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Schneeglöckchen

J. J. Rudolphi: Schneeglöckchen - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefairy
authorJ. J. Rudolphi
titleSchneeglöckchen
publisherJohann David Sauerländer
year1826
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090326
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Prinz Siegmund

Es war einmal ein König, der hieß Christoph, und beherrschte eine große, fruchtbare Insel im weiten Meere. Seine Gemahlin aber gebar ihm ein Söhnlein, das nannte er Siegmund. In jenem Lande aber wohnten drei Schwestern auf einem Berge, die waren so alt, daß auch die ältesten Leute auf der Insel sie nicht jung gesehen hatten. Sie verstanden aber das Verborgene zu offenbaren, und besaßen einen Spiegel, in dem war die Zukunft abgebildet, und sie sagten einem jeden voraus, was ihm in späteren Jahren Wunderbares widerfahren werde. Drum wurden sie in großen Ehren gehalten, und wenn ein Paar Eltern mit einem Söhnlein oder einem Töchterlein beschenkt wurden, so gingen sie hin zu den drei Schwestern, die sagten ihnen, was aus ihrem Kinde werden würde. Darum ging auch der König Christoph einige Zeit darnach hin zu den drei Schwestern und sprach: »Ich habe gehört, daß ihr das Verborgene offenbaret und in dem Spiegel der Zukunft sehet, was einem jeden begegnen wird; so sagt mir doch, was wird aus meinem Söhnlein werden?« Da schüttelten die drei Schwestern ihre grauen Häupter, sahen in den Spiegel, und sprachen: »Dein Sohn wird dich nicht kennen, und wenn er dich kennt, wird er dich umbringen!« Da faßte der König Christoph einen schweren Haß gegen das Kindlein, und ging heim und ließ seinen Schäfer rufen, der weidete des Königs Schaafe auf den Bergen. Zu dem sprach er: »Dieß Kind nimm, und leg es in den wildesten Wald, wo die reißenden Thiere ihre Herberge haben, und sieh morgen wieder nach; wenn sie es gefressen haben, so bring mir zum Zeichen dessen, ein Paar Knöchelchen mit.« Das versprach ihm der Hirte zu thun, wie er gesagt hatte, und trug das Kindlein hinaus in den wilden Wald. Wie er es aber hinsetzen wollte, so jammerte ihn des armen Geschöpfes, und es gereuete ihn, daß er dem Willen des Königs gewillfahret hatte. »Wie wäre es,« sagte er, »wenn ich das Kindchen heimlich erzöge. Der König kann es nicht wissen, ob es mein rechter Sohn ist, oder nicht, denn wir wohnen so abgelegen und einsam, daß uns Niemand auf die Spur kommen wird, und so habe ich doch ein armes Kind vom schmählichen Tode gerettet.« Da nahm er das Kind, und trug es heim zu seiner Frau, und sagte ihr: »siehe, da hab' ich draußen im Walde ein Kindlein gefunden, es hat mich gejammert, daß es so verlassen umkommen soll; drum hab' ichs mitgebracht; ich denke, wo sechse essen und schlafen, da wird wohl auch das siebente noch einen Platz finden.« Seine Frau war es zufrieden, gab dem Kindlein Milch zu trinken, und kochte ihm einen Brei von Habermehl; dann machte sie ihm ein Bettlein hinter dem Ofen, und pflegte es wie ihr eigenes Kind.

Der Hirt aber ging den folgenden Tag auf den Berg, dort hatte er einmal ein Schäfchen begraben, das von einem Felsen gestürzt und gestorben war; davon nahm er ein Paar Knöchelchen, und brachte sie dem König. »Das sind des Kindes Knöchelchen,« sagte er, »die wilden Thiere haben es zerrissen!« Da lobte ihn der König und entließ ihn mit reichen Geschenken.

Der Knabe aber wuchs heran mit den anderen Kindern des Hirten, und er zog mit ihnen hinaus auf die Berge, und half die Schaafe des Königs hüten. Er war aber in allen Dingen sehr geschickt, und keiner konnte schönere Rohrpfeifen verfertigen, und lieblicher auf dem Horn blasen, als er. Dabei war er sehr muthig und gewandt und kletterte auf die höchsten Bäume. Der Hirt aber, den er für seinen Vater hielt, hatte ihm eine Armbrust geschnitzt; damit ging er in den Wald und schoß allerlei Vögel, und andere kleine Thiere. Er wußte auch allerley Schlingen zu stellen, wormit er Vögel fing, und er zähmte sie und sie folgten ihm, wo er hinging.

