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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Schuld und Sühne - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Dostojewski
titleSchuld und Sühne
publisherAufbau Verlag
year1956
translatorH. Röhl
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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III

Die Hauptsache war, daß er bis zum letzten Augenblicke einen solchen Ausgang in keiner Weise erwartet hatte. Noch bis ganz zuletzt hatte er die Oberhand zu haben geglaubt und gar nicht an die Möglichkeit gedacht, daß sich zwei arme, schutzlose Frauen seiner Gewalt entziehen könnten. Zu dieser Überzeugung trugen seine Eitelkeit und jener hohe Grad von Selbstbewußtsein viel bei, den man am treffendsten als ein »Verliebtsein in sich selbst« bezeichnen kann. Pjotr Petrowitsch, der sich aus sehr niedriger Lebenslage hinaufgearbeitet hatte, hatte sich eine übermäßige Bewunderung seiner eigenen Person angewöhnt; er hegte eine sehr hohe Meinung von seinem Verstande und seinen Fähigkeiten und liebäugelte sogar manchmal, wenn er allein war, im Spiegel mit seinem Gesicht. Mehr aber als alles andre in der Welt liebte und schätzte er sein Geld, das er sich durch Arbeit und mancherlei andre Mittel erworben hatte; denn dieses Geld stellte ihn, wie er meinte, mit allen, die ihn geistig überragten, doch wieder auf gleiche Stufe.

Als er jetzt Dunja mit Bitterkeit daran erinnert hatte, daß er trotz des üblen Geredes über sie gewillt gewesen sei, sie zu heiraten, hatte Pjotr Petrowitsch vollkommen seiner Überzeugung gemäß gesprochen; er empfand sogar eine tiefe Entrüstung über einen solchen schwarzen Undank, wie er es bei sich nannte. Und doch war er schon damals, als er um Dunja anhielt, von der Sinnlosigkeit aller dieser Klatschereien völlig überzeugt gewesen; sie waren ja auch von Marfa Petrowna selbst in aller Öffentlichkeit als unwahr erklärt worden und wurden längst von niemand in der Stadt mehr aufrechterhalten, wo man vielmehr nun eifrig für Dunja Partei nahm. Auch hätte er selbst jetzt nicht in Abrede gestellt, daß er das alles schon damals gewußt hatte. Aber trotzdem rechnete er sich seinen Entschluß, Dunja zu sich heraufzuheben, hoch an und hielt ihn für eine große, edle Tat. Indem er dies soeben Dunja gegenüber ausgesprochen hatte, hatte er einen geheimen, gern gehegten Gedanken geäußert, an dem er selbst schon mehr als einmal seine Freude gehabt hatte, und er fand es unbegreiflich, daß andre seiner edlen Tat ihre Bewunderung versagten. Als er damals Raskolnikow seinen Besuch machte, war er mit dem Gefühle eines Wohltäters eingetreten, der sich anschickt, die Früchte seines Edelmutes zu ernten und süß mundende Lobeserhebungen zu hören. Und als er jetzt die Treppe hinunterstieg, hielt er sich natürlich für tief beleidigt und verkannt.

