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Schnurrige Kerle und andere Humoresken

Georg Bötticher: Schnurrige Kerle und andere Humoresken - Kapitel 11
Quellenangabe
typesketch
booktitleSchnurrige Kerle und andere Humoresken
authorGeorg Bötticher
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSchnurrige Kerle und andere Humoresken
created20050306
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2. De Festrede.

Wer enne Rede halten will vor enner greßern Versammlung, der muß Sie vors Erschte enne große Kaltblidigkeit besitzen, Ruhe, enne geheerige Ruhe, die dorch nichts nich erschwert wird. Das is de Haubtsache. Das Ibrige find't sich von ganz alleene. Wemmer Ruhe hat in den Momente wo mer schbrechen soll, hernach gehts wie geschmiert, un wemmer vorher noch so sehre gezittert un gebewwert hätte. Mir is es e Mal bassiert, daß 'ch so mirnischt dirnischt ganz uhnvermutet ohne alle Vorbereitung vor e baar dausend Menschen schbrechen mußte, aber 's is mir geglickt, weil ich Sie ähm von Nadur sehre kaltblidig veranschlagt bin.

Das war noch unter'n hochseligen Kenig Friedrich August den Gerechten. Zu där Zeit hatten mir in Oschatz enne große Schitzengesellschaft gegrindet und ich war Sie enner der Erschten drunter. Ich schoß wie e Herrgöttchen un kriegte immer de hechsten Breiser. 's dauerte ooch nich lange, da war ich Schitzenhaubtmann. – E Vierteljahr, nachdem ich meine Stelle ahngetreten hatte, kam Seine Majestät der Kenig nach Oschatz un weil grade Schitzenfest war, hatte er de Gnade, e Schtindchen dran deilzunehmen. Er schoß ooch emal eigenhändig, traf Sie aber nischt, was ooch ganz nadierlich war, weil Herzer-Gottlieb, der fer ihn de Bichse laden durfte, aus lauter Verwirrung iwer de große Gnade, vergessen hatte, enne Kugel nein zu schtecken – er hat's hernach eingeschtanden, aber 's wurde ihm nischt derfir gedahn.

Se kennen sich denken, daß mir uns dorch diesen Besuch auf's Heechste geehrt fihlen dahten, un in der nächsten Schitzenversammlung, wo mer gerade nischt anderes zu duhn hatten, da wurde Sie einschtimmig beschlossen, den scheenen Moment dorch e Denkmal zu verewigen, was an derselben Schtelle aufgestellt werden sollte, wo Seine Majestät der Keenig eigenhändig de Bichse abgeschossen hatte, in der hernach keene Kugel nich drinne war. Es war nur noch de Frage, woraus das Monnement beschtehen sollte. De meisten schtimmten fir enn eefachen Schteen, von wegen der Billigkeit; aber da muckte ich auf un sagte: e bloßer Schteen thät's hier nich, enne Biste wäre 's Wenigste, was mer duhn kennten, se kennte ja von Gußeisen sein un daderzu langte de Kasse allemal.

Das sahen se denn ooch ein un de Biste wurde bei enn Bildhauer beschtellt, der damals in Oschatz wohnte. Der meselte Sie da enne Biste, die uns allen sehre gefiel, weil der Kenig sehre ähnlich d'rauf aussah. Hernach wurde se in Lauchhammer gegossen. Der Ratszimmermeester machte enn helzernen Sockel derzu, un marmorierte den scheen grien un weiß, daß er ganz wie nadierlicher Granit aussah. Darauf wurde denn de Biste geschtellt un das Ganze mit enn verschließbaren Gitter umgeben, daß keener den Sockel ahnfassen konnte, weil mersch sonst leicht rausgekriegt hätte, daß es kee echter Granit nich war. Se meenten damals, es sähe beinah aus, als wenn e Feierriepel aus enner Esse guckte, weil nämlich der Sockel e bißchen lang un e bißchen dinne geraten un der Kopp e bißchen sehre schwarz in Guß ausgefallen war. Aber wemmersch nich gerade dadrauf ansah, da dachte kee Mensch an so was – mir is es niemals nich so vorgekommen.

