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Schön Lisbeth

Frances Hodgson Burnett: Schön Lisbeth - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFrances Hodgson Burnett
titleSchön Lisbeth
publisherGreßner & Schramm
yearo.J.
translatorWalter Eichner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140623
projectida588876d
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Siebzehntes Kapitel. Eine seltsame Liebeswerbung

Georgy stand noch immer da und sah ihr nach.

Sie errötete tiefer als je zuvor.

Eine wunderliche Beklommenheit und Unbehaglichkeit überkam sie und erfüllte ihr Gemüt.

Sie hatte sich vordem bloß gefragt, ob es denn möglich wäre, daß Lisbeth nichts wüßte, nicht völliges Verständnis hätte; aber nun enthüllte sich ihr die Wahrheit von selbst in einem unangenehmen Aufblitzen der Erkenntnis.

»O!« rief sie aus mit verhaltenem Atem. »Sie sieht es nicht. Sie meint – ganz gewiß! sie meint – –«

Aber sie redete nicht zu Ende.

Pen'yllan und das schöne Wetter verloren für den Augenblick all ihren Reiz.

Während sie langsam den Flur entlang nach dem Salon schritt, mit dem Brief ihrer Mutter in der Hand, wäre sie fast die Luft angekommen, auf und davon zu laufen.

Sie besann sich auf so viele kleine Absonderlichkeiten, die sie in Lisbeths Benehmen und Weise in jüngster Zeit wahrgenommen hatte.

Lisbeth hatte es so oft einzurichten gewußt, daß sie, Georgy, mit Hektor allein war; sie hatte so viele Male für sich allein Spaziergänge unternommen; ihr Aussehen war kein gutes gewesen; sie hatte oft ein zerstreutes und unruhiges Wesen gezeigt.

Das Herz des Mädchens schlug stürmisch bei dem Gedanken, der ihr alle diese Dinge aufgezwungen hatte.

Sie fürchtete sich halb und halb, einer solchen Einbildung Raum zu geben.

An jenem Tage, wo Lisbeth draußen am Meeresstrande ihre Beichte abgelegt hatte, da hatte sie bekannt, daß ihre vergangene Grausamkeit ihr leid thäte.

Konnte es denn der Fall sein, daß ihre Gewissensbisse sich zu einer stärkeren Empfindung entwickelt hätten?

Daß sie die Liebe, die sie von sich geworfen, zu schätzen anfinge, in dem Maße sogar, daß sie Sehnen darnach im Herzen fühlte?

Wie schon von mir gesagt wurde, der Gedanke erschreckte Georgy ein wenig.

Sie hatte an Hektor Anstruthers soviel Bewundernswertes gesehen, daß sie sich oft in aller Unschuld gefragt hatte, wie es denn möglich wäre, daß Lisbeth sich seinen zahlreichen Vorzügen und Talenten gegenüber ablehnend verhielte?

In der That! Wie konnte denn irgend welches weibliche Wesen, das er liebte, so harten Sinnes sein, daß es ihr gefiele, ihn nicht zu schätzen und zu würdigen?

Sie selbst hatte, so sprach sie errötend bei sich, seinen Wert erkannt und würdigte seinen Wert, trotzdem er sie nicht im geringsten so geliebt hätte, wie er Lisbeth geliebt hatte.

Und dennoch hatte sie jetzt die Empfindung, als wenn es beinahe entsetzlich sein würde, den Gedanken zu fassen, daß Lisbeth, die kalte, sich so scharf im Zaume haltende Lisbeth sich, trotz ihrer Kälte und trotz der Herrschaft über sich, hätte gehen lassen?

Und dann: wenn dies der wahre Sachverhalt wäre – um wieviel schrecklicher würde dann das Gefühl sein, mißverstanden worden zu sein und von Lisbeth als Nebenbuhlerin angesehen zu werden.

Etwas mußte gethan werden; aber es war eine schwierige Sache, die Entscheidung darüber, was gethan werden sollte, zu treffen.

Ach! wäre es bloß eine Sache gewesen, über die sie mit Mama hätte sprechen können, die ja doch alles wußte und ihr in allen Dingen mit Rat und That an die Hand gehen konnte.

