Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Bötticher >

Schnurrige Kerle und andere Humoresken

Georg Bötticher: Schnurrige Kerle und andere Humoresken - Kapitel 4
Quellenangabe
typesketch
booktitleSchnurrige Kerle und andere Humoresken
authorGeorg Bötticher
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSchnurrige Kerle und andere Humoresken
created20050306
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Überraschungen.

Es war an einem Septemberabende. Mein dicker Freund August saß mit seiner Gattin beim Abendbrot. Plötzlich ertönte die Vorsaalklingel. »Na nu – wer kommt denn noch?« sagte August. Die kleine Frau aber war blitzschnell nach der Thüre geeilt. »Emilie, Fanny! Hinunter, es sind die Kerls!« Und während die Mädchen die Treppe hinabjagten, rannte Frau Amalie ins Schlafzimmer, riß das Fenster auf und rief mit all' der Energie, die ihr zu Gebote stand: »Nichtsnutziges Gesindel! Auf die Polizei will ich schicken!!« was aber nur zur Folge hatte, daß zwei Gestalten mit beschleunigterem Tempo in der Dunkelheit verschwanden. Frau Amalie rief den Mädchen, schlug das Fenster klirrend zu und begab sich, hochrot vor Aufregung, ins Speisezimmer zurück, wo soeben August seelenruhig eine Leberwurst bearbeitete. »August! Willst du nun endlich was dagegen thun, oder sollen wir zum Gespött der Leute werden?«

»Liebes Kind,« sagte August, »rege dich doch nicht auf! Iß 'mal von der Leberwurst, die ist vorzüglich –«

»August, daß du noch scherzen kannst, wo man deine Frau – seit vier Wochen fast tagtäglich – zum Narren hält –«

»Mich doch auch –«

»Dich nicht – dich rührt nichts! Aber das sage ich dir: wenn du morgen nicht zur Polizei gehst, gehe ich hin und blamiere dich!« Und Frau Amalie stach in großer Aufregung nach einer Senfgurke, die verzweifelten Widerstand leistete.

August brummte etwas, das wie eine Zustimmung klingen konnte, und seine Gattin fuhr fort: »Wenn zwei Männer vor dem Hause patrouillieren, so müssen sie die Kerls erwischen. Ich bin überzeugt, daß es Arbeiter sind; denn stets klingelt's gleich nach acht, wo die Fabriken schließen!«

»Möglich!« meinte August, mit vollen Backen kauend.

»Nein, nicht möglich – es ist sicher! . . Ach, es ist ja ein Skandal mit dieser Hausgenossenschaft! Wenn die im Parterre wollten, könnten sie es so leicht herauskriegen, aber die Gesellschaft will ja nicht! Glaubst du, die freuen sich noch, wenn wir oben 'rausgeklingelt werden –«

»I wo – das bild'st du dir ein,« sagte August, fuhr aber, einem aufsteigenden Sturme vorbeugend, schnell fort: »Weißt du was, Schatz, wenn du mit dem Essen fertig bist, könnte Emilie abräumen. Komm' her, Alte, ein Pikettchen wird dir die alberne Geschichte aus dem Kopf bringen. Zehn – sieben. Also ich gebe.«

Frau Amalie hatte augenscheinlich Glück. Schon im ersten Spiel bekam sie einen »Sechzehner«, im zweiten die »Lese«, und als im dritten alle »Vierzehn As« und ein »Siebzehner von oben herab« sich in ihrer Karte vorfanden, da verflüchtigte sich der Rest des vorherigen Ärgers zusehends. Ihre Bäckchen glühten vor freudiger Erregung, wie sie »carte blanche« ansagte und den unwiderleglichen Beweis triumphierend enthüllte.

In diesem Augenblicke begann das Hämmerwerk der elektrischen Vorsaalklingel in rasenden Vibrationen zu ertönen! August saß wie erstarrt; Frau Amalie aber warf die Karten zusammen und brach in Thränen aus. »Die Schändlichen! Aber das muß aufhören. August, hörst du?! Ich werde krank, wenn das so weiter geht! . . Fanny! Emilie!! Laßt es gut sein! . . Bemühe dich nicht, August, das 'Naussehen thut's nicht! Aber ich werde jetzt dafür sorgen, daß es dem Pack eingetränkt wird! Ja, das werde ich, und wenn ich die ganze Polizei aufbieten müßte! – Komme mir nur nicht jetzt mit dem Weiterspielen – nein, lesen kann ich auch nicht – ich werde mich niederlegen!« Und noch um Mitternacht, als August längst schlummerte, baute Frau Amalie Pläne um Pläne zur Habhaftwerdung der Mörder ihrer Hausruhe.

