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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Schuld und Sühne - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Dostojewski
titleSchuld und Sühne
publisherAufbau Verlag
year1956
translatorH. Röhl
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050727
modified20170607
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I

›Ist das wirklich noch eine Fortsetzung des Traumes?‹ dachte Raskolnikow noch einmal.

Mißtrauisch und argwöhnisch betrachtete er den unerwarteten Besucher.

»Swidrigailow? So ein Unsinn! Das ist ja gar nicht möglich!« sagte er endlich laut in verständnislosem Staunen.

Der Besucher schien sich über diesen Ausruf gar nicht weiter zu wundern.

»Zwei Gründe führen mich zu Ihnen: erstens wünschte ich Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, da ich schon seit längerer Zeit über Sie viel Interessantes und sehr Empfehlendes gehört habe; und zweitens gebe ich mich der Hoffnung hin, daß Sie vielleicht nicht abgeneigt sein dürften, mir bei meinem Vorhaben behilflich zu sein, das in erster Linie das Interesse Ihrer Schwester Awdotja Romanowna berührt. Wenn ich allein, ohne Empfehlung, zu ihr ginge, so würde sie infolge der vorgefaßten Meinung, die sie über mich hegt, mich vielleicht überhaupt nicht empfangen; mit Ihrer Hilfe dagegen rechne ich darauf . . .«

»Da rechnen Sie aber falsch«, unterbrach ihn Raskolnikow.

»Gestatten Sie die Frage: die Damen sind erst gestern angekommen?«

Raskolnikow antwortete nicht.

»Ich weiß es, daß sie gestern gekommen sind; ich selbst bin seit vorgestern hier. Nun, was soll ich mit Ihnen über das Vorgefallene lange reden, Rodion Romanowitsch; mich zu rechtfertigen, halte ich für überflüssig; erlauben Sie mir nur die Bemerkung: was habe ich denn eigentlich bei der ganzen Sache so besonders Schlimmes verbrochen, wenn man es vorurteilsfrei und vernünftig überlegt?«

Raskolnikow fuhr fort, ihn schweigend anzublicken.

»Daß ich in meinem Hause ein schutzloses Mädchen verfolgt und sie ›mit ehrlosen Anträgen beleidigt‹ habe, nicht wahr? Sie sehen, ich komme Ihnen entgegen und formuliere den Vorwurf selbst. Aber ziehen Sie doch nur in Betracht, daß auch ich ein Mensch bin, et nihil humanum . . ., kurz, daß auch ich für Reize nicht unempfindlich bin, daß ich imstande bin, mich zu verlieben (was sich ja doch gewiß ohne unsern Willen vollzieht); dann erklärt sich alles auf ganz natürliche Weise. Die ganze Frage lautet so: Bin ich ein Scheusal, oder bin ich selbst ein Opfer? Nun, und wie, wenn ich selbst ein Opfer wäre? Indem ich der Dame, die den Gegenstand meiner Leidenschaft bildete, den Vorschlag machte, mit mir nach Amerika oder der Schweiz zu fliehen, hegte ich doch wohl dabei die allerehrerbietigsten Gefühle und dachte unser beiderseitiges Glück zu schaffen! . . . Die Vernunft ist ja eine Sklavin der Leidenschaft, und ich habe mir selbst mehr geschadet als sonst jemandem; das sollten Sie doch bedenken!«

»Darum handelt es sich gar nicht«, unterbrach ihn Raskolnikow mit unverhohlenem Abscheu. »Sie sind mir einfach widerwärtig, mögen Sie nun schuldig oder unschuldig sein. Darum will ich mit Ihnen nichts zu tun haben und weise Ihnen die Tür, und nun machen Sie, daß Sie hinauskommen!«

Swidrigailow lachte auf.

»Nein, aber Sie sind einer . . . Sie kann man nicht überrumpeln!« sagte er herzlich lachend. »Ich hatte es recht schlau anfangen wollen; aber nein, Sie haben gleich von vornherein den richtigen Standpunkt eingenommen!«

»Sie setzen ja auch noch in diesem Augenblicke Ihr schlaues Verfahren fort.«

»Warum auch nicht? Warum auch nicht?« erwiderte Swidrigailow, ungeniert lachend. »Das ist ja, was man bonne guerre nennt, und eine durchaus erlaubte Schlauheit! . . . Aber Sie haben mich unterbrochen: wie dem auch immer war, ich kann nur wiederholen: es wären keinerlei Unannehmlichkeiten entstanden, wenn nicht die Szene im Garten passiert wäre. Marfa Petrowna . . .«

»Marfa Petrowna haben Sie, wie es heißt, auch umgebracht?« unterbrach ihn Raskolnikow in grobem Tone.

»Auch davon haben Sie gehört? Wie sollten Sie es übrigens auch nicht gehört haben . . . Nun, was diese Ihre Frage anlangt, so weiß ich wirklich nicht, was ich Ihnen erwidern soll, obwohl mein eigenes Gewissen in dieser Beziehung absolut ruhig ist. Das heißt, Sie brauchen nicht etwa zu denken, daß ich da noch irgendwelche äußeren Unannehmlichkeiten zu befürchten hätte; es ist alles durchaus ordnungsmäßig und mit peinlicher Genauigkeit erledigt worden; die ärztliche Untersuchung konstatierte einen Schlagfluß, herbeigeführt durch das Baden unmittelbar nach einem reichlichen Mittagessen, bei dem sie fast eine ganze Flasche Wein ausgetrunken hatte; weiter konnte die Untersuchung nichts konstatieren . . . Nein, aber es hat mich da ein anderer Gedanke eine Weile beschäftigt, besonders jetzt unterwegs, als ich auf der Eisenbahn saß: ob ich nicht zu diesem . . . Unfall dadurch mit beigetragen habe, daß ich ihr eine seelische Aufregung bereitet oder sonst etwas dieser Art. Aber ich bin zu dem Resultate gekommen, daß auch dies schlechterdings unmöglich ist.«

Raskolnikow lachte. »Wunderliche Skrupel!« sagte er.

