrage wird sich in andrer Weise erledigen. Manche gehen so weit, die Kinder vollständig zu negieren, wie überhaupt alles, was irgendwie mit Familie zu tun hat. Wir können ja über die Kinder später einmal reden; beschäftigen wir uns jetzt lieber zunächst mit den Hörnern! Ich muß gestehen, daß das ein Lieblingsthema von mir ist. Dieser häßliche Husarenausdruck, welchen Puschkin bei uns heimisch gemacht hat, ist im Wörterbuche der Zukunft geradezu undenkbar. Was sind denn eigentlich Hörner? Welche Begriffsverwirrung! Was für Hörner? Wieso Hörner? Welcher Unsinn! Im Gegenteil, in der freien Ehe wird es Hörner gar nicht geben! Die Hörner sind nur die naturgemäße Folge einer jeden gesetzlichen Ehe, sozusagen eine Korrektur derselben, ein Protest gegen sie, so daß sie in diesem Sinne durchaus nichts Erniedrigendes haben. Und sollte ich jemals (nehmen wir einmal eine solche Absurdität als möglich an) in einer gesetzlichen Ehe leben, so würde ich mich über diese Hörner, von denen Sie und andre so viel Wesen machen, geradezu freuen; ich würde dann zu meiner Frau sagen: ›Liebe Frau, bisher habe ich dich nur geliebt; jetzt aber fühle ich auch Hochachtung vor dir, weil du einsichtsvoll genug gewesen bist, zu protestieren!‹ Sie lachen! Das kommt daher, weil Sie nicht die Kraft haben, sich von Vorurteilen loszureißen! Zum Kuckuck, ich begreife recht wohl, inwiefern es unangenehm ist, in einer gesetzlichen Ehe betrogen zu werden; aber das ist doch nur die schändliche Folge eines schändlichen faktischen Zustandes, durch welchen der Mann und die Frau in gleicher Weise erniedrigt werden. Wenn aber beim Aufsetzen der Hörner alles ganz offen zugeht wie in der freien Ehe, dann gibt es gar keine Hörner mehr, sie haben keine Bedeutung mehr und verlieren auch den Namen Hörner. Im Gegenteil, Ihre Frau liefert Ihnen nur einen Beweis ihrer Hochachtung, indem sie Sie für zu vernünftig hält, als daß Sie ihr an ihrem Glücke hinderlich sein möchten, und für so vorgeschritten in der geistigen Entwicklung, daß Sie ihr das Verhältnis zu dem neuen Manne nicht nachtragen werden. Ja, in Zukunftsträumereien lege ich mir das manchmal so zurecht: wenn ich mich verheirate (ganz gleich, ob in freier oder in gesetzlicher Ehe), so würde ich selbst meiner Frau einen Liebhaber zuführen, wenn sie zu lange damit wartete, sich einen anzuschaffen. ›Liebe Frau‹, würde ich sagen, ›ich liebe dich; aber ich wünsche auch, daß du mich hochachtest; hier . . . nimm ihn!‹ Habe ich nicht recht? Habe ich nicht recht?«

Pjotr Petrowitsch kicherte über diese Darlegungen, aber ohne lebhaftere Teilnahme. Er hatte kaum zugehört. In Wirklichkeit hatte er ganz andre Gedanken im Kopfe, was selbst Lebesjatnikow schließlich bemerkte. Pjotr Petrowitsch war in Aufregung, rieb sich die Hände und überlegte. Erst später erinnerte sich Andrej Semjonowitsch an alles dies und verstand den Zusammenhang.

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