Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Schuld und Sühne - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Dostojewski
titleSchuld und Sühne
publisherAufbau Verlag
year1956
translatorH. Röhl
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050727
modified20170607
projectid8458924a
Schließen

Navigation:

II

Als Rasumichin am andern Tage zwischen sieben und acht Uhr erwachte, war er in recht ernster, sorgenvoller Stimmung. Eine Menge neuer, unvorhergesehener Bedenken drängte sich ihm jetzt am Morgen plötzlich auf. Er hätte früher nie gedacht, daß er jemals so aufwachen würde. Er erinnerte sich aller seiner gestrigen Erlebnisse bis auf die kleinsten Einzelheiten und war sich bewußt, daß mit ihm etwas Ungewöhnliches vorgegangen war, daß er einen ihm bisher völlig unbekannten Eindruck empfangen hatte, mit dem sich keiner der früheren vergleichen ließ. Gleichzeitig erkannte er mit voller Klarheit, daß an eine Verwirklichung des Zukunftstraumes, der in seinem Kopfe aufgezuckt war, nicht im entferntesten zu denken sei, so wenig zu denken sei, daß er sich dieses Traumes sogar schämte und möglichst schnell zu den andern, mehr der Wirklichkeit angehörenden Sorgen und Aufgaben überging, die »der verfluchte gestrige Tag« ihm hinterlassen hatte.

Die schauderhafteste Erinnerung war für ihn, wie »niedrig und gemein« er sich gestern gezeigt habe, nicht allein deswegen weil er betrunken gewesen war, sondern auch weil er, die schwierige Lage der jungen Dame ausnutzend, in ihrer Gegenwart aus Eifersucht und törichter Übereilung auf ihren Bräutigam geschimpft hatte, ohne daß er die gegenseitigen Beziehungen und Verpflichtungen der beiden, ja, ohne daß er diesen Menschen selbst ordentlich kannte. Und welches Recht hatte er überhaupt, so übereilt und vorschnell über ihn zu urteilen? Wer hatte ihn zum Richter berufen? Und war es denn denkbar, daß ein Wesen wie Awdotja Romanowna sich einem Unwürdigen um des Geldes willen hingab? Also mußte er doch auch einen sittlichen Wert besitzen. Das Hotel garni? Woher hätte er denn eigentlich in Erfahrung bringen können, was das für ein Hotel war? Er war doch dabei, eine ordentliche Wohnung einzurichten . . . Pfui, wie gemein er sich da in jeder Hinsicht benommen hatte! Und konnte etwa seine Betrunkenheit als Rechtfertigung gelten? Eine dumme Entschuldigung, durch die er sich nur noch mehr erniedrigte! Durch die Trunkenheit kommt nach dem Sprichwort die Wahrheit an den Tag, und nun war ja auch die ganze Wahrheit an den Tag gekommen, nämlich die ganze Gemeinheit seines neidischen, rohen Charakters! Durfte er, Rasumichin, sich eine solche Zukunftsträumerei denn überhaupt erlauben? Was war er im Vergleich mit einem solchen Mädchen – er, der betrunkene Krakeeler und Prahlhans von gestern? War denn eine so absurde, lächerliche Zusammenstellung überhaupt möglich? Rasumichin wurde bei diesem Gedanken vor Ärger und Verzweiflung ganz rot, und nun mußte ihm auch gerade jetzt noch einfallen, wie er ihnen gestern, als sie auf der Treppe standen, erzählt hatte, die Wirtin habe eine Zuneigung zu ihm und werde auf Awdotja Romanowna eifersüchtig werden, . . . das war ja nun vollends unerträglich. Wütend schlug er aus voller Kraft mit der Faust auf den Küchenherd, verletzte sich dabei die Hand und schlug einen Mauerstein heraus.

›Natürlich‹, murmelte er nach einer kleinen Weile in dem Gefühle, daß er sich selbst entehrt habe, vor sich hin, ›natürlich lassen sich alle diese Gemeinheiten jetzt nie mehr wieder beschönigen und gutmachen, . . . folglich hat es keinen Zweck, daran auch nur noch zu denken; sondern ich habe eine stumme Rolle zu spielen und . . . meine Pflicht zu erfüllen, schweigend, und . . . und ich darf nicht um Verzeihung bitten und darf überhaupt nicht davon reden, und . . . und natürlich ist nun alles für mich verloren!‹

Dessenungeachtet musterte er beim Ankleiden seinen Anzug sorgsamer als sonst. Einen andern Anzug besaß er nicht, und hätte er einen andern gehabt, so hätte er ihn vielleicht doch nicht angezogen, absichtlich nicht. Andrerseits mochte er auch nicht wie ein Strolch und Schmutzfink auftreten; er durfte die Gefühle andrer nicht verletzen, um so weniger, da diese andern ihn nötig hatten und ihn selbst zu sich beriefen. Daher reinigte er seine Kleider auf das sorgfältigste mit einer Bürste. Seine Wäsche war immer leidlich; in dieser Hinsicht war er besonders auf Sauberkeit bedacht.

