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Christian Friedrich Hebbel: Schnock - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMerkwürdige Geschichten
authorFriedrich Hebbel
noteEtwa 1935 erschienen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchnock
pages216-270
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1850
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Friedrich Hebbel

Schnock

Ein niederländisches Gemälde


Erstes Kapitel

Zur Einleitung

In dem kleinen Marktflecken Y., wo sich jeder Reisende gern so lange aufhält, als er muß, nämlich so lange als die Post ausbleibt, traf ich in den Hundstagen des Jahres 1836 zum letztenmal ein. Der Ort ist einer von denen, wo man nur auf dem Leichenacker erfährt, daß Menschen darin leben, weil eine Reihe ehrwürdiger Grabsteine, die man nicht Lügen zu strafen wagt, versichern, daß Menschen darin sterben. Diesmal kannte ich ihn nicht wieder, und ich würde geglaubt haben, der Postillon sei fehlgefahren, wenn sich nicht der mir unvergeßliche Postmeister, eine lange, dürre, windschiefe Figur, die sich scheu und verlegen in jede Ecke drückt, als ob sie schon durch ihre bloße Existenz zu beleidigen fürchte, aus der Tür geschoben, und so meine Zweifel verscheucht hätte. Alle Straßen nämlich, durch die ich kam, waren gedrängt voll von Leuten; kein Fenster, aus dem nicht mehr Köpfe hätten herausschauen wollen, als Platz fanden; auf dem Kirchturm selbst konnt' ich deutlich Hauben und flatternde Schals unterscheiden, und jedes Gesicht, von der alten, halberblindeten Bettelfrau an, die sich mühsam mit der rechten Hand auf ihren Stab stützte und mit der linken die Brille aufsetzte, bis zu dem kleinen weiß gekleideten Mädchen mit seinen blonden Locken herunter, trug den Ausdruck der gespanntesten Erwartung. »Was gibt's denn,« fragte ich den Postmeister, »ist's Jahrmarkt heut?« – »Den 16. hujus gewesen.« – »Feiert der Amtmann oder der Stadtpfarrer das Dienstjubiläum?« – »Herr Pastor primarius Nothnagel hat's schon gefeiert und ist an den Folgen des Schmauses gestorben, und unser Herr Amtmann darf in den nächsten vierzig Jahren an die Ehre noch nicht denken, dazu ist er, mit Erlaubnis zu sagen, noch viel zu jung.« – »Gibt's denn Aufstand? Rebellieren die Bürger? Empört sich, was Hosen trägt?« – »Bewahre uns Gott vor Rebellion! Dazu haben wir auch gar keine Zeit, man muß sich tummeln, ums liebe Brot zu verdienen und die hohen Steuern zu erschwingen. Nein, die Sache, es kurz zu vermelden, ist die. Ein höchst gefährlicher Verbrecher, ein Bösewicht, der einen greulichen Diebstahl begangen hat und einer Mordtat fähig gehalten wird, wurde gestern zur Haft gebracht und heute, als ihm der Gefangenenwärter das Frühstück in den alten verfallenen Turm bringen wollte, vermißt. Da hat denn der Amtmann die gesamte Bürgerschaft aufgeboten, um ihn wieder einzufangen, und wie man vernimmt, so ist's, wunderbar genug! geglückt. Nun ist man natürlich begierig – –« Der Postmeister unterbrach sich; denn er bemerkte, daß ich schon längst nicht mehr auf ihn hörte, weil ich sonst über die Explikation das Schauspiel versäumt hätte. Ein Zug, abenteuerlicher, als ich ihn je gesehen, kam die Straße herauf. Zuerst, in grellroten Röcken mit messingnen Knöpfen, an der Seite mächtige Säbel, die das Gehen erschwerten und den Mut gewiß nicht vermehrten, zwei ehrenfeste Männer, voll edlen Selbstgefühls, in denen sich ehemalige Unteroffiziere der Reichsarmee, die vielleicht manche Schlacht mit hatten verlieren helfen, und jetzige Gerichts- und Polizeidiener nicht verkennen ließen. Dann, von zwei lahmen Pferden gezogen, ein Leiterwagen, auf dem der Held des Tages, der Triumphator, saß, dreifach gebunden, als ob er ein Herkules