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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Schuld und Sühne - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Dostojewski
titleSchuld und Sühne
publisherAufbau Verlag
year1956
translatorH. Röhl
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050727
modified20170607
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I

Raskolnikow richtete sich auf und setzte sich auf dem Sofa aufrecht hin.

Er machte mit einer matten Handbewegung Rasumichin ein Zeichen, daß er mit dem Schwalle unzusammenhängender, eifriger Tröstungen, die er an Mutter und Schwester richtete, aufhören möchte, ergriff die Hände der beiden Frauen und blickte fast zwei Minuten lang schweigend bald die Mutter, bald die Schwester an. Die Mutter erschrak vor seinem Blicke. In diesem Blicke lag grenzenlose Liebe, aber zugleich etwas Starres, das an Irrsinn streifte. Pulcheria Alexandrowna brach in Tränen aus.

Awdotja Romanowna war blaß; ihre Hand zitterte in der des Bruders.

»Geht mit ihm nach eurer Wohnung«, sagte er abgebrochen und zeigte auf Rasumichin. »Bis morgen; morgen wird alles . . . Seid ihr schon lange da?«

»Heute abend sind wir angekommen, Rodja«, antwortete Pulcheria Alexandrowna. »Der Zug hatte viel Verspätung. Aber ich verlasse dich jetzt um keinen Preis, Rodja. Ich bleibe die Nacht hier um dich . . .«

»Quält mich nicht!« sagte er gereizt und mit einer abwehrenden Handbewegung.

»Ich, ich werde bei ihm bleiben!« rief Rasumichin. »Ich werde ihn keinen Augenblick allein lassen. Meine Gäste bei mir zu Hause kann alle der Kuckuck holen! Sollen sie meinetwegen die Wände hoch gehen! Mein Onkel kann da die Honneurs machen!«

»Wie soll ich Ihnen nur danken . . .«, fing Pulcheria Alexandrowna an und drückte Rasumichin von neuem die Hand; aber Raskolnikow unterbrach sie.

»Ich kann nicht, ich kann nicht!« sagte er in nervöser Erregung. »Quält mich nicht! Laßt es nun genug sein, geht weg . . . Ich kann nicht! . . .«

»Wir wollen gehen, Mama; wenigstens für einen Augenblick wollen wir aus dem Zimmer hinausgehen!« flüsterte die erschrockene Dunja. »Wir schaden ihm; das ist doch klar.«

»Aber soll ich ihn denn wirklich nicht eine Weile mehr ansehen dürfen, nach drei langen Jahren der Trennung!« rief Pulcheria Alexandrowna unter Tränen.

Jedoch Raskolnikow hielt sie wieder zurück: »Wartet! Ihr unterbrecht mich immer, und dann verwirren sich bei mir die Gedanken . . . Habt ihr Lushin gesehen?«

»Nein, Rodja, aber er weiß schon, daß wir angekommen sind. Wir haben gehört, Rodja, daß Pjotr Petrowitsch so freundlich war, dich heute zu besuchen«, fügte Pulcheria Alexandrowna einigermaßen verlegen hinzu.

»Ja, . . . er war so freundlich! . . . Dunja, ich habe heute zu diesem Lushin gesagt, ich würde ihn die Treppe hinunterwerfen, und habe ihn zum Teufel gejagt . . .«

»Rodja, was redest du! Du willst doch nicht sagen . . .«, fing Pulcheria Alexandrowna erschrocken an; aber ein Blick auf Dunja ließ sie verstummen.

Dunja sah ihren Bruder aufmerksam an und wartete, was noch weiter kommen werde. Die beiden Frauen waren bereits durch Nastasja von dem Streite benachrichtigt worden, soweit diese etwas davon hatte begreifen können und wiederzugeben vermochte, und hatten in Ungewißheit und Erwartung die größte Pein erduldet.

»Dunja«, sprach Raskolnikow mit Anstrengung weiter, »ich wünsche diese Heirat nicht, und darum mußt du morgen Herrn Lushin gleich beim ersten Worte eine Absage geben, damit wir von ihm nichts mehr sehen und hören.«

»Mein Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna.

»Aber Bruder, bedenke doch, was du da sprichst!« begann Dunja aufbrausend; indes sie beherrschte sich sofort wieder. »Du bist vielleicht jetzt nicht imstande, das ordentlich zu überlegen; du bist müde«, sagte sie sanft.

»Du meinst wohl gar, daß ich im Fieber rede? Nein . . . Du willst Lushin um meinetwillen heiraten. Aber ich nehme dieses Opfer nicht an. Und darum schreibe morgen einen Brief . . . mit der Absage . . . Gib ihn mir morgen früh zum Durchlesen, und dann ist die Sache zu Ende.«

»Das kann ich nicht tun!« rief das junge Mädchen gekränkt. »Mit welchem Rechte . . .«

»Dunjetschka, auch du wirst zu heftig; hör auf; morgen . . . Siehst du denn nicht . . .«, rief die erschrockene Mutter und stürzte zu Dunja hin. »Ach, es ist wohl das beste, wir gehen!«

»Er redet im Fieber!« schrie der angetrunkene Rasumichin. »Sonst würde er sich nicht erdreisten, so zu sprechen! Morgen werden all diese dummen Gedanken verflogen sein. Aber daß er ihn heute hinausgejagt hat, ist Tatsache. Das hat sich wirklich so abgespielt. Na, und der wurde schön wütend! . . . Er hat hier große Reden gehalten, wollte uns mit seinen Kenntnissen imponieren; zuletzt mußte er aber doch mit eingekniffenem Schwanze abziehen.«

»Also das ist wahr?« rief Pulcheria Alexandrowna.

