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Schneeglöckchen

J. J. Rudolphi: Schneeglöckchen - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefairy
authorJ. J. Rudolphi
titleSchneeglöckchen
publisherJohann David Sauerländer
year1826
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090326
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Klein Wölfchen

Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Wolfgang, wie auch sein Pathe geheißen hatte. Weil aber seinen Spielkameraden der Name zu lang vor kam, so nannten sie ihn Klein Wölfchen. Er hatte aber keinen Vater und keine Mutter mehr; da machte er sich auf, und ging in die Fremde, und trug eine kleine Geige bei sich, die einzige Erbschaft von seinen Eltern; mit dieser spielte er und wo er hinkam, war er wohlgelitten, und die Leute beherbergten ihn, und gaben ihm zu essen. Eines Tages ging er durch ein grünes Gehölz, und die Vögel sangen und zwitscherten darin gar lustig. Da setzte sich klein Wölfchen hin und stimmte seine Geige, und spielte, was ihm eben einfiel. Es hörten ihn aber zwei Staaren, die saßen auf einem großen Eichbaum, und fingen an, mit einander zu streiten, denn jeder glaubte, er sänge am schönsten; denn da sie beide die Töne der Geige hörten, so glaubte jeder, das sey seine Stimme. Darum stritten sie lange mit Worten gegen einander, als aber keiner nachgeben wollte, fielen sie über einander her, und bissen und kratzten sich. Endlich aber fiel einer vom Baum gerade neben das Wölfchen, denn sein einer Flügel war ihm gebrochen. Da haschte klein Wölfchen nach ihm, und fing den Staar. Der Staar schrie ganz gewaltig, aber Wölfchen ließ ihn nicht los, sondern als er sich müde geschrieen hatte, sagte er: »Was schreist du denn so, du kleiner Narr; bleib bei mir, du sollst es gut haben!« Da gab sich der Staar zufrieden, und blickte traurig nach seinem lahmen Flügel; klein Wölfchen aber nahm ein Paar Hölzchen und legte eins über, und eins unter den gebrochenen Flügel, und band es mit einer Waldbinse zusammen. Dann setzte er ihn auf seine Schulter, nahm seine kleine Geige und ging weiter.

Der Staar war aber noch nie aus dem Walde herausgekommen; darum wunderte er sich gewaltig, als er auf das freie Feld kam, und die Aehrenfelder sah, und die Schnitter singen hörte, denn es war gerade Erndtezeit. Als sie aber zu den Schnittern gekommen waren, stimmte klein Wölfchen seine Geige und spielte ein lustiges Stückchen. Da schnitten ihm die Schnitter ein großes Butterbrod. Klein Wölfchen aber gab dem Staaren auch ein Stückchen davon, und sagte: »Da Matz, hast du auch etwas, das schmeckt gut!« »Schmeckt gut!« sagte der Staar. Da merkte klein Wölfchen, daß der Staar reden konnte, doch wußte er nicht gewiß, ob der Vogel das gesagt hatte, oder einer der Schnitter. Darum brach er noch ein Stückchen ab, und sagte: »Da hast du noch mehr!« »Noch mehr! Noch mehr!« rief der Staar. »Ey, du unverschämter Geselle,« rief klein Wölfchen, »wenn du alles willst, so bleibt mir nichts übrig!« Er freute sich aber, daß er jetzt mit dem Vogel reden konnte, dankte den Leuten, und ging seiner Straße weiter.