»Worüber lachen Sie denn? Überlegen Sie sich das einmal: ich habe ihr nur zwei Schläge mit der Reitpeitsche versetzt, und es waren nicht einmal Spuren davon zu sehen . . . Bitte, halten Sie mich nicht für einen rohen Patron; ich weiß sehr wohl, wie schändlich das von meiner Seite war, na und so weiter; aber ich weiß auch ganz bestimmt, daß Marfa Petrowna gewissermaßen sogar froh darüber war, daß ich mich sozusagen einmal gehenließ. Die Geschichte mit Ihrer Schwester hatte sie derart kolportiert, daß das Interesse des Publikums daran völlig erschöpft war. Nun mußte Marfa Petrowna schon seit zwei Tagen zu Hause sitzen; sie hatte nichts, womit sie in dem Städtchen hätte auftreten können; mit ihrem Briefe (daß sie den Brief überall vorgelesen hat, haben Sie wohl gehört?) war sie da allen schon zum Ekel geworden. Da kamen ihr diese zwei Peitschenhiebe wie ein Geschenk des Himmels! Das erste, was sie tat, war, daß sie anspannen ließ . . . Ich will gar nicht einmal davon reden, daß bei den Frauen Fälle vorkommen, wo es ihnen höchst angenehm ist, beleidigt zu sein, trotz aller äußerlichen Entrüstung. Derartige Fälle kommen übrigens bei allen Menschen vor; der Mensch liebt es überhaupt sehr, beleidigt zu sein; haben Sie das nicht auch schon beobachtet? Aber bei den Frauen ist das besonders häufig. Man kann geradezu sagen, es ist für sie eine Art Zeitvertreib.«

Eine Zeitlang hatte Raskolnikow schon die Absicht gehabt, aufzustehen und hinauszugehen und dadurch diesem Besuche ein Ende zu machen. Aber eine gewisse Neugier und sogar etwas Berechnung hielten ihn davon zurück.

»Es macht Ihnen wohl Vergnügen, jemand zu prügeln?« fragte er ihn zerstreut.

»Besonderes Vergnügen gerade nicht«, antwortete Swidrigailow ruhig. »Und meine Frau habe ich fast nie geprügelt. Wir lebten sehr einträchtig, und sie war mit mir immer zufrieden. Die Peitsche habe ich während unserer ganzen siebenjährigen Ehe nur zweimal in Gebrauch genommen (wenn ich einen dritten Fall nicht mitrechne, bei dem eine sehr verschiedene Auffassung möglich ist), das erstemal zwei Monate nach unserer Hochzeit, gleich nach unserer Ankunft auf dem Gute, und dann dieser jetzige, letzte Fall. Und Sie hatten wohl schon gedacht, ich wäre so ein Ungeheuer, ein Reaktionär, ein Verteidiger der Leibeigenschaft? Ha-ha-ha! . . . Apropos: erinnern Sie sich nicht, Rodion Romanowitsch, wie vor einigen Jahren bei uns über einen Edelmann – ich habe seinen Namen vergessen –, der eine Deutsche im Eisenbahncoupé geprügelt hatte, in der gesamten Presse aufs ärgste geschimpft wurde? Erinnern Sie sich? Na, meine Meinung darüber ist die: für den Herrn, der diese Deutsche durchgehauen hat, hege ich keine tiefe Sympathie; denn das war ja in der Tat . . . wie kann man da mit ihm sympathisieren! Aber dabei kann ich doch eine Bemerkung nicht unterdrücken: es kommen manchmal deutsche Frauenzimmer vor, die einem so die Galle erregen, daß meiner Ansicht nach selbst ein Vertreter der modernen Ideen für seine Selbstbeherrschung nicht einstehen kann. Von diesem Standpunkte aus hat damals niemand die Sache betrachtet, und dabei ist dies doch der wahrhaft humane Standpunkt, ganz zweifellos!«

Nach diesen Worten lachte Swidrigailow von neuem auf. Raskolnikow war sich ganz klar darüber, daß er da einen Menschen vor sich hatte, der ein Ziel fest ins Auge gefaßt hatte und nun mit aller Energie darauf losging.

»Sie haben sich gewiß seit mehreren Tagen mit niemand unterhalten?« fragte er.

»Das stimmt so ungefähr. Wieso? Sie wundern sich wohl, daß ich so viel rede?«

»Nein, ich wundere mich darüber, daß Sie zu viel reden.«

»Sie meinen, ich sollte mich durch Ihre unhöflichen Bemerkungen gekränkt fühlen und das Gespräch abbrechen, nicht wahr? Ja . . ., warum sollte ich mich gekränkt fühlen? Wir zahlen uns ja wechselseitig mit gleicher Münze!« fügte er mit erstaunlich gutherziger Miene hinzu. »Ich habe eigentlich so gut wie nichts, was mein Interesse besonders in Anspruch nähme, wahrhaftig«, fuhr er wie in Gedanken fort; »namentlich jetzt habe ich gar keine Beschäftigung . . . Übrigens mögen Sie meinetwegen ruhig denken, daß ich mich in bestimmter Absicht bei Ihnen einschmeicheln möchte, um so mehr, da ich ein Anliegen an Ihre Schwester habe, wie ich Ihnen schon selbst erklärte. Aber ich sage Ihnen ganz aufrichtig: ich langweile mich gräßlich, namentlich diese letzten drei Tage, so daß ich mich ordentlich auf Ihre Bekanntschaft gefreut habe . . . Nehmen Sie es mir nicht übel, Rodion Romanowitsch, aber Sie selbst kommen mir außerordentlich sonderbar vor, ohne daß ich mir über diesen Eindruck Rechenschaft geben könnte. Mit Ihrer Erlaubnis, aber Sie haben irgend etwas, und zwar gerade jetzt; ich meine nicht speziell in diesem Augenblicke, sondern in weiterem Sinne: jetzt . . . Nun, nun, ich bin ja schon still, bin ja schon still, machen Sie nur nicht gleich ein so finsteres Gesicht! Ich bin ja gar nicht so ein ungebildeter Bär, wie Sie denken.«

