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Schön Lisbeth

Frances Hodgson Burnett: Schön Lisbeth - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFrances Hodgson Burnett
titleSchön Lisbeth
publisherGreßner & Schramm
yearo.J.
translatorWalter Eichner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140623
projectida588876d
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Dreizehntes Kapitel. Von der See her

Mittlerweile machte sie sich aber ihren gastlichen Wirtinnen äußerst angenehm und lieb und entzückte ganz Pen'yllan durch ihre echt mädchenhafte Weise.

Sie erforschte das ganze kleine Dörfchen, und den rauhen Strand nicht minder.

Sie schloß Freundschaft mit den Fischern und ihren Weibern und stämmigen Kindern. Sie erntete überall Bewunderung durch ihr anmutiges Interesse an allem, was die Bewohnerschaft von Pen'yllan betraf oder anging.

Sie unternahm lange Spaziergänge über die Sandfelder hin und brachte Muscheln und Seetang und Kieselsteine nach Hause und legte über jeden kleinen Fund von einiger Seltenheit eine so ehrliche Freude an den Tag, daß Lisbeth die Augen aufriß und schier unruhig wurde und die drei Misses Tregarthyn wieder allesamt jung wurden.

»Ich wünschte, mein Herzchen,« sagte Miß Clarissa zu Lisbeth, »Du wärest ebenso von Herzen froh; aber – aber ich fürchte, Du bist es nicht. Ich fürchte, Du findest unser Pen'yllan recht verschlafen.«

»Ich habe Pen'yllan nie vorher im Leben so nett gefunden, aber Du weißt ja, ich bin nicht so wie Georgy,« sagte Lisbeth. »Pen'yllan ist ganz so, wie es sein soll, Tante Clarissa, und ich bin hier lustiger, als ich es irgend wo anders würde sein können.«

»Das zu hören freut mich, mein Schatz,« erwiderte Miß Clarissa. »Manchmal, weißt Du, habe ich mir wirklich eingebildet, daß Du doch nicht ganz – ganz glücklich sein möchtest?«

Lisbeth stand von ihrem Stuhl auf und trat zu dem Fenster hin, von wo aus ihre dunklen Augen, in denen man nicht das geringste zu lesen vermochte, weit hinaus auf das Meer blickten.

»Glücklich!« wiederholte sie wie abwesend. »Ist denn überhaupt jemand glücklich? Wie schwer ist's darauf Antwort zu geben! Was mich anbetrifft, Tante, so verzichte ich darauf.«

Sie verzichtete auf viele Dinge während dieser Wochen, die sie in Pen'yllan verlebte.

Sie war ihrer selbst nicht mehr so sicher, nicht mehr so selbstbewußt, wie sie es gewesen war – sie war thatsächlich niemals in ihrem ganzen Leben so schlecht zufrieden mit Lisbeth Crespigny und so ungeduldig gegen Lisbeth Crespigny gewesen, wie sie es jetzt war.

Im Verlauf von etwa acht Tagen kam Hektor Anstruthers, wie er versprochen hatte.

An einem stillen, friedlichen Nachmittage guckte Miß Millicent, die am Fenster saß, nach dem Garten hinaus mit einem Ausdruck jähen Erstaunens in ihren Mienen.

»Schwester Clarissa!« rief sie aus. »Miß Esmond! dort kommt ein Herr den Kiesweg herauf, ein junger Herr und wirklich auch ein sehr hübscher junger Herr. Kennt ihn vielleicht eine von Euch? Herr Du meine Zeit! sein Gesicht scheint mir ja ganz bekannt. Es kann doch nicht etwa gar –«

Georgy lief zum Fenster hin, und in der nächsten Minute schwenkte sie freundlich ihre kleine Hand nach der fraglichen Persönlichkeit hin und lächelte und nickte mit dem Kopfe.

»Den sollten Sie doch kennen, Miß Tregarthyn,« sagte sie. »Das ist ja Herr Hektor Anstruthers.«

»O!« stieß Miß Clarissa hervor in einem gewissen Grade von Unruhe und Verlegenheit.