Dunja war ihm geradezu unentbehrlich; daß er auf sie verzichten sollte, war ihm ganz undenkbar. Schon lange, schon seit mehreren Jahren hatte er mit wonnigem Behagen von seiner künftigen Heirat geträumt, hatte aber immer noch mehr Geld dazugespart und gewartet. Mit Entzücken hatte er sich im geheimsten Winkel seines Innern das Bild eines Mädchens ausgemalt: wohlgesittet sollte sie sein und arm (arm unter allen Umständen), noch sehr jung, sehr hübsch, von guter Herkunft, gebildet, sehr schüchtern; sie müßte bereits sehr viel Not und Elend durchgemacht haben, sich völlig an ihn schmiegen, ihn ihr ganzes Leben lang als ihren Retter betrachten, voll Ehrfurcht zu ihm aufschauen, sich ihm unterordnen und ihn, einzig und allein ihn, bewundern. Wieviel hübsche Szenen, wieviel wonnige Idylle hatte ihm nicht über dieses interessante, lockende Thema seine Phantasie vor Augen geführt, wenn er sich in der Stille von seinen Geschäften erholte! Und siehe da, der Traum so vieler Jahre hatte sich beinahe schon verwirklicht: Awdotja Romanownas Schönheit und Bildung hatten ihn in staunende Bewunderung versetzt, ihre hilflose Lage ihn gewaltig gereizt. Hier hatte er noch erheblich mehr gefunden als das, wovon er bisher geschwärmt hatte: er hatte ein stolzes, charakterfestes, tugendhaftes Mädchen gefunden, das ihn an Bildung und geistiger Entwicklung überragte (das fühlte er), und solch ein Wesen sollte ihm nun das ganze Leben lang für seine edle Tat in Sklavenart dankbar sein und sich in tiefster Ehrfurcht vor ihm beugen, und er würde ihr unumschränkter, allgewaltiger Herr und Gebieter sein! . . . Und nun war damit auch noch sehr glücklich zusammengetroffen, daß er kurz vorher nach langem Überlegen und Zögern sich endlich definitiv entschlossen hatte, seine Laufbahn zu ändern und in einen weiteren Wirkungskreis einzutreten; dadurch hoffte er dann auch allmählich in eine höhere Gesellschaftsschicht einzudringen, was schon längst der Gegenstand seiner sehnsüchtigen Gedanken gewesen war . . . Kurz, er hatte sich entschlossen, es mit dem Leben in Petersburg zu versuchen. Er wußte, daß sich durch Frauen sehr viel erreichen läßt. Der von einer reizenden, tugendhaften, gebildeten Frau ausgehende Zauber konnte ihm seine Karriere erstaunlich erleichtern, einflußreiche Leute an ihn heranziehen, ihm einen Glorienschein verleihen. Und nun waren alle diese Hoffnungen vernichtet! Diese plötzliche, ungeheuerliche Auflösung der Verlobung wirkte auf ihn wie ein Blitzstrahl. Aber das war doch nur ein schändlicher Scherz, ein Unsinn! Er hatte ihnen ja nur ein bißchen imponieren wollen, war nicht einmal dazu gekommen, sich ordentlich auszusprechen; er hatte einfach nur ein wenig gespaßt, sich etwas gehenlassen, und nun hatte die Sache ein so ernstes Ende genommen! Und schließlich, er liebte ja Dunja sogar schon auf seine Weise, er herrschte über sie bereits in seinen Zukunftsträumen – und nun plötzlich . . .! Nein! Morgen, gleich morgen mußte alles wieder in Ordnung gebracht, ausgeglichen, repariert werden; vor allen Dingen aber mußte dieser arrogante Milchbart, der an allem schuld war, aus dem Wege geräumt werden. Mit einer unbehaglichen Empfindung erinnerte er sich unwillkürlich auch an Rasumichin, . . . indessen in dieser Hinsicht beruhigte er sich bald wieder: das wäre ja noch besser, wenn auch der mit ihm auf gleiche Stufe gestellt würde! Vor wem er sich aber wirklich im Ernste fürchtete, das war Swidrigailow . . . Kurz, es standen ihm mancherlei unangenehme Dinge, viele Scherereien bevor . . .


»Nein, ich bin am meisten schuld!« sagte Dunjetschka und umarmte und küßte ihre Mutter. »Ich habe mich von seinem Gelde verlocken lassen; aber ich schwöre dir, Bruder, ich habe keine Ahnung davon gehabt, daß er ein so unwürdiger Mensch ist. Hätte ich ihn früher durchschaut, so hätte ich mich durch nichts verlocken lassen! Urteile nicht zu streng über mich, Bruder!«

»Gott hat uns gerettet! Gott hat uns gerettet!« murmelte Pulcheria Alexandrowna; aber sie war noch ganz benommen und schien sich über alles Vorgefallene noch nicht recht klargeworden zu sein.

