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Schön Lisbeth

Frances Hodgson Burnett: Schön Lisbeth - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFrances Hodgson Burnett
titleSchön Lisbeth
publisherGreßner & Schramm
yearo.J.
translatorWalter Eichner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140623
projectida588876d
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Fünftes Kapitel. Mrs. Despard und Lisbeth

Mrs. Despard fand, daß der Besuch, den sie dem Atelier ihres jungen Freundes abgestattet hatte, sehr unterhaltender Natur gewesen war.

Sie sah dort Dinge, die sie bewundern konnte, und Dinge, die ihr Spaß machten. Sie machte die Entdeckung, daß die Bemühungen, die Anstrengungen, die er machte, wirklich Aufmerksamkeit und Beachtung verdienten, und daß seine häusliche Einrichtung nicht allein kostbar war, sondern auch seinen, vornehmen Geschmack verriet.

Er hatte nicht teure, garstige Sachen gekauft, er hatte wahre Schönheiten gekauft.

Was die Art der Wohnräume selbst anbetraf, so hätte keine Frau eine bessere diesbezügliche Wahl treffen können – ja, die meisten Frauen würden so vorzüglich gar nicht gewählt haben.

Wirklich, ein gewisser Hauch von weiblicher Phantasie in der ganzen Anordnung, die die Zimmer und die Einrichtung aufwiesen, hatte mehr denn einmal ein Lächeln auf ihre Lippen geführt.

So hatte er z. B. thatsächlich in einem geräumigen, tiefen Eckfenster eine Art von Miniatur-Gewächshaus arrangiert und es mit Blumenständern und mit Vasen, in denen allerhand phantastische Pflanzen wuchsen, mit Ampeln voll der zierlichsten Hängegewächse, lang herabrankendem wildem Wein und dergleichen gefüllt.

»Was für ein Dandy wir sind!« sagte sie lächelnd, als sie den wallenden Spitzenvorhang beiseite schob, der diesen niedlichen Winkel von dem übrigen Wohnraume schied. »Und was für vornehme Neigungen wir entfalten!«

Anstruthers errötete leicht. Er hatte sie auf ihrer Forscherreise durch die Wohnung begleitet und sich im stillen gütlich gethan an der unverhohlenen Bewunderung und Verwunderung, welche die Dame an den Tag gelegt hatte.

»Ist das ein Kompliment oder keins?« versetzte er. »Daß ich feinen Geschmack habe, höre ich ganz gern; aber daran, daß man mich einen Dandy nennt, liegt mir nichts.«

»Ist's denn nicht ein bißchen dandyhaft zu wissen, wie man all diese Dinge hier so geschickt unterbringt?« fragte sie. »Des Mannes Sondereigenschaft im allgemeinen ist es, im Punkte der Kleinigkeiten, die unser Ange erfreuen, plump und unwissend zu sein.«

»Ist's nicht besser, als dergleichen häßlich und garstig zu machen?« sagte er. »Bitte, gestatten Sie mir, Ihnen ein paar blasse Rosenknospen und ein paar milde Veilchen zu reichen.«

»Wenn Sie mich mit Rosenknospen und Veilchen ködern, so muß ich sagen, daß es besser sein dürfte, Sie wahrten sich Ästhetik genug, sich ihre weitere Pflege am Herzen liegen zu lassen, als daß ich nicht das Vergnügen haben sollte, sie als ein Geschenk anzunehmen. Es ist sehr nett von Ihnen, sich mit dergleichen Sachen zu befassen.«

Es ließ sich nicht in Abrede stellen, daß sie vortreffliche Freunde geworden waren.

Viele Leute gab es nicht, denen Seine Lordschaft seine Rosenknospen und Veilchen angeboten haben würde, wenn er nicht aus irgend einem wunderlichen Grunde oder dergleichen eine plötzliche Laune für Mrs. Despard gefaßt hätte und besorgt gewesen wäre, sich ihr in vorteilhaftem Lichte zu zeigen. Er war sogar bereit, auf ihre Fragen Antworten zu erteilen, und ein paarmal, das muß hier bemerkt werden, standen sie sogar sehr dicht zusammen.