»Und Lisbeth ist da! Ich hoffe, Schwester Millicent –«

»Er hat Lisbeth sehr oft gesehen, als sie zu Hause war,« erklärte Georgy, die sich von großer Schuld bedrückt fühlte und lebhafte Furcht davor empfand, sich noch schuldiger zu machen – »ich weiß, daß ihn Lisbeth zuerst nicht sonderlich leiden konnte, aber er war einer von Mrs. Despards besonderen Lieblingen und – und er ist eine Art Vetter von mir.«

Es war für die Misses Tregarthyn eine große Erleichterung: diese Neuigkeit, die sie aus Georgys Munde erfuhren.

Sie besannen sich auf mancherlei kleine Episoden der Vergangenheit, die ihnen noch viel zu gut in der Erinnerung standen, als daß sie leichten Herzens der Verantwortlichkeit hätten ins Auge blicken können, ihre teure, liebe Lisbeth mit diesem jungen Manne wieder zusammentreffen zu sehen.

Miß Millicent war thatsächlich leichenblaß geworden, und Miß Clarissa war bei dem bloßen Gedanken an diese Möglichkeit der Atem ausgegangen.

Sie hatten sich kaum einigermaßen erholt, als der Gast in das Zimmer geführt wurde.

Natürlich mußte aber das, was Miß Esmond sagte, sich richtig so verhalten, und unter solchen Umständen bekam die ganze Angelegenheit dann ein anderes Gesicht.

Wie köstlich, wie erbaulich würde es sein, diesen Mann voll Genie, diesen Heros der Gesellschaft noch einmal in Pen'yllan zu begrüßen.

Aus dem Munde von zufälligen Besuchern hatten sie merkwürdige Berichte über die Laufbahn, die er zurückgelegt hatte, vernommen.

Es hatte ihrer geliebten Lisbeth also nichts genützt, daß sie sich so zurückhaltend über ihn verhalten hatte.

Sie hatten gehört, welch ein stattliches Vermögen ihm anheimgefallen war, was für ein stattlicher Herr er geworden, über was für schöne Talente er geböte, welcher Popularität er sich erfreute, und wenn sie sich den blondhaarigen, blauäugigen jungen Menschen vor Augen hielten, den Lisbeth so konsequent abgekanzelt hatte, da hatten sie sich voll Verwunderung einander gefragt, ob denn das alles, was ihnen zu Ohren gekommen, auf Wahrheit beruhen könnte.

Aber nun war der bewunderungswürdige Seladon selbst zur Stelle, konnte selbst für sich sprechen – und so ganz anders geworden war seine Erscheinung, so imponierend seine Art und sein Wesen, so wohlthuend seine Herablassung und Huld, daß eine jede von den drei freundlichen alten Jungfern sich insgeheim sagte, es scheine sich diesmal doch so zu verhalten, und das Gerede der Leute scheine nicht übertrieben zu haben.

Und leugnen läßt sich in der That nicht, daß Herr Hektor Anstruthers bei diesem Anlasse sich in einem sehr vortrefflichen Lichte zeigte.

Auf dem Wege von der kleinen Schachtel von Eisenbahn-Station bis her zu dem Hause der Misses Tregarthyn waren ihm mancherlei kleine Zwischenfälle in diesem so fernen Orte eingefallen, die sein Herz für diese braven, schlichten Gemüter wärmer schlagen machten.

Sie wenigstens waren doch wahr und aufrichtig und gütig gewesen.

Sie hatten ihn niemals, vom ersten bis zum letzten Augenblicke, im Stiche gelassen: sie hatten ihn beklagt und ihn zu trösten versucht, als sein Liebestraum so grausam zerstört worden war.