Er war aber noch nicht weit gegangen, da kam ein Mann daher gelaufen, der rief immer: »meine Schaafe, meine Schaafe.« »Was fehlt euch denn?« fragte ihn klein Wölfchen. »Wo sind denn eure Schaafe?« »Wo sie sind? Fort sind sie, der Wolf hat sie mir zur Hälfte geholt. Da habe ich einen kleinen Jungen gehabt, der mir sie hütete,« sagte der Mann, »aber er war so unachtsam, und folgte mir nicht, und trieb die Heerde nahe an den Wald. Da kam der Wolf und holte sie zur Hälfte!« Da sprach der Staar: »Nimm einen Wolf zum Schäfer, so werden dir keine mehr gefressen werden!« »Was sagst du?« rief der Mann erboßt. »Du willst mich in meinem Unglück noch verspotten? Ich soll den Wolf zum Schäfer nehmen? Heißt das nicht, ich soll den Bock zum Gärtner setzen?« »Erzürnt euch nicht so sehr,« sagte klein Wölfchen, »er meint es gut mit euch und mir, er will nämlich damit nur sagen, ihr solltet mich zum Schäfer bestellen, weil ich klein Wölfchen heiße.« Da besann sich der Mann ein Weilchen, dann sagte er: »ja du sollst mein Schäfer seyn.« Da nahm er ihn mit sich in sein Haus, und versprach ihm außer Essen, Trinken und Kleidung noch sechs Heller Schäferlohn. Klein Wölfchen aber versah sein Amt getreulich. Am Tage führte er seine Schaafe auf einen Berg, und des Nachts schlief er in einem Häuschen, das auf einen Karren gebaut war, er hatte darin sein Bettchen, und oben war ein kleines Fensterchen, zu dem guckte er des Morgens heraus, wenn er sehen wollte, wie viel Uhr es sey; dann kam des Schäfers Töchterchen, die hieß Rinka, und brachte ihm ein großes Butterbrod. Da setzte sich klein Wölfchen und Rinka zusammen, und plauderten über allerlei, was ihnen eben einfiel.

Eines Tages, als sie eben so beisammen saßen, kam eine alte Frau über den Berg her gegangen, die hatte ein schmutziges, zerrissenes Kleid an, und ging ganz gebückt an einem Stocke. Auf ihrem Kopfe aber hatte sie einen Strohhut, den hielt sie mit der einen Hand fest zusammen, so daß man ihr Gesicht gar nicht sehen konnte; nur ein Paar feurige Augen blitzten unter dem Strohut hervor, und wenn sie sprach, so hatte sie eine ganz rauhe Stimme. Sie grüßte aber die Kinder, und setzte sich zu ihnen auf das Gras. »Seyd doch so gut,« sagte sie, »und gehet hinunter und ruft mir euren Herrn herauf, ich will unterdessen auf die Schaafe Acht geben.« Klein Wölfchen aber sagte: »Das geht nicht an, ich darf nicht von meinen Schaafen weg gehen, wenn aber Rinka hingehen will, so mag sie es thun!« Da ging Rinka den Berg hinab, und die Alte sah ihr nach, bis sie ganz drunten war. Da schlug sie auf einmal ihren Mantel auseinander und zog ihren Strohhut vom Kopf, und statt einer alten Frau stand ein grimmiger Wolf da, der klein Wölfchen zerreißen wollte. Klein Wölfchen aber schlüpfte wie ein Blitz in sein Stübchen, und schloß die Thüre hinter sich zu. Der Wolf aber spannte sich in das Wägelchen, und wollte es fortziehen in den wilden Wald, aber der Staar fing auf einmal an mit tiefer Stimme zu schreien: »was gibts da?« Da ließ der Wolf den kleinen Wagen fahren, und lief eilig davon. Der Staar aber flog ihm nach, und schrie immer: »Räuber! Mörder!« so daß der Wolf vor Angst nicht wußte, wo er hin sollte. Durch das Schreien aber wurden die Arbeitsleute auf dem Felde aufmerksam gemacht; die liefen herbei, und schlugen so lange auf den Wolf, bis er todt war.

Unterdessen war Rinka's Vater herbeigekommen, und wie er die zerstreuten Kleider auf dem Boden sah, und die vielen Menschen, glaubte er, ein Wolf habe seine Großmutter zerrissen, als man ihm aber die Geschichte erzählte, so sah er, daß der Wolf nur ihre Kleider genommen hatte, die am Hausdach aufgehängt waren, damit der Wind durch sie hindurchginge. Da nahm er den Wolf, und zog ihm sein Fell ab, stopfte es aus mit Stroh und dürrem Laub, und legte ihn an einer großen Kette an die Hausthüre. Wenn dann Diebe kamen, und den Wolf sahen, so glaubten sie, er wäre lebendig, und gingen eilig davon.