Alle freuten sich, und fünf Minuten darauf lachten sie sogar. Nur wurde Dunja mitunter blaß und zog die Brauen zusammen, wenn sie sich des Geschehenen erinnerte. Pulcheria Alexandrowna hätte vorher nie gedacht, daß auch sie selbst sich darüber freuen würde: noch am Vormittag war ihr ein Bruch mit Lushin als ein furchtbares Unglück erschienen. Rasumichin aber war geradezu entzückt. Er wagte noch nicht, seine Glückseligkeit in vollem Umfange zu zeigen; aber er zitterte am ganzen Leibe wie im Fieber, als wäre ihm ein zentnerschwerer Stein vom Herzen gefallen. Jetzt hatte er, seiner Anschauung nach, das Recht, ihnen sein ganzes Leben zu weihen, ihnen zu dienen . . . Und was konnte sich jetzt nicht sonst noch alles begeben! Jedoch verscheuchte er ängstlich alle weitergehenden Gedanken und fürchtete sich vor seiner eigenen Phantasie. Nur Raskolnikow saß immer noch auf demselben Platze, mit beinahe düsterem und sogar zerstreutem Gesichtsausdrucke. Er, der am allermeisten auf Lushins Entfernung bestanden hatte, schien sich jetzt weniger als alle andern für das Vorgefallene zu interessieren. Dunja kam unwillkürlich auf den Gedanken, daß er ihr vielleicht immer noch sehr böse sei, und Pulcheria Alexandrowna betrachtete ihn mit heimlicher Angst.

»Was hat dir denn Swidrigailow gesagt?« fragte Dunja, zu ihm tretend.

»Ach ja, ja!« rief Pulcheria Alexandrowna.

Raskolnikow hob den Kopf.

»Er will dir durchaus zehntausend Rubel schenken und spricht dabei den Wunsch aus, mit dir einmal in meiner Gegenwart zusammenzukommen.«

»Mit ihr zusammenzukommen! Um keinen Preis!« rief Pulcheria Alexandrowna. »Und wie kann er es wagen, ihr Geld anzubieten!«

Darauf berichtete Raskolnikow in recht trockener Art über sein Gespräch mit Swidrigailow, erwähnte aber nichts davon, daß Marfa Petrowna diesem als Geist erschienen sei, um nicht in ein unnötiges Gesprächsthema hineinzugeraten; denn er empfand einen Widerwillen dagegen, irgendein Gespräch zu führen, das nicht durchaus notwendig war.

»Was hast du ihm geantwortet?« fragte Dunja.

»Zuerst habe ich gesagt, ich würde dir nichts davon mitteilen. Darauf erklärte er, dann würde er selbst mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln eine Begegnung mit dir herbeizuführen suchen. Er versicherte, daß seine Leidenschaft für dich eine Verrücktheit gewesen sei und daß er jetzt nichts mehr für dich empfinde . . . Er will nicht, daß du Lushin heiratest . . . Er sprach überhaupt verworren und unklar.«

»Wie erklärst du dir selbst sein Verhalten, Rodja? Was hat er auf dich für einen Eindruck gemacht?«