Eines Tages war er auch einmal in den Wald gegangen, da sah er in einem Busche eine Goldamsel sitzen. Sobald sie ihn sah, flog sie weiter, und da er ihr immer begierig folgte, so lockte sie ihn immer weiter und weiter von seiner Heerde ab in den Wald hinein. Die Goldamsel aber blieb immer sitzen, bis er ganz nahe bei ihr war, und flog wieder fort, wenn er sie eben zu erhaschen glaubte. Da er sie aber gar nicht bekommen konnte, so dachte er wieder an den Rückweg, aber er konnte ihn nicht finden; er rief seinen Kameraden aber er bekam keine Antwort. Da stieg er auf einen großen Baum, und sah in der Gegend umher, aber er konnte nichts sehen, als lauter Wald und Wald. Die Sonne aber neigte sich zu ihrem Untergange. Darum stieg er herab, und beschloß hier zu übernachten und den folgenden Morgen zu den Seinigen zurückzukehren. In seiner Hirtentasche fand er noch ein Paar Kartoffeln und ein Stück Brod; darum suchte er sich ein Paar dürre Hölzer, zündete ein Feuer an, und briet sich seine Kartoffeln. Wie er aber so am Feuer saß, und sah, wie die Flamme knisterte und der Rauch durch die Aeste sich empor zog, gewahrte er oben auf einem Zweige die Goldamsel, die ihn so irre geführt hatte. »Warte,« sagte er, »du sollst mich nicht mehr irre führen.« Da nahm er einen Feuerbrand, und wollte sie damit todt werfen, aber sie fing ihn mit dem Schnabel auf, und flog herunter, und legte den Brand wieder auf's Feuer, dann setzte sie sich auf einen Stein ihm gerade gegenüber. Da merkte aber Siegmund, daß das keine gemeine Goldamsel sein mußte, und sah sie lange Zeit ganz stumm an. Auf einmal aber flog ihm der Vogel dreimal um den Kopf, setzte sich in die Flammen, und ein dichter Rauch bedeckte ihn ganz und gar. Aus dem Rauche aber erhob sich die Gestalt eines alten Mannes, der sprach: »Siegmund folge mir!« Da nahm er einen Feuerbrand in die Hand, und ging in eine große, große Eiche, die that sich ihm auf, und er trat hinein. Die Eiche war aber inwendig hohl, und eine Wendeltreppe wandte sich tief in den Boden hinab. Siegmund folgte ihm nach, und sie kamen endlich in ein rundes Gemach, in dem war nichts als ein großer runder Spiegel, der mit einem Vorhange bedeckt war. Da nahm der Alte den Teppich weg, und hieß den Knaben in den Spiegel sehen. Als Siegmund lange verwundert hinein geblickt hatte, fragte ihn der Alte: »was siehst du?« »Ich sehe ein prächtiges Gemach,« sagte der Knabe, »darin sitzt ein junger König auf dem Throne, und hält einen goldenen Scepter in seiner Hand; um ihn herum aber stehen sechs Knaben und sechs Mädchen, die halten Blumenkränze in ihren Händen, und scheinen ihm zuzurufen: »Heil unserm König!«« »Dieser König wirst du einmal seyn,« sagte der Alte, »wenn du thun willst, was ich dir sage.« Da versprach Siegmund ihm gehorsam zu seyn. Der Alte aber führte ihn aus dem Gemache in einen langen, langen Gang, der sich endlich auf einem sehr hohen Berg endigte. Es war Nacht, und der Alte setzte sich mit Siegmund auf eine Rasenbank. Kühle Winde spielten um ihren Sitz herum, und nach kurzer Zeit schlief der Knabe ein.

