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Schön Lisbeth

Frances Hodgson Burnett: Schön Lisbeth - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFrances Hodgson Burnett
titleSchön Lisbeth
publisherGreßner & Schramm
yearo.J.
translatorWalter Eichner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140623
projectida588876d
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Neunzehntes Kapitel. Die alte, alte Geschichte

Acht Tage ungefähr nach Anstruthers Abreise trat Georgy die Entscheidung, daß ihr Besuch sein Ende finden müßte.

Mama wäre nicht so recht wohl und der arme Papa wäre von seinem alten Feinde, dem Reißen, geplagt: und wirklich war sie auch schon recht lange von zu Hause abwesend gewesen.

Dächte denn Lisbeth nicht mich, daß sie nun besser nach London zurück führen, wenn auch Pen'yllan nach wie vor ein köstliches Plätzchen wäre?

Dann kam eine Überraschung, aus die sie in der That nicht gefaßt gewesen waren.

Lisbeth, die in ziemlicher Zerstreutheit zugehört hatte, bereitete ihnen diese Überraschung.

»Ich meine,« sagte sie, »daß wenn Du nichts dagegen hättest, die Reise allein zu machen, Georgy, ich in diesem Winter lieber draußen in Pen'yllan bleiben möchte.«

»In Pen'yllan?« rief Georgy – »den ganzen Winter, Lisbeth?«

»In Pen'yllan? Hier? Bei uns?« riefen Miß Millicent und Miß Hetty und Miß Clarissa einstimmig.

»Ja,« antwortete Lisbeth in der allerharmlosesten Weise, deren sie fähig war – »in Pen'yllan, Tante Hetty. Hier, Tante Millicent. Bei Dir, Tante Clarissa.«

Die Misses Tregarthyn wurden leichenblaß, sie blickten einander an und schüttelten unheilbedeutend mit den Köpfen. Das hatte doch gewiß ganz etwas erschreckliches zu bedeuten.

»Mein Herzchen,« stotterte Miß Clarissa.

»Was?« fiel ihnen Lisbeth ins Wort – »wollt ihr mich nicht hier behalten? Habt ihr mich satt? Ich habe euch ja gesagt, daß es so kommen würde, ehe ich herkam – das wißt ihr doch!«

»O, mein Herzchen!« protestierte Miß Clarissa. »Wie kannst Du das meinen? Deiner überdrüssig? Schwester Hetty! Schwester Millicent! wir ihrer überdrüssig!«

»Wir dachten nur, mein Herzchen, daß es so tot und langweilig hier werden müsse, für jemand, der an – an den strahlenden Strudel des Londoner Gesellschafts-Lebens gewöhnt ist!«

Sie stand von ihrem Stuhle auf und trat zu Georgy hin, ans Fenster, und blickte hinaus.

»Ja,« sagte sie, fast wie wenn sie zu sich selbst redete – »ich meine, ich bleibe lieber hier.«

Das Ende von der Sache war, daß sie in Pen'yllan blieb. Sie schrieb am selben Tage noch an Mrs. Despard, und teilte ihre Absicht, nicht zurückzukehren, mit.

Georgy vergoß, als sie ihre Koffer packte, tatsächlich ein paar stille Thränen, die zwischen ihre Rüschen und Bänder tropften.

Für ihr Gemüt war es ein trauriger Abschluß von ihrem so glücklichen Aufenthalt hier.

Sie wußte, daß es etwas sehr Ernsthaftes zu bedeuten hatte, daß auf dem Grunde einer solchen Entschließung irgend ein energischer Beweggrund liegen müsse. Wenn Lisbeth bloß nicht so zurückhaltend sein wollte!

Wenn es bloß ein bißchen leichter wäre, Verständnis für sie zu erlangen!

»Wir werden Dich recht, recht sehr vermissen, Lisbeth,« wagte sie voll Trauer anzudeuten.

»Nicht mehr als ich Dich vermissen werde,« antwortete Lisbeth, die neben ihr stand und sie beobachtete, während Georgy vor dem Koffer kniete, den sie packte.

Georgy hielt in ihrer Arbeit inne, um voller Zweifel zu ihr aufzublicken.

