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Schnurrige Kerle und andere Humoresken

Georg Bötticher: Schnurrige Kerle und andere Humoresken - Kapitel 5
Quellenangabe
typesketch
booktitleSchnurrige Kerle und andere Humoresken
authorGeorg Bötticher
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSchnurrige Kerle und andere Humoresken
created20050306
sendergerd.bouillon
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»Romanée mousseux.«

Der Bahnhofsrestaurateur der Station S., Herr Schnüffler, wanderte an einem trüben Novembernachmittag mit dem Hausknecht Friedrich im Wartesaal zweiter Klasse erregt auf und ab. Heute früh war im Telegraphenbureau die Nachricht eingelaufen: Se. Durchlaucht, der Landesfürst, werde nachmittags vier Uhr in S. eintreffen. Der spekulative Geist des Herrn Schnüffler, eines Gastwirts reinster Rasse, hatte den seltenen Besuch sofort mit einer Weinsorte seines Kellers in ideale Verbindung gebracht, einem Schaumwein, der ihm vor Jahren als »Romanée mousseux« aufgehängt worden war und sich hinterher als eine nicht mehr moussierende Limonade gazeuse herausgestellt hatte. Diese Ideenassociation des trefflichen Wirts hatte sich im Laufe des Tages zu einem festen Plane verdichtet.

Das sonst sehr kahle Wartezimmer mit dem Öldruckporträt Sr. Durchlaucht und dem Reklamebild einer Watercloset-Fabrik als Pendant prangte infolgedessen heute im Schmuck einer dicken Fichtenguirlande und eines ölfleckigen Transparents, dessen blutigrote Inschrift »Vivat der Landesvater!« auch dem Kurzsichtigsten erkenntlich war. Der eiserne Ofen strahlte eine ihm selbst höchst ungewohnte Wärme aus, denn für gewöhnlich wurde dieses Wartezimmer nicht geheizt – »weil doch kein Mensch hineingeht,« wie Herr Schnüffler zu sagen pflegte, während in Wahrheit niemand hineinging, weil eben das Zimmer nie geheizt ward. Die Wanduhr zeigte jetzt halb vier. Herr Schnüffler gab dem Hausknecht, der zugleich Oberkellner war, die letzten Instruktionen.

»Sowie der Zug einfährt, begiebst du dich hinter den Tisch, wo der Kübel mit den Flaschen steht. Der Draht ist entfernt, du hast also nur den letzten Bindfaden zu durchschneiden. In dem Moment, wo Se. Durchlaucht eintritt, brennst du den Schwärmer los und läßt die Pfropfen springen. Das heißt: sie werden ja nicht springen, das Luderzeug moussiert ja nicht mehr, aber 's soll doch so klingen – dazu ist eben der Schwärmer da. Und dann schenkst du schnell ein! Alle sechs Gläser auf dem Präsentierteller dort! Das übrige besorge ich. Wenn du deine Sache gut machst, sollst du fünfzig Pfennige haben. Also paß auf, Friedrich, hörst du?! Und jetzt steck' das Gas und die Transparentlichter an.«

»Keene Sorge nich, Herr Schnüffler! Wird allens bestens besorgt!« brummte Friedrich in seinem vergnügtesten Baß. Die Aussicht auf die fünfzig Pfennige und den Schaumwein, von dem sich wohl unter dem Tisch ein Schlückchen genehmigen ließ, wirkte sehr anregend auf ihn.

Bald darauf erstrahlte das Zimmer im Scheine der vier Gasflambeaus.

Herr Schnüffler sah auf die Wanduhr: es war jetzt dreiviertel. Er ging in den Wartesaal dritter Klasse hinüber, wo einige Bahnwärter das Tagesereignis bei einem Glas Bier besprachen, schraubte dort das Gaslicht niedriger, rückte am Büffet einige abseitsstehende, verdächtig aussehende Schinkensemmeln mehr in die Mitte, empfahl der Mamsell die Bereithaltung diverser Schnäpse, ließ sich endlich eine Dose Biskuits reichen und begab sich mit derselben wieder in das Wartezimmer zweiter Klasse zurück.