Die Sonne war eben aufgegangen, und ein frischer Morgenwind strich über die Seite des Berges hin; da wachte der Knabe aus seinem Schlafe auf, und sah sich verwundert umher, denn er wußte nicht, wo er war. Er saß in einer Laube, die von ein Paar Sträuchern gebildet war, an denen sich wildes Geißblatt in die Höhe gewunden hatte. Vor sich sah er auf eine weite, weite Ebene herab, die von einem breiten Strome durchflossen war. Eine Menge von Städten und Dörfern glänzten ihm entgegen, und unten am Berg hörte er die Hirten blasen, und sah das Vieh auf die Weide treiben. »Ey, wo bin ich denn,« sagte er bei sich, »wie bin ich hierher gekommen?« Indem er aber so bei sich überlegte, sah er auf einem Baum neben sich die Goldamsel sitzen. Da erinnerte er sich schnell an den vergangenen Tag, und was ihm da begegnet war. Die Goldamsel aber verschwand in dem Gebüsche, und ein alter Greis trat wieder statt ihrer hervor. »Ich werde dich jetzt allein gehen lassen, sprach er zu ihm; weiter kann ich dich nicht begleiten. Handle recht und scheue Niemand! Damit du aber doch ein Andenken von mir hast, so nimm hier diesen Spiegel; den trage auf deiner Brust und besieh dich jeden Abend darin; er hat einige Eigenschaften, die dir nicht lange unbekannt bleiben werden. Mehr brauche ich nicht zu sagen. Lebe wohl.« Mit diesen Worten verschwand der Greis, und Siegmund stieg vom Berge herab in die Ebene.

Er wanderte aber selbigen Tag sehr weit, und kam am Abend bei einer großen Stadt an. Es war aber bereits Nacht geworden, und die Thore der Stadt waren verschlossen. Da dachte Siegmund: »wenn ich doch nur irgendwo ein Haus sehen könnte, das mich diese Nacht über beherbergte; aber hier ist alles wie ausgestorben.« Er wanderte noch eine Strecke an der Mauer fort, mit welcher die Gärten vor der Stadt eingeschlossen waren, und kam an eine Thüre, die führte in einen großen, prächtigen Garten. Er versuchte, ob sie sich nicht öffnen ließe, und zu seiner Freude that sie sich auf. Er trat hinein, und befand sich in einem langen Laubgang, der führte ihn an ein kleines Gebäude, das einem Tempel ähnlich sah. Die Thüre war verschlossen, aber vor der Thüre war ein weicher Rasensitz, der von einem großen Baume beschattet war. Er setzte sich darauf, und da er ihn groß fand, sich darauf zu legen, so beschloß er, hier zu übernachten. Bevor er sich aber niederlegte, zog er den kleinen Spiegel hervor, den ihm der Alte geschenkt hatte, und blickte hinein. Er sah darin sein eigenes Bild in hellem Tageslichte, und wunderte sich darüber, daß der Spiegel einen solchen Glanz von sich gab, daß alles um ihn her davon erleuchtet wurde. Froh über diese Erscheinung steckte er ihn in seinen Busen, und legte sich zur Ruhe; da er aber den Tag über weit gegangen war, so schlief er bald ein.

Er mochte aber noch nicht lange geschlafen haben, da fühlte er, daß ihn jemand am Arm gefaßt hatte; er wachte auf, und sah vor sich einen alten Mann, der trug eine Laterne in der Hand, und fragte ihn, wie er in den Garten gekommen sey. Siegmund erzählte ihm alles genau, und nachdem er geendet hatte, bat er den Mann, ob er ihm nicht erlauben wolle, bis morgen da zu bleiben. Der Mann, dem der Knabe gefallen mochte, gab ihm zur Antwort: komm mit mir! Da folgte ihm Siegmund, und der Mann schloß die Thüre des Gartens zu, und führte ihn dann in ein kleines Häuschen, das in ein dichtes Gehölze gebaut war. »Du kannst heute Nacht bei mir bleiben,« sprach er und setzte ihm etwas zu essen vor, das sich der Knabe trefflich schmecken ließ. Dann führte er ihn in ein kleines Zimmer, wo ein Bettchen stand, und wünschte ihm eine gute Nacht. Der Knabe legte sich nieder, und schlief bis in den andern Morgen, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. »Das heißt aber lange schlafen,« sagte er, und kleidete sich schnell an, um von seinem freundlichen Wirthe Abschied zu nehmen. Dieser aber nahm ihn bei der Hand, und sagte: »Höre, Knabe, wenn es dir gefällt, so bleibe bei mir. Ich brauche gerade so einen Jungen, wie du bist, der mir im Garten hilft. Du sollst es gut bei mir haben.« Da versprach ihm der Knabe zu bleiben.

