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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Schuld und Sühne - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Dostojewski
titleSchuld und Sühne
publisherAufbau Verlag
year1956
translatorH. Röhl
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050727
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II

Es war schon fast acht Uhr; beide machten sich eilig nach dem Bakalejewschen Hotel garni auf, um noch vor Lushin dort einzutreffen.

»Nun, wer war denn das?« fragte Rasumichin, als sie auf die Straße traten.

»Das war Swidrigailow, eben jener Gutsbesitzer, in dessen Hause meine Schwester Gouvernante war und schwer gekränkt wurde. Infolge der Liebesanträge, mit denen er ihr zusetzte, verließ sie ihre Stellung; sie wurde nämlich von seiner Frau, Marfa Petrowna, aus dem Hause gejagt. Diese Marfa Petrowna hat dann später den wahren Sachverhalt erfahren und Dunja um Verzeihung gebeten; jetzt ist sie ganz plötzlich gestorben. Meine Mutter und meine Schwester sprachen heute morgen von ihr. Ich weiß nicht recht, warum, aber ich fürchte mich sehr vor diesem Menschen. Gleich nach der Beerdigung seiner Frau ist er hierhergereist. Er hat ein ganz sonderbares Wesen und verfolgt energisch irgendein bestimmtes Ziel . . . Es macht den Eindruck, als wüßte er irgend etwas . . . Dunja muß vor ihm beschützt werden, . . . das wollte ich auch dir sagen, hörst du?«

»Beschützen! Was kann er ihr denn tun? Na, aber ich danke dir, Rodja, daß du so zu mir sprichst . . . Wir wollen sie schon beschützen; das wollen wir! . . . Wo wohnt er denn?«

»Das weiß ich nicht.«

»Warum hast du ihn nicht gefragt? Schade! Aber das werde ich bald herausbekommen!«

»Hast du ihn gesehen?« fragte Raskolnikow nach einem kurzen Schweigen.

»Jawohl, ich habe ihn mir gemerkt, ordentlich gemerkt.«

»Hast du ihn auch genau gesehen, deutlich gesehen?« fragte Raskolnikow nochmals.

»Aber ja! Ich habe ihn ganz deutlich in der Erinnerung; aus tausend Menschen will ich ihn herauserkennen; ich habe für Physiognomien ein gutes Gedächtnis.«

Wieder schwiegen sie ein Weilchen.

»Hm! . . . Na ja . . .«, murmelte Raskolnikow. »Sonst, weißt du, . . . ich dachte schon, . . . es scheint mir immer, . . . daß das vielleicht nur eine Sinnestäuschung von mir ist.«

»Was willst du damit sagen? Ich verstehe dich nicht recht.«

»Ihr sagt doch alle«, fuhr Raskolnikow fort und verzog den Mund zu einem Lächeln, »ich wäre verrückt; jetzt eben hatte ich nun auch die Empfindung, daß ich vielleicht wirklich verrückt wäre und nur eine Vision gehabt hätte.«

»Aber was redest du da?«

»Ja, wer weiß? Vielleicht bin ich tatsächlich verrückt, und alle Ereignisse dieser letzten Tage haben sich nur in meiner Einbildung zugetragen . . .«

»Ach, Rodja! Das Gespräch mit dem Menschen hat dich wieder aufgeregt! . . . Was hat er denn gesagt? Warum ist er zu dir gekommen?«

Raskolnikow antwortete nicht; Rasumichin überlegte eine Minute lang; dann begann er:

»Nun, dann höre mal meinen Bericht an. Ich bin schon einmal bei dir gewesen, aber da schliefst du. Darauf aßen wir zu Mittag, und dann ging ich zu Porfirij. Sametow war immer noch bei ihm. Ich wollte ein Gespräch über die Sache anfangen, aber es gelang mir nicht recht; ich konnte es immer nicht in der richtigen Weise in Gang bringen. Es sah aus, als ob sie mich nicht verständen und nicht verstehen könnten, aber gar nicht verlegen wären. Ich nahm mir Porfirij beiseite ans Fenster und fing an zu sprechen; aber ich weiß nicht, es wurde wieder nichts Rechtes: er sah zur Seite, und ich sah zur Seite. Schließlich hielt ich ihm die Faust vors Gesicht und sagte, ich würde ihn zermalmen, so in verwandtschaftlicher Weise. Aber er sah mich bloß an. Ich spuckte aus und ging weg, und damit war die Sache zu Ende. Dumm, sehr dumm! Mit Sametow habe ich kein Wort gesprochen. Aber nun sieh mal: ich dachte zuerst, ich hätte die Sache noch mehr verdorben; aber als ich die Treppe hinunterstieg, kam mir ein Gedanke oder vielmehr eine Art Erleuchtung: warum machen wir beide, du und ich, uns eigentlich soviel Sorge und Mühe? Ja, wenn für dich eine Gefahr bestände, na, dann natürlich! Aber was geht es dich an? Du hast ja mit der Geschichte nichts zu tun, also scher dich nicht um die Kerle! Wir werden nachher noch weidlich über sie lachen, und ich würde sie an deiner Stelle noch absichtlich irreführen. Wie sie sich nachher schämen werden! Scher dich nicht um sie; nachher können wir sie auch durchprügeln, aber jetzt wollen wir über sie lachen!«

»Gewiß, selbstverständlich!« antwortete Raskolnikow.