»Erzählen Sie mir doch etwas von diesem reizenden Mädchen!« sagte sie, nach Miß Esmond hinsehend, die in Unterhaltung mit der übrigen Gesellschaft begriffen war. »Was für ein reizendes Wesen! wie hell ihre Augen sind und wie frisch ihre Farbe! Es giebt sehr wenig Mädchen heutzutage, die so aussehen wie diese junge Dame.«

»Sehr wenig,« versetzte Anstruthers. »Dieses hübsche Mädchen ist Miß Georgy Esmond. Sie ist eines von den wenigen wirklich hübschen Mädchen, die das Glück haben, die öffentliche Phantasie im Sturm zu gewinnen. Sie ist noch gar nicht so lange ›flügge‹ und wird als eine Schönheit ersten Ranges angesehen. Und doch versichere ich Sie, Mrs. Despard, daß ich dieses Mädchen gesehen habe beim Spiel mit einer Schar von kleinen Brüdern und Schwestern, als wenn sie die hellste Freude gerade an solcher Unterhaltung hätte: und einer verschnupften alten Erzieherin, einer französischen Mamsell, hat sie bei der Korrektur der Schularbeiten geholfen, und dem alten Colonel hat sie mit einem Fidibus die Pfeife angesteckt, ganz so, wie wenn sie in ihrem ganzen Leben noch keinen Fuß in einen Ballsaal gesetzt hätte.«

»O!« sagte Mrs. Despard, »dann nehme ich an, Sie haben sie im Schoß ihrer Familie gesehen!«

In dem Tone, mit welchem sie die Frage stellte, kam ein schwacher Grad von Schelmerei zum Durchklange.

»Ich kenne die Leute sehr gut,« erwiderte der junge Mann mit einer Art von ernster Miene. »Ich habe Georgy Esmond gekannt, als sie noch Pichelschürzen trug. Mein armer Vetter, der mit Tode abging, hat mit mir, als wir noch Kinder waren, manch liebes Mal Blindekuh im Searsbrook-Park gespielt. Thatsache ist, daß ich glaube, mit ihr in entfernter Verwandtschaft zu stehen.«

»Ich wünsche Ihnen zu der Entferntheit der Verwandtschaft Glück,« sagte Mrs. Despard; »sie ist ein jugendfrisches, munteres, entzückendes Wesen.«

»Sie ist ein gutes Mädchen,« sagte Anstruthers. »Wünschen Sie ihr hierzu Glück, und wünschen Sie ihrem Vater und ihrer Mutter Glück und ihren Geschwistern Glück und der verschnupften alten Gouvernante Glück, der sie das Leben nach Kräften zu erleichtern bestrebt ist.«

In diesem Augenblicke geschah es, daß die Equipage, in welcher Lisbeth fortgefahren war, zurückkam.

Sie fuhr an dem Fenster vorbei und an der Thüre vor, und Mrs. Despard sah, wie sich der Ausdruck auf dem Gesicht ihrer jungen Freundin gerade in dem Moment veränderte, als er der Equipage ansichtig wurde mit ihren funkelnden Beschlägen und all dem ganzen tadellosen Zubehör, – und mit Lisbeth Crespigny drin im Fond, die auf den taubengrauen Polstern lehnte, in ihrer kleinen taubengrauen Hand ein Buch haltend.

Sie sah Mrs. Despard zwischen den Blumen stehen, sah aber den Mann nicht, der ihre Gesellschaft bildete; und da sie sich gerade in zugänglicher Laune befand, lächelte sie Mrs. Despard zu und begrüßte sie mit einer leichten, ungezwungenen Gebärde.

Ihre Augen sahen aus wie Mitternacht im Sonnenschein; und wie sie so dasaß mit einem wahren Juwel von cremefarbiger Rosa auf ihrem Hut und in vollendeter Toilette, da war sie von A bis Z selbst ein Stückchen von einem Gemälde, dunkelfarbig und zart und von vornehmer Pracht; sie fesselte Anstruthers im Nu, ganz wie jedes andere echte Kunstwerk ihn gefesselt haben würde.

»Ich bin neugierig, ob sie heraufkommen wird,« sagte Mrs. Despard. »Ich wünschte, sie thäte es. Sie sollte sich dies alles hier ansehen. Es würde schlagend zu ihren Schrullen passen.«

»Gestatten Sie, daß ich hinuntergehe und sie frage, ob sie uns die Ehre anthun wird,« sagte Anstruthers. »Colonel Esmonds und sein Fräulein Tochter haben mir versprochen, einen Imbiß zu nehmen, und ich hoffte, daß ich Ihre Begleiterin würde bestimmen können, sich uns anzuschließen. Das kleine Mahl wird wohl im Augenblick erscheinen.«

»Das ist so neuartig, wie alles andere,« sagte Mrs. Despard, durchaus nicht unangenehm hiervon berührt. »Wenn Sie indes Lisbeth bewegen können, heraufzukommen, so werde ich ganz gewiß nicht nein sagen.«

»Ich möchte wissen, was er zu ihr sagen wird?« sprach sie bei sich im Geiste, als er aus dem Zimmer hinaus war – und mit keinem geringen Grade von Interesse blickte sie zum Fenster hinaus.

Sie sah ihn ein paar Augenblicke später auf dem Bürgersteige neben der Equipage stehen.

Sein Gesicht war, als er mit dem Mädchen sprach, leicht nach oben gewendet.

Der Frühlingswind spielte mit seinem losen, weichen Haar, und die Frühlingssonne hellte es auf mit ihrem Glanze.