Aber es war Lisbeths Geheimnis – Lisbeths und Hektors Geheimnis: und darum mußte sie ihrer Aufgabe treu bleiben,

Sie war inmitten des Labyrinths, worin sie sich befand, den ganzen Nachmittag über im tiefsten Herzen traurig: so traurig, daß, als Anstruthers aus dem Dorfe nach Hause kam, um bei Miß Clarissa den Thee zu trinken, die Veränderung, die in ihr vorgegangen war, auf der Stelle von ihm bemerkt wurde.

Aber er befand sich selbst in einer verdüsterten Stimmung.

Darum ist es nicht zu verwundern, daß die kleine Gesellschaft, die um den Tisch herum saß, nicht annähernd so heiter und vergnügt war wie sonst.

Lisbeth hatte Kopfweh. Die Augen waren ihr schwer, und sie sprach nur wenig, verschwand auch, sobald die kleine Mahlzeit vorüber war.

Georgy wollte ihr aus der Stelle folgen, aber aus dem Flure trat ihr Hektor in den Weg.

»Kommen Sie mit nach dem Garten, Georgy,« sagte er – »ich habe etwas mit Ihnen zu sprechen.«

»Recht,« sagte Georgy – »sobald ich Lisbeth gebeten habe mitzukommen.«

»Aber,« versetzte er, »Lisbeth mag ich nicht dabei haben. Was ich zu reden habe, muß ich mit Ihnen reden, nicht mit Lisbeth.«

Georgy hatte mit einem Fuß schon auf der untersten Stufe der Treppe gestanden, und ihre Hand ruhte schon auf dem Geländer; aber ein gewisser Klang in seiner Stimme veranlaßte sie, sich umzudrehen und ihren Blick fragend auf ihn zu richten.

Er sah blaß aus und eingefallen.

Im Nu bemerkte sie, daß er durchaus nicht der alte war.

Ein leiser Schmerz schoß ihr durch das zarte Herz.

Wie unglücklich er aussah!

»Sie sind sehr blaß, Hektor,« sagte sie voll Mitleid.

Er versuchte zu lächeln, aber so sehr er sich zwang, es gelang ihm nicht recht.

»Ich vermute, daß ich nervös bin,« gab er zur Antwort. »Seien Sie freundlich gegen mich, Georgy – mein liebes Mädchen!« und er reichte ihr die Hand hin. »Kommen Sie,« sagte er; »Lisbeth fragt nicht viel nach unserer Gesellschaft. Sie geht uns immer aus dem Wege und meidet uns, sobald sie kann.«

Georgys Gesicht wurde verlegen. Hatte er die Wahrnehmung auch gemacht?

Dann mußte es sich doch ganz gewiß so verhalten, daß Lisbeth sie mied und ihnen aus dem Wege ging.

Sie war so sehr voll Unruhe in betreff Lisbeths, daß es ihr thatsächlich kaum auffiel, daß er eine Bitte sehr einfacher Natur in recht ungewöhnlicher Weise ausgesprochen hatte.

Sie hielt sich sogar nicht einmal die Frage vor, was er ihr wohl zu sagen haben könnte von Dingen, die er ihr vor Lisbeth nicht sagen wollte.

Aber sie wurde sich der seltsamen Beschaffenheit seiner Stimmung mit jeder Minute mehr bewußt.

Er sprach kaum ein halbes Dutzend Worte, bis sie zu ihrem gewöhnlichen Sitz unter der Hängebirke gelangt waren.

Und als sie sich dort niedergesetzt hatte, da warf er sich neben ihr in der zwanglosen Weise, die er so sehr liebte, in das Gras hin; aber ein paar Minuten lang sah er sie nicht einmal an. Er war ihr niemals vorher burschikos vorgekommen, aber jetzt drängte sich ihr doch der Gedanke auf, daß er wirklich recht burschikos wäre, daß ihm der Jüngling noch arg in den Nacken schlüge, und sie fing an, ihn mehr und mehr zu beklagen und sich über ihn zu wundern.

Plötzlich drehte er sich nach ihr herum und fing an zu sprechen.

»Georgy, mein liebes Mädchen,« sagte er mit einer Stimme, die, so sehr er zu wehren suchte, in heftigem Grade zitterte – »Georgy! ich möchte Sie um jenes große Geschenk bitten, dessen ich in so hohem Maße unwürdig bin.«

Wozu brauchte er ihr irgend welches weitere Wort zu sagen? Sie wußte jetzt sehr gut, was er meinte und weshalb er Lisbeth nicht hatte dabei haben wollen.