›Aber was wirst du morgen sagen?‹ dachte er bei sich. Sonderbarerweise war ihm bisher noch nie der Gedanke gekommen: ›Was wird Rasumichin dazu sagen, wenn er es erfährt?‹ Bei diesem Gedanken blickte Raskolnikow ihn prüfend an. Für Rasumichins jetzigen Bericht über seinen Besuch bei Porfirij interessierte er sich nur sehr wenig: so vieles war in der Zwischenzeit in den Hintergrund getreten, und anderes hatte an Wichtigkeit gewonnen! . . .

Im Korridor trafen sie mit Lushin zusammen: er war pünktlich um acht Uhr gekommen und suchte nun die Zimmernummer, so daß sie alle drei gleichzeitig eintraten, aber ohne einander anzusehen und zu begrüßen. Die beiden jungen Männer gingen voran; Pjotr Petrowitsch dagegen, der immer den Anstand wahrte, verweilte noch einen Augenblick im Vorzimmer und legte dort seinen Überzieher ab. Pulcheria Alexandrowna ging sogleich hinaus, um ihn an der Schwelle zu empfangen. Dunja begrüßte ihren Bruder.

Pjotr Petrowitsch trat ein und verbeugte sich vor den Damen sehr artig, aber mit ganz besonders gemessenem Wesen. Es machte den Eindruck, als ob er einigermaßen überrascht wäre und sich noch nicht gefaßt hätte. Pulcheria Alexandrowna, die gleichfalls verlegen schien, forderte eilfertig alle auf, an dem runden Tische, auf dem der Samowar summte, Platz zu nehmen. Dunja und Lushin setzten sich einander gegenüber; Rasumichin und Raskolnikow kamen Pulcheria Alexandrowna gegenüber zu sitzen, und zwar Rasumichin näher an Lushin, Raskolnikow neben seiner Schwester.

Einen Augenblick schwiegen alle. Pjotr Petrowitsch zog langsam sein batistenes, parfümiertes Taschentuch heraus und benutzte es mit der Miene eines edlen, tugendhaften Menschen, der sich in seiner Würde etwas gekränkt fühlt und fest entschlossen ist, eine Erklärung zu verlangen. Als er noch im Vorzimmer war, war ihm der Gedanke gekommen, ob es nicht das beste sei, den Überzieher gar nicht auszuziehen, sondern wieder fortzugehen und dadurch die beiden Damen in strenger, nachdrücklicher Weise zu bestrafen, damit sie gleich mit einem Male seinen ganzen Unwillen zu fühlen bekämen. Aber er hatte sich doch nicht dazu entschließen können. Außerdem war er kein Freund unklarer Situationen, und hier mußte etwas klargestellt werden: wenn sein Befehl so offenkundig mißachtet worden war, so steckte gewiß etwas Besonderes dahinter; mithin war es das beste, dies zunächst in Erfahrung zu bringen; zur Bestrafung würde immer noch Zeit sein; das hatte er ja in der Hand.

»Ich hoffe, Ihre Reise ist glücklich vonstatten gegangen?« wandte er sich in förmlichem Tone an Pulcheria Alexandrowna.

»Ja, Gott sei Dank, Pjotr Petrowitsch.«

»Das freut mich sehr. Und Sie sind auch nicht zu sehr davon angegriffen, Awdotja Romanowna?«

»Ich bin jung und kräftig; mich greift so etwas nicht an; aber meiner Mama ist es recht schwer geworden«, antwortete Dunja.

»Was ist da zu machen? Die Entfernungen bei uns zulande sind eben gar zu groß. Groß ist unser sogenanntes Mütterchen Rußland. Ich konnte es beim besten Willen gestern leider nicht ermöglichen, Sie auf dem Bahnhofe zu empfangen. Ich hoffe indes, daß sich alles ohne besondre Schwierigkeiten erledigt hat?«

»Ach nein, Pjotr Petrowitsch, wir waren sehr mutlos«, beeilte sich Pulcheria Alexandrowna mit besondrer Betonung zu erwidern, »und wenn uns nicht Gott selbst, möchte ich meinen, in Dmitrij Prokofjitsch einen Helfer gesandt hätte, so wären wir ganz verloren gewesen. Hier: Dmitrij Prokofjitsch Rasumichin«, stellte sie ihn Herrn Lushin vor.

»Jawohl, ich hatte bereits das Vergnügen, . . . schon gestern«, murmelte Lushin, indem er jenem einen schrägen, feindseligen Blick zuwarf; dann machte er ein finsteres Gesicht und schwieg.

Überhaupt gehörte Pjotr Petrowitsch allem Anscheine nach zu den Leuten, die sich in Gesellschaft äußerst liebenswürdig benehmen und auch als sehr liebenswürdig anerkannt zu werden beanspruchen, die aber, sobald nur etwas nicht nach ihrem Wunsche ist, sogleich alle ihre gesellschaftlichen Fähigkeiten verlieren und dann eher Mehlsäcken gleichen als gewandten Kavalieren, die eine Gesellschaft zu beleben verstehen. Alle waren wieder stumm: Raskolnikow schwieg hartnäckig; auch Dunja wollte nicht vor der Zeit das Schweigen brechen; Rasumichin hatte keinen Anlaß zu sprechen; so wurde denn Pulcheria Alexandrowna wieder unruhig.

