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Schön Lisbeth

Frances Hodgson Burnett: Schön Lisbeth - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFrances Hodgson Burnett
titleSchön Lisbeth
publisherGreßner & Schramm
yearo.J.
translatorWalter Eichner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140623
projectida588876d
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Siebentes Kapitel. Frauenwitz

Auf diese Weise wuchs eine Freundschaft heran, die sich im Verlauf der Zeit zu einer sehr engen gestaltete. Colonel Esmonds Haus war ein reich ausgestattetes, gemütliches Haus, und einem Lieblinge von Georgy erschlossen sich aller Herzen.

Demzufolge hatte Lisbeth ihr Eckchen in der Familie bald gefunden. Es war ja ganz angenehm, unter Leuten zu verkehren, die einen bewunderten und ohne weiteres mit Liebe bedachten: darum ging sie ziemlich oft zu ihnen.

Georgy hielt sie in der That mit Energie fest, und es fand sich immer irgend ein Grund, der es besonders notwendig machte, daß Lisbeth bei ihr sein mußte. Sie hatte entweder Besuch oder war allein und wünschte Gesellschaft; sie hatte irgend ein neues Musikstück bekommen und um es einzuüben, brauchte sie Lisbeths Hilfe, oder sie hatte irgendwo alte Lieder gefunden, die Lisbeth einmal singen sollte – Lisbeth, deren Stimme ja so köstlich wäre. In der That war's Lisbeth, Lisbeth, Lisbeth von einer Woche zur andern, die sie bei allen Gelegenheiten notwendig hatte und auf die sie bei jedem Anlaß zurückkam, bis schließlich mehr als einer von Miß Esmonds Verehrern den Wunsch sich regen fühlte, es möchte lieber gar keine solche Person auf der Welt sein wie Miß Crespigny.

Wie Anstruthers gesagt hatte, war Miß Georgy Esmond, zumal in diesem ersten Jahr ihrer gesellschaftlichen Herrschaft, unbedingt eine Schönheit, und wenn sie Neigung dazu in sich gefühlt hätte, so konnte ihr, wie man allgemein glaubte, ein glänzender Triumph tatsächlich nicht ausbleiben. Aber ich fürchte, sie hatte den schlechten Geschmack, nach dergleichen nicht zu streben, wie sie es vielleicht besser gethan hätte.

»Ich mag nicht unbarmherzig sein,« hatte sie harmlos und unschuldig zu ihrer Freundin gesagt. »Und ich glaube im entferntesten nicht all die Dinge, die von den Leuten häufig über Gesellschaft und gesellschaftliches Leben gesprochen werden – dergleichen beispielsweise, was Hektor redet; aber wirklich, Lisbeth, manchmal habe ich doch den Gedanken gehabt, daß das Leben hinter all dem Glanz und Flitter gerade doch recht dumm und hohl sei. Ich weiß, ich würde seiner in ganz schrecklichem Maße überdrüssig werden, wenn ich nichts anderes hätte, das mir Befriedigung schaffen könnte: kein wirkliches Heim, kein wirkliches Familienleben, und keine wahren, aufrichtigen Freundinnen wie Sie und Mama.«

Es that Lisbeth einigermaßen weh, diese hübsche kleine Rede. Georgy Esmond verursachte ihr übrigens öfter ein solches Weh.

Und Herr Hektor Anstruthers machte die Entdeckung dieser Thatsache, ehe irgendwelcher größere Zeitraum verstrichen war, und die Entdeckung weckte in ihm verschiedenerlei neue Empfindungen.

Er hatte auf die wachsende Freundschaft mit heimlichem Spott geblickt; aber der Spott richtete sich nicht auf Georgy.

Er war dem Mädchen in rechtschaffener Weise um einige Grade mehr zugethan auf Grund ihrer herzigen Leichtgläubigkeit. Nichts könnte sie, sprach er bei sich, beirren, selbst nicht Lisbeth Crespigny.

Manchmal aber, und gerade in solchen Augenblicken, fand er es ein bißchen schwierig, sich selbst in Kontrolle zu halten und dem Drange nach sarkastischen Bemerkungen zu widerstehen.