»Warum willst Du es dann thun?« sagte sie – »Du – Du mußt doch einen Grund haben.«

»Ja,« sagte Lisbeth – »ich habe einen Grund.«

Die Augen des Mädchens waren noch immer bittend auf sie gerichtet – drum fuhr sie fort mit ziemlich traurigem Lächeln.

»Ich habe zwei Gründe – vielleicht auch mehr. Pen'yllan wirkt wohlthätig auf mich, und ich fühle noch kein Verlangen nach der Stadt zurückzukehren. Ich will hier noch ein wenig ausruhen. Ich muß sie nötig haben, sonst würde doch Tante Clarissa nicht soviel zu tadeln finden an meinem Aussehen. Ich mag nicht vor der Zeit an meinem Aussehen einbüßen, und Du weißt doch, daß mir immer gesagt wird, ich sei blaß und mager. Bin ich denn blaß und mager, Georgy?«

»Ja,« gestand Georgy zu – »das bist Du« – und sie sah sie mit Unruhe und Besorgnis an.'

»Dann ist das also um so mehr Grund für mich,« erwiderte Lisbeth, »daß ich auf dem Lande verweile. Vielleicht werde ich zum Frühjahr rot und dick sein, wie Miß Rosamunde Puddifoot,« setzte sie mit schwachem Lachen hinzu – »und ich werde mich dann mit Traktätchen befreundet haben, mit dem Aufenthalt in der Küche nicht minder, und werde der Welt Ade sagen und ein gelbes Häubchen tragen und London ›einen Sündenpfuhl‹ nennen, wie sie sich auszudrücken pflegt. Ei, meine liebe Georgy, was ist Dir denn?«

Die Sache war die, daß eine gewisse Ungereimtheit im Blick und im Ton ihrer geliebten Lisbeth Georgy so erschreckt und ihr argwöhnisches Herz so ergriffen hatte, daß ihr die Thränen in die Augen schossen und daß sie von schmerzvollem Mitleid erfüllt war.

»Du bist nicht – nicht glücklich,« rief sie auf einmal. »Nein! Du bist nicht glücklich, sonst würdest Du nicht in dieser wunderlichen, satirischen Weise sprechen. Ich wünschte, Du wärest ein bißchen – ein bißchen – freundlicher, Lisbeth!«

Lisbeths Blick zeigte deutlich, daß sie sich ihrer Schuld bewußt war.

»Freundlich!« rief sie – »freundlich, Georgy?«

Georgy konnte, nachdem sie soweit gegangen war, nicht leicht zurück, sondern mußte wohl oder übel weiter gehen, wenn sie sich auch bewußt wurde, daß sie sich in eine ziemliche peinliche Situation begeben hätte.

»Es ist nicht freundlich von Dir, alles so abgeschlossen für Dich zu behalten,« sagte sie bebend, – »als wenn wir um Dich nicht besorgt wären oder nicht verstehen könnten –«

Sie hielt inne, weil Lisbeth sie neuerdings erschreckte.

Sie wurde so blaß, daß es unmöglich war, noch etwas weiteres zu sagen.

Ihre großen, dunklen Augen weiteten sich, wie wenn sie von einer Art von Schrecken über etwas erfüllt sei.

»Du – Du meinst, ich hätte ein Geheimnis,« unterbrach sie sie mit hohlklingendem Lachen. »Und Du bist entschlossen, eine Heroine aus mir zu machen, statt meine ›Nerven‹ in Ruhe und Frieden zu lassen. Du verstehst nicht, was ›Nerven‹ sind: das ist klar. Du läufst einem roten Lappen nach, meine liebe Georgy. Es ist erstaunlich, wie erpicht ihr guten, weichherzigen Menschenkinder seid, roten Lappen und anderem Tand nachzulaufen, um euch damit zu belästigen und darüber zu ärgern.«

Es war klar ersichtlich, daß sie sich selbst nicht recht trauen wollte. Sie wollte sogar das Wesen, das mit der größten Liebe an ihr hing und das ihres Vertrauens am würdigsten war, auf Armeslänge von sich halten.

Jedes Bemühen, sie zu einer offenen Darlegung ihrer Empfindungen zu bestimmen, war nutzlos.