Raskolnikow sah ihn finster an.

»Ein ungebildeter Bär sind Sie wohl überhaupt nicht«, erwiderte er. »Es scheint mir sogar, daß Sie zur guten Gesellschaft gehören oder wenigstens verstehen, gelegentlich auch einmal ein ordentlicher Mensch zu sein.«

»Ich kümmere mich herzlich wenig um anderer Leute Meinung über mich«, antwortete Swidrigailow trocken und sogar mit einem Beiklange von Hochmut. »Warum soll man nicht auch manchmal gemein sein, da doch die Gemeinheit ein für unser Klima so vortrefflich geeignetes Kostüm ist, und . . . und namentlich, wenn man überdies eine natürliche Neigung dazu besitzt«, fügte er hinzu und lachte wieder.

»Ich habe aber doch gehört, daß Sie hier viele Bekannte haben, was man so ›gute Konnexionen‹ nennt. Warum suchen Sie denn unter diesen Umständen mich auf, wenn Sie nicht etwa bestimmte Absichten haben?«

»Sie haben ganz recht, ich habe hier allerdings Bekannte«, antwortete Swidrigailow, ohne auf den Hauptpunkt einzugehen, »ich bin auch schon manchem begegnet; ich treibe mich ja schon seit vorgestern hier umher; ich selbst erkenne sie wieder und sie mich wohl auch. Natürlich, ich bin eben anständig gekleidet und gelte als wohlsituierter Mann; uns hat ja die Aufhebung der Leibeigenschaft nicht schwer betroffen: wir haben viel Wald und Überschwemmungswiesen, diese Einnahmen gehen uns nicht verloren. Aber ich mache meinen ehemaligen Bekannten keine Besuche; ich war auch schon früher ihrer überdrüssig geworden; ich gehe nun schon den dritten Tag so umher und gebe mich keinem zu erkennen . . . Und was ist das hier für eine Stadt! Ich meine, wie hat sie sich entwickelt, nicht wahr? Eine Stadt der Bureaus und aller nur denkbaren Bildungsanstalten! Wahrhaftig, ich habe vieles hier früher nicht beachtet, als ich mich vor acht Jahren in der Stadt umhertrieb . . . Jetzt hoffe ich nur noch auf die Anatomie, weiß Gott!«

»Wieso auf die Anatomie?«

»Aber was diese Klubs und diese französischen Restaurants und die ganze moderne Richtung anlangt«, fuhr er, wieder ohne die Frage zu beachten, fort, »so können mir die gestohlen bleiben. Und Falschspieler zu sein, da ist auch nicht viel Spaß dabei!«

»Sind Sie denn auch Falschspieler gewesen?«

»Gewiß, das war ein Ding der Notwendigkeit. Wir waren eine ganze Gesellschaft vor acht Jahren, eine höchst anständige Gesellschaft; damit füllten wir unsere Zeit aus; und wissen Sie, es waren sämtlich Leute mit guten Manieren, auch Dichter waren darunter und Kapitalisten. Überhaupt findet man bei uns, in der russischen Gesellschaft, die besten Manieren bei denen, die schon manchmal Prügel bekommen haben – haben Sie das nicht auch beobachtet? Ich bin ja nun auf dem Lande jetzt etwas verwildert. Und doch hatte ich damals schon ins Schuldgefängnis wandern müssen; so ein Njeshiner Grieche hatte mich einsperren lassen. Da erschien plötzlich Marfa Petrowna als rettender Engel, handelte mit dem Gläubiger hin und her und kaufte mich für dreißigtausend Rubel los (im ganzen war ich siebzigtausend schuldig). Ich ging mit ihr eine gesetzliche Ehe ein, und sie nahm mich sogleich mit sich fort auf ihr Gut wie einen erbeuteten Schatz. Sie war ja fünf Jahre älter als ich und furchtbar in mich verliebt. Sieben Jahre lang bin ich nicht vom Dorfe weggekommen. Und denken Sie sich, die ganze Zeit über hielt sie einen Schuldschein über die dreißigtausend Rubel, den ich ihr auf einen fremden Namen hatte ausstellen müssen, als Waffe gegen mich im Hintergrunde bereit; damit hielt sie mich in ihrer Gewalt, so daß, wenn ich mir hätte beikommen lassen, gegen sie in irgendeiner Hinsicht zu revoltieren, sie mich sofort einsperren lassen konnte! Und sie hätte es getan! Bei den Weibern wohnen Haß und Liebe dicht beieinander.«

»Wenn der Schuldschein nicht gewesen wäre, hätten Sie sich wohl längst davongemacht?«

»Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Dieser Schuldschein genierte mich so gut wie gar nicht. Es zog mich eigentlich nirgends hin; Marfa Petrowna regte mich selbst ein paarmal dazu an, ins Ausland zu reisen, weil sie sah, daß ich mich langweilte. Aber was sollte ich da? Im Auslande war ich auch früher schon gewesen; aber ich hatte mich da nie recht wohl fühlen können. Na ja, es ist ja ganz schön; aber sehen Sie, da erscheint die Abendröte, und da ist der Golf von Neapel und das Meer, man sieht das an, und es stimmt einen bloß schwermütig und traurig. Und solche Schwermut und Trauer ist das allerwiderwärtigste! Nein, in der Heimat ist es doch besser: hier kann man wenigstens bei allem, was einem mißfällt, andern die Schuld beimessen und sich selbst von Schuld freisprechen. Ich brächte es jetzt vielleicht fertig, mich an einer Nordpolexpedition zu beteiligen; denn j'ai le vin mauvais, und das Trinken ist mir zuwider; aber die Spirituosen sind das einzige, was mir jetzt noch übrigbleibt. Einen Versuch habe ich ja auch mit dem Trinken gemacht. Aber wie ist das? Ich höre, der Luftschiffer Berg will nächsten Sonntag im Jussupow-Garten mit einem riesigen Ballon aufsteigen und lade zur Teilnahme an der Fahrt gegen eine bestimmte Bezahlung ein; ist das richtig?«

»Wollen Sie etwa mitfliegen?«

»Ich? Nein, . . . ich frage nur so . . .«, murmelte Swidrigailow; er schien sich wirklich seinen Gedanken hinzugeben.

›Was hat denn der Mensch eigentlich?‹ dachte Raskolnikow.

»Nein, der Schuldschein genierte mich nicht«, fuhr Swidrigailow wie in Gedanken fort. »Es war mein eigener Wille, daß ich auf dem Gute blieb. Auch ist es jetzt etwa ein Jahr her, daß Marfa Petrowna mir an meinem Namenstage diesen Schuldschein zurückgab und mir noch obendrein eine erkleckliche Summe schenkte. Sie besaß ein bedeutendes Vermögen. ›Sie sehen, wie ich Ihnen vertraue, Arkadij Iwanowitsch‹, so sagte sie dabei, wahrhaftig. Sie glauben wohl nicht, daß sie das gesagt hat? Aber, wissen Sie, ich bin da auf dem Gute ein ganz tüchtiger Landwirt geworden; in der ganzen Nachbarschaft bin ich dafür bekannt. Ich ließ mir auch Bücher kommen. Anfangs war Marfa Petrowna sehr damit einverstanden; aber später fürchtete sie immer, ich könnte mir durch das viele Studieren schaden.«

»Sie grämen sich wohl sehr um Marfa Petrowna?«

»Ich? Kann sein. Wirklich, kann sein. Apropos, glauben Sie an Geister?«

»An was für Geister?«

»An gewöhnliche Geister; was ist da zu fragen?«

»Glauben Sie denn daran?«

»Na, meinetwegen will ich nein sagen, pour vous plaire . . . Aber eigentlich tu ich's doch . . .«

»Erscheinen Ihnen denn Geister?«

Swidrigailow sah ihn mit sonderbarem Blicke an.

»Marfa Petrowna besucht mich«, erwiderte er und verzog den Mund zu einem eigentümlichen Lächeln.

»Wie meinen Sie das mit dem Besuchen?«

»Nun, sie ist schon dreimal zu mir gekommen. Das erstemal sah ich sie am Begräbnistage selbst, eine Stunde nach meiner Rückkehr vom Friedhofe. Das war am Tage vor meiner Abreise hierher. Das zweitemal vorgestern, unterwegs, in der Morgendämmerung, auf der Station Malaja Wischera; und das drittemal vor zwei Stunden, in der Wohnung, wo ich logiere, im Zimmer; ich war allein darin.«

»Waren Sie denn wach?«

»Völlig wach. Alle drei Male war ich wach. Sie kommt, spricht ein kleines Weilchen mit mir und geht dann durch die Tür hinaus; immer durch die Tür. Es kommt mir sogar vor, als ob ich es hörte.«

»Wieso ich bloß von vornherein gleich auf den Gedanken gekommen bin, daß mit Ihnen sicher etwas in dieser Art los sein müsse!« sagte Raskolnikow plötzlich und wunderte sich in demselben Augenblicke darüber, daß er es gesagt hatte. Er war in heftiger Aufregung.

»Nun sehen Sie mal an! Also Sie haben das gedacht?« fragte Swidrigailow erstaunt. »Ist es möglich? Na, habe ich nicht gleich gesagt, daß eine gewisse seelische Verwandtschaft zwischen uns besteht?«

»Das haben Sie niemals gesagt!« entgegnete Raskolnikow in scharfem, zornigem Tone.

»Habe ich es nicht gesagt?«

»Nein!«

»Es war mir doch so, als hätte ich es gesagt. Als ich vorhin hereinkam und sah, daß Sie mit geschlossenen Augen dalagen und sich schlafend stellten, da sagte ich mir: Das ist der Richtige!«

»Wieso: der Richtige? Inwiefern?« rief Raskolnikow.

»Inwiefern? Ja, inwiefern, das weiß ich wahrhaftig nicht . . .«, murmelte Swidrigailow offenherzig und anscheinend in wirklicher Verlegenheit.

Eine Weile schwiegen sie; beide blickten einander scharf an.