»Marfa Petrowna ist gestorben; haben Sie davon gehört?« begann sie, indem sie wieder zu ihrem besten Gesprächsthema ihre Zuflucht nahm.

»Gewiß habe ich es erfahren. Ich wurde sofort davon benachrichtigt und bin sogar jetzt hierhergekommen, um Ihnen mitzuteilen, daß Arkadij Iwanowitsch Swidrigailow unmittelbar nach der Beerdigung seiner Gemahlin eiligst nach Petersburg gereist ist. Wenigstens besagen das die sehr genauen Nachrichten, die ich erhalten habe.«

»Nach Petersburg? Hierher?« fragte Dunja beunruhigt und wechselte einen Blick mit ihrer Mutter.

»Ganz richtig, und selbstverständlich nicht ohne besondre Absichten, wie man sich das leicht denken kann, wenn man die Eilfertigkeit seiner Abreise und überhaupt die vorangegangenen Umstände in Erwägung zieht.«

»Mein Gott! Will er denn Dunjetschka nicht einmal hier in Ruhe lassen?« rief Pulcheria Alexandrowna.

»Mir scheint, zu besondrer Beunruhigung ist kein Anlaß, weder für Sie noch für Awdotja Romanowna, vorausgesetzt natürlich, daß Sie nicht selbst mit ihm in irgendwelche Beziehungen zu treten wünschen. Was mich anbetrifft, so werde ich ihn beobachten und jetzt zunächst ausfindig zu machen suchen, wo er Quartier genommen hat.«

»Ach, Pjotr Petrowitsch, Sie glauben gar nicht, wie Sie mich durch diese Nachricht erschreckt haben!« fuhr Pulcheria Alexandrowna fort. »Ich habe ihn nur zweimal gesehen, und er erschien mir entsetzlich, geradezu entsetzlich! Ich bin überzeugt, daß er die Schuld an dem Tode der seligen Marfa Petrowna trägt.«

»Zu einem abschließenden Urteile kann man darüber nicht kommen, obwohl ich recht genaue Nachrichten habe. Ich bestreite nicht, daß er vielleicht den Gang der Dinge durch die sozusagen seelische Wirkung der Beleidigung beschleunigt hat; was aber das Betragen dieses Mannes und überhaupt seinen sittlichen Charakter betrifft, so stimme ich Ihnen durchaus bei. Ich weiß nicht, ob er jetzt reich ist und wieviel ihm Marfa Petrowna eigentlich hinterlassen hat; darüber werde ich in kürzester Frist orientiert sein; aber wenn er nur einigermaßen über Geldmittel verfügt, so wird er sicher hier in Petersburg sofort wieder sein altes Leben anfangen. Er ist das verkommenste, lasterhafteste Subjekt unter dieser ganzen Menschenklasse! Ich habe schwerwiegende Gründe zu der Annahme, daß Marfa Petrowna, die vor acht Jahren das Unglück hatte, sich heftig in ihn zu verlieben, und ihn vom Schuldgefängnis loskaufte, ihm auch in andrer Hinsicht einen großen Dienst geleistet hat: es wurde nämlich einzig und allein infolge ihrer Bemühungen und der von ihr gebrachten Opfer ein Kriminalprozeß in seinen ersten Anfängen unterdrückt, bei welchem es sich um einen bestialischen und sozusagen exzentrischen Mord handelte, für den er recht wohl hätte nach Sibirien spazieren können. So ein Mensch ist das, wenn es Sie interessiert.«

»Ach Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna.

Raskolnikow hatte aufmerksam zugehört.

»Ist das auch wahr, daß Sie darüber zuverlässige Nachrichten haben?« fragte Dunja streng und nachdrücklich.

»Ich erzähle nur wieder, was ich selbst unter dem Siegel der Verschwiegenheit von der verstorbenen Marfa Petrowna gehört habe. Ich muß bemerken, daß diese Sache vom juristischen Standpunkte aus recht dunkel ist. Hier lebte und lebt auch wohl noch eine gewisse Frau Rößlich, eine Ausländerin, die in kleinem Maßstabe Wuchergeschäfte macht und sich auch mit andern Sachen befaßt. Mit dieser Frau Rößlich stand Herr Swidrigailow seit langer Zeit in sehr nahen, geheimnisvollen Beziehungen. Bei ihr wohnte eine entfernte Verwandte, wenn ich mich recht besinne, eine Nichte, ein taubstummes Mädchen von fünfzehn oder auch nur vierzehn Jahren, auf die diese Frau Rößlich einen grenzenlosen Haß hatte; sie gönnte ihr keinen Bissen Brot und schlug sie sogar in unmenschlicher Weise. Eines Tages fand man dieses Mädchen auf dem Boden erhängt. Nach Ansicht der Gerichtskommission lag Selbstmord vor, und man hielt nach Erledigung der üblichen Formalitäten die Sache für abgetan. Aber später tauchte eine Denunziation auf, das Kind sei von Swidrigailow in grausamer Weise . . . entehrt worden. Allerdings war das alles sehr dunkel; die Denunziation rührte von einer andern Deutschen her, einem übel beleumundeten, wenig glaubwürdigen Frauenzimmer. Schließlich stellte sich dank den Bemühungen und Geldopfern Marfa Petrownas heraus, daß in Wirklichkeit gar keine Denunziation vorlag; es beschränkte sich alles auf ein Gerücht. Aber freilich war dieses Gerücht recht vielsagend. Sie, Awdotja Romanowna, haben gewiß in dem Swidrigailowschen Hause auch von der Geschichte mit dem Diener Filipp gehört, der vor sechs Jahren, noch zur Zeit der Leibeigenschaft, infolge der erlittenen Mißhandlungen starb.«

