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Schnurrige Kerle und andere Humoresken

Georg Bötticher: Schnurrige Kerle und andere Humoresken - Kapitel 3
Quellenangabe
typesketch
booktitleSchnurrige Kerle und andere Humoresken
authorGeorg Bötticher
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSchnurrige Kerle und andere Humoresken
created20050306
sendergerd.bouillon
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Ein interessanter Abend.

Der Buchhalter Winkler war ein ausgemachter Litteraturfex, d. h. er gehörte zu den eifrigsten Kunden der Leihbibliotheken, las in und außer den Comptoirstunden alle erdenklichen Romane, Novellen und Broschüren und betrachtete mit Ehrfurcht jeden, der etwas hatte drucken lassen. Für die persönliche Bekanntschaft mit einem solchen ungewöhnlichen Menschen würde Herr Winkler einen Finger seiner rechten Hand geopfert haben.

Durch das viele Lesen von Büchern, die er nicht immer verstanden, war er ein wenig konfus und sehr aufgeregt geworden, galt aber für einen guten Kerl, der viel Freunde besaß, die ihn nur gelegentlich ob der oben geschilderten Eigenschaften zum besten hielten.

Zu den Bekannten, die seine schwache Seite nach Möglichkeit ausnutzten, gehörte vornehmlich der Farbenhändler Vollert. Eines Abends, als Vollert in Begleitung eines auswärtigen Kunden, des Handschuhfabrikanten Brinkmann, in den Bekanntenkreis trat, der sich allabendlich in »Häberleins Keller« zu versammeln pflegte, rückte er mit dem Plan heraus, dem Dichterenthusiasten Winkler, der noch erwartet wurde, Brinkmann als den Schriftsteller Auerbach vorzustellen. Eine flüchtige Ähnlichkeit beider hatte ihm unterwegs die Idee eingegeben. Der Gedanke fand jubelnde Zustimmung, und als bald darauf Winkler hereintrat und, die Bekannten begrüßend, von Platz zu Platz schritt, nahm ihn Vollert geheimnisvoll beiseite.

»Sie haben ein Schwein,« sagte er ihm halblaut, »wie noch keines dagewesen ist. Wissen Sie, wer der Fremde da an unserem Tische ist? Berthold Auerbach, der berühmte Dichter! Ich hatte geschäftlich mit ihm zu thun und habe ihn mitgebracht, weil ich dachte, es würde Ihnen Freude machen.«

Winklers Augen leuchteten; er drückte Vollert erregt die Hand.

»Das ist ein Freundschaftsdienst, den ich Ihnen nicht vergesse, Vollert. Ich bitte, stellen Sie mich sogleich vor. Auerbach! Das ist ja hoch interessant. Gerade Auerbach! Denken Sie sich, er hat meine Schwestern unterrichtet, als er noch einfacher Hauslehrer war.«

Die Vorstellung ging unter gespannter Aufmerksamkeit der Versammlung von statten. Vollert fand Gelegenheit, dem Pseudo-Auerbach zuzuflüstern:

»Du hast vor Jahren Winklers Schwestern unterrichtet – vergiß das nicht!«

Winkler nahm natürlich neben dem Berühmten Platz, während die Übrigen absichtlich etwas zusammenrückten, um die Beiden allein zu lassen und unbemerkter ihrem Gespräch folgen zu können.

Der Handschuhfabrikant Brinkmann war kein besonders ungebildeter Mensch, aber nur sehr schwach in der neueren Litteratur beschlagen, von der er nur ganz oberflächlich die Namen der Hauptvertreter und die Titel ihrer Hauptwerke kannte, wobei auch noch mancherlei Verwechselungen mit unterliefen. Es wurde ihm deshalb gar nicht sehr behaglich zu Mute, als ihm Winkler sofort mit einer Menge intimer litterarischer Fragen zu Leibe rückte und eine erstaunliche Unermüdlichkeit im Aufstellen neuer und Brinkmann ganz ungewohnter Themata bewies. Er half sich so gut er konnte mit allerlei nichtssagenden Redensarten, womit sich jener glücklicherweise genügen ließ, atmete indessen doch erleichtert auf, als nach Verlauf einer Viertelstunde Winkler mit der Bitte um Entschuldigung sich plötzlich erhob und zu Vollert eilte, der sich ans untere Ende der Tafel gesetzt, um mit den Freunden freier über die gelungene Situation plaudern zu können.