Georgy machte sich wieder über ihre Arbeit. Ein recht trauriges Bewußtsein, daß sie nicht recht gethan hatte, über ihre lauteren, harmlosen Empfindungen die Herrschaft zu verlieren, erfüllte sie.

Es hatte ihr unsäglich weh gethan, aus Lisbeths Gesicht jene jähe Furcht vor dem Sichvergessen, jene Angst vor sich selbst wahrzunehmen, die sich in dem plötzlichen Verlust aller Farbe und in dem merkwürdigen Ausdruck in den Augen ihrer Freundin offenbart hatte.

»Sie liebt mich nicht so, wie ich sie liebe,« war ihr pathetischer Schluß, den sie im Geiste zog – »wäre es anders, so würde sie sich nicht so fürchten vor mir.«

Als Lisbeth ihr Adieu sagte auf der kleinen Eisenbahnstation, da drohte das Herz des Mädchens fast still zu stehen.

»Was soll ich Mama und Papa sagen?« fragte sie.

»Sage ihnen, daß es mir in Pen'yllan so gut gefiele, daß ich mich noch nicht entschließen könnte, es zu verlassen,« lautete Lisbeths Antwort. »Und dann sage auch Mrs. Esmond, daß ich ihr selbst schreiben würde.«

»Und –« fragte sie schüchtern und verzweifelt weiter – »und Hektor, Lisbeth?«

»Hektor?« erwiderte sie ziemlich schroff – »weshalb denn Hektor? Was hat denn er mit der Sache zu thun? Aber warte!« bog sie ein, indem sie mit den Achseln zuckte – »ich meine doch, die bloße Höflichkeit möchte es erheischen. Sage ihm – sage ihm – daß Tante Clarissa ihm freundlichste Grüße entbieten läßt und die Hoffnung hegt, er werde seine Lungen recht in acht nehmen.«

Und doch zeigte, trotzdem diese gottlose Rede das letzte war, was sie sagte, und trotzdem sie diese Rede in der malitiösesten Weise sagte, deren sie irgend fähig war, das zarte, dunkle Gesicht und die kleine, zierliche Gestalt Georgys Augen einen Ausdruck der seltsamsten Untröstlichkeit – als der Zug sie hinwegführte und sie den letzten Abschiedsblick nach dem Bahnsteig der kleinen Station zurück lenkte.

Lisbeth stand an jenem Abend vor ihrem Spiegel und kämmte sich langsam das Haar – die Stille, die in dem kleinen Raume herrschte, traf sie scharf in ihrem Herzen.

»Es wäre niemals gegangen,« sagte sie zu sich selbst – »es wäre nun und nimmer gegangen. So ist's besser – bei weitem besser.«

Aber es war schwer genug, den letzten Vorgängen ins Auge zu schauen – und es war verwunderlich genug, der Gedanke, daß sie wirklich den Entschluß hierzu gefaßt hatte.

Nach einer Minute etwa setzte sie sich, mit dem Kamm in der Hand, während ihr das Haar lose auf die Schulter herabfiel, aus den Stuhl, und ließ die Umstände nochmals an ihrem geistigen Auge vorbeiziehen.

Sie war willens, den Winter in Pen'yllan zu verleben. Sie hatte auf die Fleischtöpfe Ägyptens Verzicht geleistet.

Um acht Uhr morgens würde sie ihr Frühstück, um zwei Uhr, wenn keine Gesellschaft da wäre, ihr Mittagessen, mit fünf Uhr den Thee zu sich nehmen und den Abend bei den Misses Tregarthyn verbringen.

Sie würde im Garten promenieren, an den Strand hinauswandern und gefügig Miß Clarissas Arzeneien schlucken.

Bei diesem Punkte zeigte sich ihr eine neue Perspektive, und sie fing an zu lachen.

Senfbäder und Dr. Puddifoots Rezepte im ungereimten Zusammenhang mit ihrer eigenen Kenntnis von den Dingen, erschienen auf einmal so spaßig, daß sie sich des Lachens nicht erwehren konnte, und sie lachte, bis ihr zuletzt die Thränen in die Augen traten: und dann, verdrießlich, wie sie über ihre Schwäche war, konnte sie sich in gleicher Weise aus eine kurze Zeit mich der Thränen nicht erwehren.