Hier überschaute er nochmals prüfend die Guirlande und das Transparent, das jetzt im Schein der Lichter erglühte, befühlte vorsichtig nochmals die Köpfe der drei dicken Sektflaschen, die verlockend in den Eisstücken des Kübels rasselten, und stärkte sich dann, als er alles in Ordnung befunden, mit einigen Biskuits, die er so geschickt der Dose entnahm, daß diese den Charakter der Unberührtheit nach wie vor bewahrte. Herr Schnüffler stellte die Dose auf den Präsentierteller zu den Gläsern, trat an eines der Fenster und lehnte sein von der Bewegung gerötetes Wirtsgesicht, welches das Prachtexemplar einer sogenannten »Kartoffelnase« zierte, zu angenehmer Kühlung gegen die feucht-kalte Scheibe.

Draußen wurden die Laternen angezündet. Der Lotteriekollekteur Kriecher, der niemals eine Ankunft Sr. Durchlaucht versäumte, der befrackte Herr Bürgermeister und der ordengeschmückte Bahnhofsinspektor gingen vorüber. Ein halbes Dutzend Realschüler, welche die Neugierde herbeigeführt haben mochte, wanderten den Perron auf und ab. Auch einige Passagiere für den kommenden Zug ließen sich bereits blicken. In fünf Minuten mußte dieser einfahren.

Herr Schnüffler fühlte eine gewisse Erregung. Wenn alles klappte! woran gar nicht zu zweifeln, so waren in der nächsten Viertelstunde drei Flaschen der verdammten Sorte, die niemand haben wollte und von der er nur bei außergewöhnlichen Festessen ab und zu 'mal eine Flasche hatte einschmuggeln können, für dreißig Mark an den Mann gebracht. Zehn Mark die Flasche »Romanée mousseux war der gewöhnliche Hotelpreis. Die Biskuits gab er billig, unter Umständen gratis: Herr Schnüffler war nicht unmenschlich. Es galt nur, Sr. Durchlaucht und deren durchlauchtigstem Gefolge durch das sofortige Öffnen aller drei Flaschen jedes Abwinken abzuschneiden. Unmöglich konnte ja dann die kleine Erfrischung zurückgewiesen werden. Wegen der Bezahlung brauchte man sich nur an den Hofmarschall zu wenden. In dieser Hinsicht war Herr Schnüffler beruhigt. Er kannte den Rummel von früheren Fällen her.

Das Transparent, das schon unter drei Landesvätern gedient, die Guirlande, – vom gestrigen Stiftungsfest der »Erholung« zurückgeblieben, – der Schwärmer, die Hinterlassenschaft eines durchgebrannten Hotelgastes und endlich das begeisterte Hoch, das der loyale Wirt auf Se. Durchlaucht auszubringen beabsichtigte, während er mit den gefüllten Gläsern allerhöchst demselben nahen wollte – alles dies so einfach und ohne die geringsten Kosten zu beschaffen, würde, das war er überzeugt, schon jene Feststimmung hervorrufen helfen, die eben für das Gelingen seines Projektes so wünschenswert war. Aber prompt mußte die Geschichte gehen, sonst fiel der ganze Plan ins Wasser! Nur eine Viertelstunde weilten Se. Durchlaucht in diesem Raume. Um vier Uhr zwanzig Minuten traf schon der Zug ein, der den hohen Gast wieder entführte.

Das Meldezeichen ertönte, die Bahnglocke läutete, im vorschriftsmäßigen Tempo fuhr der Zug ein.

»Friedrich!« mahnte Herr Schnüffler.

»Schon dabei!« brummte Friedrichs Bierbaß hinterm Tische her, wo auch zugleich ein Rumoren in dem Eiskübel hörbar wurde. Herr Schnüffler eilte auf den Perron.

Se. Durchlaucht, eine ältliche, etwas verlebte Gestalt in einem grauen Überzieher, entstiegen, gefolgt von vier schwarz befrackten Herren, vorsichtig dem Coupé, nahmen huldvoll die untertänigsten Verbeugungen des Bürgermeisters und des Bahnhofsinspektors entgegen und geruhten dann, den Weg nach dem Wartesaal einzuschlagen, wobei vom Lotteriekollekteur Kriecher mit Hilfe von zwei Hausknechten, drei Bahnarbeitern und vier gerade zur Hand stehenden Tertianern der Versuch eines donnernden Hochs, aber ohne rechten Erfolg, gemacht wurde.