»Ich habe im Gegenteil gehört, daß dieser Filipp sich selbst erhängt hat.«

»Ganz richtig; aber gezwungen oder, richtiger gesagt, veranlaßt wurde er zum Selbstmord durch die unaufhörlichen, systematischen Verfolgungen und Bestrafungen seitens dieses Herrn Swidrigailow.«

»Davon weiß ich nichts«, erwiderte Dunja trocken; »ich habe nur eine sehr sonderbare Geschichte gehört: dieser Filipp wäre eine Art Hypochonder, so ein Dorfphilosoph gewesen; er hätte nach der Ansicht der Leute zuviel gelesen und hätte sich eher infolge der Spöttereien des Herrn Swidrigailow als infolge von erhaltenen Schlägen erhängt. Während meiner Anwesenheit auf dem Gute behandelte er seine Leute gut, und die Leute hatten ihn sogar recht gern, obgleich sie ihm tatsächlich die Schuld an Filipps Tode beimaßen.«

»Ich sehe, Awdotja Romanowna, daß Sie auf einmal die Neigung bekommen haben, ihn zu verteidigen«, bemerkte Lushin und verzog den Mund zu einem zweideutigen Lächeln. »In der Tat, er ist ein schlauer Mann und hat für Damen etwas Verführerisches; dafür dient Marfa Petrowna, die auf so merkwürdige Weise gestorben ist, als betrübliches Beispiel. Ich wollte nur Ihnen und Ihrer Frau Mutter im Hinblick auf die neuen Anschläge, die von seiner Seite zweifellos bevorstehen, mit meinem Rate dienen. Ich für meine Person bin fest überzeugt, daß dieser Mensch mit Sicherheit wieder im Schuldgefängnis verschwinden wird. Marfa Petrowna hat niemals die Absicht gehabt, ihm etwas zu vermachen; sie nahm das Interesse ihrer Kinder wahr; und wenn sie ihm wirklich etwas hinterlassen haben sollte, so dürfte es nur das für den notwendigen Unterhalt Erforderliche sein, eine kleine Summe, die bei einem Menschen mit seinen Gewohnheiten auch nicht ein Jahr reicht.«

»Pjotr Petrowitsch, ich bitte Sie«, sagte Dunja, »wir wollen nicht mehr von Herrn Swidrigailow sprechen. Es ruft in mir zu schmerzliche Gefühle wach.«

»Er ist soeben bei mir gewesen«, sagte plötzlich Raskolnikow, der zum ersten Male sein Schweigen brach.

Von allen Seiten erschollen Ausrufe der Verwunderung; alle wandten sich zu ihm. Sogar Pjotr Petrowitsch geriet in Erregung.

»Vor anderthalb Stunden, als ich schlief«, fuhr Raskolnikow fort, »kam er zu mir herein, weckte mich und stellte sich mir vor. Er war recht ungezwungen und heiter und hofft zuversichtlich, daß wir beide einander nähertreten werden. Unter anderm bittet er dringend um eine Zusammenkunft mit dir, Dunja, und hat mich gebeten, das zu vermitteln. Er will dir einen Vorschlag machen und hat mir mitgeteilt, worin dieser besteht. Außerdem hat er mir auf das bestimmteste versichert, daß Marfa Petrowna noch eine Woche vor ihrem Tode dir, Dunja, dreitausend Rubel testamentarisch hinterlassen hat und daß du dieses Geld in Bälde erhalten kannst.«

»Gott sei Dank!« rief Pulcheria Alexandrowna und bekeuzigte sich. »Bete für sie, Dunja, bete für sie!«

»Ja, das verhält sich wirklich so«, sagte Lushin unwillkürlich und unbedacht.

»Nun, und was weiter?« fragte Dunja ungeduldig.

»Dann sagte er, er selbst sei nicht reich, und das ganze Vermögen falle seinen Kindern zu, die sich jetzt bei ihrer Tante befänden. Ferner erwähnte er, daß er irgendwo nicht weit von meiner Wohnung sich einquartiert habe; aber wo, das weiß ich nicht, ich habe ihn nicht danach gefragt . . .«

»Aber was will er denn eigentlich unsrer Dunjetschka für einen Vorschlag machen?« fragte Pulcheria Alexandrowna in großer Beunruhigung. »Hat er es dir gesagt?«

»Ja, er hat es mir gesagt.«

»Nun, was ist es denn?«

»Ich will es nachher sagen.«

Raskolnikow schwieg und machte sich mit seinem Tee zu schaffen.

Pjotr Petrowitsch zog die Uhr heraus und sah nach der Zeit.