Als aber klein Wölfchen ein Jahr lang als Schäfer treu gedient hatte, da sagte er zu seinem Herrn: »Gebt mir meinen Lohn, ich will weiter in die Welt gehen.« Der Mann war aber mit klein Wölfchen sehr zufrieden gewesen, darum schenkte er ihm außer den sechs Hellern noch sein Wägelchen und einen Schaafbock mit großen krummen Hörnern, den er vor das Wägelchen spannte. Darauf fuhr er mit seinem Gespanne von dannen. Rinka aber begleitete ihn noch eine gute Strecke, und als er von ihr ging, schenkte sie ihm ein Heideröslein. Sie sagte ihm aber, so lange das Heideröslein blühe, so lange lebe sie noch, finge es aber an zu welken, so sey sie krank, und fielen gar die Blätter ab, so sey sie ganz gewiß todt. Klein Wölfchen aber steckte das Heideröslein auf seinen Käpplein, trieb den Schaafbock mit einem langen Stecken an, und zog dann in die weite Welt.

Nachdem er also sieben Tage fortgegangen war, kam er eines Tages auf eine schöne Wiese, die war mit einem dichtem Gehölze umgeben, und aus dem Felsen rieselte eine Quelle, und schlängelte sich als kleines Bächlein durch die Wiese hin. Klein Wölfchen aber schirrte seinen Schaafbock aus, und ließ ihn auf dem üppigen Grase weiden. Er selbst aber schlief ein, und träumte von vergangenen Tagen, wie er mit Rinka zusammen die Schaafe geweidet, und wie er sie so lieb gehabt habe, wie ihn aber eine unwiderstehliche Sehnsucht hinausgetrieben habe in die weite Welt. Wie er aber so träumte, kamen ein Paar Bergnymphen, die bewohnten eine Höhle unter der Erde. Als sie aber den Knaben da liegen sahen, beschlossen sie, ihn zu entführen. Die eine haschte den Staar, ohne daß er es merkte, und hielt ihm den Schnabel zu, damit er nicht rufen konnte; die anderen aber zogen das Wägelchen sanft fort, und brachten ihn in die Höhle hinein, dort senkten sie es tiefer hinab bis in ihr Haus, und führten es durch den Garten, wo die silbernen und goldenen Lämmer weideten. Da stellten sie sich hinter einen großen Baum, und begannen eine wunderbar tönende Musik. Davon wachte der Knabe auf, und ging aus seinem Häuschen, und sah mit Verwunderung um sich her. Er wußte gar nicht wie geschehen war; er schaute sich nach seinem Schaafbock um, der war aber verschwunden, da rief er seinem Staare, aber er war nicht da; er sah sich nach der Musik um, die er gehört hatte, aber er konnte nichts gewahren. Da traten endlich die drei Schwestern hervor, als er sie aber sah, nahm er schnell sein Käpplein herunter, und stand ganz bescheiden vor ihnen. »Gefällt es dir hier?« sagte die eine. »O ja,« sagte klein Wölfchen, und sah dabei ganz verlegen um sich, »aber sagt mir doch, ich sehe ja keine Sonne am Himmel, und doch ist es so hell.« »Das ist eben hier so,« sagten sie, und blickten dabei an die Decke des Gewölbes, das aus einem großen himmelblauen Krystalle gehauen war. Nachdem er nun alles betrachtet hatte, fragten sie ihn, ob er bei ihnen bleiben, und ihre Gold- und Silberschaafe hüten wollte. Da wußte er nicht, was er sagen sollte. Wie er aber so verlegen auf sein Käpplein blickte, fiel sein Blick auf das Heideröslein, das ihm Rinka geschenkt hatte. Da sagte er: »ja ich wollte wohl bei euch bleiben, aber seht, ich bin schon einmal Schäfer gewesen, und habe eine gar gute Freundin gehabt, die habe ich verlassen, um in die Welt zu ziehen. Wenn sie es nun erführe, so würde sie böse werden, daß ich zu euch gegangen bin. Ich will also lieber weiter ziehen.« Da wollten ihn die drei Schwestern nicht weiter zwingen, sondern brachten ihm allerlei köstliche Speisen zu essen, und gaben ihm einen süßen Trank zu trinken. Als er aber den getrunken hatte, schlief er ein; da legten sie ihn auf sein Bettchen und zogen das Wägelchen wieder auf die Wiese, sie selbst aber gingen in die Höhle, und diese schloß sich sogleich hinter ihnen zu, daß man nicht sah, wo sie vorher gewesen war.