Während das fast auf zwanzig Mann angewachsene Publikum in ehrfurchtsvoller Entfernung Se. Durchlaucht und Gefolge bestaunte und der zum erstenmal hier anwesende Amtshauptmann dem Bürgermeister seine Freude über den loyalen Empfang aussprach, war der Hofmarschall, ein kleiner, dicker Herr, behend in den Flur vorangeeilt und hatte die Flügel der Wartesaalthüre weit geöffnet. Nach diesem Akt nahm er ehrerbietig Aufstellung, und nun traten Se. Durchlaucht, mit zehnschrittlicher Entfernung von allerhöchst ihrem Gefolge, näher und blieben, angenehm überrascht von der sichtbar werdenden Dekoration, auf der Schwelle stehen.

Es war dies der Moment, den Friedrich, der, von Sr. Durchlaucht unbemerkt, hinter dem Tisch kauerte, für den geeigneten hielt, den Schwärmer anzuzünden. Unglücklicherweise geschah dies mit solcher Geschicklichkeit, daß dieses pyrotechnische Produkt nach einigen Verpuffungen den Händen Friedrichs entglitt, mit Kreuz- und Quersprüngen nach der Thür zu hüpfte und, ehe noch die überraschte Durchlaucht über den Charakter des befremdlichen Gegenstandes ins Klare kommen konnte, unter allerhöchst ihre Beine fuhr und dort mit einem wahrhaft höllischen Geknatter explodierte.

Eine Scene grenzenloser Verwirrung folgte! Während Se. Durchlaucht, kreidebleich zurücktaumelnd, den dicken Hofmarschall umklammerten, dieser aber nebst den anderen Herren des Gefolges, dem Bürgermeister und dem Bahnhofsinspektor möglich schnell aus der Nähe des gefährlichen Lokals zu entkommen strebte, erschallten aus dem Zimmer die für fürstliche Ohren unerhörten Worte: »I, du Tölpel, du verfluchter!« denen drei weitere, aber schwächere Detonationen folgten – –

»Ein Attentat!« »Entsetzlich!« tönten die Schreckensrufe, während die Kavaliere, als sie sich erst in genügender Sicherheit glaubten, Se. Durchlaucht, die am Arme des Hofmarschalls hingen, umringten und mit ihren Leibern zu decken suchten. Nur der Amtshauptmann, eine robuste Figur, hatte den Mut und die Besonnenheit, den Bahnhofsinspektor an die Flurthüre zu postieren und dann selbst in das gefährliche Zimmer einzudringen, wobei er mit dem jäh daherstürmenden Herrn Schnüffler derart zusammenrannte, daß zwei von den sechs Kelchgläsern, die dieser auf dem Präsentierbrett schwenkte, umkippten und am Boden zerschellten.

Ungerührt dadurch rief der Amtshauptmann, Herrn Schnüffler am Arm fassend: »Wer sind Sie? Und wer hat hier geschossen!«

»Geschossen hat hier niemand nicht, Excellenz, und ich bin der Wirt,« versetzte dieser mit seinem süßsäuerlichsten Gastwirtslächeln, die Scherben mit dem Fuße beiseite stoßend. »Ich glaubte nur, da Se. Durchlaucht sicherlich sehr angegriffen von der Reise sein würde, daß eine kleine Erfrischung –«

»Was heißt das?! Hier ist Pulverdampf im Zimmer,« rief der Amtshauptmann. »Ich will wissen, was hier vorgegangen ist?!«

»Eine Eselei meines Hausknechts, Excellenz,« sprudelte Herr Schnüffler, der wie auf Nadeln stand. »Excellenz verzeihen, aber der Zug muß gleich einfahren. Es ist Sekt, der nicht zu lange –«

»Keinen Schritt, Herr, wenn ich Ihnen raten darf! Sie bleiben hier – Sie sind mein Arrestant!«

»Aber Excellenz,« brach Herr Schnüffler los, der den schönen Plan in nichts zerfließen sah, »ich sage Ihnen ja: der Ochse hat den Schwärmer nicht festgehalten. Er hat seine Ohrfeigen weg. Aber mich trifft doch keine Schuld! Ich bin der Wirt, seit dreißig Jahren hier – Sie können den Inspektor da draußen fragen –«

»Welchen Inspektor?« frug der Amtshauptmann mißtrauisch.

