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Schön Lisbeth

Frances Hodgson Burnett: Schön Lisbeth - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFrances Hodgson Burnett
titleSchön Lisbeth
publisherGreßner & Schramm
yearo.J.
translatorWalter Eichner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140623
projectida588876d
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Zehntes Kapitel. Dreiundzwanzig

An diesem Abend steuerte er thatsächlich auf jenem gefährlichen Boden so weit, daß sich nicht sagen ließe, eine wie traurige Geschichte ich noch zu erzählen haben würde, wenn nicht die Schicksalsgöttinnen sich freundlicher gegen die hübsche Georgy Esmond verhalten hätten, als sie es gegen die Allgemeinheit der Menschen sind. Sicherlich deshalb wohl, weil sie besseres als das Schicksal eines getäuschten Mädchens verdiente, wendete sich folgender Anlaß zu ihren Gunsten, ehe sie sich an diesem Abend zu Bette legte.

Sie hatte sich während Hektors Besuch so recht von Herzen gefreut.

Sie hatte ihre süßesten Lieder gesungen und war in der heitersten aller Stimmungen gewesen.

Wahrlich, sie war sehr glücklich gewesen, und vielleicht hatte ihr unschuldiges, warmes Herz sich das eine oder andere Mal leicht beunruhigt gefühlt, durch die freundlichen Reden des jungen Mannes, obgleich sie in einer Gemütsstimmung war, weit entfernt davon, die Gründe für ihre behagliche und angenehme Stimmung zu zergliedern.

Als ihr Gast sich verabschiedet hatte, trat sie zu dem Armstuhl des Colonels, und da sie sich vielleicht etwas beklommenen Herzens fühlte darüber, daß sie »Papa« seit so langer Zeit sich selbst überlassen hatte, widmete sie sich der Aufgabe, ihm in ihrer verführerischsten Weise »um den Bart zu gehen.«

»Du bist so sehr ruhig und still, Papa,« sagte sie, sich auf einen Schemel neben ihn setzend. »Es quält Dich doch hoffentlich nicht das garstige Reißen wieder, Liebster? Mama! was sollen wir denn bloß nur anfangen, wenn sich die garstige Gicht einfallen läßt, ihn zu plagen, wenn ich nach Pen'yllan fahre. Da werde ich doch wohl zu Hause bleiben müssen, und Lisbeth auch. Er kann uns doch gar nicht missen, wenn ihn die garstige Gicht plagt.«

»Aber sie plagt mich ja gar nicht,« warf der Colonel eigensinnig ein. »Ich fühle mich ganz wohl, mein Herzchen; aber die Sache ist die – die Sache ist die – ich beschäftige mich eben mit einer Entdeckung, die ich heute Abend gemacht habe – mit einer Entdeckung in betreff Anstruthers.«

»Hektor?« rief Georgy aus halb unbewußt, und dann wendete sie ihre hellen Augen auf das schimmernde Gitter vorm Kamine.

»Ja,« fuhr Colonel Esmond fort. »Hektor in Person. Ich glaube, herausgefunden zu haben, was ihn so verändert hat – so verteufelt verändert hat, daß man gar nicht mehr recht gescheit aus ihm wird – während der letzten vier bis fünf Jahre. Du besinnst Dich doch, was für ein offener, warmfühlender Bursche er in seinem dreiundzwanzigsten Jahre war, Jennie?« Diese letztere Frage richtete sich an Mrs. Esmond.

»Papa,« fiel Georgy ihm ins Wort,, meinst Du wirklich, daß er sich zu seinem Nachteil verändert habe? In seinem Herzen, will ich damit sagen.«

»Er hat sich zu seinem Vorteil nicht verändert,« gab der Colonel zur Antwort – »aber sein Herz sitzt noch immer auf dem rechten Flecke, mein Kind.«

»Von Herzen ist er gut, das steht für mich fest,« sagte Georgy, ein bißchen mitleidig angehaucht – »ja, das steht für mich fest!«

»Natürlich ist er von Herzen gut,« sagte der Colonel. »Aber er hat sich in vielen Hinsichten geändert – sehr viel geändert. Und, meine liebe Jennie! ich habe die Entdeckung gemacht, daß die Störung auf das hinausgelaufen ist worauf Du von Anfang an hingewiesen hast. Es ist ein Weib dabei im Spiele. Ein Weib, das ihm abscheulich mitgespielt hat.«

»Sie muß eine recht herzlose Person gewesen sein,« sagte Georgy. »Armer Hektor!«

Der Colonel wurde gleich warm.

