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Schneeglöckchen

J. J. Rudolphi: Schneeglöckchen - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefairy
authorJ. J. Rudolphi
titleSchneeglöckchen
publisherJohann David Sauerländer
year1826
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090326
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Das Schneiderlein und die zwölf Rothhöschen

Es war einmal ein Schneiderlein, das saß vor seinem Häuschen auf einem Stuhle, und nähte fleißig darauf los. Zu dem Schneiderlein kam einmal ein Mann, der trug unter seinem Arm ein rothes Tuch, und sprach: »Meisterlein, könnt ihr mir nicht aus dem Stücke ein Paar Beinkleider machen?« »O ja,« sagte das Schneiderlein, und maß das Stück am Arm aus. »Vielleicht gäbe es auch zwei Paar,« sagte der Mann. Da nickte das Schneiderlein mit seinem Köpfchen, lächelte und sagte: »o ja, das kann geschehen!« Da dachte der Mann, seht doch, was das für ein Schalk ist; hätte ich's bei einem Paare gelassen, so hätte das Schneiderlein den Rest für sich behalten. »Aber es gibt vielleicht gar drei Paar,« fragte er das Schneiderlein. »O ja!« sagte das Schneiderlein, und lächelte schelmisch. Da fuhr der Mann fort mit ihm zu handeln, und das Schneiderlein erbot sich endlich, ihm ein Dutzend Beinkleider aus dem Stücke Tuch zu verfertigen. »Bis Morgen könnt' ihr sie haben,« sagte das Schneiderlein, und der Mann ging weiter.

Als aber der Fremde weggegangen war, da fuhr das Schneiderlein mit seiner Schere in das Tuch, und schnitt, und schnitt, bis die zwölf Beinkleider in Stücken da lagen. Dann setzte er sich hin, und nähete Tag und Nacht, und ruhte nicht, bis die zwölf Beinkleider fertig waren; als er aber das letzte Paar an den Nagel gehängt hatte, da that er einen großen Biß in ein Butterbrod, und sprach mit sichtbarem Wohlgefallen: »nach gethaner Arbeit ist gut ruhen; der Fremde wird sich über meine Geschicklichkeit wundern.« Der Fremde kam aber, wie er gesagt hatte, und fragte nach seinen zwölf Paar Beinkleidern. »Da sind sie,« sagte das Schneiderlein, und hob sie mit seiner Elle herunter; »da hängt ein Paar schöner als das andere.« Die zwölf Höschen waren aber so klein ausgefallen, daß das Schneiderlein eines in die Hand nahm, die zwei Finger durch die Beine steckte und den Daumen der anderen Hand dahinter hielt, da sah es aus wie ein Männchen. »Seyd ihr zufrieden mit meiner Arbeit?« sagte das Schneiderlein. »Ihr seyd ein Schelm, Meister, aber ein Schelm, wie ich ihn brauche. Kommt mit mir, ihr sollt es bei mir gut haben. Da holte das Schneiderlein aus seinem Kleiderschrank seinen Sonntagsrock und sein Hütchen, und vergaß auch nicht den Knotenstock, der in der Ecke hinterm Ofen stand. Seine Paar Habseligkeiten aber band er in ein Sacktuch; vor allem aber steckte er Nadel, Fingerhut und Scheere zu sich. Auf die vordere Spitze seines Hutes aber steckte er einen Knäuel Zwirn, und sagte: man muß doch auch sehen, daß ich ein Schneider bin!

Die beiden zogen aber mit einander fort, und kamen am Abend in einen großen Wald, in dem wohnte der Fremde. Es waren aber zwei Häuser da gebaut; das eine war stattlich und groß, das andere winzig und klein; an dem kleinen Hause aber waren Fenster und Thüren, wie an dem großen, und wenn der Storch auf den Schornstein des großen Hauses ein Nest gebaut hatte, so hatte sich auf dem kleinen ein Zaunkönig niedergelassen, und zwitscherte recht anmuthig, wenn der langbeinige Storch sein altmodisches Liedchen herplapperte.

»Wer wohnt denn da in dem Häuschen?« fragte das Schneiderlein. Darin wohnen meine Kinder, antwortete der Mann. »Eure Kinder?« sagte das Schneiderlein, und sah ihn mit großen Augen an, so groß nämlich, als ein Schneiderlein von seiner Statue Augen machen kann; »der Himmel stehe mir bei,« fuhr er fort, »da müßte ich ja meinen Kopf zum Schornstein heraus strecken, wenn ich darin wäre, und bin doch auch keiner von den Größten!« »Ja, es ist so,« sagte der Fremde, und klatschte in die Hände; da kamen zwölf Männchen zur Thüre herausspaziert, etwas größer als eine Faust. »Da habe ich euch etwas mitgebracht!« sagte der Alte; »kommt einmal her!« da zog er aus seiner Tasche die zwölf Rothhöschen, und reichte jedem ein Paar dar; »seht,« fuhr er fort, »das habt ihr eurem Oheim zu verdanken, der hier vor euch steht,« und zeigte dabei auf den Schneider, »kommt her, und küßt eurem Ohm die Hand.« Das Schneiderlein aber wußte nicht, was es sagen oder denken sollte; er reichte aber doch seine knollige Hand hin, und sagte: »kommt her, meine lieben Vettern, seyd mir vielmals gegrüßt!« Da kamen sie herbei, einer nach dem andern, und hatten ihre große Noth, bis sie dem Ohm die Hand herumdrehten, denn aus Ungeschicklichkeit hatte er ihnen die innere Seite der Hand zum Küssen hingereicht. Sie brachten es aber doch am Ende fertig, und das Schneiderlein ward recht freundlich und vertraut mit seinen neuen Verwandten; darauf gingen sie mit einander in das große Haus, und setzten sich an den Tisch zum Essen; die zwölf Rothhöschen aber aßen an einem besonderen Tischchen, und banden sorgfältig ein Tüchelchen in das Knopfloch, um ihre neuen Höschen nicht zu beschmutzen.