Auch wusch er sich an diesem Morgen gründlicher – er hatte sich von Nastasja Seife geben lassen –; er wusch sich das Haar, den Hals und namentlich die Hände. Als aber die Frage an ihn herantrat, ob er seine Stoppeln wegrasieren sollte oder nicht (Praskowja Pawlowna besaß vorzügliches Rasierzeug, das noch von ihrem seligen Gatten, Herrn Sarnizyn, herrührte), so entschied er diese Frage sogar mit einem gewissen Ingrimm in verneinendem Sinne: ›Mag es bleiben, wie es ist! Wenn die etwa denken, ich hätte mich rasiert, um . . . und bestimmt würden sie das denken! Nein, um keinen Preis! – Das schlimmste ist, daß ich so ein ungeschliffener, schmutziger Patron bin und solche Kneipenmanieren an mir habe, . . . ich weiß ja freilich, daß ich wenigstens ein leidlich anständiger Mensch bin; na, aber damit kann man doch nicht prahlen, daß man ein anständiger Mensch ist. Ein anständiger Mensch muß eben jeder sein, und noch ein bißchen mehr, und . . . und ich habe doch auch schon dies und das angestellt, . . . nicht eigentlich etwas Ehrloses, aber doch . . . Und was habe ich manchmal für Gedanken im Kopfe gehabt! Hm! All das mit Awdotja Romanowna in Parallele zu stellen, das ist ja Verrücktheit! Na, hol's der Teufel! Mir ganz egal! Nun will ich mich gerade als recht schmutziger, schmieriger Kneipenbruder zeigen und mich um nichts scheren! Nun gerade!‹

Bei solchen Selbstgesprächen traf ihn Sossimow an, der in Praskowja Pawlownas Wohnstube die Nacht zugebracht hatte.

Er wollte nun nach Hause gehen, vorher aber noch einmal nach dem Kranken sehen. Rasumichin berichtete ihm, daß dieser wie ein Murmeltier schlafe. Sossimow ordnete an, daß er nicht geweckt werden sollte, ehe er nicht von selbst aufwache; er versprach, selbst nach zehn Uhr wieder mit heranzukommen.

»Wenn ich ihn dann nur zu Hause treffe«, fügte er hinzu. »Eine tolle Geschichte: so ein Kranker läßt sich von seinem Arzte nichts sagen, und da soll man ihn behandeln! Weißt du vielleicht, ob er zu denen geht oder die hierherkommen?«

»Ich glaube, die kommen hierher«, erwiderte Rasumichin, der den Zweck der Frage verstand, »und natürlich werden sie über ihre Familienangelegenheiten sprechen. Ich mache mich dann davon. Du, als Arzt, hast selbstverständlich weitergehende Rechte als ich.«

»Ein Beichtvater bin ich auch nicht; ich werde kommen, aber baldigst wieder gehen; ich habe mit meiner sonstigen Praxis genug zu tun.«

»Eines beunruhigt mich«, unterbrach ihn Rasumichin mit finsterem Gesichte, »ich habe ihm gestern in meiner Trunkenheit unterwegs allerlei Dummheiten vorgeschwatzt, . . . unter anderm habe ich ihm von deiner Befürchtung gesagt, . . . von deiner Befürchtung, daß sich bei ihm eine Geisteskrankheit entwickeln könnte.«

»Auch zu den Damen hast du gestern davon geplaudert.«

»Ich weiß, daß das dumm von mir war! Meinetwegen prügle mich dafür! Aber sage mal, glaubtest du das im Ernst?«

»Ach, Unsinn! Wie werde ich das denn im Ernst glauben! Du selbst hast ja, als du mich zu ihm holtest, es so dargestellt, als sei er von einer fixen Idee besessen . . . Na, und gestern haben wir die Sache noch verschlimmert, das heißt du, durch deine Erzählungen von dem Malergesellen; ein sehr geeignetes Gespräch, wenn möglicherweise sein Fieber und Irrereden von diesem Anlaß herrührt! Hätte ich genau gewußt, was damals im Polizeibureau passiert war, und daß ihn da so eine Kanaille mit diesem Verdachte beleidigt hatte, hm, dann hätte ich gestern ein solches Gespräch nicht geduldet. Leute mit einer derartigen fixen Idee machen ja aus einer Mücke einen Elefanten und sehen in wachem Zustande die unglaublichsten Dinge leibhaftig vor sich . . . Gestern ist mir aus Sametows Erzählung die Sache schon so halb und halb verständlich geworden. Es kommen noch seltsamere Dinge vor! Ich kenne einen Fall, wo ein Hypochonder, ein Mann von vierzig Jahren, nicht imstande war, es zu ertragen, daß ein achtjähriger Knabe sich täglich bei Tische über ihn lustig machte; er ermordete ihn deswegen! Und nun in vorliegendem Falle: er in Lumpen, ein frecher Polizeibeamter, eine sich entwickelnde Krankheit, und nun dazu so eine Verdächtigung! Bei einem so krassen Hypochonder! Mit einem rasenden, grenzenlosen Ehrgefühl! Da steckt vielleicht der eigentliche Ausgangspunkt der Krankheit. Na, hol die ganze Geschichte der Kuckuck! . . . Apropos, dieser Sametow ist ja wirklich ein ganz netter junger Mensch; aber . . . hm! . . . er hätte das gestern nicht alles zu erzählen brauchen. Ein rechter Schwatzmichel!«

»Wem hat er es denn erzählt? Doch nur dir und mir!«

»Und Porfirij.«

»Na, und wenn er es auch dem erzählt hat, was schadet das?«

»Was ich noch sagen wollte: hast du irgendwelchen Einfluß auf die beiden, ich meine auf die Mutter und die Schwester? Sie sollten ihn heute recht vorsichtig behandeln . . .«

»Sie werden sich schon vertragen!« antwortete Rasumichin mißmutig.