Er sah sich dieser schwierigen Lage eines Abends besonders hart ausgesetzt, vier Wochen etwa nach dem in dem Maler-Atelier genommenen Imbiß. Die Mädchen hatten den Nachmittag zusammen verlebt, und als das Diner vorbei war, setzte sich Lisbeth ans Klavier und sang eins von Georgys Lieblingsliedern.

Es war ein Liebeslied dazu, denn wenn auch Miß Georgy bislang in Liebessachen keine praktische Erfahrung besaß, so hatte sie doch immerhin einige ganz nette Vorstellungen von dieser zarten Leidenschaft und hatte gerade Liebeslieder und Gedichte und Liebesgeschichten sehr gern, solche die ihr Herz ergriffen und sie dazu brachten, ein paar süße Thränen zu vergießen.

Und das Lied, das Lisbeth heute sang, war gerade ein recht süßes, schönes Lied.

»Alles weckt und schafft die Liebe – ohne Liebe keine Welt« war der Refrain dieses unschuldigen Sanges. Alles schafft und weckt die Liebe: die Liebe, die immer treu und wahr ist, die immer zart und süß ist, und uns niemals trügt.

Was ist die Welt? hieß es in dem Liede, was ist Leben? wo können wir Ruhe finden und was für Ruhe können wir finden, wenn wir keine Liebe haben?

Die Welt ist unser Garten, und Liebe ist die Königin der Rosen, ihre mildeste Blume.

Laßt uns Blumen sammeln, so viel wir können; aber, o! laßt uns vor allem die Rose pflücken und sie zart hüten und pflegen! Sie wird ihre höhere Schönheit unserm Leben schenken; sie wird uns tauglicher machen für den Himmel; sie wird unsere Eigensucht beschämen und uns dazu helfen, daß wir unsere häßlichen Triebe vergessen. Alles schafft und weckt die Liebe – ohne Liebe keine Welt!

Und so gings weiter, drei, vier Verse hindurch, mit einem allerliebsten Accompagnement, das Georgy mit vorzüglichem Geschmack spielte.

Und Lisbeth sang, und über dem Singen vergaß Lisbeth sich selbst. Und ihre vorzügliche, volltönige Stimme stieg und sank mit wunderbarer Inbrunst, und ihre großen dunklen Augen glänzten, und ihr kleines schmales Gesicht glühte, und ein leichter pathetischer Schatten schien auf ihr zu ruhen.

Wirklich! so schön, so vollendet sang sie, daß man hätte meinen können, sie hätte ihr ganzes Leben lang nichts gethan als nur solche süße sentimentale Lieder gesungen und Wort für Wort von ihnen treu und unbedenklich geglaubt – und als sie zu Ende gesungen, da waren die Augen ihrer Freundin, die sie zu dem Gesang auf dem Klavier begleitet hatte, von Thränen feucht.

»O, Lisbeth!« rief sie, zärtlich zu ihr aufblickend, »alles, was Sie singen, hat einen so schönen Klang – und klingt immer so wahr! so wahr! Ich könnte nun und nimmer so singen. Das muß daher kommen, weil Sie so wahr empfinden können, so tief – um soviel wahrer und tiefer als wir anderen.«

Lisbeth erwachte plötzlich aus ihrem Traume. Hektor Anstruthers, der am anderen Ende des Klaviers gestanden hatte, sah sie an mit einem Blicke so scharf und deutlich, daß er sie jederzeit aufgeschreckt haben würde.

Ihre Augen trafen sich, und in beiden Augenpaaren blitzte es auf: in seinen blitzte hochgradige Verachtung, in ihren unbändiger Trotz.