Der Tisch war gedeckt, und jeder hatte einen Teller und einen Löffel vor sich; aber es kam Niemand, der ihnen Speise brachte. Dem Schneiderlein aber ward es ganz unheimlich im Magen; er saß, und wartete und wartete, aber es wollte nichts kommen. Die andern aber aßen ganz eifrig von ihren Tellern, so daß das Schneiderlein nicht wußte, was das bedeuten solle. »Ey so eßt doch Oheim,« sagte eines der Rothhöschen, »thut nur nicht so fremd! denkt, ihr seyd jetzt ganz bei uns zu Hause!« »Ja, das ist eine Kunst,« sagte das Schneiderlein. »Wo nichts ist, davon kann man nichts nehmen; gebt mir nur erst etwas.« »Ja so,« sagte der Alte, »ich habe wirklich vergessen, Oheim, Euch mit unserer Einrichtung bekannt zu machen; wir leben von der Luft, und speisen die Sonnenstrahlen. Das ist ein ganz vortreffliches Gericht, das den Körper immer wohl und gesund erhält. Daher kommt's, daß wir nie etwas von Krankheit spüren; wir haben kein Kopf- und kein Zahnweh, und keine Brustbeschwerde, kein Podagra und keine Bauchgrimmen; so habe ich immer gelebt, und so ziehe ich auch meine Kinder groß.« »Ja man sieht's,« sagte das Schneiderlein, »wie gut es bei ihnen anschlägt, aber aufrichtig gesagt, werther Oheim, nehmt mir nicht übel, diese Lebensart scheint mir doch ein wenig mager zu seyn, und ich glaube, daß schon eine ordentliche Portion Sonnenstrahlen dazu gehört, um sich zu sättigen. Ich bin zwar nicht gegen das Neue eingenommen, Oheim, aber es wäre mir doch eine Schüssel Sauerkraut mit einer Bratwurst lieber.« »Das versteht ihr nicht,« sagte der Alte, »wer sich einmal an unsere Lebensart gewöhnt hat, der vertauscht sie um alles in der Welt nicht mit einer andern, probiert's nur einmal.« Als das Schneiderlein sah, daß nichts anders mehr kam, gab er sich in Geduld darein, aß von den leeren Tellern Sonnenstrahlen, wie die andern, und wischte sich zuletzt den Mund mit seiner Serviette ab, und sagte, um sich seinen neuen Verwandten gefällig zu erweisen: »ihr habt recht, meine Vettern, Sonnenstrahlen sind ein köstliches Essen;« zugleich aber schnürte er seinen Gürtel um ein Loch fester zusammen, plauderte, und vergaß darüber seinen nagenden Hunger. Am Abende aber ward gar nicht der Tisch gedeckt, und das Schneiderlein sah auch diese Hoffnung verschwinden, etwas in seinen hungrigen Magen zu bekommen, denn er hatte gedacht, am Abend, wenn die Sonne nicht mehr scheint, so können sie doch keine Sonnenstrahlen essen. Sie stellten sich aber alle ans Fenster und sahen eine Zeitlang den Mond mit offenem Munde an, und versäumten nicht, das Schneiderlein einzuladen. »Wir haben des Abends kalte Küche,« sagten sie; »aber es ist der Gesundheit sehr zuträglich; warme Speisen hindern die Verdauung, und auf so einige Mundvoll Mondschein schläft sich's ganz vortrefflich.« »Ihr habt ganz recht, meine werthen Vettern,« sagte das Schneiderlein, und that, als ob er begierig den Mondschein einschlürfe, insgeheim aber zog er seinen Gürtel wieder um ein Loch zusammen, und dachte dabei: »o säße ich doch daheim in meinem Häuschen, so stünde doch ein Topf mit Kartoffeln am Feuer, woran ich mich laben könnte, aber hier ist's nicht auszuhalten.« Er schwieg aber doch stille, und sagte, er wolle jetzt schlafen gehen, er sey etwas müde geworden. »Wir gehen sogleich mit euch,« sagte der Alte. Da führte er das Schneiderlein und die zwölf Rothhöschen in ein großes Zimmer; in dem stand aber weder Bett, Stuhl noch Tisch. »Ihr werdet wahrscheinlich auch nicht wissen, wie man hier schläft,« sagte der Alte, »seht, wir machen es so.« Da stellte sich der Alte mit den zwölf Rothhöschen an die Wand, und zog ein Bein in die Höhe, so daß er nur auf einem stand. Dann faßte er den Ellenbogen des rechten Armes mit der linken Hand; den Zeigefinger der rechten Hand aber legte er auf die Spitze seiner Nase, machte die Augen zu, und that als ob er schliefe. »Seht,« sagte er zu dem Schneiderlein, »so schlafen wir, und ich rathe euch, es eben so zu machen.« »Ländlich, sittlich,« sagte das Schneiderlein, und that, was man ihm sagte. Er hielt es aber nicht lange aus, denn der Schlaf überwältigte ihn bald, und er sank auf den Boden zusammen.

Er schlief aber fest, und wachte nicht eher auf, als bis die Sonne zum Fenster herein schien, und der Storch sein Morgenlied klapperte. Da rieb er sich die Augen, und sah um sich. Die Rothhöschen aber waren mit ihrem Vater verschwunden, darum raffte er seine Habseligkeiten zusammen, nahm seinen Knotenstock, und trat zum Hause heraus. Vor der Thüre aber stand der Alte mit den Rothhöschen und frühstückten im Sonnenschein. »Wollt ihr nicht auch eine Tasse trinken, Oheim?« sagte der Alte. »Ich danke,« sagte das Schneiderlein, und zog seinen Gürtel wieder enger zusammen; »ich bin noch ganz satt von gestern Abend. Wenn ihr aber erlaubt, so will ich meine Reise weiter fortsetzen.« »Wie, unser werthester Oheim,« sagten die Rothhöschen, »ihr wollt uns schon wieder verlassen? Ihr seyd ja eben erst angekommen. Bleibt doch noch eine Zeitlang hier.« »Meine Kunden möchten sich vielleicht unterdessen an einen andern Meister wenden,« sagte das Schneiderlein, »wenn ich solange ausbleibe.« »Lebt recht wohl, lieber Oheim,« sagten die Rothhöschen. »Lebt wohl, meine lieben Vettern, und besucht mich bald.« Damit empfahl er sich ihnen, und ging eilig durch den Wald; er wußte aber gar nicht, wo er hinging, und wollte lieber an jedem andern Orte seyn, als bei diesen Sonnenscheinessern.