Der Mann aber war ein Gärtner, der des Königs Garten zu besorgen hatte. Des Morgens schickte er den Knaben an einen Bach, der rings um den Garten floß, und ließ ihn dort Wasser schöpfen. Damit mußte er dann die Blumen und Citronenbäume begießen, die wie ein ordentlicher Wald in dem Garten gepflanzt waren. Dasselbe that er am Abend; am Mittag aber durfte er für sich in dem Garten herumgehen und arbeiten, was er wollte. Er besah dann die schönen Springbrunnen und die Vogelhäuser mit den wunderschönen Vögeln und die Teiche mit ihren weißen Schwanen und glänzenden Goldfischen.

Er hatte aber Freundschaft gemacht mit einem anderen Knaben, der kam des Nachmittags zu ihm, und sie gingen dann mit einander durch den königlichen Garten. Einmal standen sie an dem Teiche, in welchem die Goldfische waren, und sahen zu, wie sie lustig auf und ab schwammen, und warfen ihnen Brosamen hinein zum Fressen. Da sagte der Nachbarsknabe, »wenn ich doch auch nur so ein Fischchen hätte! Du könntest mir wohl eins davon geben, ihr habt ja eine große Menge.« »Das darf ich nicht,« sagte Siegmund, »sie gehören dem König, und ich darf nicht verschenken, was nicht mein ist.« »Ey was thut es denn,« sagte der andere, »auf so ein Fischchen wird es nicht ankommen. Ich schenke dir auch einen recht schönen Vogel dafür.« Da dachte Siegmund: »nun das wird nichts zu sagen haben.« Er holte also ein kleines Netz, lockte die Fische herbei, und haschte mit leichter Mühe ein Fischchen heraus. Der Nachbarsknabe aber trug es fort, und brachte ihm einen schönen gelben Vogel, es war eine Goldamsel. Wie aber Siegmund die Goldamsel sah, da ward es ihm doch sonderbar zu Muthe, und er dachte an die Warnung des Alten, als er ihn am Berg verlassen hatte. Er schämte sich aber, das Goldfischchen zurückzufordern, und trug den Vogel auf sein Zimmer. Am Abend aber, als er sich eben schlafen legen wollte, da blickte er noch einmal in seinen Spiegel, wie ihm der Alte gesagt hatte; da sah er auf seiner Stirne einen schwarzen Flecken. Er glaubte anfangs, das läge wohl am Glase, und rieb daran; aber der Flecken wollte sich nicht abwischen lassen. Als er aber noch einmal an dem Glas rieb, da hüpfte die Goldamsel aus ihrem Käfig heraus, und verwandelte sich in den Alten, der mit ernstem Gesichte und drohendem Finger den erschrockenen Knaben anredete: »Siegmund, Siegmund! hast du mir nicht versprochen, treu und redlich zu seyn! Glaube mir, der Spiegel trügt nicht, und der Fleck haftet nicht im Glase, sondern in deiner Seele.« Da erkannte Siegmund, wie sehr er gefehlt hatte, daß er den Goldfisch verschenkte. Er bat unter Thränen den Alten um Verzeihung, und versprach ihm auf's Heiligste, nie wieder so etwas Aehnliches zu thun. Der Alte ließ sich durch seine Reue bewegen; er griff in die Tasche und brachte einen Goldfisch hervor. »Setze diesen in den Teich,« sagte er, »und hüte dich in Zukunft vor den Flecken.«

Siegmund that wie ihm der Alte gesagt hatte; er setzte das Fischlein zu den andern, und ließ sich niemals so etwas zu Schulden kommen.

Er hatte aber schon mehrere Jahre bei dem Gärtner gelebt, und war zu einem kräftigen Jüngling herangewachsen. Da kam eines Tages der König in den Garten, und der Gärtner führte ihn umher, und zeigte ihm alles, was neu angelegt war, denn es war schon lange Zeit, daß der König nicht mehr im Garten gewesen war. Er kam aber auch zu einem Apfelbaume, den er einst in seiner Jugend pflanzte, und hatte selbst eine Verzäunung darum gemacht und diese mit einer Thüre verschlossen. Der Baum hatte aber dieses Jahr zwölf Aepfel getragen; gelb mit purpurrothen Punkten. Daran hatte der König eine große Freude, und befahl dem Gärtner, sie wohl zu hüten, daß keiner entwendet würde. »Ich werde in ein Paar Tagen wieder kommen, und sie abbrechen,« sagte er, und entfernte sich.