»Meine teure Georgy,« sagte er, »ich bewundere Ihren Enthusiasmus, meine aber kaum, daß Sie Miß Crespigny ganz verstehen. Sie ist eine von jenen glücklichen Personen, die nicht anders können als alles gut machen. Es ist eine Gewohnheit, die sie angenommen hat. In ihren Händen dürfte keine Empfindung zu Schaden kommen, selbst nicht eine Empfindung, die das direkte Gegenteil von derjenigen wäre, welche sie soeben mit soviel Kunst zum Ausdruck gebracht hat.«

Georgy blickte ein wenig betroffen drein. Sie hatte es nicht gern, eisig berührt zu werden, wenn alle ihre zarten Empfindungen aufgerührt waren: und ganz abgesehen hiervon: klang eine solche Rede nicht ganz so, als wenn sie einen Zweifel an der Aufrichtigkeit und Herzensreinheit ihrer geliebten Lisbeth zu verstehen gäbe?

»Es kann sich niemand lehren, harmlos und liebevoll zu sein,« sagte sie, beinahe erregt. »Zum mindesten kann man sich nicht auf künstliche Weise liebevoll und unschuldig machen. Wahrheit und Glauben kann niemand künsteln, und irgendwie anders als aus Gewohnheit kann man nicht edelmütig und gütig sein. Das Herz muß gut sein, ehe man selbst gut sein kann. Zum mindesten ist das mein Glaube, und mein Glaube ist mir zunächst doch noch lieber als Ihr Cynismus; und ebenso wird, wie ich überzeugt bin, Lisbeth denken, auch wenn mein Glaube nicht solchen Glanz verbreitet und nicht so populär ist. Sie sind allzu sarkastisch, mein Herr, und haben uns unser hübsches Lied ganz verdorben.«

»Es zu verderben war meine Absicht nicht,« gab er zur Antwort; »verzeihen Sie mir, bitte,« fuhr er fort mit satirischer Verbeugung, »und gewähren Sie mir, bitte, die Gunst eines anderen Liedes, damit ich lernen möge zu glauben. Vielleicht ist's mir beschert zu lernen. Ich bin ja zu der Anschauung geneigt, daß Miß Crespigny einen Mann von all und jeder Meinung zu überzeugen vermag.«

»Sie sind ein anderes Lied nicht wert,« sagte Georgy – »oder verdient er's? – was meinen Sie, Lisbeth.«

»Kaum,« sagte Lisbeth, indem sie sich mit gleichgültigem Gesicht über ein Notenblatt beugte. Aber trotzdem sang sie von neuem, und ganz ebenso schön, wie sie vordem gesungen hatte, obwohl zugegeben werden muß, daß sie denn Einfluß auf Georgy übte, Lieder auszuwählen, die eines minder arkadischen Charakters waren als jenes erste.

Am anderen Morgen machte Anstruthers bei Mrs. Despard Visite. Die Dame war abwesend, und Miß Crespigny allein im Salon. Demzufolge fiel es Miß Crespigny anheim, ihn während seines kurzen Besuches zu unterhalten. Er kürzte denselben nach Möglichkeit ab: als er aber aufstand, um sich zu verabschieden, da hielt ihn zu seinem Erstaunen Lisbeth zurück.

»Ich möchte Ihnen sehr gern noch etwas sagen,« fing sie an, nachdem sie sich zugleich mit ihm erhoben hatte.

Er blieb stehen mit dem Hut in der Hand.

»Es betrifft Georgy – Miß Esmond,« setzte sie hinzu. »Sie hatten die Liebenswürdigkeit, gestern Abend von mir zu ihr zu sprechen. Es war sehr großmütig. Ich habe die Empfindung, als ob ich Ihnen für den Versuch, mich in ihren Augen verächtlich zu machen, meinen Dank aussprechen müßte.« Und dabei blitzten ihre Augen mit einem Ausdruck, dem man nicht leicht stand zu halten vermochte.

»Bitte um Verzeihung,« antwortete er hierauf, sehr von oben herab. »Hätte ich Verständnis dafür gehabt, daß Ihre Freundschaft von solcher Beschaffenheit wäre –«

»Wenn die Person, um die es sich handelt, ein Mann gewesen wäre statt eines unschuldigen Mädchens, so würde Ihnen dieses Verständnis leicht genug gefallen sein, das bezweifle ich nicht im geringsten,« warf sie verdrießlich hin.

Er verneigte sich, während auf seinem Gesicht ein Schatten von Haß lag.