»Ich muß gestehen, ich sehe da noch nicht klar. Er bietet dir zehntausend Rubel an und sagt selbst, daß er nicht reich sei. Er erklärt, er wolle eine größere Reise antreten, und nach zehn Minuten hat er bereits vergessen, daß er davon gesprochen hat. Dann wieder sagt er auf einmal, er wolle sich verheiraten und lasse bereits um ein junges Mädchen werben. Jedenfalls verfolgt er eine bestimmte Absicht, und aller Wahrscheinlichkeit nach eine schlechte. Aber andrerseits ist schwer anzunehmen, daß er die Sache so dumm angreifen würde, wenn er gegen dich Schlechtes im Schilde führte . . . Ich habe natürlich dieses Geld in deinem Namen ein für allemal abgelehnt. Überhaupt machte er mir einen sehr sonderbaren Eindruck, und . . . ich glaubte sogar . . . Anzeichen von Verrücktheit bei ihm wahrzunehmen. Möglich aber auch, daß ich mich geirrt habe; vielleicht liegt hier einfach ein absonderlicher Überlistungsversuch vor. Der Tod seiner Frau hat, wie es scheint, auf ihn Eindruck gemacht . . .«

»Gott schenke ihrer Seele die ewige Ruhe!« rief Pulcheria Alexandrowna. »Mein lebelang will ich für sie zu Gott beten! Was würde jetzt aus uns werden, Dunja, ohne diese dreitausend Rubel! O Gott, die sind ja wie vom Himmel gefallen! Ach, Rodja, wir hatten ja heute früh nur noch drei Rubel im Vermögen, und Dunja und ich überlegten nur noch, wie wir irgendwo die Uhr möglichst schnell versetzen könnten, um nur nicht diesen Menschen bitten zu müssen, ehe es ihm nicht selbst in den Sinn käme, uns etwas anzubieten.«

Dem jungen Mädchen war Swidrigailows Anerbieten gar zu überraschend gekommen; sie stand noch immer in Gedanken versunken.

»Er hat irgend etwas Schreckliches vor!« sprach sie fast flüsternd vor sich hin und schauderte zusammen.

Raskolnikow bemerkte diese gewaltige Furcht.

»Ich glaube, ich werde ihn noch manchmal zu sehen bekommen«, sagte er zu Dunja.

»Wir wollen ihn beobachten! Ich werde schon hinter ihm her sein!« rief Rasumichin energisch. »Nicht aus den Augen lasse ich den Menschen! Rodja hat es mir erlaubt. Er hat selbst zu mir gesagt: ›Beschütze meine Schwester!‹ Und wollen auch Sie es mir erlauben, Awdotja Romanowna?«

Dunja lächelte und reichte ihm die Hand; aber ihr Gesicht verlor nicht den sorgenvollen Ausdruck. Pulcheria Alexandrowna blickte sie schüchtern an, fühlte sich indes durch die dreitausend Rubel offenbar nicht wenig beruhigt.

Eine Viertelstunde darauf befanden sie sich alle im lebhaftesten Gespräche. Sogar Raskolnikow, obgleich er selbst nicht sprach, hörte eine Zeitlang aufmerksam zu. Rasumichin redete unermüdlich.

»Und warum, warum sollten Sie von hier wieder wegziehen?« rief er entzückt und begeistert aus. »Was können Sie denn in dem kleinen Neste dort anfangen? Und die Hauptsache ist doch: hier sind Sie alle beieinander; und Sie haben einander nötig, sehr nötig, verstehen Sie mich! Na, versuchen Sie es hier wenigstens eine Zeitlang . . . Und mich nehmen Sie als Freund, als Kompagnon an, und ich versichere Ihnen, das Unternehmen, das wir gründen wollen, wird famos prosperieren. Hören Sie nur zu, ich will Ihnen alles im einzelnen auseinandersetzen, das ganze Projekt! Schon heute früh, als noch nichts passiert war, fuhr mir der Gedanke durch den Kopf . . . Also die Sache ist die: Ich habe einen Onkel (ich werde Sie mit ihm bekannt machen; ein sehr vernünftiger, achtungswerter alter Herr), und dieser Onkel besitzt ein Kapital von tausend Rubel; aber er selbst lebt von seiner Pension und braucht weiter nichts. Schon seit mehr als einem Jahre setzt er mir mit Bitten zu, ich möchte diese tausend Rubel von ihm annehmen und sie ihm mit sechs Prozent verzinsen. Ich durchschaue ja seine Schliche: er will mich einfach unterstützen. Im vorigen Jahre brauchte ich nicht notwendig Geld; aber in diesem Jahre habe ich nur auf seine Ankunft gewartet und bin entschlossen, das Geld anzunehmen. Dann geben Sie von Ihren dreitausend noch tausend dazu; das reicht für den ersten Anfang; wir assoziieren uns. Aber nun: von welcher Art wird das Unternehmen sein?«