Der Gärtner kannte aber die heftige Gemüthsart des Königs, und beschloß, Tag und Nacht zu wachen, daß keiner der Königsäpfel entwendet würde. Wir wollen abwechseln, sagte er zu Siegmund. Wache du die Hälfte der Nacht und die Hälfte des Tages, so will ich die andere Hälfte wachen. Also wachten sie drei Tage. Am vierten aber, als der Gärtner bei dem Baume stand, hörte er in einem andern Theile des Gartens ein großes Geschrei, und mehrere Menschen riefen um Hülfe. Da lief er schnell in die Gegend, wo er die Stimme gehört, und sah, wie ein Paar Knaben, die immer um den König waren, einen ihrer Kameraden aus dem Teiche zogen, in den er gefallen war. Der alte Gärtner half ihnen dabei, führte den Knaben, der in's Wasser gefallen war, in sein Haus, und ließ seine Kleider am Feuer trocknen, er selbst aber ging eilig zu dem Baume. Als er aber angekommen war, sah er, daß sechs der Königsäpfel fehlten. »Ich bin verloren,« schrie er, »ich bin verloren, wenn der König erfährt, daß die Aepfel fehlen!« So schrie er, und rannte wie wahnsinnig um den Baum herum, und rief: »ich bin verloren, ich bin verloren!« Auf sein Geschrei kam Siegmund hinzu, und fragte, was es gäbe: »Siehst du nicht,« sagte der Alte, »daß nur noch sechs Aepfel da sind! Wir sind beide verloren, wenn der König kommt.« Siegmund suchte ihn zu trösten, und versprach den König zu beruhigen, aber es half nichts, der Gärtner war untröstlich, und in dem Augenblicke trat auch der König in den Garten, begleitet von allen seinen Knaben, die ihn bedienten. Der Gärtner senkte den Blick zur Erde, und erwartete sein Urtheil. »Was fehlt dir?« fragte ihn der König. Der arme Alte konnte kein Wort sprechen, sondern deutete mit der Hand auf den Baum, und die andere legte er auf sein Herz und sprach: »Ich bin unschuldig.« Da blickte der König nach dem Apfelbaum, und runzelte die Stirne vor Zorn und sprach: »Wenn du mir den nicht schaffst, der dir die Aepfel genommen hat, so nehme ich dich statt jenem.« Damit ging er weiter. Der Gärtner stand da in stummer Verzweiflung. Wie war es ihm möglich, den Schuldigen zu finden? Er hatte Niemand gesehen. »Ich bin verloren!« rief er aus; »Niemand kann mich retten.«

Siegmund aber betrübte sich sehr über das Unglück seines geliebten Herrn. Er ging herum und sann auf Mittel zur Entdeckung, aber er fand nichts. Es ward Abend, und er hatte noch nichts ausgedacht. Als er aber am Abend wie gewöhnlich in seinen Spiegel sah, kam ihm ein Gedanke, der ihm Hoffnung gab. »Wenn der Spiegel,« dachte er, »mir meine Vergehungen anzeigt, so wird er es wohl auch bei andern thun. Geschwind zu dem König.« So dachte er, schlich sich heimlich und schnell in den Pallast des Königs, und begehrte, mit dem König zu reden. Als er vor den König kam, warf er sich vor ihm nieder, und sprach: »Gnädiger Herr, das Mitleid mit eurem alten, unschuldigen Diener führt mich zu Euch; erlaubet, daß ich in Eurem Pallaste den suche, der die Aepfel entwendet hat.« »Das magst du thun!« sagte der König, »aber kannst du den Schuldigen mir nicht nennen, so daß er selbst sein Vergehen eingesteht, so erhältst du seine Strafe! Ich will alle meine Diener in einen Saal schicken, da suche den Schuldigen, wenn du kannst.« Darauf ließ er Siegmund in einen Saal führen, und alle seine Diener mußten nach einander hineintreten. Siegmund aber hielt einem jeden seinen Spiegel vor, und sagte: wer frei ist von Schuld, der sieht sein klares Angesicht, wer sich aber des Vergehens bewußt ist, dem wird ein schwarzer Fleck die Stirne bedecken. Es sahen aber viele hinein, und sahen nichts als ihr Angesicht, endlich aber kam auch ein Knabe, den liebte der König sehr. Als ihm aber Siegmund den Spiegel vorhielt, wurde er blaß, und trat zurück, denn er sah, daß ein großer schwarzer Fleck auf seiner Stirne stand. »Nun, wer ist der Dieb?« fragte Siegmund. »Ich bin's!« stotterte der Knabe, und sank vor ihm nieder; »o, bitte für mich bei'm König; sonst bin ich verloren.« Da ging Siegmund zu dem Könige, und stellte ihm den Knaben vor. »Gnädiger König,« sagte er; »der ist's, der die Aepfel genommen hat.« Der König aber wollte seinen Augen nicht trauen. »Ist es möglich,« rief er aus, »daß du, den ich mit Wohlthaten überhäuft habe, so schändlich mein Gebot übertreten konntest. Man nehme ihn, und hänge ihn an seinem Halse an jenen Apfelbaum.« Da fiel aber Siegmund vor dem Könige nieder, und sprach: »O! seyd gnädig, mein Herr, und vergebt ihm noch diesesmal. Vergeben ist besser, als strafen, und gütig sein besser als zürnen.« Da ließ sich der König bewegen, und verzieh dem Knaben. Zu Siegmund aber sprach er: »Du bleibst bei mir, ich kann deine Dienste noch mehr gebrauchen.«