»Das ist ja alles dummes Zeug!« rief Raskolnikow ärgerlich. »Was sagt sie denn zu Ihnen, wenn sie zu Ihnen kommt?«

»Was sie sagt? Denken Sie sich nur: sie spricht von ganz unbedeutenden Lappalien, und so wunderlich ist der Mensch: gerade das ärgert mich ordentlich. Das erstemal kam sie herein (ich war müde, wissen Sie: der Leichengottesdienst und ›Ruh in Frieden‹ und die Litanei und der Imbiß; endlich war ich in meinem Zimmer allein, steckte mir eine Zigarre an und überließ mich meinen Gedanken), da kam sie also zur Tür herein und sagte: ›Arkadij Iwanowitsch, in all der Unruhe haben Sie heute vergessen, im Eßzimmer die Uhr aufzuziehen.‹ Nämlich diese Uhr hatte ich wirklich die ganzen sieben Jahre hindurch jede Woche selbst aufgezogen, und wenn ich es einmal vergaß, dann hatte sie mich immer daran erinnert. Am andern Tage war ich schon auf der Fahrt hierher. Ich ging im Morgengrauen auf einer Station in die Bahnhofsrestauration – ich hatte in der Nacht wenig geschlafen, war wie zerschlagen, und die Augen fielen mir immer noch zu – und ließ mir Kaffee geben; auf einmal sehe ich, wie Marfa Petrowna mit einem Spiel Karten in der Hand sich neben mich setzt: ›Soll ich Ihnen für die Reise Karten legen, Arkadij Iwanowitsch?‹ fragte sie mich. Nämlich das Kartenlegen verstand sie meisterhaft. Na, ich kann es mir noch heute nicht verzeihen, daß ich mir nicht von ihr damals Karten legen ließ. Ich lief ganz erschrocken hinaus, und da wurde auch schon zum Einsteigen geläutet. Heute sitze ich nach einem ganz jämmerlichen Mittagessen, das ich mir aus einer Garküche hatte holen lassen, mit schwerem Magen auf meinem Zimmer; ich sitze da und rauche, da kommt wieder Marfa Petrowna herein, sehr geputzt, in einem neuen grünen Seidenkleide mit sehr langer Schleppe. ›Guten Tag, Arkadij Iwanowitsch! Wie gefällt Ihnen mein Kleid? So gut kann es Anisjka nicht machen‹ (Anisjka ist eine Schneiderin bei uns auf dem Dorfe, eine frühere Leibeigene; sie hat das Schneidern in Moskau gelernt, ein hübsches Mädchen). Sie stand da und drehte sich vor mir hin und her. Ich besah das Kleid, sah ihr dann scharf ins Gesicht und sagte: ›Was fällt Ihnen denn ein, Marfa Petrowna, wegen einer so gleichgültigen Sache zu mir zu kommen und mich zu belästigen!‹ – ›Ach, mein Gott‹, antwortete sie, ›nicht einmal einen Augenblick stören darf man Sie!‹ Um sie zu necken, sagte ich zu ihr: ›Ich will mich wieder verheiraten, Marfa Petrowna.‹ – ›Das sieht Ihnen ähnlich, Arkadij Iwanowitsch‹, erwiderte sie. ›Große Ehre macht es Ihnen aber nicht, daß Sie jetzt, wo Sie kaum Ihre Frau begraben haben, wegreisen, um eine andere zu heiraten. Und wenn Sie noch eine gute Wahl getroffen hätten; so aber wird es weder Ihnen noch ihr zum Segen sein, und nur die lieben Nachbarn werden ihr Amüsement darüber haben.‹ Und damit ging sie hinaus, und es war mir gerade so, als ob sie mit der Schleppe rauschte. Das ist doch Unsinn; nicht wahr?«

»Das sind wohl lauter Lügen von Ihnen?« erwiderte Raskolnikow.

»Ich lüge nur selten«, antwortete Swidrigailow nachdenklich; die Grobheit der Frage schien er gar nicht zu bemerken.

»Und früher, vor dieser Zeit, haben Sie niemals Geister gesehen?«

»Hm, doch, ein einziges Mal in meinem Leben, vor sechs Jahren . . . Ich hatte einen Diener namens Filipp; kurz nach seiner Beerdigung rief ich einmal in Gedanken: ›Filipp, die Pfeife!‹ Da kam er herein und ging gerade auf das Regal zu, wo meine Pfeifen standen. Ich saß da und dachte bei mir: ›Jetzt will er sich gewiß an mir rächen‹, denn unmittelbar vor seinem Tode hatten wir einen heftigen Streit miteinander gehabt. ›Wie kannst du dich unterstehen‹, rief ich ihm zu, ›mit einem Loch am Ellbogen zu mir hereinzukommen! Mach, daß du hinauskommst, du Taugenichts!‹ Er wandte sich um, ging hinaus und ist nicht mehr wiedergekommen. Ich habe Marfa Petrowna damals nichts davon erzählt. Ich wollte schon eine Seelenmesse für ihn halten lassen, genierte mich denn aber doch ein bißchen.«

»Gehen Sie zu einem Arzte.«

»Daß ich nicht gesund bin, weiß ich, auch ohne daß Sie es mir sagen; wiewohl ich wirklich nicht weiß, was mir eigentlich fehlt; meiner Ansicht nach bin ich gewiß fünfmal so gesund wie Sie. Aber ich habe Sie nicht danach gefragt, ob Sie glauben, daß einem Geister erscheinen. Ich habe Sie gefragt: Glauben Sie, daß es Geister gibt?«

»Nein, das glaube ich entschieden nicht!« rief Raskolnikow mit einer Art von Ingrimm.

»Wie sagt man doch gewöhnlich?« murmelte Swidrigailow, wie wenn er für sich spräche; er blickte zur Seite und hielt den Kopf ein wenig geneigt. »Man sagt: ›Du bist krank; folglich ist das, was dir erscheint, lediglich ein unwirkliches Wahngebilde.‹ Darin liegt aber doch keine strenge Logik. Ich gebe zu, daß Geister nur Kranken erscheinen; aber daraus folgt doch nur, daß die Geister eben nur Kranken erscheinen können, aber nicht, daß es überhaupt keine gibt.«

»Es gibt bestimmt keine!« entgegnete Raskolnikow hartnäckig in gereiztem Tone.