»Bis morgen, Bruder«, sagte Dunja mitleidig. »Wir wollen gehen, Mama! . . . Auf Wiedersehen, Rodja!«

»Hörst du wohl, Schwester«, rief er ihr nach, indem er seine letzten Kräfte zusammennahm, »ich rede nicht im Fieber; diese Heirat ist eine Gemeinheit. Und mag ich ein Schuft sein; aber du sollst nicht . . . genug, daß einer . . . und wenn ich auch ein Schuft bin, aber so eine Schwester werde ich nicht als Schwester anerkennen. Entweder ich oder Lushin! Nun geht . . .«

»Du bist wohl verrückt geworden, du Tyrann du!« brüllte Rasumichin.

Aber Raskolnikow antwortete nicht mehr und hatte vielleicht auch nicht die Kraft dazu. Er streckte sich auf dem Sofa lang aus und wendete sich völlig erschöpft nach der Wand. Awdotja Romanowna blickte mit lebhaftem Interesse Rasumichin an; ihre schwarzen Augen glänzten; Rasumichin zuckte unter diesem Blicke ordentlich zusammen. Pulcheria Alexandrowna stand wie versteinert da.

»Ich kann unter keinen Umständen weggehen!« flüsterte sie ganz verzweifelt Rasumichin zu. »Ich bleibe hier, es wird sich schon irgendein Plätzchen für mich finden . . . Begleiten Sie meine Tochter nach Hause.«

»Sie werden damit alles verderben«, erwiderte, gleichfalls flüsternd, Rasumichin in größter Erregung. »Kommen Sie wenigstens hinaus auf die Treppe. Nastasja, leuchte uns! Ich versichere Ihnen«, fuhr er immer noch mit leiser Stimme fort, als sie bereits auf der Treppe waren, »er hätte heute mich und den Arzt beinahe geprügelt! Verstehen Sie wohl? Sogar den Arzt! Und der tat ihm den Willen, um ihn nicht zu reizen, und ging fort; und ich blieb unten, um auf ihn aufzupassen; aber er kleidete sich an und ging mir davon. Er wird uns auch jetzt davongehen, wenn Sie ihn reizen, mitten in der Nacht, und dann tut er sich womöglich etwas an . . .«

»Um Gottes willen, was sagen Sie da!«

»Ja, und dann kann auch Awdotja Romanowna unmöglich in diesem Hotel garni ohne Sie allein bleiben. Bedenken Sie nur, was das für ein Haus ist, in dem Sie da eingekehrt sind! Dieser Schuft, der Pjotr Petrowitsch, hätte Ihnen doch auch eine bessere Wohnung . . . Aber, wissen Sie, ich bin ein bißchen betrunken, und darum kam mir ein Schimpfwort in den Mund; lassen Sie es unbeachtet . . .«

»Ich möchte hier zu der Wirtin gehen«, entgegnete Pulcheria Alexandrowna, die sich von ihrer Absicht noch nicht abbringen ließ, »und sie bitten, mir und meiner Tochter ein Plätzchen für diese Nacht einzuräumen. Aber ihn so verlassen, das kann ich nicht, das kann ich nicht!«

Während dieses Gesprächs standen sie auf dem Treppenflur dicht vor der Tür zur Wohnung der Wirtin. Nastasja stand schon auf einer tieferen Stufe und leuchtete ihnen. Rasumichin befand sich in großer Aufregung. Noch vor einer halben Stunde, als er Raskolnikow nach Hause begleitete, hatte er zwar eine übermäßige Geschwätzigkeit bewiesen, deren er sich übrigens selbst bewußt gewesen war, war aber dabei doch völlig frisch und munter gewesen, trotz der gewaltigen Menge Alkohol, die er an diesem Abend zu sich genommen hatte. Jetzt aber war er in eine Art von Verzückung geraten, und gleichzeitig schien der getrunkene Branntwein ihm plötzlich von neuem und mit verdoppelter Kraft in den Kopf gestiegen zu sein. Er stand mit den beiden Damen da, hatte sie beide an den Händen gefaßt, suchte sie eifrig zu überreden und entwickelte ihnen seine Gründe mit erstaunlicher Offenherzigkeit; wahrscheinlich um sie besser zu überzeugen, preßte er ihnen beiden bei jedem Worte die Hände wie in einem Schraubstocke schmerzhaft zusammen; dabei verschlang er Awdotja Romanowna geradezu mit den Augen, ohne sich im geringsten Zwang aufzuerlegen. Vor Schmerz versuchten sie ab und zu, ihre Hände aus seinen gewaltigen, knochigen Tatzen herauszureißen; aber er merkte gar nicht, wie es damit stand, sondern zog sie nur immer fester zu sich heran. Hätten sie ihn aufgefordert, sich ihnen zu Gefallen kopfüber die Treppe hinabzustürzen, so hätte er es sofort getan, ohne Überlegen und ohne Zaudern. Pulcheria Alexandrowna, die durch die Sorge um ihren Rodja in größter Unruhe war, hatte zwar die Empfindung, daß der junge Mann sich etwas exzentrisch benehme und ihr gar zu schmerzhaft die Hand drücke; aber da er gleichzeitig für sie eine Art von hilfreichem Engel war, so wollte sie all diese kleinen Übertreibungen nicht weiter beachten. Dem jungen Mädchen aber fielen, obgleich sie von derselben Unruhe erfüllt war, die von einem wilden Feuer funkelnden Blicke des Freundes ihres Bruders gar sehr auf, und obgleich sie nicht von schreckhaftem Charakter war, versetzten sie sie in Verlegenheit, ja fast in Furcht, und nur das unbegrenzte Vertrauen, welches Nastasjas Erzählungen ihr zu diesem sonderbaren Menschen eingeflößt hatten, hielt sie davon ab, wegzulaufen und ihre Mutter mit fortzuziehen. Auch sagte sie sich, daß es augenblicklich vielleicht geradezu unmöglich sei, ihm wegzulaufen. Zehn Minuten darauf hatte sie sich aber bereits erheblich beruhigt. Es war eine Eigenheit Rasumichins, in welchem Zustande er sich auch befinden mochte, sein ganzes Wesen in kürzester Zeit rückhaltlos aufzudecken, so daß ein jeder baldigst wußte, mit wem er es zu tun hatte.