wäre und noch etwas mehr. Hinterher die ganze waffenfähige Mannschaft des Fleckens, mit Mistgabeln, Äxten und Beilen, Stricken, genug mit allen möglichen Dingen, die der Leser nicht erwartet, armiert und nicht ohne Stolz zu Frauen und Töchtern aufblickend und sie mit leichtem Kopfnicken, da die Zeit nichts weiteres erlaubte, begrüßend. Der Wagen hielt; zwei alte Weiber, wovon eine der andern ihren breiten Rücken, der ihr das Sehen unmöglich mache, vorwarf, fingen an, sich zu prügeln, der Amtmann trat vor mit einem Gesicht, welches halb Fragezeichen war, halb aber auch, der Würde des Amts gemäß, Gedankenstrich. Die Gerichtsdiener machten Front und statteten beide zugleich, also so unverständlich wie möglich, Rapport ab, der Amtmann warf auf den Triumphator einen vernichtenden Blick, den dieser mit seinem ungezogensten Gähnen erwiderte, dann rief er finster aus: »Wo bleibt denn aber Schnock, der Schreiner, daß man ihn beloben, ihm seine Zufriedenheit bezeigen kann?« – »Heda, Meister Schnock, aufgepaßt!« schrien die Gerichtsdiener, das verdrießliche Gesicht des Amtmanns und den mürrischen Ton seiner Stimme möglichst getreu kopierend. Jetzt merkt' ich auf; wer noch nie einen Glücklichen gesehen hat, der betrachte sich einen deutschen Bürger, dem bei irgendeinem Anlaß von Gerichts wegen die Versicherung erteilt wird, daß er ein ganzer Kerl sei. Nicht so schnell, als ich erwartet hatte, aber doch schnell genug, um die Stirnfalten des Amtmanns nicht durch sein Zögern zu verdoppeln, trat aus dem Haufen ein Mann heraus, breitschultrig, von gewaltigem Knochenbau, aber mit einem Gesicht, worauf das erste Kindergreinen über empfangene Rutenstreiche versteinert zu sein schien; ein Bär mit einer Kaninchenphysiognomie. Der Amtmann erteilte ihm ein sparsames Lob wegen seiner bewiesenen Herzhaftigkeit, Schnock senkte wehmütig den Kopf und schickte einen ängstlichen Blick zu dem Gefangenen hinüber, der auf seinem Wagen in sanften Schlummer gefallen war oder sich doch stellte, als ob er es wäre. Der Amtmann zog sich in das Heiligtum der Amtsstube zurück, die Gerichtsdiener rissen den Gefangenen von seinem Sitz herunter und schwuren, er sollen ihnen nicht zum zweitenmal entkommen, und wenn er auch die Kunst besäße, sich in eine Fledermaus zu verwandeln. Die Menge zerstreute sich, nur Schnock blieb, als hätt' er einen Basilisken gesehen, regungslos auf dem Platze stehn. Der Mann interessierte mich, ich trat zu ihm heran. »Mein Freund,« begann ich, »Ihr seid sehr in Gedanken vertieft!« – »Weil ich ein geschlagener Mann bin«, gab er zur Antwort. Ich stutzte und fragte weiter: »Wieso? Wie kommt's, daß Ihr dies eben heut, wo Ihr Euch in so hohem Grade die Zufriedenheit Eurer Obrigkeit erworben zu haben scheint, so lebhaft fühlt?« – »Eben darum,« versetzte er heftig, »wer bürgt mir, daß der sich im Gefängnis erdrosselt, oder sich mit Glasscherben die Pulsader aufreißt? Gibt's der Herr,« er meinte mich, »mir etwa schwarz auf weiß, daß diesen heillosen Sünder in der Einsamkeit die Verzweiflung packt? Und darf ich hoffen, daß er außer dem Diebstahl, wegen dessen ihn der strengste Richter nicht zum Tode verurteilen, ja nicht einmal auf zeitlebens einstecken kann, noch eine Mordtat oder ein anderes Halsverbrechen begangen hat?« – »Von wem sprecht Ihr denn eigentlich?« unterbrach ich ihn. »Nun, von wem anders, als von dem Bösewicht, den ich das Unglück gehabt habe zu arretieren. Hätt' ich doch lieber zuvor ein Bein gebrochen! Aber niemand entgeht seinem schlimmen Stern, am wenigsten ich.« – »Ich begreife Euch bei Gott nicht!« versetzte ich. »Für jeden ordentlichen Bürger pflegt es ein Fest zu sein, wenn ein dem öffentlichen Wohl gefährlicher Mensch zur Haft gebracht wird.