»Sie ist eine ganz schändliche herzlose Person gewesen – eine Person, die herzlos gewesen ist wider alle Art und Natur! Eine solche kaltblütige, selbstsüchtige Grausamkeit würde bei einem reifen Weibe unnatürlich gewesen sein, – sie war aber nichts weiter als ein Schulmädchen, als ein bloßes Kind. Ich wünsche mir Glück dazu, daß ich ihren Namen gar nicht erfahren habe. Der Mann der mir die Geschichte erzählt hat, hatte den Namen nicht gehört. Wenn ich ihn wüßte und wenn ich der Person jemals in den Weg laufen sollte, beim Himmel!« rief er in tugendsamer Entrüstung – »ich kann mir nicht denken, wie sich ein Mann von Ehre in demselben Zimmer aufhalten könnte mit einem solchen Weibe!«

Und dann polterte er heraus, was ihm von der Geschichte zu Ohren gekommen war, und angenehm klang es nicht, wahrlich nicht! Was er da erzählte, mit all der Wiedergabe von vertraulicher Färbung, wie es berichtet worden war.

Es war schlimm genug, damit anzufangen, aber schlimmer noch ward es dadurch, weil es durch die Hände von all den Männern gelaufen war, die sie zusammengestoppelt hatten aus Bruchstücken und allerhand Reden und Widerreden, sowie es ihnen am besten geschienen hatte.

»Und das schlimmste davon ist,« schloß Colonel Esmond seine Rede – »daß er's noch gar nicht verwunden hat, wie er's sich einbildet, daß es der Fall sei. Zum mindesten ist das die Meinung so von jenen Leuten. Es heißt, das Mädchen sei jetzt hier in London, und trotzdem sie seine Freunde zusammen sind, kann Anstruthers sich dem Zusammentreffen mit ihr doch nicht verschließen und ist immer ganz aufgebracht und unberechenbar, wenn sie ihm vor die Augen gekommen ist.«

»Armer Mensch,« rief Georgy aus, in ihrer tiefen, ruhigen Stimme. »Armer Hektor!«

Aber sie sah, während sie diesen Ausruf that, niemand an. Sie hatte tatsächlich während der ganzen Zeit, wo diese unerquickliche Geschichte erzählt worden war, nicht ein einziges Mal aufgeblickt.

Und als sie die Geschichte vernommen hatte, da sah sie ihr mit tiefer Empfindung ins Auge.

Nun, war sie denn etwa nicht weich und empfindsam? Während sie ihr zuhörte, da fielen ihr hunderterlei Zwischenfälle wieder ein.

Sie besann sich auf Dinge, die sie aus Hektors Munde gehört hatte, und auf andere Dinge, die sie ihn hatte thun sehen; sie besann sich auf ein gewisses ruheloses Wesen, das er gezeigt hatte, auf gewisse desperate Grillen und Einbildungen, und das Verständnis dafür, was sie zu bedeuten hätten, ging ihr an aufzugehen.

Ihre unklaren Vorstellungen von seinem Mangel an Glück fanden einen festen Grund.

Er war elend, sein Glauben war zerstört, weil jenes grausame Mädchen ihn seines ehrlichen Glaubens an Liebe und Wahrheit und Herzensgüte beraubt hatte. Ach, armer Hektor!

Sie sagte nicht viel dazu, während der Colonel und Mrs. Esmond die Sache diskutierten, aber sie dachte tief darüber nach, und als sie ihnen gute Nacht sagte und sich hinauf nach ihrem Zimmer begab, da stand eine trübe Art von Sinnen auf ihr Gesicht gegraben.

Sie machte sich nicht sogleich ans Auskleiden, sondern setzte sich an ihr Toilettentischchen und stützte ihre frische Wange in die Hand.

»Wissen möcht' ich, wer es wäre,« sagte sie mild und leise. »Wer könnte es wohl sein? Wen kannte er denn als er dreiundzwanzig Jahre alt war.«

Unzweifelhaft war es eine Art von Schicksalsfügung, daß sie ihre Augen gerade in diesem Augenblick auf das kleine, halb aufgeschlagene Billet hin lenkte, das neben ihrem Ellbogen lag, ein Billet, gerade so aufgeschlagen, daß sich die Unterschrift allein ihrem Blicke zeigte: »Ihre Sie herzlich liebende Lisbeth.«

Sie fuhr leicht zusammen und wurde dann blutrot. Eine seltsame Erregtheit bemächtigte sich ihrer.

»Lisbeth!« sagte sie, »Lisbeth!« Und dann setzte sie hinzu mit einem Tone, aus dem ein gewisser Vorwurf gegen sich selbst heraus klang – »o nein! Lisbeth nicht. Wie habe ich denn so etwas sagen können? Lisbeth doch nicht!« Sie streckte die Hand aus und griff, unter Protest gegen die Meinung, die in ihr aufgestiegen war, nach dem Billet. »Einen solchen Gedanken kann ich ja gar nicht ausstehen,« sagte sie. »Es mag sonst jemand gewesen sein aber Lisbeth war's nicht.« Und doch zwang sich ihr in der nächsten Minute ein neuer Gedanke auf, eine Erinnerung an gewisse Worte, die sie aus Lisbeths eigenem Munde vernommen hatte.