»Ich muß in einer geschäftlichen Angelegenheit notwendig fortgehen und werde Sie somit nicht stören«, bemerkte er mit etwas gekränkter Miene und schickte sich an, von seinem Stuhle aufzustehen.

»Bleiben Sie doch, Pjotr Petrowitsch«, sagte Dunja. »Sie beabsichtigten ja eigentlich, den Abend bei uns zuzubringen. Und außerdem haben Sie ja auch selbst geschrieben, Sie wünschten über einen gewissen Gegenstand eine Aussprache mit Mama.«

»Ganz richtig, Awdotja Romanowna«, erwiderte Pjotr Petrowitsch mit besonderem Nachdruck; er setzte sich wieder auf den Stuhl, behielt aber den Hut noch in der Hand. »Ich wünschte allerdings eine Aussprache sowohl mit Ihnen als auch mit Ihrer hochverehrten Frau Mutter, und sogar über sehr wichtige Gegenstände. Aber ebenso wie Ihr Bruder sich über gewisse Vorschläge des Herrn Swidrigailow in meiner Gegenwart nicht äußern mag, so kann und mag auch ich mich . . . in Gegenwart andrer . . . nicht über gewisse überaus wichtige Gegenstände aussprechen. Überdies ist auch meine angelegentliche, dringende Bitte nicht erfüllt worden . . .«

Lushin machte ein tiefbeleidigtes Gesicht und schwieg würdevoll.

»Ihre Bitte, daß mein Bruder bei unsrer Zusammenkunft nicht zugegen sein möchte, ist einzig und allein auf mein Verlangen hin nicht erfüllt worden«, entgegnete Dunja. »Sie schrieben, mein Bruder habe Sie beleidigt. Meiner Ansicht nach bedarf das einer unverzüglichen Aufklärung, und Sie müssen sich dann wieder miteinander versöhnen. Und wenn Rodja Sie wirklich beleidigt hat, so muß und wird er Sie um Verzeihung bitten.«

Pjotr Petrowitsch wurde sofort wieder energischer.

»Es gibt Beleidigungen, Awdotja Romanowna, die man beim besten Willen nicht vergessen kann. In allen Dingen gibt es eine Grenze, deren Überschreitung gefährlich ist; denn wenn sie einmal überschritten ist, so ist eine Rückkehr unmöglich.«

»Das ist eigentlich nicht das, worüber ich mit Ihnen sprach, Pjotr Petrowitsch«, unterbrach ihn Dunja etwas ungeduldig. »Sind Sie sich wohl auch klar darüber, daß unsre ganze Zukunft jetzt davon abhängt, ob dies alles sich möglichst schnell aufklären und beilegen läßt oder nicht? Ich sage Ihnen von vornherein unverhohlen, daß ich die Sache nicht anders aufzufassen vermag, und wenn Sie mich auch nur ein wenig schätzen, so muß diese ganze Geschichte, und wenn es auch noch so schwer ist, noch heute erledigt werden. Ich wiederhole Ihnen: wenn mein Bruder Sie beleidigt hat, so wird er Sie um Verzeihung bitten.«

»Ich bin erstaunt, daß Sie die Frage so formulieren, Awdotja Romanowna«, erwiderte Lushin, der immer mehr in eine gereizte Stimmung geriet. »Obwohl ich Sie schätze und, um mich so auszudrücken, anbete, ist es doch gleichzeitig sehr wohl möglich, daß ich einen Ihrer Angehörigen nicht leiden kann. Und wenngleich ich nach dem Glücke strebe, Ihr Gatte zu werden, so brauche ich darum doch nicht gleichzeitig Verpflichtungen auf mich zu nehmen, die mit meinem Ehrgefühl unvereinbar sind und . . .«

»Ach, lassen Sie doch all diese Empfindlichkeiten beiseite, Pjotr Petrowitsch«, unterbrach ihn Dunja in warmem, herzlichem Tone, »und seien Sie der verständige, edeldenkende Mensch, für den ich Sie immer gehalten habe und auch weiter halten will. Ich habe Ihnen ein bedeutsames Versprechen gegeben; ich bin Ihre Braut. Schenken Sie mir doch in dieser Angelegenheit Vertrauen, und seien Sie überzeugt, ich werde imstande sein, unparteiisch zu urteilen. Daß ich die Rolle des Schiedsrichters übernehmen will, ist für meinen Bruder eine ebenso große Überraschung wie für Sie. Als ich ihn heute nach Empfang Ihres Briefes aufforderte, unter allen Umständen auch zu unsrer Zusammenkunft zu kommen, habe ich ihm nichts von meinen Absichten mitgeteilt. Werden Sie sich darüber klar, daß, wenn Sie sich nicht miteinander versöhnen, ich zwischen Ihnen beiden wählen muß: entweder er oder Sie! So lautet die Frage, mit Bezug sowohl auf Sie als auf ihn. Ich will und darf mich bei der Wahl nicht irren. Um Ihretwillen muß ich dann mit meinem Bruder brechen, um meines Bruders willen mit Ihnen. Jetzt will und kann ich zuverlässig erfahren, ob er gegen mich ein wahrer, echter Bruder ist, und was Sie anlangt, ob ich Ihnen teuer bin, ob Sie mich schätzen, ob Sie ein Gatte für mich sind.«