Klein Wölfchen aber wachte auf, und sah sich verwundert um. »Das war doch ein sonderbarer Traum, den ich gehabt habe; meinte ich doch, ich sey in einem Zauberlande gewesen, und hätte goldene und silberne Schaafe gesehen, jetzt sehe ich nichts, als meinen alten Schaafbock und meinen Staarmatz.« »Du magst wohl in einem Zauberlande gewesen seyn,« sagte Matz, »die eine der Nymphen hat mir fast die Kehle zugedrückt, als ich dich wecken wollte, da sie dich unter die Erde führten.« Darauf erzählte er ihm alles, wie es geschehen war; klein Wölfchen aber sagte: »Wenn ich die Schaafe hüten will, so will ich sie mit Rinka hüten.« Dann spannte er den Schaafbock wieder ein, und fuhr mit ihm weiter.

Klein Wölfchen kam aber mit seinem Gespann an einen Platz, da waren drei Wege, die nach verschiedenen Seiten gingen. Er besann sich einen Augenblick, welchen Weg er fahren sollte, aber der Staar flog voraus und schrie: »Die Mittelstraße ist die beste.« Da fuhr ihm klein Wölfchen nach, und kam bald an ein Haus, in dem wohnte ein klein wunderlich Männchen, dem waren am Knie die beiden Beine in eines zusammengewachsen, so daß er nicht gehen, sondern nur hüpfen konnte. Er hüpfte aber so schnell, daß ihn Niemand einholen konnte, so schnell auch einer laufen mochte, und wenn ein Fremder die Straße zog, so mußte er mit ihm um die Wette laufen. Kam er aber später an's Ziel, als das Männchen, so mußte er ihm ein ganzes Jahr lang dienen, und seinen Schuh flicken; denn durch das beständige Hüpfen zerriß er jeden Tag seinen großen Schuh. Wie also klein Wölfchen herbeikam, so hüpfte das Männchen herzu, und sagte: »Steige aus, Bursche, und laufe mit mir um die Wette.« »Hier bin ich,« rief der Staar. Da meynte das Männchen, klein Wölfchen stünde hinter dem Häuschen, und hüpfte geschwind zu ihm hin, der Staar flog aber vorn hin, und rief wieder: »Hier bin ich,« das Männchen hüpfte ihm nach, aber der Staar war viel geschwinder, so daß das Männchen endlich so müde würde, daß es in einen Graben fiel. Da trieb klein Wölfchen seinen Schaafbock an, und fuhr eilig von dannen.