»Zu der Wirtin können Sie unmöglich; das ist ein ganz verdrehter Gedanke!« rief er in dem eifrigen Bemühen, Pulcheria Alexandrowna zu überzeugen. »Sie sind zwar seine Mutter; aber trotzdem wird ihn Ihr Hierbleiben rasend machen, und was dann daraus wird, das mag der Teufel wissen! Also hören Sie mal, was ich tun will: jetzt bleibt Nastasja bei ihm sitzen, und ich begleite Sie beide nach Ihrer Wohnung; denn allein können Sie nicht auf die Straße; bei uns in Petersburg ist es in dieser Hinsicht . . . Na, schweigen wir davon! . . . Dann laufe ich von Ihnen sofort wieder hierher zurück und bringe Ihnen nach einer Viertelstunde (Ehrenwort!) genauen Bericht: wie es ihm geht, ob er schläft oder nicht usw. Darauf, hören Sie nur zu, darauf laufe ich von Ihnen flink zu mir nach Hause; da habe ich Gäste sitzen, die sind alle betrunken; da bemächtige ich mich Sossimows – das ist der Arzt, der ihn behandelt, der sitzt jetzt auch bei mir; der ist aber nicht betrunken, der betrinkt sich nie! Den schleppe ich zu Rodja, und dann komme ich sofort wieder zu Ihnen; mithin bekommen Sie binnen einer Stunde zwei Berichte über ihn, und zwar den einen vom Arzte, verstehen Sie wohl! vom Arzte selbst; das ist eine ganz andre Sache als bloß von mir! Sollte es schlimm stehen, so schwöre ich Ihnen, ich bringe Sie wieder hierher; wenn es aber gut geht, nun, dann legen Sie sich ruhig schlafen. Ich für meine Person aber werde die ganze Nacht hier zubringen, auf dem Flur; davon wird Rodja nichts hören; und was Sossimow anlangt, so werde ich anordnen, daß er in der Wohnung der Wirtin übernachtet, damit wir ihn zur Hand haben. Na, was ist für ihn jetzt besser: Sie oder der Arzt? Der Arzt ist doch nützlicher, entschieden nützlicher. Na, also gehen Sie nun nach Hause! Bei der Wirtin können Sie nicht bleiben; ich könnte es wohl; aber Sie können es nicht: sie würde Sie gar nicht hereinlassen, weil sie . . . nun, weil sie eben eine Närrin ist . . . Nämlich, wenn Sie den Grund wissen wollen: sie hat mich sehr in ihr Herz geschlossen und würde sofort auf Awdotja Romanowna eifersüchtig werden, und auf Sie auch . . . Auf Awdotja Romanowna aber ganz bestimmt. Sie hat einen unberechenbaren Charakter, aber auch ganz unberechenbar! Ich bin übrigens auch ein Narr . . . Na. darauf kommt es nicht an. Kommen Sie! Haben Sie zu mir Vertrauen? Na, sagen Sie: ja oder nein?«

»Kommen Sie, Mama«, sagte Awdotja Romanowna, »er wird gewiß tun, was er versprochen hat. Er hat unserm Rodja schon einmal das Leben gerettet, und wenn sich der Arzt wirklich bereit findet, hier zu übernachten, so ist das doch gewiß das allerbeste.«

»Sehen Sie wohl, sehen Sie wohl, . . . Sie, ja Sie verstehen mich, weil Sie ein Engel sind!« rief Rasumichin in höchstem Entzücken. »Machen wir uns also auf den Weg! Nastasja, geh flink nach oben und bleib da bei ihm sitzen, mit dem Lichte; in einer Viertelstunde bin ich auch wieder da . . .«

Obwohl Pulcheria Alexandrowna noch nicht vollständig überzeugt war, so widersetzte sie sich doch nicht länger. Rasumichin gab jeder von ihnen einen Arm und zog sie die Treppe hinunter. Indessen hatte die Mutter in bezug auf ihn doch noch eine Sorge: ›Er ist ja ein geschickter und braver Mensch; wird er aber auch imstande sein, sein Versprechen auszuführen? Bei dem Zustande, in dem er sich befindet!‹

»Ich merke, Sie haben Bedenken wegen meines Zustandes!« unterbrach Rasumichin ihre Gedanken, die er erraten hatte, und ging dabei mit seinen gewaltigen Schritten auf dem Trottoir so schnell vorwärts, daß die beiden Damen kaum mitkommen konnten, was er übrigens gar nicht beachtete. »Dummes Zeug! Das heißt, ich meine: betrunken bin ich ja wie ein Affe; aber das ist ganz egal; meine Betrunkenheit rührt nicht vom Schnaps her. Sondern sowie ich Sie erblickte, da stieg mir auf einmal etwas in den Kopf . . . Aber kümmern Sie sich um mich weiter gar nicht! Achten Sie nicht auf mich: ich schwatze lauter Unsinn zusammen; ich bin Ihrer unwürdig . . . Ich bin Ihrer im höchsten Grade unwürdig! Sobald ich Sie nach Hause gebracht habe, gieße ich mir gleich hier am Kanal zwei Eimer Wasser über den Kopf; dann bin ich wieder in Ordnung . . . Wenn Sie nur wüßten, wie sehr ich Sie beide liebe! . . . Lachen Sie nicht, und seien Sie nicht böse! . . . Seien Sie auf alle Menschen böse, bloß nicht auf mich! Ich bin Rodjas Freund, folglich bin ich auch Ihr Freund. Ich möchte so gern . . . Ich habe es schon vorher geahnt, . . . schon im vorigen Jahre hatte ich einmal so einen Augenblick . . . Übrigens habe ich gar nichts geahnt; denn Sie sind ja ganz plötzlich wie vom Himmel heruntergefallen. Ich werde vielleicht die ganze Nacht nicht schlafen können . . . Dieser Sossimow fürchtete heute, Rodja könnte den Verstand verlieren. Darum darf man ihn nicht reizen . . .«

»Was sagen Sie da!« rief die Mutter.