Scheint ihr wirklich nahe zu gehen, dachte August, als er andern Morgens die geröteten Augen seiner Gattin sah, welche die Nacht schlaflos verbracht zu haben erklärte. Na, da muß ja wohl was geschehen. Ich werde nach Tisch 'mal bei Viktor vorsprechen. Vielleicht thut der mir den Gefallen und lauert mit mir ein paar Abende den Kerls auf. Die Polizei soll mir vom Halse bleiben!

Als August abends 7 Uhr vom Bureau nach Hause kam, sagte er nicht ohne eine gewisse Genugtuung zu seiner Gattin: »Beeile dich ein bißchen mit dem Abendessen. Um halb 8 Uhr ziehe ich mit Viktor auf Hauswache!«

Wenn er indes geglaubt hatte, seine Gattin würde diese Mitteilung sehr freudig entgegennehmen, so sah er sich enttäuscht. Sie sagte weiter nichts als: »Mit Viktor?« und setzte trocken hinzu: »Ich will euch nicht abhalten!« Der Abend verlief übrigens ohne jede Störung. Gegen 10 Uhr erschien der pflichtgetreue August mit der Meldung, daß nicht das geringste Verdächtige zu bemerken gewesen sei. Frau Amalie nahm auch diese Mitteilung mit Schweigen und, wie es August schien, mit leichtem Achselzucken auf. Der nächste Abend lieferte dasselbe negative Resultat; auch ein dritter und vierter führten zu keinem Ergebnis, sehr zum Verdruß Augusts, der durch das viele vergebliche auf dem Anstandliegen in eine wahrhafte Jägerstimmung hineingekommen war. Am wenigsten berührt von dem Mißerfolg schien merkwürdigerweise Frau Amalie zu sein. Mindestens setzte sie allen Mitteilungen und Bemerkungen Augusts über diese Angelegenheit ein konsequentes Schweigen entgegen. Sie begnügte sich, mit dem Kopfe zu nicken oder die Achseln zu zucken. Das gefiel ihm nicht. Er kannte seine Frau, dahinter stak etwas.

»Hast du etwa doch die Polizei benachrichtigt?« fragte er sie.

»Nein, ich habe mir's überlegt. Es ist doch besser, wenn wir uns selber helfen!«

August wußte nicht, was er davon denken sollte. Als er am fünften Abend seiner Gattin den üblichen inhaltslosen Rapport abstattete, lachte sie höhnisch auf: »Wundert euch das? Mich nicht! Dich in deinem hellen Überzieher sieht jeder Schafskopf hundert Schritt weit. Und dann, wenn wirklich einer käme, wie willst du – denn Viktor zählt für mich nicht – wie willst du ihn denn bei deinen 200 Pfund einholen?!«

»Oho!« sagte August.

»Thu' mir den einzigen Gefallen und bleib' mit deinem Viktor zu Hause. Gute Nacht. – Ihr wär't mir die Rechten!« – Beim Ausziehen sagte sich August: das Ding muß ein Ende nehmen! Mit dem Überzieher kann sie recht haben. Ich werde mir Viktors schwarzen Radmantel borgen und dann soll's in drei Teufels Namen nochmals versucht werden, aber das letzte Mal – der Zustand ist unerträglich.

Als er am nächsten Abend halb 8 Uhr die Gattin verließ, wagte er noch einmal eine zuversichtliche Äußerung: »Pass' auf – heute kommen sie! Und daß sie gehörig empfangen werden, darauf verlaß' dich!«

Frau Amalie blieb stumm und sah ihrem Gatten mit eigentümlichem Lächeln nach. Von einem auf andere Verlassen war bei ihr nicht die Rede. Aber auch sie hatte einen Plan. Wohlweislich hatte sie denselben ihrem Gatten verschwiegen, denn dieser, das wußte sie, würde allerhand Gründe dagegen vorgebracht und am Ende gar sich der Ausführung widersetzt haben: in solchen Fällen war er mitunter unglaublich hartköpfig. Sowie er aber jetzt das Haus verlassen hatte, wurden – wie bereits an jedem der fünf vorhergehenden Tage – im Schlafzimmer, dessen eines Fenster genau über der Hausthüre lag, von Fanny und Emilie allerhand Gerätschaften bereit gestellt und mancherlei ungewöhnliche Anstalten getroffen.