Winkler, der sich durchaus Einem mitteilen mußte, näherte sich ihm, offenbar hochgradig erregt über den seltenen Genuß.

»Er ist höchst interessant,« flüsterte er. »Aber merkwürdig: wie man sich so ein falsches Bild von einem Menschen macht. Ich hatte mir den Auerbach immer als einen älteren Herrn vorgestellt. Das ist ja noch ein ganz jugendlicher Mann, ein wahrer Jüngling! Und dabei schon solche Leistungen – es ist großartig!«

»Rücken Sie ihm nur dicht auf den Leib!« ermunterte Vollert. »Die Gelegenheit muß benutzt werden. Ich unterhalte die anderen, um Ihnen Spielraum zu schaffen.«

»Den laß ich heute Abend nicht wieder los!« entgegnete Winkler mit schrecklicher Bestimmtheit. »Passen Sie auf, jetzt fang ich von meinen Schwestern an.«

Für den Handschuhfabrikanten Brinkmann ward es eine böse Viertelstunde, als der Buchhalter Winkler die Erinnerungen an seine ehemaligen Schülerinnen auffrischte. Zwar war er auf das Thema, wie wir wissen, vorbereitet, aber Winkler setzte ihn doch durch viele Einzelheiten nicht wenig in Verlegenheit.

»Sie wohnten damals im Schrötergäßchen, nicht wahr, Herr Doktor? Meine Schwestern haben mir das so oft erzählt – bei der kleinen, dicken Witwe, Frau – Gott, wie hieß sie doch gleich?«

»Auf den Namen besinne ich mich auch nicht mehr,« stammelte Brinkmann, der es schon längst bereute, sich zu der Mystifikation hergegeben zu haben. »Es ist schon zu lange her –«

»Einundzwanzig Jahre!« warf Winkler mit Sicherheit ein.

Brinkmann überlief ein Schauder: er war damals elf Jahre gewesen.

Glücklicherweise verfuhr Herr Winkler in seiner erregten Frageweise höchst sprunghaft.

»Nein, die Freude, Herr Doktor,« unterbrach er sich selbst, »die Freude, Ihnen heute gegenüber sitzen zu dürfen! Mein sehnlichster Wunsch seit Jahren! Ihre Bücher kenne ich auswendig, seitdem ich denken kann. Sagen Sie – wie fangen Sie es nur an, immer wieder Neues zu schaffen! Diese Fülle der Gestalten! Da sind doch wenigstens sechs bis sieben große Romane: Waldfried, Das Landhaus am Rhein – Der Forstmeister – –«

»Was die Schwalbe sang,« schaltete Brinkmann bescheiden ein, der auch eines der Werke zu nennen für angemessen hielt.

»Was – die Schwalbe sang?« sagte Herr Winkler im höchsten Grade erstaunt. »Das ist – ist das nicht von – von Spielhagen?«

Brinkmann schoß das Blut in den Kopf. Ein Versehen vorzuschützen war unmöglich, selbst diesem Winkler würde es aufgefallen sein, daß ein Autor auch nur einen Augenblick in dem Wahne sein könnte, das Werk eines anderen geschrieben zu haben. Er mußte es also als sein Werk ausgeben, koste es was es wolle. Er lächelte versteckt – o, wie schwer ihm dieses Lächeln fiel! – und versetzte:

»Ja – von Spielhagen – so steht es auf dem Titelblatt – aber doch ist es von mir. Ein Einfall, natürlich mit Spielhagen verabredet, ein Scherz, um die Kritiker irre zu führen – Sie verstehen – –«