« – »O freilich, wenn er nur nicht selbst die Falle war, in der der Fuchs sich erwischen ließ!« – »Ich dächte, das wäre gleichgültig!« – »Wahrlich nicht für einen Mann, der ein Haus hat, das man ihm zur Nachtzeit überm Kopf anzünden kann, und der sich gestehen muß, daß sich in sein Fleisch so gut ein Loch bohren läßt, wie in andres. Mein Ihr, ein Kerl, der – Ihr könnt's nicht übersehen haben – auf'm Wagen einschläft, während ihn tausend Kehlen mit den greulichsten Verwünschungen überhäufen, werde sich für die endlose Langeweile, der er im Kerker, und für die Quälereien, denen er in den Verhören entgegengeht, nicht gegen mich Unglückseligen, dem er das alles verdankt, auf seine Weise erkenntlich bezeigen? Was wird diese Kröte zwischen den finstern Mauern des Gefängnisses aushecken, als giftige Rachepläne? Und wann hat man noch gehört, daß einem Bösewicht mißglückt ist, was er sich vornahm? Höchstens kommt man ihm hintendrein auf die Spur; das weckt aber keinen wieder auf, der einmal mit einer acht Zoll tiefen Wunde auf'm Kirchhof oder sonstwo verscharrt liegt. Dem Schlachtopfer ist's gleichgültig, ob man den Schlächter zu ihm in die Erde steckt.« – »Mir scheint, ein Mann, wie Ihr, kann sich seiner Haut schon wehren; Euch geht, deucht mir, zu einem Riesen nicht viel ab, geschweige zu einem tüchtigen Schläger.« – »Oh,« versetzte Schnock mit einem Seufzer, »wie oft soll ich diese vermaledeiten breiten Schultern, diese lügenhafte, großprahlerische Leibesgestalt, womit irgendein schadenfroher Teufel mich begabt hat, noch verfluchen! Jeder, der mich nicht kennt, glaubt, daß ich Berge versetzen kann. Warum bin ich unglücklich? Weil ich nicht einen Kopf kürzer bin. Wozu trieb mich meine Neigung in der Jugend, was war der Wunsch meiner Wünsche? Schneider wollt' ich werden, darum bat ich meinen Vater; die führen ein friedsames, geruhiges Leben, sprichwörtlich ist's, daß sie keine Courage haben, man erwartet von ihnen nicht das Unglaubliche. Drang ich mit all meinen Bitten bei dem Vater durch? Junge, sagte er, nicht scherzhaft, sondern in grimmigem Ton, bist du verrückt? Du könntest bei deinen Knochen und Kräften einen Ackergaul ersetzen, und wolltest gleich einem Affen, mit gekreuzten Beinen und löschpapiernem Gesicht hinter dem Fenster auf'm Schneidertisch hocken und Zwirn in die Nadel fädeln? Das ist war für Krüppel, für Lahme und Verwachsene, damit komme mir nicht; du wirst mir, so Gott will! ein braver Schreiner! Natürlich, er war ja selbst ein Schreiner, und das edle Handwerk wär' zugrunde gegangen, hätt' ich ein andres ergriffen. Gott vergeb's ihm, meinetwegen; ich vergeb's ihm nicht, höchstens auf'm Totenbett, wo man alles vergibt!« Schnock ballte die Hand. »Aber, lieber Meister,« fragt' ich weiter, »warum ließt Ihr den Dieb nicht entschlüpfen, wenn es Euch so bedenklich schien, ihn festzuhalten? Das stand ja doch bei Euch?« – »Keineswegs,« erwiderte Schnock; »man ist selten oder nie Herr seines Willens. Ich war den übrigen vorgelaufen, nicht etwa, um mir ein Ansehen zu geben, sondern um ihnen möglichst bald aus den Augen zu kommen und bei der Hetze gegen brutale Aufforderungen zum Hilfeleisten gesichert zu sein. Plötzlich, da ich eben den Sprung um ein Gebüsch mache, fährt mir das Teufelswildbret, ich meine meinen Arrestanten, entgegen. Ich schaudre zusammen; denn das laute Hurra, das aus hundert Kehlen hinter mir erschallt, sagt mir's gleich, daß mein niederträchtiges Jagdglück nicht unbemerkt geblieben ist. Dennoch hätt' ich, ohne Rücksicht auf spätere Foppereien und Anzüglichkeiten, dem Kerl gern den Vorsprung gelassen und zu hinken angefangen; aber der war wie unsinnig, statt zu entspringen, blieb er stehen, rollte die Augen, ballte die Faust gegen mich und fuhr endlich damit, als wollt' er ein Messer oder gar eine Pistole hervorziehen, in die Tasche. Da ergriff mich Angst und Grausen; nicht aus Tollkühnheit, wie die herbeieilenden Esel, die mir schon aus der Ferne ein Bravo über das andere zuschrien, glauben mochten, sondern aus Furcht macht' ich mich über ihn her, rang mit ihm und warf ihn zu Boden. Daß seine Taschen leer waren, wie sich's bei der Visitation fand, konnt' ich nicht wissen, und gegen Schuß und Stich mußt' ich mich sichern.