»Hat der Arzt das wirklich so gesagt?« fragte Awdotja Romanowna erschrocken.

»Gesagt hat er es; aber es ist nicht an dem, ganz und gar nicht. Er hat ihm auch so eine Medizin gegeben, ein Pulver; ich habe es selbst gesehen. Und nun sind Sie auf einmal gekommen . . . Ach . . . Sie hätten lieber erst morgen kommen sollen! Nur gut, daß wir weggegangen sind. In einer Stunde wird Ihnen Sossimow selbst über alles Rapport erstatten. Ja, der ist nie betrunken! Und ich werde mich auch nicht mehr betrinken . . . Und wie ist das gekommen, daß ich mich so beduselt habe? Das ist daher gekommen, weil sie mich in eine Debatte hineingezogen haben, die verdammten Kerle! Und ich hatte mir selbst ein eidliches Versprechen gegeben, nie mehr zu debattieren!

. . . Aber was schwafelten die Menschen für einen Blödsinn zusammen! Am liebsten hätte ich auf sie losgeprügelt! Ich habe meinen Onkel dagelassen; der kann den Hausherrn spielen . . . Na, können Sie das glauben: sie verlangen, man solle sich seiner persönlichen Eigenheiten völlig entäußern, und darin finden sie ihr Ideal! Nur ja nicht man selbst sein, nur möglichst wenig individuell sein! Und das halten sie für das höchste Ziel fortschrittlicher Entwicklung. Und wenn ihr unsinniges Geschwätz wenigstens etwas Eigenes hätte; aber . . .«

»Gestatten Sie . . .«, unterbrach ihn Pulcheria Alexandrowna schüchtern. Aber dadurch kam er nur noch mehr in Harnisch.

»Ja, was meinen Sie denn?« schrie Rasumichin noch lauter. »Meinen Sie etwa, ich ereifere mich darüber, daß die Kerle Unsinn reden? Dummes Zeug! Ich habe das sogar ganz gern, wenn die Leute Unsinn reden! Das Unsinnreden ist das einzige Privilegium, das der Mensch vor allen übrigen organischen Wesen hat. Wer Unsinn redet, der gelangt zur Wahrheit! Daß ich Unsinn rede, das macht mich erst recht eigentlich zum Menschen. Zu keiner einzigen Wahrheit ist man gelangt, ohne daß man vorher vierzehnmal, vielleicht auch hundertvierzehnmal Unsinn geredet hätte, und das ist etwas sehr Achtbares, wenn es in individueller Weise geschieht; na, aber wir verstehen nicht einmal, mit unserm eigenen Verstande Unsinn zu reden. Rede Unsinn, aber tue es auf deine eigene Art, und ich gebe dir einen Kuß dafür. Auf seine eigne Art Unsinn zu reden, das ist sogar beinah besser, als nach allgemeinem Schema und nach fremdem Muster die Wahrheit zu reden; im ersten Falle ist man ein Mensch, im zweiten nur ein Papagei. Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen; wohl aber kann man durch jenen törichten Verzicht auf Individualität sich selbst das Leben verderben; dafür fehlt es nicht an Beispielen. Na, was sind wir denn jetzt? In bezug auf Wissenschaft, Fortschritt, Denken, Erfindungsgabe, Ideale, Bestrebungen, Liberalismus, Vernunft, Erfahrung und alles, alles, alles, alles, alles sitzen wir alle ohne Ausnahme gleichsam noch in der untersten Vorbereitungsklasse des Gymnasiums! Wir haben Gefallen daran gefunden, uns mit fremder Weisheit zu behelfen; wir haben uns daran gewöhnt! Ist es nicht so? Habe ich nicht recht?« rief Rasumichin, indem er die Hände der beiden Damen kräftig schüttelte und drückte. »Habe ich nicht recht?«

»O mein Gott, ich weiß es nicht«, sagte die arme Pulcheria Alexandrowna.

»Jawohl, jawohl, . . . obgleich ich nicht in allen Punkten mit Ihnen derselben Ansicht bin«, erwiderte Awdotja Romanowna ganz ernsthaft, stieß aber gleich darauf einen Schrei aus, so heftig hatte er diesmal ihre Hand zusammengepreßt.

»Ja? Sie sagen ja? Nun, dann . . . dann . . . dann sind Sie . . .«, rief er ganz begeistert, »dann sind Sie ein Ideal von Seelengüte, Reinheit, Vernunft und . . . Vollkommenheit! Geben Sie mir Ihre Hand, ich bitte darum, . . . und geben auch Sie mir die Ihrige; ich möchte Ihnen die Hände küssen, hier, gleich jetzt, auf den Knien!«

Mitten auf dem Trottoir, das zum Glück gerade menschenleer war, fiel er auf die Knie.

»Aber lassen Sie das doch, ich bitte Sie, was tun Sie denn!« rief Pulcheria Alexandrowna ganz bestürzt.

»Stehen Sie doch auf, stehen Sie doch auf!« sagte Awdotja Romanowna lachend, aber gleichfalls beunruhigt.

»Um keinen Preis, ehe Sie mir nicht Ihre Hände gegeben haben! So, so ist es recht, und nun genug, nun stehe ich auf, und wir wollen weitergehen! Ich bin ein unglücklicher Tölpel, ich bin Ihrer unwürdig, und ich bin betrunken und schäme mich . . . Sie zu lieben, bin ich nicht würdig; aber vor Ihnen die Knie zu beugen, das ist die Pflicht eines jeden, der nicht geradezu ein Stück Vieh ist! Und darum habe ich vor Ihnen die Knie gebeugt . . . Da ist auch Ihr Hotel garni, und schon aus diesem Grunde allein war Rodja durchaus im Rechte, als er heute Ihren Pjotr Petrowitsch hinauswarf! Wie konnte der Mensch es wagen, Sie in einem solchen Hause unterzubringen! Das ist ja ein Skandal! Wissen Sie wohl, an was für Personen da Zimmer abgegeben werden? Und Sie sind doch seine Braut! Sie sind doch seine Braut, nicht wahr? Na, dann sage ich Ihnen also, daß Ihr Bräutigam, wenn er so handelt, ein Schuft ist!«

»Erlauben Sie, Herr Rasumichin, Sie vergessen . . .«, begann Pulcheria Alexandrowna.