Er dachte daran, wie sich Miß Clarissa hinunter in den Garten geschlichen hatte in jener letzten bitteren Nacht und ihn in voller Länge, mit dem Gesicht nach unten, auf das feuchte Gras hingestreckt gefunden hatte; wie sie sich über ihn gebeugt und ihm schüchtern die Hand auf die Schulter gelegt und still vor sich hin geweint hatte, während sie nach Worten, die ihm tröstlich sein könnten, gesucht hatte, und doch immer dabei beflissen gewesen war, an ihrer getreuen Liebe zu diesem garstigen Mädchen festzuhalten.

Er dachte auch daran, wie stolz und heftig er ihr geantwortet hatte, so ganz in der Weise eines leidenschaftlichen jungen Trotzkopfs, der er ja damals auch war; wie er ihr zugerufen hatte, sie solle von ihm gehen, solle ihn seinen Kampf mit dem Teufel allein ausfechten lassen, denn er hätte von allem, was Weib heiße, sattsam genug.

Sie war nicht böse darüber geworden, die brave kleine Miß Clarissa, wenn sie die Reden auch schrecklich unangenehm berührt und in Verwirrung gesetzt hatten.

Sie hatte heftiger geweint als je in ihrem Leben und hatte ihm liebkosend über den Ärmel gestrichen und ihn gebeten, seiner teuren Mutter eingedenk zu sein und zu verzeihen – gütigen Herzens zu verzeihen – und dann zum Schlusse bitterlich geweint und das kleine, zierliche Taschentuch vor die Augen gehalten.

So schwand denn, als er in den niedlichen Salon trat und diese treue, gütige Freundin, ob seines plötzlichen Anblicks von leichtem Beben geschüttelt und von Erregung ergriffen, neben Georgy stehen sah, alles aus seinem Gedächtnis bis auf die Vorstellung dessen, was für eine treue, aufrichtige und edelmütige Seele sie gewesen, und die Röte der Freude hellte tatsächlich in diesem Augenblick sein Angesicht auf.

»Meine liebe und teure Miß Clarissa!« sagte er, und mit einem jähen Hervorbruch von unverblümter Kindlichkeit, wie Georgy sie nie zuvor an ihm bemerkt hatte, legte er den einen von seinen kräftigen jugendlichen Armen um ihre Taille und drückte auf ihre verblühte Wange einen zwiefachen Kuß.

»Mein lieber Sohn!« sagte Miß Clarissa. Einen Augenblick vorher hatte sie noch auf dem Punkte gestanden, ihm ihre schönste Verbeugung zu machen und ihn als »Herr Anstruthers« anzureden – »ach! reizend, daß wir Sie wieder einmal hier sehen! wie reizend!«

Das fröhlichste, süßeste Lächeln grub um Miß Georgys Mund liebliche Grübchen.

Wie gut und nett und wie ehrlich und rechtschaffen und wie so ganz ohne alle Ziererei er doch war! Wie gütigen, freundlichen Herzens!

Und wie lebhaft sie wünschte, daß Lisbeth ihn gerade in diesem Augenblick hätte sehen können!

Sie merkte thatsächlich, daß es ihr not that, sich die nächsten Augenblicke mit aller Tapferkeit zusammenzunehmen; denn sie fürchtete die Versuchung, einer weichen Empfindung Raum zu geben; er schien es doch so sehr zu verdienen, daß man ihm Bewunderung und Liebe schenkte.

Aber Lisbeth war nicht zu Hause.

Niemand wußte, wo sie wirklich war.

Seit der letzten Zeit war sie in die Gewohnheit verfallen, ausgedehntere Spaziergänge zu machen, als sogar Georgy, und gemeinhin auch einsam und allein.

Manchmal des Morgens oder Abends vermißte man sie auf die Zeit von einigen Stunden, und dann kam sie zurück, ziemlich derangiert und arg vom Winde zerzaust, und zu solchen Zeiten hatte es dann immer den Anschein, als wenn sie nach irgend wohin gelaufen oder eine größere Strecke Wegs zurückgelegt hätte.