»Und warum ist er nur so ergrimmt auf diesen Lushin? Er ist doch ein wohlhabender Mann, und ihr scheint er nicht unangenehm zu sein, . . . und sie stecken ja in arger Geldklemme? Nicht wahr?«

»Wozu fragst du mich aus?« rief Rasumichin gereizt. »Woher soll ich wissen, ob sie sich in Geldklemme befinden oder nicht? Frage sie doch selbst; vielleicht erfährst du es dann . . .«

»Hör mal, wie bist du doch manchmal verdreht! Wohl noch die Nachwirkung der gestrigen Betrunkenheit! . . . Auf Wiedersehen! Übermittle deiner Praskowja Pawlowna meinen Dank für das Nachtlager. Sie hatte sich eingeschlossen; ich rief ihr durch die Tür ›Guten Morgen!‹ zu; aber sie antwortete nicht. Sie war schon um sieben Uhr aufgestanden und ließ sich den Samowar aus der Küche durch den Korridor bringen. Ich bin ihres persönlichen Anblicks nicht für würdig befunden worden.«

Punkt neun Uhr stellte sich Rasumichin in dem Bakalejewschen Hotel garni ein. Die beiden Damen warteten auf ihn schon lange mit schmerzlicher Ungeduld. Aufgestanden waren sie schon um sieben Uhr oder noch früher. Er trat mit einem Gesichte, finster wie die Nacht, ein und machte eine unbeholfene Verbeugung, worüber er sofort auf sich selbst wütend wurde. Aber von ganz anderer Art waren die Empfindungen der Damen: Pulcheria Alexandrowna eilte auf ihn zu, ergriff seine beiden Hände und hätte sie beinahe geküßt. Er warf einen schüchternen Blick auf Awdotja Romanowna; aber auch dieses stolze Gesicht zeigte in diesem Augenblicke einen solchen Ausdruck von Dankbarkeit und Freundlichkeit und einer von ihm ganz unerwarteten vollkommenen Achtung (statt spöttischer Blicke und unwillkürlicher, schlecht verhehlter Geringschätzung), daß ihm tatsächlich leichter ums Herz gewesen wäre, wenn man ihn mit Scheltworten empfangen hätte; denn so wurde er gar zu verlegen. Zum Glück lag ein Gesprächsthema sehr nahe, und er ergriff dasselbe unverzüglich.

Als Pulcheria Alexandrowna hörte, daß Rodja noch nicht aufgewacht sei und alles ausgezeichnet stände, erklärte sie, daß ihr dies sehr erwünscht sei, da sie vorher noch dringend, ganz dringend mit ihm zu reden habe. Es folgte zunächst die Frage, ob er schon Tee getrunken habe, und die Einladung, mit ihnen zusammen zu trinken; denn in der Erwartung, daß Rasumichin bald kommen würde, hatten sie selbst noch nicht getrunken. Awdotja Romanowna klingelte, worauf ein schmutziges Subjekt in schäbiger Kleidung erschien. Bei diesem wurde Tee bestellt, der denn auch schließlich kam, aber in so unsauberer und unfeiner Ausstattung, daß die Damen sich schämten. Rasumichin setzte schon dazu an, sehr kräftig über dieses Hotel garni zu schimpfen; aber bei dem Gedanken an Lushin verstummte er, wurde verlegen und war heilfroh, als nun endlich Pulcheria Alexandrownas Fragen wie ein Hagelwetter auf ihn losprasselten.

Ihre Beantwortung nahm drei viertel Stunden in Anspruch, da er fortwährend durch neue Fragen unterbrochen wurde. Er teilte den Damen alles mit, was er an wichtigen und wissenswerten Tatsachen aus Rodjas letztem Lebensjahre nur irgend wußte, und schloß mit einer ausführlichen Erzählung von seiner Krankheit. Er überging jedoch vieles, dessen Übergehung ihm zweckmäßig schien, unter anderm den Auftritt auf dem Polizeibureau nebst allem, was sich daran angeschlossen hatte. Die Damen hörten gespannt zu; aber als er nun glaubte, er sei fertig und seine Zuhörerinnen seien zufriedengestellt, da zeigte es sich, daß er für ihre Wißbegierde kaum angefangen hatte.

»Bitte, sagen Sie mir doch, was glauben Sie, . . . ach, entschuldigen Sie, ich kenne noch nicht Ihren Vor- und Vatersnamen!« sagte Pulcheria Alexandrowna eifrig.