»Vielleicht,« gab er zur Antwort.

»Danke,« sagte sie. »Da es indes Ihnen gegenüber notwendig ist, die Sache auseinanderzusetzen, will ich mich dieser Mühe unterziehen. Ich habe Georgy Esmond gern und sie hat mich gern, und auf ihre Zuneigung zu verzichten, dazu habe ich nicht die mindeste Lust; darum muß ich zu dem armseligen Auskunftsmittel der Bitte greifen, die ich hiermit an Sie richte, auf die Liebenswürdigkeit zu verzichten, mit der Sie mich bis jetzt in ihrer Gegenwart verächtlich gemacht haben. Sagen Sie, was Sie wollen, sobald wir allein sind, wie wir es ja gezwungenermaßen dann und wann sein müssen. Aber wenn wir mit Ihrer Cousine zusammen sind, dann seien Sie so gütig, sich dessen zu erinnern, daß sie meine Freundin ist und mir Vertrauen schenkt.«

Es sah so ganz Lisbeth ähnlich, dieses kühne, summarische Verhalten, dieses rücksichtslose Gegenübertreten und diese Art und Weise, die Gelegenheit beim Schopfe zu fassen, ohne sich im geringsten zu bedenken oder sich im geringsten Einhalt zu thun: so ganz Lisbeths Weise, daß es ihm recht unbehaglich zu werden anfing.

Hatte er sich denn wirklich so übel betragen? War es denn möglich, daß er sich hatte als ein so grobes, kriechendes Individuum aufspielen können, wie ihre Worte besagten? Er, der sich auf seine über allen Zweifel erhabene Wohlerzogenheit, auf seine unbeirrbare Gleichmäßigkeit der Lebensanschauung so überaus viel zu gute that?

»Ich sollte Sie verächtlich behandeln!« rief er aus.

»Darnach frage ich persönlich nichts,« gab sie ihm zur Antwort. »Was mich dabei interessiert und leitet, ist einzig und allein Georgy Esmond.«

Es blieb ihm keine andere Stellungnahme offen als die bescheidene Position eines Mannes, dessen Entschuldigungen, wenn er welche vorbrachte, kühl beiseite geschoben werden würden, dessen Demütigungen von keinen Belang wären, und der, wie man meinte, bestraft werden müßte wie ein Übelthäter, dessen Empfindungen nicht auf einen Augenblick irgendwelche Berücksichtigung verdienten.

Er verließ dieses Haus mit einer ziemlich heftigen Empfindung von Verdruß und Ratlosigkeit und schrieb, in seine Wohnung zurückgekehrt, eine sehr herbe Kritik über ein neu erschienenes Buch.

Der arme Mensch der das Buch geschrieben hatte, nahm den Segen der Empfindungen in Empfang, die durch Miß Crespigny in ihm aufgestachelt worden waren.

Lisbeth ihrerseits nahm Zuflucht zu einer ihrer »Launen«, wie sich Mrs. Despard auszudrücken beliebte. Sie verlor alle Geduld mit sich selbst.

Sie hatte ihren kecken Sinn fast in dem nämlichen Augenblick eingebüßt, wie sie ihr letztes Wort gesprochen hatte, und war doch, ehe sie anfing, ihrer Herrschaft über sich so sicher gewesen.

Dies war das Geheimnis, das ihr Gemüt verbitterte. Warum hatte sie die ganze Sache nicht besser erledigen können?

Es war ihr nicht gewöhnlich, nachzugeben, wenn sie sich ihrer Sache sicher wußte.

»Es ist jemand hier gewesen,« sagte Mrs. Despard als sie hereintrat und Lisbeth allein bei ihrer Näharbeit sitzen sah. »Jemand, den Sie nicht gern haben, oder jemand, der Ihnen etwas Täppisches oder Unangenehmes gesagt hat.«

»Hektor Anstruthers ist hier gewesen,« lautete Lisbeths Antwort; aber es beliebte ihr nicht, weitere Erklärungen zu machen, und sie schlug, als sie die Worte sagte nicht einmal die Augen von ihrer Arbeit auf.

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