Er marschierte aber den ganzen Vormittag hindurch, ohne ein einzigesmal auszuruhen. Endlich setzte er sich müde und matt unter einen alten Eichbaum, und seufzte: »wenn ich doch nur auch ein Stückchen Brod hätte,« und suchte alle seine Taschen durch. Er hatte aber nicht auf das Acht gehabt, was um ihn vorging, denn als er vor sich hinblickte, sah er auf dem Boden einen Laib Brod da liegen, so schön und appetitlich, als das Schneiderlein in seinem Leben je gegessen hatte. »Ey, wie geht denn das zu,« rief er aus, »wo kommt denn auf einmal das Brod her? Es war doch nicht da, ehe ich her kam, und es hat mir's doch auch Niemand gebracht. Doch, was thut's? Ich habe seit gestern so manches gesehen, was ich für eine Erdichtung gehalten haben würde, wenn mir's ein anderer erzählt hätte; ich will mir's schmecken lassen!« Damit zog er sein Taschenmesser heraus, und schnitt sich ein tüchtiges Stück herunter. Er kaute aber mit vollen Backen, und sagte: »das schmeckt doch ganz anders, als Sonnenstrahlen; aber so ein Stück Schinken als Zugabe wäre doch auch nicht so übel.« Indem er das sagte, hörte er hinter sich ein Geräusch, das ihn bewog, um sich zu sehen; es war aber nur ein Blatt, das von einem Baum gefallen war. Als er aber vor sich sah, siehe, da lag ein großes Kohlblatt auf dem Grase, und darauf lagen Schnitten von Schinken aufgehäuft, daß es aussah, wie ein kleiner Berg. »Gesegnet sey die unsichtbare Hand,« rief er aus, »die mich so herrlich traktirt; wahrlich, seit meiner Eltern goldener Hochzeit habe ich so herrlich nicht mehr gelebt; jetzt noch einen Schluck Wein, und dann tausch ich nicht mit allen Königen der Welt.« Er hatte aber kaum ausgesprochen, da fühlte er in seiner linken Rocktasche etwas schweres. Er griff hinein, und zog eine ganze Flasche Wein heraus. »Jetzt bin ich zufrieden,« rief er im höchsten Entzücken aus, sprang auf, und tanzte mit der Flasche im Kreise herum. Dann zog er den Stöpsel heraus, und nahm einen Schluck. »Ach, ist der köstlich,« sagte er; »so hat unser gnädiger Herr im Dorfe keinen im Keller. Jetzt kommt mir noch einmal, ihr Sonnenscheinesser und Mondscheintrinker; hier gehts anders zu, als bei euch!« »Hahaha, du kleiner Narr!« rief eine lachende Stimme hinter dem Gebüsch, »sieh einmal wer da ist?« Zugleich trat der Sonnenscheinesser mit seinen zwölf Rothhöschen hervor, und wünschte dem Schneiderlein, dem vor Schreck die Weinflasche aus der Hand geglitten war, guten Appetit. »Seyd mir willkommen,« stammelte endlich das Schneiderlein, und verzog sein vor Schrecken erblaßtes Gesicht so freundlich, als er es vermochte. »Wollt ihr euch nicht nieder lassen, meine werthen Vettern? Es ist mir leid, daß ich euch von meiner Mahlzeit nichts anbieten kann, da euch diese Speisen zuwieder sind: geht aber nur hier vor den Wald hinaus, da scheint die Sonne recht warm vom Himmel herab, und ihr könnt nach Herzenslust schmaußen.« Er hoffte, sie los zu werden, aber der Alte nahm ihn bei Seite, und sagte: »Meisterlein, laßt euch nicht bange werden, ich habe euch nur versuchen wollen. Kehrt mit mir um, und bleibt bei mir; ihr sollt es gut haben. Ich habe schon manchen Fremden beherbergt, aber alle sind grob und unverschämt geworden, wenn ich sie gebeten habe, mit mir zu essen; ihr allein wart höflich, und habt euern Hunger unterdrückt, ihr sollt haben, was ihr begehrt.« »Werthester Oheim,« sagte das Schneiderlein, »vor allem bitte ich mir aus, etwas dauerhaftere Speisen zu geben, als ihr überirdischen Personen, denn das seyd ihr allem Anscheine nach, zu genießen pflegt. Zum Exempel, ich würde täglich mit so einer Mahlzeit zufrieden seyn, wie ich sie heute gehabt habe.« »Das soll euch werden,« sagte der Alte, »denn was ihr eben gegessen habt, kommt von mir; denn wißt, ich verstehe mich ein wenig darauf, etwas unsichtbar herbei zu zaubern.« »Nun, wenn das ist,« entgegnete das Schneiderlein, »so bin ich zufrieden.« »Was soll aber mein Geschäft bei euch seyn?« fragte er dann weiter. »Ihr sollt meine Söhne in euerm Handwerk unterrichten,« sagte der Alte, »ich habe immer sagen hören, Handwerk hat einen goldenen Boden; das sollen meine Söhne probiren.« »Von Herzen gern,« sagte das Schneiderchen, »ihr sollt eure Freude erleben an euern Söhnen, wenn sie mein Handwerk lernen.« Er packte also sein Bündelchen unter den Arm, nahm seinen Stock, und wanderte mit dem Alten weiter. Sie waren aber noch gar nicht weit gegangen, so sahen sie die zwei Häuser schon vor sich liegen, von denen der Schneider des Morgens ausgegangen war; denn in seiner Eile hatte er nicht Acht auf den Weg gehabt, und war in einem großen Kreise herumgegangen. Der Alte führte ihn aber ins Haus, und wieß ihm ein hübsches Zimmer an, in dem stand ein Tisch und ein gutes Federbett, für die Söhne aber war ein besonderes Tischchen mit zwölf kleinen Stühlchen. Das Schneiderlein begann aber alsbald sein Lehramt, und die jungen Rothhöschen machten so schnelle Fortschritte, daß nach drei Wochen schon drei derselben die Wanderschaft antreten konnten. Ihr Vater aber steckte einem jeden einen Ring an den Finger, und ließ sie ziehen.

