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Schnurrige Kerle und andere Humoresken

Georg Bötticher: Schnurrige Kerle und andere Humoresken - Kapitel 9
Quellenangabe
typesketch
booktitleSchnurrige Kerle und andere Humoresken
authorGeorg Bötticher
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSchnurrige Kerle und andere Humoresken
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Der Tugendpreis.

1.

Herr Schnüffler, der Wirt zur »Stadt Berlin«, dem Bahnhofshotel des Städtchens Lengefeld, saß in dem leeren Wartesaal dritter Klasse seines Restaurants und studierte angelegentlich eine Zeitungsnotiz. Seine Augenbrauen waren hoch hinaufgezogen und er rieb sich wiederholt seine von einem Klemmer gekrönte stattliche Burgundernase, die von dem Frühstück, dessen Reste noch auf dem Tische standen, funkelte und glühte. »Hm, hm,« brummte er nachdenklich, »das wäre so was für die Amalie! Schönes Geschenk, ehrenvoll für beide Teile und kostenlos.« Und Herr Schnüffler lachte behaglich, das heißt: er ließ einige Töne hören, die dem Quaken eines Frosches nahe kamen.

Die Zeitungsnotiz, welche Herrn Schnüffler diesen Genuß verschaffte, lautete folgendermaßen:

»Naumburg a. d. Saale. 10 Juli. Gestern wurde der ledigen Johanna Klepperbein der sogenannte »Tugendpreis«, bestehend in hundert Mark, welche die Regierung für dienende Jungfrauen von untadeligem Lebenswandel nach Absolvierung dreißigjähriger Dienstzeit ausgesetzt hat, von unserem Herrn Bürgermeister mit einer herzlichen Ansprache überreicht.«

Die vierundfünfzigjährige Amalie, Wirtschafterin und Kellnerin zugleich, stand bereits seit zweiunddreißig Jahren bei Herrn Schnüffler in Dienst. Bezüglich dieses Punktes war also ihre Anwartschaft auf den Tugendpreis über alle Anfechtung erhaben. Was den untadeligen Lebenswandel betraf – so lagen allerdings einige Kleinigkeiten vor, die, streng genommen und so zu sagen, besonders von Übeldenkenden – – indessen, das war lange, lange her. Wer wußte das noch und wer würde das so genau nehmen? Das Ding ließ sich zweifellos machen. Das Notwendigste war jetzt, mit dem Bürgermeister Rücksprache zu nehmen. Das konnte gleich heute geschehen. Dieser berichtete dann an das Ministerium – wahrhaftig, die Sache war ja äußerst leicht auszuführen. Daß ihm dieser Tugendpreis nicht schon früher eingefallen war! Das Geld liegt auf der Straße, man braucht sich bloß zu bücken, um es aufzuheben.

Herr Schnüffler erhob sich mit dem doppelt wohlthuenden Gefühl: einem Menschen eine Freude machen zu können, ohne einen Pfennig dafür ausgeben zu müssen.

Es war jetzt acht Uhr – zum Besuch des Bürgermeisters noch zu früh. Herr Schnüffler verfügte sich also in die Tiefe seines Kellers, um dort noch ein Stündchen mit Hilfe künstlerisch verzierter Etiketten der Weinveredlung obzuliegen.

Als er gegen neun Uhr, um etwas Toilette zu machen, aus den dunkeln Räumen in sein helles Schlafzimmer zurückkehrte, hatte seine Nase eine Färbung angenommen, die mit bleu mourant ganz zutreffend bezeichnet werden konnte. Doch war es keineswegs dieses Umstands halber, daß er wenige Minuten später, nachdem er die spärlichen Haare seines Hinterhauptes mit einigen genialen Bürstenstrichen über den ganzen kahlen Schädel klug verteilt und einen Hut hervorgeholt hatte, möglichst schnell und geräuschlos an der Küche, wo die gestrenge Gattin waltete, vorüberzukommen strebte. Dies hatte vielmehr seinen Grund einzig darin, daß er als ein ehrlicher Mann, dem jede Lüge in den Tod zuwider, unbequemen Fragen über die Ursache seines frühen Ausganges aus dem Wege gehen wollte. Und aus allerlei Gründen hielt er nun einmal für besser, seiner Gemahlin den Plan bezüglich Amaliens vor der Hand noch zu verschweigen.