»Awdotja Romanowna«, antwortete Lushin, indem er sich, wie tief verletzt, hin und her krümmte, »Ihre Worte sind für mich überaus bedeutsam, ja, ich muß sagen, kränkend in Anbetracht des Verhältnisses, in welchem ich mich zu Ihnen zu befinden die Ehre habe. Ich will gar nicht einmal davon reden, wie sonderbar und beleidigend es ist, daß Sie mich mit einem . . . dünkelhaften jungen Menschen auf eine Stufe stellen; aber in Ihren Worten ziehen Sie einen Bruch des mir gegebenen Versprechens als möglich mit in Betracht. Sie sagen: ›er oder Sie!‹ Sie drücken also damit aus, wie wenig ich Ihnen gelte . . . Bei den Beziehungen und . . . Verpflichtungen, die zwischen uns bestehen, kann ich mich damit nicht einverstanden erklären.«

»Wie!« rief Awdotja Romanowna erregt. »Ich stelle Ihre Interessen auf gleiche Stufe mit allem, was mir bisher im Leben teuer gewesen ist, was bisher meinen ganzen Lebensinhalt bildete, und da fühlen Sie sich gekränkt, weil ich Ihnen zu wenig Wert beimäße!«

Raskolnikow schwieg und lächelte höhnisch; Rasumichin konnte vor Aufregung seine Glieder nicht ruhig halten; Pjotr Petrowitsch aber war mit dieser Erwiderung sehr wenig zufrieden; im Gegenteil wurde er, je länger das Gespräch dauerte, immer heftiger und gereizter; seine Streitlust schien im Wachsen zu sein.

»Die Liebe zu dem künftigen Lebensgefährten, zum Gatten, muß größer sein als die Liebe zum Bruder«, sagte er in lehrhaftem Tone; »jedenfalls kann ich mich nicht auf dieselbe Stufe mit Ihrem Bruder stellen lassen . . . Ich habe nun zwar vorhin erklärt, daß ich in Gegenwart Ihres Bruders nicht alles, weswegen ich hergekommen bin, darlegen kann und mag; aber nichtsdestoweniger beabsichtige ich mich jetzt an Ihre hochverehrte Frau Mutter zu wenden, um über einen sehr wichtigen Punkt, in welchem ich mich beleidigt fühle, die notwendige Aufklärung zu erhalten. Ihr Sohn«, wandte er sich an Pulcheria Alexandrowna, »hat mich gestern in Gegenwart des Herrn Rassudkin oder . . . so ist's ja wohl richtig? Verzeihen Sie, ich habe Ihren Namen vergessen«, sagte er mit höflicher Verbeugung zu Rasumichin, »dadurch beleidigt, daß er einen Gedanken von mir, den ich Ihnen einmal in einem Privatgespräche bei einer Tasse Kaffee mitteilte, arg verdrehte. Ich hatte mich nämlich dahin geäußert, daß die Heirat mit einem armen Mädchen, welches bereits die Sorgen des Lebens hat kosten müssen, meiner Ansicht nach hinsichtlich der Gestaltung des ehelichen Lebens den Vorzug verdiene vor der Heirat mit einem Mädchen, das nur Wohlleben kennt; denn jene Situation sei in ethischer Hinsicht nützlicher. Ihr Sohn hat den Sinn dieser Worte geflissentlich ins Absurde übertrieben und mich böswilliger Absichten beschuldigt, wobei er sich meiner Ansicht nach auf eine briefliche Mitteilung von Ihnen selbst stützte. Ich werde mich glücklich schätzen, wenn Sie, Pulcheria Alexandrowna, imstande sein sollten, mich vom Gegenteil zu überzeugen und mich dadurch wesentlich zu beruhigen. Teilen Sie mir bitte mit, mit welchen Ausdrücken Sie in Ihrem Briefe an Rodion Romanowitsch meine Worte wiedergegeben haben.«

»Darauf kann ich mich nicht besinnen«, erwiderte Pulcheria Alexandrowna verlegen, »ich habe Ihre Worte so wiedergegeben, wie ich sie selbst aufgefaßt hatte. Wie sie Rodja Ihnen gegenüber wiedergegeben hat, weiß ich nicht . . . Es mag sein, daß er dabei ein wenig übertrieben hat.«

»Ohne Veranlassung von Ihrer Seite hätte er nicht übertreiben können.«

»Pjotr Petrowitsch«, erwiderte Pulcheria Alexandrowna ernst und würdig, »daß wir beide, Dunja und ich, Ihre Worte nicht gerade in schlimmem Sinne aufgefaßt haben, das beweist schon der Umstand, daß wir hier sind.«

»Sehr gut, Mama!« bemerkte Dunja beifällig.

»Also liegt auch dabei die Schuld wieder auf meiner Seite!« entgegnete Lushin gekränkt.