Da blieb Siegmund am Hofe des Königes, und ward geachtet wie die andern königlichen Diener und Räthe, die an dem Hofe des Königes waren. Sein Spiegel aber ward noch oft gebraucht, und die Furcht vor der Entdeckung war so groß, daß kein Bösewicht es wagte, irgend ein Vergehen zu begehen. Daher kam es, daß Siegmund dem Könige täglich lieber und unentbehrlicher wurde.

Eines Tages aber ließ der König Siegmund zu sich rufen, und schloß sich mit ihm in ein kleines Zimmer ein. Dann setzten sie sich, und der König sprach zu Siegmund: »Ich vertraue deiner Verschwiegenheit, wenn ich dir ein Geheimniß mittheile. Ich bedarf deines Rathes und deines Beistandes. Aber du mußt mir bei Verlust deines Lebens versprechen, Niemandem ein Wort von dem zu entdecken, was ich dir sagen werde.« Da versprach ihm Siegmund, das Geheimniß aufs verschwiegenste zu bewahren. »Nun denn,« sagte der König, »so höre: Ich habe einst einen Sohn gehabt, den habe ich unter die wilden Thiere setzen lassen, weil man mir gesagt hatte, der Sohn würde mich einst tödten. Diese Handlung hat mich seitdem sehr gereut; ich hätte vieles darum gegeben, wenn es nicht geschehen wäre. Ich habe keinen Sohn, der mich in meinem Alter unterstützen könnte; ich habe keinen Nachfolger, dem ich dereinst, wenn ich sterbe, Krone und Reich übergeben könnte; meine Statthalter werden sich dann um meine Länder streiten, und Unheil und Blutvergießen wird die Folge davon seyn. Das habe ich mir gestern so recht lebhaft gedacht, ich schlief darüber ein, und hatte einen Traum. Ein alter Mann, däuchte mir, kam zu mir, und sagte: »Siehe, dein Sohn lebt noch!« Ist das nur eine Täuschung, oder ist es Wahrheit, kurz ich konnte nicht mehr schlafen. Ich schickte sogleich nach dem Hirten, dem ich einst den Knaben zum Aussetzen gegeben hatte, allein der war längst todt, und seine Kinder hatten sich zerstreut. Darum mache du dich auf, und reise durch mein ganzes Land und erkundige dich, ob du nichts von meinem Sohn Siegmund hörest. Kannst du mir ihn zurückbringen, so sey meines Dankes gewiß.« Damit entließ ihn der König, und Siegmund rüstete sich noch in der Nacht zur Abreise.