Als aber zwölf Wochen vergangen waren, da waren auch die letzten drei Rothhöschen als ausgelernte Schneider in die weite Welt gegangen.

Der Alte aber sprach: »Meisterlein, ich bin euch unendlichen Dank schuldig für das gute Werk, das ihr an meinen Söhnen gethan habt, und ich weiß gar nicht, wie ich es euch vergelten soll. Geld habe ich keines, und halte es auch nicht für würdig, so große Dienste zu belohnen. Ich will euch aber hier ein kleines Pfeifchen geben, das hat zwei merkwürdige Eigenschaften an sich, die euch dereinst von Nutzen seyn können. Blaset ihr zu dem einen Ende hinein, so wird alles von euch fliehen.« »Ich danke euch,« sagte das Schneiderlein, »für euer schönes Geschenk; ich werde es gut gebrauchen können. So leer auch daheim mein Häuschen ist, so werde ich doch zuweilen von Mäusen und anderem Ungeziefer geplagt; das kann ich nun auf eine gute Art los werden.« Damit schnallte er sein Ränzchen, nahm Abschied, und nachdem ihm der Alte den Weg gezeigt hatte, machte er sich auf in seine Heimath. Er gelangte ohne Hinderniß nach Haus, und fand seine Wohnung, wie er sie verlassen hatte. Nachdem er mit den mitgebrachten Lebensmitteln eine gute Abendmahlzeit gehalten hatte, legte er sich nieder, und den andern Morgen saß er schon frühzeitig wieder vor seiner Thüre und arbeitete fleißig darauf los, wie vorher. Als seine Nachbarn und Freunde von seiner Ankunft hörten, kamen sie, und brachten ihm Arbeit, aber Meister Schneiderlein konnte sich nicht mehr recht an seine Heimath gewöhnen. Er hatte jetzt schon ein Stückchen von der Welt gesehen, und die Begierde, weiter zu kommen, wurde so stark in ihm, daß er eines Morgens wieder sein Ränzchen schnallte, seinen Knotenstock in die Hand nahm, die Hausthüre zuschloß, und lustigen Sinnes davon ging. An Lebensunterhalt konnte es ihm nicht fehlen, denn wenn er Appetit bekam, so pfiff er mit dem Pfeifchen, und sogleich kamen ein Paar Feldhühner oder Krammetsvögel herbeigeflogen, davon rupfte er sich ein Paar, zündete ein Feuer an, und briet dieselben. So lebte er im Ueberfluß, und zog neu gestärkt von dannen.

Am dritten Tage aber gelangte er in einen Wald, da kamen Räuber, die wollten ihn umbringen. Meister Schneiderlein aber pfiff auf seinem Pfeifchen, und die Räuber liefen über Hals und Kopf davon. Eines Tages aber hatte sich das Schneiderlein am Fuß eines Berges gelagert, und unter einer alten Eiche sein Mittagsschläfchen gehalten. Als er aber weiterging, ließ er unglücklicher Weise sein Pfeifchen liegen. Er merkte es aber nicht, sondern stieg munter den Berg hinan, bis er auf der Höhe ankam. Dort aber wohnte ein rauher, wilder Mann, der pflegte alle Fremde, die sich hierher verirrten, in ein tiefes Loch im Berg zu werfen, wo Niemand mehr herauskam. Er saß immer vor seiner Thüre und kämmte seinen langen, langen Bart; neben sich aber hatte er einen weißen Stab liegen, an dessen Ende ein Gemsenhorn befestigt war. Der Stab aber hatte die Eigenschaft, daß er länger und kürzer werden konnte, und kam denn nun ein Fremder in seine Nähe, so strekte er seinen Stab nach ihm aus, und zog ihn am Kragen herbei. Also erging es auch dem armen Schneiderlein. Er hatte kaum den alten Graubart erblickt, da wuchs in seiner Hand der Stab zu einer langen Stange, und packte ihn bei'm Nacken. Schnell griff er nach seinem Pfeifchen, aber er suchte vergebens; er durchwühlte in aller Geschwindigkeit seine Säcke, aber er konnte das Pfeifchen nicht finden, und als er eben die letzte Tasche umwendete, hatte ihn auch schon der Alte zu sich hingezogen. »Was bist du denn für ein sonderbarer Geselle?« redete er ihn in einem barschem Tone an. »Ich bin meines Handwerks ein Schneider,« sagte er, »und steh euch mit meiner Geschicklichkeit zu Diensten.« »Ach so!« sagte der Alte, »solche Leute kann ich brauchen. Ich habe da einen Sack, worin ich meine Hirse aufbewahre. Er ist aber vor Alter schon ein Bischen durchlöchert. Den kannst du mir flicken,« sagte der Greis, »aber hüte dich, daß du kein Loch übersiehst; wenn ein einziges Körnlein durchfällt, so bist du verloren.«

Da ward es aber dem Schneiderlein sehr angst und bange. Doch ließ er sich's nicht merken, sondern sagte: »gebt ihn nur her, ich will gleich damit fertig seyn.« Da reichte ihm der Alte einen alten zerlumpten Sack, der hatte tausend und tausend Löcher. Das Schneiderlein ließ sich aber nicht abschrecken, sondern fing an zu nähen und zu nähen, und wandte den Sack rechts und links, und fuhr mit der Nadel so weit aus, daß sich der Alte über seine Geschicklichkeit gewaltig wunderte. Endlich glaubte er damit fertig zu seyn; er besah ihn von allen Seiten und konnte nirgends mehr ein Löchelchen entdecken.