»Nein? Glauben Sie das?« fuhr Swidrigailow langsam fort und blickte ihn dabei an. »Na, aber was meinen Sie dazu, wenn man sich die Sache so zurechtlegt (helfen Sie mir nur dabei ein bißchen): die Geister, das sind sozusagen Teilchen, Fragmente andrer Welten, der Anfang andrer Welten. Ein gesunder Mensch hat selbstverständlich keine Veranlassung, sie zu sehen; denn der gesunde Mensch ist ein durchaus irdischer Mensch und soll daher lediglich ein irdisches Dasein führen; das ist ganz in der Ordnung. Na, sowie er nun aber erkrankt und die normale irdische Ordnung des Organismus gestört wird, dann tritt ihm sofort die Möglichkeit der Existenz einer andern Welt entgegen, und je kränker er wird, um so mehr nehmen seine Beziehungen zu der andern Welt zu, so daß, wenn er nun wirklich stirbt, er einfach selbst in die andere Welt hinübergeht. Ich habe mir darüber schon seit langer Zeit meine Gedanken gemacht. Wenn Sie an ein zukünftiges Leben glauben, dann können Sie auch dieser Anschauung beipflichten.«

»Ich glaube nicht an ein zukünftiges Leben«, erwiderte Raskolnikow.

Swidrigailow saß in Gedanken versunken da.

»Aber wie wäre das, wenn es in der andern Welt nur Spinnen oder so etwas Ähnliches gäbe?« sagte er dann plötzlich.

›Der Kerl ist irrsinnig‹, dachte Raskolnikow.

»Die Ewigkeit erscheint uns immer als ein Begriff, den man gar nicht fassen kann, als etwas Riesenhaftes, ungeheuer Großes! Aber warum soll sie denn absolut so ungeheuer groß sein? Auf einmal (stellen Sie sich das mal vor) kommt es so heraus, daß da statt all dessen nur ein einziges kleines Zimmerchen ist, so in der Art wie eine Badestube auf dem Lande, ganz verräuchert, und in allen Ecken Spinnen, und das ist dann die ganze Ewigkeit. Wissen Sie, mir schwant manchmal so etwas in der Art.«

»Stellen Sie sich wirklich, wirklich nichts Tröstlicheres und Gerechteres unter der Ewigkeit vor als dies?« rief Raskolnikow in heftiger Erregung.

»Etwas Gerechteres? Woher soll man's wissen, vielleicht ist das so, wie ich mir das ausmale, ganz gerecht; und wissen Sie, wenn's von mir abhinge, ich würde die Ewigkeit jedenfalls absichtlich so einrichten«, erwiderte Swidrigailow mit einem nicht recht verständlichen Lächeln.

Kälte überrieselte auf einmal Raskolnikow bei dieser widerwärtigen Antwort. Swidrigailow hob den Kopf, blickte ihn unverwandt an und brach plötzlich in ein Gelächter aus.

»Nein«, rief er, »überlegen Sie bloß mal: vor einer halben Stunde hatten wir einander noch nicht gesehen, wir halten uns für Feinde, es liegt noch ein unerledigtes Geschäft zwischen uns – und nun haben wir Geschäft Geschäft sein lassen und sind tief in solche metaphysischen Fragen hineingeraten! Nun, habe ich nicht die Wahrheit gesagt, daß wir Geistesverwandte sind?«

»Haben Sie die Güte«, erwiderte Raskolnikow gereizt, »mir möglichst schnell mitzuteilen, warum sie mir die Ehre Ihres Besuches erwiesen haben, . . . und . . . und . . . ich bin sehr in Eile, ich habe keine Zeit, ich möchte fortgehen . . .«

»Ganz wie Sie wünschen, ganz wie Sie wünschen! Ihre Schwester, Awdotja Romanowna, heiratet Herrn Pjotr Petrowitsch Lushin?«

»Ich möchte Sie bitten, jede Frage, die meine Schwester betrifft, zu vermeiden und ihren Namen überhaupt nicht zu erwähnen. Es ist mir geradezu unverständlich, wie Sie sich erdreisten können, in meiner Gegenwart ihren Namen auszusprechen, wenn Sie wirklich Swidrigailow sind.«

»Ich bin ja aber gerade deshalb hergekommen, um über sie zu sprechen; wie soll ich es denn da machen, ihren Namen nicht auszusprechen?«

»Nun gut; dann reden Sie, aber recht schnell!«

»Ich bin überzeugt, daß Sie sich über diesen Herrn Lushin, einen Verwandten meiner Frau, bereits ein Urteil gebildet haben, wenn Sie ihn auch nur eine halbe Stunde gesehen oder etwas Zuverlässiges und Genaueres über ihn gehört haben. Er ist kein Mann für Awdotja Romanowna. Meiner Ansicht nach bringt sich Awdotja Romanowna dabei in höchst großmütiger und uneigennütziger Weise zum Opfer für . . . für ihre Familie. Nach allem, was ich über Sie gehört habe, glaubte ich, Sie würden Ihrerseits recht zufrieden sein, wenn diese Heirat unterbliebe, ohne daß die Interessen der Familie dabei zu Schaden kämen. Und jetzt, nachdem ich Sie persönlich kennengelernt habe, bin ich davon sogar fest überzeugt.«

»Alles sehr naiv von Ihnen; Pardon, ich wollte sagen: sehr unverschämt«, erwiderte Raskolnikow.