Nun begann Rasumichin sein Projekt darzulegen und redete ein langes und breites darüber, daß fast alle unsre Buchhändler und Verleger kein rechtes Verständnis für Bücher hätten und daher auch gewöhnlich beim Verlegen schlechte Geschäfte machten, daß aber wirklich gute Verlagsartikel sich immer rentierten und Gewinn abwürfen, manchmal sogar recht bedeutenden. Die Verlagstätigkeit, das war das Ideal Rasumichins, der schon zwei Jahre lang für andre gearbeitet hatte und drei europäische Sprachen ganz gut kannte, obgleich er vor sechs Tagen zu Raskolnikow gesagt hatte, er sei im Deutschen schwach. Aber das hatte er damals eben nur gesagt, um ihn dazu zu bewegen, die Hälfte der Übersetzungsarbeit und die drei Rubel Vorschuß anzunehmen; er hatte damals gelogen, und Raskolnikow hatte gewußt, daß er log.

»Warum sollen wir uns denn unsern Vorteil entgehen lassen, wenn uns plötzlich das wichtigste Hilfsmittel zugefallen ist: eigenes Anlagekapital?« sagte Rasumichin in hellem Eifer. »Natürlich wird es genug Arbeit kosten; aber arbeiten wollen wir schon, Sie, Awdotja Romanowna, und ich, und Rodja . . . Manche Bücher werfen jetzt einen vorzüglichen Profit ab! Und die beste Garantie für das Gedeihen unseres Unternehmens liegt darin, daß wir immer wissen werden, was gerade übersetzt werden muß. Wir wollen übersetzen und verlegen und studieren, alles zugleich. Ich kann mich dabei nützlich machen, weil ich bereits Erfahrung besitze. Es sind jetzt fast schon zwei Jahre, daß ich mit Verlegern zu schaffen habe, und ich kenne alle ihre Kniffe und Pfiffe; eine Hexerei ist es nicht, das können Sie mir glauben! Warum sollen wir denn nicht zuschnappen, wenn sich uns ein fetter Bissen darbietet! Ich kenne selbst zwei, drei außerordentlich geeignete Bücher; das ist ein Geheimnis, das ich sorgsam bewahre. Die bloße Idee, sie zu übersetzen und zu verlegen, ist hundert Rubel pro Buch wert, und bei dem einen von ihnen verkaufe ich die Idee nicht für fünfhundert Rubel. Und was meinen Sie wohl: wenn ich meine Idee einem Verleger mitteilte, würde er am Ende noch seine Bedenken haben, so ein Esel! Und was die eigentlichen Geschäftssachen anlangt, also Druck, Papier, Verkauf, so übertragen Sie das nur mir! Ich kenne alle Schliche. Wir wollen klein anfangen und uns in die Höhe bringen; wenigstens werden wir unsern Unterhalt davon haben und jedenfalls das hineingesteckte Geld wieder herausbekommen.«

Dunjas Augen glänzten.

»Was Sie uns da vortragen, gefällt mir sehr, Dmitrij Prokofjitsch«, sagte sie.

»Ich verstehe natürlich nichts davon«, bemerkte Pulcheria Alexandrowna. »Es kann ja sein, daß es ganz gut ist; aber Gott mag's wissen. Es ist alles so neuartig und fremd. Natürlich müssen wir hierbleiben, mindestens für die nächste Zeit . . .«

Sie blickte Rodja an.