2.

Der Bürgermeister von Lengefeld, ein jovialer Vierziger, bekleidete sein Amt erst seit einem Vierteljahr. Er war infolgedessen noch wenig vertraut mit den Verhältnissen des Städtchens und begreiflicherweise geneigt, den Unterthanen seines Reiches voll Vertrauen entgegen zu kommen, schon um die einem Bürgermeister so notwendige Popularität zu gewinnen. So hörte er denn auch das Anliegen des ihm bekannten Bahnhofswirts mit wohlwollendem Interesse und ermutigendem Lächeln an.

»Über den Lebenswandel der Betreffenden – denn dies kommt hier natürlich hauptsächlich in Betracht – liegt selbstverständlich nur Gutes vor?«

Herr Schnüffler bekämpfte einen leichten Hustenanfall. »Na, das versteht sich!« versicherte er eifrig. »Zweiunddreißig Jahre im Dienst, treu, ehrlich und fleißig, unermüdlich thätig bei Tag und Nacht – kleine Ersparnisse, aber natürlich ärmliche Verhältnisse – nu, Sie wissen ja, mein Herr Bürgermeister, wie diese Verhältnisse sind – –«

»Also das Betragen dieser Amalie – daß wir uns recht verstehen – war immer ein durchaus sittliches, anständiges?«

»Nu freilich, freilich! Alle zwei Wochen Kirchenbesuch, häufig auch noch die Abendgottesdienste – gänzliche Zurückhaltung von öffentlichen Lustbarkeiten – –«

»Und ihr Wesen den männlichen Gästen gegenüber – nicht kokett, nicht herausfordernd?«

»Gott soll mich bewahren!« rief Herr Schnüffler mit seinem süßesten Lächeln. »Wo sollte das auch herkommen, verehrter Herr Bürgermeister?! Amalie wird nächsten Monat vierundfünfzig Jahre« –

»Schon gut, werter Herr Schnüffler, aber ich meinte in früheren Jahren. Nun also: schicken Sie mir die nötigen Papiere recht bald und der Bericht soll sogleich abgehen. Ich denke, der Preis wird dem alten Mädchen anstandslos zuerkannt werden.«

Herr Schnüffler trat den Heimweg in gehobenster Stimmung an. Schon voriges Jahr war er genötigt gewesen, Amalien eine Zulage – allerdings ohne jede Zeitbestimmung – in Aussicht zu stellen. Nun kam er auf eine so mühelose, billige Weise dazu, sein Versprechen auch halten zu können. Etwas wie Rührung erfaßte ihn über sein edelmütiges Benehmen, gemischt mit Hochachtung vor seiner Erfindungsgabe und dieses gemischte Gefühl erweckte wiederum eine gesteigerte Liebe zu der Menschheit im allgemeinen. Seiner Gattin brachte er in Gestalt einer Pfingstrosenknospe einen Gruß aus dem Garten in die Küche – eine Galanterie, die leider nicht die verdiente Würdigung fand; und während der Table d'hote sah er es ruhig mit an, daß der dicke Assessor Kröpler ein drittes Mal Pudding serviert erhielt, eine Ausschreitung, die er an jedem andern Tag leidenschaftlich verhindert haben würde. Und er betrachtete nicht nur ohne Groll, sondern mit ganz liebevollen Blicken die diesen Pudding servierende gute, altjüngferliche, ahnungslose Amalie. Ja, der treffliche Gastwirt vergaß sogar über der heimlichen Freude, die ihn erfüllte, des Umstandes, daß der Buchhalter Schmidt heute Geburtstag hatte, ein Ereignis im Leben seiner Stammgäste, das Herr Schnüffler nie vorübergehen ließ, ohne dem Jubilar glückwünschend eine Flasche Sekt zu präsentieren, geöffnet, damit sie nicht zurückgewiesen werden konnte und dem Gefeierten später natürlich in der Monatsrechnung angekreidet.

Nachmittags gewann er infolge seiner freieren Geistesstimmung dem Amtmann und dem alten Chausseeinspektor vier Mark im Skat ab, und um die Freude dieses Tages voll zu machen, brachte der Hausknecht Friedrich mit dem Fünf-Uhr-Zug einen sehr honett aussehenden, feingekleideten Reisenden mit vom Bahnhof herüber.