War sie niemals zuvor gerührter Stimmungen fähig gewesen, so war sie es in diesen Tagen mehr als genug.

Sie konnte sich jetzt auf ihre Unerschütterlichkeit nichts mehr zu gute thun.

Sie fühlte beständig entweder leidenschaftlichen Zorn wider sich selbst, oder leidenschaftliche Verachtung vor sich selbst, oder leidenschaftliche Begierde, die verlorene Selbstachtung wieder zu erringen.

Was konnte sie thun? Wie konnte sie sich retten? So ginge es nicht! so nicht! Sie mußte es mit neuem Kampf versuchen!

So redete sie zu sich in fieberhafter Erregtheit von früh bis abends.

Insgeheim war Pen'yllan ihr fast schon zuwider geworden.

Pen'yllan wäre, sprach sie bei sich, die Ursache gewesen zu allen ihren Thorheiten; aber für den Augenblick wäre es sicherer als London.

Wenn sie lange genug in Pen'yllan bliebe, würde sie vielleicht alles überstehen, würde sie zum wenigsten doch Herrin über ihre Launen werden.

Eine minder resolute junge Dame würde aller Wahrscheinlichkeit nach der ihr drohenden Gefahr schüchtern gegenüber getreten sein: nicht so aber verhielt es sich bei Lisbeth.

Sie hatte die Gefahr vom ersten Augenblick an kühn beim Schopfe gefaßt, hatte sich hartnäckig jeder kleinen Nachsicht mit sich selbst verschlossen gehalten.

Und jetzt war sie strenger und härter gegen sich als je. Sie wäre mit Freuden lieber in den Tod gegangen, als sich eine Blöße zu geben – und wenn sie sterben könnte, dann konnte sie doch ganz gewiß auch einen öden, langweiligen Winter ertragen.

Ihre sittliche Beschaffenheit war indessen um so vieles besser geworden, daß sie ihre kleinen Ärgernisse nicht an ihren Tanten heimsuchte, wie sie es in den alten Zeiten gethan haben würde.

Ihre Verhaltungsweise machte ihr unter den obwaltenden Umständen alle Ehre.

Sie spielte abends Schach mit Miß Clarissa oder las oder sang ihnen vor und faßte nach und nach eine grillenhafte Freude an dem Entzücken, das die alten Tanten über die Herzensgute des Mädchens empfanden.

Sie waren ja so leicht zu erfreuen, daß sie über ihr früheres garstiges Benehmen sich manchmal aus tiefstem Herzen schämte.

Sie fühlte ein fast krankhaftes Sehnen darnach, »so gut zu sein« wie Georgy, und sie übte diese Praxis des Gutseins an den drei alten Jungfern mit einer Hartnäckigkeit, über die sie selbst bald lachte, bald weinte, wenn sie allein war.

Ihr erster Brief an Georgy setzte das Mädchen in eine ganz unbeschreibliche Verwirrung und ergriff sie dabei doch in gewissem Grade.

Da sie glaubte, ihre geliebte Lisbeth sei Die vollkommenste von allen Frauen, konnte sie die seelische Krise gar nicht verstehen, die Lisbeth jetzt überstand, und konnte doch anderseits sich des Gefühls nicht erwehren, daß etwas Ungewöhnliches sich zutrüge.

»Ich nehme Tante Clarissas Arzenei mit einer zahmen Regelmäßigkeit, die sie beunruhigt,« zeigte der Brief an. »Sie glaubt, ich müsse in Auszehrung verfallen und konsultiert im stillen Dr. Puddifoot. Die Köchin hat Weisung, besonders nahrhafte Suppen für den Mittag zu bereiten, und wenn mein Appetit nicht Wunderdinge leistet, dann wird gleich alles, was mich sieht, käseweiß. Und doch bedünkt mich dies alles kein so guter Spaß zu sein, als wie es vor Jahren der Fall gewesen sein würde. Ich sehe die Sache von anderer Seite und möchte wissen, wie es wohl zugeht, daß sich alles so sehr um mich reißt. Ich meinesteils bin überzeugt, daß ich mich im Leben nicht gerissen haben würde um

Lisbeth Crespigny.«

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