Er kam aber bald darauf an ein großes Wasser, und über dem Wasser lag eine große Stadt, worin ein mächtiger König herrschte. Klein Wölfchen aber wäre gern drüben gewesen, aber er fürchtete, er möchte nicht so viel Geld haben, um für sich, sein Wägelchen, seinen Schaafbock und seinen Staar die Ueberfahrt zu bezahlen. Darum sagte er: »Hört, ihr Schiffer, wollt ihr mich nicht umsonst hinüberfahren?« »Nein, das können wir nicht,« sagten sie. »Nun so will ich euch etwas sagen,« sprach klein Wölfchen, »ich will euch ein Räthsel aufgeben, könnt ihr mir's lösen, so will ich euch meinen Schaafbock und mein Wägelchen geben; könnt ihrs aber nicht, so fahrt ihr mich umsonst über.« Damit waren die Schiffer zufrieden. »Nun so sage dein Räthsel!« sprachen sie. Klein Wölfchen aber besann sich hin und her, aber es wollte ihm keines einfallen; sie waren schon in der Mitte des Wassers, und er wußte noch keines, und konnte er ihnen keines aufgeben, so mußte er ihnen sein Wägelchen und seinen Schaafbock lassen. Da sah er ein Paar Fischerknaben, die hatten ihre Netze ausgespannt und saßen am Ufer; sie suchten aber auf ihren Kleidern nach Ameisen, die darauf gelaufen waren. Da sagte klein Wölfchen: »Hört ihr Schiffer, es war einmal ein Mann, der ging an dem Ufer eines Flusses, da saßen drei Fischer die hatten ihre Netze ausgespannt; was sie fingen, das warfen sie von sich; was sie aber nicht fingen, das nahmen sie mit sich. Jetzt sagt mir, was haben sie gefangen?« Da besannen sich die Schiffer hin und her; aber keiner wußte es zu errathen. Besonders machte ihnen das viel zu schaffen, daß er sagte: »was sie nicht fingen, das nahmen sie mit sich.« »Höre,« sagten sie, »du willst uns etwas vormachen. Das ist ganz unmöglich, daß sie das mit sich nehmen konnten, was sie nicht gefangen hatten.« »Es ist aber doch so,« sagte klein Wölfchen, und lachte, daß er ihnen mit seinem Räthsel so viel zu schaffen gemacht hatte. »Nun so will ichs euch denn sagen,« sprach er: »Die drei Fischer waren vorher auf einem Ameisenhaufen gesessen, und lasen sich jetzt die Ameisen von ihren Kleidern ab, diejenigen, die sie fingen, warfen sie von sich, die aber, die sie nicht bekommen konnten, mußten sie natürlich mit ihren Kleidern mit nach Hause nehmen.« Da sahen die Schiffer, daß klein Wölfchen ein listiges Bürschchen sey, und ließen ihn friedlich von dannen ziehen.

Klein Wölfchen zog aber gegen die Königsstadt, da kam der König herausgeritten auf einem gelben Pferd, das hatte silberne Hufeisen mit goldenen Nägeln. Wie ihn aber klein Wölfchen sah, so ging er aus seinem Karren heraus, stellte sich an den Weg, und hielt sein Käpplein in der Hand, unter dem Arm aber hatte er seine kleine Geige. Der König aber hatte noch niemals ein solches Instrument weder gesehen noch gehört, darum sagte er: »Was hast du denn da für ein kurioses Instrument unter dem Arm?« »Das ist eine Geige, Herr König,« sagte klein Wölfchen, »damit macht man Musik!« »Nun, so laß einmal hören,« sagte der König. Da stimmte klein Wölfchen seine Geige, und spielte ein gar schönes Stückchen. Der König aber konnte sich nicht genug über seine Kunst verwundern. Bitte etwas von mir, sagte er, ich will dir eine Gnade gewähren. Klein Wölfchen besann sich nicht lange, sondern sagte: »Nun, so gebt mir denn eins der silbernen Hufeisen mit goldenen Nägeln.« Da ließ der König durch seinen Hufschmid, der ihn immer begleitete, dem Pferd ein silbernes Hufeisen mit goldenen Nägeln abziehen, und ihm wieder ein anderes aufnageln. Das Hufeisen aber steckte klein Wölfchen in seinen Brodsack, dankte dem König, und wollte weiter ziehen; der König aber kehrte mit ihm um, und sagte: »Du sollst bei mir bleiben.« Da führte er klein Wölfchen mit sich in seine königliche Burg, ließ den Schaafbock in einen Stall stellen, wo die andern Schaafe aus marmornen Krippen fraßen: klein Wölfchen aber nahm er mit sich in einen großen Saal, und ließ ihm allerlei köstliche Speisen vorsetzen. Er behielt aber klein Wölfchen bei sich, und hatte ihn sehr lieb; denn wenn er von seinen schweren Regierungsgeschäften Abends ganz müde war, so spielte ihm klein Wölfchen ein Stückchen auf der Geige, dann wurde der König wieder ganz munter und guter Dinge.

