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Schön Lisbeth

Frances Hodgson Burnett: Schön Lisbeth - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFrances Hodgson Burnett
titleSchön Lisbeth
publisherGreßner & Schramm
yearo.J.
translatorWalter Eichner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140623
projectida588876d
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Viertes Kapitel. Was seine Gedanken waren

Was er an diesem Abend erfahren, war alles in allem eine recht schlimme Sache für Anstruthers gewesen. Es hatte viel von dem schlummernden Weh in ihm angestachelt. Sein Zusammentreffen mit Lisbeth Crespigny war, wie er ihr sagte, gänzlich unerwartet gewesen. Und weil es unerwartet gewesen, so hatte die Wirkung, die es übte, zweifache Kraft. Es verlangte ihn nicht darnach, sie zu sehen. Hätte er eine Ahnung davon gehabt, daß sie in dem Hause anwesend sei, dem er einen Besuch zu machen gedachte, so würde er es gemieden haben, wie die Pest.

Die Wahrheit war, daß sie damals in seinem Herzen die Verkörperung alles dessen darstellte, was unnatürlich und hart und trügerisch war. Und dadurch, daß er ihr so plötzlich Auge in Auge gegenüber stand, war ihm jede bittere Erinnerung an sie mit heftiger Erschütterung wieder in den Sinn gekommen. Als er sich während der Worte, die Mrs. Despard zu ihm sprach, umgedreht hatte und sie im Rahmen der Thür stehen sah, umschlossen gewissermaßen von Reben und Blumen und tropischen Gewächsen, da hatte er fast die Empfindung gehabt, als könnte er auf der Stelle Kehrt machen und ohne ein Wort der Auseinandersetzung oder Erklärung den Fuß aus dem Raume hinaussetzen. Sie würde ja gut genug wissen, was das bedeutete.

Als der Mann, der er war, hatte sein Auge mit einem Blicke alle künstlerische Wirkung, die sie übte, in sich aufgenommen, und an künstlerischer Art und an künstlerischem Eindruck fehlte es ihr nicht: denn wenn ihr das nicht zu eigen war, so war ihr nichts zu eigen. Er sah, daß, was ihr noch unentwickeltes Mädchentum versprochen hatte, sich erfüllt hatte nach der demselben eigentümlichen seltenen, merkwürdigen Weise: zweifach und dreifach. Er sah in ihr, was andere Männer selten auf den ersten Blick sahen, aber immer hinterher erfuhren, und seine abstoßende, ärgerliche Empfindung wider sie wurde um deswillen noch stärker. Da sie ein solches Mädchen gewesen, was möchte sie dann nicht sein als ein solches Weib? Nachdem sie solche Blüten getrieben, wie konnte die Frucht dann anders als harten und bittern Kernes sein? Bloß seine ewig herrschende Eitelkeit bewahrte ihn davor, daß er sie mit einer unvernünftigen, ätzenden Rede begrüßte.

Eitelkeit dient Männern sowohl wie Weibern zuweilen durch Zufall zum Guten, und die ihm anhaftende Eitelkeit bewahrte ihn davor, sich zum polternden Schafskopf zu machen – bewahrte ihn einzig und allein vor dieser Schwäche. Und nachdem er sich soweit überwunden hatte, war es nicht verführerisch, zu hören, daß sie in ihrer duckmäuserischen Weise dagestanden und unter ihren Wimpern hervor nach ihm geguckt und gelacht hatte. Er wußte, wie sie zu lachen pflegte. Er hatte sie über Leute lachen hören in jener stillen, friedlichen Zeit, als sie fünfzehn Jahre alt war, und der Klang hatte ihm immer ins Herz geschnitten, trotzdem ein mädchenhafter Spott hindurchgeklungen hatte, dessen er nicht habhaft werden konnte, und der eines so vollkommenen Wesens, für das er sie hielt, nicht würdig gewesen war.