»Dmitrij Prokofjitsch.«

»Also, Dmitrij Prokofjitsch, ich möchte sehr, sehr gern wissen, . . . wie er überhaupt . . . wie er jetzt das Leben anschaut, ich meine, verstehen Sie mich recht, wie soll ich mich ausdrücken? ich meine: wohin gehen seine Neigungen und Abneigungen? Ist er immer so reizbar? Was hat er für Wünsche und, um mich so auszudrücken, für Zukunftspläne? Was übt jetzt auf ihn besonderen Einfluß aus? Kurz, ich möchte gern wissen . . .«

»Aber, Mama, diese Fragen lassen sich doch nicht alle so mit einem Male beantworten!« bemerkte Awdotja Romanowna.

»Ach, mein Gott, ich hatte ihn ja ganz anders zu finden erwartet, Dmitrij Prokofjitsch.«

»Nun, das ist ja ganz natürlich«, erwiderte Dmitrij Prokofjitsch. »Eine Mutter habe ich zwar nicht mehr; aber ein Onkel von mir, der alle Jahre einmal herkommt, findet mich immer so verändert, selbst im Äußern, daß er mich gar nicht wiedererkennt, und dabei ist er ein ganz kluger Mann. Na, und die drei Jahre, wo Sie Rodja nicht gesehen haben, das ist doch eine lange, lange Zeit. Ja, was soll ich Ihnen nun über ihn sagen? Ich kenne ihn seit anderthalb Jahren: er ist mürrisch, finster, hochmütig und stolz; in der letzten Zeit (vielleicht aber auch schon erheblich früher) ist er argwöhnisch und hypochondrisch geworden. Er ist hochherzig und brav. Seine Gefühle zu zeigen liebt er nicht und begeht eher eine Grausamkeit, als daß er mit Worten seine Herzensempfindung zum Ausdruck brächte. Manchmal indessen ist er ganz und gar nicht hypochondrisch, sondern einfach kalt und gefühllos bis zur Unmenschlichkeit, geradezu als ob bei ihm zwei entgegengesetzte Charaktere einander ablösten. Mitunter ist er furchtbar schweigsam. Nie hat er Zeit; immer stört man ihn; aber dabei liegt er nur da, ohne irgend etwas zu tun. Er ist nicht spottlustig, und zwar nicht daß es ihm an Witz mangelte, sondern als ob er für solche Possen keine Zeit hätte. Wenn man ihm etwas sagt, so hört er gar nicht bis zu Ende zu. Niemals interessiert er sich für das, wofür sich gerade alle andern interessieren. Er hat von sich selbst eine gewaltig hohe Meinung, und wohl nicht ganz ohne Grund. Nun, was wünschen Sie noch weiter zu wissen? . . . Ich denke, Ihre Ankunft wird auf ihn eine recht wohltätige Wirkung ausüben.«

»Ach, das gebe Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna; sie fühlte sich sehr bedrückt durch die Schilderung, die Rasumichin von ihrem Rodja gemacht hatte.

Endlich getraute sich Rasumichin, auch Awdotja Romanowna etwas mutiger anzusehen. Er hatte ihr während des vorhergehenden Gespräches häufig einen Blick zugeworfen, aber nur flüchtig, nur für eine Sekunde, und hatte dann immer sogleich wieder die Augen weggewendet. Awdotja Romanowna hatte sich bald an den Tisch gesetzt und aufmerksam zugehört, bald wieder war sie aufgestanden und hatte angefangen, nach ihrer Gewohnheit mit verschränkten Armen und zusammengepreßten Lippen von einer Ecke des Zimmers nach der andern zu gehen; ohne ihre Wanderung zu unterbrechen, stellte sie ab und zu ihrerseits eine Frage und versank dann wieder in ihre Gedanken. Auch sie hatte die Gewohnheit, das, was der andre sagte, nicht ganz bis zu Ende zu hören. Sie trug ein leichtes dunkles Kleid und hatte ein weißes, durchscheinendes Tüchelchen um den Hals geknüpft. Aus vielen Anzeichen hatte Rasumichin sehr schnell erkannt, daß die Verhältnisse der beiden Frauen äußerst dürftige sein mußten. Wäre Awdotja Romanowna wie eine Königin gekleidet gewesen, so hätte er sich wahrscheinlich gar nicht vor ihr gefürchtet; so aber hatte vielleicht gerade deshalb, weil sie so ärmlich gekleidet war und er die ganze trübe Lage durchschaute, sich seiner eine merkwürdige Scheu bemächtigt, und er war bei jedem seiner Worte, bei jeder seiner Bewegungen in Angst, er könnte einen Verstoß begehen; dies machte natürlich einen Menschen, der ohnehin kein großes Selbstvertrauen besaß, außerordentlich verlegen.

»Sie haben uns viel Interessantes über den Charakter meines Bruders mitgeteilt, . . . und Sie haben dabei unparteiisch geurteilt. Das ist recht; ich hatte gedacht, Sie wären ein blinder Verehrer von ihm«, bemerkte Awdotja Romanowna lächelnd. »Ich glaube, auch das ist richtig, daß er ein weibliches Wesen um sich haben muß«, fügte sie nachdenklich hinzu.