»Sehen Sie, Pjotr Petrowitsch«, fügte Pulcheria Alexandrowna, mutiger werdend, hinzu, »Sie beschuldigen immer Rodja, und doch haben Sie auch selbst eben erst in Ihrem Briefe eine Unwahrheit über ihn geschrieben.«

»Ich erinnere mich nicht, irgendwelche Unwahrheit geschrieben zu haben.«

»Sie haben geschrieben«, sagte Raskolnikow in scharfem Tone, ohne sich Lushin zuzuwenden, »ich hätte gestern das Geld nicht der Witwe des Überfahrenen gegeben, wie das tatsächlich der Fall war, sondern seiner Tochter (die ich vor dem gestrigen Tage überhaupt noch nie gesehen hatte). Sie haben das geschrieben in der Absicht, mich mit meinen Angehörigen zu entzweien, und haben auch zu diesem Zwecke eine schmähliche Bemerkung über den Lebenswandel des jungen Mädchens hinzugefügt, das Sie gar nicht kennen. All das ist nichts als Klatschsucht und Gemeinheit.«

»Entschuldigen Sie, mein Herr«, erwiderte Lushin, vor Wut zitternd, »in meinem Briefe habe ich mich über Ihre Eigenschaften und Ihre Handlungsweise lediglich in der Absicht ausgelassen, um eben dadurch eine Bitte Ihrer Schwester und Ihrer Frau Mutter zu erfüllen; denn diese hatten mich gebeten, ihnen zu schildern, wie ich Sie vorgefunden und welchen Eindruck Sie auf mich gemacht hätten. Was meine Angaben in meinem Briefe anlangt, so möchte ich Sie ersuchen, mir auch nur eine einzige unwahre Zeile darin nachzuweisen, also zu zeigen, daß Sie das Geld nicht ausgegeben haben und daß zu dieser allerdings unglücklichen Familie keine unwürdigen Mitglieder gehören.«

»Meiner Ansicht nach sind Sie mit allen Ihren Vorzügen nicht soviel wert wie der kleine Finger dieses unglücklichen Mädchens, auf das Sie einen Stein werfen.«

»Also würden Sie auch kein Bedenken tragen, sie in die Gesellschaft Ihrer Mutter und Ihrer Schwester einzuführen?«

»Das habe ich bereits getan, wenn Sie das interessiert. Ich habe sie heute aufgefordert, neben meiner Mutter und neben Dunja Platz zu nehmen.«

»Rodja!« rief Pulcheria Alexandrowna aus.

Dunja wurde rot; Rasumichin zog die Augenbrauen zusammen. Lushin lächelte höhnisch und hochmütig.

»Nun sehen Sie wohl selbst, Awdotja Romanowna«, sagte er, »ob da eine Einigung möglich ist. Ich hoffe jetzt, daß diese Sache ein für allemal klargestellt und erledigt ist. Ich möchte mich nun entfernen, um bei dem weiteren vergnüglichen Zusammensein der Verwandten und bei der Mitteilung von Geheimnissen nicht zu stören.« Er stand auf und griff nach dem Hute. »Aber beim Abschiede bin ich so frei, zu bemerken, daß ich in Zukunft mit solchen Begegnungen und, sozusagen, Vermittlungsversuchen verschont zu bleiben hoffe. Sie, hochverehrte Pulcheria Alexandrowna, möchte ich ganz besonders darum bitten, um so mehr, als auch mein Brief lediglich an Sie, und an niemand sonst, adressiert war.«

Pulcheria Alexandrowna fühlte sich etwas gekränkt.

»Aber Pjotr Petrowitsch, Sie wollen uns ja völlig unter Ihre Botmäßigkeit bringen! Dunja hat Ihnen doch den Grund gesagt, weshalb wir Ihren Wunsch nicht erfüllt haben: sie hatte dabei die besten Absichten. Und Sie schreiben auch an mich so, daß es wie ein Befehl klingt. Sollen wir denn jeden Ihrer Wünsche als einen Befehl auffassen? Im Gegenteil möchte ich Ihnen bemerken, daß Sie jetzt uns gegenüber besonders zartfühlend und freundlich sein sollten, weil wir alles im Stiche gelassen haben und im Vertrauen auf Sie hierhergereist sind und uns somit ohnehin schon beinahe in Ihrer Gewalt befinden.«

»Das ist nicht ganz richtig, Pulcheria Alexandrowna, und namentlich nicht im jetzigen Augenblicke, wo Sie erfahren haben, daß Marfa Petrowna Ihnen dreitausend Rubel vermacht hat. Und das scheint Ihnen ja recht gelegen gekommen zu sein, wie ich aus dem neuen Tone, in dem Sie jetzt zu mir reden, schließen muß«, fügte er höhnisch hinzu.

»Nach dieser Bemerkung könnte man wirklich glauben, daß Sie bei Ihren Plänen auf unsere Hilflosigkeit gebaut haben«, entgegnete Dunja gereizt.

»Jetzt wenigstens kann ich darauf nicht mehr bauen, und namentlich möchte ich nicht bei der Mitteilung der geheimen Vorschläge dieses Herrn Swidrigailow stören, mit deren Übermittlung er Ihren Bruder beauftragt hat und die, wie ich sehe, Ihnen hochwichtig und vielleicht auch sehr angenehm sind.«

»Ach, mein Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna. Rasumichin vermochte kaum noch auf seinem Stuhle sitzenzubleiben.

»Schämst du dich jetzt nicht, Schwester?« fragte Raskolnikow.