So konnte er sich nicht erwehren, wieder in neuen Grimm auszubrechen, als Bertie Lyon ihm diese Darlegung gab. Es hatte nicht sonderlich viel auf sich, vor Lyon sich also gehen zu lassen. Männer können ja doch keine Geheimnisse untereinander hüten. Er schleuderte seine Pfeife mit einem rauhen Wort beiseite und fing an, den Raum zu durchmessen.

»Es steckt mehr vom Teufel, als vom Weibe in ihr,« sagte er. »Das war immer so. Ich würde ein paar Jahre von meinem Leben hingeben,« setzte er hinzu, seine Faust ballend, »wenn ich gewiß wüßte, daß es ihr eines Tages beschert sein würde, ihren Meister zu finden.«

»Ich sollte meinen, Sie wären Meister genug für sie,« bemerkte Lyon mit Hinterlist, »aber was hat sie Ihnen denn gethan, daß Sie so grimmig auf sie zu sprechen sind? Wann waren denn Sie verliebt in ein Weib?«

»Niemals!« rief er mit Bitterkeit. »Ich war in sie verliebt, und sie – sie gehörte niemals zum Geschlecht, auch damals schon nicht, als sie erst fünfzehn Jahre alt war. Ich war in sie verliebt, und sie ist mein Ruin gewesen.«

»Ich hätte so etwas niemals für möglich gehalten,« antwortete Lyon. »Sie sind ja für Ihr Alter schon ein ziemlich respektables Wrack.«

Der junge Mann war persönlich nichts weniger als stolz auf sein Heldentum, und da es ihm nicht eben häufig beschert war, daß sein Freund sich über dasselbe in Redensarten erging, so geriet er dadurch nicht eben in Begeisterung.

Diese Willfährigkeit seines Freundes war für Anstruthers gewissermaßen ein Dämpfer. Was war er denn für ein verrückter Narr, um einer solchen Lumperei willen seinem Cynismus die Zügel schießen zu lassen? Er stieß ein anderes kurzes Lachen aus, durch welches eine Art trotzige Selbsterhöhung hindurchklang. Er trat so plötzlich wieder zu seinem Stuhle zurück, wie er ihn verlassen hatte.

»Bah!« sagte er. »So bin ich nun einmal. Sie sind ein gescheiter Bursche, Lyon, und ich freue mich, daß Sie mir Halt gebieten. Ich meinte, ich hätte diesen ganzen Blödsinn verwunden, aber – aber ich habe dieses Mädchen Stiefmütterchen schon vordem tragen sehen. Herzweh-Blumen, beim Zeus! Und daß ich daran wieder gedacht, das verursachte mir Herzweh – das gab mir einen Stich, einen heftigen Stich ins Herz. Setzen Sie das Blümchen da ins Glas, heben Sie es auf, solange es Ihnen beliebt, so zu thun, mein Junge. Es wird so lange Stand halten, wie Ihre Laune für sie Stand hält: darauf wette ich. Weiber vom Schlage dieser Crespigny machen's nicht lange. Hier! reichen Sie mir diese Flasche – oder warten Sie! Ich will meinen Diener klingeln, und wir lassen uns etwas Schnaps mit Selterwasser zurechtmachen, um unsere erhitzte Phantasie abzukühlen. Wir sind zu jung, um so lange aufzusitzen: zu jung und harmlos! Wir hätten schon längst zu Bett gehen sollen, wie sich's für artige Jungen schickt!«