»Davon habe ich nichts gesagt; indessen haben Sie vielleicht auch darin recht, nur . . .«

»Nun?«

»Er liebt ja niemand und wird auch vielleicht nie jemand lieben«, erwiderte Rasumichin rasch.

»Sie meinen, er ist unfähig, jemand zu lieben?«

»Wissen Sie, Awdotja Romanowna, Sie selbst haben mit Ihrem Bruder eine ganz außerordentliche Ähnlichkeit, aber auch in allen Stücken!« platzte er plötzlich unwillkürlich heraus; sofort aber fiel ihm ein, was er ihr soeben über ihren Bruder gesagt hatte, und er wurde rot wie ein Krebs und schrecklich verlegen.

Awdotja Romanowna mußte laut auflachen, als sie ihn ansah.

»Was Rodja anlangt, so könntet ihr euch doch beide leicht irren«, mischte sich Pulcheria Alexandrowna etwas empfindlich ein. »Ich rede nicht von der Gegenwart, Dunjetschka. Was uns Pjotr Petrowitsch da in diesem Briefe schreibt, und was wir beide, du und ich, vorläufig als wahr angenommen haben, das ist vielleicht gar nicht wahr; aber Sie können sich gar keine Vorstellung davon machen, Dmitrij Prokofjitsch, wie phantastisch und, ich möchte sagen, launenhaft er ist. Verlaß war auf seinen Charakter niemals, selbst nicht, als er erst fünfzehn Jahre alt war. Ich bin überzeugt, er ist auch jetzt imstande, auf einmal irgend etwas zu unternehmen, was einem andern Menschen nie in den Sinn kommen würde zu tun . . . Wir haben ja dafür ein ganz naheliegendes Beispiel: ist es Ihnen bekannt, was für einen Todesschreck er mir vor anderthalb Jahren einjagte, als er auf den Einfall kam, dieses Fräulein – wie hieß sie doch? – die Tochter der Frau Sarnizyna, seiner Wirtin, zu heiraten?«

»Wissen Sie etwas Genaueres über diese Geschichte?« fragte Awdotja Romanowna.

»Meinen Sie etwa«, fuhr Pulcheria Alexandrowna erregt fort, »daß er sich damals durch meine Tränen, durch meine Bitten, durch den Gedanken an unsere Armut hätte zurückhalten lassen? Und wenn ich vor Gram krank geworden und vielleicht gar gestorben wäre, so hätte er sich dadurch nicht davon abbringen lassen. Seelenruhig wäre er über all diese Hindernisse hinweggeschritten. Aber sollte er uns denn wirklich, wirklich nicht lieben?«

»Er selbst hat mir nie etwas von dieser Geschichte erzählt«, antwortete Rasumichin vorsichtig, »aber ich habe einiges wenige von Frau Sarnizyna gehört, die sich gleichfalls nicht durch Mitteilsamkeit auszeichnet, und was ich gehört habe, ist vielleicht ein bißchen eigentümlich.«

»Was haben Sie denn gehört?« fragten die beiden Frauen gleichzeitig.

»Nun, etwas besonders Schlimmes, ganz Abnormes war es ja eigentlich nicht. Ich erfuhr nur, daß diese Heirat, die schon eine völlig abgemachte Sache war und nur wegen des Todes der Braut nicht zustande kam, der Frau Sarnizyna selbst durchaus nicht recht war . . . Außerdem soll die Braut nicht einmal hübsch gewesen sein, vielmehr sogar geradezu häßlich . . . und kränklich . . . und sonderbar, . . . aber sie wird ja wohl auch ihre guten Eigenschaften gehabt haben. Irgendwelche guten Eigenschaften muß sie jedenfalls besessen haben, sonst könnte man ja die ganze Sache schlechterdings nicht begreifen . . . Mitgift hatte sie auch gar keine; und auf Mitgift hätte er auch nicht gesehen . . . Es ist überhaupt schwer, sich in einer solchen Sache ein Urteil zu bilden.«

»Ich bin überzeugt, daß sie seiner Liebe würdig war«, bemerkte Awdotja Romanowna kurz.

»Gott wird es mir verzeihen, aber ich habe mich damals ordentlich über ihren Tod gefreut, obwohl ich nicht weiß, wer von ihnen beiden den andern zugrunde gerichtet hätte, er sie oder sie ihn«, sagte Pulcheria Alexandrowna und schloß damit diesen Gegenstand ab. Dann begann sie, vorsichtig und stockend, sich wieder nach dem gestrigen Auftritt zwischen Rodja und Lushin zu erkundigen; sie warf dabei fortwährend ihrer Tochter Blicke zu, was dieser offenbar unangenehm war.

Es war ihr anzumerken, daß dieser Vorfall sie ganz besonders beunruhigte; sie zitterte geradezu vor Besorgnis. Rasumichin erzählte alles noch einmal mit allen Einzelheiten, fügte aber diesmal die Meinung, die er sich gebildet hatte, hinzu: er beschuldigte nämlich Raskolnikow, daß er Pjotr Petrowitsch mit vollem Vorbedacht beleidigt habe, und wollte diesmal seine Krankheit als Entschuldigung nicht recht gelten lassen.