Es gab nämlich mehrere Gasthöfe in der guten Stadt Lengefeld und die Reisenden pflegten früher nicht selten, eines albernen Vorurteils halber, das mit Bahnhofshotels eine gewisse Höhe der Preise verbindet, an dem Gasthaus des Herrn Schnüffler vorüber zu gehen, bis dieser auf den ingeniösen Gedanken gekommen war, bei Ankunft jedes Zuges Friedrich mit Stentorstimme ausrufen zu lassen: »Hotel Schnüffler!« – »Hotel Stadt Berlin!« – »Bahnhofshotel!« Eines dieser drei Hotels wurde von dem Ankommenden meistens gewählt und da alle drei nur euphemistische Bezeichnungen des kleinen Gasthauses des Herrn Schnüffler waren, so hatte seitdem eine entschiedene Zunahme der Kundschaft stattgefunden.

3.

Der heute eingefangene Reisende, dem Friedrich eine kleine Handtasche und ein riesiges, unförmiges Paket nachtrug – das sich später als ein großer Globus entpuppte – verlangte zunächst nach einem »solennen Mahl«, nebst einer »Flasche Mosel« und entdeckte sich in einem intimen Gespräch dem Herrn Schnüffler, der die Gefälligkeit hatte, mit von dem Moselwein zu trinken, als ein Privatgelehrter Namens Seidlitz, der topographischer Studien halber zwei bis drei Wochen in Lengefeld sich aufzuhalten beabsichtigte. Der neue Gast, ein blühender Mann in den besten Jahren, mit einem mächtigen blonden Vollbart und heiterem, freiem Gesichtsausdruck, erwies sich als ein vortrefflicher Gesellschafter, der das Herz des wackern Herrn Schnüffler sogleich dadurch gewann, daß er den »Mosel« – er war aus der Gegend von Naumburg – über die Maßen lobte und die ihm aufgetragenen Rühreier mit Schinken für seine »Leibspeise« erklärte. Mit diesem Ausdruck bezeichnete er zwar in den folgenden Tagen und Wochen noch oftmals auch viele andere, ja die meisten Gerichte, wußte es aber immer so überzeugend zu bethätigen, daß der treffliche Wirt, der sonst ein leichtverständliches Mißtrauen gegen»Privatgelehrte« hegte, sich völlig entzückt und eingenommen von seinem Gaste zeigte, der seinerseits sich nicht minder im Hause des Herrn Schnüffler wohl zu behagen schien und stets einen vorzüglichen Appetit und einen noch besseren Durst von seinen »Vermessungen« mit nach Hause brachte, die er merkwürdigerweise ohne alle sonst üblichen Instrumente vorzunehmen pflegte.

Au der Table d'hote war er bald hochbeliebt, er erzählte in virtuoser Weise höchst gewagte Geschichten, von denen er einen unerschöpflichen Vorrat besaß und benahm sich bei allen Gelegenheiten, wo etwas zum besten gegeben werden konnte, auf das allergentilste, so daß seine Zeche bald eine für den Wirt recht erfreuliche Höhe erreicht hatte.

Mit Herrn Schnüffler stand er längst auf dem Duzfuße. Dieser besuchte ihn zuweilen abends auf seinem Zimmer, wo Herr Seidlitz ihm dann an dem auf dem Tische aufgestellten großen Globus allerlei Wissenschaftliches demonstrierte, das Herrn Schnüffler, der es nicht verstand, mit ungeheuerem Respekt vor seinem Gast erfüllte.

4.

So mochten nahezu drei Wochen vergangen sein, als Herr Schnüffler eines Morgens vom Bürgermeister die Nachricht erhielt, daß die Regierung den Bericht über die zum Tugendpreis vorgeschlagene Amalie Zschille zustimmend beantwortet habe. Nach Vornahme einiger letzter Formalitäten werde dem Gesuche zweifelsohne entsprochen werden und es sei demnach vermutlich schon in den nächsten Tagen der Auftrag zur Überreichung des Preises zu erwarten.