Na, wie nu alles an Ort un Schtelle aufgestellt worden war – enne Breterbude drumrum, das mersch vor der Hand nich sehen konnte – da wurde e Dag festgesetzt, an den das Monnement feierlich enthillt werden sollte. Mir hatten uns das so gedacht: zuerscht hatte der Rektor von der Realschule, der ooch Schitze war, enne Rede iber de Bedeitung des Dages zu halten. Hernach sollte das Monnement von der Schitzengesellschaft feierlich der Schtadt iwergeben werden, damit die 's von nun an gegen Veruhnreinigungen u. dgl. in Schutz nähme. Hierbei war enne Ahnschbrache an den Birgemeester zu halten, un diesen, gleichsam als Simmbohl der Iwergabe, der Gitterschlissel auszuhändigen. Als Schbrecher hatten mir Schitzen den Advokaten Schimmelmann gewählt. Aber 's sollte andersch kommen! Den Abend vor den Feste kriegte nämlich Schimmelmann de Nachricht, daß er den andern Dag zu enn wicht'gen Dermin kommen mißte, un reiste gleich ab. De Wahl fiel nu auf'n Brofesser Hickediehr von der Gewerbeschule, zu den ich vor meinen Deil von Ahnfang an kee rechtes Zutrauen hatte, was ooch ganz richtig war, wie ich Sie erzählen werde.

Gleich nach der Ahnschbrache, sowie der Schlissel iwergeben war, sollte de Musik Dusch blasen, de Hille fallen un de ganze Versammlung sang dann »den Kenig segne Gott« u. s. w.

So hatten wir uns das ausgedacht, aber beinahe wärsch schief gegangen.

Sie kennen sich leicht denken, daß an den Dag de ganze Schtadt auf den Beinen war. Frih wurde in eenefort gedrommelt un geblasen, bis Zehne rankam, hernach arrangschierte sich der Festzug. Vorneweg mir Schitzen in den guten Ahnziegen un mit blankgebutzten Bichsen, ich nadierlich an der Schbitze mit meinen Ehrendegen, den mir de Gesellschaft geschenkt hatte, wie ich auf'n Leipz'ger Schitzenfest beinah den erschten Breis gewonnen hätte. Hinter uns Schitzen kam der Birgemeester, dann de Schtadträte un de Stadtverordneten, hernach de Zinfte mit ihren Handwerkszeichen un zuletzt de sämtlichen Schulen. So marschierten mir unter voller Musik auf den Schießblatz und schtellten uns im Kreise um das verhillte Monnement auf. De Breterbude war Sie nämlich weggenommen un dadervor enne scheene Leinwandhille driber gedeckt worden. Ich seh se noch – se war e bißchen sehre groß ausgefallen – de Leite sagten hernach: erscht hätten se gedacht, 's wär e Reiterschtandbild drunter, un dann hätte so e kleener Kopp dageschtanden – das war nu so e eefältiges Gerede – ich kann Sie versichern, das Ding sah Sie sehre großartig aus!

Wie nu alles schtille geworden war, da fing Sie der Rektor seine Redebäwe an. Er schbrach e bißchen sehre wissenschaftlich, e bißchen ausgedehnt, un erzählte wersch Bulver erfunden hätte un wer der erschte Schitze gewesen wär un dgl., so daß eegentlich niemand nich recht draufheerte. Wie er nu so enne gute halbe Schtunde geschbrochen haben mochte – ich hatte schon e baar Mal nach'n Brofesser ausgesehn, denn der kam nach'n Rektor d'ran, ich sah'n aber nirgends – heernse! da drängte sich auf eemal der Bichsenmacher Hensel zu mir dorch, sah ganz bleich un aufgeregt aus und flisterte mir in's Ohr: »Der Brofesser is ohnmächtig geworden, ähm hamm s'n fortgeschafft. Kommen Se schnell, Herr Dietchen, Sie missen jetzt de Anschbrache halten, Sie sein der Eenzige, der sich d'rauf verschteht, mir verlassen uns auf Sie!« Un damit zog er mich hastenichgesehn dorch de Menschenmenge, daß mer im Handumdrehn beim Birgemeester schtanden.