Am folgenden Morgen ritt er zum Thore hinaus, begleitet von zwei Dienern, die er sich auserlesen hatte. Ohne zu wissen, wohin er gehen sollte, ritt er eben gegen Sonnenaufgang zu und kam am Mittag in ein kleines Gehölz. Da die Sonne so warm schien, machte er Halt, stieg er mit seinen Dienern ab, und lagerte sich im Grase, an einer Stelle, wo man die Aussicht auf ein kleines Thälchen hatte. In dem Thälchen lag ein einziges Haus, und ein Paar muntere Jungen weideten Schaafe und Ziegen auf den nahe liegenden Höhen. Da ergriff ihn ein sonderbares wehmüthiges Gefühl, es regte sich in seinem Innern, als er den Ton der Rohrpfeifen hörte, und es kam ihm vor, als ob er in seiner Jugend schon einmal da gewesen wäre und die Schaafe gehütet hätte. Als er so nachdenklich um sich her blickte, nahte sich ein Wanderer, der lagerte sich unter einem Baum, zog ein kleines Buch heraus, und las darin gar eifrig. Dabei lachte er bisweilen, und schien dann wieder recht betrübt zu seyn. »Darf man wohl wissen,« fragte ihn Siegmund, »was für ein Buch das ist, in dem ihr so eifrig leset?« »O ja,« sagte der Wanderer, »es ist die Geschichte des Prinzen Siegmund, der unter dem Meere leben soll, und von dem man allerlei erzählt. Da bin ich vor ein Paar Tagen an das Meeresufer gekommen, wo ein steiler Fels in die Luft hinausragt, da saß ein alter Mann, der sagte mir, da unten sey noch eine Welt, und ein Prinz Siegmund lebe dort, und schenkte mir das Büchelchen.« Da erkundigte sich Siegmund genau nach dem Orte und der Fremde beschrieb es ihm, daß er gar nicht irren konnte. Da machte er sich sogleich auf, und am dritten Tage kam er an den Ort, den ihm der Fremde bezeichnet hatte. Ein hoher Felsen ragte über das Meer hinaus, und die Wellen schlugen an ihn, und braußten ohne Aufhören. Siegmund stand lange, und sah in das schäumende Meer hinab, und dachte bei sich, »da drunten soll Prinz Siegmund wohnen? Wie soll ich da hinab kommen?« Da setzte er sich nieder, und wartete, ob nicht vielleicht der Alte herkommen möchte, von dem ihm der fremde Wanderer gesagt hatte. Aber er kam nicht. Da wurde es Nacht, und der Mond erschien am Himmel und leuchtete mit stillem Glanz auf das Meer herab. Da rauschte das Wasser mächtiger auf, und aus den Fluthen tauchte ein alter Mann heraus, und kletterte mit bewunderungswürdiger Geschwindigkeit an dem Felsen herauf. Als er vor ihnen stand, winkte er sogleich den beiden Dienern Siegmunds, sich zu entfernen, zu Siegmund aber sprach er: »Ich weiß, warum du gekommen bist, du willst den Prinzen Siegmund befreien, der hier schon lange gefangen sitzt; es wird dir aber nicht so leicht gelingen, und du kannst dein Leben dabei verlieren. Darum will ich dir einen Vorschlag thun, der für uns beide sehr vortheilhaft ist, und dich nur ein kleines Opfer kostet. Du ziehst wieder nach Hause zu dem König Christoph, und sagst ihm, ich hätte dir erklärt, du seyst sein Sohn. Er wird dir es gewiß glauben, denn ich werde ihm noch einmal im Traume erscheinen, wie ich ihm schon erschienen bin. Darüber wird er eine große Freude haben, und wird dich zu seinem Mitregenten erklären, und wenn er stirbt, so bist du König. Den eigentlichen Prinzen will ich schon so bewachen, daß er das Tageslicht nicht mehr erblicken soll. Und für diesen großen Dienst, den ich dir erweise, verlange ich weiter gar nichts, als das Leben deiner zwei Diener. Du stürzest sie in's Meer, und sagst denn, wenn dich der König je darnach fragen sollte, sie seyen zufällig umgekommen. Ich bin nämlich der sogenannte Meergreis, und muß alle Paar Jahre einige Menschen haben, die mir auf diese Weise geopfert werden, und da du siehst, daß ich große Gewalt besitze und nicht undankbar bin, so könntest du mir wohl den Gefallen thun!« Er wollte noch weiter reden, aber Siegmund sprach voller Unwillen: »Wie, du schändlicher Greis, du willst mich durch deine Versprechung anlocken, daß ich den König belüge, und meine treuen Diener dir opfere? Mache dich davon, oder ich stoße dir mein Schwerdt durch den Leib!« »Das wirst du wohl bleiben lassen,« sagte der Alte, »ein menschliches Schwerdt kann mir nichts anhaben, und meine Macht ist so, daß ich dich im Augenblicke vernichten kann, wenn ich nur will. Aber ich bin großmüthig, und lasse mich sogar zu Bitten herab, was ich doch durch Gewalt erzwingen könnte. Wenn du mir nicht deine zwei Diener geben willst, so gib mir wenigstens einen, und ich verspreche dir alle Schätze des Meeres. Ich will dir einen Pallast von Perlen bauen, und ihn mit Diamanten besetzen, aber gib mir einen deiner Diener.« »Mache dich fort, Unverschämter!« sagte Siegmund, und rief seine Diener herbei; da blitzte es am klaren Himmel, und die Oberfläche des Meeres hob sich in die Höhe, und eine Wolke zog sich vom Himmel herab, und vereinigte sich mit dem Meere. Wo sie aber zusammen hingen, bildeten sie eine Säule, die sich im Wirbel herumdrehte, und Siegmund näherte. Er hatte nicht Zeit zu entfliehen. Der Wirbel erfaßte ihn und drehte ihn im Kreise unter die Wellen. Als er wieder zu sich kam, saß er in einem Gemache, dessen Wände waren von Perlenmutter, und an der Wand hing ein großer Spiegel, der war mit einem grüner Vorhange bedeckt. Vor ihm aber stand ein Greis, der nämliche, mit dem er oben auf dem Felsen gesprochen hatte. »Siegmund,« redete er ihn mit sanfter Stimme an, »kennst du mich?« »Ja, ich kenne dich,« sagte Siegmund, »und ob ich gleich in deiner Gewalt bin, so werde ich doch nie dein Begehren willigen.« Da lächelte der Alte und sprach: »Nun ich freue mich, daß du mein Wort bewahret hast, das ich dir mitgab, als ich dich durch den Felsengang auf den Berg führte: Thue recht und scheue niemand. Ich habe sehen wollen, ob der Ehrgeiz dir mehr ist, als deine Pflicht, du hast die Probe glücklich bestanden. Du bist also entschlossen, den Prinzen Siegmund zu seinem Vater zu bringen; wohlan denn, hier ist er.« Mit diesen Worten zog er die Decke vor dem Spiegel weg, und Siegmund erblickte darin sein eigenes Bild. Darauf erklärte ihm der Alte, wie es mit seiner Geburt zugegangen, und wie der Hirte ihn erzogen, und wie er ihn als Goldamsel durch die Erde auf den Berg geführt hatte. »Jetzt ziehe wieder nach Haus,« sagte er. »der König wird dich als seinen Sohn erkennen.« Da nahm ihn der Alte bei der Hand und führte ihn durch einen langen Gang aufwärts, und als er sich umsah, stand er auf dem Felsen, und seine Diener waren eingeschlafen. Da weckte er sie auf, und sie sattelten die Pferde, setzten sich darauf, und ritten eilig der Stadt zu.