»Er hatte sich das schon vor seiner Krankheit vorgenommen«, fügte er hinzu.

»Das glaube ich auch«, sagte Pulcheria Alexandrowna sehr niedergeschlagen.

Sie war aber sehr verwundert, daß Rasumichin diesmal von Pjotr Petrowitsch so vorsichtig und sogar mit einer gewissen Achtung sprach. Auch Awdotja Romanowna wunderte sich darüber.

»Das ist also Ihre Meinung über Pjotr Petrowitsch?« konnte sich Pulcheria Alexandrowna nicht enthalten zu fragen.

»Über den künftigen Gatten Ihrer Tochter kann ich keiner anderen Meinung sein«, erwiderte Rasumichin fest und mit besonderer Wärme, »und ich sage das nicht aus bloßer trivialer Höflichkeit, sondern weil . . . weil . . . nun, schon allein deswegen, weil Awdotja Romanowna selbst nach eigenem Willen diesen Mann für wert erachtet hat, ihr Gatte zu werden. Wenn ich ihn gestern verunglimpft habe, so erklärt sich das daher, weil ich gestern schmählich betrunken war und außerdem auch noch von Sinnen; jawohl, von Sinnen war ich, ganz ohne Verstand; verrückt war ich geworden, vollständig, . . . und heute schäme ich mich darüber!«

Er hatte einen ganz roten Kopf bekommen und verstummte. Auch Awdotja Romanowna war dunkelrot geworden, schwieg aber weiter. Von dem Augenblicke an, wo die Rede auf Lushin gekommen war, hatte sie kein Wort gesagt.

Unterdessen fühlte sich Pulcheria Alexandrowna ohne ihre Unterstützung offenbar unsicher. Schließlich sagte sie stockend, und indem sie fortwährend ihre Tochter fragend anblickte, daß ein Umstand ihr jetzt große Sorge mache.

»Sehen Sie, Dmitrij Prokofjitsch«, fing sie an. »Nicht wahr, Dunja, ich kann doch gegen Dmitrij Prokofjitsch ganz offenherzig sein?«

»Aber natürlich, Mama!« erwiderte Awdotja Romanowna mit nachdrücklicher Betonung.

»Die Sache ist nämlich die«, begann sie nun eilig ihre Auseinandersetzung, als ob ihr durch die Erlaubnis, ihren Kummer mitzuteilen, eine schwere Last von der Seele genommen wäre. »Heute in aller Frühe erhielten wir von Pjotr Petrowitsch einen Brief als Antwort auf unsere gestrige Anzeige von unserer Ankunft. Sehen Sie, er hätte uns eigentlich gestern, wie er uns das auch versprochen hatte, gleich auf dem Bahnhof empfangen sollen. Statt dessen schickte er zu unserm Empfange nach dem Bahnhofe einen Kellner, der uns die Adresse dieses Hotels geben und uns den Weg zeigen sollte, und ließ uns sagen, er würde uns heute früh hier persönlich aufsuchen. Aber statt seiner kam heute früh von ihm dieser Brief hier . . . Das beste ist, wenn Sie ihn selbst lesen; es ist eine Sache darin, die mich sehr beunruhigt . . . Sie werden sofort selbst sehen, welche Sache ich meine, und . . . ich bitte Sie, Dmitrij Prokofjitsch, mir ganz offenherzig Ihre Meinung zu sagen! Sie kennen Rodjas Charakter besser als jeder andere und können uns daher am besten Rat geben. Ich will nur noch vorher bemerken, daß Dunjetschka sich sofort eine bestimmte Meinung darüber gebildet hat, was wir nun zu tun haben, daß ich für meine Person aber noch nicht weiß, wie wir uns verhalten sollen; ich habe auf Sie gewartet.«

Rasumichin entfaltete den Brief, der vom vorhergehenden Tage datiert war, und las folgendes:

