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Schnurrige Kerle und andere Humoresken

Georg Bötticher: Schnurrige Kerle und andere Humoresken - Kapitel 15
Quellenangabe
typesketch
booktitleSchnurrige Kerle und andere Humoresken
authorGeorg Bötticher
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSchnurrige Kerle und andere Humoresken
created20050306
sendergerd.bouillon
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6. Wie ich mit'n Keenig an eener Cigarre geroocht hawe.

's war 1836 oder 37, so in der Drehe rum (ich war dazemal Schitzenhaubtmann) – da kommt eenes scheenen Dags der Birgemeester Fiedler in mei Zimmer geschtärmt: »Dietchen – der Keenig kommt nach Oschatz!«

»Unsinn,« sag'ch. »Gar kee Unsinn,« meent er aufgeregt. »Ähm is von'n Hofmarschallamte de Nachricht eingedroffen, daß Seine Majestät iwermorgen Abend um Sechse nach Oschatz kommen un den Schitzenhaus ä Besuch abschtatten wirden.«

»Gott verdannebohm! Iwermorgen? Freitag? Da hammer ja Kegelabend? Was mach' mer da, Fiedler? Dän kenn' mer da doch nich abhalten.«

»Doch, doch,« meente der Birgemeester, »mer missen sogar. Denn in dän Schreiben von'n Hofmarschallamte werd ausdricklich gesagt, daß › nischt am gewehnlichen Programm der Schitzengesellschaft geändert werden sollte, indem daß Seine Majestät beabsichtigen, ganz unerwartet in der Gesellschaft zu erscheinen.‹«

Na, da war weiter nischt zu machen. Mer ließen wenigstens 's Lokal gleich scheiern un mit Sand bestreien, schafften ooch ä Fäßchen feines Dobbelbier an un wie's freitags Nachmittag Halbfimfe schlug, da schtanden mir, nein Mann hoch, in schwarzen Fracks un weißen Binden, ä Jeder de Esse in der Hand, fix un barad zur Bekombelmentierung Seiner Majestät.

Uff de Dafel hatte der Dischlermeester Beyer, wie allemal, ä scheen verzierten »Kamm« gemalt, der Lohgerber Pippig, mit der Kreide in der Hand, stand dernäwen und Herzer-Gottlieb, in weißen Handschuhen, hielt de Schbielkarten, um den Keenig gleich ziehen zu lassen, wenn er etwa geruhen wollte, ä bißchen mitzuduhn.

Finf Minuten nach Sechsen wurde de Dhiere aufgerissen – der Birgemeester hatte draußen auf der Lauer geschtanden – un gefolgt von ä Herrn in Civil – 's war ä Adjudande, wie mer schbäter heerten – trat der Keenig ein.

Wir schtanden wie de Mauern. »Guten Abend, meine Härrn,« sagte der Keenig.

»Guten Abend, Majestät!«

»Geruhen Majestät zu erlauben,« sagte der Birgemeester mit ä gewissen Aweck, denn der verstand sich auf so was! – »daß ich Ihnen die Härrn vorschtelle: Herr Schitzenhaubtmann Dietchen – Seine Majestät der Keenig, Herr Dischlermeister Beyer – Seine Majestät der Keenig, Herr Lohgerber Pippig – Seine Majestät der Keenig –«

»Schon gut, schon gut,« meente der Keenig lächelnd, gab Jeden der Reihe nach de Hand un eißerte dann gnädig, daß sich die Herrn in gar nischt nich steeren lassen mechten, mit ihrer Erlaubnis werde er sich an unsern Schbiele bedeiligen.

Nu gings also los. De Karten wurden gezogen, de Namen an de Dafel geschriewen un der Keenig litt's dorchaus nich, daß'n Pippig zuerscht anschrieb – nee, 's mußte ganz wie gewehnlich nach der Reihenfolge der Nummern gehen.

Ich muß hier einschalten, daß mir dazemal den »Kamm« beinah genau so schoben, wie heitzutage, nur mit dän Unterschiede, daß jeder bloß eenen Schubb hatte.