Unterdessen aber war dem König Christoph der Alte wieder im Traume erschienen, und hatte ihm erklärt, wie Siegmund sein Sohn sey. Da wußte sich der alte König vor Freude nicht zu fassen. Er rief alle seine Diener, und zog am frühen Morgen hinaus seinem Sohn entgegen. Seine Augen spähten auf der Ebene umher, aber er sah ihn nicht; als sie aber gegen Mittag in ein Thal kamen, und um eine Bergecke herumbogen, da hielt Siegmund mit seinen Dienern vor ihm. »Mein Sohn!« rief der Alte im höchsten Entzücken, und ließ sich geschwind vom Pferde helfen, aber seine Füße wollten ihn nicht mehr weiter tragen. Da sprang Siegmund schnell vom Pferde, und eilte zu ihm hin. »Mein Sohn,« sprach der König, »ich habe dich, nachdem ich so lange gesucht habe, ich habe dich wieder gefunden, aber die Weissagung wird in Erfüllung gehen. »Er wird dich nicht kennen, und wenn er dich kennt, wird er dich tödten,« sprachen die drei Schwestern; die Freude tödtet mich.« Da ließ der König Christoph sein Haupt sinken und starb. Siegmund aber betrauerte von Herzen seinen Vater. Er ließ ihn in die Stadt bringen, und verließ drei Tage sein Lager nicht; am vierten aber ward er begraben mit aller Pracht, und die ganze Stadt folgte seinem Leichenzuge. Darauf ward Prinz Siegmund zum König ausgerufen, und man feierte große Feste. Als diese aber vorbei waren, suchte Prinz Siegmund die Kinder des Hirten auf, der ihn erzogen hatte, und nahm sie zu sich an seinen Hof, und ließ einem jeden einen eigenen Pallast bauen. Dem alten Gärtner aber, bei dem er gearbeitet, schenkte er den ganzen Garten; blos den Apfelbaum behielt er für sich, der die Königsäpfel trug. Darauf lebte er noch viele Jahre, und erreichte ein hohes, glückliches Alter.

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