»Gnädige Frau, Pulcheria Alexandrowna! Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß es mir wegen eingetretener plötzlicher Abhaltungen nicht möglich war, Sie auf dem Bahnsteige zu empfangen, und ich Ihnen daher zu diesem Zwecke einen sehr gewandten Menschen hinsandte. Desgleichen werde ich auch morgen früh nicht die Ehre haben können, Sie wiederzusehen, sowohl wegen unaufschiebbarer Geschäfte beim Senat, als auch um nicht bei dem Wiedersehen der Mutter mit dem Sohne und der Schwester mit dem Bruder zu stören. Ich werde also die Ehre, Sie in Ihrer Wohnung zu besuchen und zu begrüßen, erst etwas später haben, und zwar pünktlich morgen um acht Uhr abends, wobei ich mir die Freiheit nehme, die inständige und – wie ich hinzufügen möchte – dringende Bitte anzuschließen, daß bei unserem gemeinsamen Wiedersehen Rodion Romanowitsch nicht zugegen sein möge, weil er, als ich ihm heute einen Krankenbesuch abstattete, mich in einer unerhört unhöflichen Weise beleidigt hat und weil ich außerdem mit Ihnen eine notwendige, eingehende persönliche Aussprache über einen bestimmten Punkt haben möchte, hinsichtlich dessen ich Ihre eigene Auffassung zu erfahren wünsche. Dabei beehre ich mich, im voraus mitzuteilen, daß, wenn ich meiner Bitte zuwider Rodion Romanowitsch bei Ihnen antreffen sollte, ich mich genötigt sehen würde, mich sofort zu entfernen; Sie würden sich dann die Schuld selbst zuzuschreiben haben. Ich schreibe dies in der Voraussetzung, daß sein Gesundheitszustand Ihren Sohn nicht hindern würde, zu Ihnen zu kommen; denn obwohl er bei meinem Besuche so schwer krank zu sein schien, wurde er zwei Stunden darauf plötzlich gesund und ging aus. Davon habe ich mich mit eigenen Augen überzeugen können, und zwar in der Wohnung eines von einem Wagen überfahrenen Trunkenboldes, der an den Folgen dieses Unfalls gestorben ist. Der Tochter dieses Menschen, einem Mädchen von notorisch schlechtem Lebenswandel, hat er heute etwa fünfundzwanzig Rubel geschenkt, unter dem Vorwande, daß sie zur Bestreitung der Begräbniskosten dienen sollten. Ich habe mich darüber sehr gewundert, da ich weiß, wieviel Mühe und Not es Ihnen gemacht hat, diese Summe aufzubringen. Indem ich auch der verehrten Awdotja Romanowna meine besondere Hochachtung ausspreche, bitte ich Sie, den Ausdruck meiner ehrerbietigen Ergebenheit entgegennehmen zu wollen.

Ihr gehorsamster Diener            
P. Lushin.«

»Was soll ich nun tun, Dmitrij Prokofjitsch?« fragte Pulcheria Alexandrowna beinahe weinend. »Wie kann ich an Rodja das Ansinnen stellen, nicht zu uns zu kommen? Er verlangte gestern so hartnäckig, wir sollten an Pjotr Petrowitsch einen Absagebrief schreiben, und nun soll ich seinen eigenen Besuch nicht annehmen! Wenn er es erfährt, wird er gerade erst recht kommen, und . . . was wird dann daraus werden?«

»Handeln Sie so, wie Awdotja Romanowna es für richtig erachtet hat«, erwiderte Rasumichin sofort mit ruhiger Bestimmtheit.

»Ach, mein Gott! Sie sagt . . . sie sagt etwas ganz Wunderliches und erklärt mir nicht, was das für einen Zweck haben soll! Sie sagt, das beste würde sein, das heißt, nicht eigentlich das beste, sondern es sei, ich weiß nicht zu welchem Zwecke, unbedingt erforderlich, daß auch Rodja heute um acht Uhr herkäme und die beiden sich hier träfen . . . Und ich wollte ihm gar nicht einmal den Brief zeigen, sondern es durch Ihre Vermittlung, ohne daß er etwas merkte, so einrichten, daß er nicht herkäme, . . . er ist ja so reizbar . . . Und ich verstehe auch gar nicht, was da für ein Trunkenbold gestorben ist, und was das für eine Tochter ist, und wie er dieser Tochter sein ganzes letztes Geld hingeben konnte, . . . dieses Geld, das . . .«

»Das für Sie ein so schweres Opfer bedeutet, Mama«, fügte Awdotja Romanowna hinzu.

»Er war gestern nicht im vollen Besitze seiner geistigen Kräfte«, sagte Rasumichin nachdenklich. »Wenn Sie erst wüßten, was er da gestern in einem Restaurant für eine Geschichte gemacht hat; es war ja allerdings ganz klug . . . Hm! Von einem Gestorbenen und von einem Mädchen hat er mir gestern tatsächlich etwas gesagt, als wir nach seiner Wohnung gingen; aber ich habe kein Wort davon verstanden . . . Übrigens war ich auch selbst gestern . . .«

»Liebe Mama, das beste ist wohl, wir gehen selbst zu ihm hin; ich glaube bestimmt, wir werden uns dort ohne weiteres darüber klarwerden, was zu tun ist. Und es wird auch wohl schon Zeit sein. Herr Gott! Schon zehn durch!« rief sie nach einem Blicke auf ihre prachtvolle goldene, emaillierte Uhr, die sie an einer feinen venezianischen Kette um den Hals trug und die mit ihrem Anzuge gar nicht harmonierte.

›Ein Geschenk des Bräutigams‹, dachte Rasumichin.