»Da wäre die Arbeit gethan,« sagte er, »jetzt gebt mir meinen Lohn!« Der Alte aber schöpfte von einem Haufen Hirse, der daneben lag, etwas in den Sack, und hielt ihn in die Höhe. Aber zu des Schneiderleins Schrecken lief die Hirse zu einem Loch heraus auf die Erde. »Komm, ich will dir den versprochenen Lohn geben,« sagte der Alte, »da unten sollst du mehr Arbeit finden.« Mit diesen Worten packte er das Schneiderlein, steckte ihn in den Sack, und warf ihn in das Loch hinab.

Es dauerte aber lange Zeit, bis das Schneiderlein wieder zum Gebrauch seiner fünf Sinne kam. Das erste, was er that, war, daß er seine Scheere heraus zog, und ein großes Loch in den Sack schnitt. Er schlüpfte dann heraus, und sah sich um; er befand sich in einer weiten Höhle, in welcher eine Menge Leichname von Menschen lagen, die von dem Alten hineingeworfen waren. Er war aber in großer Angst, wie er da heraus kommen sollte, denn nirgends konnte er einen Ausweg entdecken. Zudem war es ganz dunkel um ihn her, und das Licht von oben war kaum hinreichend, daß man dabei die verwirrten Gestalten unterscheiden konnte. Wie er aber so in seinen Gedanken vertieft da saß, sah er, daß ein Fuchs an einem Leichnam nagte. Da ging ihm ein Strahl der Hoffnung auf. »Wo du hereingekommen bist,« sagte er, »da kann ich auch hinaus.« Er schlich sich also leise hinzu, und packte den Fuchs beim Schwanze. Der Fuchs aber lief mit ihm in einen dunkeln Gang, der sich in einem kleinen Loche endigte, das, obgleich das Schneiderlein von sehr schmächtiger Natur war, doch für ihn zu klein war, um hindurch zu kommen. Allein er wußte sich zu helfen; mit seiner Schere stieß er nach rechts und links, und arbeitete sich so zum Berge hinaus.

Er verwunderte sich sehr, daß er gerade da herauskam, wo er am Mittag sein Schläfchen gehalten hatte, und fand er zu seiner großen Freude sein Pfeifchen wieder. Das nahm er, und zog damit weiter.

Er war aber noch nicht weit gekommen, da sah er, wie auf der Straße sich ein Staub erhob, er konnte aber nicht erkennen, von was er herkäme. Als er näher hinzutrat, sah er, daß es zwölf kleine Bürschchen waren, alle mit roten Höschen angethan, die schritten so keck einher, daß sie eine große Staubwolke vor sich hintrieben. »Ey, seyd uns gegrüßt, werthester Oheim,« sagten sie, »wo kommt ihr her?« Da sah Meister Schneiderlein, daß es seine zwölf Vettern, die Rothhöschen waren. Er begrüßte sie aber gar freundlich, und sie setzten sich zusammen unter einen Baum. Das Schneiderlein zündete ein Feuer an, zu dem setzten sie sich hin, und jeder erzählte, was ihm auf der langen Reise durch die Welt begegnet war. Als sie aber mit Erzählen fertig waren, stellte sich jeder auf ein Bein, und schlief; das Schneiderlein legte aber sein Ränzchen unter den Kopf, und schlief bis am andern Morgen.

Als sie wach geworden waren, sprach das Schneiderlein: »Meine werthen Vettern! ich will Euch einen Vorschlag thun; wir wollen mit einander reisen, und Freude und Leid zusammen tragen. Machen wir denn einmal ein Glück, so teilen wir es redlich.« Die zwölf Rothhöschen waren es zufrieden. Da beschlossen sie in eine große Stadt zu gehen, die nicht weit von ihnen lag. Um aber ganz unerkannt hinein zu kommen, so beschloß das Schneiderlein, die zwölf Rothhöschen in seinen Ranzen zu stecken. Er marschirte also lustig darauf los, und kam am Mittag in die Stadt. Er war aber kaum zum Thor hereingetreten, da hörte er einen Mann zu seinem Nachbar sagen: »Wenn ich doch nur einen Gehülfen hätte, ich habe so viele Kleider zu machen, daß ich mir gar nicht mehr zu helfen weiß.« »Da steh ich euch zu Diensten!« sagte das Schneiderlein; »ihr sollt mit mir zufrieden seyn; denn ich arbeite für dreizehn!« »Oho!« sagte der Mann, »was ist denn das für ein kleiner Prahler? Für einen halben Mann, willst du sagen.« »Gewiß nicht,« antwortete das Schneiderlein, »macht nur einmal die Probe.« Der Mann aber dachte, ein halber Arbeiter ist doch besser als gar keiner; ich will ihn einmal zu mir nehmen. Da führte er ihn in sein Haus, und setzte ihn in sein Zimmer an einen großen Tisch, und legte ihm einen Rock zum Nähen vor. »Seyd so gut,« sagte das Schneiderlein, »und gebt mir gleich noch zwölf andere, damit ich Euch beweise, daß ich nicht unwahr geredet habe.« Der Mann aber wußte nicht, was er sagen sollte; um ihm aber doch den Willen zu thun, brachte er noch zwölf zugeschnittene Röcke herbei, darauf ging er weg. Meister Schneiderlein aber verschloß die Thüre, holte die zwölf Rothhöschen heraus, und sagte: »jetzt macht eurem Meister keine Schande.« Da fingen die zwölf Rothhöschen an zu nähen, und ruhten und rasteten nicht, bis alles fertig war; als sie aber den letzten Rock an die Wand gehängt hatten, stellte sich ein jeder ans Fenster, und nahm ein reichliches Mahl von Sonnenstrahlen ein; der Schneider aber begnügte sich mit einem Butterbrod. Darauf steckte er die Rothhöschen in seinen Ranzen, und rief den Meister. Als der aber hereintrat, und die dreizehn Röcke erblickte, da wußte er gar nicht, was er sagen sollte. »O du Herzensschneiderlein,« sagte er, und fiel ihm um den Hals, »du bist die schönste Perle in meiner Schneiderkrone; bleibe bei mir, du sollst es gut haben.« Meister Schneiderlein aber lächelte ganz zufrieden, und sagte: »macht nur nicht so viel Wesens daraus; das ist mir eine Kleinigkeit gewesen; ich kann noch ganz andere Dinge.« »O! ich bin mit diesen schon zufrieden,« sagte der Mann; »jetzt laßt's Euch wohl seyn.« Damit brachte er ein Fläschchen mit Wein, und trank auf des Schneiderleins Gesundheit.