Heernse, wie nu de Erschten ihre Kugeln 'naus hatten, da wurde der Keenig immer gemiedlicher, ließ sich von seinem Adjudanden enne Cigarre gäwen un eißerte, mir sollten uns doch ja ooch eene anstecken, was mer uns ooch nich zweemal sagen ließen, un so wurde de Schtimmung immer fideler un animierter, bis se zuletzt so animiert war, daß mersch beinahe ä bißchen Angst wurde. – Jetzt kam Herzer-Gottlieb, der mit mir un den Keenig auf eener Seite un mei Vordermann war, an de Reihe un zwar in de Vollen, un schob sie doch, weeß der Härre, mit so än Dusel, daß bloß der »Keenig« un de rechte »Dande« schtehen blieben! Na, das war ä Juwel! »Das wärd Schur!« brillte Herzer. Aber Pippig, der zu der andern Bartei geheerte, schrie: »Ärscht abwarten – 's noch nich Feierabend!« Un Beyer grehlte dazwischen: »Immer druff uff de Brieder!«

Un wie ich nu vortrat un recht vorsichtig zielte, um de Schur ooch glicklich fert'g zu kriegen, da schreit doch der Kerl, der Bienert, um mich ärre zu machen: »Weg mit'n Keenig! Mir brauchen keenen – –«

Na, hier gab'n Herzer-Gottlieb glicklicherweise änn Ribbenschtoß, daß er'sch noch verschluckte, awer mich hatte das dumme Gebrille doch so errediert, daß meine Kugel ä Linschen ze viel nach links kam un – bumms! – schmiß se den »Keenig« um!

Heernse, ich zitterte an ganzen Kerper, so ärgerte ich mich, denn der Keenig schtand dichte hinter mir un hatte scharf aufgebaßt. »Keenigliche Majestät,« sagte ich, noch ganz in Rahsche, »nähm' Se's nich ungitig, da is, Gottstrambach, nur der Bienert dran schuld. Die hier kennen's bezeigen, daß ich bei so enner klaren »Schur« noch niemals den – Keenig umgeschmissen hawe, un nu muß mer das gerade heide bassieren, wo Sie derbei sein – nee, das is doch so fatal –!«

»Lassen Se's gut sinn, lieber Dietchen,« meente der Keenig leitseelig, legte sei Cigarrenende auf'n Disch – denn er war jetzt an Schieben – un schtellte sich an's Brett, wo'n alles ehrerbietig Blatz machte.

Er zielte sehre lange un – holte weeßknebbchen de rechte Dante weg!

Wie er nu, noch ganz schtols un glicklich nach seinen Cigarrenendchen greifen wollte, kriegte er meinen Stummel zu fassen, den ich ooch dahin gelegt hatte – ich kannt'n ganz genau, weil ich de Cigarre immer ä bißchen sehre zerketsche – un schtäckte dän, Gottverdanzig, in Mund!

»Herrjeses!« rief ich erschrocken. »Majestät haben aus Versehen meine Cigarre –«

Na, der Keenig schmiß den Stummel weg, schbuckte enne ganze Weile un sagte zweimal: »Fui Deifel!« – denn nadierlich, so was is ekelhaft.

Awer ich faßte mich gleich, trat auf'n Keenig zu un sagt: »Mit Eirer Majestät Erlaubnis werde ich mir die Cigarre« – un damit hob ich den Stummel auf – »die Eure Majestät mit mir zusammen zu rauchen geruht haben, zum ewigen Andenken aufbewahren.«

Da lächelte der Keenig iewer'sch ganze Gesicht, un wenn er ooch noch ä bißchen schbuckte, so fiegte er doch gnädig hinzu: »Schon gut, lieber Dietchen. Erhalten Se sich Ihre lokale Gesinnung un ich werde schtets Ihr gnädiger Keenig sinn.«

Hernach awer litt's'n doch nich mehr lange. Ä baar Minuten drauf winkte er sein Adjedanten, der fix de Hiete holte, schittelte den Birgemeester de Hand, un mit den Worten: »Adjeh, meine Härrn! Das war ä vergniegter Abend!« verließ er mit sein'n Begleiter 's Lokal.

Den Stummel awer kenn Se bei mir zu Hause unter Glas un Rahmen sähn.

 

Ende.

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