»Ach ja, es ist Zeit, . . . höchste Zeit, Dunja!« stimmte ihr Pulcheria Alexandrowna bei und geriet in unruhige Hast. »Er wird am Ende denken, wir sind ihm noch von gestern her böse, wenn wir so lange ausbleiben. Ach, mein Gott!«

Bei diesen Worten legte sie eilfertig ihre Mantille um und setzte den Hut auf; Awdotja Romanowna machte sich gleichfalls zurecht. Ihre Handschuhe waren nicht nur stark abgenutzt, sondern sogar zerrissen, was Rasumichin bemerkte; indessen verlieh diese augenfällige Ärmlichkeit der Kleidung den beiden Damen sogar ein besonders achtungswertes Aussehen, wie das stets bei Leuten der Fall ist, die es verstehen, ärmliche Kleidung zu tragen. Rasumichin blickte das junge Mädchen in stiller Verehrung an und war stolz darauf, sie begleiten zu dürfen. ›Jene Königin‹, dachte er bei sich, ›die im Gefängnis ihre Strümpfe ausbesserte, sah gewiß in jenem Augenblicke wie eine echte Königin aus, ja, wohl noch in höherem Grade als bei den prachtvollsten Hoffesten und Galaempfängen.‹

»Mein Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna, »hätte ich wohl je gedacht, daß ich mich vor einem Wiedersehen mit meinem Sohne, mit meinem lieben, lieben Rodja fürchten würde, wie ich es jetzt wirklich tue! . . . Ich fürchte mich davor, Dmitrij Prokofjitsch«, fügte sie hinzu und blickte ihn schüchtern an.

»Fürchten Sie sich nicht, liebe Mama«, sagte Awdotja Romanowna und küßte sie. »Haben Sie lieber Vertrauen zu ihm wie ich.«

»Ach, mein Gott! Vertrauen habe ich ja auch; aber ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen!« rief die arme Frau.

Sie traten auf die Straße hinaus.

»Weißt du, Dunjetschka, als ich heute morgen ein bißchen eingeschlafen war, träumte mir von der verstorbenen Marfa Petrowna, . . . sie war ganz in Weiß, . . . sie trat auf mich zu, ergriff meine Hand und schüttelte den Kopf mit so ernster, strenger Miene, als wollte sie mir einen schweren Vorwurf machen . . .. Ob das auch etwas Gutes zu bedeuten hat? Ach, mein Gott, Sie wissen wohl noch gar nicht, Dmitrij Prokofjitsch: Marfa Petrowna ist gestorben!«

»Nein, ich wußte es nicht; wer ist das, Marfa Petrowna?«

»Ganz urplötzlich! Und denken Sie sich nur . . .«

»Erzählen Sie es ein andermal, Mama!« unterbrach sie Awdotja Romanowna. »Dmitrij Prokofjitsch weiß ja auch noch gar nicht, wer Marfa Petrowna ist.«

»Ach, Sie wissen nicht von ihr? Und ich glaubte, es wäre Ihnen bereits alles bekannt. Verzeihen Sie mir, Dmitrij Prokofjitsch; ich weiß in diesen Tagen gar nicht, wo mir der Kopf steht. Ich sehe Sie wirklich geradezu für unsern Schutzengel an, und darum war ich auch so sicher, daß Ihnen alles schon bekannt wäre. Ich betrachte Sie wie einen lieben Verwandten . . . Seien Sie nicht böse, daß ich so offen rede. Ach du mein Gott, was ist denn mit Ihrer rechten Hand? Haben Sie sich verletzt?«

»Ja, ich habe mich verletzt«, murmelte Rasumichin ganz glückselig.

»Ich rede manchmal gar zu offenherzig, so daß Dunja mich schilt . . . Aber, mein Gott, in was für einem elenden Kämmerchen wohnt er! Ob er jetzt wohl schon aufgewacht ist? Und diese Frau, seine Wirtin, rechnet ihm das als Zimmer an! Noch eins: Sie sagten, er liebe es nicht, sein Herz zu zeigen; da werde ich ihm vielleicht mit dieser meiner Schwäche mißfallen? . . . Möchten Sie mich nicht belehren, Dmitrij Prokofjitsch, wie ich mich ihm gegenüber verhalten soll? Wissen Sie, ich bin ganz rat- und hilflos!«

»Hören Sie auf, nach etwas zu fragen, wenn Sie sehen, daß er ein finsteres Gesicht macht; fragen Sie ihn namentlich nicht zuviel nach seiner Gesundheit; das mag er nicht.«

»Ach, Dmitrij Prokofjitsch, wie schwer ist es, Mutter zu sein! Aber da sind wir ja schon an der Treppe! . . . Was für eine gräßliche Treppe das ist!«

»Sie sind so blaß, liebe Mama, beruhigen Sie sich doch!« sagte Awdotja Romanowna und streichelte sie liebkosend. »Er muß doch glücklich darüber sein, Sie zu sehen, und Sie martern sich mit solchen Sorgen!« fügte sie mit blitzenden Augen hinzu.

»Warten Sie einen Augenblick; ich möchte erst einmal nachsehen, ob er schon aufgewacht ist.«

Die Damen gingen langsam hinter Rasumichin her, der ihnen voran die Treppe hinaufstieg, und als sie im dritten Stock an der Wohnung der Wirtin vorbeikamen, bemerkten sie, daß die Tür einen kleinen Spalt weit geöffnet war und daß zwei sich lebhaft bewegende schwarze Augen aus dem dunklen Raume sie beide beobachteten. Als ihre Blicke sich trafen, wurde die Tür plötzlich zugeschlagen, und zwar mit einem solchen Knall, daß Pulcheria Alexandrowna beinahe vor Schrecken aufgeschrien hätte.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.