»Sie wollen wohl damit sagen, daß ich egoistische Absichten verfolge. Aber seien Sie unbesorgt, Rodion Romanowitsch; wenn ich mein eigenes Interesse im Auge hätte, dann würde ich nicht so offen reden; so dumm bin ich denn schließlich doch auch nicht. In dieser Hinsicht möchte ich Ihnen eine psychologisch merkwürdige Mitteilung machen. Als ich vorhin meine Liebe zu Awdotja Romanowna rechtfertigte, sagte ich, daß ich selbst dabei ein Opfer gewesen sei. Nun, so will ich Ihnen nicht verhehlen, daß ich jetzt keine Liebe zu ihr empfinde, aber auch gar keine, so daß mir das selbst sonderbar vorkommt, weil ich doch tatsächlich etwas Derartiges empfunden hatte . . .«

»Das kam von Ihrem Müßiggange und Ihrer Sittenlosigkeit her«, unterbrach ihn Raskolnikow.

»Ein Müßiggänger und unsittlicher Mensch bin ich freilich. Indessen besitzt andrerseits Ihre Schwester so viele Vorzüge, daß auch ich einfach nicht imstande war, mich eines gewissen Eindrucks zu erwehren. Aber das alles ist dummes Zeug, wie ich jetzt selbst einsehe.«

»Sind Sie schon lange zu dieser Einsicht gelangt?«

»Die ersten Anfänge dieser Erkenntnis liegen schon weiter zurück; endgültig habe ich mich davon vorgestern überzeugt, fast genau in dem Augenblicke, als ich in Petersburg ankam. Noch in Moskau hatte ich die Vorstellung, daß ich diese Reise machte, um mich um Awdotja Romanownas Hand zu bewerben und mit Herrn Lushin zu rivalisieren.«

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche; aber haben Sie die Güte, sich kurz zu fassen und ohne Umschweife auf den Zweck Ihres Besuches zu kommen. Ich bin in Eile, ich muß fortgehen . . .«

»Mit dem größten Vergnügen! Da ich hierher nach Petersburg gekommen bin und jetzt eine . . . eine größere Reise anzutreten beabsichtige, so möchte ich gern vorher einige notwendige Anordnungen treffen. Meine Kinder sind bei ihrer Tante geblieben; sie sind reich; mich persönlich haben sie in keiner Weise nötig. Ich bin ja auch ein schlechter Vater. Für mich habe ich nur das genommen, was mir Marfa Petrowna vor einem Jahre geschenkt hat. Daran habe ich genug. Entschuldigen Sie, ich komme sofort zur Sache. Vor meiner Reise, die vielleicht bald zur Ausführung gelangt, möchte ich auch die Angelegenheit mit Herrn Lushin erledigen. Nicht eigentlich, daß er mir unausstehlich wäre; aber um seinetwillen kam es zwischen mir und Marfa Petrowna zu diesem unangenehmen Streite, als ich erfuhr, daß sie diese Heirat in die Wege geleitet hatte. Ich möchte nun jetzt durch Ihre Vermittlung eine Zusammenkunft mit Awdotja Romanowna haben und ihr – meinetwegen in Ihrer Gegenwart – erstens klarmachen, daß sie von Herrn Lushin nicht nur nicht den geringsten Vorteil, sondern sogar mit Sicherheit einen entschiedenen Schaden zu erwarten hat. Dann möchte ich sie wegen all der Unannehmlichkeiten, die sie unlängst durch meine Schuld zu erleiden gehabt hat, um Verzeihung bitten und um die Erlaubnis nachsuchen, ihr zehntausend Rubel anzubieten und ihr auf diese Weise die Auflösung ihrer Verlobung mit Hern Lushin zu erleichtern; dieser Auflösung würde sie nach meiner Überzeugung selbst nicht abgeneigt sein, wenn sich eine äußere Möglichkeit dazu darböte.«

»Aber Sie sind ja tatsächlich verrückt!« rief Raskolnikow, weniger zornig als erstaunt. »Wie können Sie sich unterstehen, so etwas zu sagen!«

»Das hatte ich mir vorher gedacht, daß Sie ein Geschrei erheben würden; aber erstens habe ich, obwohl ich nicht gerade ein reicher Mann bin, diese zehntausend Rubel übrig, das heißt, ich habe sie gar nicht nötig, absolut nicht nötig. Wenn Awdotja Romanowna sie nicht nimmt, so gebe ich sie vielleicht auf noch törichtere Weise aus. Das ist das eine. Und zweitens: mein Gewissen ist vollkommen ruhig; ich biete ihr das Geld ohne alle egoistischen Absichten an. Mögen Sie es jetzt glauben oder nicht, aber später werden Sie und Awdotja Romanowna es einsehen. Der Beweggrund für meine Handlungsweise ist einzig und allein dieser: da ich Ihrer hochverehrten Schwester tatsächlich mancherlei Unruhe und Unannehmlichkeiten verursacht habe, so hege ich im Gefühle aufrichtiger Reue den herzlichen Wunsch, nicht etwa mich durch Geld von dem Verschulden zu befreien oder ihr die Unannehmlichkeiten zu bezahlen, sondern ganz einfach etwas zu tun, was ihr Vorteil bringt; es steht ja nirgends geschrieben, daß ich immer nur Schlechtes tun muß. Wenn in meinem Anerbieten auch nur die geringste Spur von egoistischen Absichten steckte, so würde ich ihr doch das Geld nicht so offen anbieten, und ich würde ihr auch nicht bloß zehntausend anbieten, da ich ihr ja vor kaum fünf Wochen eine weit größere Summe angeboten habe. Außerdem werde ich vielleicht in nächster, allernächster Zeit ein junges Mädchen heiraten, so daß auch schon dadurch jeder Verdacht, als hätte ich irgendwelche bösen Anschläge gegen Awdotja Romanowna vor, schwinden muß. Zum Schlusse möchte ich nur hinzufügen, daß Awdotja Romanowna, wenn sie Herrn Lushin heiratet, ja dasselbe Geld annimmt, nur von anderer Seite . . . Ärgern Sie sich nicht, Rodion Romanowitsch, sondern überlegen Sie sich die Sache ruhig und kaltblütig.«

Swidrigailow selbst war, während er dies sagte, außerordentlich kaltblütig und ruhig.