Herr Schnüffler hatte sich auf diese freudige Nachricht hin nicht enthalten können, mittags an der Table d'hote nunmehr den von ihm gethanen Schritt und den glücklichen Erfolg desselben mit bewegter Stimme mitzuteilen, eine Eröffnung, bei welcher die zehn Stammgäste sich erst schweigend ansahen, dann aber in ein so unbändiges Gelächter ausbrachen, daß die dunkel erglühende Amalie, die bei dieser Gelegenheit das erste Wort über die ihr zugedachte Ehre vernahm, in die Küche entfloh.

Wohl dreimal mußte der geschmeichelte Gastwirt mit jedem seiner Gäste auf »den genialen Schnüffler« und die »Tugendboldigkeit« der Jungfrau Amalie anstoßen. Auch Amalie, im Triumph vom Amtmann und dem Assessor Kröpler aus der Küche geholt, sah sich gezwungen, wohl oder übel Bescheid zu thun.

Der Tugendpreis bildete natürlich das Hauptgesprächsthema auch bei der nach Quantität wie Qualität gleich bescheidenen Bowle, die der treffliche Gastwirt gegen acht Uhr den vollzählig versammelten Stammgästen auf den Tisch stellte, in der stillschweigenden Voraussetzung, daß das Präsent einige weitere größere Bowlen nach sich ziehen würde, die die kleine Auslage reichlich lohnten. In diesem Kalkül hatte er sich denn auch keineswegs verrechnet, die Stimmung ward zusehends eine höchst animierte und Herr Seidlitz, der als Präsident fungierte und mit dem Vortrag seiner tollsten Anekdoten wahre Heiterkeitsstürme entfesselte, bestellte allein drei Flaschen Heidsick Monopole. Die Pfropfen knallten um die Wette, Gläserklingen, Anrufe und schallende Hochs wechselten miteinander, kurzum, es war ein Spektakel, wie er lange nicht hier gehört worden!

Gegen neun Uhr kam noch ein Fremder dazu, der den Hausknecht Friedrich in der Stadt nach einem Gasthof angesprochen und von diesem hierher gewiesen worden war, ein freundlicher, älterer, kleiner Herr mit grauen Bartkotelettes und goldner Brille, der erst abseits von der lustigen Ecke einsam ein paar Bissen verzehrte, bald aber der dringlichen Einladung des Herrn Schnüffler Folge leistend, sich der ausgelassenen Tafelrunde zugesellte, der er sich als ein Dr. Wellmer vorstellte, der in Geschäftsangelegenheiten das Städtchen besucht und mit dem Zehn-Uhr-Zug nach der Residenz zurückzukehren beabsichtige.

Die wiederholten Anspielungen, die mancherlei Toast auf die »untadelige Amalie«, auf den »Tugendschnüffler«, den »Jungfrauenentdecker« veranlaßten den neuen Gast, nach der Veranlassung des Festgelages zu fragen, und die ihm von allen Seiten in den übermütigsten Ausdrücken erteilte Auskunft schien ihn so außerordentlich zu ergötzen, daß er einen richtigen Lachkrampfanfall bekam und dadurch wieder die übrige Gesellschaft zu tollsten Heiterkeitsausbrüchen hinriß.

Der Dr. Wellmer erholte sich zuerst wieder und rief mit allerdings von Lachthränen fast erstickter Stimme, die in dem ungeheuern Tumult, dem um ihn herum sich kreuzenden Lachen, Zurufen und Gläserklingen kaum zu Gehör kam: »Ich lache mich schief, ich lache mich schief! Nein, es ist herrlich, himmlisch, göttlich! – Herr Schnüffler soll leben! Eine geniale Idee! – Diese Amalia hat also – ist also – hahahahaha – sozusagen doch von der Liebe Macht – hahahahaha« –

»Dreimal – nur dreimal!« quakte Herr Schnüffler, der sich bewältigt vom Lachreiz und dem vielen genossenen Sekt in einen Schaukelstuhl geworfen hatte, während helle Thränen über sein dickes Wirtsgesicht und die Karfunkelnase flossen. Seidlitz hielt den Amalie kopierenden, sich altjüngferlich sträubenden Amtmann umfangen, von dem dicken Assessor und dem Chausseeinspektor umgeben, die, den Oberkörper und das eine Bein wagerecht ausgestreckt, mit jenen eine Ballettschlußgruppe improvisierten, während die übrigen unter Anführung des Buchhalters Schmidt um die Gruppe und den in seinem Sessel vor Lachen fast erstickenden Dr. Wellmer herum einen »Schunkelwalzer« aufführten und dabei die bekannte Melodie mit fürchterlichen Kratzstimmen intonierten.