Eines Tags saß der König auf seinem Throne, und sprach Recht allen, die zu ihm kamen, und eine Klagsache hatten. Es wurden aber dießmal zwei Männer zu ihm geführt, die warfen sich vor seinem Throne nieder, und berührten die Erde mit ihrer Stirne. Der König aber sprach: »Was ist eure Klage?« »Gnädiger König, sprach der eine; dieser Mann ist mir heute ganz allein in dem Walde begegnet, als ich eben ein Schaaf, das sich von meiner Heerde verlaufen hatte, wieder zurücktragen wollte; da befahl er mir, ich sollte ihm das Schaaf überlassen, denn es sey seyn. Es hat ihm aber niemals gehört, sondern es ist bei meiner Heerde geboren und groß gezogen geworden. Ich bitte euch, verhelft mir zu meinem Eigenthume.« Da fragte der König: »Hast du Zeugen, die es beweisen können, daß er dir das Schaaf mit Gewalt genommen hat?« »Nein« sagte der Mann. Da wußte der König nicht, wie er gerecht urtheilen sollte, denn der andere behauptete auch, das Schaaf sey sein, und der, der ihn angeklagt, hätte es ihm geraubt; Niemand aber war dabei zugegen gewesen; da sagte der König: »kommt morgen zu dieser Stunde wieder.« Aber als sie den andern Tag wieder kamen, wußte der König noch nicht, wie er gerecht urtheilen sollte, und sagte: »kommt morgen zu dieser Stunde wieder.« Er war aber sehr in Gedanken über diese Sache, und als ihm am Abend klein Wölfchen, wie gewöhnlich auf der Geige spielte, gab er gar nicht acht, sondern hing seinen tiefen Gedanken nach. Da fragte ihn klein Wölfchen, und sprach: »Herr König was fehlt euch? Ihr seyd heute so stumm und tiefsinnig.« Da erzählte ihm der König, wie die beiden Männer zu ihm gekommen seyen und wie er nicht wüßte, wie er gerecht urtheilen sollte. »Gefällt es euch, Herr König, so laßt mich morgen in die Gerichtssitzung kommen, so will ich die Sache entscheiden.« Als aber am andern Morgen die beiden Männer wieder vor den König kamen, sagte klein Wölfchen: »laßt doch auch das Schaaf herbeibringen, um das ihr euch streitet.« Da brachte man das Schaaf herbei, und klein Wölfchen bedeckte es mit einem weißen Tuche über und über, so daß man nichts mehr davon sehen konnte. Dann fragte es beide Männer, und sagte: »Das Schaaf hat an einem Ohre einen braunen Fleck; wer sagt mir, am rechten oder linken?« Da sagte der, welcher es dem andern genommen hatte, »am linken,« der andere aber sagte, »es hat weder am rechten noch am linken Ohre einen Flecken, sondern es ist eines wie das andere.« Da zog klein Wölfchen die Decke von dem Schäfchen weg, und Jedermann betrachtete es; es hatte aber keinen braunen Fleck, sondern beide waren weiß, eins wie das andere. Da sah man, daß der Angeklagte der Dieb sey; dem andern aber wurde sein Schäfchen wieder gegeben, und der Dieb mußte ihm noch dazu fünf andere schenken.

Der König bewunderte den Verstand des kleinen Wölfchens und gewann ihn täglich lieber; ja er wollte ihn zu seinem ersten Minister machen. Klein Wölfchen aber hatte wieder einmal nach seinem Heideröslein gesehen; da sah er, daß seine Blätter anfingen ganz blaß und welk zu werden. Daran aber erkannte er, daß Rinka krank sey. Da ließ sich nicht mehr halten, sondern bat den König um seinen Abschied. Der König gab ihm aber denselben mit großem Bedauern, denn er vermißte ungern seine angenehme Gesellschaft. Klein Wölfchen aber ging des Morgens aus dem Schlosse, und wollte seinen Schaafbock wieder an sein Wägelchen spannen, aber statt des Schaafbocks stand ein prächtiges Pferd im Hofe, das hatte silberne Hufeisen mit goldenen Nägeln. »Das soll dein sein,« sagte der König. Da nahm klein Wölfchen noch ein silbernes Körbchen mit goldenen Henkeln, das er sich aus dem silbernen Hufeisen hatte machen lassen, das ihm der König vor dem Thore geschenkt hatte. Darauf nahm er Abschied, und ritt voller Sehnsucht der Heimath zu.