August hatte inzwischen Viktors Wohnung in gehobener Stimmung betreten. Unterwegs war ihm eine Idee gekommen, eine wahrhaft brillante Idee! Lebhafter wie sonst rief er Viktor zu: »Hole mir vor allen Dingen deinen Radmantel und Cylinderhut!« Und als der Freund diese selten benutzten Stücke kopfschüttelnd beigebracht, fuhr August glänzenden Blickes fort: »Viktor, du weißt, daß es bei meiner Frau zur fixen Idee geworden ist, die Rausklingler ertappt und bestraft zu sehen. Du weißt auch, daß es nach den fünf vergeblichen Nachtwachen mehr als unwahrscheinlich ist, daß die Kerls uns den Gefallen thun werden, heute zu kommen. Länger aber hält's meine Frau nicht mehr aus! Ihre Ruhe täuscht mich nicht, ich weiß: sie fiebert innerlich. Wenn sie heute nicht kommen – dann passiert was, ich kenne meine Frau! Und das hat mich auf eine Idee gebracht. Hör' zu! Wir versuchend heute erst noch einmal mit dem Aufpassen. Kommen sie innerhalb einer Stunde nicht, dann, Viktor, dann klingeln wir selbst!! – Unterbrich mich nicht und höre weiter! – Das heißt: ich klingle – du springst auf mich zu. Ich reiße aus – du schreist wie besessen: »Halt da! Halt auf!!« und rennst mir nach. Im Laufen kann ich dann auch mitschreien, um den Skandal zu verstärken. Meine Frau kommt natürlich auf das Klingeln hin ans Fenster, hört den Lärm und unsere Haltrufe; wir kommen nach einem Weilchen zurück, berichten ihr triumphierend – in der Hitze des Gefechtes macht sich das alles ganz famos – daß wir die Halunken erwischt, tüchtig durchgebläut und dann der Polizei übergeben hätten und so weiter – und du sollst 'mal sehen, welche wohlthätige Wirkung diese unschuldige Lüge auf meine Frau ausüben wird! Die Genugthuung, nach der sie lechzt, wird ihr unendlich wohlthun und die Ruhe unserer Häuslichkeit ist wieder hergestellt. Daß die Kerls nämlich wirklich wiederkommen sollten, glaube ich nicht. Ich denke mir, sie haben Lunte gerochen. Kämen sie aber doch, nun so bleibt uns schlimmstenfalls immer noch die Polizei!«

»Ja, aber wozu denn da Radmantel und Cylinderhut?« wagte Viktor einzuwenden. »Die ordinärsten Sachen würden's doch auch thun!«

»Falsch, ganz falsch, Viktor! Ich muß nicht nur unkenntlich, sondern auch anständig ausstaffiert sein. Denn wir müssen die Möglichkeit ins Auge fassen, daß infolge der Haltrufe Leute hinzuspringen. Einen anständig gekleideten Herrn im Cylinderhut hält so leicht niemand auf, man sieht dann gleich, daß es sich um einen Scherz handelt. Die Maßregel ist also nicht überflüssig.«

Der Logik dieser Ausführungen wußte Viktor nichts entgegenzustellen und die Kostümierung ging vor sich.

Nachdem die Freunde auf ihrem gewöhnlichen Standorte, einem von Gebüsch umgebenen, von der Straße seitab gelegenen Schuppen, schrägüber von Augusts Wohnhaus, eine kleine Stunde vergeblich gewartet hatten, schritten sie zur Ausführung der zweiten Hälfte ihres Vorhabens – nicht ohne Herzklopfen von seiten Augusts. Ihm war das Klingeln zugefallen, und einen Moment konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, die Hausthüre möchte im Augenblicke des Klingelns von seiner Gattin geöffnet werden. Zurücktreten von dem ganzen Plane ging aber nun nicht mehr an: er durfte sich doch vor Viktor nicht so blamieren!

So trennten sich also die Freunde nach der Verabredung, und schlichen dann, August voran und in etwa 30 Schritt Entfernung hinter ihm Viktor, auf der tiefschattigen Häuserseite Augusts Hause zu.

Unterdessen hatte Frau Amalie von Schlag 8 Uhr an unablässig, trotz der kalten Abendluft, an einem halbgeöffneten Fenster der Schlafstube gekauert und vorsichtig ausgespäht, ob die gehaßten sich etwa blicken lassen möchten. Am anderen Fenster, dessen beide Flügel weit zurückgeschlagen waren, standen, lautlos wie Steinbilder, Fanny und Emilie, jede eine mächtige Schüssel voll weißlich schimmernden Inhalts vor sich auf dem Fensterbrett, der Befehle ihrer Herrin gewärtig. »Aufgepaßt!« klang es jetzt gedämpft vom anderen Fenster her, wo Augusts Gattin lauerte, »da kommt wer – es schleicht einer heran – nein, zweie, sie sind's!! Jetzt still und regt euch nicht, bis ich kommandiere!«