Und so rasch wie sie sonst mit dem Erröten bei der Hand war, diesmal errötete sie ganz und gar nicht.

Sie verlor sogar all ihre frische Farbe wie im Handumdrehen und saß ihm gegenüber mit einem Gesicht bleich wie der Kalk an der Wand, und voll eines Ausdrucks, der ganz anderer Natur war, als sie ihn sonst zu zeigen pflegte.

»Sie dürfen fortfahren, Hektor,« sagte sie – »ich werde zuhören.«

Da stürmte es denn aus ihm heraus, jäh und verzweiflungsvoll –

»Ich weiß nicht, wie ich es wagen darf, so viel zu bitten,« rief er – »ich weiß nicht, wie ich es überhaupt wagen darf zu sprechen. Sie haben kein Verständnis dafür, wie mein Leben beschaffen gewesen ist. Verhüte Gott, daß Ihnen ein solches Verständnis jemals aufgehe! Aber was davon übrig geblieben, das ist Ihrer nicht wert, Georgy – des süßesten, keuschesten Weibes nicht wert, das unser Herrgott jemals geschaffen! Und doch meine ich, eben weil ich Sie so tief und innig verehre, eben deshalb versuche ich, mich Ihrer Gnade zu überantworten. Ich wünschte, ein besserer Mann zu sein und – und – wollen Sie mir dazu helfen? Sie sehen nun, was ich Sie bitten will, Georgy! ja?«

Und er beugte sein bleiches Gesicht über ihre Hand und drückte einen Kuß auf diese Hand, so reumütig und bußfertig, daß es der Kuß eines Heiligen hätte sein können.

Fürwahr! eine seltsame Liebeswerbung!

Das Mädchen seufzte leise.

Ja wirklich! Sie seufzte leise.

Aber sie ließ ihm ihre Hand, ganz so, wie sie sie ihm an jenem früheren Tage gelassen hatte.

Sie hatte ihre knospende Liebe beiseite geschoben und hatte die Empfindung tapfer verwunden; trotzdem aber war ein Weh in ihrem Herzen zurück geblieben, und der Empfindung dieses Wehes konnte sie sich jetzt nicht verschließen.

Es würde ja im Augenblick vorüber sein, aber für den Augenblick stach es doch ganz empfindlich.

»Ja, Hektor, ich sehe,« gab sie fast unmittelbar zur Antwort – »Sie stellen die Frage an mich, ob ich Sie heiraten will?«

»Ja, mein liebes Mädchen.«

Und wiederum drückte er einen Kuß auf ihre Hand.

Dann trat auf kurze Zeit ein Schweigen ein; und er wartete, gespannt und empfindungsvoll – Gott im Himmel weiß, welch seltsame Hoffnung oder welch seltsame Furcht er in seinem Herzen fühlte.

Zuletzt aber da legte sich eine andere milde kleine Hand mit weichem Druck auf die seine und veranlaßte ihn, fragend aufzuschauen.

»Ist das die Antwort?« wagte er zu fragen, während stürmisches Klopfen von neuem sein Herz beängstigte.

Aber sie schüttelte mit dem Kopfe, während ein süßes, halb trauriges Lächeln auf ihr Gesicht trat.

» Die Antwort nicht,« sagte sie – »aber auch eine Antwort – eine Antwort auf ihre Weise. Es soll Ihnen sagen, daß ich mit Ihnen reden will, wie mir's mein Herz eingiebt.«

»Ich denke, das thun Sie immer«, sagte er unsicher.

»Ja, immer; aber jetzt muß ich in höherem Maße als sonst aufrichtig und wahr gegen Sie sein; heute fürwahr um deswillen, weil – weil Sie einen Irrtum begangen haben, Hektor.«

»Einen Irrtum! Dann ist's der erste nicht.«

Aber was für einen krampfhaften Schmerz fühlte er denn da im Herzen?

Wie schwer war es doch, den Blick ihrer klaren, hellen Augen auszuhalten.