Das Atelier und Studierzimmer dieses populären und vom Glück begünstigten Mannes, des Herrn Hektor Anstruthers, war wirklich ein sehr prächtiges und echt künstlerisch eingerichtetes Zimmer. Es war herrlich möbliert, und es herrschte eine wunderbare Ordnung und Sauberkeit in ihm, alles stand an seinem richtigen Platze und nichts berührte das Auge irgendwie unangenehm – alles zeigte eben, daß der Besitzer dieses Raumes ein junger Mann war von geläutertem und epikuräischem Geschmack – und das Glück hatte, über die Mittel zu verfügen, die zur höchsten Befriedigung desselben notwendig waren. Alle Welt bewunderte dieses Atelier und Studierzimmer und sprach darüber fast in der nämlichen Weise, wie man über Anstruthers persönlich sprach. Es war wirklich zu einer Art von Mode geworden, Visite in diesem Atelier zu machen. Die exklusivsten Mamas, Damen, die sich auf ihren gesellschaftlichen Thronen so sicher fühlten, daß sie ein Privilegium besaßen, über Mode zu gebieten, statt sich von dieser wetterwendischen Göttin gebieten zu lassen – Damen, die viel Wesens von Anstruthers machten und ihn verhätschelten – sie hielten oft in ihren Equipagen an wunderschönen Vormittagen vor seiner Thür und stiegen mit ihren heiratsfähigen Töchtern aus, um sich hinauf nach dem entzückenden Wohngelaß zu begeben oder gar in ein Gespräch mit dem jungen Machthaber einzulassen, seinen Gemälden und seiner pittoresken Einrichtung und seinen Raritäten Bewunderung zu zollen und sich auf angenehmsten Verkehrsfuß mit ihm zu setzen. Er wäre ein extravagantes Wesen und brauchte jemand, der ihn im Zaume hielte, äußerten sich diese Damen zu ihm; in Wirklichkeit aber war alles hier übernett und verriet den feinsten, gediegensten Geschmack, so daß sie, alles in allem genommen, ihn kaum in dem großen Maße tadeln konnten, wie es ihnen als Pflicht bedünkte zu thun. Anstruthers nahm diese zarten Aufmerksamkeiten mit aller Anmut entgegen, deren er fähig war.

Er hörte zu und lächelte liebenswürdig, während er auf die ihm aus solcher Damen Munde zu teil werdenden Vorwürfe mit freundlicher Geringschätzigkeit antwortete. War er nicht tausendfältig belohnt für seine bescheidenen Anstrengungen durch das gütige Lob, das ihm zu teil wurde? Was konnte er anders verlangen, als daß sie die kleine Stätte durch ihre Gegenwart verherrlichten? daß sie geruhten, seiner Sammlung Bewunderung zu schenken? Die meisten Menschen hatten ja ihr Steckenpferd, und sein Steckenpferd war die Kunst – die Kunst und alles, was künstlerisch war – ein harmloses und unschädliches Steckenpferd, wenn es auch vielleicht ein extravagantes Steckenpferd war. Und dann pflegte er seine schönen Gäste und ihre Eskorte zu bitten, seinem kleinen Tempel dadurch Ehre angedeihen zu lassen, daß sie teilnahmen an dem kleinen Imbiß, den sein Diener sogleich auftragen werde. Und dann erschien, wie durch Zauberwerk, der kleine Imbiß, eine ganz wunderbare Auswahl von Speisen, an sich ein Kunstwerk wie alles andere; und da dieser Imbiß aus irgend ein Tisch-Wunder von Schnitzwerk gestellt wurde, geruhten die Damen, von dem Imbiß zu nehmen, und verfielen in immer größere Bewunderung, bis schließlich im Verlaufe der Zeit die Mode, bei Herrn Hektor Anstruthers zwischen seinen Gemälden und Schnitzereien und Skulpturen Visite zu machen, zu der vornehmsten Mode wurde, die sich die vornehme Welt leisten konnte. So war es denn ganz und gar nichts außerordentliches, daß an einem sonnigen Vormittags im April Mylord, während er mit gewohnter huldvoller Leutseligkeit mit einer Gesellschaft von Gästen plauderte, eine zweite empfangen mußte. Diese letztere Gesellschaft setzte sich aus drei Personen zusammen: einem ältlichen Gigerl, einer jugendlichen Dame von ungewissem Alter und Mrs. Despard. Anstruthers, der gerade neben einem hübschen Mädchen mit hellen Augen stand, stutzte ein wenig bei dem Eintritt dieser Dame, und den hellen Augen entging dieses Moment nicht.

»Wer ist denn das?« fragte die junge Dame, der dieses Augenpaar gehörte. »Es scheint ja eine sehr distinguierte Person zu sein.« Und dann zeigte ihr Gesicht ein Lächeln. Ganz gewiß könnte er sich doch für solche gereiften Reize wie diese nicht eben begeistern, so distinguierter Natur sie auch immer sein möchten.