« Ein Bursch kam in diesem Augenblicke eilig auf uns zu. »Ich komme schon!« rief Schnock ihm entgegen und machte mir zugleich eine Abschiedsverbeugung. »Ihr irrt Euch, Meister,« sagte der Bursch mit unterdrücktem Lachen, »ich suche diesmal nicht Euch, ich geh' auf die Apotheke, um Hoffmannstropfen zu holen, Eure Frau hat Kopfweh und liegt zu Bett.« – »So sagst du nicht,« versetzte Schnock, »daß du mich gesehen hast. – Wenn die Kopfweh hat,« fuhr er, sich wieder zu mir wendend, fort, »ist's goldne Zeit für mich; dann fühl' auch ich einmal, daß ich noch auf der Welt bin. Ihr muß wirklich zuvor das Schlimmste begegnet sein, ehe mir was Gutes begegnen kann; als sie jüngst wegen Zahnschmerz und Backengeschwulst vierzehn Tage lang das Maul nicht öffnen konnte, hatt' ich den Himmel auf Erden.« Ich lud Schnock ein, mich ins Posthaus zu begleiten und dort eine Flasche Wein mit mir auszustechen. »Ich weiß mich«, sagte ich, als er bedenklich zu zögern schien, »vor Langeweile nicht zu lassen, und wo find' ich Gesellschaft?« Er willigte ein, und nicht lange dauerte es, so saßen wir uns auf meinem Zimmer mit gefüllten Gläsern gegenüber. Es gibt untrügliche Kennzeichen, wodurch sich der geübte Trinker von dem angehenden unterscheidet; wenn dieser, während er das süße, flüssige Feuer hinuntergießt, die Augen wollüstig zukneift, und in innigem Behagen noch mit dem letzten Tropfen die Zunge erquickt, so spitzt jener bloß ein wenig den Mund, trinkt mit offnen Augen und ignoriert den Tropfen, da er die Erfahrung gemacht hat, daß dieser Nachzügler den Durst, statt ihn zu löschen, nur aufs neue weckt. Schnock, das sah ich gleich, war kein angehender Trinker; er trank das erste Glas nur, um recht bald zum zweiten zu kommen, und an eine Entsiegelung seines inneren Menschen, auf die ich mich freute und derentwegen ich ihn eingeladen hatte, war vor Entsiegelung der dritten Flasche nicht zu denken. Ich gab mich gegen ihn für einen geschiedenen Ehemann aus und sagte, ich hätte bloß darum mein Vaterland verlassen, weil mein rachsüchtiges Weib mir ihre sämtlichen Liebhaber, einen nach dem andern, mit Herausforderungen auf den Hals schicke, was mir über kurz oder lang das Leben kosten könne. Diese Eröffnung machte ihn treuherzig, aber eine Unvorsichtigkeit, die ich gleich hernach beging, hätte das günstige Vorurteil, das er für mich zu fassen begann, fast im Keim wieder zerstört. Ich zog nämlich, weil sie mir unbequem waren, meine Taschenpistolen hervor und legte sie neben mich auf den Tisch. Plötzlich – er war schon in recht lebhaften Mitteilungen über sein Märtyrertum begriffen gewesen – stockte der Fluß seiner Rede, er entfärbte sich und sah mich an. Ich bemerkte die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, früher, als ich sie begriff, und bemühte mich, ihrer Ursache auf die Spur zu kommen, aber schneller als all mein Nachsinnen verhalf mir eine zufällige Bewegung meiner Hand zur Aufklärung über den zweifelhaften Punkt. In der Zerstreuung ergriff ich eine der Pistolen, die ungeladen waren, und spannte spielend den Hahn; da sprang Schnock von seinem Stuhle auf und versicherte mir mit einem Gesicht, welches gegen den Mund die bündigste Protestation einlegte, er halte sich in meiner Gesellschaft für sicher. »Ihr seid's vollkommen, lieber Meister,« versetzte ich; »die Dinger da drückten mich, ich führe sie zu meiner Verteidigung auf Reisen bei mir, aber um mich nicht selbst zu schädigen, lade ich sie nicht, außer wenn ich bei Nebel und Nacht durch dicke Waldungen komme.