Ein Etwas in seinem Wesen – sie wußte kaum zu sagen was – rief ihr eine jähe Erinnerung zurück an den freimütigen, knabenhaften jungen Menschen, der er gewesen, als Lisbeth sich mit der kalten Verachtung, die ihrem Gemüt zu eigen war, über seine Jugend und sein stürmisches Wesen in Pen'yllan amüsiert hatte. Und ganz ebenso plötzlich kam ihr der Einfall, wie sie ihn jetzt so ganz anders fand als damals; wie rasch er bei der Hand war, eine kaustische Bemerkung zu äußern, sich weltliche Gesichtspunkte zu bilden und in weltlichem Spott zu ergehen.

Sie erinnerte sich der Geschichten, die sie von ihm gehört hatte – Geschichten, die ihn ihr zeigten auf einer Wanderung durchs Leben vom Knaben an, dessen Sinn und Streben lauter, dessen Herz frisch und munter gewesen war, dessen größter Übertretung man leicht Verzeihung hätte gewähren können: und in Erinnerung alles dessen fühlte sie einen heftigen Groll gegen Lisbeth – einen heftigeren Groll, als sie jemals wider das Mädchen gefühlt hatte, so lange als sie denken konnte.

Als Anstruthers auf dem Bürgersteige sichtbar wurde und auf die Equipage zutrat, wendete sich Lisbeth zu ihm herum mit einer Empfindung, die nicht frei war von leichtem Mißbehagen.

War es denn ganz unmöglich, daß sie ihm aus dem Wege ginge?

Während sie sich ernstlich bemühte, ihm fernzubleiben: mußte er ihr denn nachlaufen?

»Kommt Mrs. Despard nicht?« fragte sie in halbwegs schroffem Tone.

»Mrs. Despard war so liebenswürdig zu äußern, daß, wenn ich Sie bestimmen könnte, aus dem Wagen zu steigen und sich unserer kleinen Gesellschaft anzuschließen, sie es nicht ablehnen würde, mit uns einen Imbiß einzunehmen.«

Und nach diesen Worten stand er da und wartete auf ihren Bescheid.

»Ich hatte keine Ahnung, daß es ihr in den Sinn kommen würde, sich hier aufzuhalten,« sagte Lisbeth. »Wenn ich gewußt hätte –«

Dann hielt sie inne.

»Wenn ich es ablehne,« sagte sie im stillen, »wird er meinen, ich fürchte mich vor ihm.«

Und sie sah ihn scharf an.

Aber er stand da, ohne ein Glied zu rühren, ohne mit einer Miene zu zucken, und schien bloß von Höflichkeit, von verbindlichem Interesse geleitet.

»Wenn Sie so gütig sein wollen, mir zu gestatten, daß ich Ihnen beim Aussteigen helfe –« sagte er, selbst den Schlag öffnend und ihr höflich die Hand entgegen haltend – »wir werden alle entzückt sein, unsere Zahl durch einen solchen Zuwachs vermehrt zu sehen,« setzte er hinzu.

»Sie sind sehr freundlich,« antwortete Lisbeth, sich von ihrem Sitze erhebend.

Er sollte nicht meinen, daß seine Anwesenheit sie auf die eine oder die andere Weise würde beeinflussen können.

Sie nahm sich vor, der Lage, da sie nun einmal unvermeidlich war, fest ins Auge zu sehen, als wäre sie die gewöhnlichste Sache gewesen, in die sie auf der Welt hätte kommen können.

Sie ging die Treppe hinauf nach dem Zimmer, als wenn sie nicht anders erwartet hätte, als dort einen Imbiß zu nehmen.

Miß Esmond, die sich in ihrem gutmütigen Temperament niemals lange nötigen ließ, in Begeisterung zu fallen, drehte sich nach ihr herum und sah sie mit frohem Lächeln an.

»Was für ein ungewöhnlicher Typus!« sagte sie zu ihrem Vater. »Sieh doch nur, Papa! Sie ist wirklich etwas ganz Apartes!«

Und als sie ihr vorgestellt wurde, leuchteten ihre offenen, hellen Augen stärker als je.

Sie war eins von jenen liebenswürdigen, zutraulichen Geschöpfen, die immer bei der Hand sind, sich in nette Menschen oder Dinge auf den ersten Blick zu verlieben; und von Lisbeths freundlicher Art fühlte sie sich auf der Stelle gefangen genommen.

Ihr Alter war ungefähr das gleiche wie Lisbeths; aber ihrem Temperament und ihrer Lebenserfahrung nach waren sie weit von einander verschieden, denn Miß Crespigny war um vieles älter und weltklüger als sie.

Wäre es zu einem Kampfe zwischen ihnen beiden gekommen, würde Miß Georgy keinerlei Chance für sich gehabt haben.

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