Das Schneiderlein arbeitete fortan zur großen Zufriedenheit seines Herrn, so daß alle anderen Meister der Stadt ihm neidisch und gram wurden. Zu dieser Zeit aber brach ein Krieg aus, und der König, der in der Stadt wohnte, ließ alle seine Zeichendeuter vor sich kommen, und befragte sie, wen er zum obersten Befehlshaber seiner Kriegsheere setzen sollte. Da nannten sie ihm den Namen eines vornehmen Mannes, den ließ der König kommen, und umgürtete ihn mit einem silbernen Schwerdt, und schnallte ihm silberne Spornen an seine Stiefeln. Dann ließ er ihn auf ein schönes Pferd sitzen, und begleitete ihn vor die Stadt hinaus; das Heer aber zog gegen die Feinde, und am dritten Tage ward es geschlagen, daß es auf schmähliche Weise nach Hause kam. Da ließ der König den Mann, den er zum Kriegsobersten gesetzt hatte, in einen Thurm werfen, nachdem er ihm das silberne Schwerdt und die silberne Spornen genommen hatte. Darauf berief er wiederum die Zeichendeuter zu sich, und fragte sie noch einmal, wen er zum Oberbefehlshaber über das Kriegsheer setzen sollte. Da nannten sie ihm einen noch viel vornehmern Mann, den ließ der König vor sich kommen, und umgürtete ihn mit einem goldenen Schwerdte, und schnallte ihm ein Paar goldene Spornen an seine Stiefeln. Darauf setzte er ihn auf ein schönes Pferd, und begleitete ihn bis vor die Stadt. Das Kriegsheer aber zog dem Feind entgegen, es ward aber geschlagen gleich dem vorigen, und kam in schimpflicher Flucht zurück.

Da ward der König sehr erzürnt; er nahm dem Kriegsobersten sein goldenes Schwerdt und seine goldenen Spornen, und warf ihn zu dem andern in den Thurm hinab; die Zeichendeuter aber jagte er aus der Stadt bis auf einen, zu dem sprach er: »Wenn du mir nicht einen Kriegsobersten nennest, der meinem Heere Sieg verschafft, so lass' ich dich in einen eisernen Käfig setzen, und ins Feuer werfen.« Da erschrack der Zeichendeuter, und schlug alle seine Bücher nach, aber er konnte den Mann nicht nennen. Schon waren zwei Tage von der Frist verflossen, die ihm der König gesetzt hatte, da hatte er in der dritten Nacht einen Traum, darin ward ihm gesagt: in der Stadt sey ein Mann, der arbeite soviel als dreizehn andere; den solle der König zum Heerführer machen. Froh über diese Entdeckung lief er alsbald zu dem König, und erzählte ihm den Traum. Da ließ der König alle große und starke Leute vor sich kommen, aber keiner konnte mit Wahrheit behaupten, daß er für mehr, als höchstens zwei Mann arbeiten könne. Der König aber ließ nun öffentlich ausrufen, daß er demjenigen eine große Belohnung zugedacht habe, der das vermögte. Aber Niemand wollte sich melden.

Der Herold aber, der dies öffentlich bekannt machte, kam auch in die Gegend der Stadt, wo das Schneiderlein arbeitete, und sein Meister hörte es. Da sagte dieser zu seiner Frau: »Schweige mir ja still, und sag es Niemand, daß bei uns der Mann ist, wie ihn der König verlangt. Denn wird er uns genommen, so ist unser bestes Kleinod dahin.« Die Frau aber versprach ihm zu schweigen. Als aber der Herold zum drittenmal in die Gegend kam, da konnte sie sich nicht mehr zurückhalten, denn er versprach auch demjenigen eine große Belohnung, der dem Könige nur sagen könnte, wo ein solcher Wundermann zu finden sey. Darum, als ihr Mann gerade ausgegangen war, stellte sie sich unter die Haustüre und rief den Herold herein. »Wenn ihr mir versprecht zu schweigen,« sagte sie, »so will ich Euch wohl sagen, wo der Mann zu finden ist; er sitzt oben in einem Stübchen, und arbeitet täglich so viel als dreizehn andere; mein Mann hat die Hälfte seiner Gesellen entlassen.« Der Herold versprach ihr zu schweigen, aber er that es nicht, sondern kam eilend zum König, ihm die neue Nachricht zu verkünden. Der König ließ aber alsbald den Schneider rufen, bei welchem klein Schneiderlein arbeitete, und fragte ihn, ob er wirklich einen solchen Mann im Hause hätte. Der Schneider konnte nicht läugnen. »So bringt ihn auf der Stelle hierher,« sagte er. Der Frau des Schneiders aber schickte er ein prächtiges, goldgesticktes Kleid, und ein Paar goldene Ohrringe zum Geschenk.

