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Schriften in eigener Sache

Ernst Barlach: Schriften in eigener Sache - Kapitel 6
Quellenangabe
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typemisc
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleSchriften in eigener Sache
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fragmente von weitläufigen Auslassungen

Wer Ohren hat zu hören, riskiert, wenn er den Gebrauch seiner Augen zu gleicher Zeit vernachlässigt, daß ihm etwas eingeredet wird über Dinge, die zu erfassen es zunächst und vor allem der Augen bedarf. Allzuviele wissen nicht, daß, oft wissentlich-gewissenhaft aus der Stille verschieden gearteter Gemütslagen heraus gesehen, die Dinge lebendig werden in der Seele, die sich ihres sehenden Organs bedient, geklärt, – kurz in den eigenen Besitz überführt und nach eigenem Maße gemessen und ergriffen werden. Wenn das, was man allgemein von einer Sache sagt, den Vielen genügt, so wird ihnen ein fremder Besitz aufgedrängt, ein Wert ohne Verlaß und Dauer. Wer möchte aber darauf verzichten, selbst zu wissen, was er in sich bergen und zum Teil seines Ich machen möchte?

Um von meinem Ehrenmal im Dom zu Magdeburg zu sprechen, so war im voraus ein Wort gegen das Wortemachen wohl angebracht. Ich begebe mich somit freiwillig des Anspruchs, mehr zu erstreben, als den Leser zu eigener Urteilsfindung anzuregen und sich für seinen Teil der eifernden Freudigkeit fremder Beeinflussung zu entziehen ...

Wenn ich selbst etwas über das Ehrenmal in Magdeburg beibringe, nehme ich gern den Vorwurf der Nüchternheit hin, sogar unwirksamer Kargheit, die mir in eigener Sache geboten scheint. Es sieht so aus, als ob die äußere Gelassenheit der Gestaltung erkältend wirke, als ob die architektonische Anordnung, eine Rücksicht auf den Standort, ja seine sakrale Haltung, verwirre, als ob das dreiteilige Aufstreben, gegliedert durch die Querbänder einmal der Hände, dann der Kopflinie der unteren Halbfiguren, nicht als Ausdruck unlösbarer Zusammengehörigkeit, als Bändigung von zwei Gegensätzen zur Einheit verstanden werde, – daß Verhängnis und Untergang und, ihnen widerstrebend, das Mahnbild unerschütterter Schicksalsgemeinschaft gewissermaßen als unzulässige Mischung von nicht gleichwertigen Verkörperungen verschiedener innerer Zustände ungern hingenommen würden, – daß die dramatische Spannung plastischen Ausdruck erhalten und also nicht einer Empfänglichkeit genügt, deren unplastischer Aufnahmebereitschaft naturalistisch vortragiert werden muß, dieser Umstand verschlechtert die Aussichten auf Duldung meines Ehrenmals. Denn es ist Spannung und nur äußere Gelassenheit aus architektonischer Notwendigkeit in der Darstellung. Auf einem Gräberfeld erheben sich drei Krieger, das ragende Grabkreuz der vor ihnen Hingesunkenen umringend in der Haltung solcher, die sich behaupten werden. In der Mitte, hochaufgereckt, obwohl am Kopf verwundet, heroisch dem Tod ins Auge blickend, der junge Führer, rechts von ihm, schon tiefer im Bereich des Todes fußend, der ältere Landsturmmann, links von ihm der noch knabenhafte Neuling in dieser Welt der Ungeheuerlichkeit, trotz seiner Zagheit und Unerfahrenheit der Erprobung gewachsen; der Sturm des Kampfes hat die Gestalt des schon skelettierten Soldaten, den Stahlhelm auf dem im Fleisch verfallenen Kopfe, halben Leibes emporgeworfen, und ihn flankieren zwei durch alle Stadien des Schreckens gezwungene, kaum noch dem Leben angehörige Genossen der noch Aufrechten. Wollte man das Ganze symbolisch unterbauen, so müßte man sagen: hier ist auf Not, Tod und Verzweiflung als Gradmesser der wahren Bedeutung unverhohlener Opferbereitschaft hingewiesen. Sie beweisen den Wert der Selbstentäußerung jener Andern.

Ich lehne es ab, darüber zu streiten, ob solche Darstellungen Bestandteile eines Ehrenmals sein dürfen. Ich benötigte sie zur Ganzwerdung eines aller Beschönigung unzugänglichen Geschehens. Die Fürsprecher einer solchen Beschönigung wünschen Gefallen an ihrem Mal zu finden, es soll gefällig sein und freundlich ansprechen; aber erst indem das Gebrochene durch das Ungebrochene überwunden ist, die eine Wirklichkeit sich mit der andern gekreuzt hat, das Vollendete dem Bruchstück übergeordnet worden, ist ein Ganzes geschaffen. Alles Vereinzelte, möge es gefällig oder grausig erscheinen, wäre Fälschung an der Wahrheit.

Den Andern nun, die meine Bändigung der Spannung durch das, was sie vielleicht Starrheit und lebloses vertikales Nebeneinander nennen, unbefriedigt läßt, sei gesagt, daß sie nicht weit genug denken. Die Würde des sakralen Raums besteht auf dem Zwang zum Gleichmaß. Die unleugbare Unbewegtheit der Fassung des Mals wurzelt in der Selbstbezwingung des Künstlers, in der Nötigung zu Übersichtlichkeit und Ruhe, die in Jahrhunderten gewachsen sein muß. Das Gedächtnismal sollte nicht nur einer Generation genügen. Den Stolz dieses Selbstvertrauens mag man mir vorwerfen, kann ihn aber nicht beugen.

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