»Na den Bahnhofsinspektor, wir haben ja bloß den einen,« versetzte Herr Schnüffler pikiert. »Da draußen der Herr da mit dem großen Schellengeläute.«

»Mit was?!« frug der Amtshauptmann, als könne er seinen Ohren nicht trauen.

»Na, mit der ganzen Waschleine voll Klimbim, der dicke Herr da,« rief Herr Schnüffler ungeduldig. »Aber jetzt lassen mich Excellenz hinaus – da läutet's schon – weiß Gott, da kommt der Zug bereits –«

»Sie bleiben hier, Herr!« donnerte der Amtshauptmann, Herrn Schnüffler fester fassend. »Sie sind ein höchst verdächtiges Subjekt. Wenn ich das noch nicht gewußt hätte, so würden mir's Ihre gemeinen Redensarten verraten haben. Schellengeläute! Waschleine! Herr, sind Sie von Sinnen, solche Ausdrücke sozusagen in Gegenwart Sr. Durchlaucht zu gebrauchen! Ihren Namen will ich wissen, Herr, wie heißen Sie?«

»Ich heiße Schnüffler,« schrie Herr Schnüffler außer sich und sich vom Griffe des Amtshauptmanns losreißend. »Herr Inspektor, Sie bezeugen mir das. Es ist ja zu lächerlich; ich bin bekannt dahier wie ein bunter Hund – und nun muß mir das passieren! Mein Sekt ist hin, zwei Gläser kaput, drei Flaschen umsonst aufgemacht! Und alles das, weil ich Sr. Durchlaucht eine kleine Erfrischung verschaffen wollte. Es ist ja zu verrückt – der Teufel soll sich das gefallen lassen!«

Der Amtshauptmann hatte indessen mit dem Bahnhofsinspektor einige Worte gewechselt und wandte sich nun wieder zu Herrn Schnüffler, der wie ein wildes Tier hin und her wanderte, dem der Weg zur Freiheit verlegt ist.

»Sie haben ein höchst unpassendes Benehmen gezeigt. Den Aussagen dieses Herrn allein haben Sie es zu verdanken, wenn ich Sr. Durchlaucht die Geschichte mit dem Schwärmer möglichst mild darstellen werde. Da steigen Se. Durchlaucht bereits ein – es ist die höchste Zeit, adieu, Herr Inspektor!«

»So ein – na, ich will weiter nichts sagen,« lachte Herr Schnüffler giftig, eins der ganzgebliebenen Gläser ausschlürfend. »So was ist mir noch nicht vorgekommen! Friedrich! Friedrich!«

»Sie wünschen, Herr Schnüffler?« ertönte der Baß Friedrichs vom Buffett her, wo er Gläser abspülte.

»Ich wünsche dir fünfundzwanzig hinten drauf! Komme mal hierher. Du bist das größte Rindvieh, das mir je vorgekommen ist! Du dummes, einfältiges Schafsgesicht! Erst läßt du eine Flasche halb auslaufen und wie ich dazu komme, schmeißt du dem Fürsten den Schwärmer an den Kopf –«

»An de Beene, Herr Schnüffler! An de Beene! Allens, was recht is. Und das nur, weil das Luder mir de Hand verbrannte –«

»An de Beene – meinswegen!« schrie Herr Schnüffler wütend. »Aber du Esel solltest ihn festhalten!«

»Den Ferschten?« frug Friedrich höchst erstaunt.

»Den Schwärmer, du Ochse! Aber ich weiß schon, du hast dich wieder mal kanonenvoll gesoffen!«

»Nich de Ahnung!« beteuerte Friedrich. »Weeß Gott, kee Atom nich!«

»Ach, was weißt du Schafskopp von Atomen! Bekümmere dich lieber um deine Angelegenheiten. Was stehst du noch hier?! Mach', daß du fortkommst! An die Arbeit – marsch!!«

»Na, na, ich gehe ja schon,« brummte Friedrich, langsam abziehend. Draußen auf dem Flur blieb er stehen. Über sein verfinstertes Gesicht zog ein höchst vergnügtes Grinsen. »Mit den fufz'g Pfenn'gen war's nischt! Aber der ›Bortmonneh-Moßjeh‹ – hehehehe – is ooch was wert!«

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