Also ward das Schneiderlein von seiner Arbeit weggenommen, in eine prächtige Kutsche gesetzt, und zum König gefahren. Als ihn aber der König sah, da brach dieser in ein so lautes Lachen aus, daß sein goldener Thron wankte, und der königliche Scepter ihm aus der Hand fiel. »Das soll der berühmte Mann seyn?« sagte er, und brach in neues Lachen aus. »Nun gut,« sagte er, »komm, ich will dich ausstaffiren, wie es dir geziemt.« Da nahm er ihn, und zog ihm ein Paar rothe Strümpfe an, und ein gelbes Röckchen, das Röckchen aber hatte am Kragen eine Krause von Goldpapier, das war in tausend und tausend Falten gelegt, und stand ihm weit um den Hals herum; auf den Kopf aber setzte er ihm einen blauen Hut, und steckte eine große Hahnenfeder darauf. Nun nahm er noch eine große, große Nadel, die steckte er ihm statt eines Degens an die Seite, und ließ ihm auch ein Paar Nähnadeln in die Absätze seiner Schuhe schlagen statt der Spornen; das Schneiderlein aber meinte, es müßte so seyn, und als er so ausstaffirt war, beschaute er sich in einen großen Spiegel, und besah sich von vorn und von hinten, und bekam eine hohe Meinung von seiner ansehnlichen Gestalt: darauf ließ ihm der König ein kleines Pferdchen vorführen, und ihn darauf setzen. Als er ihn aber eben fortbegleiten wollte, da sprach das Schneiderlein: »Herr König! ihr werdet mir zu gute halten, wenn ich mir vorher noch eine Gnade ausbitte. Ich habe noch zwölf Vettern, die müssen nothwendig mit mir in den Krieg ziehen.« Da lachte der König aufs Neue und sprach: »Ja, laß sie nur kommen.« Da rief das Schneiderlein den Herold herbei, der mußte ihm seinen Ranzen bringen. Als er geöffnet war, spazierten die zwölf Rothhöschen heraus, und verneigten sich gar ehrerbietig vor dem Könige. Der konnte sich aber vor Verwunderung gar nicht fassen. »Bringt geschwind noch zwei Pferde.« Da brachte man ihm zwei weiße Pferde, und auf jedes setzten sich sechs Rothhöschen. So zogen sie aus der Stadt, und die ganze Stadt lachte, als sie den sonderbaren Kriegshelden sahen. Der König aber begleitete sie noch eine Strecke, und kehrte dann in seinen Pallast zurück.

Am dritten Tage aber kamen sie auf eine große Ebene, die war ganz von vielen Tausenden von Feinden bedeckt. Da stellte das Schneiderlein sein Heer in eine große Reihe, und ritt ganz ernsthaft, wie ein wahrer General an der Linie herunter. Er sprach aber seinen Soldaten Muth ein, und versicherte sie im Voraus des vollkommensten Sieges. »Seht,« sprach er, »hier habe ich ein Pfeifchen, damit werde ich euch ein Zeichen geben, wenn ihr den Feind angreifen sollt. Pfeife ich aber noch einmal, so kommt ihr schnell wieder zurück!« Darauf ritt er mit den zwölf Rothhöschen ein Paar Schritte zurück auf einen Hügel, und als der Trompeter bließ, hielt er sich fest am Sattelknopf, weil er fürchtete, der starke Schall möchte ihn herunter werfen. Unterdessen hatten aber auch die Feinde eine Schlachtordnung gemacht, und rückten heran; da zog das Schneiderlein sein Pfeifchen heraus, und pfiff dreimal. Kaum war der Ton zu den Ohren des Feindes gekommen, so warfen sie ihre Waffen weg, des Schneiderleins Heer aber verfolgte sie bis an einen Fluß, wo sich die Feinde theils hinabstürzten, theils lebendig gefangen wurden. Dann pfiff er abermals, und als die Seinigen zurückkamen, zog er siegreich an der Spitze der Truppen zurück.

Der König hatte aber unterdeß in seinem Pallaste nachgedacht, wie er dem Schneiderlein bei seiner Rückkunft begegnen wollte; denn das hätte er sich nimmermehr vorgestellt, daß dieser der Mann seyn könne, der ein feindliches Heer in die Flucht schlüge. Bald hatte er gedacht, er wolle ihn zu den andern in den Thurm werfen, bald hielt er es für lustiger, ihn noch abentheuerlicher anzukleiden, und ihn auf einem Esel durch die Stadt reiten zu lassen: da verkündete ihm der Thurmwächter, daß das Heer in guter Ordnung zurückkäme. Das konnte er nicht glauben. Er wollte sich selbst davon überzeugen, und ritt mit seinem ganzen Hof zur Stadt hinaus. Er war aber noch nicht weit geritten, da begegnete ihm ein großer Zug gefangener Feinde, darauf kam das Schneiderlein mit gezogenem Degen und zu seiner Rechten und Linken die zwölf Rothhöschen auf ihren weißen Pferdchen, hinter ihnen kam das ganze Heer, und jeder der Soldaten trug eine Waffe oder ein Kleidungsstück, das er erbeutet hatte. Das Schneiderlein aber ritt vor den König, verneigte sich tief, und sprach: »es soll mich freuen, Herr König, wenn ihr zufrieden seyd.« Der König aber war erstaunt über die Thaten seines Generales. »Zierde meines Reiches,« sprach er, »wie soll ich dich belohnen? Soll ich dich zum Statthalter einer Provinz machen? Soll ich dir einen Pallast anweisen? Soll ich dir meine Schatzkammer öffnen? Bitte von mir, was du willst, ich werde es dir gewähren!«

Das Schneiderlein bückte sich tief vor dem König, und sprach: »Gnädiger Herr, wenn ich Euch um eine Gnade bitten darf, so laßt mein Häuschen ein wenig größer bauen, damit ich mit meinen werthen Vettern gemächlich darin leben kann.« »Das soll geschehen,« sagte der König, und zog mit ihm im Triumph in die Stadt. Das Schneiderlein aber blieb noch eine Zeitlang beim König, und ward in hohen Ehren gehalten.