»Ich bitte Sie, nun damit aufzuhören«, sagte Raskolnikow. »Jedenfalls ist Ihr Anerbieten von einer unverzeihlichen Dreistigkeit.«

»Ganz und gar nicht. Sonst könnte ja auf dieser Welt ein Mensch einem andern nur Böses antun und hätte um leerer konventioneller Formen willen kein Recht, ihm auch einmal ein klein bißchen Gutes zukommen zu lassen. Das wäre ja sinnlos. Wenn ich zum Beispiel gestorben wäre und Ihrer Schwester diese Summe testamentarisch hinterlassen hätte, würde sie sich etwa auch dann weigern, sie anzunehmen?«

»Sehr möglich.«

»Na, das würde sie nun wohl doch nicht tun. Will sie es übrigens von mir nicht nehmen, nun, dann mag sie es ablehnen; dann unterbleibt es eben. Nur sind zehntausend Rubel keine üble Sache; die können einem bei Gelegenheit gut zustatten kommen. Jedenfalls bitte ich Sie, von meinem Anerbieten Ihrer Schwester Mitteilung zu machen.«

»Nein, das werde ich nicht tun.«

»Dann, Rodion Romanowitsch, werde ich selbst genötigt sein, mich um eine persönliche Zusammenkunft zu bemühen und so Ihre Schwester zu belästigen.«

»Und wenn ich es ihr mitteile, dann werden Sie sich nicht um eine persönliche Zusammenkunft bemühen?«

»Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll. Ich möchte sie doch gar zu gern noch einmal wiedersehen.«

»Diese Hoffnung geben Sie nur auf!«

»Schade! Aber Sie kennen mich noch nicht. Vielleicht treten wir einander doch noch näher.«

»Halten Sie das für möglich?«

»Aber warum denn nicht?« antwortete Swidrigailow lächelnd, stand auf und griff nach seinem Hute. »Nicht daß ich die Absicht hätte, Sie in Zukunft häufig zu belästigen. Auch habe ich, als ich hierherging, mir ganz und gar keine großen Hoffnungen auf eine Verständigung gemacht, obwohl mich Ihre Physiognomie schon heute vormittag überrascht und interessiert hatte . . .«

»Wo haben Sie mich denn heute vormittag gesehen?« fragte Raskolnikow beunruhigt.

»Nur ganz zufällig . . . Ich habe immer die Empfindung, als ob Sie mir einigermaßen geistesverwandt wären . . . Aber seien Sie ganz unbesorgt; ich verstehe mit Menschen umzugehen und bin immer recht wohl gelitten gewesen; ich habe mit Falschspielern ganz angenehm zusammengelebt, und mit dem Fürsten Swirbej, einem entfernten Verwandten von mir und hohen Würdenträger, habe ich mich gut zu stellen gewußt, und ich habe Witz genug gehabt, der Frau Prilukowa etwas Hübsches über die Raffaelische Madonna ins Album zu schreiben, und ich habe mit Marfa Petrowna sieben Jahre lang still und häuslich auf dem Gute gelebt, und ich habe in früheren Zeiten manchmal im Nachtasyl am Heumarkt geschlafen, und nun werde ich vielleicht mit Berg eine Fahrt mit dem Luftballon unternehmen.«

»Gut, gut. Gestatten Sie eine Frage: Treten Sie Ihre Reise bald an?«

»Was für eine Reise?«

»Nun, Sie sprachen doch vorhin von einer Reise.«

»Von einer Reise? Ach ja! . . . Richtig, ich sagte Ihnen davon . . . Nun, das ist eine umfassende Frage . . . Wenn Sie aber wüßten, wonach Sie sich da erkundigt haben!« fügte er hinzu und brach in ein lautes, kurzes Gelächter aus. »Aber vielleicht verheirate ich mich auch, statt wegzureisen; ich stehe schon durch eine Vermittlerin wegen eines jungen Mädchens in Verhandlung.«

»Hier?«

»Ja.«

»Wie haben Sie denn das schon fertiggebracht?«

»Aber mit Awdotja Romanowna möchte ich doch zu gern noch einmal sprechen. Ich bitte Sie in vollem Ernste, mir dazu behilflich zu sein. Nun, auf Wiedersehen! . . . Ach ja! Das hätte ich ja beinahe vergessen! Teilen Sie doch Ihrer Schwester mit, Rodion Romanowitsch, daß sie in Marfa Petrownas Testamente mit dreitausend Rubel bedacht ist. Sie kann sich bestimmt darauf verlassen. Marfa Petrowna hat, eine Woche ehe sie starb, ihre Anordnungen für den Todesfall getroffen, und das geschah in meiner Gegenwart. In zwei bis drei Wochen wird Awdotja Romanowna das Geld erhalten können.«

»Sagen Sie die Wahrheit?«

»Gewiß. Teilen Sie es ihr nur mit. Nun, ich empfehle mich. Ich wohne gar nicht weit von Ihnen.«

Beim Hinausgehen stieß Swidrigailow in der Tür mit Rasumichin zusammen.

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