»Wie denkst du darüber, Bruder?« fragte Dunja.

»Ich denke, daß es eine sehr gute Idee von ihm ist«, antwortete er. »An eine wirkliche Verlagsfirma darf man selbstverständlich vorläufig nicht denken; aber so fünf oder sechs Bücher wird man in der Tat mit unzweifelhaftem Erfolge verlegen können. Ich kenne auch selbst ein Werk, das mit Sicherheit gut gehen wird. Und was seine Fähigkeit, die Sache durchzuführen, anlangt, so kann daran kein Zweifel sein; er versteht die Sache . . . Aber ihr werdet ja noch Zeit haben, alles miteinander zu besprechen . . .«

»Hurra!« rief Rasumichin. »Nun passen Sie einmal auf: hier in diesem Hause ist eine Wohnung zu haben, bei denselben Wirtsleuten. Sie liegt ganz für sich, abgesondert, und steht mit diesem Hotel garni nicht in Verbindung; sie ist möbliert, der Preis ist mäßig, es sind drei Stübchen. Also die sollten Sie fürs erste mieten. Die Uhr werde ich morgen für Sie versetzen und Ihnen das Geld bringen, und dann wird alles in Ordnung kommen. Und die Hauptsache ist, daß Sie alle drei zusammen wohnen können; denn auch Rodja kann bei Ihnen wohnen. Wo willst du denn hin, Rodja?«

»Wie, Rodja, du willst schon fortgehen?« fragte Pulcheria Alexandrowna ganz erschrocken.

»In einem solchen Augenblick?« rief Rasumichin.

Dunja blickte ihren Bruder mit mißtrauischer Verwunderung an. Er hielt die Mütze in der Hand und schickte sich an wegzugehen.

»Na aber, ihr tut ja gerade, als ob ihr mich begraben wolltet oder für immer von mir Abschied nähmet!« sagte er in seltsamem Tone. Es sah aus, als ob er lächelte; aber ein wirkliches Lächeln war es nicht. »Allerdings, wer weiß, vielleicht ist es auch das letzte Mal, daß wir uns sehen«, fügte er unvermutet hinzu.

Er hatte das eigentlich nur denken wollen; aber wie von selbst waren es vernehmliche Worte geworden.

»Aber was ist denn mit dir?« rief die Mutter.

»Wohin gehst du, Rodja?« fragte Dunja auffallend ernst.

»Ich habe nichts Besonderes vor, einen notwendigen Weg«, antwortete er unklar und unbestimmt, als sei er unsicher, was er sagen solle; aber sein blasses Gesicht trug den Ausdruck fester Entschlossenheit.

»Ich nahm mir vor, . . . als ich hierherging, . . . ich nahm mir vor, Ihnen, Mama, . . . und dir, Dunja, zu sagen, daß es wohl das beste ist, wenn wir uns eine Zeitlang trennen. Ich fühle mich nicht wohl, ich habe eine solche Unruhe; . . . ich komme später wieder zu euch, ich komme ganz von selbst wieder, sobald . . . es möglich ist. Ich werde an euch denken und euch liebbehalten . . . Aber laßt mich jetzt, laßt mich allein! Ich habe diesen Entschluß gefaßt, . . . schon früher . . . Ich habe mich fest dazu entschlossen . . . Was auch mit mir geschehen möge, ob ich nun zugrunde gehe oder nicht, jedenfalls will ich allein sein. Vergeßt mich völlig; das ist das beste . . . Erkundigt euch nicht nach mir. Sobald es nötig ist, komme ich selbst wieder, oder . . . ich rufe euch zu mir. Vielleicht wird noch alles gut! . . . Aber jetzt, wenn ihr mich liebt, trennt euch von mir . . . Sonst fange ich an, euch zu hassen; das fühle ich . . . Lebt wohl!«

»O Gott, o Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna.

Mutter und Schwester waren beide aufs tiefste erschrocken; nicht minder Rasumichin.