»Sie haben einen Irrtum begangen,« fuhr sie fort. »O! wenn ich nicht wahr und aufrichtig gegen Sie und ebenso auch nicht gegen mich wäre, dann könnte Ihr ganzes Leben ein Irrtum sein von dieser Stunde an, und alles könnte fehl gehen. Sie bilden sich ein, daß Sie es lernen könnten, mich, wenn ich Ihr Weib wäre, zu lieben in jener besten und redlichen Weise, wie Sie es jetzt nicht thun, – bilden sich dies daraufhin ein, weil Sie mich bewundern können, weil Sie mir Vertrauen schenken können. Aber Sie können das nicht, so sehr viel Mühe auch ich mir selbst geben möchte; nein! Sie können das nicht! Sie können sich bloß eine schwächliche Nachahmung von jener besten, redlichsten Weise anlernen, und das würde Sie unbefriedigten Herzens lasse, Hektor! und mich nicht minder. Gatten und Gattinnen müssen jene beste, redlichste Art der Liebe, und absolut keine andere, im Herzen tragen, weil sonst nichts anderes ihre Stelle auszufüllen vermag – die Stelle in ihrem Herzen, die Gott durch sie ausgefüllte sehen will. Weil Sie ehrlich und aufrichtig gegen mich sind,« sagte sie weiter, während sie mit ihrer kleinen Hand die seine wärmer drückte, trotzdem warme Thränen in ihren Augen standen – »sagen Sie auch nicht, daß Sie mir jene Art von Liebe anzutragen haben, und daß Sie jene Art von Liebe nicht für mich im Herzen tragen, das weiß ich. Ich meine, daß Sie sie mir vielleicht nicht zu schenken vermöchten, auch wenn – zürnen Sie mir nicht deshalb, Hektor, weil ich es nicht habe verhindern können, diese Beobachtung zu machen – auch wenn Sie sie, fast wider Willen, nicht jemand anders geschenkt hätten –«

»Jemand anders!« rief er aus.

»Ja,« sagte sie schmerzerfüllt – »der Lisbeth!«

Er zog seine Hände weg und bedeckte sein Gesicht damit, während er verzweiflungsvoll stöhnte.

»Ich habe meine Antwort,« sagte er. »Sprechen Sie weiter sein Wort, Georgy. Das genügt mir.«

»Mißverstehen Sie mich nicht,« rief das Mädchen. »Sie können nichts daran ändern, nichts dazu thun. Wie sollten Sie das auch können? Die alte Liebe ist wirklich niemals gestorben. Und wenn Ihnen Ihr Auge jetzt sagt, daß sie um soviel besser und um soviel schöner geworden: wie konnte es dann anders kommen, als daß die Liebe zu neuem Leben knospen und kräftiger denn je werden mußte? Lisbeth ist's, die Sie lieben, Hektor, und Lisbeth ist Ihrer Liebe wert – ist jedes Mannes Liebe wert, sobald Sie sie nur richtig verstehen wollen. Ist es Stolz, was Sie zurückhält, Ihr Herz ihr zu offenbaren – oder thun Sie es deshalb nicht, weil Sie ihr, sogar trotzdem Sie sie lieben, Ihr altes Herzeleid nicht verziehen haben? Sagen Sie mir das!«

»Liebe ich sie,« fragte er, »oder hasse ich sie?«

»Sie lieben sie,« gab Georgy zur Antwort.

»Und doch,« sagte er düster, »habe ich Sie gebeten, mir zum Altare zu folgen, und Sie haben mir geantwortet, so sanft, wie's nur ein Engel hätte thun können, und mit so herzlichem Mitleid für mich.«

»Bloß deshalb, weil Sie einen Irrtum begingen,« sagte das Mädchen.

»Einen Irrtum!« wiederholte er. »Jawohl, es war ein Irrtum! Und wie ich schon gesagt habe, es war nicht der erste Irrtum, den ich begangen. Mein Leben ist voll von Schnitzern gewesen.«

»O!« sagte Georgy – »wie sehr wünschte ich, daß ich weise genug wäre, zu wissen, wie ich die Schnitzer heilen könnte. Wenn Sie mir bloß vertrauen und mich's probieren lassen wollten!«

Er sah sie mit traurigem Lächeln an.

»Ich meinte, es gäbe einen Weg,« sagte er; »aber Sie sind nicht gleicher Meinung mit mir.«

»Ich wußte es besser,« gab sie kopfschüttelnd und errötend zur Antwort: »und vielleicht war ich auch zu stolz und zu eifersüchtig. Ich bin nicht so gut, wie Sie meinen. Ich habe Sie sehr gern, aber doch nicht gern genug, um mich mit einer Hälfte zu begnügen. Lassen Sie uns die Sache also völlig vergessen!«

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