»Ja, ja!« nickte Herr Winkler, in größter Spannung und mit aufgerissenen Augen der Rede des Dichters folgend, voll Entzücken, in den Besitz eines derartigen Geheimnisses zu gelangen. »Das ist ja hoch interessant. Also auch dieses Werk ist Ihre Schöpfung! Sonderbar – es klingt ja merkwürdig, wenn ich es jetzt sage – ich habe immer so ein natürlich unklares Gefühl gehabt, als wenn dieser Roman nicht von Spielhagen sein könnte. Nicht, daß ich Spielhagen herabsetzen möchte, o Gott bewahre, im Gegenteil, ich verehre ihn hoch. Sie rechnen ihn doch auch zu den Ersten, die wir haben? Nicht wahr? Das habe ich mir gedacht. Aber, um wieder darauf zurückzukommen: Wo nehmen Sie nur das alles her, Herr Doktor?! Außer diesen Romanen nun noch Ihre göttlichen Dorfgeschichten! Das Barfüßle! Und dann der Diethelm, der Diethelm von Buchenberg! Nein, das ist das Erschütterndste, was ich in der neueren Litteratur kenne!«

»Das ist wohl allzu schmeichelhaft,« wagte Brinkmann einzuwerfen. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wer dieser Diethelm sei.

Aber Winkler fuhr begeistert fort:

»Eine solche Geschichte, nicht wahr, Herr Doktor, ist doch nach dem Leben? Ach, verzeihen Sie, es würde mich ganz ungeheuer interessieren, wenn Sie mir eine Frage beantworten wollten: Was ist an der Geschichte mit dem Diethelm wirklich passiert?«

Brinkmann standen die Schweißtropfen auf der Stirn. Er wußte nichts, rein gar nichts von der Geschichte und sollte Auskunft geben.

»Die Geschichte,« begann er unsicher, »ist in der That, Sie haben ganz recht, wirklich passiert, genau so, wie sie – ist, das heißt, wie ich – ja, wie ich sie geschrieben habe. Aber meinen Sie nicht, Herr Winkler, daß wir uns auch der übrigen Gesellschaft –«

»Genau so?!« rief Herr Winkler, die letzten Worte völlig überhörend. »Es ist erstaunlich! Also diese Menschen haben wirklich existiert! Und wo, wenn es nicht zu unbescheiden ist, zu fragen, wo?«

Brinkmann schwitzte Blut. Er hatte die beiden Schriftsteller Auerbach und Baumbach, des ähnlichen Klanges ihres Namens wegen, nie recht auseinander halten können und besann sich jetzt, im Drang der fürchterlichen Lage, daß Auerbach, den er augenblicklich für Baumbach hielt, ein Thüringer sei. Er stotterte also:

»In – in Thüringen.«

»In Thüringen?« wiederholte Winkler höchlich verwundert. »Nun sagen Sie 'mal. die Geschichte spielt aber doch im Schwarzwald?«

Brinkmann sah feurige Funken vor den Augen. Er wünschte sich drei Klafter unter den Erdboden.

»Im Schwarzwald,« fing er mühsam an, »im Schwarzwald spielt sie allerdings. Aber Sie können sich denken, nämlich – der Schauplatz ist dahin verlegt. Man macht das gern aus Gründen, die ich – die sehr nahe liegen – Aber wollen wir nicht – –«

»Verstehe, verstehe!« nickte Herr Winkler, den die vielerlei Enthüllungen, die ihm heute Abend zu teil wurden, in immer höhere Entzückung und Erregung versetzten.

»Aber wollen wir uns nicht doch,« versuchte Herr Brinkmann von neuem einzuwenden, »der übrigen Gesellschaft anschließen –«

»Ich bitte Sie, Herr Doktor, ich beschwöre Sie,« flüsterte Herr Winkler, »lassen Sie diese Herren ruhig sitzen, sie werden gleich zu skaten anfangen, sie haben nicht den geringsten Sinn für Litteratur – aber mir, Herr Doktor, ist das, was Sie da eben sagten, ganz ungeheuer interessant. Also der Schauplatz wird oft verlegt. Natürlich, es ist ja eigentlich ganz selbstverständlich. Und Sie haben das Prinzip auch in anderen Schöpfungen noch öfter angewandt?«

Brinkmann sah ihn erschöpft, fast blöde an.

»Ja, öfter,« wiederholte er mechanisch.

»Zum Beispiel in?« rief Herr Winkler, der jetzt auf Enthüllungen brannte.