Na, ich war Sie doch e bißchen erschrocken, denn so was, wissen Se, kann jeden aufregen; aber ich faßt mich gleich wieder, un wie nu de Herren vom Festkomitee alle auf mich zukamen un meenten: ich sollte ihnen doch ja den Gefallen duhn un sollte se um Gottes willen nich sitzen lassen – da kriegt ich Sie auf eemal enne härrliche Ruhe un sagte: »Meine Herren,« sagt 'ch, »ich halte Ihnen die Rede, verlassen Se sich drauf, ich bin nich unbekennt mit der Sache.«

Gerade in den Oogenblicke war der Rektor mit seiner Rede alle geworden. Der Bichsenmacher Hensel reichte mer noch schnell e Kästchen un flisterte mir zu: »Da is der Schlissel drinne, das hamm Se zu iwergeben!« Un dann trat 'ch auf de Dribine, vor den Birgemeester un de Schtadträte. Rundrum standen Sie Dausende von Menschen un reckten de Köppe in de Heh, um mich besser sehen zu kennen, un wie ich mich nu reischberte un enne Bosidur annahm, da wurde Sie's so schtille, daß mer hätte kennen e Heiferd huppen heeren, dann trat 'ch noch enn Schritt vor un sagte laut: »Hochgeehrter Herr Birgemeester! Es is Sie e uhngewehnlicher Umstand, um dessentwegen daß ich vor Ihnen trete: Der Eene hat verreisen missen un der Andere is vor Ihren Augen umgefallen. An ihrer Schtelle –« un damit knibbste ich das Kästchen auf, um den Schlissel 'rauszuholen – Gott straf mich! – da lag Sie kee Schlissel drinne!!! Meinen Schreck kennen Se sich denken! – Aber nur enn Oogenblick – dann kam mir meine angeborene Kaltblidigkeit wieder. Ich daht so, als wenn ich mich bloß hätte iwerzeigen wollen, daß der Schlissel drinne läge, klappte das Kästchen wieder zu, reichte 's dem Birgemeester un sagte: »An ihrer Schtelle ibergebe ich Sie den Schlissel! Ich lass'n in den Kästchen liegen! Heben S'n gut auf, verlieren S'n nich un schitzen Se das scheene Monnement!«

Da blies de Musik Dusch un de Hille fiel – – Aber nu kam alles auf mich zugeschtirzt un machte mir Kombelmente, un de Herren vom Festkomitee, die schittelten mer in eenefort de Hände un sagten: mit so e baar Worten so viel zu sagen, das kennte Keener weiter nich, un so 'ne Ruhe wär' ihnen noch nich vorgekommen u. dgl. Der eefältige Brofesser, der hat hernach gemeent: es hätte sich nich gebaßt, daß ich das Kästchen aufgemacht hätte, ich hätt's missen uhneröffnet iwergeben – als wenn ich das vorher hätte wissen kennen, daß kee Schlissel drinne lag! 's war ooch bloß Neid von dem Menschen, 's hieß: es wäre von der Hitze, daß er umgefallen wäre, aber ich weeß es besser: Angst warsch, er getraute sich nich, so eene wichtige Rede zu halten! – 's is ooch keene Kleenigkeet. Eemal bringt mer so was fertig, aber e zweetes Mal mecht ich die Rede nich halten, ei Deifel nee! Nich um e Finfneigroschenstickchen! Gottschtrambach!

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