Doch da schallte die Hausglocke in den Heidenspektakel und der intelligente Friedrich erschien in der Thür, um den Dr. Wellmer zum Zuge abzurufen.

Mit der äußersten Anstrengung nur gelang es dem letzteren, der schnell Hut und Stock ergriffen, in dem ohrenzerreißenden Tumult sich zu verabschieden. Unter zehnmal wiederholtem Händeschütteln der ganzen Gesellschaft, die ihn durchaus nicht fortlassen wollte, und nach mehrfachen Umarmungen des auf dem Rührungsstadium angelangten Herrn Schnüfflers glückte es ihm endlich aus dem Lokal zu entkommen, aus dem ihm noch bis an den Perron ein dreimaliges donnerndes Hurra nachschallte.

5.

Andern Tages empfing Herr Schnüffler, der eben die Tische für die Abendgäste bereitstellte, ein Billet vom Bürgermeister, das er in freudiger Erregung öffnete, die aber während der Lektüre einen ganz anderen Charakter annahm. Das Billet enthielt folgende Zeilen:

Der Herr Regierungsrat Dr. Wellmer, der gestern Nachmittag in Angelegenheit Ihres Gesuchs bei mir verweilte, teilt mir soeben mit, am selben Abend aus Ihrem eigenen Munde gehört zu haben, daß die bei Ihnen in Diensten stehende Amalie Zschille eine, vielleicht wiederholte Niederkunft gehabt hat.

Wie Sie unter diesen Umständen die Dreistigkeit haben konnten, auf Erteilung des Tugendpreises für die genannte Person anzutragen, wird eine Untersuchung ergeben, die ich mir vorbehalte

Der Stadtrat zu Lengefeld.
Dr. Stumm, Bürgermeister.
       

»So ein – na, das muß ich sagen« zischte Herr Schnüffler, dessen breite Züge viel von ihrem schönen, roten Kolorit verloren hatten. »Pfui Teufel, so was ist mir doch noch nicht vorgekommen! Drängt sich in die Gesellschaft – nein, so ein hinterlistiger – Was spionierst du hier? Was hast du hier zu suchen?«

Diese letzten Worte galten dem Hausknecht Friedrich, der spähend seinen Kopf zur Thür hereinsteckte.

»Weil ich Sie was zu geben habe, Herr Schnüffler.« Und damit holte Friedrich aus dem Latz seiner blauen Schürze einen Brief hervor. »Von Herrn Seidlitz.«

»Von wem?« rief Herr Schnüffler, dem ein sonderbarer Schreck in die Beine fuhr.

»Von Herrn Seidlitz, dem ich eben die Tasche an den Zug habe bringen müssen.«

»An den Zug? Nu – der wird doch nicht –« und Herr Schnüffler riß das Couvert herunter.

Lieber Schnüffler!

Vom Schicksal genötigt, dein mir so liebgewordenes Heim zu verlassen, muß ich dich bitten, meine kleine Zeche aus dem Erlös des zu diesem Zweck zurückgelassenen Globus –

»So ein Halunke! So ein Schweinepriester! So ein niederträchtiger Schuft! Und du altes Heupferd hilfst ihm noch beim Durchbrennen, du läßt ihn ruhig fortfahren, du hältst den Kerl nicht fest, du, du – mach', daß du 'rauskommst – du bist und bleibst das dümmste Trampeltier auf Gottes Erdboden!! Wenn du noch lange stehst, hau' ich dir eine 'runter – du einfältiges Schafsgesicht! Und Sie, Amalie, könnten auch was Besseres thun, als hier zu stehn und die Augen aufzureißen! Ihretwegen ist die ganze Schweinerei. Hätten Sie sich besser aufgeführt, da wär' ich jetzt nicht blamiert. Das kommt aber von meiner Gutmütigkeit – na, an den Tag will ich denken – so eine Räuberbande!«

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