»,Ja, ja, Sie haben ganz recht, ich habe mich vergessen, ich schäme mich!« rief Rasumichin, seine Übereilung erkennend. »Aber . . . aber . . . Sie können mir nicht böse deswegen sein, weil ich so rede! Denn ich rede so, weil ich es wirklich so meine, und nicht etwa, weil . . . hm, das wäre ja gemein; mit einem Worte: nicht etwa, weil ich in Sie . . . hm! . . . na, lassen wir das; ich darf nicht; ich will nicht sagen, warum; ich wage es nicht! . . . Aber wir hatten heute, als er zu Rodja kam, alle das Gefühl, daß dieser Mensch nicht in unsern Kreis paßt. Nicht weil er sich das Haar vom Friseur hatte kräuseln lassen, nicht weil er es so eilig hatte, seinen Verstand zur Schau zu stellen, sondern weil er ein Aushorcher und Spekulant ist, ein Gauner; und das liegt auf der Hand. Meinen Sie, daß er klug ist? Nein, ein Dummkopf ist er, ein Dummkopf! Na, ist das etwa ein Mann für Sie? Ach, du mein Gott! Sehen Sie, meine Damen« (er blieb plötzlich auf der Treppe zu dem Hotel garni, die sie schon hinaufgingen, stehen), »wenn die Leute da in meiner Wohnung auch alle betrunken sind, aber ehrenhaft sind sie alle; und wenn wir auch Unsinn reden (denn ich rede auch Unsinn), so werden wir durch unser Unsinnreden schließlich doch zur Wahrheit hindurchdringen, weil wir auf einem anständigen Wege gehen; aber Pjotr Petrowitsch . . . der geht nicht auf einem anständigen Wege. Und obwohl ich eben gehörig auf sie geschimpft habe, so habe ich doch vor ihnen allen Achtung; und sogar was diesen Sametow betrifft, Achtung habe ich allerdings nicht vor ihm, aber ich habe ihn ganz gern, denn er ist noch wie ein junger Hund! Sogar vor diesem Vieh, dem Sossimow, habe ich Achtung, weil er ein ehrenhafter Mensch ist und seine Sache versteht. Aber genug, nun habe ich mir alles vom Herzen gesprochen, und ich hoffe, Sie haben mir nichts übelgenommen. Haben Sie mir auch nichts übelgenommen? Wirklich nicht? Nun, dann kommen Sie! Ich kenne diesen Korridor; ich bin schon mal hier gewesen; hier in Nummer drei war eine arge Skandalgeschichte . . . Nun, wo ist Ihr Zimmer? Was haben Sie für eine Nummer? Acht? Na, dann schließen Sie nur für die Nacht zu, und lassen Sie niemand herein. In einer Viertelstunde komme ich wieder und bringe Bericht, und dann wieder nach einer halben Stunde komme ich mit Sossimow, Sie werden sehen! Nun adieu! Ich werde mich beeilen!«

»Mein Gott, Dunjetschka, was wird aus all dem noch werden?« sagte Pulcheria Alexandrowna voll Angst und Unruhe zu ihrer Tochter.

»Beruhigen Sie sich, liebe Mama«, antwortete Dunja, während sie Hut und Mantille ablegte. »Diesen Herrn hat uns Gott selbst gesandt, obwohl er geradeswegs von einer Zecherei kommt. Man kann sich auf ihn verlassen; das ist meine feste Überzeugung. Und was er alles schon für Rodja getan hat . . .«

»Ach, Dunjetschka, Gott weiß, ob er wieder herkommen wird! Wie habe ich es nur fertigbringen können, Rodja allein zu lassen! . . . Daß ich ihn so wiederfinden würde, habe ich mir ja nicht träumen lassen! Wie finster er war, gerade als ob er sich über unsre Ankunft gar nicht freute . . .«

Die Tränen kamen ihr in die Augen.

»Nein, das ist nicht richtig, liebe Mama; Sie haben ihn nur nicht ordentlich sehen können; Sie haben ja immerzu geweint. Die schwere Krankheit hat ihn zu sehr heruntergebracht; das ist der ganze Grund.«

»Ach, diese Krankheit! Was nur daraus noch werden soll! Und wie er mit dir gesprochen hat, Dunja!« sagte die Mutter und blickte dabei ihrer Tochter schüchtern ins Gesicht, um ihre Gedanken dort abzulesen; indes war sie dadurch, daß Dunja soeben ihren Bruder in Schutz genommen hatte, schon halb getröstet; denn danach zu urteilen, mußte sie ihm doch verziehen haben. »Ich bin überzeugt, daß er morgen anders darüber denken wird«, fügte sie hinzu, um die Tochter vollends auszuforschen.

»Ich meinerseits bin überzeugt, daß er morgen ganz ebenso darüber reden wird«, erwiderte Awdotja Romanowna.

Hiermit schloß dieses Gespräch, weil das ein Punkt war, vor dessen näherer Erörterung der Mutter jetzt gar zu bange war. Dunja trat zu ihr hin und küßte sie. Diese schlang, ohne weiter ein Wort zu sagen, ihre Arme innig um die Tochter. Dann setzte sie sich hin, wartete unruhig auf Rasumichins Rückkehr und verfolgte schüchtern mit den Augen die Tochter, die, gleichfalls wartend, die Arme über der Brust verschränkt, tief in Gedanken versunken im Zimmer auf und ab ging. Dieses nachdenkliche Hin- und Hergehen von einer Ecke nach der andern war schon von jeher Dunjas Gewohnheit gewesen, und die Mutter scheute dann immer, sie in ihren Überlegungen zu stören.