»Rodja, Rodja! Sei doch wieder gut zu uns; laß uns doch miteinander so weiterleben, wie wir es immer getan haben!« rief die arme Mutter.

Langsam wandte er sich um und ging langsam zur Tür, um das Zimmer zu verlassen. Dunja eilte ihm nach.

»Bruder! Was tust du unsrer Mutter an!« flüsterte sie; in ihren Augen funkelte die Entrüstung.

Er schaute sie düster an.

»Ihr braucht euch nicht zu beunruhigen; ich komme wieder; ich werde manchmal kommen!« murmelte er halblaut, als wäre er sich selbst nicht recht bewußt, was er eigentlich sagen wollte, und ging aus dem Zimmer.

»Ein böser, gefühlloser Egoist!« rief Dunja.

»Verrückt ist er, nicht gefühllos! Er ist geisteskrank! Sehen Sie denn das nicht? Sonst wären Sie ja selbst gefühllos! . . .« flüsterte Rasumichin ihr in größter Erregung ins Ohr und drückte ihr kräftig die Hand.

»Ich komme gleich wieder!« rief er Pulcheria Alexandrowna zu, die vor Schreck wie gelähmt war, und stürzte aus dem Zimmer.

Raskolnikow wartete draußen, am Ende des Korridors, auf ihn.

»Ich hatte es mir gedacht, daß du noch zu mir herauskommen würdest«, sagte er. »Geh wieder zu ihnen zurück und bleib bei ihnen . . . Bleib auch morgen bei ihnen . . . und immer. Ich . . . komme vielleicht wieder, . . . wenn ich kann. Leb wohl!«

Und ohne ihm die Hand zu reichen, wandte er sich zum Gehen.

»Aber wo willst du denn hin? Was hast du nur? Was ist mit dir los? Wie ist so was nur möglich!« murmelte Rasumichin ganz fassungslos.

Raskolnikow blieb noch einmal stehen.

»Ein für allemal: frage mich nie und nach nichts. Ich kann dir keine Antwort geben . . . Komm nicht zu mir. Vielleicht komme ich wieder hierher . . . Verlaß mich, . . . aber die beiden da verlaß nicht! Verstehst du mich?«

Im Korridor war es dunkel; aber sie standen bei einer Lampe. Eine Minute lang blickten sie einander schweigend an. Sein ganzes Leben lang erinnerte sich Rasumichin dieser Minute. Raskolnikows brennender, starrer Blick schien jeden Augenblick schärfer zu werden und bohrte sich ihm in Herz und Hirn. Auf einmal zuckte Rasumichin zusammen. Es war, als sei etwas Seltsames zwischen ihnen beiden hindurchgegangen, hindurchgeschlüpft, . . . ein Gedanke, eine Art Ahnung, etwas Furchtbares, Ungeheuerliches, was beiden auf einmal zum Bewußtsein kam . . . Rasumichin wurde leichenblaß.

»Verstehst du mich jetzt?« sagte Raskolnikow mit krampfhaft verzogenem Gesichte. »Kehre zurück, geh zu ihnen«, fügte er hinzu, wendete sich schnell um und ging aus dem Hause.

Es ist nicht meine Absicht, zu schildern, was an diesem Abend bei Pulcheria Alexandrowna vorging: wie Rasumichin zu ihnen zurückkehrte, wie er sie beruhigte, wie er auseinandersetzte, man müsse Rodja, solange er krank sei, Ruhe gönnen, wie er beteuerte, Rodja werde jedenfalls wiederkommen, jeden Tag kommen: seine Nerven seien furchtbar angegriffen, und man dürfe ihn nicht reizen; er, Rasumichin, werde ihn nicht aus den Augen lassen; er werde ihm einen guten Arzt beschaffen, den besten, den es gebe, ein ganzes Konsilium . . . Kurz, Rasumichin wurde ihnen an diesem Abend Sohn und Bruder.

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