Unterdessen aber hatten die Schiffer sich sehr darüber geärgert, daß klein Wölfchen ihnen ein Räthsel aufgegeben hatte, das sie nicht lösen konnten. Sie hatten sich aber Tag und Nacht und Jahrelang auf ein anderes besonnen, das sie ihm aufgeben wollten. Als er nun daher geritten kam und übergefahren seyn wollte, so sagten sie: ja, wir wollen dich wohl überfahren, aber wir wollen dir ein Räthsel geben. Kannst du es uns auflösen, so sollst du umsonst übergefahren werden, kannst du es aber nicht, so gibst du uns dein silbernes Körbchen zum Lohne. Nun so laßt hören, sagte klein Wölfchen. Da sagte der eine Fischer: Es war einmal ein Schiffer, der sollte einen Korb mit Kohl, eine Ziege und einen Wolf über den Fluß führen, sein Kahn war aber so klein, daß er jedesmal nur eines überführen konnte. Da besann sich der gute Mann lange, wie er es machen sollte. Führte er den Kohlkorb zuerst hinüber, so fraß unterdeß der Wolf die Ziege, führte er aber den Wolf zuerst hinüber, so fraß die Ziege den Kohl, und führte er die Ziege zuerst hinüber, so mußte er nach ihr entweder den Kohl überführen, den fraß aber die Ziege, oder den Wolf, der fraß aber die Ziege, bis er mit dem Kohl ankam. Endlich aber fiel es dem Manne ein, und er brachte alle drei glücklich hinüber, ohne daß eins aufgefressen wurde; und sage mir, wie hat er es angefangen?« »O, das ist nicht schwer,« sagte klein Wölfchen, »das hat mir meine Großmutter oft erzählt. Der Mann hat zuerst die Ziege übergefahren, da konnte der Wolf den Kohl nicht fressen, dann führte er den Kohl hinüber, nahm aber die Ziege wieder mit zurück und setzte sie wieder ans Ufer, dann nahm er geschwind den Wolf und führte ihn hinüber zum Kohlkorb, und endlich brachte er auch die Ziege hinüber, und das Räthsel war gelößt.

Da sahen die Schiffer, daß sie ihn in Räthseln nicht überwinden konnten, und fuhren ihn auf die andere Seite des Flusses. Dort aber gab er seinem Pferde die Spornen, und ritt davon. Er nahm aber dießmal einen andern Weg, damit er nicht noch einmal dem wunderlichen Männchen mit dem einen Beine begegnen möchte. Den Staar aber schickte er voraus, damit er Rinka von seiner baldigen Ankunft benachrichtigen möchte; als sie aber hörte, daß er wieder käme, ward sie sogleich gesund.

Klein Wölfchen aber kam am dritten Tag nach dem Staare an, und wurde von Rinka und ihrem Vater gar freundlich empfangen. Rinka aber war seit dieser Zeit zu einer schönen großen Jungfrau herangewachsen, und auch klein Wölfchen war ein schöner, großer Mann geworden. Da legte der Vater die Hände in einander und sprach: »Lebt glücklich mit einander.« da lebten sie beisammen noch viele Jahre; sie hatten aber die silbernen Hufeisen mit den goldenen Nägeln verkauft, und ein großes, schönes Gut dafür erhalten. Das silberne Körbchen aber hingen sie zum Andenken im Kleiderschranke auf, und als Matz, der kluge Staar, vor Alter starb, stopften sie ihn aus, und setzten ihn auf den Spiegel. Rinka freute sich allemal, wenn sie ihren Kindern von dem klugen Staarmatz erzählen konnte.

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