Rasumichin machte ja natürlich eine komische Figur mit seiner so plötzlich in der Trunkenheit entbrannten Leidenschaft für Awdotja Romanowna; aber wer sie ansah, namentlich jetzt, wo sie mit verschränkten Armen traurig und nachdenklich im Zimmer auf und ab ging, der konnte seinen Affekt, auch abgesehen von seinem exaltierten Zustande, recht wohl entschuldbar finden. Awdotja Romanowna war eine außerordentlich schöne Erscheinung, von hohem Wuchs und wundervoller Figur, kräftig und selbstbewußt, was in jeder ihrer Bewegungen zum Ausdruck kam, ohne jedoch der Weichheit und Anmut derselben im geringsten abträglich zu sein. Im Gesicht hatte sie mit ihrem Bruder Ähnlichkeit; aber man konnte sie geradezu eine Schönheit nennen. Ihr Haar war dunkelblond, etwas heller als das des Bruders; die Augen waren fast schwarz, glänzend, stolzblickend, hatten aber dabei doch zeitweilig etwas überaus Freundliches. Sie war blaß, aber diese Blässe hatte nichts Kränkliches; ihr Gesicht strahlte vielmehr von Frische und Gesundheit. Ihr Mund war etwas klein; die frische, rote Unterlippe stand ein ganz klein wenig zu weit vor, ebenso wie das Kinn – die einzige Unregelmäßigkeit in diesem schönen Gesichte, die ihm aber den Ausdruck besonderer Charakterfestigkeit, ja sogar einen Anschein von Hochmut verlieh. Ihre Mienen waren gewöhnlich mehr nachdenklich und ernst als heiter; aber wie schön stand dafür auch diesem Gesichte ein gelegentliches Lächeln, ein frohes, jugendliches, sorgloses Lachen! Kein Wunder, daß der feurige, offenherzige, schlichte, ehrliche, hünenhafte und betrunkene Rasumichin, der noch nie etwas Ähnliches gesehen hatte, gleich beim ersten Blicke den Kopf verlor. Dazu kam noch, daß ihm der Zufall wie mit besondrer Absicht Awdotja Romanowna zuerst in dem schönen Augenblicke zeigte, da sie von der Liebe zum Bruder und von der Freude über das Wiedersehen mit ihm verklärt war. Später sah er dann, wie bei den herrischen, schroffen Forderungen des Bruders ihre Unterlippe vor Unwillen bebte – und er konnte nicht widerstehen.

Er hatte übrigens die Wahrheit gesagt, als er vorher in seiner Betrunkenheit auf der Treppe damit herausgeplatzt war, daß Raskolnikows überspannte Wirtin, Praskowja Pawlowna, nicht nur auf Awdotja Romanowna, sondern womöglich auch auf Pulcheria Alexandrowna eifersüchtig werden würde, in der Besorgnis, eine von ihnen könne ihr den neuen Verehrer abspenstig machen. Obwohl Pulcheria Alexandrowna bereits dreiundvierzig Jahre alt war, hatte ihr Gesicht immer noch Spuren ihrer früheren Schönheit bewahrt, und außerdem schien sie weit jünger, als sie wirklich war, wie das der Regel nach bei Frauen der Fall ist, die sich die Heiterkeit der Seele, die Frische der Empfindung und die ehrliche, reine Wärme des Herzens bis ins Alter hinein bewahren. Wir wollen in Parenthese bemerken, daß die Erhaltung all dieser seelischen Eigenschaften eben das einzige Mittel ist, um sich die Schönheit sogar bis ins Alter hinüberzuretten. Ihr Haar fing bereits an zu ergrauen und dünner zu werden; kleine, strahlenförmige Fältchen hatten sich schon längst um die Augen herum gebildet; die Wangen waren infolge von Sorgen und Kummer eingesunken und zusammengetrocknet; aber trotz alledem war dieses Gesicht schön. Es war ein Ebenbild von Awdotja Romanownas Gesicht, nur zwanzig Jahre älter und ohne das Charakteristische der Unterlippe, die bei der Mutter nicht so hervorstand. Pulcheria Alexandrowna war feinfühlend, aber nicht bis zur Süßlichkeit; sie war schüchtern und nachgiebig, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze: sie konnte in vielem nachgeben, sich in vieles fügen, sogar wo es gegen ihre Überzeugung ging; aber dabei blieb doch immer eine Grenzlinie der Ehrenhaftigkeit, der moralischen Grundsätze und der innersten Überzeugungen bestehen, zu deren Überschreitung keinerlei Verhältnisse sie veranlassen konnten.

Genau zwanzig Minuten nach Rasumichins Weggehen hörten die Frauen, daß jemand mit dem Finger zweimal leise, aber hastig an die Tür pochte; er war zurückgekehrt.

»Ich komme nicht herein, ich habe keine Zeit!« sagte er eilig, als ihm geöffnet worden war. »Er schläft wie ein Bär, fest und ruhig; Gott gebe, daß er zehn Stunden so durchschläft. Nastasja ist bei ihm; ich habe ihr befohlen, nicht eher wegzugehen, als bis ich wieder da bin. Jetzt will ich Sossimow hinschleppen; er wird Ihnen Rapport erstatten, und dann legen Sie sich auch schlafen; ich sehe ja, daß Sie vollständig erschöpft sind . . .«

Damit lief er von ihnen weg den Korridor entlang.

»Was für ein gewandter und gefälliger junger Mann!« rief Pulcheria Alexandrowna hocherfreut.

»Ja, er scheint ein prächtiger Mensch zu sein«, antwortete Awdotja Romanowna mit besonderer Wärme und begann wieder im Zimmer hin und her zu gehen.