« Zum Zeugnis der Wahrheit meiner Relation drückte ich die Pistole, welche ich eben in der Hand hielt, ab. »Ich«, entgegnete Schnock, indem er sich wieder mit alter Behaglichkeit niederließ, »würde doch Pistolen und dergleichen niemals mit mir führen; denn davon bin ich überzeugt, wenn die Gefahr wirklich an den Mann herantritt, so vergißt man's entweder, daß man sie hat, oder man schießt beim Abfeuern fehl und reizt so den Menschen, der es vielleicht nur auf einfache Räuberei abgesehen hatte, zu Mord und Blutvergießen.« – »Ihr habt nicht unrecht,« erwiderte ich, mein Lachen verbeißend, was mir, wenn's mir nur einmal gelingt, immer gelingt, »und da wär's gar möglich, daß man, nachdem man durch die erste Pistole den Mordgedanken erweckte, durch die zweite niedergestreckt würde; ich setze den Fall, daß der Räuber keine Waffe bei sich führt und sich ihrer bemächtigt.« – »Freilich, freilich!« versetzte Schnock und trank, sichtlich erfreut, zwei Gläser hintereinander. Die dritte Flasche war halb geleert, da stand er plötzlich auf, trat mit pfiffigwichtiger Miene vor mich hin und fragte mich: »Sagt mir doch, bin ich eigentlich feig?« – »Es scheint wohl nur so!« antwortete ich, einigermaßen verdutzt. »Gewiß!« versetzte er und nahm wieder Platz, »daß ich's nicht bin, davon, glaub' ich, hab' ich Euch heute den Beweis gegeben. Ich traue Euch nichts Böses zu, bei Gott nicht! sonst wär' ich keine fünf Minuten geblieben; aber, dies könnt' Ihr nicht leugnen, Ihr seid mir wildfremd. Ihr ladet mich ein, Euch auf Euer Zimmer zu begleiten und Wein mit Euch zu trinken, jeder andere hätte, und mit Recht, aus Eurer Splendidität Argwohn geschöpft und die sonderbare Einladung mit Abscheu abgelehnt; ich unterdrücke meinen Verdacht und gehe mit Euch. Ich denke, ich bin nicht feig!« – »Ei, Meister Schnock,« erwiderte ich, »wie kommt Euch denn der Einfall, daß Ihr feig wäret?« – »Weil,« versetzte er hastig und schenkte sich ein, »weil sie mich alle für feig halten, ja, weil ich, Stunden, wie diese, ausgenommen, selbst das ganze Jahr hindurch, Gott weiß, woran es liegt! glaube, daß ich's bin.« Jetzt verschwand bei ihm die letzte Spur von Zurückhaltung, um so mehr, als er erfuhr, daß ich nicht im Orte bleibe, sondern gleich den nächsten Tag wieder abreise, er machte mich zum vollständigsten Vertrauten seiner Lebens-, das heißt Märtyrergeschichte, und ich erhielt Gelegenheit, in die Mikrologien seines Daseins hineinzuschauen, das mir so putzig vorkam, als ob es gar nicht seiner selbst wegen, sondern zur Belustigung eines größeren geführt würde. Ich darf nun freilich nicht vergessen, daß meine Leser nicht, wie ich, gezwungen sind, in dem Marktflecken Y. einen ganzen Tag auf die Post zu warten und muß darum den größten Teil von Schnocks Mitteilungen für mich behalten; denn bei mir hatten sie nur mit einem alten Kalender, den ich durchblättern, mit den Fensterscheiben, die ich hätte zählen können, zu rivalisieren, was hoffentlich bei keinem meiner Leser der Fall ist. Ich glaube jedoch, daß einiges daraus sie auch in einer weniger verzweifelten Situation ergötzen kann, und bitte sie, wenn ich mich hierin täusche, den Grund nicht in dem Mann und seinen Erlebnissen zu suchen, sondern in meiner Unfähigkeit, ihn treu, bis in das Haargewebe seiner Bestimmungsgründe hinein, zu zeichnen. Um dieser Unfähigkeit möglichst zu Hilfe zu kommen, lasse ich ihn selbst reden.

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