»Ja, ich schäme mich, Rodja!« antwortete Dunja. »Pjotr Petrowitsch, gehen Sie!« wandte sie sich an diesen; sie war ganz blaß vor Zorn.

Pjotr Petrowitsch schien ein solches Resultat des Gespräches ganz und gar nicht erwartet zu haben. Er hatte sich allzu sehr auf seine Persönlichkeit, auf seine Macht und auf die Hilflosigkeit seiner Opfer verlassen. Er konnte es auch jetzt nicht fassen. Er erbleichte, und seine Lippen zitterten.

»Awdotja Romanowna, wenn ich jetzt, von einem solchen Scheidegruße geleitet, zu dieser Tür hinausgehe, dann – bedenken Sie das wohl! – kehre ich nie wieder zurück. Überlegen Sie sich das recht ordentlich! Ich halte Wort.«

»Welche Unverschämtheit!« rief Dunja und erhob sich schnell von ihrem Platze. »Ich wünsche auch gar nicht, daß Sie wiederkommen!«

»Aha! Also so steht es!« rief Lushin, der bis zum letzten Augenblicke einen solchen Ausgang gar nicht für möglich gehalten hatte und daher jetzt ganz seine Haltung verlor. »Also so steht es! Aber wissen Sie auch wohl, Awdotja Romanowna, daß ich dagegen Protest einlegen könnte?«

»Was haben Sie für ein Recht, in dieser Art mit ihr zu sprechen?« griff nun auch Pulcheria Alexandrowna erregt in das Gespräch ein. »Wieso können Sie Protest einlegen? Was für Rechte haben Sie denn uns gegenüber? Und einem Menschen wie Sie sollte ich meine Dunja geben? Gehen Sie nur fort, und lassen Sie uns künftig ganz in Ruhe! Wir tragen selbst die Schuld, weil wir uns auf eine so unnoble Sache eingelassen haben, und ich am allermeisten . . .«

»Aber Sie haben mich«, sprudelte Lushin in seiner Wut heraus, »durch Ihr gegebenes Wort gebunden, von dem Sie sich jetzt lossagen wollen, Pulcheria Alexandrowna, . . . und . . . und schließlich, schließlich bin ich dadurch sozusagen zu Ausgaben verleitet worden . . .«

Diese letzte dreiste und taktlose Behauptung entsprach so sehr dem gesamten Charakter Lushins, daß Raskolnikow, der vor Zorn und vor dem Bemühen, sich zu beherrschen, ganz bleich war, sich nicht mehr halten konnte und laut auflachte. Pulcheria Alexandrowna aber geriet außer sich.

»Zu Ausgaben? Zu was für Ausgaben denn? Sie meinen doch wohl nicht etwa gar unsern Koffer? Den hat ja doch ein Schaffner Ihnen zu Gefallen umsonst herbefördert. Mein Gott, und wir sollen Sie gebunden haben! Besinnen Sie sich doch nur, Pjotr Petrowitsch! Sie sind es ja gewesen, der uns an Händen und Füßen gebunden hatte, nicht wir Sie!«

»Hör auf, Mama, bitte, hör auf!« bat Dunja. »Pjotr Petrowitsch, seien Sie so gut und gehen Sie!«

»Ich gehe; nur noch ein letztes Wort!« sagte er; alle Selbstbeherrschung hatte er verloren. »Ihre Frau Mutter hat, wie es scheint, ganz vergessen, daß ich sozusagen trotz der in der ganzen Stadt über Ihren Ruf in Umlauf befindlichen Gerüchte gewillt war, Sie zu heiraten. Wenn ich so Ihretwegen auf die öffentliche Meinung keine Rücksicht nahm und Ihren Ruf wiederherstellte, so hätte ich doch natürlich auf eine Gegenleistung hoffen und sogar von Ihrer Seite Dankbarkeit verlangen können . . . Und erst jetzt sind mir die Augen aufgegangen. Ich sehe nun selbst ein, daß ich vielleicht sehr übereilt gehandelt habe, indem ich auf die Stimme der gesamten Gesellschaft keine Rücksicht nahm . . .«

»Jetzt reicht es aber!« rief Rasumichin, sprang vom Stuhle auf und schickte sich an, tätlich zu werden.

»Sie sind ein schlechter, gemeiner Mensch!« sagte Dunja.

»Schweig und rühr ihn nicht an!« rief Raskolnikow und hielt Rasumichin zurück; dann trat er ganz nahe an Lushin heran, fast Gesicht an Gesicht, und sagte leise, langsam und deutlich: »Gehen Sie hinaus! Und kein Wort weiter, sonst . . .«

Pjotr Petrowitsch blickte ihn einige Sekunden lang mit blassem, wutverzerrtem Gesichte an; darauf wandte er sich um und ging hinaus. Selten hat wohl jemand einen so grimmigen Haß gegen einen andern in seinem Herzen davongetragen wie dieser Mensch gegen Raskolnikow. Ihm und nur ihm allein maß er die Schuld an allem Geschehenen bei. Merkwürdigerweise bildete er sich, als er schon die Treppe hinunterstieg, immer noch ein, daß die Sache vielleicht doch noch nicht ganz verloren sei und, soweit dabei die Damen allein in Betracht kämen, sich sogar recht wohl noch in Ordnung bringen lasse.

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