»Die Dame ist Mrs. Despard, Miß Esmond,« antwortete Anstruthers. »Bitte, entschuldigen Sie mich auf einen Augenblick!« Und dann trat er einen Schritt vor, um seine Gäste mit der größten Liebenswürdigkeit, über die er gebot, als Wirt des Hauses zu begrüßen.

»Nun, das war doch wirklich einmal eine Freude,« sagte er in schmeichlerischem Tone. Er hätte halb und halb schon gefürchtet, daß Mrs. Despard ihr freundliches Versprechen vergessen möchte.

Diese Dame tauschte in der liebenswürdigsten Weise einen Händedruck mit ihm aus. Sie nahm regen Anteil an der allgemeinen Neigung, die unter der Gesellschaft herrschte, den jungen Mann mit Bewunderung zu bedenken.

Wären denn nicht alle jungen Männer extravagant?

Und dieser eine hier hatte doch zum mindesten Vermögen genug, um sich Extravaganzen mit Rechtschaffenheit und Ehren zu leisten.

»Sie müssen sich bei Herrn Estabrook und seiner Schwester dafür bedanken, daß sie mich hierher gebracht haben,« sagte sie. »Die Herrschaften sind früher schon dagewesen und kannten den Weg. Wir sind ihnen begegnet, als sie auf dem Wege hierher waren, und sie forderten uns auf, mit herzugehen. Lisbeth hatte keine Lust, den Fuß aus der Equipage zu setzen. Sie war entweder faul oder bei schlechter Laune. Sie wollte nach der Leihbibliothek fahren, um die Straßenecke herum, und holt uns in einer halben Stunde ab.«

Sie zwinkerte leicht mit den Augen, als sie ihm das erzählte.

Wie ich zuvor schon gesagt habe, nahm sie an Lisbeth immer reges Interesse, und jetzt richtete sich dieses Interesse aus die Art und Weise, wie dieses Mädchen sich mit dieser alten Liebe befaßte.

Es war so klar, daß es sie verdroß, mit ihm in Berührung gebracht zu werden, und daß es ihr weit lieber gewesen sein würde, ihn weit aus ihrem Wege zu wissen: so klar war das, daß die Thatsache, daß sie wider ihren Willen durch das Schicksal ihm in den Weg geworfen wurde, nicht ermangeln konnte, ihren Reiz zu üben und Frau Despard Gegenstand zu einer ein bißchen malitiösen Erlustigung zu werden.

Insgeheim war sie gezwungen zu bekennen, daß sie, so unschön es auch scheinen möchte, doch nicht eben böse gewesen sein würde, Lisbeth von neuem »anbeißen« zu sehen. Der Gefühle, die Anstruthers erfüllten, war sie sich bis zur Stunde nicht ganz sicher; aber über Lisbeths Empfindungen war sie sich klar.

Lisbeth wußte, daß sie in der Vergangenheit grausam, gewaltthätig gehandelt hatte; und da sie sich im stillen ob ihres häßlichen Benehmens grollte, so grollte sie Anstruthers um des Anteils willen, den er daran gehabt hatte.

Es war nicht Lisbeths Manier, sich eines gerechten oder edelmütigen Sinnes sonderlich zu befleißigen. All die Vorwürfe, die sie sich vielleicht selbst machte, machte sie sich im geheimen; und ehe sie etwas davon eingestanden hätte, würde sie lieber in den Tod gegangen sein. Sie ließ sich von ihren Launen beinahe vollständig beherrschen und that ihr bestes, durch sie auch andere Leute zu beherrschen. Wenn sie ärgerlich war, führte sie garstige Reden; wenn sie vergnügt war, benahm sie sich wie ein Engel oder wie ein Engelsgeschöpf, an dem kein Makel haftet. Sie fragte nicht viel nach anderen Leuten, um sich etwa mit ihren Launen nach ihnen zu richten. Die Person, die ihr noch am meisten am Herzen lag, und auf die sie noch am meisten Rücksicht übte, war Lisbeth Crespigny.

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