Noch kurz vor dem Hause hatte sich August, erschreckt durch einen plötzlich auftauchenden Spaziergänger, hinter einen der dicken Lindenstämme geflüchtet. Das Haus lag vor ihm, in völlige Dunkelheit gehüllt. In keiner Etage brannte Licht; im Schlafzimmer seiner Wohnung standen, wie immer um diese Zeit, die Fenster offen – – die Schritte des unbequemen Wanderers verhalten – jetzt galt es! Mit drei Sätzen war er an der Thür, seine Hand fuhr nach dem porzellanenen Knopf und –

»Runter mit der Schlippermilch!« ertönte das Kommando der Frau Amalie, und August, festgewurzelt von dem Klang der Stimme, fühlte mit heftigem Prall seinen Hut fortgeschnellt und eine Sturzflut eiskalten schlüpfrigen Zeuges über sich ergießen – –

»Die Asche, Fanny!«

Schrupp! – Es stiebte und stäubte um August herum, und einen Moment war er völlig von einer Wolke eingehüllt und wie geblendet – –

»Halt da! Halt auf!!« brüllte Viktor, und August, in sehr begreiflicher Verwirrung, begann zu laufen, was er laufen konnte.

»Aufhalten! Halt auf!!« schrie Viktor mit Stentorstimme. August selber vergaß zu schreien und rannte nur immer zu. Vor seinen Augen tauchten Personen auf – – »Halt da! Halt auf!!« schrie der unermüdliche Viktor – – Ein August Entgegenkommender begnügte sich, der Jammergestalt lachend eins mit dem Rohrstock zu versetzen. Im nächsten Augenblick warf sich ihm ein Zweiter in den Weg – August sah sich in der Umarmung eines Schutzmanns, im Nu aber auch von einer Anzahl Gaffer umringt.

Hutlos, außer Atem, Gesicht und Mantel schauerlich entstellt und verwüstet, bot August nicht gerade das Bild eines harmlosen, den bessern Ständen angehörigen Spaziergängers dar, und seine etwas zusammenhangslose Darstellung des Sachverhaltes vermochte diesen Eindruck nicht eben abzuschwächen. Der Beamte setzte eine höchst unfreundliche Miene auf und die Sache drohte eine fatale Wendung zu nehmen.

Erst als der hinzueilende Viktor in eindringlicher Rede und mit Hilfe eines Zweimarkstückes August als seinen Freund und sich selbst als einen bekannten Maler legitimierte, konnte von den Freunden der Heimweg, in gemischten Empfindungen, angetreten werden.

Der Cylinderhut wurde unweit der Hausthüre in leidlichem Zustand vorgefunden. Dagegen erwies sich der Radmantel bei dem Umtausch der Kleidungsstücke in Viktors Wohnung als völlig hoffnungslos. »Schlippermilch und Asche«, sagte Viktor melancholisch, »weißt du, August, sehr viel Zweckentsprechenderes konnte nicht gut gewählt werden – allen Respekt vor deiner Gattin!«

Unterdessen hatten sich, kurz nach dem geschilderten Vorgang, die richtigen Klingler (zwei unzufriedene Schreiber von Augusts Bureau), die allabendlich die arglosen Wächter belauscht und heute mit Hohnlachen den ganzen Vorgang beobachtet haben mochten, an Augusts Hausthür eingefunden und auf der elektrischen Klingel ein wahres Höllenkonzert vollführt.

Man kann sich deshalb ausmalen, mit welchem Übermaß von Ärger, Wut und Hohn der unglückselige August, der sich als Wächter so jämmerlich bewährt, von der Gattin empfangen wurde, als er gegen 10 Uhr abends in gedrücktester Stimmung heimkehrte. Den Gipfelpunkt aber erreichte die Aufregung der Frau Amalie, als mein armer Freund, unfähig länger zu heucheln und in dem thörichten Glauben, seine guten Absichten damit beweisen und wohl auch Mitleid für sich erwecken zu können, ihr den ganzen Plan entdeckte und sich als den Klingler bekannte. Die kleine Frau bekam erst einen Krampfanfall, dann aber erklärte sie mit einer Stimme, die auf drei Etagen berechnet schien, daß es kein größeres Ungeheuer auf der ganzen Welt als August gäbe, da ihr nie und nimmermehr jemand ausreden würde, daß er von allem Anfang an die Klingler bestellt und ein heuchlerisches, nichtswürdiges Spiel mit ihrer Ruhe getrieben habe!

Frau Amalie ist, wie ich höre, bei dieser Meinung auch geblieben. – Armer August!

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.