»Wir waren kaum etwas anderes als ein paar Kinder, wie wir uns in Pen'yllan kannten,« hatte diese junge Dame vor ein paar Tagen erst gesagt, in einem gewissen geringschätzigen Tone. »Er war erst dreiundzwanzig und ich – ach! ich war noch ein Kind, ein bloßes Schulmädchen, kaum älter als sechzehn.«

»Aber,« wehrte Georgy wieder ihren Gedanken, während ihre Augen mitleidsvoll erglänzten und Thränen sich den Weg zu ihnen erzwangen – »aber sie könnte es doch nicht gewesen sein! und wenn's Lisbeth gewesen, die er geliebt hat, so dürfte die Geschichte wohl stark übertrieben worden sein. Das geht mit solchen Geschichten immer so; und wenn ein Teilchen davon wahr ist, so ist sie doch noch so jung gewesen und hat nicht recht gewußt, was sie gethan. Es war nicht halb so unrecht aus seiten Lisbeths, als es von mir unrecht gewesen wäre, denn ich habe mein ganzes Leben lang Mama zur Seite gehabt, die mich den Unterschied zwischen recht und unrecht gelehrt hat. Lisbeth hat niemand gehabt als die Misses Tregarthyn – und herzensgute Menschen sind eben doch nicht immer gescheite und weise Menschen.«

Sie war selbst nicht sonderlich klug und weise, das arme liebevolle kleine Herz! Zum mindesten besaß sie keine Weltweisheit.

Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, diese grausame Geschichte in irgendwelche Beziehung mit ihrer herzigen Lisbeth zu setzen oder zu wissen, an der sie noch niemals ein Fehlerchen entdeckt hatte.

Und wenn die Geschichte mit Lisbeth in Beziehung gesetzt werden mußte, was für Entschuldigungen mochten da nicht vorzubringen sein!

O! sie war ja fest überzeugt, daß die Geschichte übertrieben wäre, und daß, wenn die Wahrheit bekannt wäre, Lisbeths Schuld einzig und allein hervorgegangen wäre aus Lisbeths Jugend und Lisbeths Unschuldigkeit.

Sie fühlte sich so beunruhigt in betreff ihrer Freundin, daß es einer sehr langen Zeit bedurfte, ehe sie sich darauf besann, daß sie selbst einen stillen schwachen Schmerz in ihrem Herzen zu bekämpfen hätte, bis jetzt freilich bloß den Schatten von einem Schmerz, aber doch einen Schatten, der, wenn er nicht rechtzeitig unterdrückt und gebannt wurde, um vieles, vieles schwerer zu behandeln sein würde als jetzt.

»Ich meine,« sagte sie endlich, beim Klang ihrer eigenen Worte leicht errötend, »ich meine, daß ich mich vielleicht für Hektor mehr zu interessieren anfing als für sonst einen Mann – und ich freue mich darüber, daß mir Papa das gesagt hat, ehe – ehe es zu spät war. Ich meine, ich würde nach kurzer Zeit betrübter gewesen sein als ich es jetzt bin – und dafür sollte ich jetzt dankbar sein. Wüßte ich nicht, daß ich empfindlich bin statt empfindsam, dann würde ich vielleicht versuchen zu glauben, daß das, was gesprochen wird, nicht wahr ist, und daß er seinen Schmerz wirklich verwunden hat; aber ich dürfte doch wohl eher empfindlich werden und glauben, daß er sich bloß meiner als seiner Freundin zu erinnern strebt, wie er es sein ganzes Leben lang gethan hat. Das muß ich denken,« dachte sie eifrig – »dessen muß ich immer eingedenk sein, wenn er in meiner Nähe ist. Es dürfte das beste so sein. Und wenn Lisbeth die Person ist, die er geliebt hat und wenn er sie noch liebt – dann muß ich – muß ich versuchen es so einzurichten, daß sie beide einander verzeihen.«

Und bei diesen Worten senkte sie das Gesicht, und als sie das Billet leicht mit den Lippen streifte, da fiel ein heller Tropfen, gleich einem Juwel, aus das Papier. »Wir müssen immer treu und wahr zu einander sein,« flüsterte sie bebend – »das wäre eine böse Welt, wenn die Menschen nicht treu und wahr zu einander wären und nicht zum Wohl und Segen derer, die sie lieben, kleine Opfer zu bringen bereit sein wollten.«

Und so geschah es, daß die unschuldige weiße Liebesrose, gerade in dem Augenblick als sie sich der Sonne zuwendete, ihre frischen Blumenblätter wieder schloß, und wieder zur Knospe sich zurückgestaltete.

Es war besser, daß es so war, weit besser, daß sie auf längere Zeit noch Knospe bleiben sollte, als daß sie zu zeitig erblühte und ihre zu blasse Schönheit verlöre, bevor der Sommer wirklich hereingebrochen.

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