Der König ließ einen geschickten Maler rufen, der mußte die ganze Begebenheit malen, besonders aber war das Schneiderlein und die zwölf Rothhöschen ganz vorn darauf gemalt, so natürlich, als ob sie lebten. Dann verabschiedete er sich bei'm König und zog in seine Heimath. Aber statt seines Häuschens fand er einen großen Pallast, und dabei war ein prächtiger Garten. In dem Garten aber war ein kleines Gärtchen und in dem Gärtchen stand ein kleines Häuschen, das war des Schneiderleins Häuschen noch gerade so, wie es vordem gewesen war. Er schloß es auf, und es stand noch alles, wie es gestanden hatte, sogar der Topf mit Kartoffeln stand noch auf dem Feuerheerd. Da beschloß er von jetzt an, in Ruhe zu leben, und sein Glück zu genießen. Damit er sich aber immer seines ehemaligen Lebens erinnere, nahm er sich vor, jede Woche einen Tag in dem Häuschen zuzubringen und zu arbeiten, wie er vordem gethan hatte. Die zwölf Rothhöschen aber blieben bei ihm, und vertrieben ihm die Zeit mit angenehmen Erzählungen von ihren weiten Wanderungen, die sie gemacht hatten, und führten also ein höchst angenehmes und zufriedenes Leben. –

Die Sonnenfäden

Am Bergesrand
Ein Kindchen stand,
Und sah auf die Ebne dahin,
Und zart wie Flaum,
Um Gras und Baum
Sich lange Fädchen ziehn.

»Wer spinnt doch, o Mutter, die Fädchen so fein,
Und bleichet sie glänzend im Sonnenschein?
O, sage mir doch, wo die Spinnerin geht,
die so künstliche Fäden zu spinnen versteht!

Wo hat sie ihr Rädchen, so zart und klein,
Und den Rocken mit silbernem Band?
Wo holt sie das Spinnsel aus niedlichem Schrein,
Und spinnt es mit fleißiger Hand?«

Und die Mutter darauf zum Kindchen spricht:
Komm, setz' dich, und höre mich an,
Und was ich dir sage, vergiß mir nicht,
Gewiß hast du Freude daran.

Mit Hut und Band
Im Sommergewand
Eine Mutter geht;
Sie kommt, wenn im Frühling mit stiller Pracht,
Die Erde vom langen Schlaf erwacht,
Und wandelt einher auf der grünenden Flur,
Und es folget der Segen ihr auf der Spur.

Da regt sich die Knospe am dürren Reis,
Es keimet das Gräschen im Grund,
Und bald steht die Wiese von Blümchen weiß,
Und das trauernde Gärtchen wird bunt.

Drauf lockt sie die Vögel aus fernem Land,
Und streut ihnen Futter mit gütiger Hand;
Jetzt ruft sie den Schmetterling zu sich heran,
Und sieht jedes mit freundlichem Auge an.

Und silberweiß
In fröhlichem Kreis
Umgibt sie der Kinder Schaar;
Sie führt sie hinaus, wo die Furchen sich ziehn,
Und wo duftende Veilchen verborgen blühn.

Geschwind jetzt, so spricht sie, die Kleidchen gemacht,
Für jedes ein Sommergewand;
Das nehmt denn ja ordentlich immer in Acht,
Und knüpft auf das Hütchen ein Band.

Drauf setzt sie sich nieder im Sonnenschein,
Und holet das Spinnsel aus goldenem Schrein,
Und trillert das Rädchen zum raschen Lauf,
Und spinnet die goldenen Fäden darauf.

Und sie hat die Spule bis oben zum Rand,
Mit zartem Gespinnste jetzt völlig umspannt,
So winden die Kinder mit regsamem Fleiß
Den Faden herunter so zart und weiß.

Und eines von ihnen das Ende hält,
Sie spannen den Faden weit über das Feld,
Drauf bleicht ihn die Sonne mit warmem Licht,
Und die Mutter sodann zu den Kindchen spricht:

Jetzt wickelt den Faden mir wieder auf;
Ich setze den Webstuhl, und ziehe ihn drauf,
Und ihr habt die Arbeit zu Stande gebracht,
So sind eure Kleidchen in Eile gemacht.

Da regen die Kinder die fleißigen Hände,
Und wickeln den Faden von Anfang zu Ende,
Und die Mutter ihn auf den Webstuhl spannt,
Und regieret das Schiffchen mit eilender Hand.

Und eh' noch die Sonne zur stillen Nacht
Hinabsieht durch's goldene Thor,
Hat die Mutter die Kleidchen zu Stande gebracht,
Und zieht sie vom Webstuhl hervor;
Drauf heftet an jedes Hütchens Rand
Sie ein weißes, flatterndes, glänzendes Band.

Am Morgen aber in kühler Luft
Die Kinder zur Arbeit sind;
Sie sauchen den Veilchen den süßen Duft,
Und schlingen ein Blumengewind,
Und feuchten's mit glänzendem, perlendem Thau'
Und färben's mit Grün und mit Himmelblau,
Und wirken vom Morgen bis spät in die Nacht,
Bis des Sommers Werke zu Stand sind gebracht.

Drauf ruft sie die Mutter, und leise sie spricht:
Kommt Kinder, der Sommer ist aus;
Wir bleiben den Sommer, den Winter nicht;
Da gehn wir in's heimische Haus.

Doch schnell noch vor'm Scheiden die Kleidchen gemacht,
Für jedes ein Wintergewand,
Das nehmt mir ja ordentlich immer in Acht,
Und knüpft auf das Hütchen ein Band.

Drauf spinnt sie auf's Neue mit emsigem Fleiß,
Und webet die Kleidchen so flockig und weiß,
Und kleidet die Kinder, und gehet voraus,
Und sie wandeln in's heimische, sonnige Haus.

Was aber vom Spinsel im Schreine noch lag,
Das fliegt durch die Luft ihrem Fluge nach;
Sie ziehens bald hier, und ziehens bald dort,
Und der Sommer fliegt scherzend mit ihnen fort.

Drum wenn nach dem Winter die Fädchen sich ziehn,
Kommt bald dann der Sommer mit lieblichem Grün;
Doch wenn sie die Lüfte des Herbstes verwehn,
So ist's um den Sommer gar bald dann geschehn.

Und was ich dir sage, vergiß mir nicht,
Zum Kinde die freundliche Mutter noch spricht;
Viel Engelein wandeln mit stillem Schritt,
Es sieht sie kein Auge, du hörst nicht den Tritt,

Sie wachen am Bettlein, und folgen am Tag,
Wenn du gut bist, dir auf dem Schritte nach;
Sag, willst du nicht auch einmal lieblich und rein
So ein Englein werden? Nun, ja oder nein?

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