Fast eine Stunde später wurden Schritte auf dem Korridor vernehmbar, und es wurde wieder an die Tür geklopft. Die beiden Frauen hatten diesmal die Wartezeit in vollem Vertrauen auf Rasumichins Versprechen ausgehalten; und er brachte auch wirklich Sossimow mit herbeigeschleppt. Sossimow hatte sich ohne weiteres bereit finden lassen, das Zechgelage zu verlassen und bei Raskolnikow einen ärztlichen Besuch zu machen; aber zu den Damen war er nur ungern und mit großem Mißtrauen mitgekommen, da er den Angaben des betrunkenen Rasumichin nicht recht geglaubt hatte. Aber er fühlte sich in seiner Eigenliebe sogleich beruhigt und sogar geschmeichelt, als er sah, daß man auf ihn wirklich wie auf einen Orakelgott gewartet hatte. Er blieb nur zehn Minuten sitzen, und es gelang ihm in dieser Zeit, Pulcheria Alexandrowna vollständig von seiner Ansicht zu überzeugen und zu beruhigen. Er sprach mit großer Teilnahme, aber sehr gemessen und in geflissentlich ernstem Tone, ganz wie es sich für einen siebenundzwanzigjährigen Arzt bei einer wichtigen Konsultation schickt; mit keinem Worte schweifte er von dem Gegenstande ab und ließ nicht den leisesten Wunsch durchblicken, mit den beiden Damen in mehr persönliche und private Beziehungen zu treten. Als er gleich beim Eintritt bemerkt hatte, wie blendend schön Awdotja Romanowna war, gab er sich Mühe, sie während der ganzen Dauer seines Besuchs überhaupt nicht zu beachten, sondern sich ausschließlich an Pulcheria Alexandrowna zu wenden. Dies alles gewährte ihm eine ganz besondere innere Befriedigung. Was den Kranken anlangte, so erklärte er, daß er ihn augenblicklich in sehr befriedigendem Zustande gefunden habe. Nach seinen Beobachtungen habe die Krankheit des Patienten, außer der üblen materiellen Lage desselben in den letzten Monaten, noch einige seelische Ursachen; sie sei sozusagen das Produkt vieler ineinandergreifender seelischer und materieller Einwirkungen, starker Aufregungen, Befürchtungen, Sorgen, gewisser Ideen usw. Da er so beiläufig wahrnahm, daß Awdotja Romanowna hier mit ganz besonderer Aufmerksamkeit zuhörte, verbreitete er sich über dieses Thema etwas ausführlicher. Auf Pulcheria Alexandrownas ängstliche, schüchterne Frage betreffs des früher von ihm geäußerten Verdachtes einer geistigen Störung antwortete er mit ruhigem, offenem Lächeln, man habe da seinen Worten einen übertriebenen Sinn untergelegt; es sei allerdings bei dem Kranken eine Art von fixer Idee wahrnehmbar, eine gewisse Andeutung von Monomanie (er, Sossimow, widme jetzt diesem außerordentlich interessanten Gebiete der Medizin ein besonderes Studium); aber man müsse sich doch den Umstand gegenwärtig halten, daß der Kranke fast bis zum heutigen Tage im Fieber gelegen habe, und . . . und jedenfalls werde nun die Ankunft seiner Angehörigen eine kräftigende Wirkung auf ihn ausüben, ihn zerstreuen und zu seiner Genesung beitragen, vorausgesetzt, daß (wie er bedeutsam hinzufügte) es gelinge, neue außerordentliche Erschütterungen von ihm fernzuhalten. Dann stand er auf und verabschiedete sich ruhig und treuherzig, von den heißen Danksagungen der beiden Frauen begleitet; Awdotja Romanowna streckte ihm sogar ganz von selbst die Hand hin und drückte die seine herzlich. So ging er fort, sehr zufrieden mit seinem Besuche und noch mehr mit sich selbst.

»Morgen reden wir darüber weiter; jetzt legen Sie sich jedenfalls hin!« fügte Rasumichin, der mit Sossimow zusammen wegging, ermahnend hinzu. »Morgen, so früh wie möglich, bin ich mit einem Rapport bei Ihnen.«

»Aber was ist diese Awdotja Romanowna für ein scharmantes Mädchen!« bemerkte Sossimow, sich die Lippen leckend, als sie beide auf die Straße traten.

»Scharmant? Du hast gesagt: scharmant!« brüllte Rasumichin, stürzte sich plötzlich auf Sossimow und packte ihn an der Gurgel. »Wenn du es noch ein einziges Mal wagst . . . Verstehst du mich? Verstehst du mich?« schrie er, schüttelte ihn am Kragen und drückte ihn gegen die Mauer. »Hast du gehört?«

»Laß mich los, du besoffener Kerl du!« rief Sossimow, sich wehrend. Dann, als der andre ihn losgelassen hatte, blickte er ihn prüfend an und brach auf einmal in schallendes Gelächter aus. Rasumichin stand mit schlaff herabhängenden Armen vor ihm, in ernstem, finsterem Sinnen.

»Natürlich bin ich ein Esel«, sagte er finster wie eine Gewitterwolke, »aber du bist auch einer.«

»Aber nein, Bruder, ich ganz und gar nicht. Ich habe keine solchen dummen Gedanken im Kopfe.«

Sie gingen schweigend weiter, und erst als sie sich der Wohnung Raskolnikows näherten, unterbrach Rasumichin, von Sorge gequält, das Stillschweigen.

»Höre mal«, sagte er zu Sossimow, »du bist ja ein prächtiger Mensch; aber du bist, selbst abgesehen von deinen sonstigen häßlichen Eigenschaften, auch noch ein Liedrian, das weiß ich, und sogar einer von den allerschlimmsten. Du bist ein nervöser, schwächlicher Taugenichts, hast allerlei Kapricen, bist fett geworden und kannst dir nichts versagen; und das nenne ich schon unwürdig, denn es führt geradeswegs zur Unwürdigkeit. Du hast dich so verweichlicht, daß ich, offen gestanden, schlechterdings nicht begreife, wie du dabei doch ein guter und sogar aufopferungsfähiger Arzt sein kannst. Schläft in einem weichen Federbett (ein Hohn auf die ärztliche Wissenschaft!) und steht trotzdem in der Nacht auf, wenn er zu einem Kranken gerufen wird! Nach drei Jahren wirst du nicht mehr um eines Kranken willen aufstehen . . . Na, zum Kuckuck, das gehört ja alles nicht hierher, sondern ich wollte sagen: du schläfst heute in der Wohnung der Wirtin (ich habe meine liebe Not gehabt, sie zu überreden), und ich in der Küche; da habt ihr die beste Gelegenheit, miteinander näher bekannt zu werden! Ich meine nicht das, woran du denkst! Davon kann nicht im entferntesten die Rede sein . . .«