Brinkmann, in die Enge getrieben und jetzt völlig Auerbach mit Baumbach verwechselnd, versetzte heiseren Tones:

»In meinen Gedichten –«

»Sie haben auch Gedichte geschrieben?« rief Herr Winkler in maßlosem Erstaunen. »Zu meiner Schande, Herr Doktor, muß ich gestehen, daß ich sie nicht kenne. Darf ich mir die Frage erlauben, unter welchem Titel die Sammlung erschienen ist?«

»Unter verschiedenen Titeln,« entgegnete Herr Brinkmann etwas freier – Gott sei Dank, wenigstens die Gedichte kannte dieser Mensch nicht! – »Lieder eines fahrenden Gesellen, Abenteuer und Schwänke, Enzian –«

»Enzian, Abenteuer und Schwänke?« rief Herr Winkler in einer Betroffenheit, die Brinkmann erschreckte. »Mein Gott – unter denselben Titeln – das ist doch sonderbar – hat ja auch – Baumbach Gedichte veröffentlicht –«

Brinkmann drehte sich alles im Kreise; das Blut schoß ihm in die Schläfen. Er wollte lächeln, aber sein Gesicht, das fühlte er, verzerrte sich zu einer entsetzlichen Fratze.

»Haben Sie,« brachte er endlich mit äußerster Anstrengung hervor, »noch nicht gehört, daß Baumbach ein Pseudonym ist – mein Pseudonym für Gedichte?«

»Also der ganze Baumbach ist von Ihnen!« rief Herr Winkler überwältigt von der Neuheit des Gedankens. »Das ist ja großartig! Das ist ja ganz ungeheuer interessant! Wollen Sie mir erlauben, Herr Doktor, daß ich diese intimen Bekenntnisse gelegentlich der Öffentlichkeit –«

»Was Sie wollen, ganz nach Belieben,« versetzte Herr Brinkmann, dem dicke Schweißtropfen auf Stirn und Nase standen. »Aber jetzt, Herr Winkler, bedauere ich, keinen Augenblick länger verweilen zu können. Verpflichtungen zwingen mich. Ich habe die Ehre, Herr Winkler! Guten Abend, Herr Vollert! Adieu, meine Herren!«

»Wie, Sie wollen schon fort, Herr Doktor?« rief Vollert. »Bleiben Sie nicht noch ein Stündchen?«

»Keinen Augenblick,« versetzte Brinkmann, den wiederholten Verbeugungen Winklers, der es sich nicht nehmen ließ, den berühmten Dichter zur Thüre zu begleiten, durch die Flucht enteilend.

Kaum war er entschwunden, als sich Vollert und die Bekannten um den erregt blickenden Winkler schaarten.

»Nun, wie war er? Haben Sie sich gut unterhalten? Lassen Sie doch was hören!« – so schwirrten die Fragen und Ausrufe durcheinander.

»Kinder,« sagte Winkler in gehobenster Stimmung, »das war einer der interessantesten Abende meines Lebens. Welch' ein Genie! Und welch' eine rührende Bescheidenheit! Er hat mit mir geplaudert, als wenn ich ein Kollege von ihm wäre. Tausenderlei neue interessante Dinge habe ich erfahren. Glaubt mir, diese Unterhaltung hat litterar-historischen Wert! Nein, über wie vieles man im Publikum ganz schauderhaft unterrichtet ist. Z. B. ›Auf der Höhe‹ ist gar nicht von ihm, kannte er gar nicht! Und dann, denkt euch 'mal: ›Was die Schwalbe sang‹, den bekannten Roman von Spielhagen – hat Auerbach geschrieben! Weiß Gott, hat er geschrieben! Ist das nicht gelungen?! Aber was das Merkwürdigste ist: Baumbach, der bekannte Baumbach, existiert gar nicht! Baumbach ist Auerbach, ist ein Pseudonym, unter dem Auerbach Baumbachs sämtliche Werke geschrieben hat! Unsinn? Gar kein Unsinn, er hat sie geschrieben, hat mir's selbst gesagt –«

In diesem Augenblick näherte sich der Oberkellner der Gruppe und sagte:

»Herr Handschuhfabrikant Brinkmann hat seinen Stock hier zurückgelassen und läßt Herrn Vollert bitten, ihm denselben morgen mitzubringen.«

Winkler stand einen Augenblick wie »zur Statue entgeistert«. Dann riß er wütend seinen Hut vom Nagel und mit den Worten: »Vollert, das vergesse ich Ihnen im Leben nicht!« stürmte er aus dem Keller.

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