»Ich thue es um meiner Gesundheit willen,« sagte sie einmal zu Georgy – »ich finde, mir ist viel Laufen in physischer und moralischer Hinsicht außerordentlich wohlthätig. Pen'yllan ist ein wunderlicher Platz und übt ganz absonderliche Wirkungen auf die Menschen.«

Unter anderem machte Georgy die Entdeckung, daß Lisbeth zuweilen auch mit den Kindern, die am Strande und auf den Dünen spielten, plauderte, und daß sie ihre Lieblinge darunter hatte, denen sie sogar ein paarmal gewisse Märchen- und Feen-Geschichten zu erzählen sich herabließ.

Als Georgy diese Entdeckung machte, da lachte Lisbeth und wurde rot, gleichsam als schäme sie sich über sich selbst, und dann setzte sie die Sache in ihrer gewöhnlichen Weise auseinander.

»Die Sache ist die,« sagte sie – »ich thue es als eine Art Buße. Als ich ein junges Ding war und hier lebte, da fürchteten sich die Kinder vor mir, und das war gar nicht zu verwundern. Meine Mode war es damals, schauerliche Mordsgeschichten über den Teufelsfisch zusammen zu brauen, um sie damit zu schrecken, und darüber, daß ich in dem Rufe einer Art von Schreckgespenst stand, das mit allem Graus des Meeres in enger Vertrautschaft stände, darüber freute ich mich fast. Manche von den Kindern machten mir die Freude, aufzuschreien und mit Gekreisch davon zu laufen, sobald sie meiner ansichtig wurden: und jetzt, wo ich in das überlegtere Alter eingetreten bin, jetzt habe ich die Empfindung, als wenn ich etwas thun müßte, um mich bei dieser zweiten Generation in besseres Licht zu setzen. Die armen kleinen Knirpse! Leicht haben sie's wirklich nicht im Leben!«

Auf einem von diesen Spaziergängen war sie an diesem Tage begriffen und demzufolge von Hause abwesend.

»Wir könnten sie, weiß ich, irgendwo am Strande finden,« sagte Georgy in Beantwortung der von Miß Tregarthyn gestellten Frage. »Sie liebt den Strand über alles und ist dort immer auf der Muschelsuche. Wenn Hektor der Seebrise Stand halten kann und Lust hat, nach der Bahnfahrt noch ein Stündchen im Sande zu laufen, so konnte er sich ja auf die Suche nach ihr begeben.«

Und nachdem es sich zur Genüge erwiesen, daß Hektor nicht bloß solcher Anstrengung gewachsen, sondern sogar nach einem Plauderstündchen mit Miß Millicent und Miß Clarissa und Miß Hetty erpicht auf solche Zerstreuung war, lief Georgy die Treppe hinauf nach ihrem Hute und nahm es, zurückgekehrt nach dem Salon, auf sich, den Ausflug zu leiten.

Es hatte wirklich den Anschein, als wenn es eine der Absonderlichkeiten von Pen'yllan bildete, sich im gegebenen Augenblick in seinem schicklichsten Gewande zu zeigen.

»Heut ist sie blauer denn je,« rief Georgy, ihrer Freundin, der See, zunickend, während sie die Schritte nach ihr hinlenkten. »Und die Kronen der kleinen Wogen sind weißer und die Seemöven in besserer Laune als sonst und mit ihrem Schicksal, wie's scheint, weit zufriedener als sonst.«

Sie hatte persönlich niemals frischer und luftiger oder liebreizender ausgesehen als heute, und das war auch die Meinung, die ihr Begleiter sich in seinem Geiste bildete.

Die vielen glänzenden jungen Herren, die Miß Georgy bewunderten, sobald sie nur den Fuß in einen der Londoner Ballsäle setzte, würden ganz sicher in noch weit hoffnungsloserer Weise als je verliebt in sie gewesen sein, wenn sie das Mädchen hier gesehen hätten mit den Pen'yllaner Rosen auf ihren Wangen und dem Glitzern der vom Sonnenlicht beschienenen See in ihren Augen.

»Wo giebt's ein zweites Wesen wie sie?« sagte Hektor Anstruthers zu sich – »wo giebt's ein zweites Wesen, so frisch, so gut, so natürlich und so lauter und rein?«

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