»Ich denke ja auch gar nicht daran.«

»Du wirst an ihr eine schamhafte, schweigsame, schüchterne Frauensperson von einer geradezu verstockten Keuschheit kennenlernen; und trotzdem, wenn ihr einer etwas vorseufzt, so zerschmilzt sie wie Wachs, ja, sie zerschmilzt ordentlich! Befreie mich von ihr, nimm sie mir ab, ich bitte dich um des Teufels willen! Sie ist ein ganz famoses Frauenzimmer! . . . Ich werde es dir vergelten, mit meinem letzten Blutstropfen!«

Sossimow lachte noch toller als vorher.

»Du bist ja ganz aufgeregt! Aber was soll ich denn mit ihr?«

»Ich versichere dir, du wirst nicht viel Umstände damit haben; du brauchst nur irgendeinen beliebigen Quatsch zu reden; du brauchst dich nur neben sie hinzusetzen und zu reden. Und außerdem bist du ja Arzt; da kannst du sie ja an einer beliebigen Krankheit behandeln. Ich schwöre dir, du wirst es nicht bereuen. Sie hat ein Klavier in ihrer Wohnung stehen; ich klimpere ja ein bißchen, wie du weißt; und nun habe ich da so ein kleines Lied, das ich spiele, ein echtes russisches Volkslied: ›Ich vergieße heiße Tränen‹ . . . Sie liebt solche echten Volkslieder – na also, mit dem Liede hat denn auch unser zartes Verhältnis begonnen; aber du bist ja nun gar ein Virtuose auf dem Klavier, ein wahrer Meister, ein zweiter Rubinstein . . . Ich versichere dir, du wirst es nicht bereuen!«

»Aber hast du ihr denn irgendwelche Versprechungen gemacht, wie? Hast du eine formelle Unterschrift gegeben? Hast du ihr etwa die Ehe versprochen?«

»Nichts, nichts, absolut nichts von der Art! Und sie ist überhaupt nicht so eine; da wollte sich dieser Tschebarow an sie heranmachen . . .«

»Na, dann laß sie doch laufen!«

»Ich kann sie nicht so einfach laufen lassen!«

»Warum denn nicht?«

»Na, es geht eben nicht; da ist nicht weiter darüber zu reden! Es liegt da eine Art von elementarer Anziehungskraft vor.«

»Warum hast du sie denn betört?«

»Ich habe sie überhaupt nicht betört; ich habe mich sogar eher selbst betören lassen, in meiner Dummheit; ihr aber wird es sicherlich ganz gleich sein, ob ich ihr Verehrer bin oder du, wenn nur jemand neben ihr sitzt und ihr etwas vorseufzt. Du brauchst nur . . . Ich weiß nicht recht, wie ich dir das klarmachen soll, . . . du brauchst nur . . . Na, ich weiß, du warst doch ein guter Mathematiker und beschäftigst dich noch jetzt damit, . . . na also, fang an, mit ihr die Integralrechnung durchzunehmen; wahrhaftig, ich mache keinen Scherz, ich rede im Ernst, ihr wird das sicherlich ganz gleich sein: sie wird dich ansehen und seufzen, und das wird ihr ein ganzes Jahr hindurch nicht langweilig werden. Ich habe ihr unter anderm sehr lange, mehrere Tage hintereinander, etwas von dem preußischen Herrenhause vorerzählt (denn worüber soll man mit ihr reden?) – sie seufzte nur und schwitzte! Nur von Liebe mußt du nicht sprechen (denn sie ist von einer krampfhaften Zimperlichkeit); aber du mußt so tun, als könntest du es gar nicht übers Herz bringen, fortzugehen – damit ist sie dann ganz zufrieden. Es ist alles bei ihr sehr hübsch eingerichtet; man fühlt sich da ganz wie zu Hause; du kannst da lesen, sitzen, liegen, schreiben . . . Du kannst sie sogar küssen – wenn du es einigermaßen vorsichtig anfängst . . .«

»Ja, aber was habe ich von ihr?«

»Ach, wie soll ich dir das nur auseinandersetzen? Sieh mal: ihr beide paßt ganz vortrefflich zueinander! Ich hatte auch schon vorher an dich gedacht . . . Du wirst dich ja schließlich doch einmal so versorgen! Also kann es dir ja ganz gleich sein, ob früher oder später. Hier findest du so schöne, weiche Federbetten, Bruder – ach! und nicht bloß Federbetten! Hier fühlt sich auch das Herz wohl; hier ist ein wahres Eden, ein ruhiger Ankerplatz, ein stilles Asyl, ein Inbegriff von Pfannkuchen, fetten Fischpasteten, abendlichem Teetrinken, stillen Seufzern und warmen Jacken, behaglichen Plätzen am geheizten Ofen – na, es ist einem, als ob man gestorben wäre und doch gleichzeitig noch lebte, die Vorzüge beider Zustände vereinigt! Na, Bruder, ich habe dir wohl schon zu lange etwas vorgeschwärmt; es ist Zeit zum Schlafengehen! Hör mal: ich pflege in der Nacht manchmal aufzuwachen; na, da will ich dann hingehen und nach ihm sehen. Aber es ist ja weiter nichts mit ihm; dummes Zeug; es ist ja alles gut. Du brauchst dich auch nicht besonders zu inkommodieren; aber wenn du willst, kannst du ja auch gelegentlich einmal nachsehen. Und solltest du etwas bemerken, Fieber zum Beispiel oder Hitze oder so etwas, dann wecke mich gleich. Indes, es ist ja nicht anzunehmen . . .«

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